Gelegenheit haben ! Mein Bruder , der Kardinal Reetz , sagte immer : Und wenn sie auch noch so lange an sich halten und immer auf eine ganz besondere Art und Weise warten , wodurch sie sich verständlich machen wollen , endlich müssen sie doch herausrücken , und dann sind es dieselben Worte , die auch andere Menschen brauchen , und sie müssen darum die Lippen öffnen und Athem einziehen und ausstoßen nach dem Gebote der Natur ! « - Sie begleitete diese für Crecy ' sche Ohren sehr ketzerische Reden mit herzlichem Gelächter und sah sich nach Leonin um , der neben Louise auf dem Balkon getreten war und die heiße Stirn von dem kühlen Abendwinde erfrischen ließ . » Nun , Schwiegersohn , werden wir hören , wie es sich begab ? « - rief sie mit so durchdringender Stimme , daß Leonin wohl geweckt werden mußte . Ernst , mit dem kummervollsten Gesichte trat Leonin vor sie hin und fragte nach ihren Befehlen . » Mein Sohn , « sagte die Marschallin streng , und erzürnt über sein gleichgültiges Wesen , » Sie vergessen , dünkt mich , die Dehors , die Sie uns und der Ehre schuldig sind , welche die Majestäten unsern Familien erzeigen ! « Diese Stimme hatte immer Einfluß auf ihn , sie drang stets wie ein kalter Windstoß durch jede Verhüllung seines Innern . » Es ist wahr , « fuhr er heraus , » ich bin sehr kalt und habe von Ihnen Allen Verzeihung zu erbitten ! Der morgende Tag erfüllt mich mit unerklärlicher Angst ! Viktorine wird auf eine Weise durch die vorgeschriebene Etikette gequält werden , die mich für ihr Leben fürchten läßt . « » Mein Herr , « sagte die Marschallin kalt - » Frauen von Stande sind dieser Etikette unterworfen gewesen , seit ich denken kann . Ich habe nie Etwas gehört , was diese sonderbare Aengstlichkeit , die ein wenig nach Sitten schmeckt , die hier nicht gelten , rechtfertigen könnte . Haben Sie jetzt die Güte , der Frau Herzogin zu sagen , auf welche Weise Sie die gnädige Willensmeinung der Majestäten erfuhren . « » Gestern Abend , « sagte Leonin - er wollte fortfahren ; aber drei Stimmen zugleich unterbrachen ihn . - » Gestern Abend ? Gestern Abend schon war es bekannt ? Mein Gott , welch ' ein unverzeihlicher Fehler ! « rief die Marschallin - » wir hätten den Herrschaften Alle aufwarten müssen ! « Die Herzogin lag hinten über vor Lachen . » Nein , « sagte sie dazwischen , » solche Tollheiten kann auch nur gerode Viktorinens Mann machen - das könnte sie auch - und was gebt Ihr , sie lacht sich krank , wenn ich es ihr sage ! « Der Marschall wußte nicht recht Position zu nehmen ; er lachte gern , wenn er die alte Herzogin lachen sah , und doch schien es selbst ihm unerhört von seinem Sohne . » Der König verbat ja alle Feierlichkeiten von Seiten der Familie ! « rief Leonin und richtete seine Rede an die Marschallin , die ihren Zorn kaum zu bemeistern vermochte und daher lieber geschwiegen hatte . » Als uns die Königin gestern Abend beurlaubte , erwählte sie mich , Seiner Majestät gute Nacht zu wünschen . Sie fragte dabei theilnehmend nach Viktorinen und sagte mir : Der König würde mir noch Etwas in ihrem Namen zu sagen haben . « » Wir versammelten uns , wie gewöhnlich , in dem Speisesaale , während der König en petit couvert zu Abend aß . Nach dem Abendessen lehnte er sich gegen das goldene Gitter des Kamins , und wir durften das Wort an ihn richten ; da ich mich aber zurückzog , ließ er mich rufen ; er war sehr gnädig und that ähnliche Fragen nach meiner Gemahlin . « » Jetzt kam der Augenblick , wo er uns zu beurlauben pflegt , und zugleich der Moment so vielen Ehrgeizes - Sie wissen , was ich meine . - Der König nahm den kleinen goldenen Leuchter - man drängte sich näher - Jeder hoffte ihn zu erhalten . Da rief der König meinen Namen , und ich erhielt den goldenen Leuchter und durfte ihm zum kleinen Niederlegen folgen . « » Die Königinnen , die Prinzen , Prinzessinnen und die Amme waren hier anwesend . Der König , dem ich mit der Ehre des goldenen Leuchters zur Seite bleiben mußte , trat zur Königin heran und sagte : Wollen Sie bei unserm Vetter , dem Grafen Crecy-Chabanne , meine Gevatterin sein ? « » Die Königin nickte lächelnd - während ich vor Beiden das Knie beugte . Doch der König rief : nicht doch , nicht doch ! Niemals mit dem goldenen Leuchter ! Ich stand schon wieder , und der König überreichte nun der Königin nach alter Sitte , als seiner Gevatterin , einen Strauß und ein Paar Handschuhe . Der Strauß aber war von Juwelen , die Handschuhe von der schönsten Perlenstickerei . « - » Wer den goldenen Leuchter am Abende getragen hat , muß am andern Morgen beim kleinen Lever erscheinen . Hier sagte mir Monsieur , er und Madame würden stellvertretend bei der Taufe persönlich zugegen sein . « - Die Marschallin klingelte . » Sämmtliche Staatswagen sollen vorfahren ! « rief sie , und Alle trennten sich , um in hoffähiger Toilette ihre Aufwartung bei Madame Henriette und dem Herzoge von Orleans zu machen . - Dem Tumulte des vorangegangenen Tages folgte am andern Morgen die feierliche Ruhe der Vollendung , der Vorerwartung großer Festlichkeiten . - Der vollste Glanz einer so mächtigen Familie , wie die Crecy-Chabanne-Soubise , trat hervor , und die Beschreibung der Ausschmückungen des Palastes an diesem Tage würde , wenn sie uns noch vergönnt wäre , einen vollständigen Commentar dieser merkwürdigen Zeit mit ihrem soliden Reichthume , den barocken Erscheinungen ihres geschnörkelten und überladenen Geschmackes und ihres aristokratischen Dünkels geben . Nur einzelne Gruppen geschäftiger Diener schlichen noch umher , um am frühen Morgen dem Ganzen die letzte Politur zu geben , und Gärtner tränkten die kostbaren Blumen und Pflanzen , die einzelne Räume zu feenartigen Tempeln umschufen . Die Schloßkapelle , in welcher der Bischof von Noailles die Taufhandlung vollziehen sollte , war durch eine kostbar drapirte Gallerie mit den übrigen Zimmern für diesen Tag verbunden , und das Meer von Licht , welches den Altar und die Kapelle erfüllte , war um so überraschender , da die Gäste bei der vorgerückten Jahreszeit , trotz des nahenden Abends , noch im hellen Tageslichte empfangen werden mußten . Wie glanzvoll diese Versammlung war , brauchen wir nicht weiter zu erwähnen . Wer hätte es nicht für eine Gunst gehalten , sich einem Feste anschließen zu dürfen , das der König besonders ehren wollte ? Auch blieb der Marschallin kein Wunsch unbefriedigt . Sie mußte sich trotz ihrer hohen Ansprüche gestehen , daß , außer am Hofe der Königin , wohl schwerlich eine glänzendere Versammlung zu denken sei , und - was nicht ohne Werth war , sie konnte sich sagen , daß sie der Mittelpunkt geblieben , daß Keiner der Gäste daran dachte , einem Andern , als ihr , die Ehrenbezeigungen der Begrüßung zu machen . So vollkommen zufrieden sie jedoch mit diesem Ehrenplatze war , so unerträglich war es ihr , daß Leonin , wie sie glaubte , in seiner gewöhnlichen träumerischen Weise die Stunde vergessen habe . Denn er , der anscheinend seine Gäste empfangen sollte , ließ sich noch immer nicht sehen ; ja , er war sogar im Palaste nicht zu finden , wie sein Kammerdiener meldete . Im Ankleidezimmer lagen seine Staatskleider bereit ; aber obwol man ihn eine Stunde früher in dem Zimmer seiner Gemahlin gesehen hatte , war er jetzt verschwunden . Schon hatte der Marschall , von den Umständen gedrängt , umgeben von den vornehmsten Herren der Versammlung , im äußersten Vorzimmer Platz genommen , da jeden Augenblick die Ankunft der stellvertretenden hohen Herrschaften zu erwarten war , und noch immer kamen die nach allen Richtungen versendeten Diener mit der Botschaft zurück , daß der junge Graf an keinem Orte zu finden sei . Wie viel Fassung bedurfte die Marschallin , um die Qualen ihres Inneren zu verbergen , die anfänglich bloß dem ungemessensten Zorne angehörten , später durch die Besorgniß um ein Unglück verstärkt wurden , die immer wahrscheinlicher , immer drohender in ihr aufstieg und den Triumph ihres stolzen Herzens anfing zu entkräften . Der letzte Augenblick nahte - die Kammerherren des Herzogs von Orleans erschienen - jetzt mußten die hohen Herrschaften folgen - und der Herr vom Hause , der sie an der Schwelle des Palastes empfangen mußte , war nicht zu finden ! - Die Marschallin fühlte eine der Ohnmacht ähnliche Schwäche , die nicht gehoben ward , als ihr der Marschall sagen ließ , er begebe sich hinunter . Maschinenmäßig bewegte sie sich vorwärts , und kaum hatte sie ihren vorschriftsmäßigen Platz eingenommen , da fuhren die Karossen der Herrschaften unter das Portal des Schlosses . Beinahe verzweifelnd blickte die Marschallin noch ein Mal nach ihrem Sohne umher - er blieb verschwunden . Die Gewohnheit besiegte jetzt auf kurze Zeit den Tumult ihres Innern . Der glänzende Zug , an dessen Spitze die reizende Henriette von England an der Seite ihres Gemahls , des Herzogs von Orleans , erschien , übte die Macht eines Lethe-Tropfens über die Marschallin aus . Ihr in den Hofformen wohl erzogenes Herz durfte ihr Nichts , als die Entzückungen der Ehre senden . » Ah , Madame , « sagte der Herzog von Orleans - » Seine Majestät der König haben uns versichert , wir dürften uns als Ersatz seiner geheiligten Person darbieten . Können wir auf Ihre Zustimmung rechnen ? « Die Marschallin versenkte sich einige Male vor Beiden und küßte den Rock von Madame , die sie alsdann freundlich umarmte . » Seine Majestät , « stammelte sie dabei , » weiß jede seiner Gnadenbezeigungen durch die Weise , wie er sie ertheilt , zu Ehren zu erheben , die das Herz des Empfängers fast mit ihrer Größe erliegen machen . « » O , « sagte Madame , naiv lächelnd - » ich meines Theils , habe mich recht gefreut , das schöne Palais Soubise zu sehen , von dessen prachtvoller Ausstattung ich so Vieles hörte . « » Madame , « erwiederte die Marschallin - » heute gerade , schien es mir , besaßen wir Nichts , es seinem Zwecke gemäß würdig auszustatten ! « » Davon wollen wir uns selbst überzeugen , « sagte die schöne Fürstin - und schritt nun durch das Spalier der glänzenden Versammlung in die prachtvolle Zimmerreihe , die ihre Voraussetzungen rechtfertigte . Die Herrschaften hatten unter dem Thronhimmel Platz genommen und ließen einzelne Personen heranrufen , denen sie einige der gewöhnlichen Fragen schuldig zu sein glaubten . Die Marschallin mußte , an der Seite von Madame stehend , ohne Bewegung ausharren , obwol sie jetzt Ruhe erhielt , ihren wieder auflebenden qualvollen Gedanken nachzugehen . Jeden Augenblick mußte sie eine Frage der Prinzessin in Bezug auf dieses räthselhafte Ausbleiben erwarten , oder die Wirkungen dieser beleidigenden Nachläßigkeit von den Umgebungen gerügt fürchten ; denn auch Souvré , den sie zuletzt abgeschickt , war nicht wiedergekommen . Es war dabei gegen die Etikette , nach dem Erscheinen der hohen Gäste die Taufhandlung aufzuschieben ; man durfte nicht annehmen , daß ihre Gegenwart einen geselligen Zweck habe , man mußte dies wenigstens von ihrer Herablassung erwarten und jedenfalls die Veranlassung ihrer Gegenwart nur auf die Sendung des Königs beziehen . Die Marschallin wußte das zu ihrer unendlichen Qual besser , wie einer der Anwesenden es ihr sagen konnte ; - aber wie sollte sie das Zeichen zur Taufhandlung geben , da der Vater des Kindes fehlte ! Einen Augenblick hielt Madame jetzt in ihren freundlichen Begrüßungen inne . So wenig stolz sie war , sah man ihr doch ein gewisses Erstaunen , eine Erwartung an . Der Marschallin traten die Schweißtropfen auf die Stirn , sie sah den unbeweglich starren Blick der Herzogin von Bellefond und die zürnende Bewegung , mit der sie ihren weißen Stab vor sich hinhielt . Ein Entschluß mußte gefaßt werden ! Der Herzog von Orleans hatte so eben seine Unterredung mit dem Marschalle beendigt . Sein Auge nahm das verfängliche Umherschweifen an , das Erlaubniß zum Anfange der Feierlichkeit zu ertheilen schien . Die Marschallin wußte , daß Keiner diesen Raum mit ihr einnahm , der nicht voll Neugierde so vielen Mißgriffen zusah . Sie mußte sich sagen , daß dies ihren glänzenden Ruf erschüttern würde . Was ihr bestimmt schien , sie über Alle zu erheben , mußte ein Markstein werden ihres unbestrittenen Uebergewichtes . Ihr gesteigerter und so verletzter Hochmuth brachte sie innerlich fast um ihren Verstand - alle Personen schwammen vor ihren Augen ; sie sah aber jetzt , wie die Herzogin von Bellefond sich erhob und den Weg zu ihr hin über den leeren Raum vor dem Stuhle der Prinzessin durchschritt . Die Verzweiflung gab ihr Kräfte - sie wandte sich zur Herzogin und bat sie , das Zeichen zum Aufbruche zu geben . Augenblicklich stand Henriette auf ; denn auch sie sah den nahenden Paradezug der strengen Oberhofmeisterin und liebte , wie fast der ganze Hof , ihre Anmaßungen zu durchkreuzen . » Sollen wir ohne Ihren Sohn - ohne den Vater , liebe Marschallin , den Zug antreten ? « fragte sie leise die zitternde Mutter . Sie bekam eine Antwort , so dunkel und verworren , daß sie sie nicht verstand und jetzt annahm , der junge Graf werde sie am Eingange der Kapelle erwarten . Die Hofchargen arrangirten sich ; Alle schritten in angemessener Würde , nach der bestimmten Vorschrift , der Kapelle entgegen . - Noch immer hoffte die Marschallin , hier ihren Sohn zu sehen ; - aber er blieb aus ! Die Handlung fing an - Ludwig , Maria von Crecy-Chabanne war mit diesem Namen getauft - der Herzog von Lesdiguères und der Marschall ersetzten die Stelle des Vaters . Die Handlung war vorüber . Die Marschallin wankte zur Herzogin von Orleans . - Madame durfte die Beleidigung nicht übersehen ; denn sie stand hier im Namen der Königin . Sie grüßte kalt - ohne Glückwunsch - ohne die Marschallin zu umarmen . » Darf ich fragen , « sagte der Herzog von Orleans zu den jetzt angstvoll zusammen stehenden Elternpaaren , » welchem Grunde wir es zurechnen müssen , daß die Auszeichnung , welche Seine Majestät , mein königlicher Bruder , den Eltern des Neugebornen zu erzeigen gedachten , gerade von diesen , wie uns scheint , so wenig beachtet ward , daß wir den Vater nicht anwesend sehen ? - Wo ist der junge Graf Crecy-Chabanne ? « » Das mag Gott wissen ! « rief der Marschall mit dem Tone der Verzweiflung überlaut - und rang die Hände , sie plötzlich über seinen Kopf zusammen schlagend - » ich hoffe , im Grabe ; - sonst überlebe ich diesen Verstoß seinerseits gegen Ehre und Glück nicht ! « Die Marschallin glaubte zu ersticken . Sie hatte auf eine künstliche Entschuldigung gesonnen - ein tödtliches Erkranken sollte ihn retten ; - jetzt war es damit vorbei . Ihre sonst ihr so getreue Fassung verließ sie , sie wendete sich seitwärts , um Luft zu schöpfen . Der Marquis de Souvré war herbeigeschlichen . » Madame , « sagte er leise und fest , » hoffen Sie nicht mehr auf Leonin . Die erste Gemahlin Ihres Sohnes lebt , und Leonin ist zu ihr nach Ste . Roche abgereist . « Man hörte einen gellenden Schrei - und die Marschallin von Crecy-Chabanne , welche noch niemals bei Hofe die kleinste Schwäche gezeigt hatte , lag bewußtlos auf dem Boden . » Darf ich Eure Königliche Hoheit erinnern , daß hier nicht länger Ihr Platz ist , « sagte die unerschütterte Herzogin von Bellefond ; - und da auch die Gräfin von Grammont eine tiefe Verneigung vor Madame machte , so überwand die gutmüthige Fürstin ihre schnell erregte Theilnahme und blickte ihren Gemahl an . Monsieur zeigte die steife Miene der übeln Laune . » Wir sind , scheint es , zu seltsamen Familienscenen hierher gekommen , « sagte er , seiner Gemahlin den Arm gebend und leicht grüßend an Allen vorüber eilend , während die voranstürzenden Kavaliere die Wagen vorfahren ließen , so daß die Herrschaften das Hotel Crecy verlassen hatten , ehe noch die Marschallin ihre Besinnung wieder gewann . Als sie die Augen aufschlug , lag sie in einem Lehnstuhle in der Kapelle - ihre Frauen , der Arzt umgaben sie ; - zunächst aber kniete die alte , gutmüthige Herzogin de Lesdiguères , trotz ihrer steifen Kleidung und Juwelenlast , und rieb die Pulse der Erwachenden , während der Marschall und der Herzog wie Bildsäulen zuschauten . » Fassen Sie sich doch , mein Kind ! « sagte sie gutmüthig , als sie das erste Lebenszeichen sah - » es wird sich Alles aufklären . Nur Muth ! Muth ! Das muß doch heraus zu bringen sein , wo er steckt ! « Doch , wo hätte die Marschallin Trost finden können ? Was Niemand aus Besorgniß um sie bis jetzt gesehen hatte , sah sie . Das Hotel war leer - Alle hatten den Ort geflohen , wo eine anscheinende Beleidigung gegen die Majestät an den Repräsentanten des Königs geschehen war . Bleiben , hätte eine solche Sünde theilen geheißen ; Niemand konnte nur daran denken ! - Die Marschallin wußte das , bei dem ersten Strahle des Bewußtseins ; aber sie konnte diesen Sturz von dem höchsten Gipfel der Ehre und Auszeichnung bis zu dieser Aechtung ihres Hauses nicht ohne eine tödtliche Empfindung des Schmerzes erkennen . Der Arzt erklärte einen Aderlaß nöthig ; die Lakaien ergriffen den Lehnstuhl und trugen die Marschallin , zur Erhöhung ihrer Qual , durch alle die glänzend eingerichteten Gemächer , durch die großen Speise-Säle , in denen noch alle Zurüstungen im vollen Gange waren , nach dem entfernten Schlafgemache , wo der Aderlaß endlich den Zustand von Erstickung hob , mit dem sie rang , und einige Tropfen Opium einen betäubenden Schlaf auf sie niedersenkten . Leonin hatte den Tag , der um ihn her so glänzende Ansprüche an seine Theilnahme entwickelte , in einem Seelenzustande zugebracht , wie ihn vielleicht nur der verurtheilte Verbrecher vor seiner Hinrichtung erlebt . So lange , wie möglich , blieb er in dem Zimmer Viktorinens - ihre klare , edle Stimmung hielt ihn aufrecht ; - sobald er sie verlassen mußte , fiel er der Verzweiflung wieder zu , mit der er vergeblich rang . Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmäßig wiederkehrenden Vision - er sehnte sich danach und fürchtete sie doch zugleich . Er hatte sie nicht zu erwarten ! Es war ihm , als schwebte sie flüsternd neben ihm her - er floh aus den Prunksälen - er erreichte sein einsames Gemach . - » Fennimor , Fennimor , « rief er hier , außer sich - » ich will ein anderes Kind , als Dein rechtmäßiges , mir zuerst gebornes , auf den Platz erheben , von dem ich das Deinige verstieß ! Muß ich es nicht mit dem Tode büßen , muß dies schwarze Verbrechen nicht gestraft werden ? Ach , an mir selbst - an dem unschuldigen Kinde , das jenem in den Weg tritt ? « - Seine Aufregung hatte den höchsten Grad erreicht - er lag halb auf seinen Knien - er zweifelte nicht , sie wäre da , würde sich ihm gleich enthüllen - seine Augen suchten sie - wie konnte es fehlen , daß er sie sah ? Doch nur einen Augenblick ! Ihr bleiches , schönes Haupt , mit Thränen überschüttet , das süße versöhnende Lächeln um den Mund , tauchte auf . Dann sah er die Hand , sie winkte ihm - dann war Alles verschwunden , und Leonin konnte weinen ! Wie lange er so da lag in einer Vergessenheit , die ihn fast dem Leben entzog , wissen wir nicht . Als er sich aufraffte , erschrak er vor seinem Anblicke . Er fühlte , er dürfe so nicht erscheinen . Langsam stieg er eine kleine Treppe hinab , die in den Garten führte . Wie bewegte ihn der Anblick der Natur , dies erste duftende Grün , diese feinen Bekleidungen der saftig dazwischen durchschimmernden , dunkeln Stämme und Zweige ! Die Luft war feucht und warm , eine brütende Atmosphäre für alle noch eingehüllten Keime , aber so beengend für die Menschenbrust , die keinen freien Athemzug darin findet . Leonin gab Alles nur Nahrung für sein beklemmtes Herz . Seufzend , den Kopf auf der Brust , ging er mechanisch umher . Da glaubte er eine Stimme zu hören - er sah sich um - pfeilschnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her . Er blieb stehen - und jetzt erinnerte er sich , daß es derselbe war , dem er am Tage vorher Almosen gegeben hatte . » Was willst Du , Kind ? « rief er und zog wieder einige Geldstücke hervor - » hat meine Gabe nicht gereicht ? « » O , was soll mir doch wohl Euer Geld ? « sprach jetzt das Kind , ganz außer Athem vor ihm stehend - » leset doch nur , was ich Euch brachte , und sagt dann , ob ihr mit mir geben wollt ! « » Was meinst Du denn , mein Kind ? - Ich habe ja Nichts empfangen - nimm dies Geld - ich kann jetzt nicht mit Dir gehen . « » Mein Gott , « - sagte das Kind , fast weinend - » ich habe Euch doch gewiß den Zettel gestern in die Hand gegeben . Wo habt Ihr ihn denn gelassen ? Nun werden sie glauben , ich habe ihn verloren , und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen ohne den Zettel ! « - Leonin erinnerte sich jetzt , daß er , zerstreut wie er war , den empfangenen Zettel nicht gelesen hatte , ihn für eine Bittschrift haltend und ohnedies das Almosen ertheilend . Er durchsuchte den leichten Oberrock , den er auch heute trug , und fand nirgends das Blatt . » Mein Kind , « - sagte er - » die Bittschrift habe ich verloren , ich will Dir aber ohnedies geben , was Du bedarfst . Nur mit Dir gehen kann ich nicht , meine Gegenwart ist hier nöthig . « » Ach , Gott erbarme sich , « rief jetzt hellweinend das Kind - » so soll der arme Herr ohne Euch sterben ? Einem Sterbenden versagt man doch sonst Nichts - und er kann und will nicht sterben ohne Euch ! « » Ein Sterbender ! « rief Leonin erschüttert - » Wen meinst Du ? Wer will mich sprechen ? « » Herr Gott , wer anders , als Lesüeur ! « sagte das Kind . - » Er liegt seit zwei Tagen im Sterben . Jeden Augenblick soll es vorbei sein ; - aber er sagt , er will nicht sterben , bis Ihr da seid ; denn Ihr müßtet sonst umkommen in Eurer Gewissensnoth ! « » Großer Gott ! « rief Leonin . - » Was sprichst Du ? Lesüeur sterbend ? Wo - wo ist er ? « » Bei sich , lieber Herr , « sagte das Kind , noch immer weinend - » und wenn Ihr hörtet , wie er Euch ruft , wie er mit dem frommen Priester , der Tag und Nacht bei ihm ist , nicht mehr beten kann , weil er Euch immer ruft und glaubt , Ihr werdet nie selig werden , wenn Ihr nicht noch sein Geheimniß erfahret ! « » Lesüeur ! Lesüeur ! « rief Leonin , von Gedanken-Verbindungen fast überwältigt . - » Was kann er mir zu sagen haben ? O , mein Gott ! Er , der ihr so nahe stand ! Ich muß hin zu ihm - ich muß ihn sehen . - Weißt Du den Weg , so führe mich ! « » Gottlob ! « frohlockte das Kind mit schnellversiegenden Thränen - » folgt mir nur , ich weiß den Weg ! « Leonin öffnete hastig eine kleine Nebenpforte , die in die Höfe führte . Hier rief er selbst seinem Kutscher zu , ihm schnell ohne Bedienten und Livreen mit der einfachsten Karosse zu folgen . » Wohin ? « rief er dem Knaben zu . » Nach St. Sulpice , neben dem Kloster in dem Stiftshause ! « erwiederte der Knabe , und Beide eilten davon . Das Stadtviertel St. Sulpice war die entlegenste und unscheinbarste Gegend von ganz Paris . Felder und Gärten drängten sich zwischen geringen Anbau . Einzelne Straßen bildeten sich nur in der Nähe der Klöster , die ihre reichen Ansiedelungen hier in großer Menge hatten . Doch waren diese Straßen mit Gewerbetreibenden niederer Klasse überfüllt , und die gewöhnliche Zugabe der Armuth , bettelnde Kinderschaaren , gab der ganzen Gegend ein trauriges Ansehn . Jedem drängte sich die Thatsache auf , wie hier nur um die Erringung der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse gekämpft werde , und daß Alles vergessen und verwildert bei Seite trete , was eine Anforderung darüber hinaus enthielt . Die Klöster und Stifts-Herren von St. Sulpice hatten hier die weitläufigsten Besitzungen und verbreiteten , so viel dies bei ihrem strengen Ordensleben möglich war , einigen Wohlstand um sich her . Mehr aber noch war ihre geistliche Sorgfalt , ihre zweckmäßige Unterstützung und die ernstlichen Ermahnungen , mit denen sie einzuschreiten wußten , Ursache , daß dieser Theil von Paris nicht wie der ärmste , so auch der gefährlichste Theil der Stadt ward ; da die Furcht vor der strengen Aufsicht dieser achtbaren , geistlichen Herren eine unverkennbare Herrschaft über die Verdorbenheit ausübte , die ganz auszurotten , nicht in ihrer Macht stand . Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Dasein dieses Stadttheiles ; wenigstens schien es ihm , als er in fieberhafter Aufregung neben dem rüstig forteilenden Knaben herging , als wäre er in einer andern Stadt ; Alles , was ihn seine Stimmung beobachten ließ , war ihm völlig fremd . » Der gute Herr Lesüeur , « hob endlich der Knabe an - » ist schon lange in Pflege bei uns . Jeder glaubte ihn des Todes , als er einzog . Aber die ehrwürdigen Herren haben ihn gut gepflegt , so daß er noch seine heilige Theresia fertig bekommen hat ; obgleich wir oft dachten , er hauche bei der Arbeit den Geist aus . « » Ja , der ist gut , Herr , « fuhr er fort - » da ist auch nicht Einer , der ihn nicht liebte ! Denn fromm ist er und still wie ein Heiliger ! Darum müßt Ihr auch kommen , damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt . « » Mein Gott ! mein Gott ! « seufzte Leonin - von Ahnungen und Befürchtungen angeregt , unfähig , sich aus dem Andrange so vieler Empfindungen heraus zu ringen , den nächsten Augenblick instinktartig erwartend und von ihm die Richtung hoffend . Der Knabe erzählte ihm , daß er der Sohn des Pförtners sei und Lesüeur Farben gerieben habe , indem er den langen , beschwerlichen Weg durch die Verfolgung kleiner Nebengäßchen kürzte , die nur dem gut bewanderten Bewohner dieses unregelmäßigen Stadttheiles bekannt werden konnten . - Endlich verfolgten sie eine lange Mauer , über die hohe Bäume im Abendwinde nickten , welche die Nähe eines reicheren Besitzes verriethen . An einem Gitterthore schellte der Knabe , und sie traten in einen ebenmäßigen Laubgang , der das große Stiftshaus in der Perspektive zeigte ; auf beiden Seiten die weiten dazu gehörigen Gärten , an die sich links , durch die Bäume leuchtend , die Kirche mit den Klostergebäuden von St. Sulpice anschloß . - Leonin athmete auf ! Diese Ruhe und Stille , diese Abgeschiedenheit , die doch in ihrem Inneren eine so würdige Thätigkeit bewahrte - es war nicht sogleich nachzuweisen , am wenigsten in Leonin ' s Ueberzeugung ; - aber der Geist , den die Wahrheit solcher Zustände ausathmet , umfängt uns und erreicht unser Bewußtsein , ehe der dürre Nachweis unseres Verstandes hinzu tritt . Er hob das Haupt - er blickte erquickt umher - zwischen den Bäumen sah er die schwarzen Gestalten der wandelnden Stiftsherren , und aus der Gegend des Klosters vernahm er einen mehrstimmigen Gesang , der ihnen zu folgen schien . Der Knabe blieb stehen . - » Ach , da kommen sie ! « rief er plötzlich , auf seine Knie fallend . - » Sie ziehn nach dem Stiftshause - er bekömmt die letzte Oelung - sie tragen das Allerheiligste ! « Auch Leonin blickte jetzt um und sah die feierliche Prozession der Mönche , die in einem zweiten Baumgange , der nach dem Seitenflügel des Stiftes zu führen schien , an ihnen vorüber zog . Er war unaussprechlich davon ergriffen . Er fühlte , daß es noch eine Rettung , einen Trost für die Fehler des Menschen giebt . Seine in verzweifelnder Verwirrung zuckende Seele fand einen Stillstand . Eine Stimme , die sich aus dem Gesange der Mönche zu erheben schien , rief ihm zu : » Ruhe aus vor Gott in den Armen der Reue ! « - Er hätte sein Gesicht in dem Moose bergen mögen , das um die alten Bäume sein Lager ausbreitete - er hätte liegen bleiben mögen , bis die Zeit ihm Nachdenken gegeben und einen stillen , einsamen Weg ihm gezeigt , um Frieden mit Gott zu schließen ; - aber , indem er sich diesem Triebe entzog , aus Angst