ihrer gewohnten Beschäftigungen aussetzte . Die Obristin haßte das Schulehalten , das Bessern , ihr war alles so ganz recht , wie es in der Welt gegangen und wie es geht ; keine Lustbarkeit war ihr burlesk genug , immer fügte sie noch etwas als höchste Spitze hinzu , und ihr kleidete manches , was einer jüngeren Frau nicht verziehen worden wäre . » Was sind das für junge Leute « , rief sie kurz nach ihrem Eintritte , » das lacht nicht , das springt nicht , das tanzt nicht ; als ich in eurem Alter war , ritt ich noch die Treppengeländer herunter . « Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des Spottes , weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen und jetzt in manchen fremden Gedanken über ihren Mann vertieft , manches überhörte , wenigstens zu keiner Ausführung brachte . Sie hetzte alle ihre Kinder gegen sie auf , daß sie ihr keinen Augenblick Ruhe ließen , und wollte sich dann über die Not der guten Mutter , allen helfen zu wollen , halb krank lachen . Die Fürstin merkte bald ihre Laune , und obgleich viel betrübter in sich , hatte sie doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft über sich gewonnen so etwas mit dem heißen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken ; sie entzückte die Obristin , die sie Mutter nannte , indem sie ihren Willen immer vollständig ausführte . Da wurden alle die alten Pfänderspiele durchgespielt , welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte ; ihre Hauptfreude war ein großes Küssen zu veranlassen ; bald mußte einer in den Brunnen fallen , bald unzählige Sterne zählen . Zu solchem Sternzählen brachte sie auch nicht ohne Absicht , um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergötzen , den Grafen und die Fürstin zusammen ; aber sie dachte nicht , welche Flammen und welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Fürstin damit entzündete ; noch nicht zufrieden mit diesem Spaße , brachte sie auch den Schreiber mit der Fürstin zusammen , indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen . Der arme Junge wurde so rot von diesen Küssen , daß ihn die Obristin den ganzen Abend damit neckte , er sei in seine Herrschaft verliebt ; er hatte sich auf seiner Reise wirklich sehr verschönert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus . Bis in die Nacht mußte gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von einigen zusammennähen lassen , und frühmorgens war sie sicher schon zuerst auf und erweckte alle die Schläfer mit irgend einem Schrecknisse . Sie hatte in sich ganz unverändert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt , die sonst die deutschen Schlösser durchtobte , die sich alles erlaubte und alles vergab , und ein fröhliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog , die jetzt meist als Erzähler oder Vorleser die eigentümliche Tätigkeit der andern einschlafen lassen . Sie hatte eine gewisse Härte in ihrer Art zu reden , war aber gegen alle Leidende sehr hülfreich ; wo sich andre aus Ekel wegwendeten , da stand sie mit Klugheit und Ergebung bei ; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit ihres alten Mannes , aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich ; ihm schrieb sie alle Tage in Knittelversen , was vorgegangen , und machte so eine Art lächerliche Zeitung , wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu liefern . Die Geschichte des Pfänderspiels schloß sie mit den Worten : Die Frau Fürstin und der Herr Graf Zählten die Sterne bis es zutraf , Die Frau Fürstin fand ' s immer noch nicht richtig , Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig , Es schien ihr das Zählen gar sehr zu gefallen , Da ließ ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen , Gar viele , viele Ellen tief , Daß er gar erbärmlich rief ; Sie mußte mühsam hinaus ihn ziehen , Daß beiden von der Arbeit die Backen recht glühen . Seit diesem Sternenzählen kränkelte die Fürstin ; ihre wachsende Neigung zum Grafen und seine Unverständigkeit , die nicht zu erraten , kränkten sie tief . Die Obristin schrieb dies Übelbefinden dem sitzenden Leben zu , und ermahnte sie eine Fußreise nach dem Ätna zu machen ; der Graf könne sie begleiten , während sie noch ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetöchtern zubringen wolle ; sie wisse nicht , ob sie je wieder bei ihnen sein werde , da ihr Alter ihre Munterkeit mit überlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen könne . Der Graf ergriff diesen Vorschlag mit Lust , die Fürstin war bereit ; und so zog er mit ihr und dem Schreiber am nächsten Morgen aus . Wer kennt Siziliens Reize nicht , alle Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschöpfen sich in Lob : es ist der Lustgarten Europens , dessen vereinte Säfte darin zu den wunderbarsten Bäumen und Blumen treiben , der von Szylla und Charybdis gegen äußere Feinde bewacht , nur in seinem Innern einen jetzt fast beschwichtigten , einst aber furchtbar tobenden und zerstörenden Feind , den Ätna trägt , der unzähligmal die friedlichen Ölbäume mit seinen Feuerströmen bedeckt hat , während der Schnee in den Klüften seines Wipfels die Bewohner gegen die heiße Sonne kühlt . Abwechselnd zeigt die Insel die Spuren der ungeheueren Bevölkerung früherer Zeit : die großen Stadtmauern laufen durch öde Feldmarken , in den Überresten eines Theaters liegt zu weilen der ganze Rest einer Stadt , der es ehemals zum vorübergehenden Vergnügen erbaut war ; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstörung , daß er die Kühnheit eines Volkes bewundert , das sich mitten darin anzubauen wagt , und während der Arbeit , die so oft vergebens gewesen , wie bei einem Spiele alles absingt , was andre Völker träge , langsam und verdrossen sprechen . Die Sitten , die Gewohnheiten , die Beschränkungen der andern Welt erscheinen da , wo alles nach schnellem Genusse strebt , fast lächerlich , und so fühlte heimlich auch die Fürstin den Zwang , der sie von dem Grafen trennte , als ein junger Pater ihr in einem Kloster erzählte , wie leichtsinnig solche Übertretungen der Treue da abgebeichtet und für das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben würden . Der Graf und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen Nachforschungen über einige alte Inschriften in dem Kloster beschäftigt , aus denen die Fürstin , die sich wieder ins Freie sehnte , sie nur mit Mühe herausriß . Sie machten diese Reise in kleinen Tagemärschen zu Fuß ; ihre Diener blieben in bestimmter Entfernung von ihnen , um nur im Notfalle ihnen nützlich zu werden ; in jedem Wirtshause , wo sie aber verweilen wollten , war alles Bequeme und Erquickende im Überfluß voraus angeordnet ; der Graf hatte sich in einen Zauberer verwandelt , der auf jeden Wink der Fürstin einen gedeckten Tisch , ein Ruhebett herbeischaffen konnte . Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit einander bekannt , als jahrelanger Umgang , es ist deswegen die Gewohnheit der Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz einsam mit einander zu fahren , um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnügen auch alle die störenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen , die sich sonst wohl verbergen und späterhin zu ungelegener Zeit hervortreten . Wie oft bedauerte die Fürstin , daß sie den Schreiber mitgenommen ; es lag ihr in den wenigen Tagen ein langes Leben , überall behinderte er ihre Äußerungen , daß sie dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde . Sie schlief ungeachtet der Ermüdung wenig und nie sehr fest ; die Träume hielten immer noch einen Laden auf , wo das Weltlicht störend in die alles vergessende Dunkelheit einblickte ; besonders früh war sie an dem Morgen auf , wo sie auf den ersten Anhöhen des Ätna geschlafen hatten . Es schauderte ihr , als sie den fröhlich bebauten Bergrücken verließen , um durch ein Aschenmeer zu dringen , über welchem die Raubvögel wild seufzten ; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit bei ihrem Alter , das schon manches Haar ihr grau gefärbt hatte , darin zu erkennen und hinter sich in dem fröhlichen Grafen das reichbebaute Land ; sie blieb lange stille . Einige Wolken lagerten sich um sie her ; es wurde kalt , aber ihre Neigung glühte mit dem Fieber , das in ihr begann ; sie ließ sich fast von dem Grafen tragen , so lehnte sie sich an ihn . Zufällig und sehr natürlich erzählte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis , als er mit großer Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den » Bekenntnissen « des heiligen Augustinus mit überraschender Rührung die Worte aufgeschlagen habe : » Die Menschen gehen hin , die Höhen der Berge , die Wellen des Meeres , die gewaltigen Ströme , den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern , und verlassen sich selbst . « - Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die Fürstin ; sie wollte sich nicht verlassen , so schwor sie in sich und doch konnte sie nicht vom Grafen lassen , der Kopf ging ihr herum . Sie war so erschöpft , als sie durch die Schneegegend in die Nähe des Kraters kamen , daß sie einige Stärkungsmittel nehmen mußte ; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven abzuschlagen , drängte sie sich mit vieler Kühnheit immer weiter vor , durch die schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden , bei den rauchenden Schornsteinen vorbei , nach dem Krater . Der Graf rief ihr zu , sie möchte sich doch in acht nehmen , und sprang ihr nach , sie aber fragte ihn heftig vorschreitend : » Sind Sie mein Freund , mein bester Freund ? « - Der Graf begriff sie nicht ; er glaubte , das starke Getränk habe sie in der dünnen Luft berauscht , sprang ganz zu ihr hin , hielt sie heftig und sagte bestürzt : » Und Sie glauben nicht an mich ? « - Die Fürstin suchte sich loszureißen und flehete : » Lassen Sie mich , mit der Überzeugung , einziger Freund , will ich unten bei den erschlagenen Himmelsstürmern Ruhe suchen . « - In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich herabzustürzen , aber der Graf hielt sie kräftig und gefaßt , trug sie fort und sagte : » Gut , daß ich dabei war , das ist ganz die Art des Schwindels , wie ich gehört habe , aus Furcht vor dem Fallen stürzen sich die Schwindelnden meist hinab . « - Die Fürstin ließ sich jetzt ruhig hinunterführen ; es war nur eine Anwandlung in ihr gewesen , diese Sterbelust , die sich wieder ganz in Zärtlichkeiten gegen den Grafen auflöste , der sie davon errettet , ausströmend in stillen Blicken zu ihm . Sie kamen spät und sehr ermüdet nach einem Wirtshause am Fuße des Berges , wo alles auf sie wartete ; der Schreiber war ganz verschlossen , der Graf noch immer verwundert , die Fürstin fing an leichtsinnig beredter zu werden , seit dem gefährlichen Ereignisse , über das sie spottete . So verging das Abendessen , wobei sehr stark getrunken wurde , denn der Wein war vortrefflich und allesamt sehr durstig geworden ; alle glühten von der scharfen Luft , die sie durchstrichen hatten . Der Schreiber verließ zuerst die Gesellschaft , um nicht durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken . Bald stand auch die Fürstin auf ; sie wankte von Müdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie bis vor ihr Schlafzimmer . Im Vorbeigehen sagte der Wirt : » Hier Herr Graf ist Ihr Zimmer . « - Die Fürstin drückte dem Grafen die Hand zum Nachtgruße , er drückte ihre Hand freundlich wieder , sie sang : » Nein dieses Tages Feuer nimmer , o nimmer vergeht ! « Der Graf fiel ein : » Nein , dieser Töne Feier nimmer , o nimmer verweht . « So schieden sie . Der Graf ging in sein Zimmer , fand aber , daß sich der Schreiber aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei ; ohne Verdruß machte er die Türe leise zu , und nahm dessen schlechteres Zimmer und Bett ein ; es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend . Die Fürstin befand sich von der Anstrengung , von dem Wachen , von der Gemütsbewegung in einem fieberhaften Zustande ; sie legte sich mit dem Vorsatze ins Bett , alles zu verschlafen , aber sie konnte es nicht aushalten , es quälte sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe , was der Graf jetzt von dem Vorfalle denken möchte . Sie mußte dem Grafen alles erklären ; sie schlich in sein Zimmer , das ihr vom Wirte bezeichnet war . In der Dunkelheit konnte sie es nicht bemerken , daß sie ihn verfehlt hatte ; der , den sie traf , beschwichtigte so bald ihren Mund , sie fühlte sich so ganz beglückt und sie ließ ihr Bild in einer goldnen Fassung dem Freunde zurück , daß er seines Traumes Gewißheit erkenne . Am andern Morgen war sie sehr heiter , sie empfing den Grafen so vertraulich , daß dieser meinte , alles ängstlich Gezwungene , was ihn in den letzten Tagen an ihr geängstet , sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen . Der Schreiber , der sonst immer zuerst von allen wach war , und im Hause anordnete , kam diesmal später zum Vorschein und entschuldigte sich damit , daß er vor den Wanzen nicht ruhig habe schlafen können ; der Graf vermied es ihm seine Zimmerwechselung vorzuhalten , um ihn nicht noch mehr zu beschämen , da er schon jetzt wegen der Verspätung sehr verlegen erschien . Die Rückreise wurde nach dem Wunsche der Fürstin sehr eilfertig im Wagen gemacht ; der ausgezeichnete Punkt der Ätna , der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte , war nun erstiegen , sie hatte ihr Ziel erreicht . Befremdend war es ihr , während dieser Rückreise den Grafen ganz unverändert in jedem Blicke , in jedem Worte wie den Tag vorher zu finden , während sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh erloschen zeigte ; ununterbrochen war er beschäftigt , alles zu ordnen , was er seiner Frau an mancherlei Merkwürdigkeiten zusammengesucht hatte . Der Graf und die Fürstin wurden auf dem Schlosse mit vielen Küssen empfangen ; die Obristin war schon verreist , hatte aber noch ein Blatt Knittelverse für die Reisenden zurückgelassen . Merkwürdig ist es , daß weder jetzt noch früher die Herzogin irgend etwas von der Leidenschaft der Fürstin bemerkte ; teils war sie zuviel beschäftigt , teils zu unbekannt mit den verschiedenen Äußerungen der Liebe . Dem Blicke der Gräfin war diese Leidenschaft der Fürstin für ihren Mann nicht entgangen , aber ihr Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar ; sie glaubte es eine notwendige Buße für ihre frühere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu dürfen ; was er auch tun mochte , sie war nicht berechtigt ihm Vorwürfe zu machen . Mit hoher Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual , als sie beide der Versuchung einer Reise sich so unbesorgt aussetzen sah ; sie verschwieg es , als sie den Äußerungen der Fürstin zu entahnden meinte , daß sie mit ihrem Manne in enger Vertraulichkeit lebe . Gebet war ihr Trost ; sie mochte nicht beichten , was ihrem Manne nachteilig , und damit ihr Beten nicht auffallend sein könnte den alles bemerkenden Kindern , so gewöhnte sie sich ein stilles Gebet an , das keinem hörbar , keinem sichtbar , durch die gewöhnlichen Beschäftigungen nicht gestört wurde , wobei sie sich nur zuweilen vertiefte , als habe sie geschlafen . Während dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu hören , der sie ängstlich gerufen ; sie ging verwundert nach dem Vorsaale , woher der Ton zu kommen schien , und sah eins ihrer Kinder , die kleine Magdalena , die sich über ein Treppengeländer übergelehnt hatte , und im Herabstürzen zu sein schien . Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mühe , und von diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht , daß Gott sie nicht verlasse , daß ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde . Doch erschütterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemüt . Bei einer Meerfahrt , die der Graf zu Ehren der Fürstin auf purpurnen Böten , mit Musik besetzt , von vergoldeten Rudern getrieben , an einem sonnigen stillen Tage veranstaltet hatte , wo sich jedes in Erzählungen vergangener Geschichten ausließ , zeigte der Graf der Fürstin den Ring der Apostel , in deren Mitte Christus , den Dolores noch immer an ihrem Finger trug . Die Fürstin erbat ihn sich ; Dolores verwunderte sich , daß er diesmal von ihrem Finger ließ , da er sonst nur sehr schwer abzustreifen war . Die Fürstin glaubte in dem Ringe einen besondern Talisman für die Treue des Grafen zu erkennen ; sie wünschte ihn vernichtet und gleich begünstigte ein Zufall ihren Wunsch : ein paar Kinder traten lebhaft nach einer Seite , das Boot schwankte , die Fürstin schrie auf , und der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer . Die Gräfin war untröstlich , aber der Graf , der den Unfall nicht minder tief empfand , hatte mehr Gewalt über sich ; er wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwürfe kränken ; er bat seine Frau sehr zärtlich , dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen , da ihnen so viel größere übrig blieben . Diese scheinbare Gleichgültigkeit deutete Dolores auf ein Erkalten seiner Liebe , so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang ihrer glücklichen Ehe ; aber in stiller Buße sagte sie davon kein Wort , nur mit heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden , das durch ein zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu lösen war . O der späten unausbleiblichen Strafe aller Schuld ! Diese Fahrt , welche ein paar Tage dauerte , war mitten in der höchsten Lust , durch eine Verbindung aller Naturschönheit mit dem glücklichsten Himmel und seinen günstigsten Winden und schönsten Festen , voll trauriger Zeichen für die besorgte Dolores . - Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta ; die Fürstin , der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen , und erhoben plötzlich ein verabredetes Getöse , welches die Tauben aus ihren Nestern aufschreckte , die in einer dichten leichten Wolke über ihnen schwebten ; jetzt wurde Feuer unter sie gegeben , und es stürzten eine Menge tot und verwundet herab ; die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser , und die Jagd wiederholte sich . Die Gräfin konnte kein Vergnügen stören ; sie sah wie lebhaft die Jäger auf jeden Schuß sich freuten , aber immer rief es in ihr , was wird aus den Jungen im Neste ; sie schwieg aber und sah ins klare Wasser , das durch die eigentümliche Beleuchtung der Höhle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen ließ , als wäre es zu einer hellen Luft geworden , in der die Barke schwebte ; da sah sie die wandernden Züge der geselligen kleinen Fische , ihr blitzschnelles Drehen , das drehende Fortbewegen der Seesterne , der Medusen sternartiges , formloses Nichts ; wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen , halb in Moosen versteckt , größere Krabben trugen die kleineren mütterlich auf ihren Armen in Sicherheit , wenn zuweilen Delphinen an die Oberfläche rauschten . Aus dieser fremden Welt , die für das Schrecken der umgebenden entschädigen wollte , drangen plötzlich Sirenen hervor , schöne schwimmende Mädchen , die gar anmutig eine Einladung absangen : Auf der Erde ist es schwül , In den Wassern ist es kühl , Sonne , Mond und alle Sterne Stürzen sich hinein so gerne , Denn im Wasser wird ' s so klar , Wie ' s auf Erden traurig war . Ruhig schlaft ihr bei uns ein In der Wasser grünem Schein , Höret keine Kinder schrein , Fühlet keine Liebespein , Liebet ohne Eifersucht , Findet alles , was ihr sucht . Was verloren in dem Meer , Stehet da im Haus umher , Alter Zeiten Schätz und Kunst Brauchet ihr durch unsre Gunst , Jeder Sturm bringt neue Gäst Zu dem ew ' gen Freudenfest . Wenn wir tanzen in dem Kreis , Wirbelt sich die Welle weiß , Wenn wir unten lustig sind , Stürmet über uns der Wind , Stürmt in unsrer Haare Glanz , Und das kühlet in dem Tanz . Diese Fischermädchen , denn das waren diese Sirenen , hatte der wunderliche Prinz von Palagonien abgerichtet , gleichwie er sein ganzes Ländchen zu den abenteuerlichsten Effekten anordnete , die aber meist alle eine so gereizte Stimmung forderten , wie sie Dolores in diesen Tagen hegte , um nicht ihre ganze Wirkung zu verfehlen . - Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern beschimpft und bekriegt worden , dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht aufs Land , die mit den Schwimmgürteln und Federkleidern eben so lächerlich als beschwerlich ausfiel . Unsre Reisenden fügten sich aber ganz ernsthaft in diese Launen des wunderlichen Prinzen , sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet , sie wollten sein abenteuerliches Schloß beschauen ; und taten gegen die Sirenen , als wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurück zögen . Dieser Landungsplatz gehörte schon zum Garten des Prinzen , sie sahen niemand bereit sie zu führen , aber aus einigen Bäumen , die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren , so daß die krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand , befahl ihnen eine Göttin , den Weg nach dem Schlosse einzuschlagen . Das Schloß dieses Prinzen ist allzu bekannt , um es weitläuftiger zu beschreiben , es hat unermeßliche Summen gekostet , um alles hervorzubringen , was gegen den Geschmack , gegen die Bequemlichkeit , gegen jede Art Kunstsinn verstößt . Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten Krümmung , kein Fenster dem andern gleich ; die schiefe Türe , die von der Mitte des Hauses wenig absteht , ist von den ekelhaftesten , in Marmor gehauenen Schimären umgeben ; erst da bemerkt man , daß die ganze Mauer mit solchen Unwesen ordnungslos überzogen ist . Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den schönen heiligen Bildern großer Meister , womit der Fußboden belegt ist , wogegen die Wände mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen ; alle Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stücken sehr beschwerlich zusammengelötet , und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen , Muscheln , Ordensbänder und Dokumente mit großen Wappen bedeckt ; die prächtigen Stühle haben alle nur zwei Beine , und die Tische liegen alle umgekehrt . Das kostbare , aber in seiner Vermischung ganz ungenießbare Frühstück , war in einem künstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet , der freilich nie den Pferden eingeräumt worden ; die herrlichsten Majolikagefäße als Krippen , die künstlichen Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schlosse aus . Hier ließen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder , wenn sie gleich von den Speisen nichts anrühren mochten ; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken , alle unterhielten sich über die Veranlassung , eine Grille , die einen andern Menschen auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können , mit solchem Aufwande über sein ganzes Leben auszubreiten . Die Fürstin glaubte , er hätte sich durch diese Wunderlichkeiten auszeichnen wollen ; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer Menschen vielleicht nicht gelungen ; es gehe ihm nicht ärger als gar manchem Dichter , manchem Fürsten . Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu entdecken ; er glaubte , daß ein Mensch allmählich in solcher heimlichen Lust alles Ekelhafte sich zu denken , weil es niemand in seiner Äußerung leiden würde , zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne ; » wunderten wir uns doch oft « , sagte er , » über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen ganz Ungleichartigen , die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast erschrecken , aber keiner läßt sich träumen , welche geistige Zwischenglieder sie ganz natürlich verbinden ; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken und nichts muß heiliger gehalten werden ; manche Sünder erscheinen da schuldlos gegen die scheinbar guten und frommen Seelen , so entzieht ihnen auch der Heilige Geist ihre Kunstgaben nicht , während jene in sich aussterben und verarmen . « - Diese Äußerung des Grafen , ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden , zog die Gräfin sich zu Gemüte ; sie glaubte die Fürstin , deren frühere Verbindung mit ihrem Vater und anderen sie kannte , als jene öffentliche Sünderin zu erkennen , und sich in der heimlichen wieder zu finden ; wie sie durch ihre Kinder von aller Äußerung ehemaliger Kunstanlage abgehalten , wie jene ihren ganzen Stolz in die Ausbildung ihres Talents gesetzt , das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung mit den Äußerungen des Grafen über die Austeilung des Heiligen Geistes ; sie wollte ihre Tränen zurückhalten , aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung an sich , in ihrem Innern zusammengepreßt , störte den ruhigen Zusammenhang des Äußeren mit dem Inneren ; sie sank in einer Ohnmacht nieder . Der Graf schrieb es der ungewohnten Fahrt zu , und trug sie in den Garten . Erst nach einer Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes , unter seinen Küssen und Tränen , die kühlend auf ihre Schläfe gefallen ; die Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche . Sie wußte nicht wie ihr geschehen , es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste , noch einmal so selig , denn der Graf war ihr so viel teurer ; es schien ihr dasselbe und ein andres Leben , alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem wunderlichen Schlosse beschworen . Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin auf die Rückfahrt ; den Kindern tat es sehr leid , sie erzählten ohne Aufhören von dem Schlosse ; die Reise endete heitrer und traulicher , als das Ereignis mit dem Ringe erwarten ließ . Wer vermag es Ahndungen zu deuten ? Am Abende nach ihrer Rückkehr , wo in Gegenwart eines Mönchs aus dem nahen Franziskanerkloster , von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und verschieden gemutmaßt wurde , erregte er mit der Versicherung alle Rätsel lösen zu wollen , die allgemeine Aufmerksamkeit . » Habt ihr nie « , sagte er , » von dem alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehört ? Peter von Stauffenberg war der letzte und schönste seines Geschlechts im deutschen Lande , von ihm stammen die Prinzen von Palagonien . « Die Fürstin fiel hier ein und erinnerte , daß freilich der echte männliche Stamm aus gültiger Ehe entsprossen , in Deutschland erloschen sei ; daß aber eine Tochter Sigelindens , die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie geboren sei , also wahrscheinlich ein Kind , das er von einer Meerfahrt mitgebracht , die Stammutter ihres Hauses wäre . - Der Mönch meinte , sie würde in Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen ; die Fürstin aber versicherte , daß sie genug blödsinnige Vettern in ihrem Hause besäße , und der Mönch fuhr in seiner Geschichte fort : » Sie werden vielleicht nicht wissen , hohe Fürstin , wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran zweifeln , was die allgemeine Sage von diesem schönen Stauffenberge erzählt , der in aller Welt herum reiste , seine Schönheit und sein Geschick und ritterliche Tugend zu zeigen ; ich will seine Geschichte ganz kurz erzählen . Kein Mann konnte ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen , den Frauen war er eben so gefährlich , aber allen ihren Blicken , Sendungen und Verführungen blieb er verschlossen , als hätte die Natur alle seine Lust zum Schrecken , zur Gewalt aufgezehrt , daß der Liebe nichts geblieben . Als sich aber einst die Tochter des Kaisers Otto , Helena mit Namen , bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte , der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie öffentlich ausschlug , da mußte er bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen , was ihn im ehelosen Stande halte . Der Ritter von Stauffenberg bekannte , daß er mit einer schönen Meerfeie seit Jahren verheiratet sei , deren Name Nixe , nachher allgemein für die Geister der Wasser gebraucht worden ; ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet , den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben , als sie ihm Liebe und Schutz gegen alle Fährlichkeit seines Lebens zugesagt hätte . Wann er es wünsche und er allein sei , erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das erstemal , herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren ; sie wäre dann gefällig seinem Willen als einer ehelichen Frau gezieme und habe ihm ein Mädchen Sigelinde geboren ; in allem öffentlichen Verkehre und was er denke und dichte , erscheine sie dagegen nie , aber sie flüstere ihm oft , wo er in Not sei , guten Ratschlag ein , und habe ihm erst den Morgen zugerufen , sich stumm zu stellen , was er aber aus Ritterpflicht unterlassen . Die Geistlichkeit erklärte die Meerfeie für einen Teufel , dem der Ritter entsagen müsse nach seiner ritterlichen Ehre , und der Kaiser schwor , daß er zum offenen Zeugnisse dieser Entsagung seine schöne Tochter Helena , die aus Liebe zu ihm sterbe , sogleich heiraten müsse . Der Ritter versicherte , daß die Meerfeie ihm heilig zugeschworen , er müsse nach dreien Tagen hinsterben , nachdem er die Treue zu ihr gebrochen ; aber die Ritter riefen einmütig , daß solche Furcht vor dem Teufel keinem Ritter gezieme , der Leib