den Füßen trug er leinene Kamaschen , glänzend von Weiße , und ein großer Stock bewehrte die braune , runzlichte Faust . Erstaunt über die vermeintliche Wiederkehr des Spielmanns blieb er einige Augenblicke schweigend stehen , der Spielmann schwieg ebenfalls , weil er sich an dem Anblicke seines Feindes , dem er einen tödlichen Verdruß bereiten zu können sich bewußt war , wie an dem eines aufgeschmückten Opfers , im stillen weiden mochte . So standen einander der Reiche und der Bettler des Standes schweigend gegenüber ; der Reiche voll Verachtung , der Bettler mit dem Gefühle , daß auch ihm eine Macht über den Reichen geworden sei . Endlich fragte der Hofschulze : » Was wollt Ihr noch ? « » Hofschulze « , versetzte der Spielmann mit erheuchelter Demut , » Hunger tut doch gar zu weh und Standhaftigkeit hält nicht vor gegen knurrende Eingeweide . Ich wollte Euch nur noch sagen , daß ich im Eichenkampe heute nachmittag sitzen und auf die Brocken warten werde , die von Eurem Tische fallen . « » Ich dacht ' s wohl « , sagte der Glückliche stolz . » Hochzeit macht alle satt , ist ein Sprichwort , es soll bei Euch auch zutreffen . « - Er wollte gehen . Der Spielmann vertrat ihm den Weg . » Erlaubt « , sagte er , » daß ich Euch noch einen Augenblick betrachte . Ihr seid trefflich gekleidet . Der Rock kostet seine Mandel Taler . Aber eine Sitte will mir nicht gefallen , die mit den neun Jacken . Wenn man herumgekommen ist in der Welt , wenn man dabei war , wie die alte Orange dazumal in Schoonhoven vermolestiert wurde6 , und bei der Übergabe von Gorkum und hernach auch noch allerhand Dieses und Jenes in der Fremde gesehen hat , so lobt man nicht jegliches , was die Leute daheim tun . Neun Jacken , eine unter der andern - darin könnt Ihr Euch ja gar nicht rühren , und werdet müssen , besonders beim Essen , eine Hitze ausstehen , nicht zu ertragen . « » Für Pläsier wird dergleichen überhaupt nicht angezogen « , antwortete der Hofschulze feierlich . » Sondern weil ich neun Jacken bezahlen kann , so trage ich neun Jacken , und weil es so hergebracht ist seit hundert und mehreren Jahren , und die gute Sitte es erfordert , und mein Vater und mein Großvater immer neun Jacken trugen auf allen Hochzeiten und Kindelbieren . Wie viele sollte ich denn nach Eurem Rate anziehen , Kaspar ? « Der Patriotenkaspar dachte nach und sagte dann : » Etwa sechs . « » Gut . Also die siebente , achte und neunte lege ich ab , wenn ich Eurer Meinung folge . Nun kommt aber einer , dem die sechste Jacke nicht gefällt , und ein anderer , dem die fünfte mißbehagt , und wieder einer , dem die vierte anstößig ist . Dieses geht nun so fort . Es werden sich , wenn ich erst bis zur dritten Jacke herunterprozessiert bin , stets Leute finden , die mir diese , und Freunde , die mir die zweite widerraten . Kein vernünftiger Grund ist aber vorhanden , warum ich diesen Leuten abschlagen soll , was ich Euch gewährte . Jetzt trage ich also noch eine Jacke und meinen Rock darüber . Weil ich jedoch einmal in das Ausziehen gekommen bin , und weil mir in der Sommerwärme überhaupt alles und jegliches Zeug auf dem Leibe Beschwernis macht , ei , so bleibe ich vielmehr in der Übung , werfe erst den Rock ab und dann die letzte Jacke , und wofern die Hitze einigermaßen stark ist , auch noch endlich das Hemde , gehe dann also splitterfaselnackt umher , wie ein gerupfter Sperling , was eine Schande ist und nicht gut läßt . In allen Sachen muß man daran halten , wie sie eine Ordnung und ihren Bestand haben und des Herkommens sind . Wäret Ihr nicht zu den holländischen Patrioten und noch sonst allerwärts herumgelaufen , sondern hübsch im Kolonate sitzen geblieben , so wären Euch die dummen Dinge und Hoffärtigkeiten aus dem Kopfe geblieben . Weil Ihr aber die alte Orange draußen mit hattet vermolestieren helfen , so dachtet Ihr , Ihr dürftet uns hier auch Molesten machen , die Welt gehöre Euer und außerdem noch etwas . Ihr erhobet Eure Augen zu meiner Tochter , was Ihr als Kolon nicht durftet , und daraus entsprang Sünde und Schande , Vergewaltigung , Mord und Totschlag . Ich mußte an Euch Recht nehmen , Ihr seid bis zum Leierkasten heruntergekommen , und ich trage noch meine neun Jacken . Wer dazu die Macht und Gewalt hat , der soll sich auch die neunte nicht abdisputieren lassen , denn er weiß wohl , womit er anfängt , aber nicht , wo er aufhört , und dieses ist die Moral von der Sache . « Zweites Kapitel Ein Topf läuft über und eine Braut wird geschmückt Der Hofschulze war nach seiner Rede langsam aus der Kammer und die Treppe hinuntergegangen , gefolgt von dem Spielmann , der auf die Schlußfolgerungen des Alten nichts zu erwidern wußte und sich unten aus dem Hofe schlich . Im Flur überschaute der Hofschulze die getroffenen Anstalten ; die Feuer , die Kessel , die Töpfe , die grünen Maien , die bebänderten und vergoldeten Hörner seines Rindviehs . Er schien mit allem zufrieden zu sein , denn er nickte mehrere Male wohlgefällig mit dem Kopfe . Er schritt durch den Flur hofwärts und dann nach der Seite des Eichenkamps , sah die dortigen Feuer lodern und gab gleiche Zeichen des Beifalls , jedoch immer mit einer gewissen Hoheit . Wenn der weiße Sand , womit der ganze Flur und der Platz vor dem Hause dick bestreut war , unter seinen Füßen so recht lebhaft rauschte und knackte , schien ihm dies ein besonderes Vergnügen zu machen . Jetzt war er von seinem beaufsichtigenden Gange in die Nähe des Herdes zurückgelangt . Ein Topf , welchen die Mägde zu tief in die Gluten geschoben , war im Überkochen begriffen und drohte , seinen Inhalt zu verschütten . Schon war ein Teil des letzteren in das Feuer gewallt , welches sich zischend gegen diesen Feind wehrte . Von den Mägden und Knechten war eben zufällig niemand im Flur , da sie im Baumgarten sich mit der Tafel beschäftigten . Der Hofschulze hätte nun allerdings dem Fortschritte des Unheils durch Abrücken mit eigener Hand Einhalt tun können , aber er war weit entfernt , so die Haltung des Brautvaters , welche ihm verbot , irgend etwas an diesem Tage selbst anzufassen , zu verlieren . Vielmehr stand er ruhig neben dem überkochenden Topfe , ruhig wie jener spanische König , welcher die glühende Kohle lieber seinen Fuß versengen ließ , als daß er sie etikettewidrig selbst weggenommen hätte . Er begnügte sich damit : » Gitta ! « zu rufen , auch nicht hastig und leidenschaftlich , sondern langsam und ruhig . Es dauerte daher einige Zeit , bevor die Magd Gitta herbeikam , und als sie endlich gekommen war , erschien die Hülfe zu spät , denn der Topf hatte nichts mehr zu verschütten . Der Hofschulze ließ sich diesen Verlust nicht kümmern , die Magd mußte ihm einen Stuhl vor das Haus setzen , er nahm dort , dem Eichenkampe gegenüber , Platz , und erwartete , die Schenkel gerade vor sich hingestreckt , Hut und Stock in der Hand , von der goldenen Sonne prächtig beleuchtet , still und wacker den weiteren Fortgang der Dinge . Inzwischen schmückten zwei Brautjungfern die Braut auf ihrer Kammer . Rings um sie her standen bunt mit Blumen bemalte Laden und Packen in Leinwand , welche die Ausstattung an Gebild , Betten , Garn , Wäsche und Flachs enthielten . Selbst in der Türe und bis weit auf den Gang hinaus war alles besetzt . Inmitten dieser Reichtümer saß die Braut vor einem kleinen Spiegel , hochrot und ernsthaft . Die erste Brautjungfer legte ihr die blauen Strümpfe mit roten Zwickeln an , die zweite warf ihr den Rock von schwarzem , feinem Tuche über , und ließ diesem Stücke die Jacke gleichen Stoffes und gleicher Farbe folgen . Darauf beschäftigten sich beide mit dem Haare , welches zurückgestrichen und hinten in einer Art von Rad zusammengeflochten wurde . Während dieser Zurüstungen sagte die Braut kein Wort . Desto gesprächiger waren ihre Freundinnen . Sie lobten den Putz , priesen die aufgestapelten Schätze , und hin und wieder ließ ein verstohlener Seufzer ahnen , daß sie lieber Geschmückte als Schmückende gewesen wären . Unerschöpflich waren sie in Hochzeitsgeschichten , welche jedoch sämtlich darauf hinausliefen , daß die und die dasselbe angezogen habe , was nun auch die Tochter vom Oberhofe der Landessitte gemäß zu tragen hatte . Als diese Erzählungen endlich doch versiegten , kam das Ausbleiben der dritten Brautjungfer an die Reihe . Sie hatte sich unpaß melden , jedoch zugleich sagen lassen , sie werde wohl noch imstande sein , zu kommen , wenn auch später als die andern . Nun war es aber schon zehn Uhr vormittags , in einer halben Stunde mußte die Glocke anfangen zur Trauung zu läuten , es war die höchste Zeit , daß die dritte erschien , ohne welche die Braut für nicht gehörig begleitet gelten konnte . » Sie kommt gewiß « , sagte die zweite Brautjungfer , » an so einem Tage macht sich ja kein Mensch etwas daraus , wenn ihm auch etwas schlimm ist . « - » Und was wollt ihr mit mir wetten « , rief die erste , » daß sie nicht kommt ? Ich weiß , was ich weiß , weiß , mit den Schmerzen ist es so weit nicht her , aber der Verdruß ist zu groß , und sie kann sich nicht zwingen ; das hat ihr von jeher gefehlt . « » Ei Gott « , sagte die Braut , welche hier zum ersten Male ihre Sprache fand , ängstlich , » das wäre ja ein erschreckliches Unglück , und wenn sie ausbliebe , so würde aus der ganzen Hochzeit nichts . « - Sie würde lieber den Bräutigam gemißt , als die dritte Brautjungfer entbehrt haben . » Wenn du mir folgen willst , Kordelchen , so laß uns auf den Notfall denken « , sprach die zweite Brautjungfer , ein flinkes , anstelliges Mädchen . » Ich pack ' deinen zweiten Feiertagsanzug aus , wir warten noch ein Stückchen , und wenn die Sibyll ' dann nicht da ist , so kleid ' ich die Stellvertreterin für sie ein . « Ohne die Antwort der Braut abzuwarten , hatte das Mädchen eine der Laden aufgetan und aus derselben den saubern neuen Staat mit allem Zubehör an Bändern und Krausen genommen . Ihre Gefährtin stieß währenddessen durch das Radgeflecht der Haare einen silbernen Pfeil , und dann brachten beide Mädchen mit feierlichen Mienen der Braut die Krone zugetragen . Denn die Mädchen der dortigen Gegend tragen an ihrem Ehrentage keinen Kranz , sondern eine Krone von goldenen und silbernen Flittern . Der Kaufmann , welcher ihren Putz liefert , leiht die Krone nur dar und nimmt sie nach dem Hochzeitstage zurück . So wandert sie von einem bräutlichen Haupte zum andern . Es liegt etwas Schönes und Wahres in diesem Gebrauche und ich müßte mich sehr irren , wenn er nicht aus dem göttlichen Instinkte des Volkes entsprungen wäre , der freilich darin , wie in allem , worin er schöpferisch hervortritt , nur unbewußt gewaltet hat . Das Höchste , Einzige , was nur einmal das Leben zieren kann , soll nie als Eigentum in Besitz genommen werden , soll stets nur leihweise die Stirn des Glücklichen berühren . So darf der Lorbeerkranz um die Scheitel des Helden und Dichters , so darf das Blatt , welches sich , wann Vater und Mutter weinend segnen , durch die Locke der Jungfrau schlingt , nur Gunst und Zeichen eines Augenblicks sein . O es wäre zu wünschen , daß mancher unserer städtischen Damen versagt wäre , mit anspruchsvollem Stolze die welke Myrte zu betrachten , die sie im geschmückten Kästchen unter dem großen Spiegel verwahren , daß sie sich vielmehr hätten gewöhnen müssen , gleich den westfälischen Bäuerinnen die Krone morgen auf einem andern Haupte zu erblicken , welche sie heute trugen , und welche gestern ebenfalls eine andere getragen hat ! Drittes Kapitel Worin der Autor fortfährt , die Vorbereitungen zur Hochzeit zu beschreiben Die Braut senkte ihr Haupt ein wenig , als die Freundinnen ihr die Krone aufsetzten , und ihr Antlitz wurde , als sie die leichte Last auf ihrem Haare fühlte , womöglich noch röter als früher . Es ist schön im Menschenleben , daß jeder einen Augenblick erlebt , worin alle königliche Macht und Majestät vor ihm zunichte wird . Diesen Augenblick erlebt nicht nur der Feldherr , der durch einen Sieg die Hauptstadt rettet , oder der Kanzler , der mit einem Federzuge die Grenzen des Reichs um das Doppelte zu mehren weiß ; es erlebt ihn jeder einmal , er müsse sich auch sonst Tag für Tag durch ein gedrücktes Dasein hindurch beugen und winden . Der Tagelöhner hat ihn , der sein neugeborenes erstes Kind auf den Arm nimmt und selbst der todkranke Bettler empfindet ihn , wenn ihm ein pflichtgetreuer und gewissenhafter Priester die heilige Kommunion reicht . Auch unsere Braut , von der sonst nicht viel zu sagen ist , fühlte diesen Augenblick , als sie die Krone auf ihrem Haupte empfing . In dem dunkelschwarzen Haare , welches sie ausnahmsweise mitten unter dem blonden Volke besaß , funkelten die goldenen und silbernen Flitter gar lustig . Sie richtete sich , angefaßt von ihren Freundinnen auf , und die beiden breiten golddurchwirkten Streifen , welche zur Krone gehören , fielen ihr lang auf den Rücken hinunter . Die Knechte standen schon vor der Türe , um die Ausstattung in den Flur hinabzuschaffen , die Brautjungfern nahmen ihre Freundin bei der Hand , eine erhob das Spinnrad , welches bei den nachfolgenden Zeremonien ebenfalls seine Bestimmung hatte , und so gingen die drei langsam die Treppe hinunter zum Brautvater , während die Knechte die Laden und Packen ergriffen und sie in den Flur zu tragen begannen . Inzwischen hatte der Hofschulze unten vor der Türe Gelegenheit gehabt , seine Fassung zu beweisen . Denn kaum war er draußen einige Minuten lang gewesen , als ein junger Bursche , der Hochzeitbitter , langsam durch den Eichenkamp gegen das Haus zu geschritten kam , dessen verlegene Miene mit seinem Putze und mit dem lustigen Busche von gewiß fünfzig farbigen Bändern am Hute wenig übereinstimmte . » Nun , was ist das ? « fragte ihn der Hofschulze . » Was soll das traurige Gesicht ? Passierte ein Unglück ? « » Ach « , versetzte der junge Hochzeitbitter , » werdet mir nicht böse , Hofschulze . Hölscher will nicht kommen . « Der Alte ließ vor Schreck seinen Hut fallen und seine Züge verwandelten sich . - » Wie ? « rief er nach einigem Schweigen . » Hölscher will nicht kommen ? Mein nächster Nachbar ? Ei , das wäre ja dem ganzen Pläsier und Feste ein großer Schimpf . Und warum will er nicht kommen ? Du bist gewiß in deiner Rede steckengeblieben . « » Nein , das nicht « , versetzte der Hochzeitbitter . » Ihr wißt , an Maulwerk fehlt mir ' s nimmer , und ich bringe auch alles immer heraus , gehörig geschrieen , wie es sein muß . Ich kann die Rede aufs Schnürchen , wie ich sie allerorten hersagte , und so auch bei Hölscher : Ihr lieben , guten Hochzeitsleute , Kommt morgen auf den Hof , nicht heute ; Der Bräutigam und auch die Braut , Die werden vom Herrn Pastor getraut , Und wenn getraut ist , geht ' s zu Tisch , Darauf wird sein viel Fleisch , kein Fisch , Es wird da sein auch ein Stück Wurst , Ist gut für den Hunger und weckt den Durst . Auch findet ihr einen oder mehrere Schinken , Auf welche sich sehr gut läßt trinken , Ein Mostertstück wird nicht vergessen , Das sollt ihr dann mit Mostert essen , In der Suppe sind Hühner , die nicht krähn , Das Beste sind vier Puterhähn ' , Die lagen fünfzig Jahr ' an der Kett ' Davon sind sie geworden fett , Kommt ihr zum Oberhofe nicht , So seid ihr alle schlechte Wicht ' - « Der junge Bursche würde noch lange in diesen Versen , die er laut schreiend mit eintönigem Fall der Stimme vortrug , fortgefahren haben , wenn ihn nicht der Hofschulze ungeduldig unterbrochen und zu ihm gesagt hätte : » Ich brauche deinen Spruch nicht . Warum bleibt Hölscher aus ? « » Weil ich ihn statt gestern , erst heute früh eingeladen habe « , erwiderte kleinlaut der Hochzeitbitter . » Sie hatten mir gestern überall so viel eingeschenkt , daß ich gegen Abend duselig geworden war und einschlief und Hölscher ganz verschlief , wo ich denn nun heute früh nachholen wollte , aber ... « » Hölscher ließ das nicht gelten und sagte , es schicke sich nicht , erst am Hochzeitmorgen gebeten zu werden , es gehöre sich spätestens den Tag zuvor , nicht wahr ? « fiel der Hofschulze ein . » Jawohl « , antwortete der Bursche , » und er sagte auch , es heiße in dem Spruch : Kommt morgen auf den Hof , nicht heute- wenn er aber morgen komme , so habe er das leere Nachsehen . « Der Hofschulze bohrte seinen Stock tief in die Erde . Das Blut war ihm dermaßen in das Antlitz getreten , daß seine Stirnadern geschwollen starrten . Er sah den Hochzeitbitter mit einem furchtbaren Blicke an , vor dem dieser den Hut abnahm und drei Schritte zurücktrat . Dann sagte er : » Wenn ich mich nicht menagieren müßte , absonderlich heute , so kriegtest du diesen Stock hinter die Ohren , daß du das Aufstehen vergessen solltest . Hölscher kommt nicht , das weiß ich , ich kenne ihn darin , er ist einer , der sich nicht vernegligieren läßt . Und wenn ich selbst zu ihm ginge , was sich aber auch durchaus nicht schickt , er würde es abschlagen . Jedermann wird nun nach Hölscher fragen , das wird ein Kujonieren geben , ei ! ei ! ei ! - Was für einen Schaden hast du mir an der Hochzeit gestiftet ! Könnt ihr denn das verruchte Zechen nicht lassen ? Denkt ihr immer , ohne das gediehet ihr nicht ? Sieh mich an , ich werde zu Martini neunundsechzig und fasse alles noch stramm mit an , und doch soll der noch auftreten , der mir nachsagen kann , er habe mich anders wie gewöhnlich gesehen . « » Ihr seid auch was Apartes , mit Euch kann sich niemand in Vergleichung stellen « , sagte der junge Bursche schüchtern . » Ei was ! « fuhr der Hofschulze auf . » So wie ich bin , hat der liebe Herrgott alle Menschen haben wollen , und es ist nur Eure Schlemmerei und Liederlichkeit , die Euch nicht so werden läßt . « Während dieses rauhen Auftrittes hatten die Knechte mit den Packen und Laden auf der Treppe und im Flur ein großes Geräusch gemacht , und es war sonach die frühere Stille des Oberhofes sehr unterbrochen worden . Jetzt trat die Braut , geführt von den beiden Brautjungfern , in die Türe , das Haupt fest und steif unter der zitternden Goldkrone haltend , als ob sie fürchte , den Ehrenschmuck zu verlieren . Sie reichte dem Vater die Hand und bot ihm , ohne aufzusehen , den guten Morgen , worauf der Alte ohne alle Rührung » Schön Dank « versetzte und seine frühere Positur wieder annahm . Die Braut setzte sich an die andere Seite der Türe , nahm ihr Spinnrad vor sich und begann eifrig zu spinnen , in welcher Arbeit sie observanzmäßig bis zu dem Augenblicke , wo der Bräutigam sie zum Brautwagen führte , fortfahren mußte . Der nachlässige Hochzeitbitter hatte sich unterdessen verstohlen entfernt . Die zweite Brautjungfer unterrichtete den Hofschulzen von dem Ausbleiben der Sibylle , woran , wie sie hinzufügte , keine Unpäßlichkeit , sondern das boshafte Wesen schuld sei , weil sie nämlich selbst ein Auge auf den Wilhelm , den Bräutigam , gehabt habe . Die Glocke begann eben zum ersten Male zu läuten , und es war nun durchaus keine Zeit zu verlieren . Der Hofschulze , der seit einer Viertelstunde aus einer Verdrießlichkeit in die andere gestürzt wurde , murmelte tiefsinnig vor sich hin : » Wenn nur alles klug geht bei dieser Hochzeit ! - Alle die Scherereien - hm ! hm ! ei ! ei ! - Indessen muß der Mensch seine Kontenance behalten . « - Er gab , wiewohl sehr ungern die Erlaubnis , anstatt der boshaften Eifersüchtigen Lisbeth als dritte Brautjungfer einzukleiden , mit welchem Bescheide sich die zweite entfernte , um den Putz zu Lisbeth zu tragen . Auch die erste ging , im Baumgarten den Strauß für den Bräutigam zu pflücken . In der Ferne ließen sich schon einzelne Töne der Musik hören , welche das Herannahen des Brautwagens verkündigten . Aber auch dieses Zeichen , daß der entscheidende Augenblick bevorstehe , der ein Kind vom Hause der Eltern löset und den Vater bei dem Kinde in den Hintergrund der Anhänglichkeit schiebt , brachte keine Regungen in den Personen hervor , welche wie Musterbilder alter Bräuche an den beiden Seiten der Hoftüre saßen . Die Tochter spann , hochrot aber gleichgültig aussehend , unverdrossen fort , der Vater sah gerade vor sich hin , und beide . Braut und Brautvater , wechselten miteinander kein Wort . Die Brautjungfer suchte unterdessen im Baumgarten den Strauß für den Bräutigam zusammen . Sie wählte spätblühende Rosen , Feuerlilien , orangegelbe Sternblumen , Blumen , welche sie dort Jelängerjelieber , an andern Orten Jesublümlein nennen , und Salbei . Groß , daß man drei Hochzeiter höherer Stände damit hätte ausstatten können , geriet dieser Strauß , denn bei den Bauern muß alles in das Gewicht fallen . Auch nicht ganz lieblich duftete er , denn die Salbei verbreitete einen starken , die Sternblume sogar einen übeln Geruch ; indessen durfte beides , insbesondere die Salbei , nicht fehlen , sollte der Strauß herkömmliche Vollständigkeit besitzen . Als sie ihn fertig hatte , hielt ihn das Mädchen mit stolzer Freude vor sich hin , und verknüpfte ihn dann mit einer breiten dunkelroten Schleife . Darauf ging sie ihren Posten bei der Braut einzunehmen . Viertes Kapitel Der Jäger und sein Wild Während das Zeremoniell so durch den ganzen Oberhof waltete , waren auf dem Zimmer , welches der wilde Jäger früher bewohnt hatte , zwei junge Leute ohne alles Zeremoniell beisammen . Vier warme Wangen hielten keine bestimmte Farbe , sondern spielten bald in Purpur , bald in Rosenröte , bald in einem fliegenden Bleich ; vier blaue Augen suchten einander , und wenn sie sich gefunden , zogen sie , wie erschrocken über ihr Wagnis , den Vorhang der Wimpern vor sich nieder ; zwei Lippenpaare hätten gern gemeinsame Beschäftigung vorgenommen ; da diese ihnen aber noch versagt war , so zuckten sie für sich in wundersamer , unruhiger Tätigkeit , die des eigentlichen Ziels entbehrte . Das junge Mädchen saß am Fenstertischchen und säumte ein schönes Tüchlein , welches der Jüngling für sie in der Stadt gekauft und ihr zum Festputz verehrt hatte . Sie stach sich heute noch öfter in die Finger als an dem Abende , da sie der Braut am Linnen nähen half , denn wenn die Augen die Nadel nicht überwachen , so geht diese ihre eigenen boshaften Wege . Der Jüngling stand vor ihr und hatte eine Arbeit für sie unter Händen . Er schnitt ihr nämlich eine Feder . Denn endlich , hatte das Mädchen gesagt , müsse sie doch Nachricht geben , wo sie geblieben sei und um Erlaubnis bitten , noch einige Tage im Oberhofe verweilen zu dürfen . Er stand an der andern Seite des Tischchens , und zwischen ihm und dem Mädchen duftete eine weiße Lilie und eine Rose , frisch abgeschnitten , im Glase . Mit der Arbeit übereilte er sich nicht , er fragte , bevor er das Messer anlegte , das Mädchen vielfältig , ob sie lieber mit weicher oder mit harter Spitze schreibe , fein oder stumpf , ob er die Fahne stutzen oder lang lassen solle ? und richtete noch mehrere dergleichen Fragen an sie , so gründlich , als solle ein Schreibmeister mit der Feder ein kalligraphisches Kunstwerk liefern . Auf diese umständlichen Fragen gab das Mädchen mit halber Stimme viele und unbestimmte Antworten , bald sollte die Feder so und bald sollte sie so geschnitten werden , und dann sah sie ihn zuweilen an und seufzte jedesmal , wenn sie das tat . Der Jüngling seufzte noch öfter , ich weiß nicht ob über die unbestimmten Antworten , oder über sonst etwas . Einmal gab er ihr die Feder in die Hand , damit sie an der zeigen sollte , wie lang sie die Spalte wünsche . Sie tat es , und als sie ihm die Feder zurückreichte , empfing er noch etwas mehr , nämlich ihre Hand . Diese wurde von der seinigen so ergriffen , daß die Feder darüber zu Boden fiel und eine Zeitlang ihnen aus dem Gedächtnisse kam , weil alles Bewußtsein in die beiden Hände gefahren war , die einander sanft streichelten oder drückten - darüber lauten meine Quellen verschieden . Ich will euch ein großes Geheimnis verraten . Der Jüngling und das Mädchen waren der Jäger und die schöne blonde Lisbeth . Und wenn ihr einmal recht freundlich gegen mich sein , mich nicht immer so bezweifeln und bemäkeln wollt , wodurch ihr manches Gute in mir , und euch manche Freude zerstört habt , so tue ich euch jetzt den Gefallen , und erzähle euch , wie es den beiden jungen Leuten im Oberhofe ergangen war , nachdem der Jäger die Lisbeth statt des Rehes geschossen hatte . Die Verwundete war in jener Nacht auf ihr Zimmer getragen worden und der Hofschulze , der ganz verstört , was ihm selten begegnete , aus seiner Kammer hervorkam , hatte sogleich nach dem nächsten Chirurgus geschickt . Dieser Mann wohnte aber anderthalb Stunden vom Oberhofe , er schlief fest und ging ungern bei Nacht aus . Der Morgen war daher schon angebrochen , als er endlich mit seinen notdürftigen Instrumenten anlangte . Er nahm das Tuch von den Schultern , betrachtete die Wunde und machte ein äußerst schwieriges Gesicht . Indessen müssen selbst die Bedenklichkeit eines Dorfchirurgen vor der offenbaren Geringfügigkeit eines Falls weichen . Der Schuß des jungen Schwaben hatte Lisbeth glücklicherweise bloß gestreift , nur zwei Schrotkörner waren in das reine , jungfräuliche Fleisch gedrungen , aber auch nicht tief . Der Chirurgus zog sie heraus , legte einen Verband auf , empfahl Ruhe und kaltes Wasser und ging mit dem stolzen Gefühle nach Haus , daß , wenn er nicht so schleunig herbeigerufen worden wäre und nicht so unverdrossen bei Nacht seine Pflicht getan hätte , unfehlbar der kalte Brand zu der Wunde hätte treten müssen . Lisbeth war während des Harrens auf die Hülfe gefaßt gewesen , und hatte kaum geklagt , obgleich ihr totenblasses Gesicht verriet , daß sie Schmerzen litt . Auch die Operation , welche durch die schwere Hand des Chirurgen peinigender wurde , als nötig , hatte sie mutig ausgehalten . Sie ließ sich die Schrotkörner geben und schenkte sie dem Jäger mit einem Scherze . Es seien Treffkörner , sagte sie zu ihm , er solle sie aufheben , er werde damit glücklich sein . Der Jäger nahm die Treffkörner , wickelte sie in Papier und ließ das Haupt seines schönen Wildes , weil es schlummern wollte , aus den sanft umfangenden Armen . In denen hatte Lisbeth seit dem Eintritte in die Stube des Oberhofes mit ihren Schmerzen geruht , wie droben am Freistuhl . Unverwandt hatte er mit kummervollem Auge in ihr Antlitz geschaut und war zuweilen einem freundlichen Blicke begegnet , welchen sie , wie um ihn zu beruhigen , zu ihm emporschickte . Er ging in das Freie . Unmöglich konnte er jetzt den Oberhof verlassen , er mußte , so sagte er , doch die Heilung der armen Verletzten abwarten , das erforderte die Menschlichkeit , fügte er hinzu . Im Baumgarten fand er den Hofschulzen , der , da er erfahren , daß keine Gefahr vorhanden sei , seinen Geschäften nachging , als habe sich nichts ereignet . Er bat den Alten , ihm noch länger Quartier zu geben . Der Hofschulze sann nach und wußte kein Gelaß für den Jäger . » Und wenn es auch nur ein Verschlag auf dem Speicher wäre ! « rief der Jäger , der auf die Entschließung seines alten Wirtes mit einer Ängstlichkeit harrte , als hange davon sein Schicksal ab . Nach langem Besinnen fiel diesem endlich ein solcher Verschlag auf dem Speicher ein , worin er Frucht bewahrte , wenn die Ernte für die gewöhnlichen Räume zu ergiebig ausgefallen war . Jetzt war er leer und diesen wies nun der Alte seinem jungen Gaste an , setzte aber hinzu , daß es ihm da droben wohl nicht gefallen werde . Der Jäger ging hinauf , und obgleich der kahle und verdrießliche Raum nur von einer Dachluke sein geringes Licht empfing , und zum Sitzen sich da nichts vorfand , als ein Brett und ein Kasten , so gefiel es dem Jäger doch dort oben wohl . » Denn « , sagte