die sie ihm ohne Widerstreben ließ . » Du hast mir nicht geschrieben ! « rief er . » Aber alles ist vergeben . Das Gedächtnis dieser lieblichen Stunden , die ich heute mit dir verleben durfte , löscht jede bittere Rückerinnerung aus . Ich habe es durchgedacht und durchgefühlt , Cornelie , nur deine süße Unschuld , deine holde Stetigkeit kann mich dem Leben gewinnen , meinem Dasein die Grundlagen geben , ohne welche es doch sonst früh oder spät versinken wird . Ich wiederhole die Frage und die Bitte , die ich an jenem stürmischen Morgen tat , ich wiederhole sie heute mit voller Ruhe und Sicherheit des Gemüts . Willst du die Meine sein ? - Der Oheim wird einwilligen , wenn er unsern Ernst sieht ; sein Sinn hat sich gewendet , er ist mir nicht mehr unfreundlich . « » Ich habe dich angehört , nun höre auch du mich an « , versetzte Cornelie mit niedergeschlagnen Augen . » Daß ich mich nicht gegen dich verstellen kann , weißt du , und mein Herz kennst du . Ich denke an dich , wo ich bin und weile , das war seit der Nacht im Walde so bei mir entschieden , und mit Freuden ginge ich für dich in den Tod . Es wäre mir auch kein größeres Glück auf der Welt , als wenn ich dich so täglich einige Stunden sähe , oder wenn das nicht anginge , so wäre ich schon zufrieden , wenn du nur abends im letzten Strahle der Sonne auf die Spitze des Hügels dort trätest , der so grün in das Tal schaut , und ich dann dein Bild von fern in mir empfinge , und es still mit mir zur Ruhe nähme . Sieh , so ist es mit mir . Deinen Wunsch erfülle ich nicht , das ist auch beschlossen . « » Um Gottes willen « , rief Hermann bestürzt , und sprang auf , » was ist das ? « » Bleibe ruhig , Lieber « , sagte Cornelie . » Wie übel wäre es , wenn wir jetzt uns nicht zu finden wüßten . Du fragst mich , was das sei , was zwischen dir und mir so hindernd steht ? ich weiß es selbst nicht . Wie gern möchte ich , daß es anders wäre , aber kann ich dafür , daß es nun einmal so ist ? Die Tage , welche deiner heftigen Erklärung im Hause des Rektors folgten , waren schrecklich , ich hatte nie geglaubt , daß ich solche Schmerzen je würde zu ertragen haben . Ich war dumpf , und wie zerstückt in mir , wüstes Wunderliches bedeckte meine ganze Seele , ich hatte beinahe einen Haß gegen dich , und empfand Ekel vor mir selber . Nachher klärte sich alles , ich wurde ruhig , mein Gefühl für dich schied sich recht lieblich aus diesem Wust , aber neben demselben stand auch ganz fest der Widerwille gegen eine Verbindung mit dir , und dieser ist durch nichts vermindert worden . « » Sollte man nicht glauben , ein bleichsüchtiges , krankes Mädchen aus der Stadt zu vernehmen ? « murmelte Hermann dumpf vor sich hin . » Eine von denen , die verzärtelt und überbildet , nur noch in Überspannungen und künstlichen Nöten einen gemachten Halt für ihr Wesen gewinnen ? « » Wie du mich kränkst « , sagte Cornelie leise . » Kaum verstehe ich , was du meinst , aber recht hart muß es sein . « » Cornelie ! « rief er überlaut , indem der gewaltsamste Schmerz Ströme von Tränen aus seinen Augen trieb , » ändre dein Wort , sage mir etwas Gutes , Liebes ! « » Ach , was hülfe es dir , wenn ich dich und mich betröge « , versetzte sie , auch weinend , und drückte seine Hand mit der zärtlichsten Gebärde gegen ihre Brust . » Du beharrst bei deinem Entschlusse ? « » O , daß ich dein Herz quälen muß ! « rief sie , indem sie aufstand , und nach dem Hause ging . Er machte eine Bewegung , ihr zu folgen , sie winkte , daß er es unterlassen solle . Er schlug die Hände vor das Gesicht , und blieb eine Weile in dieser Stellung . Als er wieder aufsah , war er allein . Er riß eine Blume vom Stengel und warf sie wild weg . Die Sonne schickte ihre letzten glühenden Lichter über die Hügel ; er blickte starr hinein , bis er es vor Schmerz nicht mehr ertragen konnte . Geblendet , taumelnd machte er sich auf den Weg , der zu den Hügeln führte . » So muß dieser Tag enden , so ! « rief er laut vor sich hin , und lachte und schluchzte , daß die Begegnenden ihm scheu auswichen . Sechstes Kapitel Zwischen den Felsen , an Steinbrüchen und Abgründen vorbei , irrte sein Fuß , und es war ihm gleichgültig , wohin er gelangen möchte . Da er des Weges nicht achtete , so war er bald von dem gebahnten Pfade abgekommen , und mußte sich durch Dornen und Schlinggewächse auf steilen Klippenstegen weiterarbeiten . Die Anstrengung , welche ihm dies verursachte , die Pein , welche seine Hände von den scharfen Dornen verspürten , brachte ihn wieder zum Gefühle seiner selbst , die wildflutenden Gedanken fingen an zu ebben , er war fähig , einen reinen Schmerz über Corneliens Verlust zu empfinden . Auf einer Höhe angelangt , wo niedriges Brombeergebüsch den Überblick über einen beträchtlichen Raum gestattete , hörte er von weitem ein Geräusch , welches wie Pferdegalopp klang . Obgleich es ihm unmöglich schien , daß jemand auf solchen Felsen reiten könne , so mußte er sich doch bald davon überzeugen , denn aus dem gegenüberliegenden Dickicht drang der Kopf eines Rosses hervor , welches der Reiter zu gefährlichen Sprüngen durch diese Einöde anspornte . Wie erschrak Hermann , als er in dem tollkühnen Reiter Ferdinand erkannte . Er rief ihm zu , zu halten ; der Knabe aber , als er Hermanns Stimme hörte und ihn sah , schien nur noch verwegner zu werden , denn er drückte dem Tiere beide Sporen in die Seiten , daß es in gewaltigem Satze vorwärts schoß , nach der Gegend zu , wo Hermann stand . Es war grauenvoll anzusehn , wie die geängstigte Kreatur , schäumend vor Furcht , und doch grausam vorwärts genötigt , über die nach allen Seiten hin tief zerrißne Klippenhöhe setzte , stolperte , stürzte , und halb schon am Boden liegend , sich immer wieder emporraffte . Endlich an einem senkrecht hinuntergehenden Abhange glitt das Pferd aus , und schoß in die Tiefe . Hermann schloß entsetzt die Augen , und meinte , da er sie wieder auftat , Ferdinands Leiche unten zwischen dem spitzigen Gestein erblicken zu müssen ; zu seinem Erstaunen aber sah er diesen unversehrt aus der Tiefe heraufklimmen , während das Pferd unten lag und ächzte . Wahrscheinlich hatten ihn , bügellos geworden , die Gesträuche im Falle aufgehalten , während das Roß , in seiner stärkeren Last von nichts gehemmt , unaufhaltsam hinabstürzte . Ohne seines beschädigten Tiers zu achten , trat der Knabe mit funkelnden Augen auf Hermann zu . » Du bist bei ihr gewesen ? Nicht ? Warst du nicht bei ihr ? Ihr seid einig ! « rief er mit von Zorn erstickter Stimme . » Beruhige dich « , versetzte Hermann , » keiner von uns wird sie haben , sie entzieht sich uns beiden . « » Du lügst ! « rief Ferdinand . » Habe ich je zu ihr gedurft ? Schreckte sie mich nicht immer von den Hügeln mit einem Blicke zurück , vor dem keiner standhalten kann ? Mit dem Blicke aus den großen , glänzenden Augen , die ich blindküssen möchte , daß sie sich von mir leiten lassen müßte , wohin ich wollte . Aber du sollst das nicht so ungestraft tun , du sollst sie nicht haben , und müßte ich dir ' s in deinem Blute verbieten . « » Dazu kann Rat werden « , versetzte Hermann mit kaltem Spott . » Ich habe ein Paar gezogner Lütticher Pistolen zu Hause . Komm mit , wir wollen laden , das Maß nehmen , und wer den andern totschießt , der nehme Cornelien hin . « » Sacht ! « rief Ferdinand , indem er sich einige Schritte zurückzog . » Mit dir mich zu schießen , ist mein einziger Wunsch , aber erst will ich es vom alten Kammerjäger lernen , den ich hier im Gebirg ausfindig machte , und wann ich ein Kartenblatt im Fallen treffe , dann sollst du mir schon Rede stehn . « » Recht « , sagte Hermann , » du bist ein echter Kaufmannssohn , willst eine sichre Spekulation auch auf deines Gegners Tod machen . Nun so lerne das Schießen von deinem alten Kammerjäger , und wenn du es kannst , wollen wir uns weitersprechen . « Er ging . Der Knabe blieb auf den Felsen zurück und überließ sich ganz der Raserei wütender Eifersucht . Mehrere Tage lang blieb er unsichtbar . Hermann kam in später Nacht erst wieder heim . Er warf sich auf sein Lager , drückte das Haupt in die Kissen , und versuchte zu schlafen , jedoch vergebens . Welche traurige Tage er nach diesem verlebte , wird jeder mitzufühlen wissen , der die Gewalt reiner Empfindung kennt . Kein wildes Verlangen zog ihn nach Cornelien , es war das lauterste Bewußtsein , daß er in ihr einen Halt für sein zerstreutes , zweckloses Leben finden werde , und darin war er nun so schmerzlich , und wie es schien , für immer gestört . Was sie zu ihrem Verhalten bewege , war ihm unerklärlich . Er suchte nach geheimen Gründen , und der offenbare , welcher vielleicht alles aufgehellt hätte , blieb ihm verhüllt . Den Oheim sprach er nur noch einmal an der Hügelgruft der Tante . Der alte Mann war über den eigenmächtigen Schritt Hermanns sehr verdrießlich , und seine Stimmung mochte durch die Besorgnis über das wilde Herumtreiben Ferdinands nur noch übler geworden sein . Er barg dem Neffen seine Erbittrung nicht , und dieser hatte alle Selbstbeherrschung , welche ihm die Rücksicht auf Alter und Verhältnis zur Pflicht machte , nötig , um nicht einen schlimmen Auftritt herbeizuführen . » Du hast das gute Kind erschreckt , das war nicht recht , nicht löblich ! « rief der Oheim . » Vor meinem unsinnigen Knaben habe ich sie geborgen , nun kommt ein andrer Störenfried , der auf ihre Ruhe einstürmt ! Wie kannst du dich rechtfertigen , ja , wie willst du dich nur entschuldigen ? « » Sie kennen meine Absichten « , versetzte Hermann gelassen , » und in ihnen liegt meine Rechtfertigung . « » Und warst du der Mann , sie zu realisieren ? « fragte der Oheim . » Weißt du , wer du bist , wem du angehörst ? Hast du eine Familie ? Es besteht alles in der Welt nur durch Ordnung , Häuslichkeit , Bürgertugend ; wer dagegen angeht , ist mir verhaßt , er sei , wer er wolle . Mit Ehren habe ich mein Haus auferbaut , zu dem ich Cornelien rechne , unsern Kreis hat nie eine vornehme Sünde , nie die Leichtfertigkeit eines großen Herrn befleckt ; still und fleißig , mäßig und nüchtern haben wir unsre Tage hingearbeitet , das Unsrige vermehrt . In diesem Lebensgange will ich , bis ich hier an der Seite meiner guten Frau ruhe , verbleiben , und bin entschlossen , von dem , was mir lieb ist , alle Abenteurer , Müßiggänger und Blendlinge fernzuhalten , deren Nähe uns andern doch nur Schaden , Auflösung und Elend aller Art bringt . « » Ihre Vorwürfe sind zum Teil ungerecht , zum Teil verstehe ich sie nicht einmal « , erwiderte Hermann . » Wohl dir , wenn du mich nicht verstehst ; lies die Brieftasche , da wirst du erfahren , was ich meine ! « rief der Oheim , und stieg in sein Wägelchen , welches die Burschen herangefahren hatten . Das Wägelchen setzte sich in Bewegung , ohne daß der Oheim zu Hermann ein Wort des Abschieds gesprochen hätte . Dieser blieb auf einem Steine sitzen , und sah in dumpfer Betäubung den Arbeitern zu , welche das Grabgewölbe austieften . Sein Herz zerrissen tausend widrige Empfindungen , daß alles , was so freundlich sich anzulassen geschienen hatte , nun so hart sich löste . Er fühlte seine Schulter angerührt und wendete sich . Theophilie stand hinter ihm . » Es ist sonst meine Art nicht , diese Region zu besuchen « , sagte sie , » aber da ich vom Tale aus Sie hier so traurig sitzen sah , und den Wortwechsel mit dem Oheim gehört hatte , so trieb mich die Neugierde her . Was hat es mit ihm gegeben ? « » Er beschalt mich ohne Grund , und hielt eine Lobrede der Bürgertugend , von der ich die Veranlassung bei dieser Gelegenheit , und an diesem Orte nicht einzusehen vermag « , sagte Hermann . » Bürgertugend ! « rief Theophilie spöttisch . » Und fühlt er sich denn so sicher , der ehrenfeste , tugendbelobte Bürgersmann ? Es ist ein eignes Gefühl , eine frohe Genugtuung , seinen Feind in der Gewalt zu haben . Denn es kostet mich nur ein Wort , so fällt dieser aufgespreizte Bürgerstolz , dieses Prunken mit unbefleckter Häuslichkeit zusammen , wie ein Kartenhaus . « Sie wollte sich rasch entfernen , und schien zu bereun , was sie gesagt hatte . Hermann hielt sie zurück . » Abermals vernehme ich Reden aus Ihrem Munde , welche mir in Zusammenhange mit Entdeckungen der Mitternacht zu stehn scheinen « , sagte er . » Entweder lehren Sie mich diese vergessen , oder geben Sie mir das volle , wenn auch schreckliche Licht . « Sie stutzte . Er erzählte ihr , was er in tiefer Nacht von ihren unbewußt plaudernden Lippen erhorcht hatte . Ihre leichtfertige Natur brach in ein herzliches Gelächter aus . » Nun « , rief sie , » da sieht man , daß es sogar gefährlich ist , einen Mann im Sarge neben sich liegen zu haben ! Was für schönes Zeug hätten Sie da von mir erfahren können ! Also ich spreche im Schlafe , das ist etwas , was ich noch nicht wußte , und was mich bestimmen wird , in Zukunft beim Schlafengehn ein Papagenoschloß auf den Mund zu legen , denn nicht immer möchte man so diskrete Wandnachbarn haben . « Er unterbrach diese Reden mit heftig eindringenden Erkundigungen . » Lassen Sie es doch gut sein « , versetzte sie , » begnügen Sie sich mit dem , was Sie hörten . « » Nein ! « rief er . » Es ist unsre Natur , daß wir alles zu ergründen streben bis auf den letzten Schauer des Abgrunds . Es betrifft meine Familie , Sie sind mir die Aufschlüsse , welche ich begehre , schuldig . « » Ungestümer Mensch ! Hätten Sie meinen Schlaf nicht belauscht , so erführen Sie doch nichts . - Hören Sie denn ; die Arbeiter haben Feierabend gemacht , wir sind allein . Ihr Oheim tut nicht wohl , sich an dieser Stelle mit seiner Familienehre zu brüsten , und lächerlich ist es , daß er hier , hier oben ein Monument ehelicher Liebe und Treue mit so vielem Aufwande in Erz und Marmor prunken lassen will , denn hier , gerade hier war es , wo die zärtliche Gattin in linder lauer Mondnacht mit meinem Bruder die ersten leidenschaftlichen Schwüre wechselte , und deshalb hatte die Frau den Ort so lieb ; er erinnerte sie an die glühende Stunde , welche die verbotne Wonne ihres sonst armen und traurigen Lebens schuf . « Hermann lag mit dem Gesichte auf der Lehne des Stuhls . Theophilie fuhr fort : » Die Tante hatte in halber Kindheit den Oheim heiraten müssen . Sie war ein lebhaftes Mädchen voll Feuer und Einbildungskraft gewesen . Nun , was einem solchen Geschöpfe dieser Herr Gemahl bieten konnte , vermögen Sie so einzusehn . Sie hat mir nachmals , als ich ihre und ihres Verhältnisses Vertraute geworden war , gestanden , daß sie unter den Comptoirbüchern und Zählbrettern des rechnenden Eheherrn oft dem Selbstmorde nahe gewesen sei . Mein Bruder trat mit Ihrem Oheim in Verbindung , er bemerkte die junge , in ihrem Darben anziehende Frau , und von dem Augenblicke an war die Sache zwischen ihnen entschieden . Ihm widerstand zu seiner Zeit kein weibliches Herz , er gab ihren Lippen freilich eine andre Speise als der gute Kommerzienrat , und rührend ist mir gewesen , wie sie mir noch auf ihrem Sterbebette , ungeachtet aller Gewissensskrupel , die ich ihr nicht ausreden konnte , klagte , sie werde , wenn sie noch einmal anfinge zu leben , dieser Liebe sich dennoch wieder ergeben müssen . Mein Bruder widmete ihr die heftigste Leidenschaft ; es war das letzte Auflodern seiner Natur , die sich noch einmal in ihrer ganzen Flammenpracht zeigen wollte , bevor sie erlosch . Er dachte auf Entführung , sie sollte sich scheiden lassen , und als diese Wünsche an den Bedenken der Tante , welche ihren Ruf über alles schätzte , scheiterten , stürmte er seinen Kummer und Verdruß in der unbändigsten Verschwendung aus . Der Oheim mochte mit stiller Schadenfreude zusehn , wie mein Bruder sich ihm rücksichtslos in den gefährlichsten Verschreibungen hingab , er wußte nicht , welch eine Unruhe es war , die seinen Schuldner trieb , die unerschwinglichsten Zinsen zuzusagen , und wie der Graf sich denn doch anderweit im Hause des Bürgers entschädigte . So gewann Ihr Oheim Geld und Land , und verlor die Frau . Mir , die ich ihn seit dem Beginne dieser Dinge herzlich haßte , war es recht erquicklich , zu sehen , wie der Mann , welcher sonst das Gräschen wachsen hörte und die Sonnenstäubchen zählte , in betreff der nächsten Angelegenheiten taub und blind war . Seine Neigung zu der Tante wuchs , je weiter diese in ihrem Herzen von ihm hinwegtrat , wobei er , echt spießbürgerlich , auf alle die Zeichen der Entfremdung , welche einem kundigen Auge nur zu offenbar waren , durchaus nicht achtete , sondern vermutlich meinte , sie müsse ihn , weil sie sein angetrautes Weib sei , auch lieben . Als nun endlich nach langem Hoffen und Harren ein Söhnlein erschien , da war des Familienglücks kein Maß und Ziel . Es kommt alles zu seinem Gleichgewichte , und zu seiner Vergeltung ; diese Erfahrung tröstet einen , wenn man dem Verlaufe der Sachen in der Welt zusehn muß , ohne glücklich geworden zu sein . Meinen Bruder richtete die Torheit für die schöne Kaufmannsfrau vollends zugrunde , und sein Verderber handelte sich von ihm die Schande ein . Denn selbst die Zession , womit Ihr Oheim unsre Verwandten ängstiget , ist doch nur ein Denkmal der Unehre . Julius wollte auf sein Kind , auf das Kind seiner heimlichen Entzückungen , die Ansprüche auf die Standesherrschaft übertragen , und deshalb stellte er jene Akte dem Titularvater aus . « Hermann fuhr heftig auf . » Das ist nicht wahr ! « rief er , sich selbst vergessend , aus . » Ei , ei , mein Herr « , versetzte Theophilie , » eine Lügnerin nannte mich bis jetzt noch niemand . Ich versichre Sie , Ihr Oheim hat so wenig Anteil an seinem sogenannten Sohne Ferdinand , als ich an den Bergwerken von Peru . Wollen Sie mir nicht glauben , so lesen Sie die Liebesbriefe meines Bruders und Ihrer Tante , welche sich in meinem Gewahrsam befinden , und alles , was ich Ihnen erzählen mußte , mit vielen schwärmerischen Ausrufungen bestätigen . Sind Sie noch so jung , zu glauben , daß ein Paar Verliebter sich auf die Länge damit begnügt , in den Mond zu sehen , oder Vergißmeinnicht am Bache zu pflücken ? « » Die Briefe ! « rief Hermann . » Das also waren die Briefe , wovon die unglückliche Frau im Försterhause auf ihrem Krankenlager so ängstlich phantasierte ! Ich bitte Sie um alles in der Welt , vernichten Sie diese Urkunden der sträflichsten Verirrung , lassen Sie sich von Ihrer Leidenschaftlichkeit gegen meinen Oheim nicht hinreißen , und schonen Sie das Andenken Ihres Bruders , einer Frau , welche Sie ja selbst Ihre Freundin nannten ! « Sie wollte sich seinem Andringen entziehn , und meinte , es sei immer gut , die Waffen in der Hand zu behalten . Allein er ließ nicht ab , er wußte so gutmütig zu flehen , und ihr Herz , welches im Grunde nicht schlecht war , so in Bewegung zu setzen , daß sie endlich mit dem Ausrufe : » Sie sind ein Narr ! « nachgab . Er durfte sie in ihre Wohnung begleiten , wo beide ein Kaminfeuer entzündeten , und mehrere Pakete Briefe und Billette auf buntem oder goldgerändertem Papier , aus welchem Locken , getrocknete Blumen und Bandschleifen in nicht geringer Anzahl herausfielen , den Flammen opferten . Als das erste Paket verbrannt war , hatte zwar Theophilie Reue verspürt , und die übrigen vor der Vernichtung bewahren wollen , allein sein Eifer siegte über sie , und da er von ihr zuletzt nach manchem weigernden Worte das feierliche Versprechen erhielt , nie ihre Kunde von diesen geheimen Sünden gegen den Oheim benutzen zu wollen , so schien dessen Ruhe wenigstens für diese Welt gesichert zu sein . Siebentes Kapitel Hermanns erster Gang nach der Rückkehr in die Stadt war zu Wilhelmi . In seinem Quartiere hörte er , daß der Freund zur Meyer in das Haus gezogen sei . Dort vernahm er von einem Bedienten einen abermals erfolgten Wechsel der Wohnung . Bestürzt meinte er schon , daß sich auch hier unangenehme Dinge ereignet haben möchten , als er Madame Meyer im Gespräch mit einigen Handelsleuten die Treppe herabkommen sah . Es wurden Bestellungen gegeben , und die Dame schien in diese Geschäfte so vertieft zu sein , daß sie selbst der Anwesenheit Hermanns eben keine Aufmerksamkeit widmete . Sie rief ihm flüchtig die jetzige Wohnung Wilhelmis zu , und sagte bescheiden errötend , daß unter den eingetretnen Verhältnissen eine kurze Trennung schicklich gewesen wäre , und daß ihm der Freund viel zu erzählen haben würde . Im neuen Quartiere fand er Wilhelmi ebenfalls nicht . Um die Zeit hinzubringen , begab er sich nach einem öffentlichen Garten , wo er hoffen durfte , Bekannte zu treffen . Einer derselben , ein Hausfreund der Madame Meyer , und einer der Spottvögel , nahm ihn sogleich beiseite , und fragte ihn , ob er die Neuigkeit des Tages schon kenne ? Ohne seine Antwort zu erwarten , fuhr er fort : » Saturn und Pallas sind in Konjunktion getreten , Wilhelmi und die Meyer haben sich verlobt . « Nichts hätte ihn mehr überraschen können , als diese Nachricht , die bei Wilhelmis krittelndem Sinne und der von Madame Meyer oft ausgesprochnen Ehescheue auch wirklich sehr auffallend war . Er fragte den Spötter nach der Zeit und dem Einhergange dieses Vorfalls , worauf er eine Stadt- und Tagesgeschichte zu hören bekam , von welcher wir freilich nicht wissen , wieviel davon der Wahrheit und wieviel der Läst-rung angehörte . » Unsre Freunde « , berichtete der Spötter , » sind unter lauter Kunstbestrebungen auf den Weg der Natur geraten . Schon lange hatten wir eine Annäherung zwischen beiden bemerkt ; die Vereinigung der Hälften des Sankt Stephansbildes mochte die der Herzen gewaltsam nach sich ziehn , aber den eigentlichen Ausschlag gab doch ein verfehltes Fest zu Ehren des byzantinischen Stils . « » Wie soll ich das verstehn ? « fragte Hermann . » Sie wissen « , versetzte der Spötter , » daß die Meyer mit fester Treue an jenen langen spinnenbeinigen Gestalten , an den gebräunten Schwarten und glitzernden Goldgründen hangengeblieben ist , welche die übrige Welt nun auch schon wieder zu ermüden beginnen . Das wissen Sie aber nicht , und wir wußten es auch nicht , daß sie im stillen beschlossen hatte , das Ihrige werktätig zur Auferweckung dieses kindlichen Stils beizutragen . Eines Tages , kurz nach Ihrer Abreise , erhielten die nächsten Freunde des Hauses Einladungen zu einem Frühstücke . Sie waren nicht förmlich , sondern der eine sollte dem andern wissen lassen , daß , wenn man sich von ohngefähr zu der und der Stunde einfände , man willkommen sein würde . Wir schlossen aus diesen Anstalten zu einer Vereinigung durch Zufall , daß etwas Besondres im Werke sein müsse , und verfehlten nicht , uns sämtlich einzustellen . In einem Vorgemache trafen wir Wilhelmi , der uns unter allerhand Gesprächen dort zurückhielt , dann wie zufällig die Tür öffnete , und uns in die Kapelle führte , wo uns denn durch Zufall der Anblick eines lebenden Bildes ward . Die Meyer stand nämlich , durch Diadem , gescheiteltes Haar und altdeutsches Gewand der heiligen Elisabeth verähnlicht , in einer Blende , zu welcher Stufen emporführten , und reichte aus einem Korbe , den ein schöner Knabe ihr vorhielt , Semmeln und Wecken an arme Leute , welche von den Stufen oder von dem Fußboden der Kapelle in mannigfaltigen Stellungen zu ihr emporsahn . Einige Dienstmägde in ansprechender Kleidung vollendeten die Gruppe , welche wirklich ein recht artiges Tableau bildete . Die Zofen verrieten durch ihr Blinzeln , daß sie uns wohl bemerkten , während die Meyer mit niedergeschlagnen Wimpern tat , als habe sie unser leises Eintreten nicht wahrgenommen , und durch Wählen und Verwerfen der Eßwaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wußte . Endlich mußte man uns aber doch sehen , und nun löste sich das lebende Bild schnell auf . Die heilige Elisabeth kam , anscheinend überrascht , von den Stufen herab , bewillkommte uns höflichst , der Junge mit dem Brotkorbe lief davon , ihm folgten die armen Leute , und auch die Dienstmägde verloren sich still durch Seitentüren . Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likör , doch wußte die Meyer das Gespräch durchaus in einer religiös-gemütvollen Schwingung zu erhalten , wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte . Nur die Vertrautesten des Hauses waren eingeladen worden ; die Gesellschaft betrug nicht über zehn Personen . Wie gewöhnlich , wurde nur von Kunst gesprochen . Die Meyer äußerte fromm-seufzend den oft vorgetragnen Wunsch , daß die Maler sich doch nur alle erst zu jener ältesten kindlichsten Auffassung zurückwenden möchten , durch welche allein das Höchste und Tiefste darzustellen sei . Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu gefälliger Nachgiebigkeit eingewöhnten Kreise einstimmig zugestanden , dagegen erhoben sich bescheidne Zweifel , ob jene alte Kunst mit Glück wieder heraufzubeschwören sei . Man hat doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen Blick für die menschliche Gestalt , wie sie ist , und für die übrigen Dinge , wie sie wirklich erscheinen , geöffnet , sagten einige . Wie sollte man also die Augen wieder verschließen können , und den Menschen zumuten dürfen , anstatt der Muskel eine Linie , gewissermaßen eine Chiffre anstatt des verständlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen . Da diese Sätze , welche in mannigfachen Nutzanwendungen erläutert wurden , den gesunden Menschenverstand für sich hatten , so trieben sie unsre gute Wirtin etwas in die Enge . Sie warf einen ängstlichen Blick auf Wilhelmi , der denn auch die Stimme erhob und sich also vernehmen ließ : Die Kunst , sagte er , sieht wohl nie die Dinge , wie sie sind , hat sie nie so gesehn , und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht , sie so nachzubilden . Wollte man dies annehmen , so käme man auf jenes System von der Nachahmung der Natur zurück , welches denn wieder den Gemälden den höchsten Wert beilegen würde , in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren , Mälern , Warzen und Schrunden zeigt . Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan , und man braucht sie kaum noch zu bestreiten . Aber was sieht denn die Kunst , und was versucht sie darzustellen ? fragte jemand . Den Geist in der Natur , versetzte Wilhelmi , oder vielmehr die Form , welche der jedesmaligen Evolution des Geistes draußen in der Welt der Erscheinungen entspricht . Die Kunst ist geistiger Abkunft , sie erscheint immer im Gefolge irgendeiner großen religiösen , philosophischen oder poetischen Bewegung , selten mit ihr zugleich , meistenteils etwas nach ihr . So schuf Phidias in seinem erhaben-strengen Stile gewissermaßen noch einmal die ernsten Betrachtungen des Thales und der Pythagoräer aus , welche dieser Kunstepoche vorangegangen waren , so waren die späteren schönen und anmutigen Werke Nachklänge der allgemeinen Geistesblüte der Griechen , in welcher die reichste Mannigfaltigkeit nur die einfachste Harmonie umkleidete . Und um nun auf unsre byzantinischen Bilder zu kommen , so sehe ich in ihren steifen , schmalen , langen Gestalten , in ihrer symmetrischen Anordnung keinesweges eine so unschuldige Kindlichkeit , die nicht weiß , was sie will und erstreben möchte . Vielmehr erscheint mir hier auf der Holztafel und in Farben dieselbe Richtung , welche sich kurz zuvor auf dem reingeistigen Felde der Scholastik veroffenbart hatte . Das Christentum hatte die Welt von Grund aus umgekehrt , und der menschlichen Seele ein Gebiet eröffnet , auf welchem sie sich nur tappend bewegte . Durch die Scholastik suchte sie sich zu orientieren , das schwankende Göttliche auf die Festigkeit des Begriffs zu bringen , das unerklärbar-Eine durch die Entgegensetzungen dem Dialektik dem Verstande anzunähern . Die erste Kunstform , welche nach