diesem seltsamen Wahnsinn erfaßt , fiel ich aus einer Torheit in die andere , und selbst mein Freund Ponto fand für nötig , sich , nachdem er mich ernstlich vor den heillosen Mystifikationen gewarnt , in die man mich überall zu verstricken suchte , von mir zurückzuziehen . Wer weiß , was noch aus mir geworden wäre , wenn nicht ein guter Stern über mich gewaltet ! - Dieser gute Stern ließ es nämlich geschehen , daß ich einst am späten Abend zur schönen Badine hinschlich , nur um die geliebte Minona zu sehen . Ich fand indessen alle Türen verschlossen , und alles Warten , alles Hoffen , bei irgendeiner Gelegenheit hineinzuschlüpfen , blieb ganz vergebens . Das Herz voll Liebe und Sehnsucht , wollte ich der Holden wenigstens meine Nähe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zärtlichsten spanischen Weisen , die jemals empfunden und gedichtet worden sind . Es muß gar lamentabel anzuhören gewesen sein ! Ich hörte Badine bellen , auch Minonas süße Stimme knurrte etwas dazwischen . Ehe ich aber mir ' s versah , wurde das Fenster rasch geöffnet und ein ganzer Eimer eiskaltes Wasser über mich ausgeleert . Man kann denken , mit welcher Schnelle ich abfuhr in meine Heimat . Die volle Glut im Innern und Eiswasser auf den Pelz harmoniert aber so schlecht miteinander , daß unmöglich jemals Gutes und wenigstens ein Fieber daraus entstehen kann . So ging es mir . Im Hause meines Meisters angekommen , schüttelte mich der Fieberfrost tüchtig . Der Meister mochte aus der Blässe meines Antlitzes , aus dem erloschenen Feuer meiner Augen , aus der brennenden Glut der Stirne , an meinem unregelmäßigen Puls meine Krankheit ahnen . Er gab mir warme Milch , die ich da mir die Zunge am Gaumen klebte vor Durst , eifrig verzehrte ; dann wickelte ich mich ein in die Decke meines Lagers und gab ganz der Krankheit nach , die mich erfaßt . Erst verfiel ich in allerlei Fieberphantasien von vornehmer Kultur , Windspielen u.s.w. , nachher wurde mein Schlaf ruhiger und endlich so tief , daß ich ohne Übertreibung glauben muß , ich habe drei Tage und drei Nächte hintereinander fort geschlafen . Als ich endlich erwachte , fühlte ich mich frei und leicht , ich war von meinem Fieber und - wie wundervoll ! auch von meiner törichten Liebe ganz genesen ! Ganz klar wurde mir die Narrheit , zu der mich der Pudel Ponto verleitet , ich sah ein , wie albern es war , mich als einen gebornen Kater unter Hunde zu mischen , die mich verhöhnten , weil sie nicht meinen Geist zu erkennen vermochten , und die sich bei der Bedeutungslosigkeit ihres Wesens an die Form halten mußten , mir also nichts darbieten konnten als eine Schale ohne Kern . - Die Liebe zur Kunst und Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Stärke , und meines Meisters Häuslichkeit zog mich mehr an als jemals . Die reiferen Monate des Mannes kamen , und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant , fühlte ich lebhaft , daß man beides nicht sein dürfe , um sich gerade so zu gestalten , wie es die tieferen und bessern Ansprüche des Lebens erfordern . Mein Meister mußte verreisen und fand es für gut , mich auf die Zeit seinem Freunde , dem Kapellmeister Johannes Kreisler , in die Kost zu geben . Da mit dieser Veränderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines Lebens anfängt , so schließe ich die jetzige , aus der du , o Katerjüngling ! so manche gute Lehre für deine Zukunft entnommen haben wirst . - ( Mak . Bl . ) - - als schlügen entfernte dumpfe Töne an sein Ohr , und er höre die Mönche durch die Gänge schreiten . Als Kreisler sich völlig aus dem Schlaf emporraffte , gewahrte er denn auch aus seinem Fenster , daß die Kirche erleuchtet , und vernahm den murmelnden Gesang des Chors . Die Mitternachtshora war vorüber , es mußte daher irgend etwas Ungewöhnliches sich ereignet haben , und Kreisler durfte mit Recht vermuten , daß vielleicht ein schneller unvermuteter Tod einen der alten Mönche dahingerafft , den man jetzt der Klostersitte gemäß in die Kirche getragen . Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab sich nach der Kirche . - Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius , der laut gähnend und ganz schlaftrunken hin und her wankte , keines festen Schrittes mächtig , und die angezündete Kerze , statt aufrecht , abwärts zu Boden hielt , daß das Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte , das Licht zu verlöschen . » Hochehrwürdiger Herr , « stammelte Hilarius , als Kreisler ihn anrief , » hochehrwürdiger Herr Abt , das ist gegen alle bisherige Ordnung . Exequien in der Nacht ! - zu dieser Stunde - Und bloß weil Bruder Cyprianus darauf besteht ! - Domine - libera nos de hoc monacho ! « - - Es gelang endlich dem Kapellmeister , den halbträumenden Hilarius zu überzeugen , daß er nicht der Abt , sondern Kreisler sei , und nun erfuhr er von ihm mit Mühe , daß man in der Nacht , von woher , wisse er nicht , den Leichnam eines Fremden nach dem Kloster gebracht , den Bruder Cyprianus allein zu kennen schiene , und der kein gemeiner Mann gewesen sein müßte , da sich der Abt auf Cyprianus ' dringendes Gesuch dazu verstanden , die Exequien auf der Stelle zu halten , damit morgen nach der ersten Hora die Exportation erfolgen könne . Kreisler folgte dem Pater in die Kirche , die , nur sparsam beleuchtet , einen seltsamen schauerlichen Anblick gewährte . Man hatte nur die Kerzen des großen metallenen Kronleuchters , der vor dem Hochaltar von der hohen Decke herabhing , angezündet , so daß der flackernde Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte , in die Seitengänge aber nur geheimnisvolle Streiflichter warf , in denen die Statuen der Heiligen , zum gespenstischen Leben erwacht , sich zu bewegen und daherzuschreiten schienen . Unter dem Kronleuchter in der hellsten Beleuchtung stand der offne Sarg , in dem der Leichnam lag , und die Mönche , die ihn umringten , schienen , bleich und regungslos , selbst Tote , in der Geisterstunde den Gräbern entstiegen . Mit dumpfer heiserer Stimme sangen sie die eintönigen Strophen des Requiems , und wenn sie dazwischen schwiegen , vernahm man nur von außen her das ahnungsvolle Rauschen des Nachtwindes , und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam , als klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus , in dem sie die fromme Totenklage vernahmen . Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mönche und erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor . - Da regten sich die finstern Geister , die so oft Macht hatten über ihn , und griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust . - » Neckender Spuk , « sprach er zu sich selbst , » treibst du mich her , damit jener erstarrte Jüngling bluten soll , weil man sagt , daß der Leichnam blute , wenn der Mörder sich nahe ? - Hoho ! weiß ich denn nicht , daß er all sein Blut wegbluten mußte in den schlimmen Tagen , als er seine Sünden abbüßte auf dem Siechbette ? - Er hat keinen bösen Tropfen mehr übrig , mit dem er seinen Mörder vergiften könnte , käme er ihm auch in die Nähe , den Johannes Kreisler aber am wenigsten , denn der hat mit der Natter nichts zu schaffen , die er zu Boden trat , als sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde ! - Schlage die Augen auf , Toter , damit ich dir fest ins Antlitz blicke , damit du gewahrst , daß die Sünde keinen Teil hat an mir ! - aber du vermagst es nicht ! - Wer hieß dich das Leben einsetzen gegen das Leben ? Warum spieltest du trügerisches Spiel mit dem Morde und warst nicht gefaßt , es zu verlieren ? - Aber deine Züge sind sanft und gut , du stiller blasser Jüngling , der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sünde weggelöscht von deinem schönen Antlitz , und ich könnte sagen , der Himmel hätte dir sein Gnadentor geöffnet , weil die Liebe in deiner Brust gewesen , wenn sich das jetzt ziemte . - Doch wie ! - wenn ich mich in dir geirrt ? - Wenn nicht du , kein böser Dämon , nein , wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben , um mich dem entsetzlichsten Verhängnis zu entreißen , das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert ? - Nun magst du die Augen aufschlagen , blasser Jüngling , nun magst du mit einem Blick der Versöhnung alles , alles entdecken , und sollt ' ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst , daß der schwarze Schatten , der hinter mir schleicht , mich nun gleich erfassen wird . - Ja ! schaue mich an , - doch ! nein , nein , du könntest mich anblicken wie Leonhard Ettlinger , ich könnte glauben , du seist er selbst , und da müßtest du mit mir hinab in die Tiefe , aus der ich oft seine hohle Geisterstimme vernehme . - Doch wie , du lächelst ? - deine Wangen , deine Lippen färben sich ? Trifft dich nicht die Waffe des Todes ? - Nein , nicht noch einmal will ich mit dir ringen , aber - « Kreisler , der während dieses Selbstgesprächs unbewußt auf einem Knie gelegen , beide Ellbogen auf das andere gestützt und die Hände unter das Knie gestemmt hatte , fuhr hastig auf und würde gewiß Seltsames , Wildes begonnen haben ; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche , und die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das » Salve regina « . Der Sarg wurde verschlossen , und die Mönche schritten feierlich von dannen . - Da ließen die finstern Geister ab von dem armen Johannes , und ganz aufgelöst in Wehmut und Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Mönchen . Eben wollte er hinausschreiten zur Türe , als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn losschritt . Die Mönche standen still , und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen großen stämmigen Burschen , der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte . Sein Antlitz , nichts weniger als häßlich zu nennen , trug den Ausdruck des wildesten Trotzes ; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf , das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Blöße , und ebensolche Schifferhosen gingen nur bis an die bloßen Waden , so daß der herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar . » Du Verdammter , wer hieß dich meinen Bruder ermorden ? « So schrie der Bursche wild auf , daß es in der Kirche widerhallte , sprang wie ein Tiger auf Kreisler los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der Kehle . Doch ehe Kreisler , ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff , an Gegenwehr denken konnte , stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker gebietender Stimme : » Giuseppo , verruchter sündhafter Mensch ! was machst du hier ? Wo hast du die Altmutter gelassen ? - Packe dich augenblicklich fort ! - Hochehrwürdiger Herr Abt , laßt die Klosterknechte herbeirufen , sie sollen den mörderischen Buben zum Kloster hinauswerfen ! « Der Bursche hatte , sowie Cyprianus vor ihm stand , sogleich von Kreisler abgelassen . » Nun , nun , « rief er mürrisch , » macht nur nicht gleich ein solches tolles Wesen davon , wenn man sein Recht behaupten will , Herr Heiliger ! - Ich gehe ja schon von selbst , Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich loshetzen . « - Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte , die man zu verschließen vergessen , und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche geschlichen hatte . Die Klosterknechte kamen , man fand aber keinen Anlaß , den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen . Es lag in Kreislers Natur , daß gerade die Spannung des Außerordentlichen , des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte , sobald er den Sturm des Augenblicks , der ihn zu vernichten drohte , siegreich bekämpft . So geschah es , daß dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen mußte , mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschütternden Eindruck sprach , den unter solchen seltsamen Umständen der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht , der ihn ermorden wollen , und den er in gerechter Notwehr erschlagen . » Weder , « sprach der Abt , » weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch , lieber Johannes , irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sündhaften Menschen beimessen . Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer innern Stimme verwinden können , die Euch sagt , es sei besser gewesen , selbst zu fallen als den Gegner zu töten , und dies beweiset , daß der ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefälliger ist als seine Erhaltung , kann diese nur durch eine rasche blutige Tat geschehen . - Doch laßt uns zurzeit davon abbrechen , da ich anderes , Näherliegendes mit Euch zu reden . Welcher sterbliche Mensch ermißt , wie der kommende Augenblick die Gestaltung der Dinge ändern kann . - Nicht lange ist es her , als ich fest überzeugt war , daß dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein könne , als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten . - Ich bin jetzt anderer Meinung und würde Euch raten , so lieb und wert Ihr mir auch geworden , die Abtei recht bald zu verlassen . - Werdet nicht irre an mir , lieber Johannes ! Fragt mich nicht , warum ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern , der alles umzustoßen droht , was ich mit Mühe geschaffen , mich unterwerfe . - Tief müßtet ihr in die Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein , um mich zu verstehen , wollt ' ich auch mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden . - Doch freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern . Vernehmt also , daß in kurzer Zeit der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohltätige Ruhe gewähren wie bisher , ja , daß Euer innerstes Streben einen tödlichen Stoß erhalten und das Kloster Euch ein öder , trostloser Kerker dünken wird . Die ganze Klosterordnung ändert sich , die mit frommer Sitte vereinbare Freiheit hört auf , und der finstre Geist fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen Mauern . - O mein Johannes , Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr unsern Geist erheben zur höchsten Andacht , der Chor wird abgeschafft , und bald hört man nichts als die eintönigen Responsorien , von den ältesten Brüdern mühsam gelallt mit heiserer unreiner Stimme . « - » Und , « fragte Kreisler , » und alles dieses geschieht auf Anlaß des fremden Mönchs Cyprianus ? « » Es ist , « erwiderte der Abt beinahe wehmütig , indem er die Augen niederschlug , » es ist dem so , guter Johannes , und daß es nicht anders sein kann , daran bin ich nicht schuld . - Doch , « setzte der Abt nach kurzem Stillschweigen mit erhöhter feierlicher Stimme hinzu , » doch alles , wodurch der feste Bau , der Glanz der Kirche befördert werden kann , muß geschehen , und kein Opfer ist zu groß ! « - » Wer ist , « sprach Kreisler unmutig , » wer ist denn der hohe mächtige Heilige , der über Euch gebietet , der imstande war , durch das bloße Wort mir jenen mörderischen Burschen vom Leibe zu schaffen ? « » Ihr seid , « erwiderte der Abt , » Ihr seid , lieber Johannes , in ein Geheimnis verflochten , ohne es zurzeit ganz zu kennen . Doch bald erfahrt ihr mehr , vielleicht mehr , als ich selbst davon weiß , und zwar durch den Meister Abraham . - Cyprianus , den wir noch jetzt unsern Bruder nennen , ist einer der Erkornen . Er wurde gewürdigt , mit den ewigen Mächten des Himmels in unmittelbare Berührung zu treten , und wir müssen schon jetzt in ihm den Heiligen verehren . - Was jenen verwogenen Burschen betrifft , der sich während der Exequien in die Kirche geschlichen hatte und Euch mörderisch anpackte , so ist er ein verlaufener , halb wahnsinniger Zigeunerbube , den unser Vogt schon einige Mal hat derb auspeitschen lassen , weil er den Leuten im Dorfe die fetten Hühner aus den Ställen gestohlen . Um den zu vertreiben , bedurfte es eben nicht eines besondern Mirakels . « - Indem der Abt die letzten Worte sprach , zuckte ein leises ironisches Lächeln in den Mundwinkeln und verschwand ebenso schnell . Kreisler erfüllte der tiefste bitterste Unmut ; er sah ein , daß der Abt bei allen Vorzügen seines Geistes , seines Verstandes lügnerische Gaukelei trieb , und daß alle Gründe , die er damals anführte , um ihn zum Eintritt ins Kloster zu bewegen , ebenso nur einer versteckten Absicht zum Vorwand dienen sollten als diejenigen , die er nun für das Gegenteil aufstellte . - Kreisler beschloß , die Abtei zu verlassen und sich aller bedrohlichen Geheimnisse , die ihn bei längerem Bleiben noch verstricken konnten in ein Gewebe , dem nicht mehr zu entrinnen , völlig zu entschlagen . Als er aber nun gedachte , wie er ja gleich zurückkehren könne nach Sieghartshof zum Meister Abraham , wie er sie ja wiedersehen , wieder hören könne , sie , seinen einzigen Gedanken , da fühlte er in der Brust jene süße Beklemmung , in der sich die glühendste Liebessehnsucht kundtut . - Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab , als ihn der Pater Hilarius ereilte und sogleich begann : » Ihr wart beim Abt , Kreisler , er sagte Euch alles ! - Nun , hatte ich recht ? - Wir sind alle verloren ! - Dieser geistliche Komödiant - es ist heraus , das Wort , wir sind unter uns ! - Als er - Ihr wißt , wen ich meine - in der Kutte nach Rom kam , ließ ihn die päpstliche Heiligkeit sogleich zur Audienz . Er fiel nieder auf die Knie und küßte den Pantoffel . Ohne einen Wink aufzustehen , ließ ihn aber die päpstliche Heiligkeit eine ganze Stunde lang liegen . Das sei deine erste kirchliche Strafe , fuhr die Heiligkeit ihn an , als er sich endlich erheben durfte , und hielt nun eine lange Predigt über die sündlichen Irrtümer , in die Cyprianus verfallen . - Nachher erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen Gemächern und zog denn aus ! - Es hat lange keinen Heiligen gegeben ! - Das Mirakel - nun , Ihr habt das Bild gesehen , Kreisler - das Mirakel , sage ich , hat erst in Rom seine wahre Gestalt erhalten . - Ich bin nichts als ein ehrlicher Benediktiner-Mönch , ein tüchtiger praefectus chori , wie Ihr mir einräumen werdet , und trinke der alleinseligmachenden Kirche zu Ehren gern ein Gläschen Nierensteiner oder Bocksbeutel , aber ! - Mein Trost ist , daß er nicht lange hier bleiben wird . - Herumziehen muß er . Monachus in claustro non valet ova duo : sed quando est extra , bene valet triginta . - Er wird denn auch wohl Wunder tun - Seht , Kreisler , seht , da kommt er den Gang herauf - Er hat uns erblickt und weiß , wie er sich gebärden muß . « - Kreisler erblickte den Mönch Cyprianus , der langsam feierlichen Schrittes , den stieren Blick zum Himmel gerichtet , die Hände gefaltet , wie in einer frommen Ekstase begriffen , den Laubgang hinaufkam . Hilarius entfernte sich schnell , Kreisler blieb aber verloren in den Anblick des Mönchs , der in seinem Antlitz , in seinem Wesen etwas Seltsames , Fremdartiges trug , das ihn unter allen übrigen Menschen auszuzeichnen schien . Ein großes ungewöhnliches Verhängnis läßt lesbare Spuren zurück , und so mocht ' es auch sein , daß ein wunderbares Geschick des Mönchs äußere Erscheinung gestaltet hatte , wie sie sich nun eben zeigte . Der Mönch wollte vorüberschreiten , ohne in seiner Verzückung Kreislern zu bemerken , der fühlte sich aber aufgelegt , dem strengen Abgesandten des Oberhaupts der Kirche , dem feindlichen Verfolger der herrlichsten Kunst in den Weg zu treten . Er tat es mit den Worten : » Erlaubt , ehrwürdiger Herr , daß ich Euch meinen Dank abstatte . Ihr befreitet mich durch Euer kräftiges Wort zur rechten Zeit aus den Händen des groben Lümmels von Zigeunerbuben , er hätte mich erwürgt wie ein gestohlnes Huhn ! « - Der Mönch schien aus einem Traume zu erwachen , er fuhr mit der Hand über die Stirne und blickte Kreislern lange starr an , als müsse er sich auf ihn besinnen . Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren durchbohrenden Ernst , und , Flammen des Zorns in den Augen , rief er mit starker Stimme : » Verwegener frevelhafter Mensch , Ihr hättet verdient , daß ich Euch hinfahren ließ in Euern Sünden ! Seid Ihr nicht der , der den heiligen Kultus der Kirche , die vornehmste Stütze der Religion , profaniert durch weltlichen Klingklang ? Seid Ihr es nicht , der hier durch eitle Kunststücke die frömmsten Gemüter betörte , daß sie sich abwandten von dem Heiligen und weltlicher Luft frönten in üppigen Liedern ? « Kreisler fühlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwürfe ebenso verletzt als erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mönchs , der mit so leichten Waffen zu bekämpfen . » Ist es , « sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mönch fest ins Auge blickend , » ist es sündhaft , die ewige Macht zu preisen in der Sprache , die sie uns selbst gab , damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brünstigsten Andacht , ja die Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke , ist es sündhaft , sich auf den Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen über alles Irdische und in frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben nach dem Höchsten , so habt Ihr recht , ehrwürdiger Herr , so bin ich ein arger Sünder . Erlaubt aber , daß ich der entgegengesetzten Meinung bin und fest glaube , daß dem Kultus der Kirche die wahrhafte Glorie der heiligsten Begeisterung fehlen würde , wenn der Gesang schweigen sollte . « » So flehet , « erwiderte der Mönch strenge und kalt , » so flehet zur heiligen Jungfrau , daß sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen Irrtum erkennen lassen möge . « » Ein Komponist6 « , sprach Kreisler sanft lächelnd , » wurde von jemanden gefragt , wie er es denn anfange , daß seine geistlichen Kompositionen durchaus andächtige Begeisterung atmeten . Wenn es , erwiderte darauf der fromme kindliche Meister , mit dem Komponieren nicht so recht fort will , so bete ich , im Zimmer auf und ab gehend , einige Ave , und dann kommen mir die Ideen wieder . Derselbe Meister sagte von einem andern großen geistlichen Werk7 : Erst als ich zur Hälfte in meiner Komposition vorgerückt war , merkte ich , daß sie geraten wäre ; ich war auch nie so fromm als während der Zeit , da ich daran arbeitete ; täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott , daß er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möge . - Mich will bedünken , ehrwürdiger Herr , als wenn weder dieser Meister noch der alte Palestrina sich um Sündhaftes bemüht , und daß nur ein in asketischer Verstocktheit erkaltetes Herz nicht zu der höchsten Frömmigkeit des Gesanges entflammt werden kann . « » Menschlein , « fuhr der Mönch zornig auf , » wer bist du denn , daß ich mit dir , der du dich hinwerfen müßtest in den Staub , rechten soll ? - Fort aus der Abtei , damit du nicht länger das Heilige verstörst ! « - Tief empört über des Mönchs gebieterischen Ton , rief Kreisler heftig : » Und wer bist du denn , wahnsinniger Mönch , daß du dich erheben willst über alles , was menschlich ? - Bist du frei geboren von der Sünde ? - Hast du nie über Gedanken der Hölle gebrütet ? Bist du nie ausgewichen auf dem schlüpfrigen Pfad , den du wandeltest ? Und wenn die heilige Jungfrau dich wirklich gnadenvoll dem Tode entriß , den du vielleicht irgendeiner grauenvollen Tat verdanktest , so geschah es , daß du , in Demut deine Sünde erkennen und sie büßen , nicht aber mit freveliger Prahlerei dich der Gnade des Himmels , ja der heiligen Krone rühmen solltest , die du niemals erwerben wirst . « Der Mönch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben sprühenden Blicken , indem er unverständliche Worte lallte . » Und , « fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt , » und , stolzer Mönch , als du noch diesen Rock trugst - « Damit hielt Kreisler das Bild , das er vom Meister Abraham erhalten , dem Mönch vor Augen ; doch sowie dieser es erblickte , schlug er sich wie in wilder Verzweiflung mit beiden Fäusten vor die Stirn und stieß einen herzzermalmenden Schmerzenslaut aus , als träfe ihn ein Todesstreich - » Fort mit dir , « rief nun Kreisler , » fort mit dir aus der Abtei , du verbrecherischer Mönch ! - Hoho , mein Heiliger , wenn du vielleicht auf den Hühnerdieb stößest , mit dem du in Gemeinschaft , so sage ihm , du könntest und wolltest ein andermal mich nicht wieder schützen , doch solle er sich in acht nehmen und von meiner Kehle wegbleiben , sonst würde ich ihn spießen wie eine Lerche oder wie seinen Bruder , denn aufs Spießen - « Kreisler entsetzte sich in diesem Augenblick vor sich selber ; der Mönch stand vor ihm starr , regungslos , noch immer beide Fäuste vor die Stirn gedrückt , keines Wortes , keines Lautes mächtig , es war Kreislern , als rausche es im nahen Gebüsch , als werde gleich der wilde Giuseppo auf ihn losstürzen . Er rannte von dannen ; die Mönche sangen eben im Chor die Abendhora , und Kreisler begab sich in die Kirche , weil er hoffte , dort sein tief aufgeregtes , tief verletztes Gemüt zu beruhigen . Die Hora war geendet , die Mönche verließen den Chor , die Lichter verlöschten . Kreislers Sinn hatte sich zu den alten frommen Meistern gewendet , deren er in dem Streit mit dem Mönch Cyprianus gedacht . - Musik - fromme Musik war aufgegangen in ihm , Julia hatte gesungen , und nicht mehr brauste der Sturm in seinem Innern . Er wollte fort durch eine Seitenkapelle , deren Türe in den langen Gang ging , welcher zu einer Treppe und hinauf in sein Zimmer führte . Als Kreisler in die Kapelle trat , erhob sich ein Mönch mühsam vom Boden , auf dem er ausgestreckt vor dem wundertätigen Marienbilde gelegen hatte , das dort aufgestellt war . In dem Schein der ewigen Lampe erkannte Kreisler den Mönch Cyprianus , aber matt und elend schien er eben aus einer Ohnmacht zu sich selbst gekommen . Kreisler leistete ihm hilfreiche Hand ; da sprach der Mönch mit leiser wimmernder Stimme : » Ich erkenne Euch - Ihr seid Kreisler ! Habt Barmherzigkeit , verlaßt mich nicht , helft mir zu jenen Stufen , ich will mich dort niederlassen , aber setzt Euch zu mir , dicht zu mir , nur die Gebenedeite darf uns hören . - übt Mitleiden , « fuhr nun der Mönch fort , als beide auf den Stufen des Altars saßen , » übt Mitleiden , Gnade , vertraut mir , ob Ihr nicht das verhängnisvolle Bildnis von dem alten Severino erhieltet , ob Ihr um alles , um das ganze furchtbare Geheimnis wisset ? « Frei und offen versicherte Kreisler , daß er das Bildnis vom Meister Abraham Liscov erhalten , und erzählte ohne Scheu alles , was sich in Sieghartshof begeben , und wie er nur aus mancherlei Kombinationen auf irgendeine Greueltat schließe , deren lebhafte Erinnerung sowie die Furcht des Verrats das Bildnis wecke . Der Mönch , der bei einigen Momenten in Kreislers Erzählung tief erschüttert geschienen , schwieg jetzt einige Augenblicke . Dann begann er ermutigt mit festerer Stimme : » Ihr wißt zuviel , Kreisler , um nicht alles erfahren zu müssen . Vernehmt , Kreisler , jener Prinz Hektor , der Euch auf den Tod verfolgte , es ist mein jüngerer Bruder . Wir sind Söhne eines fürstlichen Vaters , dessen Thron ich geerbt haben würde , hätte ihn nicht der Sturm der Zeit umgeworfen . Wir nahmen , da eben der Krieg ausgebrochen , beide Dienste , und der Dienst war es , der zuerst mich und dann auch meinen Bruder nach Neapel brachte . - Ich hatte mich damals aller bösen Lust der Welt hingegeben , und vorzüglich die wilde Leidenschaft zu den Weibern riß mich ganz und gar hin . Eine Tänzerin , ebenso schön als verrucht , war meine Geliebte , und überdem lief ich den liederlichen Dirnen nach , wo ich sie fand . So geschah es , daß ich eines Tages , als es schon zu dunkeln begann , auf dem Molo ein paar Geschöpfe dieser Art verfolgte . Beinahe hatte ich sie erreicht , als dicht neben mir eine Stimme gellend rief : Was