werde seyn schnell zu Ende ; « antwortete Jochai , mit schmerzlichen Lächeln in die Hände hauchend und über seine nassen Augen fahrend . » Ich will nur reden von der Zeit gestrenger Herr , da Ihr noch wart ungeboren , Euer Vater ein Knabe noch beinahe , und Euers Vaters Vater noch ein rüstiger Mann . Herr , ich habe erlebt , was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzählen mit behaglichem Grausen . Herr , ich war schon gewesen ein Mann von vierzig Jahren , da des hochseligen Kaisers Carl IV. Majestät genau drei Jahre am Regiment gewesen , und da wir zählten das fünftausend einhundert und neunte Jahr der Welt , in welchem man allenthalben begann , die Juden zu schlachten , weil sie vergiftet haben sollten die Brunnen , verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die große Pest . Mir gedenkt ' s wie der Tag von gestern , da das Gemetzel losbrach , hier zu Frankfurt , als die Geißler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen , und den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes . « - » Der Heiland ! « verbesserte der Oberstrichter finster ; unterbrach jedoch , mit einer Art von Theilnahme sich vorlehnend , den Greis nicht , so sehr auch der Schreiber , den die anhebende Erzählung langweilte , mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte . - » Die Geißler haben gesungen durch die Straßen : Ach , so hebet eure Hände , daß sich doch das Sterben wende ! « fuhr Jochai fort : » Mittlerweile aber sie sich die Rücken zerfleischten , und den Staub der Gassen düngten mit ihrem Blute , ist ein Feuer ausgebrochen , und weh ! weh ! in der ganzen Stadt gerufen worden . Unfern von unsrer Gasse war durch Nachläßigkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand aufgegangen . Ich stand gerade fertig , um über Land zu gehen , und zu holen mein Weib , daß heimgesucht hatte seine Eltern über dem Rheine . In meiner Mutter Stube stand ich , da die Glocken anfingen zu wimmern , und das Getöse überhand nahm in den Straßen . Die arme alte Frau von siebzig Jahren , erblindet durch die Mühen des Gerwerbes , erschrack zum Tode , und schickte mich fort , zu sehen , was es gabe . Ich lief , ich schrie , ich entsetzte mich . « » Die Juden haben den Brand gemacht ! « schrieen die rasenden Geißler auf den Gassen : » Wir haben ' s gesehen ! Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem Hause zum Storch nach dem Rathhause ! Und das Volk schrie nach , und dürstete Rache , und brach ein in die Häuser , die Geißler beständig voran , die raubten und sengten und metzelten . Herr ! da kam ich heim , vor Angst und Ermattung halbtodt , um zu retten die blinde arme Mutter . « Die war in ihrer Herzensnoth herausgegangen zur Stube , und hatte sich zur Treppe gefühlt , war aber gestiegen hinauf , statt hinunter , und also gerathen auf den Speicher , wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh . Und ich stand vor ' m Hause , und konnte nicht hinein , weil alles voll Plünderer wogte , und sah die liebe Frau , die mich geboren , am Giebelfenster stehen , wie sie die Hände rang und hinausrief in die Flammen , die sie nicht sah : » Sohn ! Sohn ! Jochai ! Sohn Davids ! wo bist Du ? verlaß mich nicht ! « Ich sah endlich , wie die Räuber zu ihr hinaufdrangen , und konnte , selbst geschlagen und mißhandelt , nicht herzu . » Heule nicht ! Judenvettel ! « donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu , erhitzt von Wuth und angethan mit Grausamkeit : » Dort ist Sein Sohn ! fahr gesund zum Teufel ! « Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde . » Auf ihrer Asche sey der Friede ! « - Eine tiefe Stille folgte dieser Erzählung Jochai ' s. Der Oberstrichter starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor ; sprach aber keine Sylbe . Da schloß Jochai also : » Die Blinde , Herr , ist gewesen meine Mutter , und , der sie in das Feuer warf , Euer Großvater , Herr . Ich kenne demnach , was ein Jude zu gewärtigen hat von Euerm Geschlecht , und Ihr habt ein Pfand , daß ich nicht bin so vergeßlich , als Ihr glaubt . Was der Großvater übrig gelassen , mag nun verderben der Enkel . « Der Oberstrichter schwieg noch immer mit äußerst nachdenklichem Gesichte . Er rieb sich heftig die Stirne , zog die Augenbraunen zusammen , und hing an einer unangenehmen Erinnerung . » Du bist also ... ? « fragte er mit einemmale , wie bewußtlos , unterbrach sich aber schnell , und wendete sich zu dem Schreiber . » Ich bedarf Euers Diensts nicht ; « sagte er : » Geht , und nehmt diesen Alten mit Euch . Der Thurmwächter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefängniß geben , und ihm förder die Ketten nicht mehr anlegen . « Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai , auf den Ben David schnell zuging , um ihn zu umarmen , und ihm die Hand zu küssen . » Ein Strahl der Milde bricht in die Hütten Jakobs ! « sagte er heftig bewegt : » Raaf ! zage nicht , und vertraue dem Herrn ! « - Jochai schwankte hinaus mit dem Begleiter . Der Oberstrichter hatte seinen ganzen fürchterlichen Ernst wieder gesammelt , und redete zu Ben David . » Du siehst , wie barmherzig ich seyn kann . Ich habe Wille und Vollmacht , für Dich ein Gleiches zu thun , wenn Du weniger halsstarrig seyn wolltest . Friedrich ' s Klage ist klar wie die Sonne , aber ein schwerer Verdacht , der sich in des Volkes Stimme gegen Dich erhebt , bedarf Deines bestätigenden Geständnisses . Bekenne , daß Du Diether ' s Mörder seyn wolltest , angereizt und besoldet von seinem treulosen Weibe . Gestehe ohne Scheu . Eine gnädige Behandlung , ein leichter Tod sey Dein Lohn dafür . « - » Heer ! « erwiederte Ben David ohne Bedenken : » Wär ' ich allein in das Gewebe verflochten , das mich Unschuldigen droht zu erwürgen , so sagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes : Ja ! Zu glücklich , um damit zu erkaufen Linderung der Kerkerqual , und einen schnellen , beschleunigten Tod unter den Fittigen des Boten der Barmherzigkeit , Gabriel , welcher die Seelen der unschuldig Sterbenden hinüberführt gen Canaan . Aber es ist wider das Gebot , eine fremde , schuldlose Seele mit zu tödten durch falsches Zeugniß . Ich kenne die Ehewirthin des Altbürgers nicht . « - » Du lügst ; « entgegnete der Oberstrichter gereizt : » Du warst oft in ihrem Hause ; ich habe Zeugen . « - » Gehandelt hab ' ich mit der ehrsamen Frau ; « gab David zu : » Doch soll mir Gott helfen , kenn ' ich sie weiter . « - » Du lügst ! « zürnte der Oberstrichter heftig : » Man hat Dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hause schleichen sehen , in welches Du hineingekommen warst , unbemerkt , von Niemand geachtet . Du warst in fremder Tracht , beladen mit Geld , wie es schien , und doch wurde von einem Diebstahl nichts gehört . Also hast Du damals den Lohn des blutigen Werks im Voraus empfangen , und den Handel geschlossen . « - » Gestrenger Herr ! « entgegnete Ben David , seine Betroffenheit künstlich verbergend : » Da Meister Diether Frosch angefallen wurde , war ich zu Costnitz , und geträumt hat dem , der mich vermummt gesehen haben will . « » Du ermüdest meine Langmuth ! « schalt der Oberstrichter : » In der Folterkammer wirst Du geschmeidiger werden , sage ich Dir indessen voraus . Denk an mich ! « » Ich will es erwarten , Herr ; « antwortete Ben David ruhig , und ließ sich geduldig die Ketten wieder anlegen , und in sein trauriges Verließ zurückbringen . Achtes Kapitel . Ich bin ein leibeigner Bauer , Mein Leben wird mir sauer ; Ich steige auf den Birkenbaum , Davon haue ich mir Sattel und Zaum ; Ich bind meine Schuhe mit Bast , Ich füll ' meinem Junker den Kast , Leiste dem Pfarrherrn die Pflicht Und weiß von Gott und seinem Worte nicht . Liefländisches Volkslied . » Wohin ? « fragte Diether , im Begriff , sein Haus zu verlassen , um in seinem Garten Zerstreuung zu suchen , einen Mann in bäurischer Tracht , der , einen Tragkorb auf dem Rücken , die Treppe hinanstieg . Der Mann hielt auf diese rasche , unvermuthete Frage still , sah mit offnem Munde hinauf , strich sich die Haare von der Stirne , und fragte , die Mütze in der Hand , entgegen , ob hier die Frau Altbürgerin Margarethe Frosch wohnhaft sey . Diether bejahte , und winkte dem Zaudernden näher zu kommen . » Was soll denn die ehrsame Frau ? « begann er , dessen Mißtrauen durch die scheu umherschweifenden Blicke des Bauern erregt wurde . - » Ich muß selbst mit ihr reden ; « meinte hierauf der Letztere , und die liebe Dummheit sprach sich in seinen Zügen und Worten aus : » Der Herr soll nichts davon erfahren , hat mein Weib gesagt ; oder - seyd Ihr vielleicht der Herr ? « - » Nicht doch ; « erwiederte Diether kurz : » Ich bin Frau Margarethens vertrautester Freund , und Du kannst nichts Besseres thun , als auch mir Dein Gewerb vertrauen , weil die ehrsame Frau verreist ist , und unter einigen Tagen nicht wiederkehrt . « - » So ? « sprach der Bauer , auf den Stock gelehnt : » Das ist einfältig , guter Freund . Wer wird mir denn abnehmen , was ich in meinem Kober trage ? « - » Tritt hier herein ! « befahl Diether , die Thüre seiner Stube öffnend : » Ich will Dir Botschaft und Werth abnehmen , Deine Zunge und Deinen Rücken ledig machen . « - Der Bauer sah sich verwundert in der Stube um , und wußte nicht recht , ob er niedersetzen oder fortgehen sollte . Diether gebot ihm hingegen nachdrücklich , den Inhalt des Korbes vorzuweisen ; und mit einer dummpfiffigen Miene gehorchte endlich der Mensch . Mit einem verstockten Lächeln zog er die grobe Leinwand von dem Korbe , in welchem ein kleines Mägdlein saß , das seine Händchen bittend dem Alten entgegenstreckte . Diether nahm das holde Kind schnell aus dem unbequemen Versteck , und maß staunend bald den Träger , bald seine Bürde . » Was soll das ? « fragte er : » Ein Kind ? « - Der Bauer lachte , und wiederholte : » Mein Seel , Herr , es ist ein Kind . « - » Wessen Kind ? Sag an ? « - » Hm ! « versetzte der Bauer langsam , und kratzte sich auf dem Wirbel : » Herr , wenn ich das wüßte , mein Seel , ich wollt ' s Euch sagen . « - » Ist der Mann hier Dein Vater ? « sagte Diether zu dem Kinde , das sein Köpfchen an des Alten Brust legte . Es schüttelte aber auf diese Frage das Haupt , und antwortete mit kindischem Lallen : » Nein , nein , Vater weit , Mutter weit , Agnes ganz allein gelassen ! « - Diether begütigte das Mägdlein , so gut er es vermochte , und wendete sich wieder zu dem dämischen Boten , der mit eingebogenen Knieen und vorgestrecktem Halse da stand , ein gleichgültiger Zuschauer . - » Wer bist denn Du , Mensch , und wie hängt das Alles zusammen ? « fragte der Altbürger . - » Mein Seel , « entgegnete der Bauer : » guter Herr und Freund , ich will Euch wohl sagen , daß man mich Paul getauft hat , und daß ich ein eigner Mann des gestrengen Grafen von Katzenelnbogen bin . Wir armen Leute wissen nicht , wie alt wir sind , aber , daß der Johannistag heuer zum ein und zwanzigsten Mal wiederkommt , seitdem ich mich mit meiner Willhild habe einsegnen lassen dürfen zu Wiesbad , - denn wir zu Moorweiler haben keinen Pfaffen für uns , - das weiß ich genau . « - » Willhield ? « wiederholte Diether ; » wäre die Pflegerin meines Söhnleins ... des Herrn Diether ' s - wollte ich sagen , - wäre sie Dein Weib ? « - » Mein Seel , Herr , sie ist ' s , wenn uns anders der Leutpriester recht eingesegnet hat . « - » So rede schnell . Was ist ' s mit dem Kinde , und was soll es bei Frau Margarethen ? « - » I nu , « redete Paul : » mein Weib meint , daß es am Besten da aufgehoben wäre , weil es doch einmal die Tochter von der Frau ist . « - » Wer ? « rief Diether mit gallebewegtem Blute : » Wer ist Margarethens Tochter . « » Ho , die müßt Ihr wohl kennen , wenn Ihr der Freund vom Hause seyd ; « entgegnete der Bauer : » das schöne Weibsbild , das vorige Woche von der Heerstraße gestohlen wurde . « - » Wallrade ? « - » Recht , so heißt sie ; « fuhr Paul fort : » und ihr Töchterlein ist das Kind hier , das sie bei uns zurückgelassen hat . Wir sollten ' s ihr aufheben , bis sie wieder käme . « - » Wallradens Kind ? « sprach Diether bestürzt und entsetzt vor sich hin : » Barmherziger Gott ! in welchen Höllenschlingen finde ich bei jedem Schritte Alle , die ich liebe ! « - » Wie kam denn das Fräulein zu Euch ! « setzte er laut hinzu . » Zu Wagen , lieber Freund ; « antwortete Paul : » Was die Weiber mit einander schwätzten , weiß ich nicht , denn ich hatte die Frohne für meinen gestrengen Herrn , und die Willhild sagt mir auch nicht viel . Genug , da es Sonnabend war vor des Herrn Geburt , sollte ich mit herein und auf Alles Ja sagen , was die Frau , die Mutter nämlich von diesem Kinde , erzählen und vorbringen würde . « - » Vor des Herrn Geburt ? « wiederholte Diether kopfschüttelnd : » Mensch , bist Du irre ; vor Ostern vielleicht ? « - Meinetwegen vor Ostern , wenn das nicht Eins ist , was wir ungelehrte Leute nicht wissen . Es ist einmal noch nicht lange her . Die Frau war sehr aufgebracht und sagte einmal über das Andremal : » Ich will zurückkommen , ich will dem Vater sagen ... doch , das geht Euch nichts an , und ich weiß es auch nicht mehr so recht . « - » O meine Ahnung ! « murmelte Diether durch die Zähne : » Strahlende Gewißheit bist Du geworden . Wallrade hat den wunden Fleck meines Hauses getroffen , Willhild zum Bekenntniß gebracht , den Bastard in meinem Geschlechte entlarvt . Ich müßte ihr danken , hätte sie nicht ähnliche Schande auf mein Haus gehäuft ! « Er sah bei diesen Worten das Kind auf seinen Armen finster an , und drang in Paul , endlich doch fortzufahren , und zu endigen . » Ich bin schon zu Ende : « versicherte der Bauer ! » Die Frau wurde gestohlen , und ich lief heim , ohne zu wissen , wo sie hingekommen . « Einer von den Teufelsburschen hat mich gejagt wie einen Hasen , und Willhild mich noch obendrein ausgescholten . Und da die Frau nicht widerkam in den nächsten Tagen , und keine Kunde von hier aus , so redete meine kluge Willhild zu mir : » Morgen , Paul , nimmst Du das Mägdlein im Korbe mit Dir , und trägst es zu Frau Margarethen , denn die Mutter , fürchte ich , ist dahin , und ich könnte nicht ruhig sterben , wenn das Kind nicht versorgt wäre . Sage der ehrsamen Frau , sie soll mir nicht böse seyn , allein ich mußte reden , um unser beider Seelenheil , und daß der alte Herr nicht ferner betrogen sey . « - » Hörst Du , alter Thor ? « fragte Diether knirschend in sich hinein : - Weiter , Paul ! - » Laß Dich aber nicht vom Herrn erwischen , « sagte das gute Weib ferner , fuhr Paul fort : » Es könnte mit diesem Kinde auch einen Hacken haben , wie mit dem Johannes , und zu viel Verdruß auf einmal muß man dem lieben Herrn nicht machen . « - » Schweig ! « herrschte Diether dem Erzähler zu , welcher erschrocken zusammenfuhr : » Aus Deinem Munde will ich nicht wissen , was noch zurück ist . Laß das Kind hier , und packe Dich , so lieb Dir Dein Leben ist , schnell aus der Stadt in die Heimath . Mit Dir , Du Tölpel , habe ich nichts zu schaffen . Aber Willhild soll kommen ; übermorgen soll sie hier seyn , oder es schwer bereuen . Hinweg ! « - » Na , na , lieber Freund , « sprach Paul begütigend : » ich will ' s wohl ausrichten , und die arme Willhild wird freilich kommen , wenn sie kann . Aber ... hier kratzte er sich wieder hinter den Ohren - es ist ein kitzlich Ding . « - » Wie so ? « fragte Diether strenge . - » Das arme Weib wird wohl gestorben seyn ; « versetzte Paul weinerlich : » der Pfaffe gab ihr , da ich heute früh aufbrach , nur zwei Stunden noch zu leben . « - » Verflucht ! « zürnte Diether dumpf , und setzte das Kind nieder . - » Wenn Ihr jedoch ein vertrauter Freund des Herrn wart , wie der ehrsamen Frau , « fuhr Paul fort , » so wollte ich Euch wohl ein Brieflein für denselben zustellen . « - » Das Bekenntniß meiner Schande ! « seufzte Diether für sich , und griff finster nach dem Zettel , den ihm der Bauer reichte . » Ein verkleideter Mann gab ihn mir , da ich Moorweiler verließ ; « setzte dieser hinzu : » Er mag wohl seine Ursachen haben , warum er ihn nicht selbst überbringt . « Diether öffnete bedächtig den Zettel , und las zu seiner Verwunderung ganz andre Worte , als er vermuthet hatte . Es standen darin folgende : » Wisset , Schöff und Rathsherr , Diether Frosch , daß ein Freund seine Ehre bewahrt will haben , und Euch verrathen , an welchem Ort sich befindet Eure Tochter Wallrade . So Ihr am Tage , da der nächste Vollmond eintritt zur elften Stunde der Nacht Euch wollt einfinden an dem Feld-und Bannsteine , das Sprünglin genannt , unfern von Bergen , und mitbringen wollt einen Sack mit vierhundert Mark löthigen Silbers , sollt Ihr Alles wissen und erfahren , wie Ihr wieder zu Eurer Tochter gelangen könnt . Kommt allein , sonder Gefährde , sonst sucht Euch der rothe Hahn daheim . Ich bin der Niemand . « - Mit finster gerunzelter Stirne sah Diether von dem Zettel zum Boten auf ; Letzterer hatte aber für gut gefunden , sich - einem Unwetter vorzubeugen - aus dem Staube zu machen . Diether rief seinen Leibdiener herbei . Der Mensch wollte jedoch nichts von dem Bauern gesehen haben . - » Eitel ! « sprach Diether unwirsch , da sein Auge wieder auf das Kind fiel , das still und furchtsam in der Ecke saß : » ist meiner Tochter Knecht noch nicht heimgekehrt von dem Streifzuge des Jungherrn ? « Der Diener verneinte . - » Liegt die Magd noch krank ? « fuhr der Hausherr fort . - Eitel berichtete , daß seit dem gestrigen Tage das Fieber nachgelassen habe , das von dem Schrecken des Überfalls erregt , die Dirne bisher außer Stand gesetzt hatte , außer dem Bette zu bleiben , und Antwort auf die ihr vorgelegten Fragen zu ertheilen . Diether befahl , die Zofe heraufzusenden . Überlegend ging er auf und nieder . » Soll ich denn von der Magd erfahren , was mein Blut jetzt schon sieden macht ? was mir jetzt schon klar wie der Tag ist ? « fragte er endlich : » Nein ! Diether , « - antwortete er entschlossen ; - » Nein , sey Du gerade , bleibe Du redlich , wenn Dich auch der hinterlistige Verrath umgibt . Schirme , so viel als möglich , die Ehre Deines Namens . « Er führte das Kind in die Kammer , und unmittelbar darauf trat die Zofe Wallradens , eine hübsche , etwas blasse Dirne zu ihm in ' s Gemach , gewärtig , seine Befehle zu empfangen . » Du bist eine feine Magd ; « begann Diether ernst : » Deine Gebieterin schmachtet in arger Haft , und Du denkst nicht einmal an das Kind , das sie hülflos zurückgelassen ? « » Ihr Kind ? « entgegnete die Dirne betroffen , und ihr Angesicht wurde bluthroth : » Ach , gestrenger Herr , Ihr wißt ... ? « - » Wie sollt ' ich nicht ? « fragte Diether mit scheinbarer Unbefangenheit entgegen , obgleich die Bestätigung von Paul ' s Bericht sein Herz durchschnitt : » Unverzeihlich ist es von Euch , zugegeben zu haben .... « - » Ach Herr , « seufzte das Mädchen ängstlich : » Vergebt uns . Der Diener muß gehorchen und schweigen , so die Herrschaft befiehlt . Und da es Gott so gut gemacht hatte mit dem Kleinen , ... in welchen Händen konnten wir das Kind lieber sehen .... ? « - » Als in Willhildens Hütte , bei der Sterbenden ? « unterbrach sie Diether rasch : » Unverzeihliches Beginnen der Mutter und der Pfleger ! und mir ein Geheimniß aus dem zu machen , was ich wußte , blieb das arme Kind verwahrlost zurück ? « - Die Magd wollte reden . - » Kein Wort , bei meinem Zorn ! « fuhr Diether auf : » Ich sehe hell und brauche Euer Deuteln nicht . Hier ist das Kind « - er führte das Mägdlein aus der Kammer .... » heute mag es noch bei Dir im Hause bleiben ; ich mache Dir ' s jedoch zur Pflicht , vor Niemand es sehen zu lassen ; vor meiner ... vor Frau Margarethen am allerwenigsten . - Wo die Mutter nicht gern gesehen ist , wird das Kind verachtet ; « schaltete er bitter ein , und endigte mit dem Versprechen , der Zofe und dem Töchterlein mit dem nächsten Tage eine Zuflucht anzuweisen , in welcher sie die Befreiung der Mutter zu verbleiben hätten . - Die Zofe schwieg gehorsam ; in ihren Augen war jedoch ein gewisses Staunen nicht wohl zu verkennen , da Diether ihr das Mägdlein hinreichte , das sich mit dem Schmeichelworte : » Ach , Du liebe Gundel ! Du bist da ? « an der Erröthenden Brust schmiegte . » Sieh da , Agnes , Du hier ? « entgegnete der Mund der Letztern endlich , und nachdem sie noch einige Fragen des Altbürgers , die er , geflissentlich den Aufenthalt im Wiesbad und die Geschichte des Kindes umgehend , über einige Umstände des Raubes auf der Heerstraße an sie richtete , beantwortet hatte , ging sie stille und demüthig mit der müden Agnes hinweg . Diether saß lange da , und konnte des Grollens in seiner verwundeten Brust nicht Herr werden . Der Groll wich endlich auf kurze Weile , und ein unsäglicher stummer Schmerz trat für ihn ein . Der Gedanke , von Weib und Sohn sich verrathen , von der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu sehn , preßte dem alten Manne dicke Tropfen der innersten Marter aus den Augen , und in solcher Niedergeschlagenheit fand ihn der Oberstrichter , welcher plötzlich in dem Gemache erschien . Der Eintritt desselben machte keinen unangenehmen Eindruck auf den Leidenden . In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geschäfte des Kriegs und des Friedens verbunden , hatten sich beide einander freundschaftlich genähert , ohne innige Freunde geworden zu seyn . Der Oberstrichter , dessen größter Fehler ein Jähzorn war , leicht zu wecken , schwer zu besänftigen , hatte keinen Grund gehabt , Diethern gehässig zu seyn , und dieses letztere Mißtrauen , von des höfelnden Schultheißen Bewerbungen um Margarethens Gunst aufgereizt , hatte den für Frauen nicht empfänglichen Oberstrichter unverwehrt dann und wann das Haus besuchen lassen . Sogar der verdrießliche Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Diether nicht von dem Richter entfernt , obschon der letztere unverholen auf des Schultheißen Seite gewesen . Gewohnheit hatte sie , die beide gegen Dagobert grollten , zusammen gehalten . Auch heute reichte Diether dem Gaste die Hand zur stummen Begrüßung . - » Gott walte im Hause ! « sprach der Oberstrichter : » Vergebt , Alter , daß ich einbreche wie ein Kundschafter . Von Eurer Wallrade ist noch keine Spur zu finden , und der Stadthauptmann in Verzweiflung , Euch nicht kräftiger dienen zu können . Die Aussagen des Knechts reichen nicht hin , und nicht die der Zofe , wie ich vernehme . Beide wissen nur , daß die Veste , in welche man sie geschleppt , weit von hier liegen muß , und aussieht wie ein jedes Schloß im Innern auszusehen pflegt . Man muß von der Zeit erwarten , was sich jetzo nicht fördern mag . Ein ander Geschäft bringt mich hieher . Ich suche Vollbrecht , Euers Sohnes Knecht . Sein ehemaliger Herr ist in den Handel des Juden verwickelt , und am Ende weiß der Knecht mehr davon , als wir alle . « - » Vollbrecht ist mit Dagobert auf die Streife gezogen , « erläuterte der Altbürger . - » Hm ! « brummte der Oberstrichter : » da werden wohl beide nimmer heimkehren . Euerm Sohne ist ' s schwerlich Ernst , die Schwester aufzusuchen , deren Gefängniß ihm bekannt genug seyn mag . Und das böse Gewissen wird schon das Übrige thun . Ich bedaure Euch , alter Freund , Ihr habt keine Freude an dem Erben Euers Namens , denn ... was den Johannes betrifft .... « - » Schweigt um ' s Himmelswillen ! « unterbrach ihn Diether : » Schmerz und Zorn zersprengen mein Herz . Nicht der leiseste Zweifel bleibt mir mehr . Dieß sey Euch genug . Mein lasterhaftes Weib ist aus meiner Liebe gestoßen , wie ich es schon aus meinen Armen stieß . « - » Und dennoch wollt Ihr nicht glauben , was die ganze Stadt glaubt ; « erinnerte der Oberstrichter : » das Laster geht riesengroß einher , sobald man es nicht im Wachsthum tödtet . Glaubt mir ; Ben David wollte Euch erwürgen ; Ben David wurde dafür von Margarethen gedungen . Schüttelt nicht das Haupt . Die Zeit trifft zusammen . Eitel , euer Knecht , glaubt in jenem Manne , der bei Nachtzeit aus dem Hause schlich , den mit Geld beladnen Juden entdeckt zu haben . Dagobert hatte dazumal schon den Freibrief von dem Papste erwirkt ; Dagobert sollte zurückkehren . Gatte und Vater war im Wege . « - » O daß ich es glauben muß ! « seufzte Diether trostlos : » aber , hörten meine Ohren nicht selbst , wie die Sünderin ihrem Buhler die Rettung des Juden so dringend empfahl ? Warum , wenn nicht .... ? « - » Hört ferner : « fuhr der Oberstrichter fort » In unserm Thurme liegt ein junger Bube , ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer ; ein Lehrling des Webergesellen Borames . Ein einzigmal ist der Bube in der Mörder Genossame gekommen , ohne , wie er schwört - einen einzigen derselben zu kennen , noch den Ort wieder bezeichnen zu können , an den er damals in einer Schneenacht geführt worden . In jenem Mordwinkel jedoch , behauptet er gehört zu haben , daß ein Ritter mit dem Juden einen Handel abgeschlossen , Euch aus der Welt zu schaffen ; um zehn Pfund Heller glaubt er , seyet Ihr verkauft worden . « - » O der Niederträchtigkeit ! « rief Diether empört : » und dieser Ritter .... ? « - » Dagobert oder Euer Schwager von Leuenberg ; « antwortete der Freund achselzuckend . - » Schändlich ! « jammerte der trostlose Vater : » Ich bin Preis gegeben dem abscheulichsten Meuchelmord , und weiß es nicht , in welcher Hand der Dolch mich bedroht . « - » Das Mittel , hell zu sehen , « fuhr der Oberstrichter fort , » wäre , der Anklage freien Lauf zu geben , die ich gegen Euer Weib verhängen will , und die das Geständniß des Juden bekräftigen muß . Die Wahrheit muß alsdann durch Gottes Fürsicht an den Tag kommen . « - » Nimmermehr ; « erklärte Diether mit schneller Fassung : » nicht also beschimpfe ich selbst mein Haus . Das Weib , das ich einst liebte , sollte ich der öffentlichen Schande Preis geben , einem schmählichen Tode überliefern ? Nein ! ich will nicht klagen , und verbiete Euch , es zu thun . Ich werde die Sünderin von mir entfernen , über als eine letzte