Mein Vater betete also und suchte die Arbeit seiner Hände durch Absingen frommer Lieder zu fördern . Halbe Nächte hörte ich seine wohllautende , nur häufig von Thränen halb erstickte Stimme , wenn ich frierend mit meiner älteren Schwester auf gemeinsamem Lager den Schlaf nicht finden konnte . Was ich von guten Liedern noch weiß - so nennt das ehrliche Volk die Kirchengesänge - das habe ich in jenen Nächten gelernt , wo der arme Vater auf Gott vertrauend für uns arbeitete . Leider blieben mir nur die Worte im Gedächtniß , Sinn und Bedeutung derselben gingen mir verloren ! « » Meine um einige Jahre ältere Schwester hatte um diese Zeit ihr sechzehntes Jahr erreicht , war hübsch , von gutem Wuchs und freundlichem Betragen . Jedermann fand an ihr Gefallen und hatte sie gern , und da unsere höchst mißliche Lage kein Geheimniß war , so würde es Niemand den Aeltern verdacht haben , wenn sie die Schwester in die Dienste Fremder hätten treten lassen . Der Vater wollte dies aber nicht , einmal , weil die Schwester der schon hinfälligen Mutter zur Hand gehen und mich gelegentlich auch beaufsichtigen konnte , und sodann , weil das hübsche Kind für Bauernarbeit zu schwächlich war . So blieben wir denn beisammen , bis ein eigener Zufall uns trennte und unser Aller Unglück herbeiführte . Dieser Zufall war ein Gespräch meiner Mutter mit einer Frau von einem nahen Gebirgsdorfe , die als Botenweib häufig in die belebten Städte , namentlich nach Erfurt und Weimar ging und von dort nebst allerhand Neuigkeiten auch sehr freie Ansichten mit in unsere stille Waldeinsamkeit zurückbrachte . Ein Ungefähr machte mich zum Zeugen dieses charakteristischen Gesprächs , das ich damals leider nicht verstand ! Vielleicht wäre sonst Alles anders und besser gekommen . « » Die Mutter kehrte aus dem Walde zurück mit einem Bund Schachtelholz , das sie vom Förster auf Credit für den fleißigen Vater geholt hatte . Müde vom scharfen Gehen setzte sie sich vor der Thür auf die Bank , legte das Holzbündel an die Erde und sah den goldenen Wolken , die von Abend her gleich beschwingten Engeln langsam über die blauen Berge schwebten , mit gefalteten Händen nach . Da ging die Botenfrau vorüber und grüßte die Mutter . « » Guten Abend , Käthe ! So andächtig ? Und seht doch aus , als hättet Ihr in acht Tagen kein warmes Gericht mehr nur von weitem gerochen ? Wie möchte ich mich nur so placken für nichts und wieder nichts ! « Dabei blieb sie wenige Schritte von der Mutter stehen , stemmte sich mit beiden Händen auf ihren langen Stock und heftete ihre falschen grünlich-grauen Augen fest auf meine betende Mutter . Ich fürchtete mich immer vor diesem langen , hagern Weibe mit dem braunen , von zahllosen Runzeln bedeckten Gesicht , in dem die falschen Augen wie grüne Flammen brannten . Im Allgemeinen war das Weib beim Volke seiner Klugheit und seines körnigen Witzes wegen beliebt , auch konnte ihr Niemand offenbare Schlechtigkeiten nachsagen . » Wer nicht arbeitet , soll auch nicht essen ! « entgegnete meine Mutter . » Ihr kennt ja den Spruch , Korbmartha ! « So hieß man nämlich ihres übergroßen Tragkorbes wegen die Botenfrau . Indem hüpfte meine Schwester aus der Hütte , um Wasser im vorüberrauschenden Bache zu schöpfen . Korbmartha sah ihr nach und blickte dann noch lebhafter auf meine Mutter . » Ist das Euere Tochter ? « fragte sie , den Stecken aufhebend und nach der Schwester zeigend . » Ihr wißt es ja , « sagte die Mutter . » Gott erhalte sie mir nur gesund ! Das liebe Kind ist meines Mannes Augapfel . « Die Botenfrau schüttelte den Kopf , und als meine Schwester im Hause wieder verschwunden war , sagte sie : » Käthe , Ihr verdientet gradezu Hungers zu sterben für Eure Unvernunft ! Warum füttert Ihr das Mädel wie ein Wickelkind ? Sie könnte ja , weiß der Herr , von der Mutter weg flugs heirathen , wenn sie Groschen hätte ! Wäre die mein , die müßte dienen , und Ihr werdet recht wohl thun , Käthe , wenn Ihr die hübsche Blitzkröte lieber heut als morgen fortschafft und ein Maul weniger zu füttern habt . « » Lieber Gott , « versetzte meine Mutter traurig , die Hände immer wie zum Gebet verschlungen , » wohin soll ich sie denn bringen ? Sie ist schwach und zart , und die Bauern mögen sie nicht . « » Wer spricht denn von groben Bauern , « fiel die Botenfrau ein . » Ein Mädel , so nett und flink und schelmisch , wie Eure Rese , muß in die Stadt . Solche Waldforellen hat man da gern . Die werden Euch dreimal so theuer bezahlt , wie das plumpe Volk , und hat sie erst ein halbes Jahr gedient , dann sollt Ihr Eure Freude an dem Mädel sehen , wenn sie Euch ' mal besucht . Wie eine Bürgermeisters-Tochter wird sie einhergehen und Kleider haben von halbseidenem Zeuge . « » Ach Martha , das wäre schon Alles recht gut , aber bedenkt nur die Verführung in den Städten ! Die jungen Herren laufen da jedem frischen Dinge nach , das ein paar rothe Bäckchen und muntere Augen aufzuweisen hat , und wie bald läßt sich da solch ein unerfahrenes Kind durch schöne Worte bethören ! Nein , nein , Martha , da will ich mir lieber den Bissen vom Munde abdarben , ja , wenn es sein muß , hungern , bis mich Gott in seiner Barmherzigkeit ausspannt ! Nur mein Kind nicht dem Bösen Preis geben ! « Die Botenfrau lachte hellauf , trat meiner Mutter ein paar Schritte näher und sagte verächtlich : » Käthe , Ihr seid eine Närrin ! - Teufel noch ' mal , in welcher Zeit denkt Ihr denn , daß wir leben ? Wir sind heutigen Tages aufgeklärter , wie vor vierzig Jahren ; wir haben begreifen gelernt , daß man dem Glück die Hand reichen muß , will man es auf dieser Welt zu etwas bringen ! Thörin , die ich war ! Hätte ich ' s Zugreifen verstanden , wer weiß , ob ich nicht jetzt Frau Soundso wäre ! O , ich wüßte zu erzählen , wenn ich nur wollte , aber das ist vorüber und darum mag ich nicht weiter daran denken . - Dagegen , was Eure Rese anlangt so rathe ich Euch nochmals , thut sie fort und zwar in die Stadt . Sie kann erst als Kindermädchen ziehen , damit sie sich benehmen lernt . Da hat sie nicht viel zu thun und doch Gelegenheit , sich bekannt zu machen . Nun , und begegnet ihr , was Ihr alte Närrin ein Unglück nennt , so bringt sie das erst recht unter die Leute und macht ihr Glück . Sie entwöhnt ihr Würmchen und zieht als Amme . Da hat sie ' s besser , wie ich und Ihr zusammen , kriegt Bier , so viel sie trinken will , und zu essen vollauf , und spielt die Herrschaft , so oft sie Lust hat ; denn um dem Kinde nicht zu schaden , thut man ihr schon allen Willen . Ich kenne das ! « » Pfui , schämt Euch , Martha ! « entgegnete entrüstet meine Mutter . » Das sind ja , verzeih ' mir ' s Gott , Vorschläge , als hätte sie der leibhaftige Satan erfunden und Euch auf die Zunge gelegt ! Nicht zufrieden gäb ' ich mich , brächte eine meiner Töchter solche Unehre auf unsern unbescholtenen Namen ! « » Nun dann betet und hungert oder geht zu guter Letzt betteln ! « sagte mit recht höhnischem Tone die Botenfrau , » denn daß es über kurz oder lang kein anderes Ende mit Euch nehmen kann , das sieht doch Jeder ein . Und dann werdet Ihr Eure glatten Püppchen noch selbst feilbieten wie frischgebackene Pfannkuchen . Gute Nacht und ' was Warmes zum Abendessen , wenn Ihr ein Stöckchen Holz im Hause habt ! « » Damit setzte die Korbmartha ihren Stecken fürbaß und wackelte langsamen Schrittes nach dem rauschenden Buchenwalde , der in geringer Entfernung die Hütte meiner Aeltern umschloß . « » Ich hatte aus dem Fenster meiner Dachkammer diese ganze Unterredung mit angehört und konnte mich nicht genug wundern , daß meine so treffliche Mutter den Rathschlägen Marthas nicht folgen wollte , die mir eben so annehmbar und klug erschienen , als die Frau selbst mir zuwider war . In meinem kindischen Unverstande zürnte ich der Mutter , die regungslos vor dem Häuschen sitzen blieb und still bittend Gott um Rath und Rettung flehte . Das leise Zittern der festgefalteten Hände sagte mir dies , so wie die einzelnen Thränen , die in großen Tropfen über die eingefallenen , vom Kummer durchfurchten Wangen liefen . Mich hatte das Wort Stadt bezaubert und ich gelobte mir in kindischer Einfalt , sobald es meine Kräfte erlauben würden , als dienende Magd vom einsamen Walddorfe in die lustige , unterhaltende Stadt zu ziehen . Ehe ich allen Ernstes an Ausführung dieses flüchtigen Einfalles denken konnte , schritt der fürchterlichste Feind des Volks , der ausgelassenste Lästerer aller Tugend und Sitte , die Noth der Armuth , eigenmächtig ein und zwang die bekümmerten Aeltern , ihre Kinder mit eigener Hand aus dem Hause zu stoßen . Es war eingetroffen , was die Korbmartha vorausgesagt hatte . Mir mußten langsam Hungers sterben , trennten wir uns nicht freiwillig . Dem unerbittlichen Geschick gaben die Aeltern nach . Meine Schwester Therese mußte ziehen , und weil die harte Arbeit bei den Bauern von ihr nicht hätte verrichtet werden können , brachte sie die Mutter selbst nach Erfurt . Sie fand bei sehr braven Leuten ein anständiges Unterkommen und gefiel sich wohl . Ich blieb einstweilen noch bei den Aeltern , da ich noch zu unselbstständig war , um mir durch Dienen mein Brod verdienen zu können . Von Zeit zu Zeit , vierteljährig wenigstens einmal , besuchte uns Therese und an ihrem Benehmen , an ihrer Kleidung und heiterm unbefangenen Wesen erkannte ich mit inniger Freude , daß die Botenfrau die Wahrheit gesagt habe . Seitdem faßte ich eine Art Zuneigung zu dem häßlichen Weibe , die ich ihr durch freundliches Grüßen oder Darreichung eines frischen Trunkes zu erkennen gab , wenn sie vorüber ging oder auf der Bank vor unserm Häuschen kurze Zeit ausruhte . Nach drei Jahren vertauschte Therese Erfurt mit Weimar . Zugleich kam ich als Laufmädchen in ein Haus nach Jena . Lieber wäre ich ebenfalls nach Weimar gezogen , um die Schwester stets um mich zu haben und von ihr manchen Wink in den neuen ungewohnten Verhältnissen zu erhalten . Es fand sich jedoch keine passende Gelegenheit , und so war ich denn auch mit Jena zufrieden . Das Leben in dem kleinen Orte machte mir großes Vergnügen . Besonders war ich den Studenten sehr hold , die mir wie ein ganz aparter Menschenschlag erschienen . Wenn sie Arm in Arm über den Marktplatz zogen oder gar daselbst schlugen und zuletzt an langen Tafeln commerschirten , staunte ich sie und ihr wundersames Treiben wie Meerwunder an . Niemand hätte mich bewegen können , einen dieser jungen meist bärtigen und dazu abenteuerlich gekleideten Männer anzureden . Ich verehrte sie viel zu sehr , als daß ich hätte glauben mögen , so gewaltig einherschreitende Männer würden die Frage eines so unscheinbaren armen Mädchens , wie ich damals wirklich war , beantworten . Wochen und Monate blieb es auch in der That bei bloßem vergnüglichen Anstaunen . Nach Jahresfrist war ich aber bedeutend größer und voller geworden und nun richteten die jungen Leute ihre Blicke auf mich . Es dauerte gar nicht lange , so redete mich Einer und der Andere an , scherzte mit mir und lachte über mein Stammeln und Erröthen . Betrat ich Abends den Markt , so begleiteten sie mich in Masse unter dem Vorgeben , mich zu beschützen , und mehrmals , wenn ich mich dankend an der Thür meiner Herrschaft gegen sie verbeugte , ließen sie mich hoch leben . Obwohl solche Aufmerksamkeit meiner erwachenden Eitelkeit schmeichelte , erschreckte sie mich doch auch , um so mehr , als meine Herrschaft mich ernstlich bat , der wilden zügellosen Jugend keinerlei Anlaß zu fortgesetzter Huldigung zu geben . Dies fiel mir nun zwar nicht ein , so wenig , als ich mir in meiner Unschuld irgend etwas dabei dachte , nur fand ich bei häufigerem Beschauen meiner Person im Spiegel , daß ich nicht garstig sei , und seit dieser unglücklichen Entdeckung verwandte ich weit mehr Sorgfalt auf meinen Anzug , als bisher . Fast alle meine kleinen Ersparnisse , von denen ich bereits Einiges nach dem Vorbilde meiner älteren Schwester den Aeltern hatte zufließen lassen , zehrte der Ankauf neuer und modischer Kleidungsstücke auf . Ein in dem muntersten Tone geschriebener Brief Theresens meldete mir bald darauf , daß sie ebenfalls nach Jena kommen würde und wir fortan ein recht geschwisterliches Leben zusammen führen wollten . Meine Freude war sehr groß . Ich konnte Theresens Ankunft kaum erwarten und wußte mich nicht zu fassen vor innerlicher Glückseligkeit , als ich die geliebte Schwester nun wirklich in meine Arme schloß . Therese war in den letzten beiden Jahren sehr schön geworden . Sie konnte mit ihrem tadellosen Wuchse , dem schönen Blond ihrer weichen Haare und dem feurigen Ultramarinblau ihrer länglichen Augen unter so vielen jungen Männern nicht unbemerkt bleiben . Schon nach Verlauf einiger Tage sprach man nur von dem schönen Dienstmädchen , hatte ermittelt , daß es meine ältere Schwester war , und begann nunmehr in galantester Weise vollkommen Jagd auf sie zu machen . Ich erschrak bei dieser unerwarteten Wendung der Dinge , nicht weil ich mich im Augenblick vernachlässigt sah , sondern weil ich für meine Schwester fürchtete . Diese hatte aber während ihrer mehr als vierjährigen Dienstzeit die Welt und das Gebahren der jungen Männer hinlänglich kennen gelernt und wußte die Zudringlichsten und Kecksten mit erstaunlichem Tacte in gehöriger Entfernung zu halten . Es fehlte ihr nie an den schärfsten und treffendsten Entgegnungen auf kecke oder gar zweideutige Anfragen , und so wußte sie sich denn inmitten einer Unzahl von Anbetern vollkommen sicher . So verstrich wieder mehr als ein halbes Jahr . Wir Schwestern lebten in freien Stunden viel zusammen , sendeten so oft wie möglich Botschaft an unsere Aeltern und erhielten dergleichen wieder zurück . Es hatte ganz den Anschein , als sei uns das Glück nicht abhold . Da bemerkte ich , daß Therese , die von Natur lebhafter und gesprächiger war , als ich , immer stiller wurde und oft sinnend vor sich hinstarrte . Ich beobachtete sie wochenlang , ohne nach dem Grunde zu fragen , schlich ihr unbemerkt nach , wenn sie am dunklen Abend zu mir kam und wieder nach Hause ging , und entdeckte einen ihrer harrenden Begleiter . Es war ein hoher , schöner Mann , wie ich späterhin hörte , ein Lievländer , von adliger Geburt und sehr reich . Bei dieser Entdeckung fielen mir zum ersten Male wieder die Worte der häßlichen Korbmartha ein und eine peinigende , nicht mehr von mir zu wälzende Angst schnürte mir das Herz zusammen . Ich entschloß mich , meine Schwester in theilnehmendstem Tone auszuhorchen , zur Rede zu setzen und sie zu warnen . Die Gelegenheit fand sich schon am nächsten Abend , wo ich Therese mit ihrem Galan auf der Hausflur in zärtlichster Umarmung überraschte . Der Lievländer verließ die Erschrockene mit einem Scherze , wobei ich selbst auch etwas abbekam , und wir hatten nun Muße , uns nach Herzenslust gegenseitig auszusprechen . Meine sehr eindringliche Rede hörte Therese mit tiefem Schweigen an . Sie rechtfertigte sich nicht , sie versuchte es auch später nie ; sie hörte mir gesenkten Kopfes zu und seufzte nur . Als ich endlich ausrief : Bedenke , gute Schwester , daß ein reicher Baron so weit her Dich , ein armes Dienstmädchen , nie heirathen wird , da fiel sie mir laut schluchzend um den Hals , küßte mich inbrünstig und drängte mich dann aus der Thür , die sie rasch hinter sich verriegelte . Nachdenklich ging ich heim . Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zuthun . Sollte ich die Aeltern von der Neigung Theresens benachrichtigen oder dieselbe verschweigen ? Darüber zerbrach ich mir den Kopf , bis ein wüster Schmerz mich befiel . Um die Schwester nicht gar zu sehr zu betrüben , schwieg ich und beschloß , ferner nur im Stillen aufzupassen . Dies fruchtete jedoch nichts . Therese ließ sich nicht mehr überraschen , blieb aber still und sinnend , wie zuvor . Ob sie noch mit dem Lievländer umging oder um ihn trauerte , konnte ich damals durchaus nicht errathen . Mit schwesterlichem Bedauern bemerkte ich nur , daß die Liebende bleicher und immer bleicher ward , und schrieb dies auf Rechnung ihres Grames . Nur einmal fragte ich noch theilnehmend , was ihr fehle und warum sie so ganz eine Andere geworden sei ? Da warf sie mir einen so entsetzlichen Blick zu , daß ich zurückschauderte und mich fortan zuweilen vor der Schwester sogar fürchten konnte . Sechs Wochen später weckte mich früh am Morgen ein entsetzlicher Tumult . Ich eile an ' s Fenster , reiße es auf und sehe mitten auf dem Markte eine Menge sich drängender Menschen . Nun stürze ich die Treppe hinunter , frage , was es gibt ? und dringe , da mir Jeder schüchtern ausweicht , immer weiter vor , bis ich vor meinen Füßen den bleichen , schönen Körper meiner armen Schwester liegen sehe . Fest umschlungen und zum Schutz noch mit Stricken an die Brust gebunden hielt sie ein neugebornes Kind . Die Unglückliche hatte sich unmittelbar nach erfolgter Entbindung in die Saale gestürzt . Zwei Tage vorher war der Lievländer , ihr Verführer , in seine Heimath abgereist . Ein Brief von ihm , den ich unter den Sachen meiner Schwester fand , verrieth mir dies . Er war sehr lakonisch und scherzhaft beleidigend . Der reiche Herr bedauerte , daß seine Zärtlichkeiten so unangenehme Folgen haben sollten und meinte , daß für diese nicht er , sondern das schöne , gefällige Kind einzustehen habe . Schlüßlich wünschte er ihr alles Gute recht bald einen neuen Freund , den das tückische Schicksal nicht von ihr reiße , und damit sie sähe , daß er ihr noch immer gewogen sei und für sie sorge , erlaube er sich die Kosten der Taufe in einigen Goldstücken beizuschließen . - - « Ein Strom von Thränen erstickte Bianca ' s Stimme . Aurel ließ die Bedauernswürdige gewähren und benutzte die eingetretene Pause , um einen Blick in den großen Saal zu werfen , wo seit Kurzem lebhafter Wortwechsel sich erhoben hatte . Er bemerkte , daß eine Menge junger elegant gekleideter Herren ein hübsches weinendes Mädchen zu beruhigen suchten , während andere tobten , fluchten und bei Allem , was Ihnen heilig sei , den Unverschämten zu züchtigen schworen . » Ein gewöhnlicher Wirthshausstreit , « dachte der Kapitän und nahm seiner Schönen gegenüber wieder Platz . Er fand sie gefaßt und bereit , den abgerissenen Faden ihrer Erzählung wieder anzuknüpfen . Aurel bat darum und Bianca fuhr sort : » Sie kennen unstreitig die Einrichtung auf Universitäten , nach welcher die Leichname der Selbstmörder auf die Anatomie abgeliefert werden müssen . Ich hatte mehrmals davon gehört und würde jedenfalls selbst in meinem unaussprechlichen Schmerze daran gedacht haben , wäre ich nicht durch die frohlockende Bemerkung eines vorübergehenden Studenten auf der Stelle in furchtbarer Weise daran erinnert worden . Ich hörte nämlich dicht hinter mir rufen , indem sich ein bärtiges Gesicht über meine Schulter schob : Donnerwetter , das ist ein Bissen für uns ! Eine von den drei Grazien ohne Widerrede ! Wo das die Theologen spitz kriegen , muß der Profector das Auditorium schließen lassen , sonst erdrücken uns die Jünger des heiligen Geistes , um den Genuß zu haben , ein junges schönes Mädchen im Naturzustande , so lange es ihnen beliebt , mit lüsternen Blicken betrachten zu können . « » Mich überlief es eiskalt . Meine arme unglückliche , gemißhandelte Schwester noch im Tode entehrt , den Blicken neugieriger Spötter ausgesetzt zu wissen - dieser Gedanke empörte mich ! Ohne Zaudern that ich Schritte , um meine todte Schwester loszukaufen . Daß dies häufig geschah , wußte ich . Selbst während meiner Anwesenheit in der Universitätsstadt war es schon einige Male vorgekommen . Namentlich erinnerte ich mich eines Falles , wo die Tochter einer angesehenen Familie , die selbst Hand an sich gelegt hatte , gegen Erlegung der festgesetzten Summe sogleich von der Universität frei gegeben wurde . Darauf fußte ich . An Geld fehlte es mir auch nicht , wenn ich zu dem vorgefundenen Golde meine eigenen Ersparnisse legte . Es hatte nichts mehr Werth für mich , als der Körper der entseelten Therese . Mit dem nöthigen Gelde versehen , von Schmerz und Scham tief gebeugt , brachte ich mein Anliegen vor und - ward kühl abgewiesen . Schönes Kind , sagte man zu mir , es thut uns leid , Deine Bitte nicht erfüllen zu können . Deine Schwester ist Mörderin und Selbstmörderin zugleich und überdies als liederliche Dirne aus der Welt gegangen . Solche Personen sind unrettbar dem Messer des Anatomen verfallen . Wäre Therese häßlich , nun , dann könnten wir allenfalls ein Auge zudrücken , so aber ist die Entleibte ein Meisterwerk der Schöpfung , und je seltener so tadellose Cadaver zu bekommen sind , desto mehr müssen wir danach angeln . Gib Dich also nur zufrieden , liebes Kind , behalte Dein Geld und mache Dir einen guten Tag ! Ich glaubte vor Entsetzen in die Erde sinken zu müssen . Ich warf mich dem strengen Herrn zu Füßen , ich bat mit flehendster Schmerzensstimme , ich bot den doppelten Preis - Alles umsonst ! Zuletzt ward ich hart angelassen und mit der Bemerkung aus dem Zimmer geführt : Bei armen Mädchen könne man durchaus keine Rücksichten nehmen ; man habe genug mit den Reichen zu thun , die auf ihr Vorrecht pochend bei unangenehmen Ereignissen ähnlicher Art nie unterließen , an dasselbe zu appelliren . Ihnen müsse man aus Klugheit willfahren , bei armen Dienstboten aber fiele jeder haltbare Grund weg . So ungefähr , wenn auch in andern Worten , lautete der mir gegebene Bescheid . Ich wußte mir nicht mehr zu rathen , zu helfen . Theresens Leichnam war bereits auf die Anatomie gebracht worden , und , wie die Sachen standen , keinerlei Aussicht vorhanden , irgendwie meinen Zweck zu erreichen . Indeß wollte ich doch nichts unversucht lassen und so lief ich denn durch die halbe Stadt , um Erkundigungen einzuziehen und mit den zur Zeit geltenden Verordnungen und Gesetzen mich bekannt zu machen . Was ich auf diesen schweren Gängen ermittelte , war freilich für mich nicht sehr tröstlich . Damals ward mein geängstetes Herz zum ersten Male von der entsetzlichen Wahrheit zerfleischt , daß in unsern civilisirten Staaten die Armuth sogar vom Gesetz wie ein Laster behandelt wird ! « » Sollten Sie , armes Mädchen , « fiel Aurel ein , » unserer Gesetzgebung nicht einen zu harten Vorwurf mit dieser Behauptung machen ? « » Nein , Herr Kapitän . Hören Sie , nach welchen Grundsätzen auf jener Universität zu meiner Zeit die Anatomie mit Leichnamen versorgt ward . Zuerst erfuhr ich , was ich bereits wußte , daß nur reiche Verwandte Selbstmörder von der Anatomie loskaufen können . Ferner war es damals noch Sitte - ob inzwischen eine Aenderung stattgefunden hat , weiß ich nicht - daß nur bei der Section im Hospital verstorbener armer Mädchen , die gesetzlich auf die Anatomie geliefert werden mußten , das Hospitiren der Nichtmediciner gestattet ward . Jedermann weiß , daß diese nicht wissenschaftliches Interesse , sondern einzig und allein Neugier und wollüstiger Kitzel an den Secirtisch treibt . Man ergetzt sich in Gemeinschaft an schönen Formen und unzarten , wo nicht sittenlosen Witzen , die man auf Kosten des vorliegenden Leichnams oder des ganzen wehrlosen Geschlechtes macht . Nach einer andern gesetzlichen Bestimmung mußten alle unehelichen Kinder , wenn sie vor dem zurückgelegten vierzehnten Jahre starben , unausbleiblich auf die Anatomie geliefert werden ! Wahrscheinlich sind die Gesetzgeber bei dieser höchst moralischen Bestimmung der Ansicht gewesen , die bis heut noch leider allgemein verbreitet ist , daß jede vom Priester nicht eingesegnete Verbindung eine sündhafte sei und der erkauften Liebe gleichkomme ! Eine entsetzliche , verdammenswürdige Annahme , die jede reine Neigung tödtet , die alle wahre Sittlichkeit gänzlich untergräbt ! Weit entfernt , die Ehe herabsetzen zu wollen , bin ich doch fest übezeugt , daß mehr ehelich geborene Kinder unkeuschen Umarmungen ihre Entstehung verdanken , als unehelich geborene , und doch entblödet man sich nicht , diesen Schuldlosen einen Fehl , einen Flecken anzudichten , der sie in den Augen der vorurtheilsvollen Menge der übrigen Menschheit gegenüber herabsetzt . Am schrecklichsten aber und gradezu unmenschlich erschien mir die grausame , aller christlichen Liebe hohnsprechende Verordnung , nach welcher alle Leichname gefallener Dienstmädchen , wenn auch seit ihrem Falle ein Zeitraum von vierzig Jahren vergangen sein sollte , der Anatomie anheimfallen . Merken Sie wohl , nur der Dienstmädchen , gefallene Töchter der Bürger und des Adels unterliegen dieser Strafe , die mithin nur für die Armuth erfunden worden ist , nicht.1 Schon wollte ich mich in mein Schicksal fügen , als ich aufmerksam gemacht wurde , daß vielleicht durch persönliche Rücksprache mit einem hochgestellten Manne ein Tausch bewerkstelligt werden könne . Man lobte die Höflichkeit und Zuvorkommenheit dieses Mannes und ich ging der todten Schwester zu Liebe zu ihm . In der That fand ich einen der einnehmendsten Männer in ihm , die mir je vorgekommen sind . Jung , interessant , sehr lebhaft und überaus galant , behandelte er mich wie eine Dame . Dies gewann ihm sogleich mein Vertrauen , denn ich war bisher immer nur an unfreundliche Befehle gewöhnt . Meinen inständigen Bitten schien er nicht abgeneigt . Er versprach mir , sich zu erkundigen , ob eine Vertauschung , ohne Verdacht zu erwecken , möglich sei , und bat mich , ihn Abends nach Sonnenuntergang nochmals mit meinem Besuche zu beehren . Beruhigter kehrte ich zu meiner Herrschaft zurück , die mich sehr ungnädig aufnahm . Unverdiente Vorwürfe und bittere Schmähungen mußte ich ohnehin so tief Gebeugte über mich ergehen lassen . Sie kündigte mir den Dienst , da sie ein Mädchen , auf welches die ganze Stadt mit Fingern deutete , nicht um sich haben möge . - Ich ertrug Alles schweigend und konnte den Abend kaum erwarten , der mir Gewißheit bringen sollte . Er kam , ich besuchte den Mann , der mir allein noch helfen konnte , abermals . Noch höflicher , als am Tage , empfing er mich . Es wird sich thun lassen , mein schönes Kind , sagte er . Noch in dieser Nacht soll ein anderer weiblicher Körper abgeliefert werden . Niemand weiß davon und so kann ich Dir gegen Morgen Deine arme Schwester wieder geben . Ich war gerührt , entzückt , drückte dem gütigen Manne im heißen Dankgefühl die Hand und bot ihm all mein baares Geld für seine Großmuth an . Lächelnd schlug er es aus . Das behalte für Dich , Du wirst es schon brauchen , sagte er . Weit lieber wäre mir ein Kuß von den schönen Lippen , die so anmuthig danken können . Werd ' ich vergeblich darum flehen ? - Er sah mir so freundlich , so mild und gutherzig in die Augen , und ich fand den Gefälligen in jenem Augenblick so schön und wahrhaft liebenswürdig , daß ich mich nicht lange besann . Weinend sank ich an seine Brust , schlang meine Arme um seinen Nacken und preßte meine Lippen fest an seinen Mund . Lange hielten wir uns umschlungen , wir fühlten den beschleunigten Schlag unserer Herzen . Als ich mich endlich aus den Armen des vortrefflichen Mannes wieder losmachen wollte , fühlte ich mich in der heftigsten Aufregung . Der gütige Vermittler entließ mich nicht . Von Neuem umschlang , drückte er mich an sich . Es ist um Deine Schwester ! flüsterte er mir zu , und dies Zauberwort hätte mich damals selbst in der Hölle fest gehalten . Seinen Bitten konnte ich nicht widerstehen . Ich blieb , blieb lange , lange , und als ich von ihm ging , hingen Thränen an meinen Wimpern , Thränen , die nicht meiner Schwester , die mir selbst galten ! Jetzt hätte ich neben der Todten niederknien und auf ihren kalten Mund einen Kuß der Vergebung drücken mögen . Was war ich mehr , als sie ? Konnte ich nicht gleich ihr endigen , nun ich gefallen war , wie sie ? - « Verstohlen , dem Monde ausweichend , um den Schatten meiner Gestalt nicht zu sehen , schlich ich nach Hause . Schlaflos brachte ich die Nacht unter Thränen , unter Gebet , unter entsetzlichen Vorwürfen hin . Als der Morgen graute , verließ ich mein ärmliches Lager , das mir zur Folterbank geworden war . Ueber die öden Gassen eilte ich schnellen Laufes nach der Anatomie . Da schmetterte mich die trockene Antwort nieder , daß der versprochene Leichnam untauglich sei und mir demnach die Schwester nicht verabfolgt werden könne ! - - Dabei blieb es . Therese verfiel dem Messer des Anatomen und ich hatte meine Jugend , meine Unschuld , meine Ehre einem Phantom geopfert ! Von meiner Dienstherrschaft entlassen , das Augenmerk der ganzen Stadt , für die ich nur die Schwester der schönen Selbstmörderin war , blieb mir nichts übrig