ein Anderer inwendig und auswendig . Jetzt sei es froh , daß es bald von ihm komme und hoffentlich ihn nicht mehr sehen werde . Es sei ihm immer angst in seiner Nähe , vom Himmel komme ein Blitz und schlage ein in sein gottlos Maul . » So wäre es für mich , « sagte Johannes , » und dich ginge es nichts an . Vielleicht daß es gut wäre , wenn es so ginge , dann wäre ich draus und weg und allem los . Jetzt schweige mir aber mit dem Gestürm und mache , was zur Sache gehört . Ich mag viel von dir ertragen , aber genug ist genug ; ich will meinen Zorn auslassen , wie ich will , magst es nicht hören , so geh weiter ! « Vreneli ging und fiel Elisi und Trinette in die Hände , die gar jämmerlich hintereinander waren . Beide wollten geschwind von des Vaters Sachen nun erben , was da war , dann zum Krämer , dann zu Schneider und Näherinnen und sich neu kleiden lassen für das Leichenbegleit . Da tat Pressieren not , innerhalb drei Tagen mußte alles geschehen sein und in der Nähe wohnten keine Pariser Künstler , weder Schneider noch Näherin ( ein Geschöpf , welches auf dem Lande auch die Putzmacherin vorstellt ) . Trinette wollte jetzt alleine erben , wie Elisi bei der Mutter auch alleine geerbt , was in ihrem Sinne so dumm nicht war . Aber Elisi begehrte schrecklich auf , dieweil Vater und Mutter ganz verschiedene Kreaturen seien . Es wäre so was für Lumpenhunde von Söhnen und deren Schleipfen , wenn sie den Vater , welcher das Vermögen in Händen hätte , alleine beerben könnten . Potz Schieß , wie spitzte Trinette die Nägel , akkurat wie ein Kater , dem ein anderer in sein Revier kommt . So kamen die Gerichtspersonen und teilten den Kuchen , sie versiegelten alles . Bekanntlich hatte Achilles eine Ferse , welche verwundbar war , bekanntlich war sogar der hörnerne Siegfried zwischen den Achselbeinen so empfindlich , daß der wilde Hagen ihn von dorther erstechen konnte ; die beiden Gerichtspersonen aber , welche kamen , waren mehr als Achill , mehr als der hörnerne Siegfried , sie hatten keine verwundbare Stelle , sie waren ledern , hörnern , eisern über und über . Die Weiber mochten lieblich oder grimmig tun , Johannes blitzen oder donnern , sie versiegelten kaltblütig alles gut und währschaft ; es waren nicht bloß Halbgötter wie Achill zum Beispiel , es schienen wirklich ganze Götter . Es waren nämlich Männer , welche Nasen hatten , die den Braten rochen , kaltblütig ihre Pflicht taten , die Weiber auslachten , den Johannes kurz abfertigten . Wo die Mehrzahl der Erben zahm sind und nicht viel verstehen oder jung , daher blind wie Katzen vor dem neunten Tag , oder alles unter einer Decke liegt , ja da läßt sich schon was machen , da können Gerichtspersonen human , liberal , halb oder ganz blind sein , das läßt sich schon machen und ist manchmal noch was zu verdienen dabei . Aber wo es heißt » Feinde ringsum « , das Erbe mit Luchsaugen bewacht , gleichsam umstellt ist wie der Bau eines eingejagten Fuchses , da läßt es sich aufpassen , wenn man nicht Schmutz an Ärmel kriegen will statt Geld in die Tasche . Ja , felsenfest und unerbittlich wird man , hat nicht einmal an der Ferse einen blessierlichen Fleck , wenn in solchen Fällen nicht eine Hand die andere waschen muß , das heißt wenn der Versucher nicht zum Andern sagen kann : » Weißt nicht mehr , was dort und dort gegangen ? Jetzt mach was du willst , aber machst es nicht , wie ich will , so rede ich . « Unglücklicherweise für Johannes und die Weiber hatten sie eine solche Handhabe an diesen Männern nicht ; Johannes hatte seit langem nicht hier gewohnt , war hier nie in Geschäften gewesen , die Männer kamen daher nicht in Verlegenheit , und scharf ward nach Pflicht und Vorschrift gehandelt . Heulend legte sich Trinette auf ein Bett , da stellte sich Elisi lachend davor und schabte Rübchen , bis Johannes dem armen Tropf eine Ohrfeige gab , daß es blutend und schreiend zu Vreneli lief , welches ihnen vergeblich vorstellte , welch eine Schande es für alle sei , so zu tun , während ein Toter im Hause liege . Selbst die geringsten Leute täten leise während dieser Zeit , als ob sie die Ruhe nicht stören wollten , und hätten Respekt vor der Leiche , und sie , die vornehm und gebildet sein wollten , täten wie betrunkene Menschen ! Aber es half nichts . Es ist gar wunderlich mit der sogenannten Bildung , sie ist gar oft nichts als ein simpler Kleister über eine rohe Natur . Bekanntlich aber mag der Kleister das Wetter nicht ertragen , die Sonne nicht , den Regen nicht , den Frost nicht , so daß , wie man auch kleistert und frisiert , alle Augenblicke die Nase der alten Natur wieder hervorguckt . So schied der alte Mann von der Welt , wie er in der Welt gelebt hatte , in Mißvergnügen und Uneinigkeit . Es war ein großer Leichenzug , man sah wohl , daß man einen großen Bauer zu Grabe trug ; den Gesichtern dagegen sah man an , daß im Sarge weder ein bedeutender noch geliebter Mann lag , denn nicht nur weinte niemand als Vreneli und wahrscheinlich dieses auch mehr der Base zu Lieb und Ehr als dem Vetter , sondern es war ein Geschnatter , selbst ein Lachen oft im langen Zuge , wie man es sonst hinter einem Sarge her nicht für anständig hält . Die Hinterlassenen konnten sich kaum des Streites unter einander enthalten ; sobald sie ein geneigtes Ohr fanden , schimpften sie über einander , und Johannes , sobald er ein Glas Wein im Kopfe hatte , pülverte dem Vater seinen Mißmut noch ins Grab nach . Der Vater sollte jetzt an allem schuld sein , er , der Johannes , hatte keinen Fehler . Die Andern , welche außerhalb der Hörweite der sogenannten Erben saßen , ergingen sich in Mutmaßungen , ob wohl etwas Vermögen übrig bleiben werde ; daß das Gut verkauft werden müsse , darüber waren sie einig . Sie hatten aber auch recht , die Umstände waren noch viel schlechter , als man es sich vorgestellt hatte . Auch hier wollen wir die Formen , in welchen eine solche Erbschaft ermittelt , gesichtet , so gleichsam bis zu ihren reinen Bestandteilen abgeklärt wird , nicht näher bezeichnen . Jedermann in aller Herren Ländern wird daran hauptsächlich das begreifen , daß bei einem solchen Läuterungs- oder Aufklärungsprozeß ein großer Abgang sein muß . Ja manchmal ist die Masse so konfus und seltsam , daß wenn man sie aus den chemischen Apothekertiegeln herausnehmen will , man ein Erkleckliches weniger als nichts darin findet . Die Destillation mußte um so genauer vor sich gehen , da über die eine Hälfte der Erbschaft der Konkurs verhängt , jeder Gläubiger ein natürlicher und berechtigter Wächter war . Joggeli hatte keine Art von Verfügung hinterlassen . Im Gewirre der Prozesse hatte man weder daran noch an Joggelis Tod gedacht . Es fiel Manchem auf , daß Johannes sich den Hof nicht um halb nichts vom Vater habe abtreten lassen . Wir wissen nicht , warum es nicht geschah . Wollte Joggeli nicht , weil er mißtrauisch geworden auch gegen den Sohn , oder wollte Johannes nicht , weil er dachte , einstweilen sei der Hof sicherer in des Vaters Händen als in den seinen , und wenn des Schwagers Angelegenheiten beseitigt seien , lasse dies sich besser und sicherer machen als jetzt ? Als die Angelegenheit vom Gericht zu Handen genommen wurde , tat Johannes anfangs wie ein angeschossener Eber . Aber da der Gemeinde in solchen Fällen eine gewisse Verantwortlichkeit aufgelegt ist , da sie zunächst die damit beauftragten Personen erwählt , so hatte sie Männer erwählt , von denen sie sagen konnte : » Die werden das Bürschli schon ebha , da haben wir keinen Kummer . « Es fanden sich so wenige Zinsschriften und Geld vor und so viele Anforderungen häuften sich , daß es sich bald herausstellte , das Gut müsse verkauft werden . Begreiflich wollte Johannes nicht und sagte , er sei der Sohn und tue es nicht . » An eine Steigerung es bringen ist gesetzlich , da kannst du bieten wie ein Anderer . Oder wenn du einen Preis zahlst , mit welchem man kann zufrieden sein , und Geld schaffest , so viel man nötig hat , so kann man beraten , was zu machen , « sagte ihm ein Vorgesetzter . Aber da eben lag der Haken , wo er möglicherweise noch an andern Orten liegen mag : wo Geld nehmen und nicht stehlen ? Johannes hatte also ein Wirtshaus mit bedeutender Landwirtschaft . Je größer das Geschäft ist , welchem Menschen wie Johannes vorstehen , desto rascher geht es dem Kuckuck zu . Es ist bekanntlich wegen Wasserverbrauch ein Unterschied , ob man an eine Feuerspritze ein oder zwei oder ein halb Dutzend Röhren schraubt . Die Landwirtschaft will von allen Wirtschaften den nachhaltendsten Fleiß und eine stetige Behandlung , sonst verzehrt sie nicht bloß mehr , als sie gibt , sondern das Kapital wird alle Tage geringer , das heißt das Land schlechter . Die Gastwirtschaft von Johannes wurde alle Tage schlechter in dem Maße , als der Wirt und die Wirtin die besten Gäste wurden , wenn das nämlich die besten Gäste sind , welche am meisten brauchen und nichts zahlen . Je schlechter ihre Wirtschaft wurde , desto mehr neue Wirtschaften entstanden um sie herum , desto weniger trug die ihre also ein , desto mehr verringerte sie sich in ihrem Werte . Des Johannes Besitzung war also eigentlich eine fressende , nicht eine nährende , keine einträgliche , sondern eine austrägliche . Doch konnte Johannes nicht von ihr lassen ; das Leben eines Wirtes , der alle Tage frisches Brot , Fische und Fleisch von allen Sorten haben kann , war seiner Natur zu zuträglich , um es lassen zu können , auch hätte er für unsittlich gehalten , es zu lassen , denn auf der heutigen Kulturhöhe hält man für die höchste Sittlichkeit ein Leben der Natur gemäß . Er sagte , wenn er sie jetzt verkaufen wollte , so würde er fast die Hälfte daran verlieren . Beide Besitzungen vermochte er nicht zu behalten , besonders da sein Schwiegervater ihm nicht helfen wollte , sondern grobe Worte gab statt Geld , er hatte sie wahrscheinlich auch besser . Den Vater hätte er gemolken , gab derselbe zum Bescheid , jetzt werde er auch den Schwäher melken wollen , aber ohä , das sei ein anderer Knebel . Wenn noch was da sei , wenn er sterbe , so komme es allweg den Kindern kommod , es sei Zeit , daß einmal auch jemand an die denke . Er war einer von denen , dieser Schwäher , welche immer die schönsten Fürwörter haben , mit den Hauptwörtern dagegen desto schlechter bestellt sind . Er war einer von denen , welche gerne viel vorstellen . Er hatte ein großes Haus und das Haus voll hoffärtiger Töchter , von denen jede die Schönere sein und am wenigsten tun wollte . Dies ist freilich auch eine strebsame Richtung , führt aber selten an ein glänzendes Ziel , sondern zumeist an ein lumpichtes . Des Vaters Betragen mußte begreiflich Trinette entgelten , dadurch wurde sie nicht liebenswürdiger . Johannes sagte : Man solle sie nur ansehen , was er mit einem solchen Storch als Bäurin anfangen solle ; für Wirtin , um unter der Türe zu sitzen und die Hände zu reiben , möge sie noch gehen , wenn man es nicht zu genau nehme . Aber wenn er auch nicht selbst bauern könne wegen dem Storch , so lasse er doch des Vaters Hof nicht , der käme einst seinen Kindern kommod ; er müßte sich ja vor ihnen noch im Grabe schämen , wenn er denselben verkaufen ließe , den schönsten im ganzen Bernbiet ! Das war auch ein schönes Fürwort , denn hätte er ihn wohlfeil erhaschen können , so würde er sich keinen Augenblick besonnen haben , ihn zu verkaufen , wenn der Profit ihm aus seinen Verlegenheiten geholfen hätte . Wir wollen jedoch nicht in Abrede stellen , daß es Johannes hart hielt , den väterlichen Hof zu verkaufen , das adeliche Element war noch nicht ganz in ihm verflüchtigt . Kurios , daß Kinder so oft als Fürwörter gebraucht werden von Verschwendern und Geizigen , wobei jedoch zwischen beiden zumeist ein bedeutender Unterschied im Gemüte ist . Der Verschwender , der nicht ganz zum Vieh geworden , denkt wirklich an seine Kinder , aber leider zumeist hintendrein , wenn es zu spät ist , der Geizige aber wirklich selten . Ein Geiziger ward einmal um einen Beitrag zur Erziehung armer Kinder angesprochen . Das sei doch Verstand , ihm so was zuzumuten , antwortete er . Wie er es im Grabe verantworten wollte , wenn er den eigenen Kindern entzöge , um es fremden zuzuwenden . Der gleiche Geizige plagte jedoch ganz getrost durch unverständige Arbeit die eigenen Kinder bis in den Tod , so viel dachte er an sie . Aber wenn einer weder Geld hat noch Kredit , so wird er da , wo es auf Geld ankömmt , wenig geästimiert , mag er noch so laut brüllen . Da Johannes keine annehmbaren Bedingungen weder stellen wollte noch konnte , mußte der Hof an eine Steigerung kommen . Das tat auch Uli und seiner Frau sehr weh . Vreneli war da aufgewachsen , wußte kaum , wie es anderwärts war . Uli hatte schöne Träume gehabt . An einem schönen Herbstsonntage saßen sie nachmittags vor dem Hause . Tauben , Hühner , Kinder trippelten um sie her , in traulicher Freundschaft Keins das Andere fürchtend . Es war ein gar freundlich Sitzen da und ein lieblicher Anblick ringsum . Desto größer ward in Beiden die Wehmut , und die gleichen Gedanken stiegen in Beiden auf » Wie manchmal wohl sitzen wir noch hier ? « seufzte endlich Vreneli . » Es wird hart halten , ehe ich mich an einen andern Ort gewöhnt habe . Schöner mag es an manchem Orte sein , wo weithin das Auge sieht , an den schönen Seen oder wo die Berge glühen oder glitzern über das Land herein . Aber heimeliger wird es mir wohl nirgends werden als hier , wo es grün und so still ist , am Sonntage man wie in einer großen Kirche ist , alles versunken in heiliger Andacht und am Himmel das große Licht so mild und freundlich über der Erde und im Herzen das ewige Licht , das da leuchtet in der Finsternis , und jetzt noch Kinder und Tiere durcheinander glücklich und friedlich , fast wie im Paradiese . Uli , was meinst , bekommen wir es wieder so ? Das Herz will mir so schwer werden , je näher das Scheiden kömmt ; ich wähnte , ich sei gefaßt und könne mich in alles schicken , aber man kann wohl denken , wie man alles nehmen wolle , wenn es kömmt , da erst sieht man , wie schwach man ist . « » Weiß nicht recht , wie mir ist , « sagte Uli ; » bald dünkt mich , ich möge die Stunde nicht erwarten , in der ich gehen kann , bald dünkt es mich , ich sei so müde und matt , daß ich es nicht einmal ertragen möchte , auf den Kirchhof getragen zu werden , lieber gleich hier möchte ich begraben sein . Es war eine Zeit , wo ich viel daran dachte , wenn ich alleine arbeitete oder einsame Wege ging , ob es nicht möglich sei , daß ich hier Bauer werden könnte ? Ich dachte : wenn die Kinder um ihre Sache kämen , Joggeli und die Base sehr alt würden , wir glückliche Jahre hätten , reich würden , bis wir zuletzt das Gut kaufen könnten ; dann ward es mir so frei und leicht , wenn ich mich als Bauer dachte , und was mir da alles in Sinn kam , wie ich schalten und walten wollte , du glaubst es nicht . Gott wollte es anders , seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken . Es ging umgekehrt ; was wir langsam erworben , ging geschwind dahin , mehr dazu , und wie wir jetzt stehn , weiß Gott . Was unser Gevattersmann uns schuldig ist , das wird verloren sein , kein Mensch will das Papier ansehen . DSchrift wäre ganz gut , sagen sie , wenn man nur das Geld hätte . Mit der Schatzung wollten uns die Leute nicht so übel und auch mit dem Abzug nicht . Sie haben noch Erbarmen mit uns . Dachte das nicht , als sie so schnöde mir auswichen , als ich zum erstenmal nach meiner Krankheit zur Kirche ging . Glaubten wahrscheinlich , es werfe mich alsbald auf den Rücken , ich begehre sie um Geld zu plagen oder Gott weiß was . Jetzt , wo die Plage ihnen anderswoher kömmt , sind sie billig gegen mich , ich kann nicht klagen . In den Steigerungsgedingen wird alles , was ich in der Schatzung habe , der Zahl nach als Zugabe angeboten ; gilt es gehörig und findet sich einer , welcher es so kauft um den gehörigen Preis , so kann ich noch manches verkaufen , womit ich das Inventar vermehrt habe . Ich kann bleiben bis im Frühjahr , oder wenn ich abziehen muß , soll mich der Käufer entschädigen nach Ehrenmänner Befinden . Sie hätten mich härter halten können . Da graut es mir nun bald , von vornen anzufangen , wie einem , der von einem Baume , welchen er erklettern wollte , heruntergerutscht , sich dreimal besinnt , ehe er wieder ans Klettern gehen mag ; bald ists mir , wenn ich nur Berg und Tal zwischen mir und hier hätte , damit ich vergessen konnte , wie es mir hier gegangen , und wieder Mut fassen für die Zukunft , irgendwo anhängen könnte , wo mir die Hoffnung aufginge , daß wir mit Arbeit in Ehren fortdauern . Es ist mir fast wie einem , der zwischen Leben und Tod schwebt und nicht weiß , was er lieber will , leben oder sterben . Nur hier bleiben in der Schwebe , so als ein Hampelmannli zwischen Leben und Tod , zittern müssen vor jeder schwarzen Wolke , zappeln und angsten das ganze Jahr durch und doch am Ende des Jahres Gefahr laufen , mit einigen hundert Talern im Rückstande zu bleiben und mit Schmach und Schande davongejagt zu werden , das möchte ich nicht ; ich glaube , ich hielte es nicht aus , am Leibe nicht und an der Seele nicht . Ich fühle hier , so wie wir jetzt stehen , eine Ohnmacht bis zum Sterben , fühle , daß unsere Kräfte nicht reichen , darum sehne ich mich fort , während es mir das Herz zerreißt , vom Hofe zu lassen , der mir fast wie eine Mutter so lieb geworden ist . « » Ja , du hast recht , « sagte Vreneli , und Beide begannen ein Lobpreisen des Gutes , was zu machen wäre noch und wie trefflich es bereits sei , als wäre es ihr neugekauftes Eigentum ; sie vergaßen gänzlich , daß sie es vielleicht in den nächsten Wochen mit dem Rücken ansehen mußten . Auf Erden dauern schöne Träume selten lange , die rauhe Wirklichkeit läßt ihre Rechte sich nicht nehmen , und wenn die Träume am himmlischsten sich gestalten , macht sie einen Strich durch dieselben und streut Sand darauf . Johannes kam dahergerasselt und brachte einen mit , um ihm das Gut zu zeigen . Natürlich tat er , als ob er daheim sei , ging ungefragt überall herum , und wo er was Verschlossenes fand , befahl er zu öffnen , und wenn er ein hart , bös Wort fliegen lassen konnte , versäumte er die Gelegenheit nicht . Es ist nicht bald was Bittereres als dieses freche Durchstöbern eines Hauses , dieses rücksichtslose Dahinwerfen giftiger oder roher Bemerkungen . Das Gefühl , das man dabei hat , ist ähnlich dem , welches uns ergreift , wenn jemand uns die Kleider vom Leibe reißen will . Da fühlen wir es denn so recht , daß wir keine bleibende Stätte haben , sondern Pilgrime und Fremdlinge seien , welche eine zukünftige suchen müssen ; gar gerne schlägt dazu das Heimweh , scheiden möchte man von hier , heim möchte man , wo einem in jedem Falle viel besser wäre . Bald nach Johannes rasselte es wieder daher . Es waren Gläubiger vom flüchtigen Schwager , welche es wunder nahm , was etwa für sie noch zu hoffen sei . Diese machten mit der gleichen Freiheit ihre Runde , kümmerten sich um die Bewohner bloß , wenn sie was fragen , was tadeln wollten und dozieren , wie es hätte gehen sollen und wie es in Zukunft gehen müsse . Wollten Uli oder Vreneli sich davonziehen , machten sich nebenaus , so wurden sie entweder gerufen oder stießen auf die andere Partei , gerieten von einem Arger in den andern . Es war nicht bloß , als ob sie in keinen Schuh gut wären , sondern als glaube man , sie seien mit Büffelhaut überzogen , fühlten Büchsenkugeln nicht , geschweige denn Worte . Nun kam auch noch der Mann , welcher Uli die beiden Kühe abgekauft hatte , und hätte wieder gerne zwei teuer gekauft . Es war , als ob es heute wieder hagle in der Glungge , aber nicht Steine diesmal , sondern Menschen . Es war Uli sehr unangenehm , daß der Mann sehen mußte , wie er auf dem Punkte war , leer abzuziehen . Der Mann hätte Uli gerne noch zu einem Handel verleitet , welcher nicht redlich , indes zu machen gewesen wäre und Uli ein schön Stück Geld abgeworfen hätte . Aber Uli wollte nicht . Er glaube , sagte er , man könnte vor dem Richter nichts mit ihm machen , die Sache sei eigentlich noch nicht verkauft und er hätte so noch etwas für seinen Schaden . Aber es hätten nun schon Viele alles besehen , und wenn man schlechtere Ware hinstelle , um die Zahl der Stücke richtig zu machen , falls jemand in Bausch und Bogen kaufen wolle , sei dieser betrogen . Er habe mit Ehren nichts vor sich gebracht , mit Kniffen wolle er jetzt auch nichts . Der Mann sah sich das Gut auch an . Es gefiele ihm , sagte er , ein abträglicheres und gelegeneres hätte er nicht bald gesehen ; aber es sei nicht jedermanns Kauf , weil zu viel bar Geld gezahlt werden müsse , und um alles recht in Gang zu setzen , müßten wieder einige tausend Taler sein ; so viel Geld wüßte er nicht aufzutreiben , es würden Wenige sein , die so viel flüssig hätten . » Bei so einem , der dies Gut zu kaufen vermag , wäre nicht bös , wieder Pächter zu sein , wenn derselbe einen haben will ; froh wäre er sicher , dich zu behalten , weil dir alles bekannt ist « , meinte der Mann schließlich . Das war eine Möglichkeit , an welche Uli gar nicht gedacht hatte . Er warf sie aber weit weg . Wenn er schon könnte , er wollte nicht , er möge die Stunde gar nicht erwarten , bis er los sei . Es sei ihm wie einem Finken , der einen Fuß in der Schlinge hätte , und Froheres könne dem Finken nicht begegnen , als wenn er sein Füßchen frei kriegen könnte , sagte Uli . » Allweg verrede dich nicht , « sagte der Mann , » dann kannst du immer machen , was du willst . Sieh dir die Sache von beiden Seiten an . Mich reute es , wenn ich hier Pächter gewesen wäre und fort müßte lebendig . Freilich , wohl zusehen muß man , wenn man solche große Dinge unternimmt ; wie man es macht , so hat mans , und wie man bettet , so liegt man , aber wenns zu machen wäre , ich machte es , und wenn ich Geld hätte , ich ließe den Hof nicht aus den Händen . Solche Höfe sind rar , und wo liegt das Geld besser als in solchem Lande , welches nicht bloß sicheren Zins gibt , sondern wo das Kapital alle Jahre wächst ? Mach es , wenn du kannst , ein andermal handeln wir doch dann vielleicht wieder mit einander « , sagte er und ging . Das ging Uli stark im Leibe rum , dem gleichen Uli , der vorhin gesagt hatte , er möge die Stunde nicht erwarten , in welcher er endlich ziehen könne . Es war , als habe ihm einer das Herz umgedreht und andere Augen in den Kopf gemacht . So felsenfest ist der Mensch zumeist in seinen Ansichten und Grundsätzen , Er mußte immer denken , wie schön es doch hier sei , und wenn ein Besitzer käme und der ihm recht anhalte und gute Gedinge stelle , so sei es noch möglich daß er ihm den Gefallen tue ; doch wolle er es auf Vreneli an , kommen lassen , wenn es diesem ein Gefallen sei , so sei noch möglich , er tue es , es hätte auch was verdient um ihn . Des Mannes Rede setzte sich in dem guten Uli immer fester , aber Vreneli sagte er nichts davon , wahrscheinlich wollte er es angenehm überraschen . Er dachte es sich immer fester in den Leib , wie da sicher ein reicher Herr kommen werde , das Gut zu kaufen , so ein reicher Neuenburger vielleicht oder gar ein englischer Narr , welcher Geld hätte wie Bettler Läuse und es ebenso ästimiere wie Bettler Läuse . Apropos von englischen Narren ! Es gibt deren , welche hinter dem Narren den Schelm verbergen , hinter dem ungezogenen Jungen den Fuchs , hinter einem liederlichen , ärgerlichen Wandel politische Kniffe und Umtriebe , und die noble Nation verschmäht es nicht , sich durch Jungen , welche eines solchen Wesens sich nicht schämen , dargestellt zu sehen , durch ungezogene Jungen , welche , wenn sie ausgescholten oder aus der Schule gejagt werden , sich mit Gassenbuben die Zeit vertreiben , so recht wie Buben . Aber Uli sah sich umsonst um nach englischen Narren und englischen Equipagen , nach reichen Neuenburgern ; nicht einmal ein Basler , welche auch schrecklich viel Geld haben , jedoch immer noch das Geld mehr lieben als das Land , wollte kommen . Es kamen wohl Leute , aber zumeist solche in Halbleinen und mit Stäben in den Händen , fast wie die Kinder Israel sie hatten , als sie dem gelobten Lande zu wollten . Noch am Morgen , als am Nachmittag die Steigerung abgehalten werden sollte , sah er sich umsonst nach Neuenburgern oder sonstigen Herrenbeinen um ; es kamen keine , sonst Leute genug , welche die Nase allenthalben hinsteckten , um dann einen Vorwand zu haben , an die Steigerung zu gehen , um da vielleicht einige Maß Wein zu erbeuten . Denn gebräuchlich ist es , daß jedem , der ein Gebot tut , eine Maß Wein vorgestellt wird ; so kann der Unverschämte , der keinen Batzen im Sack hat , leicht zu einer Maß Wein kommen , der Unverschämteste zu mancher . Als Mittag vorüber war , ward es endlich leer auf der Glungge . Vreneli sagte , es danke dem lieben Gott , daß dies überstanden sei ; das Gschaue und immer Gschaue hätte ihm fast das Herz abgedreht , und wenn es schuld wäre , daß die Glungge verkauft werden müßte , es hätte sich totgegrämt . » Willst nicht hingehen und hören , wie es geht ? « sagte Vreneli zu Uli . » Du hast kürzere Zeit dort , siehst , wie es geht , und kannst mir Bericht bringen , wenn es vorüber ist . « » Nein , « sagte Uli , » um keinen Preis brächte man mich dahin ; ich glaube , das Wasser schösse mir in die Augen oder ich könnte mich vor Zorn nicht halten , wenn ich so von hundshärigen Käufern den Hof müßte verlästern hören , wie er verwahrlost sei und in zwanzig Jahren nicht zurecht zu machen . Sie redeten ja schon hier so , die Halunken , um sich gegenseitig abzuschrecken , und Keiner kümmerte sich darum , wie tief mir das ins Herz ging . « Gegen Abend bekam er doch große Neugierde und ward sehr ungeduldig . Es ist allerdings ein Eigenes , einsam und in aller Stille zu verharren , wenn man weiß , es geht in der Nähe Wichtiges und Entscheidendes vor . Man wird von einem eigenen Bangen ergriffen und fast unwillkürlich dem Orte der Entscheidung zu gezogen . Uli widerstand dem Zug , das Grauen vor dem , was er hätte hören müssen , war stärker als der Zug ; aber als es dunkel ward , sagte er zu seiner Frau : » Was meinst , wenn wir den Hans schicken würden , zu hören , wie es geht , und uns Bericht zu bringen ? « » Machs , « sagte Vreneli , » wenn du nicht selbst gehen magst . Aber er solle wiederkommen zur Zeit und nicht meinen , er müsse warten , bis alles aus sei und der