über die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten Rezepte auch für den Dichter sind . Denn wie es mir scheint , geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung , Zurückführung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf einen Lebensgrund , und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen , ist Kunst ; darum unterscheiden sich die Künstler nur dadurch von den anderen Menschen , daß sie das Wesentliche gleich sehen und es mit Fülle darzustellen wissen , während die anderen dies wiedererkennen müssen und darüber erstaunen , und darum sind auch alle die keine Meister , zu deren Verständnis es einer besonderen Geschmacksrichtung oder einer künstlichen Schule bedarf . Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen Gestalt zu tun und fühlte mich nur glücklich und zufrieden , daß ich auf das bescheidenste Gebiet mit meinen Fuß setzen konnte , auf den irdischen Grund und Boden , auf dem sich der Mensch bewegt , und so in der poetischen Welt wenigstens einen Teppichbewahrer abgeben durfte . Goethe hatte ja viel und mit Liebe von landschaftlichen Dingen gesprochen , und durch diese Brücke glaubte ich ohne Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu können . Ich wollte sogleich anfangen , nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten , nichts Überflüssiges oder Müßiges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein . Im Geiste sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir , welche alle hübsch , wert- und gehaltvoll aussahen , angefüllt mit zarten und starken Strichen , von denen keiner ohne Bedeutung war . Ich setzte mich ins Freie , um das erste Blatt dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen ; aber nun ergab es sich , daß ich eben da fortfahren mußte , wo ich zuletzt aufgehört hatte , und daß ich durchaus nicht imstande war , plötzlich etwas Neues zu schaffen , weil ich dazu erst etwas Neues hätte sehen müssen . Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand und die prächtigen Blätter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflösten , wenn ich den Stift auf das Papier setzte , so brachte ich ein trübseliges Gekritzel zustande , indem ich aus meiner alten Weise herauszukommen suchte , welche ich verachtete , während ich sie jetzt sogar nur verdarb . So quälte ich mich mehrere Tage herum , in Gedanken immer eine gute und sachgemäße Arbeit sehend , aber ratlos mit der Hand . Es wurde mir angst und bange , ich glaubte jetzt sogleich verzweifeln zu müssen , wenn es mir nicht gelänge , und seufzend bat ich Gott , mir aus der Klemme zu helfen . Ich betete noch mit den gleichen kindlichen Worten wie schon vor zehn Jahren , immer das gleiche wiederholend , so daß es mir selbst auffiel , als ich halblaut vor mich hinflüsterte . Darüber nachsinnend , hielt ich mit der hastigen Arbeit inne und sah in Gedanken verloren auf das Papier und mit einem wehmütigen Lächeln . Da überschattete sich plötzlich der weiße Bogen auf meinen Knien , der vorher von der Sonne beglänzt war ; erschrocken schaute ich um und sah einen ansehnlichen , fremd gekleideten Mann hinter mir stehen , welcher den Schatten verursachte . Er war groß und schlank , hatte ein bedeutsames und ernstes Gesicht mit einer stark gebogenen Nase und einem sorgfältig gedrehten Schnurrbart und trug sehr feine Wäsche . In hochdeutscher Sprache redete er mich an » Darf man wohl ein wenig Ihre Arbeit besehen , junger Herr ? « Halb erfreut und halb verlegen hielt ich meine Zeichnung hin , welche er einige Augenblicke aufmerksam besah ; dann fragte er mich , ob ich noch mehr in meiner Mappe bei mir hätte und ob ich wirklicher Künstler werden wollte . Ich trug allerdings immer einen Vorrat des zuletzt Gemachten mit mir herum , wenn ich nach der Natur zeichnete , um jedenfalls etwas zu tragen , wenn ich einen unergiebigen Tag hatte , und während ich nun die Sachen nach und nach hervorzog , erzählte ich fleißig und zutraulich meine bisherigen Künstlerschicksale ; denn ich merkte sogleich an der Art , wie der Fremde die Sachen ansah , daß er es verstand , wo nicht selbst ein Künstler war . Dies bestätigte sich auch sogleich , als er mich auf meine Hauptfehler aufmerksam machte , die Studie , welche ich gerade vorhatte , mit der Natur verglich und mir an letzterer selbst das Wesentliche hervorhob und mich es sehen lehrte . Ich fühlte mich überglücklich und hielt mich ganz still , wie jemand , der sich vergnüglich eine Wohltat erzeigen läßt , als er einige Laubpartien auf meinem Papier mit ihrem Vorbilde in der Natur verglich , mir zeigte , wie ich es ganz anders machen müßte , Schatten und Licht klarmachte und auf dem Rande des Blattes mit einigen mühlosen Meisterstrichen das herstellte , was ich vergeblich gesucht hatte . Er blieb wohl eine halbe Stunde bei mir , dann sagte er : » Sie haben vorhin den wackern Habersaat genannt ; wissen Sie , daß ich vor fünfzehn Jahren auch ein dienstbarer Geist in seinem verwünschten Kloster war ? Ich habe mich aber beizeiten aus dem Staube gemacht und bin seither immer in Italien und Frankreich gewesen . Ich bin Landschafter , heiße Römer und gedenke mich eine Zeitlang in meiner Heimat aufzuhalten . Es soll mich freuen , wenn ich Ihnen etwas nachhelfen kann , ich habe viele Sachen bei mir , besuchen Sie mich einmal , oder kommen Sie gleich mit mir nach Hause , wenn ' s Ihnen recht ist ! « Ich packte eilig zusammen und begleitete in feierlicher Stimmung den Herrn Römer und mit nicht geringem Stolze . Ich hatte oft von ihm sprechen gehört ; denn er war eine der großen Sagen des Refektoriums , und Meister Habersaat tat sich nicht wenig darauf zu gut , wenn es hieß , sein ehemaliger Schüler Römer sei ein berühmter Aquarellist in Rom und verkaufe seine Arbeiten nur an Fürsten und Engländer . Auf dem Wege , solange wir noch im Freien waren , zeigte mir Römer allerlei gute Dinge in der Natur , sei es in Licht und Tönen , sei es in Form und Charakter . Aufmerksam begeistert sah ich hin , wo er mit der Hand fein wegstreichend hindeutete ; ich war erstaunt , zu entdecken , daß ich eigentlich , so gut ich erst kürzlich noch zu sehen geglaubt , noch gar nichts gesehen hatte , und ich staunte noch mehr , das Bedeutende und Lehrreiche nun meistens in Erscheinungen zu finden , die ich vorher entweder übersehen oder wenig beachtet . Jedoch freute ich mich , sogleich zu verstehen , was mein Begleiter jeweilig meinte , und mit ihm einen kräftigen und doch klaren Schatten , einen milden Ton oder eine zierliche Ausladung eines Baumes zu sehen , und nachdem ich erst einige Male mit ihm spaziert , hatte ich mich bald gewöhnt , die ganze landschaftliche Natur nicht mehr als etwas Rundes und Greifliches , sondern nur als ein gemaltes Bilder-und Studienkabinett , als etwas bloß vom richtigen Standpunkte aus Sichtbares zu betrachten und in technischen Ausdrücken zu beurteilen . Als wir in seiner Wohnung anlangten , welche aus ein paar eleganten Zimmern in einem schönen Hause bestand , setzte Römer sogleich seine Mappen auf einen Stuhl vor das Sofa , hieß mich auf dieses neben ihn sitzen und begann die Sammlung seiner größten und wertvollsten Studien eine um die andere umzuwenden und aufzustellen . Es waren alles umfangreiche Blätter aus Italien , auf starkes grobkörniges Papier mit Wasserfarben gemalt , doch auf eine mir ganz neue Weise und mit unbekannten kühnen und geistreichen Mitteln , so daß sie ebensoviel Schmelz und Duft als Klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem Striche bewiesen , daß sie vor der lebendigen Natur gemacht waren . Ich wußte nicht , sollte ich über die glänzende und angenehm nahetretende Meisterschaft der Behandlung oder über die Gegenstände mehr Freude empfinden , denn von den mächtigen dunklen Zypressengruppen der römischen Villen , von den schönen Sabinerbergen bis zu den Ruinen von Pästum und dem leuchtenden Golf von Neapel , bis zu den Küsten von Sizilien mit den zauberhaften hingehauchten , gedichteten Linien tauchte Bild um Bild vor mir auf mit den köstlichen Merkzeichen des Tages , des Ortes und des Sonnenscheins , unter welchem sie entstanden . Schöne Klöster und Kastelle glänzten in diesem Sonnenschein an schönen Bergabhängen , Himmel und Meer ruhten in tiefer Bläue oder in heitrem Silberton , und in diesem badete sich die prächtige , edle Pflanzenwelt mit ihren klassisch einfachen und doch so reichen Formen . Dazwischen sangen und klangen die italienischen Namen , wenn Römer die Gegenstände benannte und Bemerkungen über ihre Natur und Lage machte . Manchmal sah ich über die Blätter hinaus im Zimmer umher , wo ich hier eine rote Fischerkappe aus Neapel , dort ein römisches Taschenmesser , eine Korallenschnur oder einen silbernen Haarpfeil erblickte ; dann sah ich meinen neuen Beschützer aufmerksam und von Grund aus wohlwollend an , seine weiße Weste , seine Manschetten , und erst , wenn er das Blatt umwandte , fuhr mein Blick wieder auf dasselbe , um es noch einmal zu überfliegen , ehe das nächste erschien . Als wir mit dieser Mappe zu Ende waren , ließ mich Römer noch flüchtig in einige andere blicken , von denen die eine einen Reichtum farbiger Details , die andere eine Unzahl Bleistiftstudien , eine dritte lauter auf das Meer , Schiffahrt und Fischerei Bezügliches , eine vierte endlich verschiedene Phänomene und Farbenwunder wie die Blaue Grotte , außergewöhnliche Wolkenerscheinungen , Vesuvausbrüche , glühende Lavabäche usw. enthielten . Dann zeigte er mir noch im andern Zimmer seine gegenwärtige Arbeit , ein größeres Bild auf einer Staffelei , welches den Garten der Villa d ' Este vorstellte . Dunkle Riesenzypressen ragten aus flatternden Reben und Lorbeerbüschen , aus Marmorbrunnen und blumigen Geländern , an welchen eine einzige Figur , Ariost , lehnte , in schwarzem ritterlichen Kleide , den Degen an der Seite . Im Mittelgrunde zogen sich Häuser und Bäume von Tivoli hin , von Duft umhüllt , und darüber hinweg dehnte sich das weite Feld , vom Purpur des Abends übergossen , in welchem am äußersten Horizonte die Peterkuppel auftauchte . » Genug für heute ! « sagte Römer , » kommen Sie öfter zu mir , alle Tage , wenn Sie Lust haben ; bringen Sie mir Ihre Sachen mit , vielleicht kann ich Ihnen dies und jenes zum Kopieren mitgeben , damit Sie eine leichtere und zweckmäßigere Technik erlangen ! « Mit der dankbarsten Verehrung verabschiedete ich mich und sprang mehr , als ich ging , nach Hause . Dort erzählte ich meiner Mutter das glückliche Abenteuer mit den beredtesten Worten und verfehlte nicht , den fremden Herrn und Künstler mit allem Glanz auszustatten , dessen ich habhaft war ; ich freute mich , ihr endlich ein Beispiel rühmlichen Gelingens als einen Trost für meine eigene Zukunft vorführen zu können ; besonders da ja Römer ebenfalls aus Herrn Habersaats kümmerlicher Pflanzschule hervorgegangen war . Allein die fünfzehn in der weiten Ferne zugebrachten Jahre , welche zu diesem Gelingen gebraucht worden , leuchteten meiner Mutter nicht sonderlich ein , auch hielt sie dafür , daß es noch gar nicht ausgemacht wäre , ob der Fremde wirklich glücklich sei , indem er als solcher so einsam und unbekannt in seiner Heimat angekommen sei . Ich hatte aber ein anderweitiges geheimes Zeichen von der Richtigkeit meiner Hoffnungen , nämlich das plötzliche Erscheinen Römers , unmittelbar nachdem ich gebetet hatte . Hievon sagte ich aber nichts zu meiner Mutter , denn erstens war zwischen uns nicht herkömmlich , daß man viel von solchen Dingen sprach , besonders wenn sie nach salbungsvoller Prahlerei ausgesehen hätten , und dann baute die Mutter wohl fest auf die Hilfe Gottes , aber es würde ihr nicht gefallen haben , wenn ich mich eines so eklatanten und theatralischen Falles gerühmt hätte , und als ein solcher wäre ihr meine Erzählung ohne Zweifel erschienen , da sie viel zu schlicht und bescheiden war , um ein solches Einschreiten in solchen Angelegenheiten von Gott zu erwarten . Sie war froh , wenn er das Brot nicht ausgehen ließ und für schwere Leiden , für Fälle auf Leben und Tod seine Hilfe in Bereitschaft hatte . Sie hätte mich wahrscheinlich ziemlich ironisch zurechtgewiesen ; desto mehr beschäftigte ich mich den Abend hindurch mit dem Vorfalle und muß gestehen , daß ich dabei doch eine grübelnde Empfindung hatte . Ich konnte mir die Vorstellung eines langen Drahtes nicht unterdrücken , an welchem der fremde Mann auf mein Gebet herbeigezogen sei , während , gegenüber diesem lächerlichen Bilde , mir ein Zufall noch weniger munden wollte , da ich mir das Ausbleiben desselben nun gar nicht mehr denken mochte . Seither habe ich mich gewöhnt , dergleichen Glücksfälle , so wie ihr Gegenteil , wenn ich nämlich ein unangenehmes Ereignis als die Strafe für einen unmittelbar vorhergegangenen , bewußten Fehler anzusehen mich immer wieder getrieben fühle , als vollendete Tatsachen einzutragen und Gott dafür dankbar zu sein , ohne mir des genauern einzubilden , es sei unmittelbar und insbesondere für mich geschehen . Doch kann ich mich bei jeder Gelegenheit , wo ich mir nicht zu helfen weiß , nicht enthalten , von neuem durch Gebet solche hübsche faits accomplis herbeizuführen und für die Zurechtweisungen des Schicksals einen Grund in meinen Fehlern zu suchen und Gott Besserung zu geloben . Ich wartete ungeduldig einen Tag und ging dann am darauffolgenden mit einer ganzen Last meiner bisherigen Arbeiten zu Römer . Er empfing mich freundlich zuvorkommend und besah die Sachen mit aufmerksamer Teilnahme . Dabei gab er mir fortwährend guten Rat , und als wir zu Ende waren , sagte er , ich müßte vor allem die ungeschickte alte Manier , das Material zu behandeln , aufgeben , denn damit ließe sich gar nichts mehr ausrichten . Nach der Natur sollte ich fleißig vorderhand mit einem weichen Blei zeichnen und für das Haus anfangen , seine Weise einzuüben , wobei er mir gerne behilflich sein wolle . Auch suchte er mir aus seinen Mappen einige einfache Studien in Bleistift sowie in Farben , welche ich zur Probe kopieren sollte , und als ich hierauf mich empfehlen wollte , sagte er » Oh ! bleiben Sie noch ein Stündchen hier , Sie werden den Vormittag doch nichts mehr machen können ; sehen Sie mir ein wenig zu , und plaudern wir ein bißchen ! « Mit Vergnügen tat ich dies , hörte auf seine Bemerkungen , die er über sein Verfahren machte , und sah zum ersten Mal die einfache freie und sichere Art , mit der ein Künstler arbeitet . Es ging mir ein neues Licht auf , und es dünkte mich , wenn ich mich selbst auf meine bisherige Art arbeitend vorstellte , als ob ich bis heute nur Strümpfe gestrickt oder etwas Ähnliches getan hätte . Rasch kopierte ich die Blätter , die Römer mir mitgab , mit aller Lust und allem Gelingen , welche ein erster Anlauf gibt , und als ich sie ihm brachte , sagte er » Das geht ja vortrefflich , ganz gut ! « An diesem Tage lud er mich ein , da das Wetter sehr schön war , einen Spaziergang mit ihm zu machen , und auf diesem verband er das , was ich in seinem Hause bereits eingesehen , mit der lebendigen Natur , und dazwischen sprach er vertraulich über andere Dinge , Menschen und Verhältnisse , welche vorkamen , bald scharf kritisch , bald scherzend , so daß ich mit einem Male einen zuverlässigen Lehrer und einen unterhaltenden und umgänglichen Freund besaß . Ich erzählte ihm vieles von meinen Verhältnissen und Geschichten , fast alles , mit Ausnahme der Anna und Judith , und er faßte alles so auf , wie ich nur wünschen konnte , vom Standpunkte eines freien und erfahrenen Menschen und als Künstler . So stellte sich schnell ein ungezwungener Umgang her , bei welchem ich mich ganz konnte gehenlassen und keinen Einfall zu unterdrücken brauchte , ohne daß ich die Bescheidenheit und Ehrerbietung zu sehr verletzte , und wenn ich dies tat , so glich die widerspruchslose Bereitwilligkeit , welche jenes Alter den Zurechtweisungen der wahren und wohlmeinenden Autorität entgegenbringt , den Fehler bald wieder aus . Bald fühlte ich das Bedürfnis , immer und ganz in seiner Nähe zu sein , und machte daher immer häufiger von meiner Freiheit , ihn zu besuchen , Gebrauch , als er eines Tages , nachdem er mir gründlich und schon etwas strenger eine Arbeit durchgesehen , zu mir sagte : » Es würde gut für Sie sein , noch eine Zeit ganz unter der Leitung eines Lehrers zu stehen ; es würde mir auch zum Vergnügen und zur Erheiterung gereichen , Ihnen meine Dienste anzubieten ; da aber meine Verhältnisse leider nicht derart sind , daß ich dies ganz ohne Entschädigung tun könnte , wenigstens wenn es nicht durchaus sein muß , so besprechen Sie sich mit Ihrer Frau Mutter , ob Sie monatlich zwei Louisdors daranwenden wollen . Ich bleibe jedenfalls einige Zeit hier , und in einem halben Jahre hoffe ich Sie so weit zu bringen , daß Sie später besser vorbereitet und selbst imstande , einigen Erwerb zu finden , Ihre Reisen antreten könnten . Sie würden jeden Morgen um acht Uhr kommen und den ganzen Tag bei mir arbeiten . « Ich wünschte nichts Besseres zu tun und lief eiligst nach Hause , den Vorschlag meiner Mutter zu hinterbringen . Allein sie war nicht so eilig wie ich und ging , da es sich um Ausgabe einer erklecklichen Summe handelte und ich selbst einen Teil des an Habersaat Bezahlten für verlorenes Geld hielt , erst jenen vornehmen Herrn , bei dem sie schon früher einmal gewesen , um Rat zu fragen ; denn sie dachte , derselbe werde jedenfalls wissen , ob Römer wirklich der geachtete und berühmte Künstler sei , für welchen ich ihn so eifrig ausgab . Doch man zuckte die Achseln , gab zwar zu , daß er als Künstler talentvoll und in der Ferne renommiert sei ; über seinen Charakter jedoch hüllte man sich ins Unklare , wollte nicht viel Gutes wissen , ohne etwas Näheres angeben zu können , und meinte schließlich , wir sollten uns in acht nehmen . Jedenfalls sei die Forderung zu groß , unsere Stadt sei nicht Rom oder Paris , auch hielte man dafür , es wäre geratener , die Mittel für meine Reisen aufzusparen und diese desto früher anzutreten , wo ich dann selbst sehen und holen könne , was Römer besäße . Das Wort Reisen war nun schon wiederholt vorgekommen und war hinreichend , meine Mutter zu bestimmen , jeden Pfennig zur Ausstattung aufzubewahren . Daher teilte sie mir die bedenklichen Äußerungen mit , ohne zuviel Gewicht auf die den Charakter betreffenden zu legen , welche ich auch mit Entrüstung zunichte machte ; denn ich war schon dagegen gewaffnet , indem ich aus verschiedenen rätselhaften Äußerungen Römers entnommen , daß er mit der Welt nicht zum besten stehe und viel Unrecht erlitten habe . Ja , es hatte sich schon eine verständnisvolle eigene Sprache über diesen Punkt zwischen uns ausgebildet , indem ich mit ehrerbietiger Teilnahme seine Klagen entgegennahm und so erwiderte , als ob ich selbst schon die bittersten Erfahrungen gemacht oder wenigstens zu erwarten hätte , welche ich aber festen Fußes erwarten und dann zugleich mich und ihn rächen wollte . Wenn Römer hierauf mich zurechtwies und erinnerte , daß ich die Menschen doch nicht besser werde kennen als er , so mußte ich dies annehmen und ließ mich mit wichtiger Miene belehren , wie es anzufangen wäre , sich gehörig zu stellen , ohne daß ich eigentlich wußte , worum es sich handelte und worin jene Erfahrungen denn beständen . Ich entschloß mich kurz und sagte zur Mutter , ich wolle das Gold , welches in meinem ehemals geplünderten Sparkästchen übriggeblieben , für die Sache verwenden . Hiegegen hatte sie nichts einzuwenden und schien eher froh zu sein , diesen Mittelweg zu sehen , auf welchem ich wenigstens meine Selbstbestimmung betätigen konnte . Ich nahm also die Schaumünze und einige Dukaten , welche dabei waren , und trug alles zu einem Goldschmied , welcher mir acht Louisdors in Silber dafür bezahlte , brachte das Geld zu Römer und sagte , das sei alles , was ich verwenden könnte , und ich wünschte wenigstens vier Monate dafür seines Unterrichtes zu genießen . Zuvorkommend sagte er , das sei gar nicht so genau zu nehmen ! Da ich tue , was ich könne , wie es einem Kunstjünger gezieme , so wolle er nicht zurückbleiben und ebenfalls tun , was er könne , solange er hier sei , und ich solle nur gleich morgen kommen und anfangen . So richtete ich mich mit großer Befriedigung bei ihm ein . Den ersten und zweiten Tag ging es noch ziemlich gemütlich zu ; allein schon am dritten begann Römer einen ganz andern Ton zu singen , indem er urplötzlich höchst kritisch und streng wurde , meine Arbeit erbarmungslos heruntermachte und mir bewies , daß ich nicht nur noch nichts könne , sondern auch lässig und unachtsam sei . Das kam mir höchst wunderlich vor , ich nahm mich ein wenig zusammen , was aber nicht viel Dank einbrachte ; im Gegenteil wurde Römer immer strenger und ironischer in seinem Tadel , den er nicht in die rücksichtsvollsten Ausdrücke faßte . Da nahm ich mich ernstlicher zusammen , der Tadel wurde ebenfalls ernstlich und fast rührend , bis ich endlich mich ganz zerknirscht und demütig daranmachte , mir bei jedem Striche den Platz , wo er hinsollte , wohl besah , manchmal ihn zart und bedächtig hinsetzte , manchmal nach kurzem Erwägen plötzlich wie einen Würfel auf gut Glück hinwarf und endlich alles genauso zu machen suchte , wie Römer es verlangte . So erreichte ich endlich etwelches Fahrwasser , auf welchem ich ganz still dem Ziele einer leidlichen Arbeit zusteuerte . Der Fuchs merkte aber meine Absicht und erschwerte mir unversehens die Aufgaben , so daß die Not von neuem anging und die Kritik meines Meisters schöner blühte denn je . Wiederum steuerte ich endlich nach vieler Mühe einer angehenden Tadellosigkeit entgegen und wurde nochmals durch ein erschwertes Ziel zurückgeworfen , statt daß ich , wie ich gehofft , ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen konnte . So erhielt mich Römer einige Monate in großer Unterwürfigkeit , wobei jedoch die mystischen Gespräche über die bitteren Erfahrungen und über dies und jenes fortdauerten , und wenn die Tagesarbeit geschlossen war oder auf unseren Spaziergängen blieb unser Verkehr der alte . Dadurch entstand eine seltsame Weise , indem Römer mitten in einer traulichen und tiefsinnigen Unterhaltung mich jählings andonnerte » Was haben Sie da gemacht ! Was soll denn das sein ! O Herr Jesus ! Haben Sie Ruß in den Augen ? « so daß ich plötzlich still wurde und voll Ingrimm über ihn und mich selbst meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerksamkeit wieder aufnahm . So lernte ich endlich die wahre Arbeit und Mühe kennen , ohne daß mir dieselbe lästig wurde , da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung und Verjüngung trägt , und ich sah mich in den Stand gesetzt , eine große Studie Römers , welche schon mehr ein ganzes Bild mit den verschiedensten Bestandteilen vorstellte , vornehmen zu dürfen und dieselbe so zu kopieren , daß mein Lehrer erklärte , es sei nun genug in dieser Richtung , ich würde ihm sonst seine ganzen Mappen nachzeichnen ; dieselben seien sein einziges Vermögen , und er wünsche bei aller Freundschaft doch nicht , eine förmliche Doublette desselben in anderen Händen zu wissen . Durch diese Beschäftigung war ich wunderlicherweise im Süden weit mehr heimisch geworden als in meinem Vaterlande . Da die Sachen , nach welchen ich arbeitete , alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren , auch die Erzählungen und Bemerkungen Römers fortwährend meine Arbeit begleiteten , so verstand ich die südliche Sonne , jenen Himmel und das Meer beinahe , wie wenn ich sie gesehen hätte , wußte Kakteen , Aloe und Myrtensträucher besser darzustellen als Disteln , Nesseln und Weißdorn , Pinien und immergrüne Eichen besser als Föhren und nordische Eichen , und Zypressen und Ölbäume waren mir bekannter als Pappeln und Weiden . Selbst der südliche Boden war mir viel leichter in der Hand als der nordische , da jener mit bestimmten glänzenden Farben bekleidet war und sich im Gegensatze zu der tiefen Bläue der mittleren und fernen Gründe fast von selbst herstellte , indessen dieser , um wahr und gut zu scheinen , eine unmerkliche , aber verzweifelt schwer zu treffende Verschiedenheit und Feinheit in grauen Tönen erforderte . Am See von Nemi war ich besser zu Hause als an unserm See , die Umrisse von Capri und Ischia kannte ich genauer als unsere nächsten Uferhöhen . Die roten , mit Efeu bekleideten Bogen der Wasserleitungen in der sonnverbrannten braungelben römischen Campagne mit den blauen Höhenzügen in der Ferne und dem graurötlichen Duft am Himmel konnte ich auswendig herpinseln . Und wie schön waren alle diese Gegenstände ! Auf einer sizilianischen Küstenstudie war vorn zwischen goldenen Felsen eine Stelle im Meere , welche in der allerfabelhaftesten purpurnen Bläue funkelte , wie sie der ausschweifendste Märchendichter nicht auffallender hätte ersinnen können . Aber sie war hier an ihrem rechten und gesetzmäßigen Platze und machte daher eine zehnmal poetischere Wirkung , als wenn sie in einer erfundenen Landschaft unter anderen Umständen angebracht worden wäre . Einen besondern Reiz gewährten mir die Trümmer griechischer Baukunst , welche sich da und dort fanden . Ich empfand wieder Poesie , wenn ich das weiße , sonnige Marmorgebälke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben mußte . Die horizontalen Linien an Architrav , Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der Säulen mußten mit der zartesten Genauigkeit , mit wahrer Andacht , leis und doch sicher und elegant hingezogen werden ; die Schlagschatten auf diesem weißgoldenen edlen Gestein waren rein blau , und wenn ich den Blick fortwährend auf dies Blau gerichtet hatte , so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu sehen . Jede Lücke im Gebälke , durch welche der Himmel schaute , jede Scharte an den Kannelierungen war mir heilig , und ich hielt genau ihre kleinsten Eigentümlichkeiten fest . Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk über Architektur , in welchem die Geschichte und Erklärung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit allem Detail enthalten waren . Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig , um die Trümmer besser zu verstellen und ihren Wert ganz zu kennen . Auch erinnerte ich mich der Italienischen Reise von Goethe , welche ich kürzlich gelesen , Römer erzählte mir viel von den Menschen und Sitten und der Vergangenheit Italiens . Er las fast keine Bücher als die deutsche Übersetzung von Homer und einen italienischen Ariost . Den Homer forderte er mich auf zu lesen , und ich ließ mir dies nicht zweimal sagen . Im Anfange wollte es nicht recht gehen , ich fand wohl alles schön , aber das Einfache und Kolossale war mir noch zu ungewohnt , und ich vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten . Am meisten fesselten mich nur die bewegtesten Vorgänge , besonders in der Odyssee , während die Ilias mir lange nicht nahetreten wollte . Aber Römer machte mich aufmerksam , wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Nötige und Angemessene anwende , wie jedes Gefäß und jede Kleidung , die er beschreibe , zugleich das Geschmackvollste sei , was man sich denken könne , und wie endlich jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen Einfachheit von der gewähltesten Poesie getränkt sei . » Da verlangt man heutzutage immer nach dem Ausgesuchten , Interessanten und Pikanten und weiß in seiner Stumpfheit gar nicht , daß es gar nichts Ausgesuchteres , Pikanteres und ewig Neues geben kann als so einen homerischen Einfall in seiner einfachen Klassizität ! Ich wünsche Ihnen nicht , lieber Lee , daß Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus , wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint , so recht aus Erfahrung empfinden lernen ! Wollen Sie wissen , wie dies zugeht ? Halten wir das Beispiel einmal fest ! Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und von Ihrer Mutter und allem , was Ihnen lieb ist , in der Fremde umherschweifen , und Sie haben viel gesehen und viel erfahren , haben Kummer und Sorge , sind wohl gar elend und verlassen so wird es Ihnen des Nachts unfehlbar träumen , daß Sie sich Ihrer Heimat nähern ; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben ; holde , feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen ; da entdecken Sie plötzlich , daß Sie zerfetzt , nackt und kotbedeckt einhergehen ; eine namenlose Scham und Angst faßt Sie , Sie suchen sich zu bedecken , zu verbergen und erwachen in Schweiß gebadet . Dies ist , solange es Menschen gibt , der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes , und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen ! « Da es mir einmal bestimmt scheint , immer ruckweise und durch kurze Blitze und Schlagwörter auf eine neue Spur zu kommen , so bewirkten diese Andeutungen Römers , besonders diejenigen über das Pikante , mehr , als wenn ich den Homer jahrelang so für mich gelesen hätte . Ich war begierig , selbst dergleichen aufzufinden , und lernte dadurch mit mehr Bewußtsein und