Anblick , denn sein Aussehen war fürchterlich , seine sonst so ruhigen Züge entstellt , seine Augen roth unterlaufen , seine Blicke glühend . Sie machte eine Bewegung , als wolle sie aufspringen und das Zimmer verlassen , doch als er sich hierauf langsam in eine Ecke zurückzog und ihr die Hände wie beschwörend entgegenstreckte , auch sie bittend , ja stehend ansah , da sank sie wieder auf das Bett zurück , preßte die Hände vor das Gesicht und weinte laut und bitterlich . » Ja , ja , « sagte er nach einer schrecklichen Pause , » es mußte am Ende so kommen . « » Ja , es mußte so kommen , « erwiderte das Mädchen mit tonloser Stimme . » Und es kam so ? « » Ja , es kam so . « » Und sonst keine Hilfe und Rettung ? « » Keine ! - keine ! « » Aber ich hätte doch noch ein wenig widerstrebt , « sprach er mit einem schrecklichen Lächeln und einem eisigen Tone . » Man muß nicht sogleich nachgeben . « Statt aller Antwort entblößte das Mädchen ruhig und schweigend , in diesem Moment , wie es schien , ohne alle Scheu , ihre linke Schulter , nachdem sie das weiße Nachtkleid vorher auf der Brust geöffnet . Und auf dieser weißen vollen Schulter sah man verdächtige dunkle blaue Flecken . - » Das war die letzte Unterredung , « sagte sie mit einem matten Lächeln . » Sehr triftig und überzeugend , « erwiderte er , » aber ehe es so weit kam , hätte man noch etwas Anderes thun können . « » Und was denn ? « fragte sie , wobei ihr Auge aufflammte . » Man hätte zum Beispiel in ' s Wasser springen können . « » Ach ja ! « entgegnete sie mit einem tiefen schneidenden Wehelaute . - » Ach ja , ich habe das auch gedacht , aber ich hatte nicht den Munz dazu . « » Das ist freilich etwas Anderes , « versetzte er scheinbar ganz ruhig . » Sie hatten Angst , Marie , weil Sie sich fürchteten , diesen unbekannten Weg allein zu machen . - Aber ich wäre mit Ihnen gegangen , o , so gerne wäre ich mit Ihnen gegangen . « » Mit mir in den Tod ? « » Mit Ihnen in den Tod ! - Und wenn wir zusammen in das Wasser gesprungen wären , so hätte ich nur eine Bitte gehabt ; Sie hätten mich dann nur bei der Hand festhalten müssen und sagen : Ich danke Ihnen herzlich , daß Sie mich nicht allein ließen , Sie , mein einziger und treuer Begleiter . - Ein so inniger Dank von Ihnen , wenn auch im letzten Augenblick , hätte mich glücklich gemacht . - Und dann schon die Wonne , mit Ihnen sterben zu dürfen ! - Wissen Sie wohl , « fügte er seltsam lächelnd hinzu , » daß ich an einen solchen gemeinschaftlichen Tod die ausschweifendsten Hoffnungen knüpfte ? - Daß ich in meiner jetzigen Gestalt wohl nicht geliebt werden kann , « sprach er , indem er an seinem seltsam geformten Körper hinab sah , » weiß ich selbst wohl am besten ; aber man läßt ja alles Das hier zurück , und wenn wir Beide so zusammen hinauf geschwebt wären , wer weiß , Marie , ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelassen hätten und ob Sie nicht vielleicht auf die Frage : Willst du mit dieser Seele vereint bleiben ? ein lautes und freudiges Ja geantwortet hätten . - Doch genug der Worte , - ich komme , um Abschied zu nehmen . « » So verlassen Sie wirklich dieses Haus ? « fragte erschrocken das Mädchen . » Heute freiwillig , « entgegnete er ; » morgen würde mich der Herr Blaffer vor die Thüre werfen . « » Und mein Bruder , der so sehr an Ihnen hing - ? « » Hat jetzt den Schutz der Schwester , die allmächtig im Hause ist , « entgegnete er mit Bitterkeit . » Doch will ich an alles Das nicht mehr denken , « fuhr er gleich darauf fort , indem er sich mit der Hand über die Augen wischte ; » ich will Sie nur sehen , Marie , wie Sie waren , als ich zu Ihnen , einer himmlischen Erscheinung , aufgeblickt , will es nicht wissen , daß dieß herrliche Bild von schmutziger Hand zerstört wurde , will nur einmal und zum ersten Mal vor sie hinknieen , Ihre beiden Hände ergreifen und sie an meine Lippen drücken . « Bei diesen Worten hatte er sich zu ihren Füßen niedergeworfen , hatte wirklich ihre beiden Hände ergriffen , und während er sie in seinen schwarzen Bart drückte , träufelten seine heißen Thränen darauf hin . - » So leben Sie wohl , Marie , « sagte er , » möge es Ihnen besser gehen , als bisher ; gedenken Sie meiner zuweilen , und wenn Sie noch aus vollem Herzen beten können , so nennen Sie auch meinen Namen , wenn Sie sich nach oben um Erbarmen wenden ! « Damit wollte er sich erheben , doch faßte das Mädchen mit ihren beiden Händen krampfhaft seine Arme und versuchte es , ihn festzuhalten ; er dagegen wandte alle Kraft an , sich los zu machen , und wie sie so mit einander rangen , zog er sie empor , da er der Stärkere war ; doch ließ sie ihn darum nicht los , sie schlang ihre Arme um seine Schultern , indem sie ausrief : » Gehen Sie nicht so fort , verlassen Sie nicht dieses Haus , Ihr Blick ist schrecklich , Sie haben Entsetzliches vor ! « » Ganz und gar nicht , « entgegnete er , nachdem er sanft ihre Hände los gemacht , sie aber fest in den seinigen hielt , » ich habe nichts Schlimmes vor . - Aber Sie sehen ja wohl , « setzte er hinzu , indem er die Zähne Zusammenbiß , » daß hier meines Bleibens nicht ist , jetzt nicht mehr , und könnte ich damit Millionen verdienen . Sie waren mir eine heilige und reine Blume , deren Anblick , deren süßer Duft mich glücklich machte , Sie waren das Ideal , zu dem ich empor blickte ; und nun - ist ja Alles dahin , mein Tempel ist zertrümmert , meine Altäre sind umgestürzt , ich habe nichts mehr , an das ich glauben kann auf der ganzen weiten Welt . - Darum will ich mir Besseres suchen und gewiß , ich werde es finden . « - - Er ließ ihre Hände los , sie sank laut weinend auf das Bett zurück ; nachdem er sie noch mit einem schmerzlichen Blick betrachtet hatte , eilte er geräuschlos durch das Vorzimmer auf den Gang hinaus und die Treppen hinab . Vielleicht wäre sie ihm gefolgt , um noch einen Versuch zu machen , ihn festzuhalten , aber sie fürchtete , es möchte Jemand im Hause erwachen , und weil sie das fürchtete , ließ sie ihn ziehen , obgleich ihr wohl ahnete , wohin ihn seine Schritte führen würden . Einundvierzigstes Kapitel . Am Kanal . Herr Beil eilte durch eine Hinterthüre auf den Hof , und da er hier mit der Oertlichkeit wohl vertraut war , so überstieg er ein paar Zäune und befand sich in kurzer Zeit auf der offenen Straße . Es mochte nahe an Mitternacht sein , als er so einsam zwischen den Häusern langsamen Schrittes dahin ging ; er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und war so in tiefe Gedanken versunken , daß er es nicht einmal bemerkte , wie der scharfe Nachtwind , da er ohne Hut war , sein Haar empor lüpfte und von der Stirne wehte . Auf den Weg , den er machte , achtete er nicht , wenigstens blickte er nicht in die Höhe und schien sogar nach einiger Zeit verwundert , als er sich auf einmal durch eine Barrière aufgehalten fühlte , gegen die er hingeschlendert war , ohne gerade heftig daran zu stoßen . Diese Barrière befand sich ziemlich weit außerhalb des Mittelpunkts der Stadt , in einer öden und verlassenen Gegend , wo nur noch hie und da einige Häuser standen ; sie lief am Ufer des Kanals hin und hatte den Zweck , Jemand , der vielleicht sorglos umherspazierte , vor dem Hineinfallen in das Wasser zu bewahren , denn der Kanal war sehr tief und auch ziemlich reißend , da er ein paar hundert Schritte abwärts von dieser Stelle in den Fluß mündete , der eine Seite der Stadt in einem weiten Bogen umschloß . Unser Nachtwandler lehnte sich mit beiden Armen auf das Geländer und schaute gedankenvoll in das dunkle Wasser hinab . Man mußte das Auge zuerst an die Finsterniß da unten gewöhnen , ehe man bemerken konnte , wie sich der Wasserstrom zwischen den engen Ufern dahin bewegte , oder man mußte abwarten , bis droben am Himmel die fliegenden Wolken zuweilen ein Stück des Mondes oder ein paar Sterne entschleierten , deren Licht alsdann auf das trübe Wasser fiel und es auf Augenblicke erhellte . Das Ohr vernahm schon deutlicher das feindselige Element drunten , denn wie dieses bei den Ufermauern vorbeifloß , schliff es in allerhand Tönen gegen die Steine derselben , rauschte in einer unfernen Ecke , und gluckste dort , Wirbel bildend , als lechze es nach irgend einer Beute . Lange schaute Herr Beil so hinab auf den Kanal , und immer folgten seine Blicke dem Laufe des Wassers . Es war ihm gerade , als winke es ihm zu folgen , und nachdem er so eine Zeit lang träumend gestanden , hatte er alle Schauer vor einem kalten nassen Tode überwunden und fühlte eine wahre Sehnsucht , den flüsternden Wassern zu folgen . Anfangs rauschte das eintönig an seinem Ohr vorüber ; nach und nach kam aber ein gewisser Takt und eine Melodie hinein , eine einfache , kindliche Melodie , welche die Fluthen mit leisem Tone immer und immer fort zu singen schienen . Er hatte sie schon oft gehört , diese Weise , und wie er nun die Hand vor die Stirne legte und darüber nachdachte , so fiel es ihm ein , es sei ja nichts Anderes , als das Wiegenlied , mit welchem ihn die früh verstorbene Mutter so oft in den Schlaf gesungen . Richtig ! das war es ; es waren dieselben weichen , schläfrigen Töne , und als er wieder eine Zeit lang hinab gelauscht , da meinte er auch Worte zu vernehmen ; nur waren sie anders , als die , welche damals zum Wiegenlied gesungen wurden . Die hier erzählten von einem hellen lichten Tage , dem sie aus der finsteren Nacht entgegen fließen , und von lachenden Gefilden , mit Blüthen und Früchten bedeckt , so unendlich verschieden von dem kalten , schmutzigen Lande , das jetzt ihre Ufer bildete . - Und Ruhe , Ruhe gibt ' s da unten , flüsterten sie , - angenehme behagliche Ruhe ; - komm und folge uns ! - Er beugte sich tief auf das Wasser hinab und dachte auf einmal klar und hell an seine Jugendzeit , wo er sich oftmals im Strome gebadet bei einer Stelle , die besonders reißend war , wo tückische Wirbel Alles in die Tiefe zogen , was er damals als rüstiger Schwimmer nicht beachtet . Aber eines Tags , als er auch wieder so keck hinein sprang , schien sich der Flußgott über diese Verwegenheit zu erzürnen und hielt ihn drunten beim Fuße fest , - das war in der That seine erste schreckliche Idee , als er sich unten gehalten fühlte : in Wahrheit aber war er mit dem Fuße in eine Faschine gerathen und konnte nicht wieder los kommen . Die Sekunden , welche er sich da unten bemüht hatte , den Fuß loszureißen , schienen ihm lange , lange Jahre zu sein ; als er aber fühlte , daß es nicht ging , ergab er sich ruhig in sein Schicksal , öffnete weit die Augen und sah tief unten im grünen Wasser mit Verwunderung , wie so seltsam das Sonnenlicht auf der Oberfläche sich spiegelte und strahlte , wie der ganze Fluß einem hellgrünen Kristallgewölbe glich , auf dem sich tausendfache Strahlen brachen , - einem Feenpalast mit unsichtbarer , seltsam klingender Musik , denn auch hier summten und rauschten ihm die Wasser in den Ohren und tönten jenes bekannte Lied ; nur ward es schwächer und immer schwächer , endlich wurde die Melodie zerrissen und unverständlich , obgleich die unsichtbaren Sänger immer näher zu kommen schienen , bis sie zuletzt dicht sein Haupt umringten und ihn betäubten mit wilden Tönen , mit Sausen , Rauschen und Klingen , in ganz leiser Weise und doch so eindringlich und verständlich . - Und darauf war er todt , gestorben ohne Schmerz und Klage , - so glaubte er wenigstens damals , in Wirklichkeit aber brachte den Ohnmächtigen ein tüchtiger Taucher an die Oberfläche und somit in ' s Leben zurück . - Daran dachte er jetzt , und wie der Wassertod so gar nichts Unbehagliches oder Schreckliches habe . Heute war es freilich dunkel ; kein Sonnenstrahl erhellte das Wasser , aber das erschien ihm um so besser ; er sah da nichts mehr , was ihn an das freundliche Leben draußen gemahnt hätte , er konnte die Augen getrost schließen , um abzuwarten , bis jener geheimnißvolle Gesang näher und immer näher komme . Schlafen , schlafen - Ruhe ! flüsterte es drunten ; und eine andere Stimme sagte etwas dazwischen , was ihm schrecklich war , aber doch wieder Trost verlieh . Er hatte nämlich den Blick einen Moment gegen den Himmel erhoben und bemerkte da einen klaren glänzenden Stern , der strahlend im blauen Lichte die Wolkenmasse durchbrechen zu wollen schien . Dabei hatte er plötzlich an sie gedacht , wie ein Blitz hatte ihr Bild seine ganze Seele erfüllt und darauf grauste es ihm eine Sekunde lang vor dem finsteren Wasser , um ihn gleich darauf wieder mächtiger hinzutreiben . Der Stern verschwand , das Licht in seinem Herzen erlosch , und es war dort wieder nächtlich finster . Er beugte sich abermals über das Wasser herab und sogleich begannen die Wellen wieder ihre beruhigende , verständliche Melodie ; schlafen , schlafen - Ruhe ! sangen einige , und andere , die vielleicht wußten , daß er ein paar Augenblicke vorher an das Mädchen gedacht , rauschten dazwischen und murmelten : sie wird dir folgen , - sie wird dir gewiß nachfolgen , - o sie kommt auch noch zu dieser Stelle , und wenn sie vor uns zurückschaudert , so singen wir ihr alsdann gerade wie dir heute ein beruhigendes Wiegenlied , und wollen ihr getreulich erzählen , daß du voran gegangen und drüben auf sie warten werdest . - Gewiß , sie kommt , glaube uns , wir sind mitleidig und gut , und wir wollen ihre Seele rein waschen , daß sie es vermag , in herrlicher Klarheit vor dich hinzutreten . - - Ach ! jede Wasserfläche hat für ein tief betrübtes und zerbrochenes Herz etwas so unendlich Beruhigendes und zugleich Verführerisches . Es ist gefährlich , an stillen Wassern vorüber zu gehen , wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz beladen ist ; anfänglich beugt man sich ohne Absicht auf die Fluthen nieder , tiefer und immer tiefer , und kann den Blick nicht mehr wegwenden von der geheimnißvollen Fläche . Ist doch da unten ein ewiges Vergessen zu finden für Alles , was uns hier im Leben geängstigt und bedrückt . Er , der einsam hier an der Barriere stand , hatte dieselben Gedanken , und sein Auge erweiterte sich , als er nun mit sich im Reinen war und so tief sinnend auf das dunkle Wasser sah . Er vermochte es nicht , den Blick abzuwenden , während er hastig die letzte Scheidewand überkletterte , die zwischen ihm und dem Tode stand . Erst , als er tief athmend sich jenseits derselben befand , brachte er es über sich , noch einen Blick rückwärts zu werfen auf die Stadt , deren Häuser still und finster da lagen . - - Doch wie er so um sich schaute , faßte er unwillkürlich wieder die Schranke hinter sich fester mit den Händen , denn mit einem unerklärlichen Entsetzen bemerkte er , nicht zwei Schritte von sich , in unbestimmten Umrissen eine Gestalt , die gerade so an der Barrière lehnte , wie er einen Augenblick vorher . Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende desselben um den Kopf geschlungen oder ihn mit einer Kaputze verhüllt , denn man bemerkte weder Schultern noch Hals ; das Ganze war nur eine unförmliche schwarze Masse , die aber ein Gesicht hatte , denn Herr Beil sah deutlich zwei Augen glänzen , die ihn forschend zu betrachten schienen . Daß sich seine Nerven in diesem Augenblick in höchster Aufregung befanden , wird uns Jeder glauben , und ebenso , daß er mehr als überrascht war , hier in der stillen Nacht in tiefer Einsamkeit , wo er sich fern von jedem menschlichen Wesen glaubte , so plötzlich und unverhofft beobachtet zu werden . Seine Seele war noch wenige Momente vorher trotz seines schrecklichen Vorhabens so ruhig gewesen , und jetzt fühlte er mit einem Male sein Herz heftiger schlagen ; eine unerklärliche Furcht bemächtigte sich seiner , bannte ihn fest und zwang ihn sogar , fortwährend die beiden leuchtenden Augen zu betrachten , die ihn bewegungslos anstarrten . Wußte die unheimliche Gestalt , was ihn hieher getrieben , hatte sie sein Inneres ergründet , - konnte es wohl ein menschliches Wesen sein , was so unbeweglich da lehnte , und , wie es schien , auf den Moment begierig war , wo er als Selbstmörder enden würde ? Er wich unwillkürlich einen Schritt auf die Seite , hielt aber das Geländer mit beiden Händen fest , und er vermochte es nicht , den Blick von dem Wesen neben ihm abzuwenden . Seine unerklärliche Angst vor dieser Gesellschaft vergrößerte sich immer mehr , und es ist unbegreiflich aber wahr : er , der einen Augenblick vorher den Tod gesucht , fürchtete sich jetzt , diesem Wesen den Rücken zu kehren , indem er dachte , es könnte vielleicht unvermuthet über ihn herfallen und ihn in den Kanal hinabstürzen . Aber es blieb ruhig an seiner Stelle ; nichts regte sich an ihm ; nur blickten die gespenstigen Augen immer herüber . Was sollte er thun ? Er hatte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut gemacht , doch wollte er endigen in stiller , verschwiegener Nacht , aber nicht indem er einen so sonderbaren Zuschauer hinter seinem Rücken ließ , der Gott weiß was beginnen konnte , sobald er in den Kanal gesprungen . Und das konnte ihm am Ende doch gleichgültig sein ! - - Aber es war ihm nicht gleichgültig ; er hätte nicht ruhig sterben können bei dem Gedanken , diese seltsamen Augen würden jetzt nach ihm schauen , während er untersinke , und das Wesen selbst eine laute Lache aufschlagen , sobald ihn die Fluthen verschlungen . Es trat eine peinliche Pause ein , während welcher die Augen immerfort herüber blickten und Herr Beil abermals einen halben Schritt auf die Seite wich . Endlich machte die Gestalt eine kleine Bewegung , sie richtete sich etwas in die Höhe , man bemerkte , wie sie mit großer Ruhe unter dem Mantel die Arme über einander schlug . Dann sprach sie mit einer tiefen klangvollen Stimme ein einziges Wort , aber dies Wort , an sich unbedeutend , durchzuckte den Körper des Anderen auf eine sehr unangenehme Art. Die Gestalt sagte nämlich wie Jemand , der lange vergeblich gewartet , mit fragendem Tone : » Nun - ? « » Nun , « wiederholte Herr Beil , indem er scheu auf die Seite blickte . - » Nun ? - Was nun ? « » Ich meine , ob es bald vor sich geht , « erwiderte das seltsame Wesen ; » ich habe jetzt schon lange genug darauf gewartet . « » Und was soll vor sich gehen ? « fragte schaudernd der Andere mit kleinlauter Stimme . » Ich glaube nicht , daß ich Jemand hieher gerufen , um zuzuschauen , was hier vielleicht geschehen könnte . « » Gewiß nicht , « sagte die Gestalt , » ich bin nicht mit Worten gerufen worden , aber es zog mich auf eigenthümliche Weise daher , und da ich nun einmal da bin , möchte ich nicht lange mehr vergeblich warten ; die Sache könnte wohl vor sich gehen , das Vorspiel war lange genug . « » Und wer bist du ? « fragte Herr Beil mit gesteigertem Entsetzen , » daß es dir ein teuflisches Vergnügen macht , zuzuschauen , wie ein unglücklicher Mensch , dem das Dasein zur Last wurde , seinem traurigen Leben ein Ende macht ? « » Wer ich bin , thut nichts zur Sache , « entgegnete die Gestalt , » vielleicht bin ich der Schutzengel der Selbstmörder und habe die Macht , ihnen ein sanftes Ende zu geben , vielleicht bin ich auch sonst ein Wesen , das besonderen Geschmack an den Narrheiten der Menschen findet . « » An den Narrheiten der Menschen ! « wiederholte der Andere ; » kann man wohl eine That Narrheit nennen , deren Beweggründe man nicht kennt und begreift ? « » Jeder Selbstmord ist Narrheit und Feigheit , « antwortete das Phantom , indem es sich abermals behaglich an die Brüstung lehnte . » Nur ein Narr und ein Feiger verläßt freiwillig diese Welt : der Erstere , weil er seine Verhältnisse Herr über sich werden ließ , der Andere , weil er nicht den Muth hat , ein vielleicht trauriges Leben bis an sein natürliches Ende zu tragen . « » Ah ! du fühlst es nicht , wie schwer es ist , von dem Licht der Sonne , von einem Dasein , selbst dem ärmlichsten , Abschied zu nehmen , sonst würdest du eine solche That nicht feige nennen . « » Der Muth , der vor den Augen der gewöhnlichen Welt vielleicht dazu gehört , eine Pistole vor seiner eigenen Stirne abzubrennen , oder in ' s Wasser zu springen , ist kein wirklicher Muth ; es ist das mehr ein Ausbruch der Verzweiflung , unterstützt von Nervenaufregungen , der so mit einem Schlage ein ganzes Leben hinter sich wirst , weil der Selbstmörder , wie schon gesagt , zu schwach war , um eine lange Reihe von traurigen Jahren zu durchleben . « » Und du glaubst , es sei kein Fall denkbar , wo der Selbstmord zu entschuldigen sei ? « meinte Herr Beil mit bitterem Lachen . » Zu entschuldigen nie , « entgegnete die Gestalt , » zu verzeihen nur in einem einzigen . « » Und dieser einzige Fall - ? « » Es ist nicht der deinige . « » Aber nenne ihn mir . « » Du wirst ihn vielleicht nicht einmal begreifen , ja du kannst ihn unmöglich verstehen . « » Wer weiß ! Nach den harten Worten , die du vorhin zu mir gesprochen , möchte ich wohl wissen , unter welchen Bedingungen du den Selbstmord entschuldigen würdest . « » Nun meinetwegen , « sagte die Gestalt , indem sie sich wieder etwas empor richtete ; » man solle einem Sterbenden keine Bitte abschlagen , und da du ein solcher bist , so will ich dir meine Ansicht mittheilen . - Das Verbrechen , von dem wir eben sprachen , könnte ich , wie gesagt , nur in einem einzigen Falle entschuldigen , das wäre nämlich , wenn ein Selbstmörder wieder in ' s Leben zurückgerufen würde und er dann von neuem Hand an sich legte , um so dem Schlimmsten , was einen Menschen treffen kann , dem allgemeinen Hohne , der allgemeinen und verdienten Verachtung zu entgehen . « » Dem Hohne und der Verachtung ! « versetzte der Andere , und seine Zähne klapperten auf einander . - » Aber nein , nein ! « rief er nach einer Pause leidenschaftlich , » ich weiß , wer du bist , du bist der Teufel ! Du willst mich von meinem Glücke zurückhalten , um die Lust zu haben , mich noch Jahre lang quälen zu können . « Nach diesen Worten lachte das Phantom laut auf , aber es war ein gellendes , unheimliches Gelächter . - » Nein , nein , « sagte es , » ich bin nicht der Teufel , - vielleicht mit ihm verwandt ; die trüben Leidenschaften , die sich deines Gehirns bemeistert haben , lassen dich völlig unklar denken ; wenn ich der Teufel nach euren Begriffen wäre , so müßte ich an deinem Schritt meine Freude haben , denn deine Seele wäre mir gewiß und ich bekäme sie bald . - Aber beruhige dich : für euch Selbstmörder gibt es weder Teufel noch Engel , weder Belohnung noch Strafe , und das ist gerade eure Strafe ; mit dem Sprung in ' s Wasser laßt ihr all ' eure Hoffnung hinter euch . Diesseits könnt ihr nicht mehr Buße thun , um ein ewiges Leben , an das wir ja Alle glauben wollen , zu erringen ; denn ein ewiges Leben , wenn auch voll Noth und Qual , aber doch mit einem Schimmer von Hoffnung , ist nicht für euch : ihr habt das Anrecht daran freiwillig weggeworfen . « » Ah ! « machte der Andere , » das ist eine seltsame Ansicht . Ich hoffe sehr auf eine bessere Zukunft . « » Aber vergeblich ; was du diesseits verachtungsvoll wegwirfst , wird man dir nicht jenseits entgegenbringen . - Aber nun laß uns den unnützen Wortstreit enden . Mache dein Geschäft ab ; ich möchte gern nach Hause . « » So geh ' deiner Wege ! « rief Herr Beil mit schmerzlichem Tone . » O , wärst du nie gekommen , um mich zu belauschen , Alles wäre nun vorüber , während so - « » Dein Entschluß wankend geworden ist ? « fragte die Gestalt . » Deine Augen , die so starr auf mich geheftet sind , beunruhigen mich . Ich glaube , während ich in ' s Wasser spränge , würden sie schrecklich , entsetzlich immer näher auf mich eindringen . « » Da hast du Recht ; das wird auch der Fall sein , denn ich habe mir einmal fest vorgenommen , deinem Ende beizuwohnen , ich interessire mich dafür und werde nicht von der Stelle weichen . « » Das will ich erwarten , « sprach Herr Beil zähneklappernd , indem er sich an das Geländer lehnte , und , wie es vorhin die Gestalt gemacht , ebenfalls seine Arme , die aber heftig zitterten , über einander schlug . Es entstand eine längere Pause ; endlich sagte der im Mantel mit einem Anflug von Heiterkeit in seiner Stimme : » Mir scheint , wir haben hier Beide vor , eine seltsame Soirée zu begehen . Du bist der Wirth , ich bin zur Komödie eingeladen oder meinetwegen auch unberufen erschienen . Nehmen wir also an , ich sei der Gast , so finde ich es doch nicht mehr als billig , daß du für meine Unterhaltung Sorge trägst . Und dazu will ich dir ein gutes Mittel vorschlagen : erzähle mir deine Geschichte so kurz oder so lang du magst , erzähle mir vor allen Dingen , was dich hieher getrieben , und ich will dir nachher meine offenherzige Meinung sagen , wie groß deine Narrheit eigentlich ist . « » Und wenn du meine Narrheit , wie du es nennst , alsdann nicht übermäßig groß findest , « entgegnete Herr Beil , » willst du dann ruhig deiner Wege gehen und mich meinem Schicksal überlassen ? « » Das ist eine Bedingung , « versetzte nun wirklich lachend das Gespenst , » und wenn ich sie eingehe , so kann ich das nur thun , indem ich dir ebenfalls eine stelle . « » So laß hören ! « » Wenn ich zugebe , daß deine Narrheit klein ist , so will ich mir also das Vergnügen versagen , dich in den Kanal springen zu sehen ; ist aber deine Narrheit groß , so schiebst du dein Vorhaben auf , bis - wir uns wieder gesehen . « » Es gilt , « sprach Herr Beil nach längerem Ueberlegen . Und darauf wandte er sich , obwohl zögernd , gegen die sonderbare Gestalt , die wieder unbeweglich wie vorher an dem Geländer lehnte , und erzählte mit geflügelten Worten seinen traurigen Lebenslauf , wie er schon als Kind mit seiner schwächlichen halbverwachsenen Gestalt der Spielball aller Launen seiner Kameraden gewesen , wie seine Eltern ihn nicht geliebt , sondern gegen die andern Geschwister zurückgesetzt , und wie bei all ' den Kränkungen , die er erduldet , das Schlimmste gewesen sei , daß er ein weiches , fühlendes Herz erhalten , das alle Menschen mit inniger Liebe umfaßt , und das nun doppelt schmerzlich empfunden , wie man ihn überall zurückgestoßen . - Seine Leiden vermehrten sich mit den Jahren , man brachte ihn mit großer Mühe als Lehrling unter , und als er ausgelernt hatte , fand sich lange keine Stelle für ihn , er mußte Jahre lang in seinem Geschäfte die niedrigsten Arbeiten versehen , und als er endlich die Stelle erhielt , in der wir ihn kennen gelernt , mußte er sich mit einem Gehalt begnügen , der zu wenig