ich erwarten , daß Sie mit mir nicht reden würden . Für sie weiß ich wahrhaftig nichts Besseres , als daß sie die schwierige Aufgabe übernimmt , dem Irrstern auf seiner regellosen Bahn zu folgen . Trösten Sie sich , lieber Comthur ! wie Sie können . Am Ende haben Sie doch die größere Hälfte des Lebens zurückgelegt . Was wollen wir um die letzten Paar Stunden noch so viel Aufhebens machen ! Ich bin im Begriff , zu Emma zu gehen . Die Reise nach Italien wird ihr jetzt wohl selbst nothwendig dünken . Noch einmal , nehmen Sie es nicht zu schwer . Hugo ist nicht der Mensch darnach , die Seele eines besonnenen Mannes mit Sorgen zu füllen . Antwort Nein , niemals hätten Sie sich erlauben sollen , über Hugo dies unbillige Urtheil auszusprechen . Sie nicht . Keine Parthei darf die andere richten . Ihr Unglück macht Sie hart . - Tadeln Sie Handlungen , verwerfen Sie die That , wenden Sie sich mit Unwillen von dem ungeliebten Menschen ab , doch zerlegen Sie ihn nicht wie ein Wild , das man kunstgerecht durchschneidet , und sich etwas damit weiß , jeden einzelnen Theil geschickt von dem andern lösen zu können . O , hielten wir im Menschen Gott höher , wir würden begreifen , daß keiner zu berechnen ist . Die Mischungen , aus denen ein Inneres sich bildet , sind gar zu fein für unser kritisches Auge . Ein zärtliches Empfinden unterscheidet sie wohl , doch hinkt der Verstand dem flüchtigen Hauche vergeblich nach , bettelt er nicht von der Seele die Flügel ? Sie haben Hugo nie geliebt . Wie können Sie glauben , ihn zu verstehen ? - Ich war ihm oft sehr bös , und schwerlich giebt es noch zwei Menschen , einander unähnlicher in Grundsatz und Richtung . Doch er ist meines Bruders Sohn , mein Blut , mein nächster , mein einziger Verwandter , ich kann ihn schelten , doch ungerührt dies Auge weinen sehen , in dem sich einst des Vaters ganzes Herz sonnte , es weinen sehen , und kalt bedenken , die Zeit werde es ja auch trocknen , wie schon manches andere getrocknet worden , nein ! das kann ich nicht , und schäme mich auch nicht , es zu bekennen ; ich mische meine Thränen mit den seinen . Wie wenig dürfen Sie hoffen , mit so feindlicher Gesinnung die arme Emma aufrecht zu erhalten . Waren Sie nicht von jeher die Widersacherin des geliebten Mannes , Sie hätten Ihren übereilten Eifer anders geleitet . Nur zu bereitwillig nahmen Sie den Plan der Flucht aus der Burg auf , und , lassen Sie michs sagen , gern schieden Sie das blühende Kind von der Welt , um es nur von dem Feinde Ihrer Ruhe scheiden zu können . Niemals hätten Sie Emma den Gedanken ans Kloster verziehen , doch lieber begruben Sie sie , als sie in seinen Armen zu wissen . Und noch heute triumphirt Ihr blutendes Herz über die Schmerzen , die Sie so über Hugo verhängten . Unversöhnliche ! Was ist denn zumeist in Ihnen beleidigt , das zärtliche oder das allein herrschende , stolze Mutterherz ? Ich verzeihe Ihnen , aber ich beuge mich nicht Ihrem Urtheil . Sophie an den Comthur Sie erwarten in jedem Augenblick Hugo ? schreiben Sie mir ! Sie denken , er werde endlich von Wehrheim zu Ihnen herüber kommen , und wollen ihn nicht verfehlen . Sie besuchen uns deshalb heute nicht , und möchten doch wissen , ob Elise ihre feste , klare Stimmung bewahrt ? ob sie noch so einverstanden mit ihrem Geschick , es ruhig trägt ? ob sie auch nicht körperlich leidet ? Nun , ich kann Ihnen sagen , daß wir bis jetzt nichts für sie zu fürchten haben . Ja , ich finde sie freier , mehr sie selbst , als in der ganzen letzten Zeit . Ich äußerte ihr dies vorlängst beim Frühstück . Sie sann einen Augenblick nach . » Ich glaube , Sie haben recht , « sagte sie darauf . » Wenn der Schlag gefallen ist , so weiß man , ob man lebt , oder man weiß nichts mehr . - Aber die Angst vorher macht uns kindisch , oft verächtlich . Ich fürchte , « setzte sie nach einer langen , stummen Pause hinzu , » Hugo ' s größte Plage hebt von meiner Krankheit an . Er hat mich so schwach gesehen , und Gott weiß es , diese Schwäche wollte nicht weichen . Ich hatte das Gefühl davon , ich schämte mich vor mir selbst , vor Hugo , aber es blieb vergeblich , ich kann nicht drüber weg . Und es ist doch keine Frage , daß nur in meiner Hand sein Glück lag . « Ich konnte das nur zur Hälfte zugeben . Ich führte sie auf die Unfähigkeit bei Hugo zurück , sich irgend eines ruhigen Besitzes freuen zu können , auf den raschen Wechsel seiner Stimmung , auf das schnelle Ermatten jedes Gefühls in ihm . » So ist er nun aber einmal ! « unterbrach sie mich . » Ich wußte es . Er war mir über Alles lieb , gerade in seiner Eigenthümlichkeit . Weshalb hörte ich auf , diese zu ehren , da es nichts mehr galt , als äußere Rücksichten geltend zu machen ? « » Wie , « fragte ich unangenehm überrascht , » Sie bereuen den ganz natürlichen Wunsch , auf die einfachste Weise von der Welt einer ungehörigen Verbindung , sittliche Gültigkeit und göttliche Weihe geben zu dürfen ? « » Ja , « erwiederte sie , » das bereue ich . « Mir stieg das Blut ins Gesicht . » Mißverstehen Sie mich nicht , « fuhr sie schnell fort . » Das bereue ich , überhaupt an die Dauer dieser Verbindung gedacht zu haben , seit ich sie zerriß , indem ich ihr Dasein aussprach . Hugo ' s tiefste Seele war in dem Augenblick verletzt , unheilbar verletzt ! und die wunde Stelle blutete , so oft er mich wieder sah . Ich war ihm eine Andere geworden , die Welt , die Zeit , die Liebe , von der er nichts , als den Vorwurf empfand , sie so platt in die breite Gewohnheit des Lebens hineingeworfen zu sehen . « » Sie raisonniren über Hugo , « lächelte ich . » Sie sind kälter , und begreifen jetzt , was Ihnen früher die Leidenschaft verbarg . « » Leidenschaft ! « seufzte sie gedankenvoll . » Ich möchte sie niemals gekannt haben . Es ist ein taumelnder , unbewußter Rausch , in dem man weder sich , noch den Gegenstand des heißen Wahnsinns besitzt . Doch das Feuer muß auch erst ungleich flackern und flammen , ehe die stille Gluth sich bildet . « Wir waren während dem im Garten auf- und abgegangen , dann hatten wir unter den Kastanien gesessen und uns später im Gespräch nach dem Rasenplatz gewendet , um den unser Spatziergang führte . Die Sonne schien hell . Elise sah hinauf zu ihr . » Das ist auch Gluth ! « sagte sie . » Ewige . Sie dringt bis in den Kern der Dinge . Meinen Sie , die Hitze thäte es allein ? Das Licht ! das Licht ! « wiederholte sie mehreremale . » Wir vergessen immer das Beste bei Allem , auch bei der Liebe . « Mit großer Lebhaftigkeit faßte hier die bewegte Frau meine Hand . » Glauben Sie mir , « sagte sie , » es ist ein falscher Schluß , wenn man die Gewalt eines Gefühls von dessen enger Zusammenziehung herleitet . Das Leben macht nicht eng . Je weiter der Umfang , je kräftiger das Wesen . Die Liebe , die ihren Gegenstand denken kann , ist göttlicher Art , sie erleuchtet , was sie berührt . « Ich empfand wohl , sie vertheidigte sich gegen den Vorwurf des Kälterwerdens . Ich ließ das auf sich beruhen . Mich freute es , sie so aufgerichtet , so ganz die Alte zu sehen . Ihr Auge hatte einen besondern Glanz , es verweilte mit stillem Blick auf der entfalteten , blühenden Natur . Sie wissen , wie sie Blumen liebt . Die Rosen sind jetzt in ihrer vollen Pracht . Unser Stiftsgarten hat deren viel und von seltener Schönheit . Elise brach einen vollen Strauß davon . » Diese Jahreszeit , « lächelte sie anmuthig , wie im Wetteifer mit den Blumen , » diese Jahreszeit erinnert mich immer zumeist an das entflohene Glück . Sehen Sie , Sophie ! so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsere Gräber ! « Ich sah gerührt in ihr weiches , liebes Gesicht . » Wissen Sie noch , « fuhr sie fort , » wie es auch überall so schimmerte und duftete , als ich mit der seligen Amtmannsfrau zu der Tannenhäuserin ging , Sie uns nicht begleiten wollten und Er - das erstemal ! Ich sehe ihn noch zwischen den Büschen stehen , auf seine Flinte gelehnt , halb lächelnd , halb ernsthaft , und in sich gekehrt . Damals ! Mein Gott ! wie hell , wie leicht war das Leben ! « » O bitte , « rief sie rasch zu mir gewendet , » haben Sie noch meine Briefe von damals ? « Ich bejahte es . » Sophie , « sagte sie mit ihrer flehenden Stimme , » geben Sie mir nur auf eine Stunde diese Briefe . « Ich zögerte . » Was ist Ihnen dabei bedenklich ? « fragte sie . » Halten Sie die Wehmuth , die uns der Frühling giebt , für so störend ? Gute Sophie ! schelten Sie mir die Wehmuth nicht ! « - Lieber Freund ! sie sagte das so sonderbar , so bedeutungsvoll . Ich ging , und brachte ihr die Briefe . Sie setzte sich damit unter die Bäume an den Tisch , vor welchem wir gefrühstückt hatten . Ich mußte ihr eine Schaale mit Wasser schicken , in welche sie die vielen gepflückten Rosen stellte . War es das dunkle Kastanienlaub , was sie so blaß machte ? oder das frische Roth der Blumen ? genug , sie fiel mir in ihrem weißen Morgenanzuge , zwischen dichten Laubschatten hineingedrückt , außerordentlich auf . Ich wandte mich mehrmals nach ihr um , als ich ins Haus zurückging . Doch sie sah mich nicht . Sie war in die Briefe vertieft . Einmal , da sie unter dem Lesen in Gedanken eine der vor ihr stehenden Rosen zerpflückte , und die Blüthen auf das Papier fielen , kamen mir ihre eigene Worte wieder in den Sinn . » Sehen Sie , Sophie ! « hatte sie vor wenigen Minuten gesagt , » so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsre Gräber . « Sie selbst sah aus , wie die bleiche Vergangenheit . Als ich nach einer Weile wiederkam , fand ich sie , die Briefe weit von sich geschoben , beide Arme auf den Tisch gestemmt , und das Gesicht in die gefaltenen Hände gedrückt . An der Bewegung ihrer Brust sah ich , daß sie heftig weinte . Ich wollte mich entfernen . Sie hatte mich aber bemerkt . » Sophie , « rief sie , » o Beste , nehmen Sie , nehmen Sie alles das wieder zurück . Nein , man glaubt wahnsinnig zu werden , wenn man sich lachen hört , während die geängstigte Seele um ein Paar lindernde Thränen fleht ! « Sie wandte das Gesicht ab und trocknete die nassen Augen . Ich packte die zerstreut umher liegenden Heftchen zusammen . Sie ergriff meine Hände . » Gott , « sagte sie , » was haben die Menschen aus der harmlosesten , unbefangensten Zuneigung gemacht ! Wenn ich so das fröhliche , heitere Leben wieder überblicke , wenn ich mich so ohne alles Vorgefühl von Gefahr , mit leichtem , sorglosem Schritt vorwärts gehen sehe , und Hugo ' s Wohlgefallen an meinem Umgang , das freie Zusammenkommen , die nachbarliche Theilnahme , Emma ' s später gewonnene Freundschaft , wenn ich das wiederfinde , fühle , und keinen Schatten der Unwahrheit , keine Selbsttäuschung darin entdecke , dann empört sich doch mit einigem Recht meine Seele gegen die harte und rohe Hand der Welt , die das Mißverstandene so mißgestaltete ! Wie hat diese Hand nicht auf uns gedrückt , was hat sie nicht Alles zerrissen ! « Ich machte sie aufmerksam auf die Arglosigkeit jeder entstehenden Neigung , und erinnerte sie , daß stets die Liebenden zu spät bemerkten , was Andere längst vor ihnen gewußt . Sie nahm das ohne Widerspruch auf , und blieb eine Weile still . » Hören Sie , « hub sie darauf an , » ich will Ihnen einmal etwas sagen . Ich glaube , Hugo hätte niemals den Einfall gehabt , eine Leidenschaft für mich zu hegen , wenn es ihm Eifersucht und häusliche Häkeleien nicht überredeten . « Ich sah sie überrascht an . Sie stand in großer Erschütterung von ihrem Platze auf . » Sie hatten recht , « erinnerte sie sich später , » ich wünschte , ich hätte die Briefe nicht gelesen ! Sie thun mir wehe . Es sieht mir darin ganz nach einer ungeheuren Mistification des Geschicks aus . Und ich bin die Angeführte . Denn , « rief sie , die Hände heftig zusammenschlagend , » ich liebe ihn , das weiß Gott ! mit unsäglichem Schmerz ! « Sie war ein Paar Schritte vorwärts gegangen . Ich folgte ihr . Das Wetter war den ganzen Tag so leicht , so schön gewesen . Ich schlug ihr vor , ein wenig außerhalb des Gartens , im angränzenden Waldbruch , spatzieren zu gehen . » Nein , « erwiederte sie , » lassen Sie uns nicht jenseits dieses Bezirks den Fuß setzen . Ich bin nur hier ruhig . Ich sehe es wohl , ich darf , selbst in Gedanken , nicht das Ferne heranziehen . « Es that mir leid , sie so erschüttert zu finden . Wir gingen lange umher . Wir sprachen Allerlei . Sie war aus dem Gleichgewicht heraus . Es faßte nichts . Wir setzten uns zuletzt , müde und matt , ganz im Freien , auf die kleine Erhöhung , von wo man den Strom sieht . Ich bemerkte , daß sie das Auge unsicher umherschickte , und es mit Bangigkeit senkte . » Ist Ihnen nicht wohl ? « fragte ich besorgt . » Ich gestehe Ihnen , « sagte sie beklommen , » die sonnenhelle Gegend , der blinkende Wasserspiegel bildet heute einen sonderbaren Contrast mit meiner Stimmung . Ich kann mich nicht damit vertragen . Mir wird nicht wohl hier . Kommen Sie , wir wollen nach Hause gehen ! « Ich war ihr gern gefällig . Unterwegs äußerte sie plötzlich , und ohne nachher weiter daran zu denken : Wenn ihr nur nicht ein neues Unglück drohe ! Ich ließ das gänzlich fallen . Sie gewann auch späterhin ihre frühere Fassung wieder , so daß ich mich überzeugt hatte , ohne meine Unvorsichtigkeit , sie jene Briefe lesen zu lassen , wäre ihr der Morgen in stillen Betrachtungen ruhig vergangen . Wenn Ihr Neffe wirklich noch heute zu Ihnen kommt , so sagen Sie mir doch , wie Sie ihn fanden . Ich gestehe Ihnen aber , ich zweifle , daß er die Burg wieder betritt . Man sagte mir , er verlasse die kleine Insel , rechts , unterhalb des neuen Schlosses in Wehrheim , nur selten . Er hatte früher einmal den Gedanken , Emma hier ein Denkmal setzen zu lassen . Hugo an Elise Wissen Sie noch , Liebe ! wenn ich sonst zu Ihnen kam , wir neben einander saßen , keines sprach , jedes das Seine dachte , und dann ein Wort , ein launiger Einfall , ein Blitz des Geistes hervorbrach , und im Augenblick , Eins in dem Andern zu Hause war . Wie die Antwort mir fehlte , oft nur eine halbe , und doch so ganz , durch und durch verstanden . Keine Wolke an dem Himmel ! Alles helle , durchsichtige Bläue ! Wir dachten nicht , daß das anders werden könnte , wir hatten nichts Arges dabei . Und nun ! - Gott ! daß man den Tag so deutlich denken kann , wenn es Nacht ist . Man ist ein großer Narr , wenn man über den Wechsel der äußern Gestalten im Leben klagt . Das beruht auf Naturgesetzen , deren Zweck man nach Belieben vermitteln mag ; ich an meinem Theil , denke mir das Meinige dabei , und lasse es gehen . Aber daß auch das Innere so willenlos den Tribut der Endlichkeit zollt , daß die Seele in ihrer prahlerischen Gottähnlichkeit nichts wie ein winziges Flämmchen auf dem irrdischen Heerde ist , und noch eher erlischt , als dieser zerbricht ! Das vollendet das Gaukelspiel , und rechtfertigt den Ekel am Leben ! Dies Leben ! - Wie ein ausgeleerter Becher , hohl , kalt , überflüssig liegt es zu meinen Füßen ! Ich stoße es weg , da ich aufgehört , durstig zu sein . Wornach sollte ich dürsten ? Ich habe den Athem der Liebe getrunken . Er hat mich nicht gelabt . Was giebt es denn auch noch Kräftigeres ? So matt , so matt sinkt zuletzt der Mensch in sich zusammen ! Ihr beiden lieben , armen Frauen ! Wie habt auch Ihr Euch getäuscht ! Du wolltest mich retten , Emma ? Ach ! hätte sich Niemand mit meinem Geschick befaßt . Das Glücklichmachen ist ein arger Mißverstand . Das Glück macht sich nicht , darum - ! Aber bereuet nichts , Keine von Euch bereue das Geschehene . Wir haben gelitten und gelebt . Es lebt sich im Leide und in der Freude , wenn das Herz dabei fühlt und der Geist denkt . Doch , wenn auch das aufhört , wenn die Gluth kalt und der Brand Kohle ist - ! Sagt doch , Ihr beiden schönen , rührenden Wesen , was finge ich auch an , wenn ich noch lieben könnte ? Euch lieben müßte ! Es ist Barmherzigkeit , daß Alles vergeht ! Selbst der Verstand . Wie eine Scheibe dreht er sich . Das Weiß und Schwarz kreist in immer schnelleren , immer engeren Ringen um sich herum , zuletzt ist es Eins . Alles läuft auf Eins hinaus . Liebe Elise ! lassen Sie Georg Mönch werden . Er glaubt dann wenigstens zu wissen , wofür er lebt . Und das ist sehr viel , so lange es währt . Ich habe mancherlei geträumt . Sehen Sie , mir thut es das frühe Aufwachen . Es ist Einem so nüchtern , so kalt , wenn man vor der Zeit von den Träumen lassen muß . Der Faden bleibt abgerissen . Die Phantasie eines Wachen ist eine arme Stümperin , glauben Sie mir das . Mein letzter glücklicher Augenblick war , als ich bewußtlos zu Emma ' s Füßen stürzte . Gott ! welch eine Welt war da in meiner Brust . Ich hätte sie so gern , so gern noch einmal wieder gesehen . Allein , sie will es nicht . Was in der Seele für Kräfte liegen ! Wie viel wird sie leiden müssen , ehe das Alles stumpf wird ! Sie sind schon matter , Elise ! Sie bricht wohl ein tüchtiger Sturm über kurz oder lang . Ade ! Ade ! sagen unsre alte Romanzen , wenn der Dichter nichts mehr zu sagen weiß , und das Ende nicht finden kann . Wenn er das Ende nicht finden kann ! - Ade ! Ade ! Warum wird mir dabei so traurig , so weich , so zum Weinen voll ums Herz ? Was hat der tändelnde Singsang für Gewalt über mich . Bin ich vielleicht blödsinnig geworden ? geht der Geist leise aus ? und lallt das sterbende Gefühl kindische Töne ? O dann ! Ade ! Ade ! - Sophie an den Comthur Kaum war mein Brief von heute Morgen an Sie , lieber Freund ! abgeschickt , so fuhr Birkner , mit der leeren Jagdkalesche des Grafen , in den Hof . Er glaubte , seinen Herrn hier zu finden , der ihn schon seit sieben Uhr Morgens nach dem Walde bestellt hatte , worin er Willens gewesen war , zu jagen . » Vielleicht , « sagte ich , » hat er sich anders besonnen , und darüber vergessen , daß Sie ihn erwarten . « Jener , an dergleichen gewöhnt , lachte , die Achseln leicht zuckend . Meine Gründe mochten ihm einleuchten . Er empfahl sich , und war schon im Begriff , zurück nach Wehrheim zu fahren , als es ihm einfiel , es könne sich doch wohl anders verhalten . Der Graf habe doch wohl wirklich die Absicht gehabt , auf die Jagd zu gehen . Er sei in aller Frühe bei der Tannenhäuserin gewesen , welcher er einen Brief zu baldiger Besorgung hierher , an die Frau Präsidentin , eingehändigt habe . Da sich nun keine frühere Gelegenheit hierzu dargeboten , so schicke jene das Schreiben durch ihn . Ich ließ mir es geben , ersuchte Birkner , ein wenig zu verziehen , und eilte damit zu Elisen . Sie erschrack bei meinem Eintritt . » Ist etwas vorgefallen ? « rief sie mir hastig entgegen . Ich bat sie , ruhig zu sein , und sich des Freundes Gruß zu freuen . Sie nahm den Brief furchtsam aus meiner Hand . Ihn von allen Seiten gedankenlos betrachtend , seufzte sie , das Auge zu mir gewandt , ohne ihn zu erbrechen . » Ich gehe , « sagte ich , » lesen Sie , wenn Sie sich gesammelt haben . « Als ich das Zimmer verließ , eilte sie hinter mir drein , und verriegelte die Thür . Ich wollte Birkner Anfangs nicht eher fortlassen , bis ich erfahren , ob Elise keine Bestellung für ihn habe . Es währte ihm indeß zu lange . Er war ungewiß über seines Herrn Rückkehr . Mir schien er sogar ängstlich . Ich mußte endlich nachgeben und ihn ohne Antwort fahren lassen . Es blieb alles still bei Elise . Ich wollte sie nicht stören , und doch trieben mich Theilnahme und Besorgniß immer wieder zu ihrer Thür . Ich klopfte verschiedentlich ganz leise an . Sie mochte es nicht beachten . Sie öffnete nicht . Endlich rufe ich sie bei Namen . » Ja ! « erwiederte sie , wie aus dem Schlafe erwachend . » Was giebt es ? « Ich bat sie , mir aufzumachen . » Ja so ! « hörte ich sie sagen . Sie kommt , sie zieht den Riegel weg , ich trete ein , aber ich glaubte vor Schrecken in die Kniee zu sinken , als ich die todtenbleichen , verzerrten Züge der armen Elise erblickte . Sprachlos starrte ich sie an . » Er hat Abschied genommen , « lächelte sie . » Er ist fort ! Gott weiß , wohin ? « setzte sie langsam hinzu , und mir den Brief hinhaltend , sagte sie , » da lesen Sie einmal . « Ich durchflog die Zeilen , ich blickte in ein Gewebe verworrener Verzweiflung , in den wüsten Kampf widersprechender Gefühle , mir schwindelte , mir bebte es in der Seele , doch konnte ich nichts von einem entscheidenden Entschluß , keine Hinweisung auf Abreise und Entfernung herauslesen . Ich sagte das Elisen . Sie bestritt es nicht , sie äußerte keine Meinung . Allein in sich schien sie nicht im mindesten zu zweifeln . Wie ich sie auch zu beruhigen strebte , sie sah mit gebeugtem Haupte und halb geschlossenen Augen vor sich hin , und ein still verzweifelndes » Hm ! « war alles , was sie hervorbrachte . Wir saßen lange so , als Johanna eintrat , sich ein Geschäft im Zimmer machte , und , indem sie sich vor dem Tischchen , auf dem jetzt die am heutigen Morgen gepflückten Rosen standen , bückte , um die herabgefallenen Blätter aufzuheben , flüsterte sie mir zu : » Birkner ist wieder da . Kommen Sie doch einen Augenblick heraus . « Ich winkte ihr , zu schweigen . Und genau beobachtend , ob Elise auch nichts gehört habe , sagte ich dieser , ich gehe , nach Wehrheim zu schicken , um ihr später sagen zu können , ob Hugo wirklich abwesend sei . Sie nickte mir zu , und folgte mir ängstlich mit den Augen . Ich fand den treuen Menschen , das schäumende Pferd , auf welchem er hierher zurückgesprengt war , am Zügel vor dem Hause hin- und herführend . Er war sehr erhitzt . Seine Miene , als er mich erblickte , weissagte nichts Gutes . » Nun ! « fragte ich kleinlaut . Er zuckte die Achseln , und machte mit der Hand eine abwehrende , verzweifelnde Bewegung . » Nirgend zu finden ! « flüsterte er mir zu . » Niemand hat ihn gesehen . Im Gebüsch auf der Insel liegen Hut und Rock , und die Brieftasche mit Banknoten . « » Das bedeutet nichts , « entgegnete ich schnell . » Gar nichts ! Sie wissen , der Graf badet oft um diese Zeit , und bringt dann Stundenlang im Wasser zu . Reiten Sie nur , « bat ich , » gleich wieder zurück , setzen Sie sich in einen Kahn , und fahren Sie zu den Fischern hinüber , die werden ihn gewiß irgendwo getroffen haben . « Birkner schüttelte ungläubig den Kopf . Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen , ich trieb ihn fort , ich empfahl ihm möglichste Behutsamkeit , und vornehmlich Stille und scheinbaren Gleichmuth . Ich wollte nicht wissen , was er denke , denn ich weiß , daß ich nichts Schlimmes glauben kann . Deshalb theile ich Ihnen auch die Vorgänge dieses Tages so umständlich mit . Sie sollen nicht unnütz erschreckt , zu keinen voreiligen Maßregeln verleitet werden . Ich vertraue Ihrer Fassung , Ihrer Klugheit völlig . Ich glaube , wir können nicht vorsichtig genug zu Werke gehen . Aus dem Grunde enthalten Sie sich wohl am besten aller unmittelbaren Nachforschungen . Es darf von hier der Schein nicht ausgehen , als sei das Entsetzlichste denkbar . Vielleicht sind Sie auch jetzt , da ich Ihnen schreibe , vollkommen ruhig über Hugo ; er ist bei Ihnen , wie er es gewollt . Die umherliegenden Kleidungsstücke sagen im Grunde gar nichts . Er ist ja so zerstreut ! Wie leicht , daß er vom Baden zurückgekehrt , jene vergessend , im Schlosse andere anlegte , und später zu Ihnen ging . Sind doch außer Birkner nur noch ein Paar Stallleute bei ihm in Wehrheim , und was werden die sonderlich auf ihn Acht gegeben haben . Elise fragte mich schon , ob ich noch keine Nachricht vom Grafen habe ? Ich theilte ihr meine Vermuthung mit , daß er bei Ihnen sei , oder Sie ihn wenigstens gewiß erwartet hätten . » Erwartet ? « seufzte sie . Ich mochte mich weiter nicht auf ein langes Gespräch einlassen . Sie mied es auch . Wenn nur Johanna nicht schon etwas hörte ! Oder doch aus des Kammerdieners schnellem Wiederkommen Verdacht schöpfte . Ich muß Elise genau bewachen , denn , ein vorschnelles Wort - ! Herr Gott ! was es für Augenblicke im Leben giebt . Schlafen werden Sie diese Nacht nicht ; der Wunsch einer guten Nacht ist daher leer und bedeutungslos . Lassen Sie uns nur den Muth nicht verlieren . Ich wette noch , es ist Alles besser , wie wir glauben . Antwort Wie könnte ich ruhig sein , was soll verborgen bleiben ? Hugo wird vermißt . Die Anzeichen sind beunruhigend . Eine einzige geäußerte Besorgniß reicht hin , Jedem das Schreckliche gewiß zu machen . Birkner war eben bei mir . Seine Nachfragen blieben vergeblich . Die Fischer wußten keine Auskunft zu geben . Ich fuhr noch spät in der Nacht hinüber nach Wehrheim . In der Mittagsstunde ist Hugo dort gewesen . Er trug den hellgrauen Oberrock , der am Ufer gefunden ward , und hatte , wider seine Gewohnheit , diesen und die Weste weit aufgerissen , als leide er an Hitze . Den Hut hielt er in der Hand . Seine Laune war heiter . Er scherzte mit des armen Zimmermanns Frau und Kinder , die er , gleich nach seiner Ankunft auf der Burg , aus dem Wasser zog , und die Familie dann hinüber nach der Stadt zu dem todtkranken Vater fuhr . Die Leute fanden nachher bei dem Schloßbau ihr Brod , sie sind dem Grafen mit Leib und Seele ergeben , vorzüglich die Kleinen , die immer dreist mit ihm thaten , und sich gern von ihm necken ließen . Heute nahm er das Kleinste auf den Arm , und sah ihm lange und tief in die großen , klaren Augen . » So kristallhell wie das Wasser dort , « sagte er , nach dem Fluß zeigend , indem er der Mutter das Kind zurückgab . Dieses konnte nicht sogleich von ihm los . Es hatte die Fingerchen in ein blaues Band verwickelt , das um Hugo ' s Hals geschlungen war , und , in der Unordnung seines Anzugs , hervorsah . Er riß das Band entzwei , da das Kind weinte , und steckte die Enden unter das Hemd , indem er vor sich niedersah und erröthete . Die Frau hat das bemerkt , es fiel ihr auf . Er nahm darauf den Hut , den er aus der Hand gelegt hatte