da sie damals die Hoffnung trug , ihr lebe der Oheim und in ihm aller Schutz , alle Liebe , aller Trost . Nach einigen Augenblicken tiefster Erschütterung , die der Pater Clemens , in ernstes Sinnen verloren , nicht zu unterbrechen suchte , rang sich ihr Geist mit neuer Anstrengung empor , sie zog die Hände weg , und den Verkündiger dieser trostlosen Nachrichten schmerzlich anblickend , rief sie mit dem Tone der wahrsten Seelenangst : Vergebt mir , wenn ich , so grausam betrogen , wie Ihr sagt , und verlassen von Allen , die mir die Natur zum Schutze bestimmte , jetzt die Qual des Mißtrauens kennen lerne und sie auch gegen Euch , von dem ich um so viel lieber Gutes dächte , da ich nur Gutes von Euch erfahren , nicht ganz zu bemeistern vermag . Beweiset mir , edler Sir , was Ihr sagtet , denkt mit Nachsicht , daß , wenn ich annehmen dürfte , Ihr allein betrügt mich jetzt , dadurch mein Leben minder hoffnungslos würde und eine Aussicht mir bliebe , den Schutz zu erreichen , nach dem ich mich sehne . Denkt , setzte sie mit hervorbrechenden Thränen hinzu , daß , wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir weiß , mir fast jede Hoffnung schwindet , ihn aufzufinden . Und nun sprecht , ich beschwöre Euch , sprecht die Wahrheit . - Haltet ein , rief sie angstvoll , als Pater Clemens die Lippen öffnete , hört mich weiter ! Man sagt , die Theilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens für ausgeschlossen aus dem Verbande christlicher Pflichten . Ich kann es nicht denken , ich will es namentlich von Euch nicht denken ; aber es könnte sich doch in Euerm Geiste eine Geringschätzung gegen das Schicksal eines Wesens einstellen , das Ihr Ketzerin nennt . Ich verlange nicht , daß Ihr gegen mich wärmer fühlen sollt , als Euer Glaube zulässig hält ; aber bedenkt , Sir , daß wir die Wahrheit zu sagen uns selbst schuldig sind , daß jede Seele sich selbst vergiftet , die zu Gunsten irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verläßt . O Sir , also um Euer selbst willen , um des heiligen Namens willen , den der Orden trägt , zu dem Ihr Euch bekennt , redet die Wahrheit , denkt , daß ich an diesen Namen glaube , gleich Euch , und daß wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfangen werden . - Der Pater hatte sie nicht ohne Theilnahme gehört , und vielleicht hatte manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelassen , aber die Erinnerung an den Orden , dem er verpflichtet war , heilte schnell alle Verletzungen des Gewissens und führte ihn zu seinen Verpflichtungen zurück , die , auf Gott gefällige Zwecke gerichtet , über die Mittel keinen Zweifel gestatten . Könntet Ihr übersehen , hob er mit Würde an , wie vorsorglich diejenigen gegen Euch gehandelt , die Euch meiner Obhut vertrauten , wie würdet Ihr dadurch am besten jenes traurige Vorurtheil widerlegt fühlen , welches die Feinde unserer heiligen Kirche verbreitet haben , um die Seelen zu verscheuchen , die ohne Befriedigung jener abgefallenen Kaste angehören und nach dem Mutterschooße unsrer Kirche sich zurücksehnen . Die Diener und Dienerinnen dieser vom Heilande stammenden Lehre gehen verfolgt , beleidigt und im Elende schmachtend noch immer , gleich den Jüngern des Herrn , über die vom falschen Wahn ergriffene Erde , und suchen , wie der Hirt im Evangelium , das verirrte Schaf . Wer Euer beklagenswerthes Loos meinen Obern entdeckt habe , kommt mir zu wissen nicht zu . Eure Unschuld indeß rührte die erhabenen Männer Jesu , und da ihr Einfluß eine noch unsichtbare , aber nicht geringe Macht ist , erhielt ich das Zauberwort , welches Lord Membrocke von Euch abzustehen zwang . Ihr selbst mögt durch unbefangene Aeußerungen und die daran geknüpften Nachforschungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane Veranlassung gegeben haben , der ihm Eure Entführung gelingen ließ . Glücklicher , als Eure Freunde , hatte er den entdeckt , den Ihr zu finden strebtet , seine Handschrift ward von einem geschickten Bösewicht nachgemacht , der Siegelring ihm entwendet , und Beides in des Lords Hände geliefert . Ihr ließet Euch täuschen , obwol keine Zeile dieses Briefes die Gesinnungen des Mannes verrieth , dessen Handschrift man wohl nachzuahmen vermochte , aber nicht den Ton seiner Liebe . - O , Ihr sprecht wahr ! rief hier Maria , überwältigt von der fremden Bestätigung ihrer eigenen Empfindungen . - Und so triumphirte das Böse , und Ihr folgtet dem elenden Verführer , der Euch verkauft hatte an einen vornehmen Wüstling , dem er Euch zuführte . - Und jetzt , rief Maria , alles Andere übergehend , wie werde ich es jetzt anfangen , um mich so bald als möglich unter den Schutz meines Verwandten zu begeben ? Soll gegen Euch , Sir , der Ihr so viel für mich gethan , und gegen diese geheimen Freunde , die sich meinem Danke entziehen , meine Verbindlichkeit noch höher steigen ? Soll ich Euch das Glück dieser Wiedervereinigung verdanken ? - Mylady , Ihr findet mich hier an der Grenze meiner Wirksamkeit und Macht . Euch hierher zu führen , lauteten meine Vorschriften , ich erwartete hier weitere Bestimmungen zu finden , die jedoch ein ungewöhnlicher Zufall verspätet haben muß , und die Euern unfreundlichen Empfang verschuldet haben . Wenn die Vorschriften ankommen , werden sie enthalten , was mit Berücksichtigung Eurer Sicherheit in Bezug auf diesen höchst gerechten Wunsch und seine mögliche Ausführung zu beschließen ist . Geduldet Euch bis dahin , und überseht nicht , in nutzloser Sehnsucht nach jenem Ziele , die Annehmlichkeiten , die Euch hier ein ruhiges , ungefährdetes Leben sichern . - Und wißt Ihr wenigstens nicht mir zu sagen , ob mein Oheim bereits Nachricht von meinem Schicksal und jetzigem Aufenthalte erhielt . Denn nachdem man gewagt hat , diesen theuern Namen zur Ausführung so böser Absichten zu mißbrauchen , wie Ihr sagt , und wie tausend von mir nur mühsam unterdrückte Ahnungen mir bestätigen , zweifle ich nicht mehr , daß die ganze Erzählung über seine politische Stellung mit zu den Erfindungen jenes Verräthers gehört . Sie einen Augenblick geglaubt zu haben , gereicht mir zur tiefsten Beschämung , da sie den erhabenen Karakter des Mannes befleckte , den ich nie so anzugreifen hätte gestatten sollen . - Das Schicksal dieses Mannes liegt mir zu fern , als daß ich Euch darüber Auskunft geben könnte ; aber ich glaube annehmen zu müssen , daß es eine Wendung genommen , die ihn vielleicht augenblicklich aus der Lage setzt , Euch selbst Dienste zu leisten . Es wird ihm sehr zur Beruhigung gereichen , Euch in einer vollkommenen Sicherheit und in den anständigsten Verhältnissen zu wissen , da , wie sehr auch das Letztere in dem Hause der Herzogin von Nottingham der Fall war , doch Eure Sicherheit sich als unzulänglich erwiesen hat . - O Sir ! seufzte hier Maria , wen trifft der Vorwurf anders , als mich selbst ? Meine eigne leichtgläubige Thorheit hat mich dem Schutze entzogen , der sonst ausreichend für alle andern Fälle war . - Ihr habt darin nicht Unrecht , und ich mag es Euch um so weniger ausreden , da Euer Selbstvertrauen in den meisten Fällen weiter geht , als sich mit Eurer zarten Jugend und dem Mangel an Vertrauen verträgt , der nothwendig damit verknüpft ist . - Maria fühlte sich von diesem sanften Verweise des bejahrten Mannes , dessen Grundsätze und Ansichten sie mit Verehrung angehört hatte , wohlthätig berührt , und da junge und gut geartete Personen sich stets zu denen hingezogen fühlen , die sie schonend auf ihre Fehler aufmerksam machen , so hätte Pater Clemens nichts vortheilhafteres wählen können , wenn es überhaupt sein Wunsch war , sich in der Gunst des Fräuleins festzusetzen . Sie hob ihre Augen mit einem so demüthigen Ausdruck zu ihm empor , als hätte sie ihn allein beleidigt , und sagte mit sanfter Stimme : Ich sehe es wohl ein , daß Ihr ganz recht habt , und Eure Güte , mich daran zu erinnern , ist sehr groß . Ich bin viel zu früh dem Rathe meiner Verwandten entzogen worden ; alle meine Fehler sind daher unbeachtet geblieben , und ich selbst habe versäumt , mit Ernst darauf zu wirken . Aber gewiß will ich von jetzt an , da Gottes Güte mir eine Warnehmung durch Euch schickt , dagegen nicht länger nachsichtig sein . Darf ich Euch indeß nun einen Wunsch gestehn , der sehr lebhaft in mir wird , seit ich weiß , daß ich betrogen ward . Redet , liebe Tochter , erwiederte der Pater Clemens mit dem väterlichen Tone , in den das Fräulein ihm selbst so eben hineingeholfen hatte , mit Antheil will ich alle Eure Wünsche hören und fördern , was möglich ist . Maria öffnete die Lippen , aber ein tiefes Roth deckte plötzlich ihr unschuldiges Angesicht , und ihr Kopf sank auf ihre Brust . Nach einigen verlegenen Augenblicken hob sie schüchtern an : Glaubt Ihr , verehrter Sir , daß eine aufrichtige Darstellung der Wahrheit und meiner damit verflochtenen Thorheit die theure tugendhafte Familie versöhnen könnte , die ich durch meine unbesonnene Entfernung so tief beleidigt habe ? und könnt Ihr mir , dies zu bewirken , einen Weg zeigen ? Pater Clemens hielt mit der Antwort zurück , und hätte Maria nicht eben abgeschworen , ihrem Urtheil unbedingt zu vertraun , so hätte sie nicht übersehen können , daß dieser Gedanke ihm sichtlich widerstrebte . Es wird zu Eurer Rechtfertigung im Laufe der Zeit sich sicher eine Gelegenheit finden , erwiderte er nach einigem Bedenken ; doch jetzt müßt Ihr durchaus Euch von Allen Schritten nach Außen zurückhalten , da vorerst nur die spurloseste Zurückgezogenheit Euch vor den Nachstellungen des mächtigen Mannes bewahren kann , gegen dessen weitreichenden Einfluß selbst Euer Oheim Euch nicht zu schützen vermöchte . - Nennt mir , theurer Sir , diesen furchtbaren Mann , der so verhängnißvoll für mein armes Leben ward , und zugleich seine Gründe , gerade mich zu verfolgen . - Solltet Ihr nie den Namen des Herzogs von Buckingham haben nennen hören ? Er ist es , der Euch verfolgt . Laßt Euch damit genug sein , daß er Euer Verderben wollte , und verlangt nicht , daß ich nähere Angaben mache , die zu erwähnen weder meiner geistlichen Würde ziemt , noch Euch sie anzuhören . Maria schwieg , wie gelähmt vor Schrecken und Abscheu ; erst nach langer Bekämpfung der dadurch erregten Schmerzen fuhr sie schüchtern fort : Und bin ich hier sicher ? Werde ich hier nicht erreicht werden ? und wer läßt mir hier Schutz angedeihen ? Wem habe ich nächst Euch zu danken ? - Den mächtigen Obern meines Ordens , die in diesem Hause , welches unter ihrer besonderen Macht steht , schon manche von der Welt verfolgte Unschuld gerettet haben , denen seid auch Ihr verpflichtet . Aber kümmert Euch um diese Verpflichtungen nicht , Euer Verwandter wird diese Ansprüche dereinst anerkennen und sie zu belohnen wissen . - Und , Sir , fuhr sie fort , und Unruhe und Bekümmerniß malte sich in ihren Zügen , stehe ich nicht unter dem Einfluß der schrecklichen Frau , oder wie bin ich vor ihr zu sichern ? - Ihr werdet derselben Frau im Laufe des Tages noch vorgestellt werden und Euch dann selbst überzeugen , daß , wer nicht bei Nacht sich muthwillig ihr entgegen stellt , bei Tage nichts von einer Unglücklichen zu leiden hat , die bei uns allen den höchsten Anspruch auf Mitleiden und sogar auf Achtung besitzt . Ein höchst bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben sucht sie gut zu machen durch eine fromme Hingebung an die heilige Mutterkirche , und sie hat ihr väterliches Schloß seit dem Tode ihres Gemahls , der so wirksamer Reue unzugänglich war , zu einem Aufenthalt der ehrwürdigen Schwestern gemacht , in deren Kloster sie als Kind erzogen ward , und zu denen sie jetzt sich mit heiligen Gelübden wieder bekannt hat . Ihr werdet unter den Frauen dieses Hauses würdige Gesellschaft finden , und vor allen in dem Umgang mit Schwester Electa , die Ihr hier saht , ein wahrhaftes Vorbild christlicher Tugenden und weiblicher Demuth erkennen . Wie auch Eure Glaubens-Meinungen abweichen mögen , zweifle ich doch nicht , Ihr werdet der frommen Eintheilung des Tages Euch anschließen , da sie Euch eine würdige Beschäftigung mit den höchsten Gegenständen menschlicher Betrachtungen sichert . Um ein mögliches Aergerniß schwacher Seelen zu verhüten , namentlich um die ängstliche Empfindlichkeit Eurer Wirthin nicht zu reizen , die sich schwer überzeugen ließ , daß Ihr Euch hier nicht als Spötterin eindringen wolltet , bitte ich Euch sogar die einfache Kleidung des Hauses anzulegen und so den Frieden zu sichern , den man Euch dann ungestört wird genießen lassen . Wie , rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit , ich sollte das Gewand einer Nonne anlegen ? Ich , eine Protestantin , sollte , wenn auch nur in dieser Aeußerlichkeit , den Schein einer Handlung annehmen , die mich von der Kirche trennte , der ich durch Geburt und Ueberzeugung angehöre ? Nein , Sir , das ist nicht Euer Ernst , oder Ihr denkt sehr gering von dem Eifer , den wir unserer Lehre zuwenden . Ich will mich der Ordnung des Hauses , das mir Schutz verleiht , fügen , aber ohne mich Gebräuchen anzuschließen , die man mich gelehrt hat , als unverträglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzusehn . Sicher verspreche ich Euch , durch ein ehrerbietiges Betragen jede Besorgniß wegen einer unwürdigen Spötterei zu verbannen ; aber in dem Maaße , wie ich dies thue , soll man auch meine Ueberzeugung ehren und sie nicht als verächtlich ansehn , daß sie sich hinter einen Schein von Lüge verbergen müßte . Als Maria Alles gesagt hatte , was ihr aufschwellendes Herz ihr eingab , gewahrte sie erst den ernsten , vorwurfsvollen Blick des Priesters , womit dieser die heftigen Worte der Gereizten begleitete . Nachdem sie sich gesammelt , schien ihr , diesem stillen Vorwurf gegenüber , ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer Heftigkeit , die sie sonst stets in sich anfeindete . Das Stillschweigen , welches Pater Clemens zu beobachten fortfuhr , verstärkte den Vorwurf , den sie sich aufnöthigte , und schnell zu ihrer eigensten Natur zurückkehrend , redete sie mit ruhiger , doch schüchterner Stimme fort : Ich fühle , was Ihr sagen wollt , ehrwürdiger Herr , und sehe ein , daß ich heftiger war , als Euer Vorschlag rechtfertigt . Wenn ich Euch tadelnswerth erscheine , so verzeiht mir ; der eigne Vorwurf hat mich erreicht , und Euch wollte ich nicht wehe thun . Schweigend senkte Pater Clemens das Haupt und erhob sich langsam , indem er gesonnen schien , das Fräulein über die Aufnahme ihrer Entschuldigung im Zweifel zu lassen . Sein Auge hing am Boden , er grüßte sie feierlich und verließ das Zimmer ohne die geringste Erwiderung . Als die Thür sich hinter ihm schloß und die unglückliche Maria sich allein sah , da überwältigte sie das Gefühl ihrer trostlosen Lage , und sie sank in Thränen aufgelöst auf den Teppich hin , ihren Kopf in den Polstern des Lehnstuhls bergend . So verlassen hatte sie sich noch nie gefühlt . Das Zürnen des Paters , die Art , wie auch er sie jetzt verließ , machten ihr erst fühlbar , welch eine Stütze er ihr geworden , und wie erschreckend und trostlos sich ihr Leben gestaltet hatte , da ein Blick über dasselbe ihr sagte , daß alle ihre Hoffnungen niedergesunken und sie von Allen getrennt sei , denen sie vertrauen durfte , und die es früher oder später jemals gut mit ihr gemeint . Zum ersten Male fühlte sie in ihr sonst so gesundes Herz eine Muthlosigkeit einziehn , wovor sie bisher ihr starker Karakter , ihre Jugend und alle ihr vorschwebenden Hoffnungen bewahrt hatten . Körperlich ermattet , von den Eindrücken dieses Hauses , zu dessen düstern Geheimnissen sie sobald gelangen mußte , erschreckt , verfiel sie in eine bisher unbekannte Furcht , und unbestimmte Sorgen für ihre persönliche Sicherheit nahmen ihr völlig die Freiheit des Geistes , die ihr sonst eigen war . Sie fühlte dies selbst ; aber sie konnte nicht einsehn , wie viel sie ihrer Körperschwäche davon zurechnen mußte . Doch alle Umstände ihrer Lage schienen ihr allein schon geeignet , sie nieder zu beugen , und diese Ansicht versenkte sie in eine widerstandlose Betrübniß . Sie ließ ihren Thränen freien Lauf , und eine Fülle von Wehmuth drängte sich aus ihrem Busen . Weinend liegen zu bleiben , bis alle Schmerzen ausgeweint wären und sie sterbend sich auflöse , schien ihr das Einzige , was ihr übrig geblieben . Dies hoffte sie in der schmerzlichen Abspannung ihres Geistes , dahin deutete sie die überhand nehmende Schwäche ihres angegriffenen Körpers , darnach sehnte sich ihr ermüdetes Herz . Aber es ist selten der Wille des Himmels , unsern Körper zur Zerstörung an unsere Seelenschmerzen zu übergeben . Nur wer zum ersten Male den Umfang einer Trostlosigkeit kennen lernt , die ihn schnell von allen gewohnten Banden des Lebens ablöst , hofft und erwartet sie durch den Tod gelöst zu sehen . Eine andere Wechselwirkung ist uns aufgegeben , ein anderer Sieg dem schmerzbeladenen Geiste aufgehoben ! Gegen unsern befangenen Willen bleibt die zarte Körperhülle für die in ihr tobenden Stürme ausreichend , bis wir den Frieden mit allen Erscheinungen in und außer uns schließen , und , erstarkt im Kampfe , weder unsere Auflösung hoffen , noch sie zu wünschen wagen . Wer aber einen tiefen , umfassenden Schmerz erlebt , der ihn aus allen Freudentempeln der Vergangenheit scheuchte , der erwacht zum Weiterleben , wie ein Verbannter , der fern von dem Boden der Heimat , wo sein Glück und seine Lieben wohnen , an der fremden Stelle nichts sucht und erwartet , und als ein stiller theilnahmloser Gast , als ein neid- und freudloser Beobachter die Schätze der Erde nicht mehr für sich vorhanden glaubt . Oft geht der Unglückliche diesen Weg , ohne zu ahnen , daß es der Weg zu einer lichtvolleren Erkennung des Lebens ist . Lady Maria stand nach einigen Stunden erschöpfenden Schmerzes von ihren Knien auf , und blickte sich kalt und gleichgültig an , als ihr blasses , leidendes Gesicht aus dem Spiegel zurücksah . Sie hätte keine Fremde gefunden , die ihr gleichgültiger geschienen hätte , als sie sich selbst . Nur eine dumpfe Vorstellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach so vielen Anstrengungen und Erschütterungen geblieben , nur eine klagenlose Ergebung , eine völlige Muthlosigkeit , gegen ihr Schicksal anzukämpfen ; und hätte man jetzt den Schleier der Ursulinerinnen über sie geworfen , sie würde ihn lächelnd als eine Wohlthat empfangen haben . Diese Stimmung hatte Zeit um sich zu greifen , denn ob absichtlich oder zufällig , ihre Einsamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht gestört . Margarith meldete ernst und schüchtern , daß das Mittagessen aufgetragen sei , und sie folgte ohne Erwiderung der Meldung . Aber der alte Diener , der heute in ein festes Schweigen gehüllt sie bediente , mußte voll Erstaunen die leidenden Züge des schönen Fräuleins und ihr gänzlich verändertes Wesen betrachten . Sie grüßte mit dem müden Haupte , ohne daß ein Lächeln den stummen Gruß belebt hätte ; unberührt blieben die Speisen vor ihr stehn , und sanft wies ihre Hand den kleinen goldnen Becher zurück , dessen Inhalt sie noch gestern so wohl zu schätzen gewußt . Miklas und seine Tochter wechselten Blicke , und auch der Vater konnte die Theilnahme nicht unterdrücken , die sich in einzelnen Tropfen aus den Augen der Tochter stahl . Längst hatte man auch die letzte Schüssel unberührt hinweggenommen , und harrte , daß Maria sich erheben würde ; aber in tiefes Sinnen verloren , gab sie kein Zeichen , daß sie sich ihrer Lage bewußt war . Mit der ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte diese Probe aus ; doch ehe er es verhüten konnte , kniete Margarith neben dem Fräulein nieder . Liebe , theure Lady , wollt Ihr Euch niederlegen , sprach sie weinerlich , Ihr müßt sehr krank sein . Als ob ein Schuß an ihr Ohr gefallen , so schreckte die gebeugte Gestalt Maria ' s bei diesen Worten empor , und schnell aufstehend rief sie hastig und tonlos : Was willst Du ? Wie ? Wo soll ich hin ? Wollt Ihr nicht ruhen , liebes Fräulein ? sprach Margarith , noch schüchterner durch die Aufnahme ihrer ersten Worte . Ihr scheint der Ruhe zu bedürfen . Ja , Ruhe , Ruhe ! seufzte Maria , die habe ich nöthig , sehr nöthig ; wo aber sagst Du , daß ich sie finden soll ? Auf Euerm Bette , erwiederte die Kleine ermuthigt , laßt mich Euch dahin führen . Träumerisch blickte Maria die geschäftige Dienerin an , und mit einem Seufzer , der ihre Brust zu sprengen schien , ließ sie sich hinwegführen . Der Abend breitete schon seine Schatten über das Schlafzimmer Maria ' s , auf dessen Bette sie unruhig athmend lag , in jenem Zustande von Fühllosigkeit , womit wir oft einen Zeitraum füllen , in dem geistige und körperliche Ermüdung uns wohlthätig gegen den Schmerz abstumpfen , dessen Opfer wir wurden . Maria dachte wenig , und die tiefe Stille , die sie umgab , da Margarith , ob aus eigenem oder fremdem Antrieb , schweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte , ließ sie eine Abfindung mit dem Leben träumen , eine Trennung von der Welt , an die sie mit Befriedigung dachte . Sie schauderte daher erschreckt auf , als ein dunkler Schatten vor dem Fenster vorüber nach ihrem Bette glitt , denn sie fühlte Furcht vor neuen Erschütterungen , und ihr erster Gedanke war , das grauenhafte Wesen der Nacht zu sehn . Beschwichtigend drangen daher die sanften Sprachlaute der Schwester Electa zu ihr nieder . Der Friede des Herrn sei mit Euch , Mylady , so redete die feine Gestalt sie an , indem sie , über den Fußboden hinschwebend , dem Bette nahte . Ich wollte Euch meine Dienste anbieten , fuhr sie fort , und Euern Arm verbinden . Maria richtete sich mühsam auf , erwiederte leise den ersten Gruß und gab sich willig den Bemühungen hin , welche der weibliche Arzt mit großer Geschicklichkeit übernahm . Als dies Geschäft beendigt , zögerte die Schweigende noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Gesicht ihrer Pflegebefohlenen mit Theilnahme . Ihr seid auch im Uebrigen leidend , liebe Lady , und Eure Hände haben Fieberwärme ; soll ich Euch einen kühlenden Trank bereiten ? - Habt Dank , erwiederte Maria , mir ist ganz wohl , und nur mein Kopf entbehrt Ruhe , Ruhe ! es ist schwer , sie zu finden , daher bin ich geduldig , daß sie mir fehlt . Ruhe , hob Electa an , Ruhe kehrt nur ein , wo wir mit frommem Vertrauen , was außer uns liegt , an die Regierung dessen verweisen , der über alle Erscheinungen der Erde wacht . Ich hoffe , sagte Maria , ich befinde mich noch auf dem Wege des Vertrauens , den Ihr bezeichnet , aber ich bin jetzt keines klaren Bewußtseins fähig . Eben mein Kopf hindert mich ; es ist Alles abgerissen , ohne Folge und Ausdauer ; nur hier , setzte sie seufzend hinzu , ihre Brust berührend , hier fühle ich eine niederbeugende Last . Nichts beugt uns tiefer , erwiderte die ernste Gefährtin mit Sanftmuth , als wenn wir von der unruhigen Begierde , das Leben nach unserm Willen zu lenken , abstehen müssen und unsere geringen Kräfte kennen lernen , welche Jugend und Unerfahrenheit uns überschätzen lassen . Doch diese Erkenntniß ist mehr , als alles Andere , eine Gnade des Himmels , und kein süßeres Glück ist , als still harren auf den Willen des Höchsten . Ja , sagte Maria , unwillkürlich Antheil nehmend , ich habe eine Ahnung von dem Frieden der Seele , in dem jeder Widerstand sich auflöst , weil der Einklang gefunden ist mit uns und der Außenwelt . Aber dies ist das Ziel , nicht der Weg . Nimmer mögen wir dahin gelangen , wenn wir uns nicht in der Theilnahme aller unserer Kräfte , kämpfend und wieder kämpfend , und zu immer neuen Fragen ans Leben bereit erhalten , bis wir alle Antworten vernommen haben , die möglich sind , und nöthig zum Frieden mit uns selbst ; und wenn dazu Muth und Kräfte schwinden , setzte sie schwermüthig hinzu , dann ist uns das Härteste geschehen . Ach , seufzte Electa nach einer kleinen Pause , junges kühnes Gemüth , wie gefährlich ist ein dergestalt herausforderndes Treiben . Der Frieden , den ich meine , ist ein Gnadengeschenk des Himmels , das hernieder fließt , ohne unser Verdienst , ohne unser kühnes Ringen . Ich verstehe Euch zum Theil nicht , doch , wie mir scheint , glaubt Ihr diese Gabe Euch selbst mit Euern menschlichen Kräften erwerben zu können . Vergebt , aber mich schaudert vor dem Gedanken , das höchste Gnadengeschenk durch den Hochmuth der Menschen verunglimpft zu sehn . Die Welt ist die Versuchung , der wir entsagen sollen , um Frieden zu finden . Wir können nicht mit der Welt im Einklang sein und zugleich auch mit dem Willen Gottes , denn die Welt verlockt uns stets zum Widerspruch gegen denselben , ehe wir Alles in ihr als eine Versuchung zum Bösen ansehen lernen und ihr gänzlich absagen . Mein Geist ist müde und schwach , erwiederte Maria sanft , und ich möchte Euch kein Aergerniß geben , da Ihr sicher gefunden habt , was Ihr als ein unmittelbares Gnadengeschenk Gottes anseht . Nein , nein ! unterbrach Electa hier die angefangene Rede mit mehr Eifer , als Maria diesem stillen Wesen zugetraut . Nein , glaubt nicht , daß ich zu den Gewürdigten des Herrn gehöre , denen er seinen Frieden gab . Wenigen nur wird so großer Lohn zu Theil , Wenigen nur ; und ich trage den Fluch der Welt noch auf meinem verlockten Geist , und mein Gebet ist unfruchtbar und kann diese Seligkeit nicht hernieder flehen . Zehn Jahre sind es , daß ich in wahrer reumüthiger Erkenntniß einer Welt entsagt , die den Gesetzen christlicher Demuth Hohn spricht , und die empfangene Sünde hat noch ihren Stachel in mir zurückgelassen . Und Ihr , armes junges Wesen , scheint in dieser Welt und unter allen ihren zahllosen Verlockungen die Erlangung des Friedens zu hoffen , der selbst da ausbleibt , wo alle Versuchungen der sündigen Welt vor diesen heiligen Mauern umkehren . Maria konnte nicht ohne Theilnahme die tiefe Zerknirschung , den peinlichen Zustand der armen Seele sehn , die unter dem Schleier stiller Ergebung ein so unruhig kämpfendes Herz barg . Es ist nichts so wirksam , ein edles Gemüth aus den Banden des eignen Kummers zu erlösen , als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden , welches bei jungen Personen überdies noch stets den Wunsch belebt , einwirkend zu helfen ; während längere Erfahrung uns die Unzulänglichkeit dieses frommen Eifers einsehen läßt und uns mehr blos zum theilnehmenden Zuschauer macht . Ihr fandet also auf dem eingeschlagenen Wege nicht den Frieden , nach dem Ihr trachtet ? hob Maria nach einer kleinen Pause gutmüthig forschend an . Ihr hättet Euch in der Welt erst mit ihr versöhnen müssen , jetzt steht sie wie eine Feindin hinter Euch , und der Haß , den Ihr empfindet , stört eben Euern Frieden , und er kömmt nimmer von Gott . Seine Welt ist eine heilige Offenbarung , und unsere Unvollkommenheit ist es , wenn wir sie mit Sünden belastet sehn . Sprecht nicht so , Ihr wißt nicht , was Ihr sagt , und daß Ihr im Irrthum seid ! Es ist Gottes Wille , daß wir die Welt hassen sollen , um uns davon los zu reißen und dem Himmel in seiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden . Um der Unsterblichkeit unserer Seele willen müssen wir den ewigen Tod der Sünde fliehen ; uns kann nur Ruhe in dieser Welt , Versöhnung in jener werden , wenn wir die Versuchung hassen lernen und im Gefühl unserer Schwäche davor fliehen . Ihr seid noch in der unglücklichen Sucht befangen , Euch selbst zu berathen , daher hofft Ihr so weltlich , weil das Weltliche Eurer sündigen Neigung zusagt . Erst wenn wir uns selbst verlassen und die ganze Last unserer Verantwortung einem Gotterfüllten Führer anheim stellen , erst dann sehen wir ein , wie nutzlos wir uns abmühten in der eigenen regellosen Thätigkeit . Eine Gnade Gottes ist der geistliche Gehorsam , dem wir allein dann angehören , und von bevorrechteter geistlicher Erkenntniß gelenkt , werden wir von der Sünde entfernt . - Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr , sprach Maria , daß jene Gotterfüllten , bevorrechteten Führer fähig wurden , uns Irrende zu leiten und verantwortlich für uns zu werden ? Glaubt Ihr nicht , daß sie mit sich selbst erst anfingen und der Selbstberathung nicht überhoben waren , um ihren Geist zu der Höhe zu führen , die sie nun erst für Andere zu einem schützenden Vormund ihrer schwächern Seele macht ? Die heilige Kirche , erwiederte Electa , verleiht ihren Dienern , ohne sie durch die befleckenden Wege gewöhnlicher Menschennoth zu führen , die Höhe und Heiligkeit , von welcher den Schwächern mitzutheilen sie berufen sind . Ein ganzes Leben , in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht , ein Leben , an das nie ein irdisches Verlangen