» Und du selber stehst auch drin , teurer Oheim « , riefen sie , » der Bischof mit seiner Nichte ritt auf Passau an ' - zweimal stehst du drin und dreimal ! « Und Pilgerim , der Bischof , strich seinen weißen Bart und sprach : » Ihr dürft euch freuen , liebe Neffen , daß euch der Konrad die Mär gebrieft , und wenn der Donaustrom drei Tage und drei Nächte mit Gold fließen wollte , ihr möchtet nichts Kostbareres drin fischen , denn diesen Sang ; das ist die größeste Geschichte , die auf der Welt je geschah . « Der Schreibersmann aber stund mit verklärtem Antlitz unter dem Rebgerank und Geißblattgewinde des Gartens und schaute in die welken roten Blätter , die der Herbst von den Zweigen geschüttelt , und schaute hinab in die flutende Donau , und im rechten Ohr hub sich ihm ein helles Klingen , denn zu derselbigen Zeit hatte Ekkehard auf lustiger Alpenhöhe eine hölzerne Schale mit Wein gefüllt und zum alten Senn gesprochen : » Ich hab ' einst einen guten Gesellen gehabt , einen bessern findet man in keines Herren Land , der hieß Konrad ; und mit Frauenlieb ' und Weltruhm ist ' s nichts , aber der alten Freundschaft bleib ' ich zu Dank verpflicht ' t bis in den Tod , Ihr sollt mit mir sein Wohl trinken , das ist einer , der würde dem Säntis Freud ' machen , wenn er hier wäre ! « Und der Senn hatte die Schale geleert und gesagt : » Bergbruder , ich glaub ' s Euch . Er soll leben ! « Darum erklang dem Mann in Passau sein Ohr ; er aber wußte nicht warum . Und sein Ohr klang noch , da kam der Bischof Pilgerim einhergewandelt , und hinter ihm brachte der Stallmeister ein weiß Rößlein , das war altersschwach und schäbig , und wenn man ihm näher ins Gesicht schaute , war ' s auch am linken Aug ' blind , und der Bischof nickte mit seiner spitzen Inful und sprach gnädiglich : » Meister Konrad , was Ihr meinen Neffen zuliebe geschrieben , sollt Ihr nicht umsonst geschrieben haben , mein erprobtes Streitroß sei Euer ! « Da zuckte der Meister Konrad wehmütig lächelnd die seinen Lippen und dachte : » Es geschieht mir schon recht , warum bin ich ein Dichter worden ! « laut aber sprach er : » Gott lohn ' s Euch , Herr Bischof , Ihr werdet mir wohl ein paar Tage Urlaub schenken zum Ausruhen von der Arbeit . « Und er streichelte das alte weiße Rößlein und schwang sich darauf , ohne eine Antwort abzuwarten , und saß stolz und anmutsvoll im Sattel und brachte sein demütig Tier noch zu einem leidlichen Trab und ritt von dannen . » Ich will meinen besten Stoßfalken gegen ein Paar Turteltauben verloren geben « , sprach der ältere der Knaben , » wenn er nicht wiederum nach Bechelaren reitet zur Markgrafsburg . Er hat immer gesagt : So gut ich meinen gnädigen Herrn , den Bischof , ins Lied hereinsetze , kann ich auch der Frau Markgräfin Gotelinde und ihrer schönen Tochter drin ein Denkmal aufrichten , die danken mir ' s doch am feinsten ! « Derweil war der Meister Konrad schon dem Tore der Bischofspfalz entritten ; er schaute sehnsüchtig donauabwärts und hub an mit heller Stimme zu singen : » Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann : O Markgraf , reicher Markgraf , Gott hat an Euch getan Nach allen seinen Gnaden , hat er Euch doch gegeben Ein Weib , ein so recht schönes , dazu ein wonniglich Leben . Und wär ' ich nun ein König , fing er wieder an , Und sollte Kronen tragen , zum Weibe nähm ' ich dann Eure schöne Tochter , die wünschte sich mein Mut , Sie ist so süß zu schauen , so minniglich ... « aber bei diesen Worten wirbelte ihm eine Staubwolke entgegen , daß seine Augen unfreiwillig in Tränen standen und sein Gesang verstummte . Die Strophen waren aus dem Werke , wofür ihn der Bischof soeben gelohnt ; das war ein Heldenbuch in deutscher Sprache und hieß : Der Nibelungen Lied281 ! ... - Mählich ging ' s in den Herbst hinein . Und wenn der auch abendlich ein glühender Rot an die Himmelswölbung malt als andere Jahreszeit , so kommen doch kühle Lüfte in seinem Gefolg ' , daß , wer festgesiedelt auf den Alpen , sich anschickt , zu Tal zu fahren , und kein Wolfspelz vor fröstelndem Klappern der Zähne schützt . Frischer Schnee glänzte auf allen Kuppen und gedachte für dieses Jahr nimmer zu zergehen . Ekkehard hielt den Sennen die letzte Bergpredigt . Hernach streifte Benedicta an ihm vorbei . » Jetzt ist ' s aus mit unserer Herrlichkeit da oben « , sprach sie , » morgen zieht Mensch und Tier ins Winterfutter . Wo geht Ihr hin , Bergbruder ? « Die Frage fiel ihm schwer aufs Herz . » Ich bliebe am liebsten hier « , sprach er . Benedicta lachte hell auf . » Man merkt « , sagte sie , » daß Ihr noch keinen Winter oben versessen habt , sonst würd ' es Euch nach keinem zweiten gelüsten . Ich möcht ' Euch wohl sehen , eingeschneit im Bruderhäuslein , und die Kälte schleicht durch alle Ritzen , daß Ihr zittert wie ein Espenlaub , die Lawinen krachen ringsumher und die Eiszapfen wachsen Euch in Mund herein ... Und wenn Ihr einmal zu Tal wollet und etwas zu essen holen , da liegt der Schnee haushoch auf dem Pfad , ein Schritt - und Ihr sinkt bis ans Knie ein , ein zweiter - traladibidibidib ! so ragt nur noch die Kapuze hervor und man sieht von der schwarzen Kutte nicht mehr als von einer Fliege , die in die Milchsuppe gefallen ist ... And dieses Jahr hat ' s gar so viel Spiegelmeisen gehabt , das gibt einen strengen Winter ! Hu , wie freu ' ich mich auf die langen Abende , da sitzen wir beim Kienspanlicht um den warmen Ofen und spinnen Flachs , das Rädlein knurrt , das Feuer brummt , und wir erzählen die schönsten Geschichten , und wer ein braver Bub ist , darf zuhören . Es ist schad ' , daß Ihr kein Senn geworden seid , Bergbruder , ich würde Euch auch mitnehmen zur Stubeten A1 . « » Es ist schade « , sprach Ekkehard . Folgenden Tages ging ' s in festlichem Zuge talab . Der alte Senn hatte sein feinstes Linnen angetan und sah vergnügt drein wie ein Patriarch ; die rundliche Lederkappe auf dem Haupt , den schönsten Melknapf über der linken Schulter schritt er voraus und sang den Kuhreihen jugendhell und tapfer , ihm folgten Benedictas Ziegen , die Plänkler der großen Heerschar , die Hirtin mit ihnen , die letzten Alpenrosen mit schon vergilbten Blättern ins dunkle Gelock geflochten . Fetzt kam die schwarzgefleckte große Susanna , die Königin der Herde , als Zeichen des Vorrangs die schwere Glocke um den Hals ; ehrbar und stolz war ihr Gang , und wenn eine der Nachfolgenden ihr vorauszuschreiten wagte , so warf sie ihr einen verächtlichen hornstoßdrohenden Blick zu , daß die Anmaßende erschrocken zurückwich . Schwerfällig schritten die anderen bergab : » Ade , du schmackhaft Alpengras , du fröhlich Wiederkäuen ! « dachte manch ein fettgeworden Kühlein und knickte sich im Vorbeistreifen noch die letzten Blumen am Pfade . Der Stier trug den einfüßigen Melkstuhl zwischen den Hörnern , auf des Gewaltigen Rücken saß der Handbub verkehrt und hielt die ausgestreckten Finger beider Hände an seine nicht allzufein geformte Nase und rief zu den Berggipfeln hinauf : » Der Sommer ist gegangen und hat den Herbst gebracht , jetzt wünschen wir einand eine gute , gute Nacht ; ihr stille schneeige Herren , lebt wohl itzt allerseit , ich wünsch ' euch wohl zu schlafen die ganze Winterszeit ! « Ein Schlitten mit der Sennhütte Geschirr und Ausrüstung schloß den Zug . Und Sennen und Herde und Ziegen verschwanden im Tannenwald , verhallend tönte Hirtensang und Schellengeläut aus der Ferne , dann ward ' s still und einsam wie in jener Abendstunde , da Ekkehard zuerst vor dem Kreuz des Wildkirchleins gekniet war . Er trat in seine Klause . Es war ihm in seinem stillen Bergleben klar geworden , daß die Einsamkeit nur eine Schule fürs Leben ist , nicht das Leben selbst , und daß wertlos verderben muß , wer in der grimmen Welt immerdar nur müßig in sich hineinschauen will . » Es hilft nicht « , sprach er , » auch ich muß wieder zu Tale . Der Schnee weht zu kalt , und ich bin zu jung , kann kein Einsiedel bleiben . « » Fahr ' wohl , du hoher Säntis , der treu um mich gewacht , Fahr ' wohl , du grüne Alpe , die mich gesund gemacht ! Hab ' Dank für deine Spenden , du heil ' ge Einsamkeit , Vorbei der alte Kummer - vorbei das alte Leid . Geläutert ward das Herze , und Blumen wuchsen drin : Zu neuem Kampf gelustig steht nach der Welt mein Sinn . Der Jüngling lag in Träumen , dann kam die dunkle Nacht ; In scharfer Luft der Berge ist jetzt der Mann erwacht ! « Er griff seine Reisetasche und legte seine wenige Habe drein . Sein Teuerstes , das Waltharilied , sorgsam umhüllt , tat er oben drauf ; ein Lächeln umspielte sein Antlitz , wie er noch etliche Gerätschaften umherstehen sah . Auf dem Felsrand stund die halbausgeschriebene Flasche mit Schreibsaft , die griff er und warf sie hinaus in die Tiefe , daß sie in glitzernde Splitter zerschmettert ward . Die dreieckige Harfe lehnte wehmütig an der Rasenbank vor der Höhle : » Du sollst zurückbleiben und dem , der nach mir kommt , seine stillen Stunden versüßen « , sprach er . » Aber kling ' ihm nicht matt und nicht süß , sonst mög ' es aus den Tropfsteinen in deine Saiten träufeln , daß sie einrosten , und der Sturm von den Gletschern drüber fahren , daß sie bersten ! « » Ich hab ' ausgesungen . « Er hängte die Harfe an einen Nagel . In währender Klausnerzeit hatte er sich einen starken Bogen geschnitzt , Köcher und Pfeile waren noch aus Gottschalks Nachlaß droben , die nahm er jetzt als gut Gewaffen zur Hand , - gerüstet , im Wolfsmantel stund er vor der Klause und tat noch einen langen , langen Blick nach der Stätte glücklicher Sommerfrische und hinüber zu den vielteuern Gipfeln und hinunter , wo aus dem Tannendunkel der Seealpsee meergrün aufglänzte . Es war so schön wie immer . Der Mauerspecht , der die gleiche Bergritze zu seiner Behausung erkoren , flog ihm traulich auf die Schulter und pickte ihm mit hämmerndem Schnabel die Wangen , dann schwang er sein schwarzrot Gefieder hinauf in die blauen Lüfte , als woll ' er dem hohen Säntis des Einsiedels Abzug vermelden . Aber Ekkehard stieß seinen Speer auf und wandelte den gewohnten schwindelnden Pfad hinunter . An der Felswand zum Ascher hielt er noch einmal und winkte hinauf zu seiner Siedelei und tat einen Jodelruf , daß es am Kamor erklang und am hohen Kasten und rollender Widerhall an der Maarwiese vorbei zog bis in die fernsten Winkel des Gebirges . Der kann ' s ! sprach ein heimkehrender Hirt unten im Tal zu seinem Gefährten . » Schier wie ein Geißbub ! « sagte der andere , als Ekkehard jenseits der Felswand verschwand . - - Der aufgehende Tag hatte schon etlichemal seine Strahlen auf das Wildkirchlein geworfen , das traurig einem verlassenen Nest gleich ins Tal hinunterschaute . Der Bergbruder kam nimmer zurück . Am Bodensee rüstete man zur Weinlese . An einem milden Abend saß Frau Hadwig im Gärtlein ihrer Burg , die treue Praxedis zur Seite . Die Griechin hatte unerquickliche Zeiten . Ihre Gebieterin war verstimmt , mißzufrieden , unzugänglich . Auch heute wollte ein Gespräch nicht gelingen . Es war ein schlimmer Gedächtnistag . » Heute ist ' s ein Jahr « , hub Praxedis scheinbar gleichgültig an , » daß wir über den Bodensee fuhren und beim heiligen Gallus ansprachen . « Die Herzogin schwieg . - » Es ist viel geschehen seitdem « , wollte Praxedis beifügen - das Wort verhauchte auf den Lippen . » Wißt Ihr auch , gnädige Herrin , was die Leute von Ekkehard sagen ? « fuhr sie nach geraumer Weile fort . Frau Hadwig schaute auf . Es zuckte um ihre Lippen . » Was sagen die Leute ? « sprach sie gleichgültig . » Herr Spazzo hat neulich den Abt von Reichenau getroffen « , erzählte Praxedis , » der sagte : Wisset Ihr auch etwas Neues ? Den Alpen ist Heil widerfahren , das Joch des Säntis ertönt von Lyraklang und Dichtergezwitscher , ein neuer Homer hat sich droben eingenistet , und wenn er wüßte , in welchen Höhlen die Musen hausen , so könnt ' er ihren Reigen anführen wie ein cynthischer Apollo282 . Und wie Herr Spazzo kopfschüttelnd erwiderte : Was geht das mich an ? da sprach der Abt : Es ist Euer Ekkehard , aus der Klosterschule von Sankt Gallen hat ' s die Fama zu uns getragen . Herr Spazzo hat lachend dazu gesagt : Wie kann der singen , der nicht einmal erzählen kann ? « Die Herzogin war aufgestanden . » Schweig ! « sprach sie , » ich will nichts davon wissen . « Praxedis kannte das Zeichen ihrer Hand und ging betrübt von dannen . Frau Hadwigs Herz aber dachte anders , als ihre Zunge sprach . Sie trat an des Gärtleins Mauerwehr und schaute hinüber nach den helvetischen Bergen . Dämmerung war eingebrochen , schwerfällige lange stahlgraue Wolkenstreifen standen unbeweglich über dem Abendrot , wie darauf genagelt , das zitterte und flammte wehmütig drunter vor . Im Rinnen und Zerrinnen des letzten Tagesstrahls ward auch ihr Denken weich . Ihr Auge blieb drüben auf dem Säntis haften , - es war ihr , als hätte sie eine Erscheinung , als täte sich der Himmel auf und seine Engel kämen durch die Lüfte gefahren und senkten sich hernieder zu jenen Höhen und brächten einen Mann getragen im wohlbekannten Mönchsgewand - und der Mann war blaß und tot und ein Lichtglanz , schön und lauter , umschwebte das luftige Geleit ... Aber Ekkehard war nicht gestorben . Ein zischender leiser Ton schreckte die Herzogin auf , ihr Auge streifte an dem Felsabhang vorüber , über den einst der Gefangene entronnen , eine dunkle Gestalt entschwand im Schatten , ein Pfeil kam über Frau Hadwigs Haupt geflogen und sank langsam zu ihren Füßen nieder . Sie hob das wundersame Geschoß auf . Nicht Feindeshand hatte es dem Bogen entschnellt , seine Blätter Pergamentes waren um den Schaft gewunden , die Spitze umhüllt mit einem Kränzlein von Wiesenblumen . Sie löste die Blätter und kannte die Schrift . Es war das Waltharilied . Auf dem ersten Blatt stund mit blaßroten Buchstaben geschrieben : » Der Herzogin von Schwaben ein Abschiedsgruß ! « und dabei stund der Spruch des Apostel Jakobus : » Selig der Mann , der die Prüfung bestanden ! « Da neigte die stolze Frau ihr Haupt und weinte bitterlich . - Hier endet unsere Geschichte . Ekkehard zog in die weite Welt , er hat den hohen Twiel nimmer gesehen , auch sein Kloster Sankt Gallen nicht . Er hatte sich zwar überlegt , ob er nicht bußfertig wieder eintreten wolle , wie er von den Alpen niedersteigend den bekannten Mauern nahe gekommen war . Aber es fiel ihm ein Sprichwort seines alten Alpmeisters ein : » Wenn einer lang ' Senn war , wird er nimmer gern Handbub « , und er ging vorbei . Man hat später am Hofe der sächsischen Kaiser viel von einem Ekkehard gehört , der ein stolzer , trotziger , in sich gekehrter Mann gewesen , bei frommem Gemüt von tiefer Verachtung der Welt beseelt , aber lebensfrisch und gewandt , in jeglicher Kunst erfahren . Er war des Kaisers Kanzler , erzog dessen jugendlichen Sohn , sein Rat galt viel in des Reichs Geschäften . » In kurzem « , schreibt ein Geschichtschreiber von ihm , » erschien er ihnen als ein so Hervorragender , daß es durch aller Mund ging , sein warte noch die höchste Würde der Kirche . « Die Kaiserin Adelheid wandte ihm ihre volle Hochachtung zu283 . Er war auch einer der Hauptursächer , daß der übermütige Dänenkönig Knut mit Heeresmacht überzogen ward . Es ist unbekannt , ob dies derselbe Ekkehard war , von dem unsere Geschichte erzählte . Andere haben auch behauptet , es seien mehrere des Namens Ekkehard im Kloster Sankt Gallen gewesen , und der den » Walthari « dichtete , sei nicht der nämliche , der die Herzogin Hadwig des Lateins unterwies . Aber wer der Geschichte , die wir jetzt glücklich zu Ende geführt , aufmerksam folgte , weiß das besser . - Von den weiteren Schicksalen der übrigen , die unsere Erzählung in buntem Wechsel der Gestalten vor des Lesers Auge gestellt hat , ist wenig zu berichten . Die Herzogin Hadwig vermählte sich nicht wieder und erreichte in frommem Witwenstand ein hohes Alter . Sie stiftete später ein bescheidenes Kloster auf dem hohen Twiel und vergabte ihm ihre Güter in alemannischen Landen . Über Ekkehard durfte in ihrer Gegenwart nie mehr gesprochen werden ; aber das Waltharilied ward fleißig von ihr gelesen und war ihre stete Trösteinsamkeit ; nach einer unverbürgten Aussage der Mönche von Reichenau soll sie es sogar fast ganz auswendig gewußt haben . Praxedis diente ihrer Herrin noch etliche Jahre getreu , aber mählich und mählich stieg eine unbezwingliche Sehnsucht nach ihrer sonnigen , farbenprächtigen Heimat in ihr auf , und sie behauptete , die schwäbische Luft nimmer ertragen zu können . Reich beschenkt ward sie von der Herzogin verabschiedet ; Herr Spazzo , der Kämmerer , gab ihr ein ritterlich ehrsam Geleite bis gen Venetia . Eine griechische Galeere trug die immer noch anmutige Jungfrau von der Stadt des heiligen Markus gen Byzanzium . Die Erzählungen , die sie dort machte vom Bodensee und den wilden treuen Barbarenseelen284 an seinen Ufern , wurden von sämtlichen Kammerfrauen am griechischen Kaiserhof mit bedenklichem Kopfschütteln aufgenommen , als spräche sie von einem verzauberten Meer und einem Lande der Fabel . Moengal , der Alte , sorgte noch eine geraume Zeit für das Seelenheil seiner Pfarrkinder . Als die Hunnen wieder mit räuberischem Einfall drohten , beschäftigte er sich lange mit einem Plan zu ihrem Empfang . Er schlug vor , auf dem Blachfeld etliche hundert tiefe Fallgruben zu graben , sie mit Baumzweigen und Farrenkraut zu überdecken , und hinter ihnen in Schlachtordnung den ansprengenden Feind zu erwarten , auf daß Roß und Reiter in jähem Sturz zuschanden würden . Die schlimmen Gäste ließen sich aber nicht wieder im Hegau blicken und ersparten dem Leutpriester das Vergnügen , ihnen mit wuchtigen Keulenschlägen die Schädel zu zertrümmern . Ein sanfter Tod ereilte den alten Weidmann , als er gerade von einer wohlgelungenen Falkenjagd auszuruhen gedachte . Auf seinem Grab im Schatten der grauen Pfarrkirche wuchs eine Stechpalme , die ward so knorrig und groß , wie man früher keine gesehen , daß die Leute sagten , es müsse ein Ableger von ihres Pfarrherrn braver Keule Cambutta sein . Audifax , der Ziegenhirt , lernte die Goldschmiedkunst und zog hinüber nach Konstanz an des Bischofs Sitz und schuf viel schöne Arbeiten . Er führte die Gefährtin seines Abenteuers als angetrautes Eh ' gemahl heim , die Herzogin war der Taufpate ihres ersten Söhnleins . Burkard , der Klosterschüler , ward ein gefeierter Abt des sanktgallischen Gotteshauses285 und verfertigte bei feierlichen Anlässen noch manches Dutzend gelehrter lateinischer Verse , mit denen jedoch , dank der zerstörenden Unbill der Zeit , die Nachwelt verschont geblieben ist . ... Und alle sind längst Staub und Asche , die Jahrhunderte sind in raschem Flug über die Stätten weggebraust , wo ihre Geschicke sich abspannen , und neue Geschichten haben die alten in Vergessenheit gebracht . Der hohe Twiel hat noch vieles erleben müssen in Kriegs- und Friedensläuften ; zu manch einem tapferen Reiterstücklein ward aus seinen Toren geritten und manch ein gefangener Mann trauerte in seinen Gewölben , bis auch der stolzen Feste ihr Stündlein schlug und an einem schönen Maientag der Berg in seinem Innersten zusammenschütterte und von Feindeshand gesprengt Turm und Mauer in die Lüfte flog . Jetzo ist ' s still auf jenem Gipfel , die Ziegen weiden friedlich unter den riesigen Trümmerstücken , - aber über dem glänzenden Bodensee grüßt der Säntis aus blauer Ferne so anmutig und groß herüber wie vor viel hundert Jahren , und es ist immer noch ein vergnüglich Geschäft , ins schwellende Gras gelagert eine Umschau zu halten über das weite Land . Und der dies Büchlein niedergeschrieben , ist selber manch einen guten Frühlingsabend droben gesessen , ein einsamer fremder Gast , und die Krähen und Dohlen flatterten höhnisch um ihn herum , als wollten sie ihn verspotten , daß er so allein sei , und haben nicht gemerkt , daß eine bunte und ehrenwerte Gesellschaft um ihn versammelt war , denn in den Trümmern des Gemäuers standen die Gestalten , die der Leser im Verlauf unserer Geschichte kennengelernt , und erzählten ihm alles , wie es sich zugetragen , haarscharf und genau , und winkten ihm freundlich , daß er ' s aufzeichne und ihnen zu neuem Dasein verhelfe im Gedächtnis einer spätlebenden eisenbahndurchsausten Gegenwart . Und wenn es ihm gelungen ist , auch dir , vielteurer Leser , der du geduldig ausgehalten bis hieher , ein anschaulich Bild zu entwerfen von jener fernen abgeklungenen Zeit , so ist er für seine Mühe und einiges Kopfweh reichlich entschädigt . Gehab ' dich wohl und bleib ' ihm fürder gewogen ! Fußnoten A1 Die Appenzeller Bezeichnung für die erwähnten Zusammenkünfte . AnmerkungenA1 . 1 ... Purcardus autem , dux Suevorum , Sueviam quasi tyrannice regens . Ekkehardi IV. casus S. Galli cap . 3 bei Pertz Monumenta Germaniae historica II. 104. hic cum esset bellator intolerabilis . Witukind lib . I , c. 27. 2 ... cum jam esset decrepitus . Ekkeh . casus S. Galli cap . 10. 3 Hadawiga , Henrici ducis filia , Suevorum post Purchardum virum dux vidua , cum Duellio habitaret , femina admodum quidem pulchra , nimiae severitatis cum esset suis , longe lateque terris errat terribilis . Ekkeh . casus S. Galli cap . 10 bei Pertz II , 122 . 4 camisia clizana , pallium canum vel sapphirinum . Das Kostüm der Vornehmen war mannigfacher Veränderung durch die Mode unterworfen . Zu Karl des Großen Zeiten trug man an den Füßen Schuhe , um die Beine hohe , kamaschenartig zugeschnürte Binden , ein hemdartig linnenes Unterkleid und ein wollenes Oberkleid oder einen langen , von den Schultern bis zu den Absätzen reichenden Mantel , der durch Ausschnitt an den Seiten den Armen freie Bewegung ließ . Der lange Mantel wurde aber bald gegen einen kürzeren vertauscht , der sich indes auch nicht als zweckmäßig bewährte . Vergl . des monachus San Gallensis gesta Karoli M. lib . I , c. 34 bei Pertz Mon . II , 747 . Den Miniaturbildern sanktgallischer Handschriften , z.B. des psalterium aureum , ist mannigfacher Aufschluß über gleichzeitige Trachten zu entnehmen . 5 Wehrgeld - nach mittelalterlichem Strafrecht , wonach fast alle Vergehen und Verbrechen mit Geld zu sühnen waren , ist ein dem Verletzten zu persönlicher Genugtuung , Buße ( Wette , fredum ) , ein zur Sühne des gestörten Friedens dem Volk , später dem Landesherrn zu entrichtendes Strafgeld . Die alten Volksrechte verzeichnen auch bei allen Gattungen von Tieren sorgfältig deren Wehrgeld , das im Fall von Tötung oder Beschädigung der Eigentümer zu erheben hatte . Wenn übrigens der Schaden mehr durch Zufall zugefügt wurde , lag kein Friedbruch vor , und es würde Herrn Spazzo sehr schwer gefallen sein , die Verurteilung des für seinen Wolfshund verantwortlichen Herrn von Fridingen zu einer Buße durchzusetzen . 6 Brautwerbungen zwischen dem byzantinischen Hofe und den deutschen Großen kamen in dieser Zeit wiederholt und wechselseitig vor . Oft wurden deutsche Bischöfe in solcher Mission nach Konstantinopel gesendet , z.B. Bernward von Würzburg für Kaiser Otto III. , Werner von Straßburg für den Sohn Kaiser Konrads II. In einer Notiz des sanktgallischen liber benedictionum wird es sehr getadelt , daß die vornehme Männerwelt sich mit Hintansetzung der deutschen Töchter Frauen aus Italien und Griechenland holte . Die Vorliebe der deutschen Herren für byzantinische Damen begreift sich aber nach den Schilderungen derer , die Augenzeugen des neuen Tones und der liebenswürdigen Geselligkeit waren , welche durch Otto II. griechische Gemahlin Theophano an dem deutschen Kaiserhof eingeführt wurden . Sogar der ernsthafte Scholastiker Gerbert , nachmals Papst Sylvester II. , sah sich veranlaßt , dem Zauber byzantinischer Frauensitte seine Anerkennung auszusprechen . » Da mir diese gemütlichen Gesichter « , sagt er , » diese sokratischen Unterhaltungen entgegenkamen , vergaß ich allen Kummer und mich schmerzte nicht mehr der Gedanke meiner Auswanderung . « 7 Einheimische Vögel , künstlich abgerichtet , nahmen in den Salons jener Tage die Stelle ein , die heute den Papageien zukommt . Im Fragment VIII des lateinischen Gedichts Ruodlieb wird sehr idyllisch erzählt von solch wundersam zahmen Staren , die es verstehen , ihr Futter selbst zu verlangen , und gelehrt sind : » Nostratim fari Pater et noster recitare Usque qui es in coelis lis , lis , lis triplicatis . « S. Grimm und Schmeller , Latein . Gedichte des X. u. XI. Jahrhunderts , p. 174 u. 212 . 8 Haec quondam parvula , Constantino Graeco regi cum esset desponsata , per eunuchos eius ad hoc missos literis graecis adprime est erudita , sed cum imaginem virginis pictor eunuchus domino mittendam uti simillime depingeret , sollicite eam inspiceret , ipsa nuptias exosa os divaricabat et oculos , sicque Graeco pervicaciter repudiato , literis post latinis studentem Purchart illam dux multipliciter dotatam duxit usw. Ekkeh . casus S. Galli c. 10 bei Pertz Monum . II , 123 . 9 ... seu serpentes capitatae , oscula quae sibi dant . Ruodlieb , fragm . III , 335 . - 10 Rorschach wird oftmals erwähnt als Durchgangspunkt für die nach Italien Reisenden . Das Gotteshaus Sankt Gallen übte » von des Reichs wegen « die Vogtei darüber . S. Öffnung zu Rorschach v. 1469 bei Grimm , Weistümer I , 233 . Diplome sächsischer Kaiser bestätigen den Äbten von Sankt Gallen das Markt- , Münz- und Zollrecht daselbst . S. Ildefons v. Arx , Geschichte des Kantons Sankt Gallen I , 221 . 11 ... et clamativo illum cantu salutant : Heil herro ! Heil liebo ! et caetera . Ekkeh . casus S. Galli bei Pertz Mon . II , 87. 12 silvarum avidus . Vita S. Galli . 13 de natione Scotorum , quibus consuetudo peregrinandi jam paene in naturam conversa . Walafrid Strabo in der vita S. Galli lib . II. cap . 47 bei Pertz Monum . II , 30. 14 » Ascopam i.e. flasconem similis utri de coriis facta , sicut solent Scottones habere . « Glosse einer sanktgall . Handschrift des neunten Jahrhunderts bei Hattemer , Denkmale des Mittelalters . Sankt Gallens altdeutsche Sprachschätze . Bd . I , 237 . 15 Und jetzt allerdings , rückblickend auf das wenige Gute , was die Nachwelt der Sorge wohlmeinender Vorfahren zu verdanken hat , mag man einstimmen in das Lob , das Herder s.Z. in seinem leider etwas hölzernen Poem » Die Fremdlinge « jenen frommen Wandersmännern erteilt : » Die scotice mit altem Bardenfleiß Die Bücher schrieben und bewahreten . « 16 Regula S. Benedicti cap . 48. - Accepit solitus fratres postt prandia somnus . Annales . S. Gallenses majores bei Pertz Monum . I , 81. 17 ... in conclavi vase quodam argenteo mire figurato ad aquam inferendam utebatur . Ekkeh . IV. casus S. Galli cap . 1 bei Pertz Mon II , 88. 18 Recalvaster est , qui in anteriori parte capitis duo calvitia habet medietate inter illa habente pilos , ut est Craloh abbas et Wikram . Glosse einer sanktgallischen Handschrift zum Buch Leviticus bei Hattemer , Denkmale etc. I , 240 . 19 ... more hirundinis . 20 erat senatus reipublicae nostrae tunc quidem sanctissimus . Ekkeh . IV. casus S. Galli , c. 1 bei Pertz Mon . II , 80. 21 enimvero hi tres , quamvis votis essent unicordes , natura tamen , ut fit , erant dissimiles . S. die rührende Schilderung der drei engverbundenen klösterlichen Freunde in Ekkeh . IV. casus S. Galli cap . 3. Pertz Monum . II , 94 u. ff. , wo auch der böse Sindolt , ihr Widersacher , des Näheren gezeichnet ist . Ratpert ist auch der Verfasser des Lobgesangs auf den heiligen Gallus in deutscher Sprache , von dessen Bedeutsamkeit die lateinische Übertragung Zeugnis gibt , die wir noch besitzen . Hattemer , Denkmale etc. I , 337 . Das von Tutilo als Deckelplatten für eine Evangelienhandschrift geschnitzte Diptychon wird in der sanktgallischen Stiftsbibliothek aufbewahrt . Man bevorzugte bei kirchlichem Schmuck das Elfenbein , da der Elefant nach einem Ausdruck Notker Labeos in seiner Psalmenübersetzung für ein » keusches Vieh « ( chiûsche fiêo ) galt . Hattemer , Denkmale etc. II , 159 . 22 » Den ganzen Kreis des Wissens am Schluß des 9ten Jahrhunderts vergegenwärtigt uns das in Sankt Gallen aus der Schule Isos hervorgegangene , gemeiniglich nach dem Abtbischof Salomo III. von Konstanz genannte enzyklopädische Wörterbuch ( glossae Salomonis ) in