und auch im Tod ' , Im Himmel , so wie hier , Im Glück und in der Trennung Noth Gehör ' ich einzig Ihr . Fortsetzung von Auszügen aus Briefen Ernestos an Frau von Willnangen . » Ich fange an , recht tiefes Mitleid für diese Aurelia zu empfinden , die denn doch vielleicht etwas vorzügliches und glückliches hätte werden können , wäre ihr Gemüth minder verwarloset von Jugend an . Allein dieses Mitleid ist nicht jenes schöne , erwärmende Gefühl , mit dem ich Gabrielens gedenke , Schauder und Widerwillen mischen sich darein , und ich möchte auf immer von einem Wesen mich abwenden können , welches so ganz hoffnungslos in sich zerfallen ist , daß kein Gott und kein Sterblicher hier mehr rechten dauernden Trost gewähren kann . Mit kalter Brust , mit einem Herzen , das nie , weder Liebe noch Haß empfand , das von frühester Jugend an nur mit der unersättlichsten Eigenliebe erfüllt war , stand Aurelia stets in hoher Selbstzufriedenheit da , auf eine Tugend gestützt , die bei ihr , so wie sie einmal ist , kaum noch den Namen derselben verdient . Wer ihr nahte , huldigte ihrem Geiste , ihrer Schönheit , auch wohl oft nur dem Standpunkte , auf welchen das Schicksal und ihre in Eitelkeit versunkne Mutter sie gestellt hatten , und der Stolzen schien die Welt zu Füßen zu liegen . So sind bis jetzt die Jahre , eines nach dem andern , an ihr vorübergezogen , von ihr unbemerkt . Doch jetzt ist die Zeit des Erwachens endlich gekommen und das , woran sie früher in ihrem Leben nicht gedacht hatte , erfüllt sie mit ängstlichem Grausen vor einer Zukunft , der sie doch nicht auszuweichen vermag . Unter dem triumphirenden Lächeln , das sie noch immer beibehält , sehe ich deutlich ihre innere Herzensangst hervorblicken . Und wissen Sie , wem diese Angst gilt ? Dem dreißigsten Geburtstage , dem fürchterlichen , der als Schreckbild am Lebenspfade aller Frauen steht , die Aurelien gleichen . Er naht unaufhaltsam mit schnellen Schritten , dieser entsetzliche Tag , denn Aurelia zählt wenigstens volle vier Jahre mehr als unsre Gabriele , und sie beneidet ihr gewiß keinen der übrigen Vorzüge so ganz von Herzen als diesen flüchtigsten von allen . Im Grunde quält sie sich viel zu früh , denn nie war ihre äußre Erscheinung brillanter . Auch ist die Klippe , die sie scheut , eigentlich nur im gewöhnlichen bürgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefährlich , wo es Tanten und Basen giebt , die über alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data nachzuweisen wissen . In der Welt , in welcher Aurelia lebt , gleitet man über alles leichter hin ; man ist toleranter ; man gewinnt kaum Zeit , an sich selbst zu denken , geschweige an Andre , und jeden , der sich nur geschickt zu benehmen weiß , läßt man gern für das gelten , wofür er sich geben will . Geist , Witz , Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden über alles geschätzt , darum trifft auch die glänzendste Periode im Leben berühmter schöner Frauen der großen Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendblüthe zusammen , denn man muß gelebt haben , wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will , um es wie ein Kunstwerk behandeln zu können . Aurelia weiß dieses alles so gut und besser als ich , aber sie denkt nicht daran , oder achtet es für einen traurigen Trost . Sie ist noch immer von einer bewundernden Schar demüthiger Verehrer umgeben , über die sie nach Lust und Laune unumschränkt gebietet , aber sie fühlt dennoch ihren Thron unter sich wanken und ich sehe deutlich , wie das trübe Vorgefühl einer dunkeln , freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablässig quält und nagt . Mit ängstlicher Hast wirft sie sich nun auf alles , wovon sie noch in spätern Jahren Glanz und Bewunderung sich versprechen zu können glaubt , auf Musik , Literatur , Kunststudium ; sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben , weil diese Wissenschaften einmal zufälliger Weise Mode wurden . Ihr mangelt , wie Sie wissen , weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen möchte , aber sie ist unfähig , irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten . Ihre rastlose Natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar kaum , länger als einige Monate an dem nehmlichen Orte zu verweilen . Daß sie in manchen Stunden die Unzulänglichkeit eines so zerstückelten Strebens tief empfindet , vermehrt noch ihr Unglück auf jede Weise , denn dieses an sich peinigende Gefühl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr , und treibt sie zu seltsamen , ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen . Manche ihrer Anbeter , welche ihre wirklich zuweilen unwürdigen Mißhandlungen nicht ertragen mögen , ziehen sich allmählig zurück und dadurch wird das Uebel immer ärger . Sie muß mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue Eroberungen wieder zu ersetzen suchen , und sie treibt dieß mit einem Eifer , einer Ungeduld , die deutlich beweisen , wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale die Flüchtigkeit der Zeit geworden ist . Die arme Frau geräth dabei oft außer Athem und Tackt , obgleich nicht jedermann dieß gewahr wird . Daß mein glänzender Hippolit gleich auf ihre Liste kam , brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen . Bei seiner Jugend mußte sie ihn für einen vollkommnen Neuling in der Welt ansehen , und bei dem sichtbaren Eindrucke , den ihr erstes Erscheinen auf ihn machte , hielt sie seine Eroberung für ein leichtes Kinderspiel . Um so größer war ihr Erstaunen als sie alle ihre kleinen Künste an ihm abgleiten sah . Ich bin überzeugt , daß sie bis diese Stunde noch nicht weiß , wie sie eigentlich mit ihm daran ist , doch eben dieser Zweifel giebt ihm in ihren Augen ein erhöhtes seltnes Interesse . Ich sehe zuweilen mit wahrem Vergnügen dem kleinen Kriege zwischen beiden zu . Allen den haarfeinen Schlingen , die Aurelia mit unendlicher Klugheit und tiefer Berechnung ihm legt , weiß mein junger Held mit so unbefangnem Gesicht und so gewandt aus dem Wege zu gehen , daß es mir oft schwer wird , meinen innern Triumf darüber zu verbergen . Wenn ich ihn aber wiederum in den Assembléen hinter ihrem Sessel stehen sehe , wie er jede ihrer Bewegungen belauscht , jedes ihrer , nicht zu ihm gesprochnen Worte von ihren Lippen wegzuhaschen sucht , und dabei immer tiefer in sich selbst sich verliert , so daß zuletzt ausser Aurelien nichts mehr für ihn zu existiren scheint , dann werde ich wieder irre , auf Augenblicke wenigstens . Zwar weiß ich , Aureliens Zaubergewalt über Hippoliten liegt nur in einer nie zuvor von mir bemerkten Familienähnlichkeit mit Gabrielen , die sich erst später entwickelt haben muß , und über die er im Stande ist , Stundenlang in Extase zu gerathen , aber solche Aehnlichkeiten haben doch auch ihre Gefahren , und ich wollte , wir oder Aurelia hätten die Terrasse des Gartens Boboli nie gesehen . « » Wünschen Sie mir Glück , liebe Frau von Willnangen , ich athme freier ! Aurelia hat heute in aller Frühe Florenz verlassen , um die große , lange beabsichtigte Reise durch Sicilien nach Griechenland endlich anzutreten , und es scheint mir , als ob Hippolit das trügerische Schattenbild Gabrielens , das in der letzten Zeit ihn wohl öftrer betrübt als erfreut haben mag , nicht ungern endlich schwinden sah . Ein kleiner Mißgriff , zu welchem Aurelien ihre Unsicherheit in Hinsicht seiner wohl verleitet haben kann , ist wahrscheinlich die nächste Veranlassung dieses plötzlichen Aufbruches gewesen . Vermuthlich ward sie ungeduldig über seine anscheinende Blödigkeit , die ihn , wie sie meinte , verhinderte eine Bitte auszusprechen , welche sie ihm oft genug so nahe legte , daß ich kaum begreife wie er ihr ausweichen konnte , nehmlich die , sie auf der Reise nach Griechenland begleiten zu dürfen . Ihre Ungeduld brachte sie dahin ihm anzubieten , was sie freilich lieber seinen dringenden Bitten zögernd gewährt hätte , und nun stellen Sie sich das bittre Erstaunen vor , mit dem sie den so furchtsam gehaltenen Jüngling das Anerbieten von sich weisen sah , und zwar auf die feinste aber auch bestimmteste Weise ! Ich gestehe Ihnen , ich selbst muß dieses feste Entsagen bewundern , denn sowohl die Reise als die Reisegesellschaft können schwerlich reizender erdacht werden . Daß Aurelia nach der ersten bittren Sekunde , die sie benutzte , um sich von ihrem Erstaunen zu erholen , genug Fassung behielt , um aus dem ganzen Anerbieten einen gar nichts sagen wollenden Scherz zu machen , war ihr wohl zuzutrauen , doch scheint sie den Verdruß über Hippolitens Benehmen recht tief empfunden zu haben . Dieß schließe ich unter andern auch aus der Eile , mit der plötzlich alle so lange vernachlässigte Reiseanstalten betrieben wurden , und aus ihren wiederholten Versicherungen , daß sie die englische Familie , mit der sie schon längst diese Reise verabredet hatte , unmöglich länger auf sich warten lassen könne . In der That hatte sie diese , unter allerlei nichtigen Vorwänden , von einer Woche zur andern hingehalten , und ich mußte schon längst die Geduld der guten Leute im Stillen bewundern . Genug , die Wagen wurden gepackt und sie ist fort ! So fahre sie denn hin ! Recht glücklich - aber - wenn es seyn kann , auch recht weit und auf recht lange von uns und auch von meinem Ottokar , auf dessen Frieden ihre Gegenwart doch störender wirkt , als er es sich selbst vielleicht gestehen mag . Ist es aber nicht entsetzlich , daß dieses durch so viele seltne herrliche Gaben ausgezeichnete Wesen weder glücklich ist noch glücklich macht ? Wie weit steht Aurelia in dieser Hinsicht hinter ihrer Mutter , der Gräfin Rosenberg , zurück ! so weit , als diese wohl von jeher , selbst in ihren blühendsten Zeiten , in jeder andern Hinsicht hinter dem zurückgestanden haben mag , was Aurelia ist und war . Und doch ist die Mutter , selbst jetzt noch , schwerlich weniger gefallsüchtig und eitel als die Tochter , nur äußert sich diese ihre Gefallsucht auf andre Weise . Die Gräfin wollte von jeher nicht sowohl bewundert , als gesucht seyn , nicht sowohl blendend erscheinen als liebenswerth , und dieß giebt ihr bei allen ihren übrigen Schwächen einen Anstrich von Gutmüthigkeit , welche jedem wohlthut , der ihr nahen darf . Aurelien hingegen beten selbst ihre allerunterthänigsten Sklaven nur mit Furcht und Zittern an . Sie reizt , sie entzückt , aber wohl ist noch Keinem bei ihr geworden . Sie fahre hin . « » Wunderbar ! Dieses Zusammentreffen mit der gefährlichen Dame , das mir so viel Sorge ohne Noth machte , hat meinen Hippolit mir nur noch inniger verbunden , statt mir ihn zu entfremden . Ich glaubte , je länger ich darüber dachte , seine Verweigerung , Aureliens Einladung zu folgen , zum Theil auf meine eigne Rechnung setzen zu dürfen , denn ich war nicht ausdrücklich darin mit einbegriffen gewesen . Ich wollte ihm darüber etwas freundliches sagen , und da gesteht er mir mit der liebenswürdigsten Offenheit , daß ich gar keinen Antheil an dieser seiner Entsagung habe , daß ich sie ihm überhaupt viel zu hoch anrechne ; weil durch eine frühere Reise mit einer französischen Dame ihm jede ähnliche auf Lebenszeit verleidet sey . Mein Erstaunen über diese unerwartete Entdeckung brachte die Geschichte seines frühern Lebens zur Sprache . Guter Gott ! in welches Labirinth von Gefahren und Verirrungen haben Unbedacht , Eitelkeit , jugendlicher Uebermuth , den zu früh sich selbst Ueberlaßnen geführt ! Welch ein Glück , daß die Folgen einer frühern streng tugendhaften Erziehung seine , im Grunde doch sehr edle reine Natur , mitten in all der Verworrenheit bei Kräften erhielt , daß es nur einer hülfreichen Hand von außen bedurfte , um ihn aus dem Sumpfe von Thorheit zu erretten , an dessen Rande er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem Muthwillen herumgauckelte . « Daß Gabriele dieser rettende Engel gewesen sey , brauchte Hippolit seinem weltklugen Freunde nicht zu vertrauen , um ihn davon zu überzeugen . Auch schwiegen beide über diesen Punkt , aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte wortlose Verstehen , das einem wunden Gemüthe so wohl thut . Ernesto machte es sich von nun an zur heiligsten Pflicht , durch ernste Vorstellungen und anhaltendes Beschäftigen mit einem großen Gegenstande , den ihm mit jedem Tage werther gewordnen Jüngling dem muthlosen Schmerz , der trübsinnigen Verworrenheit zu entreißen , in die er nur zu oft noch versank . Der klassische Boden , den sie jetzt langsam durchzogen , bot ihnen Anlaß und Stoff zu geisterhebender Betrachtung einer kolossalen Vorwelt , und Ernesto benutzte alles , um seinen Liebling auf das gründlichste und vielseitigste auszubilden . Es währte nicht lange , so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen , von der Natur Hochbegünstigten , denen das Schwere leicht wird , denen das unerreichbar Scheinende von selbst zufällt , und die ohne Anstrengung , ja beinahe ohne Fleiß , alles Wissenswerthe nicht sowohl erlernen , als es sich aneignen mit Kraft und Geist . Dabei bemerkte er abermals mit großem Wohlgefallen , wie ihm Hippolits erste fast gelehrte Erziehung kräftig vorgearbeitet habe . Bei jedem Anlaß dazu entwickelte dieser Kenntnisse , von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine Ahnung gehabt haben mochte ; weil sie in ihm geschlummert , und nun , durch den Zufall geweckt , wie neu gewonnen ihm erschienen . So knüpfte jede mit einander verlebte Stunde beide fester an einander , und Ernestos Blick ruhte oft mit wahrhaft väterlichem Stolz auf dem geliebten Zögling , der ihn dafür , wie ein liebender Sohn , treu und innig verehrte . Moritz zog indessen von einem Bade in das andre , um seine neuerfundene Theorie des Spieles zu vervollkommnen , jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung Ansprüche zu machen ; eine Schonung , die sie ihm um so herzlicher verdankte , da sie dadurch zu der lange gewünschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels Zeit gewann . Der kleine Kreis , in dessen Mitte sie einst so schöne Tage verlebte , fand sich dort wieder ungetrennt beisammen , denn der General hatte Adelberten mit dem Anfange des Frühlings den Seinigen wieder gegeben . Alle empfingen Gabrielen , wie man ein lang vermißtes Glück empfängt , und das Leben ging im Aeußern wieder den lieben gewohnten Gang ; doch im Innern war es anders geworden . Adelbert und Auguste wandelten so still , mit so ängstlicher Schonung neben einander her , als wären sie von Todtkranken umgeben . Die Liebe war geblieben , aber das Vertrauen war entflohen , und eben weil es entflohen war , strebten sie sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen , um nur keinem geliebten Herzen wehe zu thun . Nur der von allen gleich verehrte Greis , der General Lichtenfels , trat mit gewohnter Sicherheit , fröhlich und nichts ahnend unter ihnen auf . Weil keine Klage laut ward , weil aller Blicke ihm lächelten , glaubte er jede Wunde geheilt . Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege Leben unter ihnen vermißte , so schob er dieses auf die zu große Einförmigkeit , in der sie so lange Zeit hingebracht hatten . Gastfrei , wie in glücklichern Tagen , suchte er diesem bald abzuhelfen ; er öffnete von neuem sein Haus ; Freunde und Bekannte strömten wieder herbei , und aufs neue wurde das frühere gesellige Treiben in Gang gebracht , das einst Augusten und Adelberten zusammenführte . Alles zeigte sich ihm heiter und fröhlich wie damals , und so glaubte er gern an ein Glück , das er so innig wünschte und so angelegentlich herbeizuführen sich bemühte . In stiller Wehmuth betrachtete indessen Gabriele das zerstörte Lebensglück ihrer Freunde ; obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglücklich nennen konnte . Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut , vielmehr suchte jedes von ihnen dem unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschäftiger Aemsigkeit zuvorzukommen . Mit ängstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort , jede Miene , die in ihrem Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten , als gedenke sie noch jener Verirrung , die er so schmerzlich bereute und so streng zu büssen im Begriff gewesen . Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schönsten ehelichen Verhältnisses . Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier ahnen , daß jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glücks , jenes Leben des einen in dem andern , den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sey . Sie liebten sich noch , aber wie Verstoßene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt sich lieben können . Das stille , ruhige , vertrauensvolle Gefühl war zu einer Art Leidenschaft umgewandelt , die in Momenten des glühendsten Aufwallens oft in der Tiefe ihres Gemüthes einem verbissenen Hassen glich . Trotz aller Anstrengung konnte Adelbert nie vergessen , daß Auguste ihm vergeben habe , so wie sie stets daran denken mußte , daß sie ihm etwas zu vergeben gehabt habe . Beide fühlten den Zwang , auf etwas achten zu müssen , was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war , auf ihr Benehmen gegen einander . Und so geschah es denn oft , daß sie mit ausbrechender Wehmuth sich von einander abwandten , wenn der Zufall sie ohne Zeugen einmal zusammen führte , und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten , welches ihnen ihre ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief . Frau von Willnangen sah anfangs tief bekümmert dem Verhältnisse ihrer Kinder zu , dessen trübe Seite ihr nicht entgehen konnte . Bald aber bewährte sich von neuem ihr glückliches Talent , stets das Beste zu hoffen ; sie gedachte ihrer eignen Ehe an der Seite eines über alles geliebten Gatten , dem sie mit Freuden ihr Leben weihte , und dadurch unendlich beglückt war , obgleich er ihre glühende Liebe nicht in eben dem Maaß zu erwidern vermochte . Ihre Fantasie spiegelte ihr in dem jetzigen Verhältnisse ihrer Auguste eine trügerische Aehnlichkeit mit dem eignen früheren vor , und so kam sie nach und nach zu der beruhigenden Ueberzeugung , daß Zeit und Liebe zu den , mit jedem Tage sich anmuthiger entwickelnden beiden Kindern alles bald wieder auf das Schönste ordnen und beruhigen werde . Sie versuchte es auch , Gabrielen ihren heitern Glauben an die Zukunft mitzutheilen , und diese ließ ihr gern den beruhigenden Irrthum , dem sie selbst sich hinzugeben nicht vermochte . Gabriele durchschaute zu klar die tiefe , nie wieder herzustellende Zerrüttung eines einst seltnen Verhältnisses , das , so wie die Dinge jetzt standen , sich höchstens nur noch zu etwas sehr Gewöhnlichem gestalten konnte , zu einer leidlichen Ehe , in der man aus Gewohnheit und um der Kinder willen einander gegenseitig erträgt . Ihr Herz blutete für Augusten , deren gegenwärtiges Loos ihr sogar trauriger als das eigne dünkte , weil der zur Armuth herabgesunkene Reiche weit beklagenswerther ist , als der in Dürftigkeit Geborne . Aber sie hütete sich eben so sehr , das Herz ihrer mütterlichen Freundin durch diese ihre eigne Ansicht zu verwunden , als sie jedes Gespräch mit Augusten sorgfältig vermied , das zu irgend einer Erklärung über diesen Gegenstand führen konnte . Gabriele wußte aus eigner Erfahrung , daß es Seiten im menschlichen Herzen und Verhältnisse im Leben giebt , welche selbst die zarteste innigste Freundschaft nicht mit einem Hauche zu berühren wagen darf . Den Schmerz um ihre Freunde abgerechnet , erfreute Gabriele sich indessen doch eines Zustandes , der mit den letzt vergangnen unruhvollen Jahren sehr angenehm kontrastirte . Augustens Kinder waren die Freude ihres Lebens , mit ihnen und in der stillen Beschäftigung mit sich selbst , welche ihr durch das zerstreute Leben in der Residenz so erschwert worden war , brachte sie die erste Hälfte des Tages in der ruhigen Einsamkeit ihres Zimmers zu . Der Abend wurde ihren Freunden geschenkt , besonders der Erheiterung des freundlichen Oheims , den sie , seit sie ihn näher kennen gelernt hatte , gleich einer liebenden Tochter verehrte . Die Verlängerung von Moritzens Reise , die sich auf unbestimmte Zeit über den Winter hinaus ausdehnte , erlaubte ihr , den Bitten ihrer Freunde nachzugeben und bis zu seiner Rückkehr bei ihnen zu verweilen . Sie that dieses um so lieber , da sie wohl einsah , wie erfreulich ihre Gegenwart den armen Verstörten , wenigstens momentan , den Schein vergangner Glückseligkeit zurückgab . Hippolits Tagebuch-ähnliche Briefe waren ihr jedesmal wie ein lieber Besuch , dem sie immer zur bestimmten Zeit mit froher Erwartung entgegen sah ; und auch wenn er nicht schrieb , gedachte sie seiner mit einer eignen Rührung . Nie konnte ihr dankbares Gemüth des hochherzigen Jünglings zarte Aufopferung vergessen , mit der er ertragen hatte , was seiner kühnen Natur das Unerträglichste seyn mußte , um nur sie nicht in ihrer Freundin zu betrüben . Für die wilde Leidenschaftlichkeit , der er sich bis zur höchsten Verblendung überlassen hatte , fand ihre nachsichtsvolle , alles gern ausgleichende Natur von jeher tausend Entschuldigungen und seine jetzigen Briefe bekräftigten diese . Aus jedem derselben leuchtete die höhere Entwickelung seines Geistes unter Ernestos Leitung hervor . Sie sah aus ihnen , wie der bis jetzt nur in seinen Gefühlen lebende Jüngling heranreifte zum festen edlen Manne , der mit hellem Blicke die Welt anschaut , und aufhört , sich und sein Herz für den Mittelpunkt derselben zu halten . Ihr selbst unbemerkt , regte sich dabei oft der Wunsch baldigen ruhigen Wiedersehens in ihrem Gemüth und ward allmählig zur süßen Sehnsucht , die ihrem Leben neuen Werth gab . Das Gefühl , dessen Bekenntniß Hippolits Entfernung veranlaßt hatte , schimmerte zwar noch fortwährend aus seinen Aeußerungen hervor , aber es glich einem goldnen Faden , der das ganze Gewebe seiner jetzigen Existenz zusammenhielt , und es schien , als sähe er es doch als seiner und ihrer unwürdig an , ihr länger nur von sich und seinen Empfindungen zu schreiben . Dabei waren seine Bemerkungen über Natur und Kunst , über Welt und Leben , von einer Tiefe und Originalität , über die sie oft in freudiges Erstaunen gerieth . Ernestos Briefe bestärkten von Zeit zu Zeit ihr frohes Hoffen von der Zukunft ihres jungen Freundes . » Sie sind noch immer die hohe Dame seiner Gedanken , an der er mit der tiefen Verehrung eines ächten Chevaliers der Tafelrunde hängt , « schrieb er ihr einst . » Leugnen Sie mir nicht ab , obgleich ich auch nicht fordre , daß Sie es mir gestehen sollen , daß ich Ihnen hiemit nichts neues verkünde . Machen Sie es wie er , geben Sie es mir schweigend zu . Weiß ich doch nicht , ob er mehr als ein solches schweigendes Geständniß auch gegen Sie jemals gewagt hat , obgleich ich es aus dem Stottern wohl schließen könnte , das ihn allemal befällt , wenn ich der nächsten Veranlassung seiner Reise nach Italien nachforschen will . Nicht minder aus einer gewissen reuigen Wehmuth , die ihn leicht bis zu Thränen bewegt , wenn er der letzten Tage gedenkt , die er in Schloß Aarheim verlebte . Dem sey wie ihm wolle , ich danke den Göttern , für ihn und mich , daß wir einander fanden . Was ich für ihn thue , ist alles und nichts ; das hohe Gelingen lohnt mir tausendfältig . Schön und traurig , wie ein Antinous , stand er vor mir bei unserm ersten Zusammentreffen , und erregte schon durch seine äußre Erscheinung das lebhafteste Interesse ; aber sein Festhalten an mir , da er mich erkannte , sein Ergeben in meinen Rath , in meine Leitung gewann bald bei dieser seiner rüstigen Jugendkraft , etwas so unaussprechlich Rührendes , daß ich mich seiner hätte annehmen müssen , und hätte es mich auch das höchste Opfer gekostet . Und so entstand denn eine Verbindung , die mir jetzt gegen das Ende meiner irdischen Laufbahn die höchste Freude gewährt . Denn was kann belohnender seyn , als der Anblick einer edlen kräftigen Natur , die aus geistiger und irdischer Verirrung mancherlei Art sich tapfer loswindet , und dabei das selige Bewußtseyn , ihr hülfreich und schützend zur Seite zu stehn . Sie , Gabriele ! mögen immer das schöne Gefühl mit mir theilen ; Sie haben mir kräftig vorgearbeitet , so kräftig , daß ich oft Sie zu sehen und zu hören glaube , wenn er recht aus dem Herzen spricht oder handelt . Und so ist es billig , daß auch Sie sich Ihres Werks erfreuen mögen . « Still und ruhig hatte Ottokar indessen seit mehreren Jahren in Rom gelebt , in selbsterwählter Zurückgezogenheit von öffentlichen Geschäften und Ehrenbezeugungen , nur mit sich , seinem Knaben , der Natur , der Kunst , und wenigen auserwählten Freunden . Tausend sehr ernste Erfahrungen hatten ihn endlich überzeugt , daß nur in der Kunst , entsagen zu können , der ächte Stein der Weisen verborgen liegt . An Aureliens marmor-glatter und kalter Natur waren alle seine Versuche fruchtlos abgeglitten , sie sich und dem ächten Genuß des Lebens zu gewinnen . So hatte er sie denn endlich aufgegeben , und begnügte sich damit , seine Gemahlin nach der von ihr selbst gewählten Weise das Glück suchen zu lassen , indem er ihr Geld und Freiheit gab , so viel sie bedurfte oder verlangte . Ersteres machte sein großes Vermögen und eigne Genügsamkeit ihm möglich , und daß Aurelia ihre unumschränkte Freiheit nie auf eine , seine Ehre verletzende Weise mißbrauchen könne , dafür bürgte ihm ihr Stolz auf die einzige Frauentugend , die sie eigentlich anerkannte , und zu deren strenger Richterin sie sich überall aufwarf . Der kleine Herrmann , Ottokars sehr anmuthig heranwachsender Knabe , gewährte ihm wenigstens einen Theil des häuslichen Glücks , nach dem er sich stets gesehnt und das er leider an Aureliens Seite nie hatte finden können . In der Freude über ihn , vergaß er gern alles , was die Welt sonst noch ihm versagt hatte . Er näherte sich jetzt dem Alter , in welchem die Stürme in der Brust , denen er früher mit Muth und Kraft entgegen kämpfen mußte , allmählig von selbst sich beschwichtigen . Seine Jugend lag hinter ihm , wie ein halb schöner , halb ängstlicher Traum , aus dem Gabrielens kurze Erscheinung gleich einem hellen Sterne hervorleuchtete . Er gedachte ihrer , wie einer himmlischen Gestalt , die auf irdischem Pfade ihm einst segnend vorüberschwebte und von höhern Sfären Kunde und Gewißheit verlieh . Von ihrem fernen Leben auf Erden seit jener Stunde wußte er nur wenig . Ernesto hatte immer vermieden , ihm genaueren Bericht davon zu geben ; er wollte gern dem ohnehin auf mancherlei Weise Verletzten unnütze Schmerzen ersparen , und konnte es schweigend nur , da er ihm so wenig Erfreuliches zu melden hatte . Ottokar wußte nur daß Gabriele vermählt sey , daß sie mit diesem Schritte ihrem Vater und ihrer Pflicht ein schweres Opfer freudig und willig gebracht . Dieß war ja einst sein eignes Loos auch gewesen , und nach der ihn dafür beseligenden Ruhe seines eignen Bewußtseyns mußte er auch sie für beglückt halten . Freilich vergaß er dabei der Verschiedenheit des Verhältnisses , welches den Frauen das als eine sehr schwere drückende Last aufbürdet , was das freie glücklichere Loos der Männer diesen auf tausendfache Weise erleichtert . So fand ihn Ernesto als er gegen Weihnachten mit seinem jungen Freunde in Rom anlangte . Denn die Reise nach Sicilien war aus mehreren bewegenden Gründen einstweilen aufgegeben . Bis jetzt hatte Ernesto sich von innerem Bangen immer abhalten lassen , Hippoliten mit Ottokar bekannt zu machen . Von diesem Gefühle geleitet , hatte er sogar die Reise nach Rom so weit hinausgeschoben und Ottokars nur immer in sehr allgemeinen Redensarten gedacht . Eigentlich fürchtete er , daß Gabrielens Name , zur Unzeit genannt , bei Beiden Gefühle und Erinnerungen aufregen , ja vielleicht Scenen herbeiführen könne , die wenigstens ihrer mühsam errungenen Ruhe neue Gefahr brächten . Doch jetzt mußte er sich endlich entschließen , den Schritt zu wagen , den er nicht länger schicklicher Weise zu vermeiden wußte . Er führte beide einander zu , und hoffte dabei , weil er es wünschte , daß jeder von ihnen das heiligste Geheimniß seiner Brust wohl zu bewahren wissen werde . Hippolit fühlte sich gleich in den ersten Minuten ihres Beisammenseyns von Ottokars Erscheinung mächtig ergriffen . Kein sterbliches Wesen , selbst Gabriele nicht , hatte sein Herz mit so unaussprechlicher Ergebung , mit so ganz rücksichtsloser reiner Neigung beim ersten Anblick erfüllt , als der schöne , ernste und dabei so unsäglich milde Mann , aus dessen hell leuchtendem Auge jugendliche Kraft und Wärme sprach , während er , ausgerüstet mit aller Würde und allen Vorzügen des reifern Alters vor ihm stand . Auch Ottokar ward von Hippolits liebenswürdigem und bescheidnem Wesen angezogen , dieser kam ihm , wie ein jüngerer Bruder vor , zu dessen vollendeter Bildung mitzuwirken , er mit der lebendigsten Theilnahme sich verpflichtet fühlte . Und so erbot er sich , mit Ernesto sein steter Begleiter zu allen jenen Wundern der Vorwelt zu werden , welche keine feindliche Macht dem heiligen Boden entführen konnte , der eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch sie treu aufbewahrte und aufbewahren wird . Innigst erfreut über Hippolits reges und richtiges Gefühl , schwelgte er an seiner Seite im frohen Nachempfinden jener Tage , in denen er selbst zuerst dieß klassische Land betrat . Dafür theilte Hippolit Ottokars Freude an dem kleinen Herrmann , der sich sehr schnell