er lispelt , wenige Melodien wechseln seinen Lauf ; aber vernimm ' s mit freundlichem Ohr , da wirst Du jauchzen hören , klagen , bitten und trotzen , und noch wirst Du hören und empfinden , Geheimnisse , feierliche , leuchtende , die nur der versteht , der die Liebe hat . * * * Ich bin nicht mehr müde , ich will nicht mehr schlafen , der Mond ist aufgegangen mir gegenüber , Wolken jagen und decken ihn , immer wieder leuchtet er mich an . Ich denke mir Dein Haus , die Treppe , daß die im Schatten liege , und daß ich an dieser Treppe sitze , und jenseits die Ebene vom Mond beleuchtet . Ich denke , daß die Zeiten jagen , eilen und mannigfach sich gestalten wie jene Wolken , daß der Mensch an der Zeit hängt und glaubt , mit ihr eile alles vorüber , und das reine Licht , das durch die Zeiten bricht , wie der Mond durch die fliehenden Wolken , das anerkennt er nicht . - O ja doch ! - Erkenne meine Liebe und denke , daß , da die Zeit vorübereilt , sie doch das eine hat , daß im flüchtigen Moment sich eine Ewigkeit erfassen lasse . * * * Schon lange ist Mitternacht vorüber , da lag ich im Fenster bis jetzt , und da ich mich umsehe , ist das Licht tief herabgebrannt . Wo war ich so tief in Gedanken , - ich hab gedacht , Du schläfst , und hab über den Fluß gesehen , wo die Leute Feuer angezündet haben bei ihrem Linnen , das auf der Bleiche liegt , und hab ihren Liedern zugehört , die sie singen , um wach zu bleiben ; - ich wache auch und denke an Dich , es ist ein groß Geheimnis der Liebe , dies immerwährende Umfassen Deiner Seele mit meinem Geist , und es mag wohl manches daraus entstehen , was keiner ahnt . Ja , Du schläfst ! Träumst Du ? Und ist es Dir wahr , was Du träumst ? - Wie mir , wo ich zu Deinen Füßen sitze und sie im Schoß halte , und der Traum mir selbst die Zügel hält , daß ich nichts denke als nur dies , daß ich in Deiner Nähe bin ? * * * Liebster ! Gestern war ich tief bewegt und war sehnsüchtig ; weil man viel über Dich gesprochen hat , was nicht wahr ist , da ich Dich besser kenne . Durch das Gewebe Deiner Tage zieht sich ein Faden , der sie mit dem Überirdischen verbindet . Nicht durch jedes Dasein schlingt sich ein solcher Faden , und jedes Dasein zerfällt ohne diesen . Daß Dein Dasein nicht zerfalle , sondern daß alles ewige Wirklichkeit sei , das ist , wonach ich verlange ; Du , der Du schön bist , und dessen Gebärden gleichfalls schön sind , weil sie Geist ausdrücken : Schönheit begreifen , heißt das nicht Dich lieben ? - Und hat die Liebe nicht die Sehnsucht , daß Du ewig sein mögest ? - Was kann ich vor Dir , als nur Dein geistig Bild in mich aufnehmen ! - Ja sieh , das ist mein Tagwerk , und was ich anders noch beginne - es muß alles vor Dir weichen . Dir im Verborgnen dienen in meinem Denken , in meinem Treiben , Dir leben , mitten im Gewühl der Menschen oder in der Einsamkeit Dir gleich nahe stehen ; eine heilige Richtung zu Dir haben , ungestört , ob Du mich aufnimmst oder verleugnest . Die ganze Natur ist nur Symbol des Geistes ; sie ist heilig , weil sie ihn ausspricht ; der Mensch lernt durch sie den eignen Geist kennen , daß der auch der Liebe bedarf ; daß er sich ansaugen will an den Geist , wie seine Lippe an den Mund des Geliebten . Wenn ich Dich auch hätte , und ich hätte Deinen Geist nicht , daß der mich empfände , gewiß das würde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines Verlangens bringen . Wie weit geht Liebe ? Sie entfaltet ihre Fahnen , sie erobert ihre Reiche . Im Freudejauchzen , im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger zu . - So weit geht Liebe , daß sie eingeht , von wo sie ausgegangen ist . Und wo zwei ineinander übergehen , da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen auf . Aber soll ich klagen , wenn Du nicht wieder liebst ? - Ist dies Feuer nicht in mir und wärmt mich ? - Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit , diese innere Glut ? - Und Wald , Gebirg und Strand am Fluß , sonnebeglänzt , lächeln mir entgegen , weil mein Herz , weil mein Geist ewigen Frühling ihnen entgegenhaucht . * * * Ich will dich nicht verscherzen , schöne Nacht , wie gestern ; ich will schlafen gehen in deinen Schoß ; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen , und die frischgeweckten Blumen pflücke ich dann mir zur Erinnerung an die Träume der Nacht . So sind freundliche Küsse , wie diese halberschloßnen Rosen , so - leises Flüstern wie der Blütenregen , so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im Gras ; so träufelt Zähre auf Zähre , die das Auge füllen mit Übermaß vom Glück , wie die Regentropfen von den Ästen niederperlen , und so schlägt das sehnende Herz , wie die Nachtigall schlägt , vom Morgenrot begeistert ; sie jubelt , weil sie liebt , sie seufzt aus Liebe , sie klagt um Liebe ; drum süße Nacht : schlafen ! Dem Morgenrot entgegen schlafen , das mir bringt die süßen Früchte all , die der Liebe reifen . * * * Freund ! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt , sie beruht auf Wissen und Geheimnis , sie beruht auf höherem Glauben ; die Liebe ist der Weltgeist dieses Inneren , sie ist die Seele der Natur . Gedanken sind in der geistigen Welt , was Empfindung in der sinnlichen Welt ist ; es ist Sinnenlust meines Geistes , der mich an Dich fesselt , daß ich an Dich denke ; es bewegt mich tief , daß Du bist , in diese sinnliche Welt geboren bist . Daß Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung , von der Offenbarung , die ich von Dir habe . Liebe ist Erkenntnis ; ich kann Dich nur genießen im Denken , das Dich verstehen , empfinden lernt ; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe , gehörst Du dann mein ? - Kannst Du irgendwem gehören , der Dich nicht verstände ? Ist Verstehen nicht süßes , sinnliches Übergehen in den Geliebten ? - Eine einzige Grenze ist ; sie trennt das Endliche vom Unendlichen ; Verstehn hebt die Grenze auf ; zwei , die einander verstehen , sind ineinander unendlich ; - Verstehen ist lieben ; was wir nicht lieben , das verstehen wir nicht ; was wir nicht verstehen , ist nicht für uns da . Da ich Dich aber haben möchte , so denke ich an Dich , weil Denken Dich verstehen lernt . * * * Wenn ich nicht ganz bin , wie Du mich lieben müßtest , so ist mein Bewußtsein von Dir vernichtet . Das aber fördert mich , bringt mich Dir näher , wenn auch mein sinnliches Handeln , mein äußeres Leben sich im Rhythmus der Liebe bewegt ; wenn nichts Einfluß auf mich hat als das Gefühl , daß ich Dein gehöre , durch eignen freien Willen Dir gewidmet bin . Ich hab Dich nicht in diesem äußeren Leben ; andere rühmen sich Deiner Treue , Deines Vertrauens , Deiner Hingebung ; ergehen sich mit Dir im Labyrinth Deiner Brust ; die Deines Besitzes gewiß sind , die Deiner Lust genügen . Ich bin nichts , ich habe nichts , dessen Du begehrst ; kein Morgen weckt Dich , um nach mir zu fragen ; kein Abend leitet Dich heim zu mir ; Du bist nicht bei mir daheim . Aber Vertrauen und Hingebung hab ich in dieser Innenwelt zu Dir ; alle wunderbaren Wege meines Geistes führen zu Dir ; ja sie sind durch Deine Vermittlung gebahnt . * * * Am frühsten Morgen auf dem Johannisberg Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Büsche in meinen Schoß und spielt unter dem Schatten der bewegten Blätter . Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier herauf ? Hier , wo die Ferne sich vor mir auftürmt und ins Unendliche verliert . Ja , so geht es weiter und immer weiter ; die Länder steigen hintereinander am Horizont auf , und wir glauben auf Bergeshöhen am Himmelsrand zu steigen ; da breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus , von dunklen Hügelwänden umschlossen , und die Lämmer weiden hier wie dort . Und wie die Berge hintereinander aufsteigen , so die Tage , und keiner ist der letzte vor dem , der eine Ewigkeit entfaltet . Wo ist der Tag , die Stunde , die mich aufnimmt , wie ich dich , spielender Sonnenschein ? - Wiedersehn , nimm mich auf ! - Du ! auf meines Lebens Höhen gelagert , von himmelreinen Lüften umwebt , nimm mich auf in Deinen Schoß ; laß den Strahl der Liebe , der aus meinem Aug hervorbricht , in Deinem Busen spielen , wie dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug . * * * Gestern hab ich mich gesehnt ; ich dachte jeden Augenblick , er sei mir verloren , weil ich Dich nicht hatte . Dich haben einen Augenblick , wie selig könnte mich das machen . Wie reich bist Du , da Du so beseligen kannst , Ewigkeiten hindurch mit jedem Augenblick ! Gestern war es früher Morgen , da ich Dir schrieb ; ich hatte Buch und Schreibzeug mit und ging noch vor Tag dem Tal entlang , das von beiden Seiten eng in Bergwände eingelagert ist ; da rieseln die Bäche nieder ins sanfte Gras und lallen wie Wiegenkindchen . Was sollt ich machen ? Es war mir im Herzen , auf der Lippe und im tränenschwellenden Auge ; ich mußte Dir ' s klagen , ich mußte Dir ' s wehmütig vorhalten , daß ich Dich nicht habe , und da war die Sonne so freundlich ; da rauschte es , da bewegte sich ' s hinter mir ; - war es ein Wild ? War ' s ein Anklang aus der Ferne ? Ich stieg rasch aufwärts , ich wollte Dich ereilen , und auf der Höhe da öffnete sich dem Blick die weite Ferne ; die Nebel teilten sich , es war mir , als trätest Du meinen Bitten entgegen geheimnisvoll , schautest mich an und nähmst mich auf an Deinem mir unerforschten Busen . Jeder ewige Trieb , er wirbt und erreicht , er ist außer der Zeit . - Was hab ich zu fürchten ? - Diese Sehnsucht , ist sie vergänglich , so wirst Du mit ihr verschwinden ; ist sie es nicht , so wird sie erreichen , wonach sie strebt , und schon jetzt hab ich ihr eine Innenwelt , mannigfaltig und eigentümlich , zu verdanken ; Wahrnehmungen und Gedanken nähren mich , und ich fühle mich in einem innig lebendigen Einverständnis mit Deinem Geist . Die Natur ist kindlich , sie will verstanden sein , und das ist ihre Weisheit , daß sie solche Bilder malt , die der Spiegel unserer inneren Welt sind , und wer sie anschaut , in ihre Tiefen eingeht , dem wird sie die Fragen innerer Rätsel lösen ; wer sich ihr anschmiegt , der wird sich in ihr verstanden fühlen ; sie sagt jedem die Wahrheit , dem Verzweifelnden wie dem Glücklichen . Sie beleuchtet die Seele und bietet ihren Reichtum dem Bedürftigen ; sie reizt die Sinne und entzückt den Geist durch übereinstimmende Bedeutung . Ich glaube auch von Dir , daß Du dies manchmal empfunden hast , wenn Du allein durch Wälder und Täler streifst ; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene am Mittag überschaust , dann glaub ich , daß Du die Sprache der Stille in der Natur verstehst ; ich glaub , daß sie mit Dir Gedanken wechselt , daß Du in ihr Deine höhere Natur gespiegelt empfindest , und wenn auch schmerzlich oft durch sie erschüttert , so glaub ich doch nicht , daß Du Dich vor ihr fürchtest wie andere Menschen . Solang wir Kinder sind im Gemüt , solang übt die Natur Mutterpflege an uns ; sie flößt Nahrung ein , von der der Geist wächst , dann entfaltet sie sich zum Genius ; sie fordert auf zum Höchsten , zum Selbstverständnis , sie will Einsicht in die inneren Tiefen ; und welcher Zwiespalt auch in diesen sein möchte , welcher Vernichtung auch preisgegeben , - das Vertrauen in die höhere Natur , als in unseren Genius , wird die ursprüngliche Schönheit wieder herstellen . Das sag ich heute vorm Schlafengehen zu Dir ; zu Dir spreche ich hier , getrennt durch Länder und Flüsse , getrennt , weil Du meiner nicht denkst ; und jeder , der es wüßte , der würde es Wahnwitz nennen ; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele , und ob Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst , so dringt mein Geist darauf . Dir alles zu sagen , hier aus der Ferne rede ich mit Dir , und mein ganzes sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache . Du bist inmitten meines Innern , es ist nicht mehr eins , es ist zu zweien in mir geworden . * * * Am Abend nach dem Gewitter , das vielleicht zu Dir gezogen ist Leg Dich , brausendes Herz , wie der Wind sich legt , der die Wolken zerreißt ; die Donner sind verrollt , die Wolken haben ausgeregnet , ein Stern nach dem andern geht auf . Die Nacht ist ganz stille , ich bin ganz allein , die Ferne ist so weit , sie ist ohne Ende ; nur da , wo ein Liebender wohnt , da ist eine Heimat und keine Ferne ; wenn Du nun liebtest , so wüßt ich , wo die Ferne aufhört . Ja , leg dich Herz ! Tobe nicht , halt ruhig aus . Schmiege dich , wie die Natur sich schmiegt unter der Decke der Nacht . Was hast du Herz ? Fühlst du nicht ? Ahnest du nicht ? - Wie sich ' s auch füge und wende , die Nacht deckt dich und die Liebe . Die Nacht bringt Rosen ans Licht . Wenn sich die Finsternis dem Lichte auftut , dann entfallen ihrem Schoß die Rosen . Es ist freilich Nacht in dir , Herz . Dunkle geheimnisvolle Nacht webt Rosen , und ergießt sie alle , wenn ' s tagt , der Liebe zur Lust in den Schoß . Ja , Seufzen , Klagen , das ist deine Lust ; Bitten , Schmeicheln , nimmt das kein Ende , Herz ? Am Abend schreib ich , wenn auch nur wenige Zeilen ; es dauert doch bis spät in die Nacht . Viel hab ich zu denken , manche Zauberformel spreche ich aus , eh ich den Freund in meinen Kreis banne . Und hab ich Dich ! - dann : - was soll ich da sagen ? - Was soll ich Dir Neues erfinden , was sollen die Gedanken Dir hier auf diesen Blättern vortanzen ? - * * * Am Rhein Hier in den Weinbergen steht ein Tempel ; erbaut nach dem Tempel der Diana zu Ephesus . Gestern im Abendrot sah ich ihn in der Ferne liegen ; er leuchtet so kühn , so stolz unter den Gewitterwolken ; die Blitze umzingelten ihn . So denke ich mir Deine leuchtende Stirne , wie die Kuppel jenes Tempels , unter dessen Gebälk die Vögel sich bargen , denen der Sturm das Gefieder aufblätterte ; so stolz gelagert und beherrschend die Umgebung . Heute morgen , obschon der Tempel eine Stunde Wegs von meiner Wohnung entfernt ist , weil ich am Abend Dein Bild in ihm zu sehen wähnte , dacht ich hierher zu gehen und Dir hier zu schreiben . Kaum daß der Tag sich ahnen ließ , eilt ich durch betaute Wiesen hierher . - Und nun leg ich die Hand auf diesen kleinen Altar , umkreist von neun Säulen , die mir Zeugen sind , daß ich Dir schwöre . Was Liebster ? - Was soll ich Dir schwören ? Wohl , daß ich Dir ferner getreu sein will , ob Du es achtest oder nicht ? - Oder daß ich Dich heimlich lieben will , heimlich nur diesem Buch , und nicht Dir es bekennend ? Treu sein , kann ich nicht schwören , das ist zu selbständig , und ich bin schon an Dich aufgegeben und vermag nichts über mich ; da kann ich für Treue nicht stehen . Heimlich Dich lieben , nur diesem Buch es bekennen ? - Das kann ich nicht , das will ich nicht ; dies Buch ist der Widerhall meiner Geheimnisse , und an Deiner Brust wird er anschlagen . O nimm ihn auf , trink ihn , lasse Dich laben ; einen einzigen heißen Mittag gehe Dein Blick unter , trunken , ein einziges Mal , in diesem glühenden klaren Liebeswein . Was soll ich Dir schwören ? - * * * Heut will ich Dir sagen , wie es gestern war : so unter Dach einer schöneren Vorwelt , vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt , die Hand auf diesem Altar , der früher wohl nie unter mystischen Beziehungen berührt war ; Herr ! - da war mein Herz auf eine wunderliche Weise befangen ; - ich fragte Dich zum Scherz , in süßem Ernst : » Was soll ich schwören ? « - Und da fragt ich mich wieder : » Ist das die Welt , in der du lebst ? « Und kannst du scherzen mit dir selbst , hier in der einsamen Natur , wo alles schweigt und feierlich Gehör gibt deiner innern Stimme ? - Dort im fernen Gefild , wo die Lerche jubelnd aufsteigt , und am Gesimse des Tempels , wo die Schwalbe ihr Nest birgt und zwitschert ? Und ich lehnte meine Stirne an den Stein , und dachte Dich ; ich lief hinab ans Ufer und sammelte Balsamkräuter und legte sie auf den Altar ; ich dachte : möchten die Blätter dieses Buchs voll Liebe einmal Deinem Geist duften , wie diese Kräuter dem Geist jener schönen Vorwelt , in deren Sinn der Tempel hier gebaut ist . - Dein Geist spricht ja die heilige Ordnung der Schönheit aus wie er , und ob ich ihm was bin , ob ich ihm was bleibe , das ist dann einerlei . Ja süßer Freund ! ob ich Dir was bin : was soll ich danach fragen ? - Weiß ich doch , daß die Lerche nicht umsonst jubelnd aufsteigt , daß der Morgenwind nicht ungefühlt in den Zweigen lispelt , ja daß die ganze Natur nicht unbegriffen in ihr Schweigen versunken ist ; was sollt ich zagen , von Dir nicht verstanden , nicht gefühlt zu sein ? - Drum will ich nicht schwören , Dir etwas zu sein ; es ist mir gewiß , daß ich Dir bin , was in einstimmender Schönheit ein Ton der Natur , eine geistige Berührung dieser sinnlichen Welt Dir sein kann . * * * Im Juli Diese Tage , diese Gegenden , sie tragen das Antlitz des Paradieses . Die Fülle lacht mich an in der reifenden Frucht , das Leben jauchzt in mir , und einsam bin ich wie der erste Mensch ; und ich lerne wie dieser herrschen und gebieten dem Glück : daß die Welt soll sein , wie ich will . Ich will es , daß Du mich selig machest , nur weil ich Dich weiß und kenne , und weil Dein sittlich Gefühl der Raum ist meiner geistigen Schöpfungen ; in Dich hinein nur kann ich ja diese Welt der Gefühle legen , Dir nur kann ich diese Phänomene einer erhöhten Rührung erscheinen lassen . - Deine Schönheit ist Güte , die mich nährt , schützt , mir lohnt , mich tröstet und mir den Himmel verheißt ; kann ein Christ besser organisiert sein als ich ? * * * Ich sitze nun einmal mitten in dieser reichen Natur , mit Herz und Seele ; so muß ich denn immer wieder von diesem Doppelgespann schreiben . Heute war ich in einem andern Tempel , der an der Höhe liegt und den herrlichsten deutschen Fluß in seiner glorreichsten Pracht beherrscht , wo man unzählige Orte und Städte sieht , die an seinen Ufern in seinen Gauen weiden . In diesem sonnenhellen Himmel liegen sie da wie ruhende Herden . Was soll mir diese Pracht der Natur ? Was soll mir dies wimmelnde Leben , diese mannigfaltige Geschäftigkeit , die sich durch die bunten Fluren zieht ? - Es eilen die Schifflein hin und her aneinander vorüber , jedes hat seiner Reise Ziel . - Wie jener Schiffe eines hast auch Du Dein Ziel ; und es geht an mir vorüber , rasch wie des Glücklichen Bahn schneller am Pfad des einsam Verlaßnen vorüber fährt . Und ich höre dann nicht mehr von Dir , daß Du nach mir fragst ; und Deinem Gedächtnis verhallen , wie meine Seufzer , so die Spuren der Erinnerung . So dacht ich , dort auf der Höhe im Tempel , wie ich niedersah in das allseitig ausgebreitete Treiben der Menschen ; wie ich mir überlegte , daß neue Interessen Dich jeden Augenblick aufnehmen können und mich gänzlich aus Deiner Welt bannen . Und ich hörte die Wellen brausen in der Tiefe , und Gevögel umflatterte meinen Sitz , der Abendstern winkte , daß ich heimgehen möge . Um so näher dräng ich mich jetzt an Dich : o öffne Deinen Busen und lasse mich ausruhen von der tränenbewegten Ahnung , ich sei Dir nichts , ich sei Dir vergessen . O nein , vergesse mich nicht , nimm mich , halt mich fest und lasse die Stille um uns her den Segen sprechen über uns . * * * Du hast mir ' s beim Abschied damals gesagt . Du hast mir ' s abgefordert , ich möge Dir alles schreiben , und genau , was ich denke und fühle , und ich möchte gern ; aber Liebster , die wunderlichen Wege , die mit dämmernder Fackel der Verstand kaum beleuchtet , wie soll ich die Dir beschreiben ? - Diese Träume meines Glückes ( denn glücklich träum ich mich ) , sie sind so stürmisch , so wunderlich gelaunt , es ist so unscheinbar , was ich mir manchmal ersinne . Mein Glück , wie ich ' s mir denke , wie soll ich Dir ' s beschreiben ? Sieh die Mondsichel am wolkenlosen Himmel und die breitästige , reich belaubte Linde ; denke ! Sieh unter ihrem flüsternden Laub , die flüsternd auch , einander umfassen , die beiden ; wie einer den andern bedarf und feurig liebend an ihm hinauf reicht , wie jener mit freundlichem Willen sich ihm neigt und diesem Flüstern der Liebe Gehör gibt ; und denke noch : die Mondessichel , die Sterne müßten nicht untergehen , bis diese Seelen , ineinander gesättigt , ihre Schwingen ausbreiten und höheren Welten zufliegen . Dies spräche heute mein Glück aus , o lieber Freund , es spräche es einmal in vollem umfassenden Sinn aus . So wie das Aug die Schönheit erfaßt , so auch der Geist ; er umfasset den Inbegriff der innern Schönheit wie der äußern , mit Schmeichelworten bringt er beide in Einklang , und der Leib wirkt magisch auf den Geist , der so schmeichelt , und so dieser auf ihn zurück , daß beide ineinander aufblühen , und das nennen wir begeisternde Schönheit . Mein Freund , das ist das Flüstern der Liebe , wenn Liebende einander sagen , daß sie schön sind . * * * Wo ist denn der Ruhesitz der Seele ? Wo fühlt sie sich beschwichtigt genug , um zu atmen und sich zu besinnen ? - Im engen Raum ist ' s , im Busen des Freundes ; - in Dir heimatlich sein , das führt zur Besinnung . Ach , wie wohl ist mir , wenn ich ganz wie ein Kind in Deiner Gegenwart spielen darf ; wenn alles , was ich beginne , von dem Gefühl Deiner Nähe geheiligt ist ; und daß ich mich ergehen kann in Deiner Natur , die keiner kennt , keiner ahnet . - Wie schön ist ' s , daß ich allein mit Dir bin , dort , wo die Sterne sich spiegeln in der klaren Tiefe Deiner Seele . Gönne es mir , daß ich so meine Welt in Dir eingerichtet habe ; vernichte nicht mit Deinem Willen , was Willkür nie erzeugen könnte . Ich küsse Deiner Füße Spuren und will mich nicht hereindrängen in Deine Sinnenwelt , aber sei mit mir in meiner Gedankenwelt ; lege freundlich die Hand auf das Haupt , das sich beugt , weil es der Liebe geweiht ist . Der Wind rasselt am Fenster ; welche Länder hat er schon durchstreift ? Wo kommt er her ? Wie schnell hat er die Strecke von Dir zu mir durchflogen ? Hat er keinen Atemzug , in seinem Rasen und Toben , keinen Hauch von Dir mit fortgerissen ? Ich habe den Glauben an eine Offenbarung des Geistes ; sie liegt nicht im Gefühl , im Schauen oder im Vernehmen ; sie bricht hervor aus der Gesamtheit der auffassenden Organe ; wenn die alle der Liebe dienen , dann offenbaren sie das Geliebte ; sie sind der Spiegel der inneren Welt . Ein Dasein im Geliebten haben ohne einen Standpunkt sinnlichen Bewußtseins , was kann mächtiger uns von unserer geistigen Macht und Unendlichkeit überzeugen ? - * * * Sollte ich Dir heute nichts zu sagen haben ? - Was stört mich denn heute am frühen Morgen ? Vielleicht , daß die Sperlinge die Schwalben hier aus dem Nest unter meinem Fenster vertrieben haben ? - Die Schwalben sind geschwätzig , aber sie sind freundlich und friedlich ; die Sperlinge argumentieren , sie behaupten und lassen sich ihren Witz nicht nehmen . Wenn die Schwalbe heimkehrt von den Kreisflügen um ihre Heimat , dann ergießt sich die Kehle in lauter liebkosende Mitteilung , ihr gegenseitiges Gezwitscher ist das Element ihrer Liebeslust , wie der Äther das Element ihrer Weltanschauung ist . Der Sperling fliegt da und dorthin , er hat sein Teil Eigensucht , er lebt nicht wie die Schwalbe im Busen des Freundes . Und nun ist die Schwalbe fort , und der Sperling hat ihren Wohnsitz , wo süße Geheimnisse und Träume ihre Rollen spielten . Ach ! - Du ! Meine schlüpfrige Feder hätte schier Deinen Namen geschrieben , während ich im Zorn bin , daß die Schwalbe vom Sperling verjagt ist . Ich bin die Schwalbe , wer der Sperling ist , das magst Du wissen , aber ich bin wahrhaftig die Schwalbe . * * * Um Mitternacht Gesang unter meinem Fenster ; sie sitzen auf der Bank an der Haustür ; der Mond , wie er mit den Wolken spielt , hat sie wohl zum Singen gebracht , oder auch die Langeweile der Ruhe ; die Stimmen verbreiten sich durch die Einsamkeit der Nacht , da hört man nichts als nur das Plätschern der Wellen am Ufer , die die langen gehaltenen Intervalle dieses Gesangs ausfüllen . Was ist dieser Gesang für mich ? Warum bin ich in seine Gewalt gegeben , daß ich mich der Tränen kaum enthalte ? - Es ist ein Ruf in die Ferne ; wärst Du jenseits , wo seine letzten Töne verhallen , und empfändest den Ausdruck der herzlichen Sehnsucht , den er in mir aufgeregt hat , und wüßtest , daß in Dir das Glück der Befriedigung läge ! Ach schlafen ! Nicht mehr dem Gesang zuhören , da ich doch aus der Ferne nicht das Echo des Gleichgestimmten vernehme ! Es ist wenig , was ich Dir hier mitteile : eintöniger Gesang , Mondesglanz , tiefe Schatten , geistermäßige Stille , Lauschen in die Ferne , das ist alles , und doch - es gibt nichts , was ein volles Herz Dir mehr zu bieten vermöchte ! * * * Freund ! Morgendämmerung weckt mich schon , und ich habe doch gestern tief in die Nacht hinein gewacht . Freund ! Süßer ! Geliebter ! Es war eine kurze Zeit des Schlafs , denn ich hab von Dir geträumt ; im Wachen oder im Traum , mit Dir , da eilen die Rosse unbändig . Drum pocht das Herz und Wange und Schläfe erhitzt , weil die Zeit so rücksichtslos auf die seligen Minuten vorüberjagt . Wenn die Angst um die Flucht des Besitzes nicht wär , wie wär da Lieb und Lust ein tiefer Friede , ein Schlaf , ein Behagen der Ruhe ! Wenn wir an Gräbern vorübergehen und uns besinnen , wie sie da verdeckt liegen und beschwichtigt , die pochenden Herzen , dann befällt uns feierliche Rührung ; wenn aber die Liebe sich einsenken könnte zu zweien , wie sie es bedarf , so tief abgeschieden wie im Grab , und wenn auch die Weltgeschichte über die Stätte hintanzte , - was ging sie uns an ? - Ja , das kann ich wohl fragen , aber Du nicht . Was ich träumte ? Wir standen aneinander gelehnt im nächtlichen Dämmerlicht , das Sternenlicht spiegelte sich in Deinen Augen . Traumlicht , Sternenlicht , Augenlicht spiegelten ineinander . - Dies Auge , das