- Ich hab mir oft gedacht , wenn ich Feldherr wär und von meiner Gegenwart des Geistes alles abhing , daß ich alles verantworten müßt , ob ich da nicht zwischen Begeistrung und Furcht schwanken würde ; aber wenn ich Euch an der Seite hätt , dann wollt ich meiner Entschlossenheit gewiß sein . « - » Warum ? - Trauen Sie mir so viel Mut zu ? - Hab ich ihn doch noch nie bewiesen , und vielleicht noch nicht Gelegenheit gehabt , ihn zu proben , denn des Juden Weg ist , sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen , mit denen der Christ ihm die Straßen verhackt , und er muß sich scheuen , daß die Hunde wach werden , die in die Dornen hinein ihn verfolgen , daß er nicht mehr vor- noch rückwärts weiß und oft im Schweiß seiner Mühen zugrunde geht , und was noch trauriger ist , - seinen Gott nicht mehr im eignen Herzen findet , « - und er faltete seine Hände und verfärbte sich - er ist eine feinorganisierte Seele - , es bewegte mich , ich sagte : » Ich hab nicht an Euren Mut dabei gedacht , aber mir deucht , in Euer Antlitz zu sehen , das würde meine zerstreuten Gedanken sammeln und meine Entschlossenheit festmachen wie einen Pfeiler , denn ich würde nie vor Euch beschämt stehen wollen ; und dann fühl ich , daß Ihr in der Gefahr wachsen würdet , denn Ihr würdet gewaltig sein , wo es des Geistes bedürfte , weil böse Leidenschaften in Euch abwesend sind und Euren Geist nicht hindern , gegenwärtig zu sein , denn ich glaub , Gegenwart des Geistes hat man nur der Abwesenheit der Leidenschaften zu danken , die einem ins Handwerk pfuschen . Aber Ihr seid vollkommen ruhig und habt doch Euren Zweck im Auge und steht über den Vorurteilen des Lebens und habt Jahre und seid so fest , so ernst , so gar nicht ermüdet von den strengen Prüfungen , Ihr klagt nicht , Euch ist das Leben gerecht , wie es Gott Euch gab ; das ist Weisheit , mein ich . « - » Und doch ist der Ephraim nur ein Handelsjude , « sagte er . - » Ja , aber Ihr habt Euer Leben zum Tempel gemacht und seid Hoherpriester darin . « - Das Gespräch führte noch weiter und endlich dahin - was ich mir für Dich aufschrieb : - » Daß der Leib in sich begeistigt ist - einen Geist in sich habe , erkennen wir darin , daß er sich geheiligt empfindet im Denken . - Ein Denkender , ein geistig Erregter hat einen geheiligten Leib . « Dies war das letzte von unserem Gespräch , was dazwischen lag , weiß ich nicht mehr ; - aber auf dem Turm , in der kalten Winternacht plauderten die Sterne weiter mit mir : » In der Liebe ist das erste , was wir weihen , der Leib - und dies ist die Wurzel und der Keim der Liebe - und ohne diese Weihe wird keine Liebe bestehen , sie welkt wie eine Blume , die man bricht , aber durch diese Weihe , mit ihr , muß die Liebe bestehen , jede Erkenntnis des Höheren fängt mit dieser Weihe an ; wenn der Geist göttlich empfindet , das heiligt den Leib . « » Jedes Annähern im Geist sucht den Sitz des Geistes im Innersten und das empfindest Du umgeben vom Leib , - wie Du die Tempelhalle geweiht achtest , von der Du weißt , daß inner ihren Mauern die Opferflamme lodert . « » Der Tempel stellt den eignen Leib dar und des Gottes Lehre den eignen Geist . « » Den Geist des andern empfinden , so wie der sich selber empfand , als er dachte , das befruchtet den Geist . « - » Verstehen ist unmittelbares Berühren der Geister , und dies ist Lebendigsein , erzeugt selbständig Leben , und alles andre ist nicht Verstehen , - und der geringste Keim selbständig in der Brust ist Offenbarung . « » Drum befruchtet das wahre Verstehen den Geist . « » Fürchte nicht , daß Deine Liebe verloren sei , die Geister tragen sie hin , wo sie wirkt , wo sie erzeugt , wo sie ins Leben eindringt des Geistes . - Und das ist ja der Liebe einziger Bedarf , aufgenommen zu sein ; und was nicht ihrer Empfängnis fähig ist , das ist auch nicht der Liebe Gegenstand , drum fürchte nicht , daß die Liebe ihr Ziel nicht fände , alles wahrhafte Leben hat ein Ziel . « » Also hast Du eine lebendige , aus der Großmut entsprungne Liebe , so verfehlt sie nicht ihr Ziel , denn es liegt in ihr selber , wie der Atem in der Brust liegt . « » Alle Handlung , die nicht Großmut ist , ist Lüge , ist Scheinleben ; alles was nicht Geist ist , ist Lüge - Großmut muß Scheinleben in wahres Leben verwandeln . « » Was ist Großmut ? - Geist ? - Denken , Handeln und Fühlen zugleich . - Großmut muß aus dem tiefsten Geist sich entwickeln - Geist umfaßt alles , jede Regung fließt aus ihm . Je mehr Du Geist ausströmst , je mehr strömt er Dir zu . « » Großmut ist recht eigentlich sinnlicher Geistesstrom , alles was die Großmut hemmt , ist geistlos . « Das waren so die Nachzügler von meinem Gespräch mit dem Juden . Bin ich nicht glücklich , Günderode , daß mir Gott einen solchen an die Tür geschickt hat in so verachteter Gestalt , und daß seine Hoheit um so mehr drunter hervorleuchtet ? - Und der mir zu trinken gibt , wo mein Herz lechzt und nicht die Quelle finden konnt , denn gewiß , dieser Mann beschenkt mich fürstlich , und ich kann ihm nicht vergelten , und er hat mich gewiß auch so lieb wie seine Enkel , für die er mit Herz und Seele sorgt . Er gefiel mir gleich so wohl , wie ich ihn zum erstenmal sah , er zog mich an , und ich scherzte freundlich mit ihm , weil ich ihm wohltun wollte , da ich weiß , daß niemand freundlich mit solchen Leuten ist und nur ihrer spottet - jetzt aber denk ich jedesmal , wenn ich ihn seh , wie hoch er über mir steht , und wie gütevoll und herablassend er gegen mich ist , er auch behandelt mich wie der Meister seinen Zögling , ich fühl jeden Augenblick seine Übermacht . - Während ich mit ihm rede , schreibt er immer kleine Sätze ins mathematische Heft , die er mir noch zuletzt anweist , wie ich sie herausfinden soll , das macht , daß unser Gespräch sich in Pausen einteilt und feierlich und langsam ist , das macht mir auch so viel Freud . - Wenn ich zu Savigny hinunterkomm , da bin ich immer ganz ausgelassen lustig vor heimlicher Freud , daß ich so einen liebenswürdigen Meister hab , dem ich so von Herzen zugetan bin , ich würde für ihn durchs Feuer laufen , - für Dich auch - ich hab immer die Studenten drum beneidet , wenn ich mir dacht , daß sie so ein Verhältnis zu ihrem Professor haben , daß sie so stolz drauf sind , seine Schüler zu sein , und ihm die Stange zu halten ; damit mein ich , daß sie sich ihm widmen mit ihrem ganzen jugendlichen Enthusiasmus . - Es ist nichts Schöneres in der ganzen Welt als dies . Wär ich ein weiser Meister ; wenn mir die Studenten aus vollem Herzen ein freudig Lebehoch brächten , wenn sie im Fackelzug anmarschiert kämen , ja , das wär mir am liebsten von allen Ehrenkränzen . - Der Ephraim hat so einen Charakter , der imponieren und die Schüler anziehen muß , wenn der Philosoph wär , was er doch eigentlich ist , so müßten die Schüler mit Leidenschaft an ihm hängen , - er sagt , meine Schüler lieben mich auch , aber die Vorurteile liegen wie unersteigliche Berge zwischen uns . - Savignys fragen als : » Nun , war dein alter Mathematikus bei dir , hast du wieder Judenweisheit studiert ? - Bist du heut wieder klüger wie die andre Menschheit , hat dich dein Jud eingeweiht ? « - Ich sag ja und lach mit und freu mich , daß ich allein alles weiß von ihm - ich will Dir was sagen , ich hab ihm die Manen vorgelesen und ihn gefragt darüber manches , er hat mit Bleistift drunter geschrieben : » Du solltest Geister rufen und sie sollten deinem Ruf nicht folgen ? - das glaub nimmer . « Wenn ich abends auf den Turm geh , an Tagen , wo er da war , sind die Gedanken , die mir da oben von den Sternen kommen , immer so übereinstimmend mit seinen Reden , daß ich manchmal meinen muß , sie hätten ' s ihm eingegeben für mich . - Solche Gedanken , die mir lieb sind , schreib ich in ein Buch , um die schönsten draus zu wählen und Dir zu schreiben ; am Tag vorher , als ich vom Turm kam - es war spät , ich war müde und schrieb eilig , ohne mich zu besinnen , was mir noch im Kopf schwärmte , von da oben : » Darum ist ' s auch oft , warum das Göttliche nicht in uns haftet , weil wir selbst schlecht werden , indem wir mit dem Bösen streiten ; wir wurden boshaft , indem wir das Böse verfolgten . « - » Gott hat den Adam nicht aus dem Paradies verjagt , der Adam ist ihm von selbst entlaufen . Wo könnt ein Engel eine gottgeschaffne Kreatur aus dem Paradies jagen wollen ? - Alles Göttliche ist Steigen , was nicht mitsteigen kann , das sinkt . « » Wo könnte aber das Göttliche aufsteigen , wenn nicht aus dem Ungöttlichen ? - Wie könnte das Göttliche vom Ungöttlichen sich sondern wollen ? - Nein , es ist recht seine göttliche Natur , sich nicht von ihm zu sondern ; es mischt sich mit ihm und reizt es , des Göttlichen inne zu werden , nur Verachtung löst sich ab vom Göttlichen , nur der Tod löst sich ab , und vieles ist der Tod selbst , wodurch die Menschen sich vom Ungöttlichen absondern wollen , - sich des ewigen Lebens teilhaftig machen wollen . « - » Die Freiheit muß zur Sklavin werden des Sklaven , sie muß sich dem Sklavensinn erobern , wie könnt sie sonst Freiheit sein ? - In was kann Freiheit sich aussprechen als im Gebundensein und unterworfen dem göttlichen Trieb , das Ungöttliche göttlich zu machen ! - Wer ist mächtig die Ketten zu tragen , wenn nicht die Freiheit ? - Und wer kann die ohnmächtigen Sinne beleben als nur das Leben selbst ? « - » Man sagt zwar , das Göttliche vertrage nicht das Ungöttliche , aber es muß alles vertragen können , nur in ewigem Verwandeln in sich besteht das Göttlichsein . « Das hab ich heut auf dem Turm gelernt , und dann hab ich noch gedacht : » Wenn du dich im Geist begegnest mit dem , was du liebst , so trete auf im Schmuck deiner Begeistrung , sonst würde es dich nicht erkennen . « » Daß dich der Geliebte berühre im Geist , kann nur aus Begeistrung geschehen , so kann auch nur Begeistrung zu ihm reden . « - Als ich den Ephraim begleitet hatte , ging ich gleich auf den Turm , obschon das nicht gilt , wenn die Sterne noch nicht am Himmel stehen ; aber ich mochte nicht wieder ins Haus , es war mir zu behaglich in freier Luft . Fühlst Du das auch , das Glücklichsein , bloß weil Du atmest , - wenn Du im Freien gehst und siehst den unermeßlichen Äther über Dir - daß Du den trinkst , daß Du mit ihm verwandt bist , so nah , daß alles Leben in Dich strömt von ihm ? - Ach , was suchen wir doch noch nach einem Gegenstand , den wir lieben wollen ? - Gewiegt , gereizt , genährt , begeistigt vom Leben - in seinem Schoß bald , bald auf seinen Flügeln ; ist das nicht Liebe ? Ist das ganze Leben nicht Lieben ? - Und Du suchst , was Du lieben kannst ? - So lieb doch das Leben wieder , was Dich durchdringt , was ewig mächtig Dich an sich zieht , aus dem allein alle Seligkeit Dir zuströmt ; warum muß es doch grade dies oder jenes sein , an das Du Dich hingibst ? - Nimm doch alles Geliebte hin als eine Zärtlichkeit , eine Schmeichelei vom Leben selbst , häng mit Begeistrung am Leben selbst , dessen Liebe Dich geistig macht ; - denn daß Du lebst , das ist die heiße Liebe des Lebens zu Dir ; es allein hegt in sich den Zweck der Liebe , es vergeistigt das Lebende , das Geliebte . - Und alle Kreatur lebt von der Liebe , vom Leben selbst . Ja , so ein Gedanke , Günderode ! Einer könnt fragen , ob er nicht Einbildung sei ? - Aber mich kümmert ' s nicht , ob alle es nicht glauben , ich bin mir genug und brauch keine Beglaubigung dazu . Tiefere Wahrheit erkennen ist ja das Leben verstehen - so empfindet man ja , daß große Taten die schönsten Momente des Lebens sind ; also ein wirkliches heißes Umarmen mit dem Leben selbst . Solche himmlische Momente , aus denen sich nachher die Gewißheit der Liebe ergibt . - Ja , eine große Tat allein ist Feier der Liebe mit dem Leben , und sind die Menschen nicht lebentrunken , wenn sie groß gehandelt haben , wie der Liebende trunken ist vom Genuß , von der Gewißheit , geliebt zu sein ? - Ist das nicht jene Seligkeit , deren jeder andere bar ist , der nicht den Mut hat , der heiligen Inbrunst des Lebens sich liebend hinzugeben , und an der großen Tat vorbeischleicht ? - Ja , was ist der innere Genuß solcher Beglückter , als trunken sein von Begeistrung , die zu ihnen strömt als Gegenliebe ; denn rein und groß sein im innersten Gewissen , das ist von dem Leben durchdrungen sein . - Man sagt , die große Tat belohnt sich selbst , oder , er hat den Lohn in der eignen Brust , - und so ist keiner zu ermessen , in dessen Brust dies Verheißen ewiger Inbrunst zwischen Leben und Lebendem diesen Lohn erzeugt . Es ist der einsame tiefverborgne Glücksmoment , der keinen Zeugen hat , der nie sich nachfühlen läßt , den jeder wahrhaft Liebende verschweigt , der ihn über alles Erdenschicksal hebt , und der auch über alles , was in der Welt anerkannt wird , ihn stellt , was ihm das Gepräg des Erhabnen gibt . Ja , die Großtaten , die leidenschaftlichen Küsse des Lebens lassen einen sichtlichen Eindruck zurück , der sich selbst , ich will ' s glauben , auf Kinder und Kindeskinder vererbt , denn wo käme der Adel her ? - Ist der nicht aus der heiligen Kraft entsprossen , wo das Leben mit seiner Liebe den Geliebten errungen hat ? - Dies heimliche innerliche Genießen einer den andern ungekannten Seligkeit ? Wo man alles aufgibt , bloß um dem Liebenden - dem Leben zu genügen ? - Ja , das muß wohl auch in der Erscheinung - im Leib sich abdrücken ; und man könnte darauf kommen , in den Gesichtern alter Geschlechter nachzuspüren , was wohl für eine Art von Begeistrung den Keim zu diesen veredelnden Zügen , zu dieser erhabnen Vornehmheit legte , ob es kühnes Tun , mutiges oder selbstverleugnendes war , was diese Liebesopfer einst vom Ahnen heischten - das ist mir schon bei Arnims Zügen eingefallen - , und ein Mann göttlicher Leidenschaft fürs Leben , der ist ein Gründer des erhabensten Geschlechts , der ist ein Fürst unter den Menschen und sollte er selbst in Lumpen unter den Menschen wandeln , und wer vor diesem Adel nicht Ehrfurcht hat , das ist der Pöbel , der nimmer zum Adel taugt , weil er das verkennt , was sein Ursprung ist , ihn also nicht in sich erzeugen kann , er nenne sich Fürst oder Knecht . - Das war mein Gespräch heut mit den Sternen . Dienstag Heute ist der siebente Tag , daß ich meinen ersten Brief abschickte , am Samstag der zweite und heut ? - Soll ich diesen schließen und Dir schicken ? - Ich mein als , es sei Dir zuviel vielleicht - das wird aber nicht , ich hab Dir ' s versprochen , Dir alles von da oben zu schreiben , Du hast mich mehrmals dazu aufgefordert , was kann ich davor , daß mir so viel in den Kopf kommt , oder vielmehr in die Feder , denn , wenn ich glaub , mit einer Zeil fertig zu sein , so bring ich die selbst nicht aufs Papier vor so viel hundert andern , die sich dazwischendrängen . So hatt ich gestern im Sinn , wie es doch so dumm ist , wenn man sich über sein eigen Leben wollt besinnen und glauben , es läg schon hinter einem , was doch noch nicht der Anfang ist vom Leben , sondern nur der Grund , die Veranlassung dazu . - Wenn der deutsche Kaiser gekrönt ist , vom Dom bis zum Römer über eine Bahn von Scharlachtuch geht , so fällt das Volk dicht hinter ihm über das Tuch her und schneidet es unter seinen Tritten ab , zerreißt ' s in Fetzen und teilt es unter sich , so daß , wenn er auf dem Römer ankommt , so ist nichts mehr von der Scharlachbahn zu sehen . So scheint mir auch aller Lebenseingang wie die rote Kaiserbahn , gleich nach jedem Schritt aufgehoben und nichts sein , bis das Leben Dich wie den Kaiser in so große Verpflichtung nimmt , daß kein Augenblick mehr Dein gehöre , sondern Du ganz im Leben aufgehest , da kannst Du erst Deines Lebens Anfang rechnen , dann aber hebt sich das Sterbenwollen von selbst auf . Alles Leben , was sich mit Dir berührt , hängt von Dir ab , aber Du bist kein abgesondertes Leben mehr , - und wirkliches Leben ist ein Ausströmen in alles , das läßt sich nicht aufheben , - wie ' s mich verwundert hat , wie Du sagtest , viel lernen und dann sterben , jung sterben ! - Es kam mir in den Sinn , als hätt ich wohl meine Zeit sehr vernachlässigt , daß ich nun schon so alt sei und noch gar nichts gelernt , so würd ich wohl das Jungsterben bleiben lassen müssen , oder lieber gar nichts lernen . - Aber die kaiserliche Scharlachbahn ! - Ich sag Dir , alles , was Du Dir vom Leben abschneiden kannst , ist bloß das Präludium dazu , und das hebt sich von selbst auf , es ist vielleicht ein idealischer Voranfang ; - willst Du mit diesem das Leben aufheben ? - Das heißt den Kaiser mit samt dem Tuch zerrissen . - Und doch ist das ganze Leben nur , daß Du eine Ehrenbahn durchwandelst , die Dich wieder ins Ideal ausströmt . Ich fühl ' s , wie kann man zu was Höherem gelangen , als daß man sich allen Opfern , die das Leben auferlegt , willig hingebe , damit der Wille zum Ideal sich in das Leben selbst verwandle - wie kann man Selbst werden als durch Leben ? - Und so muß man auch willig das Alter ertragen wollen , und die ganze Lebensaufgabe muß aufgenommen sein und kein Teil derselben verworfen . - Wenn Du früh sterben willst , wenn Du es unwürdig achtest , weiterzugehen , wirst Du damit nicht jeden schmähen , der seine Lebensbahn nicht aufhob ? - Die da mühselig ihre Last tragen , sind die zu schmähen ? - Heldentum ist höher als Schmach ! - Vor der Philisterwelt , die meinen Geist doch nicht begreift , schäm ich mich nicht , für sie nicht Jugend zu sein , die von den heiteren Frühlingstagen nichts weiß , welche der Geist durchlebt . - Weißt Du , was schlecht ist im Alter ? - Wenn es ein Aufbau , ein Übereinandertürmen rumpliger Vorurteile geworden , durch das die heilige Anlage der Jugend nicht mehr durchdringt , aber wo der Geist durch alles gehäufte Elend des Philistertums , dieser ganz unwahren aber wirklichen Wahnwelt , durchdringt zur Himmelsfreiheit , zum Äther und dort aufblüht , da ist Alter nur das kräftigste Lebenszeichen der Ewigkeit . - Mir scheinen alle Menschen um mich wie nichts oder doch eine geringe und unzuverlässige Gattung von Naturen , eben weil der Geist nicht in ihnen liegt , die höchste Blüte im Alter zu erreichen , - eine zernagte Blüte . - - Aber der Ephraim deucht mir eine vollkommne Geistesblüte , die jetzt im Frühlingsregen steht ; die Tage sind lau , aber trüb - aber die Ahnung ist voll himmlischem Jugendreiz , die andern fühlen und sehen ihn nicht , wo steht aber auch je ein Philister bei der knospenden Zeit still , voll Schauer , voll Gebet zur erwachenden Blüte ? - Was war ' s also mit Deinem Frühsterbenwollen ? - Wem zu gefallen willst Du das ? - Dir selbst zulieb ? - Also rechnest Du die scharlachne Kaiserbahn für Deine Jugendblüte , bloß weil sie so glanzvoll schimmert , aber sieh doch , die Welt achtet sie ja nicht , sie zerreißt sie in Fetzen , und Du stehst an ihrem End , und ist nicht mehr eine Spur davon , und da willst Du Dich mit zerreißen ? Aber der Trieb zu blühen ist erst dann wahre Geisteseingebung , wenn jene Scheinblüte Dich nicht mehr täuscht , wenn Du die Blüte ganz aus Dir selbst erzeugst , dann will ich sagen : » Ja , Du bist der Geist des Frühlings « - aber mutlos das Leben verwerfen ist nicht Jugendgeist - , ach ich fühle wohl , daß ich hier weit mehr recht hab wie Du , und daß ich Dir Trotz bieten kann ; aber ich weiß auch , daß Du die tiefere Geisteswahrheit , die in meinem Vergleich liegt , deutlicher wahrnimmst als ich , und daß Du gewiß Gewaltigeres ahnest , als ich begreife . Es geht immer so zwischen unseren vertrauungsvollen Reden , daß ich stottere , und daß Du mir dann reiner begreiflich machst , was ich wollte . - Mir steht hier nur der Jude vor Augen , der über die sinkende Blüte der Eltern hinaus die schweren Lebensbedingungen erfüllt , jeden mühevollen Weg zur Erhaltung der Enkel macht , keinen Tag mehr als den seinen verlebt , nicht um sich selber sich kümmert , in der Tagshitze zu den Seinen hinwandernd , sich mühsam beugt , um die Brosamen zu sammeln auf dem Weg und sie den verwaisten Kindern zu bringen . - Sein Weg war sonst Wissenschaft , Studium der alten Sprache , Philosophie ; und nun ! - Wirft ihn das Geschick hinaus aus der Bahn , durch seine Aufgaben , die mehr mit dem wirklichen Leben zusammenhängen ? - Mir deucht nicht , - mir deucht , es sei die erste heilige Blütezeit seines jugendsprossenden Geistes , - so ist er auch friedevoll und ruhig im jungen Sonnenlicht keimend und treibend , lebenswarm ist der Boden , die Luft und sein Wille und sein Denken - und was er sagt , ist wie die Rebe , in die der Saft steigt einstiger Begeisterung - und ich weiß nichts mehr von Veralten , Verwelken , seit ich diesen Mann angeschaut hab ; jeder Tag auf Erden ist ein Steigern der Blütebegeistigung , so nenn ich ' s , in der Eil weiß ich ' s nicht anders auszudrücken - und der letzte Tag ist immer noch lebentriebvoller wie der vorletzte . Wie es auch sei , es ist ein ewig Vorrücken in den Frühling ; - und unser ganz Leben glaub ich , hat keinen andern Zweck . - Die Sterne haben mir ' s gesagt für Dich . - An die Günderode Es ist ja noch gar nicht so lang , daß Du mir geschrieben hast , es sind jetzt vierzehn Tage , und wenn ich Deinen Schreibetag hinzurechne und die Reise und das Abgeben des Briefs , so sind es sechzehn oder siebzehn Tage ; - Du bist nicht Herr Deiner Zeit wie ich - denn ich hab gar nichts anders zu tun , als alles Leben zu Dir hinzuschicken , ich wollt auch lieber gar nicht denken , wenn ich Dir ' s nicht wiedergeben könnt , mir kommt expreß alles in den Sinn wegen Dir . Aber ich weiß , daß es Dummheit ist , sich immer ängstigen zu wollen . Nur das eine kann ich nicht ausstehen , wenn sie mir schreiben , die Günderod läßt Dich grüßen . - Ich kann noch eher leiden , wenn sie sagen , man sieht die Günderod nicht . - Aber das eine nur , es ist mir wie ein Nebel zwischen mir und Dir , ich glaub Dich an meiner Seite und sprech mit Dir immerfort und der Nebel ist so dicht , daß ich Dich nicht seh , und auf einmal ruf ich : Bist Du noch da ? - Du gibst keine Antwort . - Da ängstige ich mich und weiß nicht , wo mich hinwenden . Da mein ich als , alles , was ich Dir gesagt hab , sei nur ein Abirren von Dir , statt daß es mich hätt an Dich ziehen sollen ; und da denk ich , deswegen hättst Du Dich von mir entfernt , weil ich Dir so manches sag , was Deine Seele nicht hören will , was sie stört . - Ach , Deine Seele , ich bin einmal geboren dazu , daß ich sie umflattere . Es ist mir zwar jetzt nicht mehr so heimlich auf dem Turm , weil mir immer zuerst einfällt , ob das , was mir da oben in den Sinn kommt , Dir auch recht sein mag , aber ich geh doch hinauf - nein , es treibt mich hinauf , - wie der Wind da oben als geht , das glaubst Du nicht , er könnt einen gleich forttragen , das jagt alles , - Wolken und Mond aneinander vorbei - jedes seinen Weg , - recht zwieträchtig , ich weiß nicht , was ich dazu sagen soll . - Der Weg hinauf wird mir täglich ängstlicher . Ich war schon beinah dran gewöhnt und freut mich auf den Weg , und jetzt ist ' s wieder wie ein Stein , der auf mir liegt , manchmal bin ich so zerstreut , daß ich ' s gar vergeß und erst dran denk , ganz spät , und jeder Schatten macht mir bang . Aber wo soll ich hin , ich muß doch hinauf , ich mein , ich muß da oben die Welt helfen festhalten . - Was das heut für ein Gestürm war ! - Es wächst da oben auf der Mauer ein Vogelkirschbaum , der hatte bis jetzt noch seine roten Beeren an sich hängen , ich hatte recht meine Freud dran , und ich dacht , das soll mir ein Zeichen sein , daß es zwischen uns beiden heiter ist und fröhlich . - Und die Beeren sollen hängen bleiben den ganzen Winter , ich hab sie auch zusammengebunden , daß sie der Wind nicht so leicht forttragen konnt ; aber da war kein Halten , er drehte sich wie eine Kriegsfahne im Sturm , ich sprang auf die Mauer und wollte ihn schützen und nahm ihn in ' Arm und hab das Äußerste gewagt , ihn festzuhalten , bis der Wind sich legen wollt , und hätt ihn gehalten , wenn ' s bis zum Morgen gedauert hätt , aber da flogen mir die Beeren über den Kopf weg , einzeln - und ganze Trauben , bis die letzte fort war , da hab ich ihn losgelassen . Da legte sich der Wind und war ' s ganz hell und ruhig am Himmel - daß ich noch eine Weile so dasaß , wieder - ganz ruhig , und mich verwunderte , wie ich eben noch so mit stürmen konnt , und warum mir doch das Herz so geklopft hatte , da grade sonst ich und Du immer so heimlich und so lustig waren , wenn wir manchmal auf freiem Feld einen Sturm mitmachten . - Aber ich mag Dir ' s gar nicht sagen , was mir alles vorkommt und sich mir weismachen will , und an was für Dingen es hängt , daß meine Fröhlichkeit sich in Trübsinn verwandelt , oder daß der sich wieder zerstreut . - Oft im Sommer , wenn ich einen Vogel singen hörte , war ich wie von einer freudigen Botschaft belebt . - Und oft , wenn ich die reifen Kornähren so vom Wind durchstürmt und geknickt sah , mußt ich in tiefen Gedanken stehen , mich besinnen , wie ich soll einen Boten schicken , der sich den Winden ins Mittel lege . So wollen wir auch meinen jetzigen Aberglauben auf diese Rechnung schreiben . - Es wird vergehen und wird wieder ruhig werden . Am Sonntag hat der Bang hier gepredigt , ich versprach ihm zuzuhören , wenn er wollt von den Juden predigen , wie