Fenster hinaus geworfen hätten ? Nach einem solchen Sturze hätte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine Hülfe angedeihen lassen können , und Falls ich mich auch vollkommen erholt hätte , so weiß ich doch nicht , ob meine Philosophie mich so stark gemacht haben würde , dem hülfreiche Hand bieten zu können , der seine Hände feindlich und gewaltthätig an mich gelegt hätte . Daß dieses Unglück vermieden ist , haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken . Der Arzt hätte seine Rede noch viel länger fortsetzen können , denn alle Zuhörer waren so erstaunt , daß Niemand daran dachte , ihn zu unterbrechen . Als er endlich schwieg , trat der Graf Robert zu ihm und sagte , indem er ihm sanft die Hand auf die Schulter legte : Bester Doktor , reden Sie im Fieber ? Keineswegs , erwiederte der Arzt , indem er sich der Berührung entzog . Der Kranke weiß auch recht gut , daß dem nicht so ist , denn seinem Gedächtnisse wird es nicht entschwunden sein , daß er hier mit seinen Heerschaaren anrückte und statt höflich , wie es dem Freunde ziemte , seinen Bedarf für Rosse und Männer zu fordern , das Schloß gewissermaßen mit Sturm zu nehmen dachte , und friedliche , wissenschaftlich gebildete Einwohner , die sich nicht Landesverräther wollten schelten lassen , zum Fenster hinaus zu werfen drohte . Wie , rief der Kranke , indem er sich erhob ; so bin ich hier unter dem Dache des Franzosenfreundes ? Sie sind unter dem Dache des edelsten Mannes , meines Oheims , erwiederte Graf Robert mit Ernst . Wie ist es denn ? sagte der verwundete Herr von Wertheim , dieser Arzt spricht ja doch , als ob ich im Hause des Mannes wäre , von dem damals angezeigt wurde , daß er während des ganzen Krieges einen französischen Offizier bei sich habe , mit dem er in der größten Vertraulichkeit lebe . Den habe ich hier , den französischen Offizier , rief der Arzt mit glühenden Wangen und funkelnden Augen , und Sie können ihn sehen . Vollkommen habe ich ihn hergestellt , gesund und blühend kann ich ihn zeigen , und so gut kann es Ihnen auch werden , wenn Sie sich vernünftig betragen . Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen , dessen steigende Hitze unangenehme Auftritte zu veranlassen drohte , wie er auch in seinem Eifer gänzlich vergaß , daß er den Kranken zu schonen habe . Diesem theilte nun der besonnenere Freund St. Juliens Verhältnisse in diesem Hause mit , und mäßigte die aufbrausende Hitze des Arztes am Besten dadurch , daß er , nachdem er den traurigen Zustand beschrieben , in welchem der junge Franzose im Hause seines Oheims aufgenommen wurde , es rühmend anerkannte , daß er nur durch die Geschicklichkeit des Arztes lebe und seiner Familie zurückgegeben werden könne . Wenn dem so ist , erwiederte Herr von Wertheim , und wie könnte ich daran zweifeln , da ich von Ihnen , theurer Freund , die Aufklärung erhalte , so habe ich in thörichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt ; ja , ich gestehe , ich habe mich so vergessen , daß nur allein die Verzweiflung , die in meinem Herzen tobte , mich einigermaßen entschuldigen kann . Sie wissen es selbst , wo wir uns zeigten , gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes . Feigheit und Verrath zerrissen das Herz unseres Königs und seiner Getreuen , und es ist begreiflich , daß die Verläumdung Eingang fand . Aus diesen Gründen , hoffe ich , wird mir Ihr Oheim vergeben , und Sie werden auch Ihren Freund , den Herrn Doktor , bewegen , mir seine Verzeihung zu bewilligen . Als Christ , rief der leichtversöhnliche Arzt mit feierlicher Stimme , als Christ habe ich Ihnen längst vergeben ; als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und als Arzt , fügte er hinzu , indem er die Augen halb zudrückte und schalkhaft blinzelte , denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln , und das wird mir nicht schwer werden , denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Noth machen , wie die des armen St. Julien . Sie haben nur durch die Vernachläßigung so viel gelitten , aber er war in einem traurigen Zustande , und stolz schlägt das Herz in meiner Brust , so oft ich ihn ansehe , denn ohne mich würde er längst im Grabe ruhen und könnte alle die Possen nicht treiben , mit denen er uns belustigt , aber auch mich zuweilen ärgert . Nachdem die Versöhnung erfolgt war , frühstückte der Arzt in bester Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen , so wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfüllen und ihm zugleich das wunderbare Zusammentreffen mit einem Manne zu vertrauen , dessen feindselige Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte ; doch wollte er dessen Verwundung , wie er es gelobt hatte , pflichtmäßig verschweigen . Als der Arzt die Freunde verlassen hatte , wurden alle Gesichter ernster . Der Graf Robert erwartete die Mittheilung , die ihm gemacht werden sollte , und seine Gäste fühlten die Nothwendigkeit zu reden . Sie sehen uns hier bei Sich , theurer Freund , begann der Baron Lehndorf , in einem traurigen , ungewissen Zustande . Laß mich reden , unterbrach der junge Wertheim den Sprechenden , die Erwähnung aller traurigen Umstände , die berührt werden müssen , würde Dich noch mehr als mich verletzen , wie ich Dein Gemüth kenne . Der Baron schien dem Freunde gern das Recht der Rede einzuräumen und lehnte sich still , mit bekümmerter Miene in den Sessel zurück . Es ist keine Schande , arm zu sein , begann der Herr von Wertheim , denn die zufälligen Gaben des Glücks bestimmen nicht den Werth des Menschen ; deßhalb sage ich es ohne Erröthen , daß meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermögen waren , denn die sehr verschuldeten Güter meiner Familie sind schon mehrere Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie , und meine Vorfahren hatten sich rühmlich , wenn auch nicht prächtig , durch Kriegsdienste und Staatsämter erhalten . Meinen Vater hatte ich früh verloren , und meine sehr kränkliche Mutter lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschränkt , so daß ich selbst zuweilen noch einen Theil meines mäßigen Gehaltes anwenden mußte , um ihren kümmerlichen Haushalt zu unterstützen . Mit meinem Freunde Lehndorf verband mich früh eine brüderliche Neigung , und die zunehmenden Jahre steigerten diese bis zur innigsten Freundschaft , die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu bewies . Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme , indem er seinem Freunde die Hand reichte , und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort : Lehndorf war in einer besseren Lage als ich . Er war allein , und ein kleines Erbe unterstützte ihn so lange , bis er hoffen durfte , eine Eskadron zu bekommen , er genoß also seine Jugend ohne drückende Sorgen . Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht fehlen , daß er meine Schwester kennen lernte . Ihre Jugend und Liebenswürdigkeit machten Eindruck auf das Herz meines Freundes , und sie schien eine Empfindung zu theilen , von der wir hofften , daß sie unser Lebensglück erhöhen würde . Es ward bestimmt , sobald Lehndorf eine Eskadron bekäme , daß alsdann der Segen der Kirche ein glückliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte , den ich längst als solchen liebte . Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer . Nachdem er sich gesammelt hatte , fuhr sein Freund also fort : So standen die Sachen , als der Krieg ausbrach . Welche unglückliche Wendung er nahm , ist bekannt . Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt , und ich traf meine Familie in der größten Armuth , als ich mit meinem Freunde zurückkehrte , der durch den unglücklichen Frieden so wie ich verabschiedet war . Jetzt schienen alle Hoffnungen zertrümmert und wir hätten dem größten Elende erliegen müssen , wenn mein Freund nicht großmüthig den Rest seines kleinen Erbes mit uns getheilt hätte . Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung . Warum willst Du mich zwingen zu verschweigen , rief sein Freund , was die Wahrheit zu bekennen fordert , und was ich Dir eben so einfach und treu geboten hätte , wie Du mir , wenn die Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären ? Zum Grafen gewendet fuhr er darauf fort : Das Liebesglück meines Freundes mußte verschoben werden bis zu einer besseren Zeit , die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen . Meine Schwester gelobte die zärtlichste Treue , und unsere Sorgen richteten sich auf die nächste Zukunft . Sie selbst nahmen Theil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter Freunde , und kennen die Verpflichtungen und den edeln Zweck unserer Vereinigung . Also können Sie denken , daß wir nicht zögerten , als mir und meinem Freunde der Auftrag wurde , einige ehemalige Kameraden , die so wie wir verabschiedet und in Unthätigkeit lebten , zu prüfen und wo möglich für unseren edeln Zweck zu gewinnen . Wir eilten den Wunsch unserer Brüder zu erfüllen und lebten daher nah an zwei Monate entfernt von unseren Lieben . Ein feindliches Schicksal wollte , daß während dieser Zeit ein französisches Regiment , welches bis jetzt zur Besatzung gehört hatte , von einem anderen abgelöst wurde , und daß der Obrist des einrückenden seine Wohnung in dem Hause nahm , wo auch meine Mutter und Schwester in strenger Zurückgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten . Der Obrist hatte eine deutsche Frau , oder wenigstens galt sie dafür , denn ihre gemeinen Sitten haben mir Zweifel über die Art der Verbindung erregt , in welcher sie mit dem Obristen lebte . Diese suchte , unter dem Vorwande , daß ihr als einer Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei , die Bekanntschaft meiner Mutter , und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht , eine schwache , kränkliche Frau für sich zu gewinnen , so wie sie die unerfahrene Jugend meiner Schwester benutzte , um diese ganz in ihren Kreis hinüber zu ziehen . Als ich und mein Freund nach mühevollen , nur halb gelungenen Geschäften zurückkehrten , und die kleine Wohnung betraten , wohin mich kindliches und brüderliches Gefühl , und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen , treuen Liebe zog , überraschte uns , da wir unvermuthet erschienen , ein seltsamer Anblick . Meine Schwester stand vor uns in reizender Blüthe der Jugend und Schönheit , geschmückt mit allem Tand , den die Mode fordert , um auf einem Balle zu glänzen . Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem unglücklichen Geschöpf , so wie sie uns erblickte , und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu überwinden , um die nöthige Auskunft zu geben ; so erfuhren wir , ein Ball , den der Obrist gebe , sei die Veranlassung des festlichen Putzes . Die deutsche Frau des französischen Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten , die ihrer armen einsamen Tochter doch auch nicht hartherzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen . Und als ich fragte , Wer denn den Tand bezahlt habe , der meine Schwester umflatterte , erfuhr ich , daß dieser der Frau Obristin gehöre , die meine Schwester so lieb gewonnen habe , daß sie Alles mit ihr zu theilen wünsche . Sie können wohl denken , wie tief ich die zehnfache schmähliche Erniedrigung empfand , daß meine entartete Schwester bereit war , mit den Feinden ihres Vaterlandes im Tanze sich zu vereinigen , gegen die ihr Bruder und ihr Bräutigam jeden Augenblick mit Freuden gekämpft haben würden , auch den letzten Tropfen ihres Herzblutes nicht sparend , um sie von der Erde zu vertilgen , und daß die Tochter eines Edelmannes sich nicht schämte , um dieß zu können , den nichtigen Putz aus den Händen derselben Feinde zu empfangen , die ihr Vaterland zertreten und beraubt hatten , um nun mit diesem Raube eine prahlerische , entehrende Großmuth zu üben . Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles , was mein empörtes Gemüth mir eingab , und nur meinem Freunde gelang es mich zu besänftigen , indem er um Schonung für die Geliebte bat . Es versteht sich , daß aller Putz sogleich zurückgesendet werden mußte , und meine unvermuthete Ankunft diente als Entschuldigung dafür , daß meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle erschien . Aber ich hatte die Kränkung zu erfahren , daß es nicht das erste Mal war , daß meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten , solchen Einladungen zu folgen , und ich mußte erfahren , daß letztere auf früheren Bällen , ungestört durch einen mürrischen Bruder , hatte glänzen und Beifall gewinnen können . Mit scheinbarer Demuth hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen ; sie war blaß und still . Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf ' s Strengste und glaubte , daß mir pünktlich Folge geleistet werden würde . Gegen meinen Freund verhielt sie sich leidend und ließ sich seine Zärtlichkeit eben nur gefallen , und er machte mir Vorwürfe , indem er behauptete , meine heftige Art zu tadeln habe einen tiefen , schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemüth meiner liebenswürdigen Schwester gemacht . Auch die Mutter meinte , so gar groß könne das Versehen nicht sein , da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei , die auf den Bällen des Obristen getanzt habe . Da ich Mutter und Schwester nach wenigen Tagen wieder verlassen mußte , um noch unausgeführte Aufträge zum Besten unserer Verbindung zu besorgen , so ließ ich mich , im Vorgefühle der nahen abermaligen Trennung , leichter versöhnen , und der Friede in unserer kleinen Familie war hergestellt . Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem abreisen mußte , forderte ich von meiner Schwester das Versprechen , sich während unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner leichtsinnigen Lust nachzugeben . Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand , indem ihre Augen von Thränen überflossen . Ich hielt das für ein feierliches Versprechen , und nachdem ich meiner Mutter meine Wünsche ernstlich an ' s Herz gelegt , reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin , wohin unsere Bestimmung uns führte . Wir fühlten uns beide unbehaglich in der Ferne , mein Freund in dem Verlangen , das Gemüth meiner Schwester wieder völlig mit sich auszusöhnen , denn ihm schien es , als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe , und ich , weil ein dunkles Gefühl mir sagte , daß diese Schwester einer anderen Aufsicht , als der einer zu schwachen Mutter , bedürfe . Wir eilten also beide nach wenigen Wochen zurück , wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen , doch ohne Ahnung des Jammers , der uns erwartete . Wir fanden die Mutter allein , verzweifelnd , dem Tode nah , die Schwester war verschwunden . Als unsere starre Verzweiflung so weit nachließ , daß wir nach den näheren Umständen fragen konnten , erfuhren wir , den Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt verlassen , um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen Gränze zu gehen ; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden . Ein zurückgelassener Brief an die Mutter erklärte mit all den Redensarten , die jetzt so häufig gemißbraucht werden , sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft zu diesem Schritte gezwungen worden . Ein Kästchen , worin sie manche Kleinigkeiten aufhob , war vermuthlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen worden , denn darin fanden sich mehrere Briefe , die den Gegenstand ihrer Neigung bezeichneten , dem die Unglückliche das Glück des Lebens , die Ehre ihrer Familie und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte . Es war niemand anders als der Bruder des Obristen , und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder Geliebten des Obristen belehrten uns , daß sie das Ganze geleitet hatte . Mit diesen Briefen in der Hand ließen wir uns beim Obristen melden . Wir wollten von ihm den Weg erfahren , den sein Bruder genommen , um ihn zur Rechenschaft zu ziehen und die Unglückliche ihrem Verderben zu entreißen . Er wollte die Sache leicht französisch nehmen und gab ausweichende Antworten . Als mein Freund heftig und dringend wurde , sagte er lachend , für so unritterlich und unbrüderlich würden wir ihn doch nicht halten , daß er selbst uns seinem Bruder nachsenden würde , um ihm sein Glück zu entreißen . Als ich mit Heftigkeit von der Genugthuung sprach , die der erlittene Schimpf fordere , sagte er kaltblütig , er sei bereit , diese im Namen seines Bruders zu geben . Ich nahm ihn beim Worte und der nächste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt . Mein großmüthiger Freund ließ den kleinen Rest seines Vermögens beinah ganz in den Händen der kranken , ihre Schwachheit zu spät bereuenden Mutter und sehnte sich statt meiner , von der Kugel des Franzosen zu sterben . Ich bestand auf meinem Recht , er war mein Sekundant . Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen ; seine Kugel streifte mir den Arm und riß eine große Wunde hinein , ich aber traf meinen Gegner , wie wir glauben müssen , tödtlich , denn er blieb leblos in den Armen seines Sekundanten , der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb , und mein Freund riß mich besinnungslos hinweg . Herr von Wertheim schwieg . Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen , und Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand , den Arm auf die Lehne des Sessels stützend . Nach kurzem Schweigen fuhr Wertheim fort : Alle unsere Handlungen nach der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf einander gefolgt und Keiner hatte an einen bestimmten Plan verständig denken können . Wir fanden uns also auf der Landstraße mit sehr wenigem Gelde und den Kleidern , die wir an uns trugen . Wir spornten unsere Pferde an und wußten nicht wohin . So geriethen wir zufällig in ein Dorf und erfuhren , daß es zu Ihren Gütern gehöre und daß wir dem Herrenhause ganz nahe wären . Ich blieb in der Schenke , während Lehndorf einen kurzen Besuch bei Ihrer Mutter machte , um nach Ihnen zu fragen . Hier erfuhr er Ihren Aufenthalt und dieß gab unserer Flucht eine bestimmte Richtung . Ich war schlecht verbunden , aber wir eilten dessenungeachtet vorwärts , ohne weder uns , noch unseren Pferden die nöthige Ruhe zu gewähren , und diese erlagen der Anstrengung . Zwei Stunden von hier mußten wir sie zurücklassen , und ich machte , obwohl zum Tode ermattet , trotz meiner Schwäche , den Rest des Weges mit meinem Freunde zu Fuß , und so kamen wir gestern bei Ihnen an , mit dem Plane , nach einiger Ruhe , dem Rathe und dem Troste eines Freundes gemäß , uns zu dem Korps von Schill zu begeben , um , wenn er uns nicht anders brauchen kann , als Gemeine unter ihm zu dienen , denn in diesem geht dem Vaterlande eine neue Sonne auf , und ich hoffe , wir werden Großes durch ihn erleben . XIV Wertheim schwieg , und der Graf Robert sagte : Sie zweifeln wohl keinen Augenblick daran , daß ich alles aufbieten werde , was in meinen Kräften steht , um Ihre Pläne zu befördern , aber ich glaube , lieber Wertheim , Sie werden einige Tage ruhen müssen , ehe Sie daran denken können , weiter zu reisen , und dieß erfüllt mich mit Sorgen , denn wenn der Obrist wirklich geblieben ist , so muß man Verfolgung befürchten , und wie leicht können Sie hier entdeckt werden . Im Grunde , sagte Wertheim finster , liegt mir wenig am Leben , und mein Freund Lehndorf ist gesund . Schaffen Sie ihm also die Mittel fortzukommen , damit mir wenigstens der Trost bleibt , wenn ich untergehen muß , daß er lebt , um vielleicht in der Zukunft an der Rache Theil zu nehmen und den Feind bestrafen zu helfen , der uns , nachdem er unser Vaterland in den Staub getreten , unsere Ehre gekränkt hat , durch seine Satelliten unsere Bräute und Schwestern rauben und , so wie die öffentliche Ehre verletzt ist , auch die Familienehre mit Hohnlachen zu Grunde richten läßt . Der Baron Lehndorf erklärte sich bestimmt , daß er den Freund nicht verlassen würde , und der Graf bat den Verwundeten , es zu erlauben , daß er seinem Oheim die Geschichte seines Unglücks mittheile , da ja doch nur durch ihn in seinem Hause kräftiger Beistand zu erlangen sei . Nur schwer ließ sich Wertheim überreden , seine Einwilligung zu dieser Mittheilung zu gewähren , denn sein von Natur heftiges und durch das öffentliche sowohl , als sein eignes Unglück erbitterte Gemüth war schwer von einmal empfangenen Eindrücken zu heilen , und was auch der Graf Robert sagen mochte , er schwieg düster dazu , und verlor den Verdacht und Widerwillen gegen den Oheim seines Freundes nicht ganz . Endlich überstimmt und überredet , mußte er die verlangte Einwilligung geben , und Graf Robert begab sich zu seinem Oheim , um das Beste seines düstern , ungestümen Freundes zu berathen . Der Graf beklagte den jungen Mann und war um so mehr zur Hülfe bereit , da er dem Staate einen kräftigen Krieger zu erhalten wünschte . Doch entschied er dahin , daß jede Maßregel aufgeschoben werden müsse , bis der Arzt zurück sei , um seine Meinung zu hören , wie bald der Verwundete sich neuen Anstrengungen unterwerfen könne . Es ward also beschlossen , um jede Neugierde der Bedienten zu unterdrücken , die bei etwaigen Nachforschungen nachtheilig werden könnte , zu verbreiten , der junge Mann sei durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt worden und müsse sich hier im Hause etwas erholen , ehe er weiter nach Warschau reisen könne , wie seine Absicht sei ; und um allen Schein des Geheimnisses zu vermeiden , sollten die beiden Fremden der Familie des Grafen vorgestellt werden und in diesem Kreise scheinbar gleichgültig leben , bis der Arzt die Abreise erlauben würde . Der Graf Robert hatte es Anfangs zu erwähnen vermieden , daß der Herr von Wertheim derselbe sei , durch dessen ungestüme Hitze sein Oheim schon ein Mal war beleidigt worden . Er wollte erst die Unterstützung desselben für den jungen Mann in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Mißgriff bekennen . Im Eifer des Gesprächs aber vergaß er diesen Vorsatz und hatte seinen Oheim verlassen , ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen . Zu seinem Freunde zurückgekehrt , fand er bei diesem den größten Widerwillen sich zu fügen , denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zurück , sich einer Familie zu zeigen , bei der sein erstes Auftreten keinen vortheilhaften Eindruck konnte zurückgelassen haben , und dann war sein Mißtrauen gegen den Grafen , welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen durfte , keineswegs gehoben . Endlich mußte er einsehen , daß er , da sein böses Schicksal ihn zwang , gerade in diesem Hause Gastfreundschaft zu empfangen , wenigstens jetzt die Höflichkeit üben müßte , die sowohl die Sitte , als seine eigene Sicherheit forderte . Er ließ es also geschehen , daß der Graf Robert sowohl ihn , als seinen Freund Lehndorf mit Wäsche und Kleidern anständig versorgte , woran bei ihrer übereilten Flucht Keiner gedacht hatte , um dem Grafen und seiner Familie vorgestellt werden zu können . Als sie den Saal in dieser Absicht betraten , fiel es dem jungen Grafen ein , daß er es vergessen habe , seinen Oheim darauf vorzubereiten , daß er in der Person des Herrn von Wertheim keinen Unbekannten begrüßen würde , und er befürchtete unangenehme Folgen dieser Vergeßlichkeit . Es war nicht zu verkennen , daß ein Schatten von Unmuth über das Gesicht des Grafen flog , als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete . Die leise Hoffnung , daß er ihn nicht wieder erkennen würde , verließ den jungen Mann , Verlegenheit und Scham färbten sein Gesicht mit dunkler Röthe , und drohten ihn aller Fassung zu berauben . Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefühl besiegt und sagte höflich , wenn auch mit einiger Kälte : Da ich das Vergnügen habe , Herr von Wertheim , Sie bei mir zu sehen , so muß ich glauben , daß Sie Ihre Ansichten über mich , die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen äußerten , geändert haben , und diese stillschweigende Erklärung ist mir im gegenwärtigen Augenblicke genügend , um jedes Mißverständniß zwischen uns aufzuheben . Der junge Mann wollte antworten , aber er strebte vergeblich danach , Worte zu finden , so daß der Graf , mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlend , ihn , ohne weitere Antwort zu erwarten , mit seinem Freunde den Damen vorstellte . Der Gräfin gegenüber , war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich , denn die Erinnerung stieg in ihm auf , wie er dieselben Frauen damals im Saale getroffen und sie keines Grußes , kaum eines Blickes werth gehalten habe , als er im Schmerz über das öffentliche Unglück mit zu großer Rohheit den Grafen als Landesverräther behandelte . Er konnte also nur mit Mühe auf die Theilnahme , die ihm die Gräfin über seinen Unfall bezeigte , einige höfliche Worte antworten und war froh , als sich der Obrist Thalheim , der sich ebenfalls in der Gesellschaft befand , seiner bemächtigte und ihn in ein Gespräch über die letzten Gefechte , über die beinah gänzliche Auflösung der preußischen Armee und über den Druck der Franzosen verwickelte . Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurückgekommen und man begab sich zur Tafel ; aber die Stimmung war nicht so unbefangen , wie gewöhnlich . Die neuen Gäste nahmen nur mit Zurückhaltung an den Gesprächen Theil , und des Grafen Höflichkeit war förmlicher und kälter , als man es an ihm gewohnt war . St. Julien hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen , aber die beiden Freunde des jungen Grafen würden es wie einen Verrath an ihrer heiligen Sache betrachtet haben , wenn sie den Scherz eines Franzosen belächelt hätten , wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hätte , wie dieß nach der Entführung der Schwester und Braut der Fall war . Es zog sich also bald nach aufgehobener Tafel Jedermann zurück , und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte , ob er es für möglich halte , daß der junge Wertheim seine beabsichtigte Reise fortsetze . Da der Arzt sah , daß der Graf im Geheimniß sei , so gestand er offen , der junge Mann müsse wenigstens zwei Tage ruhen , wenn die Wunde sich nicht auf ' s Neue heftig entzünden solle , in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei , den Arm zu verlieren . Der Graf richtete seinen Plan demgemäß ein und ließ seinen Vetter zu sich bitten . Es wurde nun beschlossen , daß der junge Gustav noch diesen Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle , daß der Graf Robert diese leichte Equipage als ein Geschenk für seine Schwestern nach seinem Gute sende . Der junge Mensch sollte aber statt dorthin zwei Poststationen nach Warschau machen und dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten , denen er Wagen und Pferde zu ihrem Fortkommen zu überlassen habe . Er selbst solle denn ein Reitpferd einhandeln und damit zurückkehren . Die Reisenden sollten öffentlich auf dem Wege nach Warschau von Schloß Hohenthal abreisen und von der bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin , oder wohin sie sonst wollten , richten , und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu führen , als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den Bewohnern von Hohenthal abzulenken . Der Graf Robert theilte seinen Freunden den entworfenen Plan mit , die , damit zufrieden , dankbar die Fürsorge des Freundes erkannten , nur hätten sie gewünscht , sogleich abreisen zu können ; die Verzögerung zweier Tage schien ihnen peinvoll . Der Graf Robert bat den jungen Gustav in Gegenwart seiner Gäste um die Gefälligkeit , diesen Auftrag zu übernehmen , weil es unmöglich sei , sich in einer so ernsthaften Sache jemandem zu vertrauen , auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen könne . Der Jüngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschützenden Freundes , eine falsche Meinung seiner Gäste über ihn von ihm abzuwenden , und als er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach , überhäufte ihn dieser mit Danksagungen , in die der Verwundete sowohl , als der Baron Lehndorf herzlich einstimmten , und der Jüngling trat nach dem verabredeten Plan sogleich die Reise an . Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Wertheim aus dem Gesellschaftssaale der Gräfin zurückgezogen . Er fühlte grollend die Kälte , mit welcher der Herr des Hauses ihn behandelte , und konnte sie doch innerlich nicht tadeln , denn mit Beschämung mußte er sich gestehen , daß sein früheres Betragen ihn nicht berechtigte , eine liebevolle Aufnahme zu fordern , und indem er gezwungen war , unter so drückenden Verhältnissen Hülfsleistungen in diesem Hause zu empfangen , die vielleicht sein Leben erretteten , betrachtete er St. Julien mit Unmuth und bemühte sich gewissermaßen , einen Verdacht gegen den Grafen in seiner Seele fest zu halten , um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen Größe eingestehen zu müssen . Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen , auf die schönen muthigen Pferde nieder , mit denen eben der Jüngling Gustav abreiste , zum