ihn - vernichtet kann ich wohl sagen , und doch in manchen Augenblicken ganz muthvoll , Alles zu wagen , wenn nur die Riegel seines Gefängnisses gesprengt würden . Ich entdeckte ihm den Plan , den ich entworfen hatte . Er schauderte , es brauchte lange , bis die Ansicht , die Größe , die Gemeinnützigkeit jener Entwürfe , die seit zwei Jahren das leuchtende Ziel aller unserer Bestrebungen und Anstrengungen waren , aber seine Liebe zu mir und die Freundschaft siegte . Er ergriff meinen Mantel , hüllte sich ein , schloß mich mit dumpfen Seufzern an seine Brust , und entfloh . Die Thüre schmetterte krachend hinter ihm zu , und ich fühlte mich lebend begraben . Alles , Alles war für mich verloren . Theophaniens Bild trat in allen Reizen vor mich hin , ich - weinte , ich schäme mich nicht , es zu bekennen , mein Zustand grenzte an Verzweiflung . Da fiel ein Strahl himmlischen Lichts in die umnachtete Brust . Himmlisch ! Keine Vernunft , keine menschliche Ueberzeugung bewirkt diesen Frieden , diese Klarheit . Seitdem ist es stille in mir geworden . Ich weiß , was meiner wartet , ich weiß aber auch , welche helle Zukunft hinter diesen dunkeln Stunden liegt . Ich sterbe nicht um meines Glaubens willen , wie so Viele , die mit blindem Eifer sich zur Marterkrone drängen , und in ihr vollen Ersatz für ein sonst unverdienstliches Leben und jede versäumte Pflicht finden . Ich sterbe für meinen Glauben , weil er das höchste Glück der Menschheit ist , weil nur durch seine Verbreitung das Glück allgemein werden kann , und weil - wenigstens so weit meine und vieler Erfahrnen Einsicht reicht , - nur in Constantin sich alle Eigenschaften vereinigen , um diesen Zweck siegreich auszuführen . So muß auch jener Zweifel , der sich mir im Anfange zuweilen aufdrang , verstummen , als hätte blinde Freundschaft für Constantin mich hingerissen , die höhern Pflichten gegen Weib und Kind zu verletzen . Nein , ich liebe Constantin , ich liebe ihn mit aller Stärke , die Dankbarkeit , gleiche Gesinnung , und hohe Ueberzeugung von seinem Werth gibt ; aber wie unendlich tiefer ist die Liebe zu dem engelgleichen Geschöpfe , das ich liebe , seit ich lebe , in das Innerste meines Wesens verwebt ! O Theophania ! Reines , liebevolles , ewig theures Weib ! Von dir zu scheiden ist schwerer als zu sterben ; dich zu verlieren , ist schon Tod für mich ! Dennoch verlasse ich dich - denn meine Ueberzeugung befiehlt , und du selbst kannst mir nicht zürnen , wenn auch dein Herz darunter bricht . Ich habe an Tiridates geschrieben , und ihn gebeten , sich ihrer anzunehmen . Er soll meinen Verlassenen Gatte und Vater seyn , bis eine glückliche Wendung der Umstände Constantin erlaubt , diese heilige Pflicht , die er mir im letzten Augenblicke vor Gott gelobt hat , zu erfüllen . Ich hoffe , Galerius wird sich mit meinem Leben begnügen , und die Schuldlosen nicht mit mir in ' s Verderben ziehen . Ist aber keine Möglichkeit , den Wütherich zu erweichen , so führe eine schöne Stunde uns zusammen in ein besseres Leben , und der Tod wird keine Schrecken mehr für mich haben ! Phocion ! Eine große Schwäche bleibt in meiner Brust zurück , und ich vermag nicht , sie ganz zu bekämpfen . Ist dem Sterbenden keine erlaubt ? In manchen Augenblicken wünsche ich , daß der Tyrann mir die Schuldlosen nachsende , oder Theophaniens Zustand , der aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt bedenklich seyn muß , sie sammt dem ungebornen Pfand ihrer Liebe mit mir vereinige . O Theophania ! Ich weiß ja , wie unglückselig dich mein Tod machen , wie freudenlos dein Leben ohne mich seyn wird ! - Darf ich dir die Wohlthat nicht wünschen , mit mir zu sterben ? So flisterte mir die Stimme der Selbstsucht zu , und ich habe nicht immer Kraft genug , sie schweigen zu heißen . Ich habe auch an mein Weib geschrieben . Du kannst denken , daß ich keinen dieser selbstsüchtigen Wünsche laut werden ließ . Nur in deine Brust gießt sich mein volles blutendes Herz aus ; aber diese Ergießung ist ihm unentbehrlich , in ihr allein liegt die Möglichkeit , dieses schreckliche Daseyn geduldig zu tragen , bis der letzte Streich gefallen ist . Vor diesem Augenblicke schreibe ich dir noch , wenn anders es mir vergönnt ist ; denn wer weiß , wie lange mich meine Henker leben lassen werden . 108 . Agathokles an Theophanien . Nikomedien , im Mai 305 . Tiridates treue Freundschaft hat mir Nachricht von deinem Zustande gegeben , und durch ihn erhältst du diesen Brief . Mein Weib ! Mutter meiner Kinder ! Heilige , verehrte Namen , aber noch mehr - Christin und Bürgerin einer Welt , die auch an deine Kräfte Anspruch macht ! Du leidest , du leidest unaussprechlich , und mein ist die Schuld dieser Schmerzen , mein Werk ist dein schrecklicher Zustand ! Ich hätte dir ihn ersparen können , es war mein Entschluß , mein Wille , mich für Constantin zu opfern , und den Dolch in deine Brust zu stoßen , von dessen tödtlicher Schärfe ich überzeugt war ! Wärest du nicht die , die du bist , nimmermehr würde ich so mit dir sprechen , nimmermehr die unverhüllte Wahrheit vor einem blöden Auge erscheinen lassen , das ihre Strahlen nicht zu ertragen vermag . Ich hätte entweder den langen Klagen , den unerschöpflichen Thränen eines schwachen Weibes , oder den Vorwürfen eines heftig gereizten Gemüthes entfliehen , und sie in wohlthuender Täuschung lassen müssen . Das Alles habe ich von dir nicht zu fürchten . Du , meine Theophania ! wirst weder das Schicksal , noch deinen Freund anklagen , in deiner zarten Seele ist Muth genug , Alles zu ertragen , was die Tugend dir zu ertragen gebeut ! Unsere Entwürfe sind dir bekannt . Vor dir hatte ich kein Geheimniß , auch das Wichtigste , das deiner weiblichen Bestimmung Fremdeste besprach ich mit dir , meinem ersten Freunde ! Constantin , mit deinem Werthe bekannt , vertraute dir unbedingt , und du warst mehr als ein Mal Zeugin unserer Verabredungen , oft unsere kluge , sanfte Rathgeberin . Aus das Alles führe ich dich geflissentlich zurück , um dir die Wichtigkeit , die unabänderliche Nothwendigkeit jener Maaßregeln anschaulich darzustellen , an denen du so lebhaften Theil nahmst . Jetzt galt es , entweder ihre segenreiche Erscheinung in der Welt , oder ihre gänzliche Vernichtung . Constantin war gefangen , Galerius hatte seinen Tod geschworen , er konnte ihn nicht leben lassen . Das wußte ich , du , er selbst - und eben so gut wußten wir , daß kein Mittel , als eine glückliche List , ihn befreien konnte . Ein Opfer mußte für das andre untergeschoben , und die Grausamkeit , der Hüter getäuscht werden . Das Alles stand klar vor mir , bei jedem Verzug war Gefahr . Dir entdeckte ich meine Absicht nicht , weil ich theils noch nicht recht über die Ausführung einig war , theils weil ich mein Herz vor dem großen Augenblicke der That nicht zu sehr erweichen wollte . Was hierauf geschah , weißt du . Ich sage dir nichts über meine Empfindungen , als Constantin entfernt , und mein Schicksal unwiderruflich beschlossen war . Ein heißes Gebet , kindliche Unterwerfung , und kindlicher Glaube an Den , der auch freiwillig für seine Brüder starb , bewahrte mich vor Verzweiflung , und ich warf Mich gestärkt und ruhiger auf Constantins Lager , zog seinen Mantel über mich , und schien zu schlafen , als der Wächter kam , das Abendessen zu bringen . Vor dem folgenden Morgen durfte die Täuschung nicht bekannt werden , wenn nicht das Opfer vergeblich , und Constantin mit mir zugleich verloren seyn sollte . Am andern Tage , als ich Gewißheit hoffen konnte , daß Constantin in Sicherheit seyn würde , und keine Möglichkeit war , mich länger zu verbergen , gab ich mich dem Kerkermeister zu erkennen . Er erstarrte . Ein seltsames Gemisch von Schrecken , Bedauern , Zorn und Achtung zeigte sich in seinen finstern Zügen . Er mußte es dem Augustus melden . Ich trieb ihn selbst an , seine Pflicht zu thun . Du bist verloren , sagte er . Ich wußte es ohne dies . Er ging , seitdem habe ich eine Art von Freund oder wenigstens einen innigen Theilnehmer an meinem Schicksal in ihm erworben . Es ist auch Trost - Trost , den der Himmel sendet ! Nun weißt du Alles , und in deine Brust , die ich zerrissen habe , lege ich meine Rechtfertigung . Kannst du wünschen , daß ich anders gehandelt hätte ? Findest du Constantins und des Christenthums Alleinherrschaft zu theuer mit dem Opfer unsers ganzen Erdenglücks erkauft ? Regt sich in deiner Brust ein Unwille , ein Vorwurf gegen mich , der es freiwillig zerstörte ? Was hättest du mir gerathen , wenn es mir möglich gewesen wäre , dich vorher zu befragen ? Ich weiß deine Antwort , und so bin ich ganz ruhig ; ich bitte dich nicht , mir zu vergeben , was du selbst mich thun geheißen hättest , was du in dem Augenblick , wo du dieses liesest , billigest und segnest . Du bist unaussprechlich unglücklich , ich weiß es , dein Leben ist vergiftet , nie wird eine heitre Stunde dich mehr beglücken , die Vergangenheit hat nichts als Qualen für dich , und die Zukunft starrt dich finster an , wie ein Grab . Dir wäre es besser , mit mir zu sterben ; du wünschest es , das weiß ich , und wenn auf dieser Erde mir noch eine Freude erscheinen kann , so wäre es die , in deinen Armen zu vergehen . Dennoch fordere ich dich auf , zu leben . Ich fordere dich auf im Namen unserer Liebe , unserer Kinder , unserer Pflicht , im Namen Gottes , der diese Pflichten von uns heischt . Nicht , weil ich das Leben für ein Gut halte - für dich ist es keines - nicht , weil ich an die Möglichkeit einer Heilung durch die Zeit für dich glaube - ich kenne dich , und weiß , daß deine Liebe und dein Schmerz mit deinem Wesen Eins geworden ist - aber weil es Pflicht ist , weil Gott dir Kinder gegeben hat , und in einem ernsten Augenblick ihr Glück von deiner Hand fordern wird , weil die Religion uns verbeut , den Platz zu verlassen , auf dem wir Gutes wirken können , weil endlich der leidende Christ in diesen Zeiten der Entnervung seinen Brüdern das Beispiel hoher Geduld und standhaften Muthes schuldig ist . Du wirst leben , Theophania ! du wirst Alles anwenden , dein Leben so lange zu fristen , als es möglich ist , um unsern Kindern ihre Mutter zu erhalten , bis sie erzogen sind , und deiner nicht mehr bedürfen . Dann folgst du mir gewiß , ein sanfter Tod löset die morschen Bande der längst erschütterten Hülle , die dein Geist ungern trug , und dein Freund , der dich unsichtbar umschwebte , der dein und unsrer Kinder Schutzgeist war , empfängt dich in den Auen des Friedens . O Augenblick der Wonne , wenn jede Pflicht erfüllt , jedes Opfer , auch das des langen Lebens gebracht ist , und du , zitternd vor Lust , in meine Arme eilst . Er kömmt , er kömmt gewiß , und bis dahin wollen wir ihn nicht beschleunigen , sondern verdienen . Nun lehe wohl , Geliebte ! diese Blätter werden nicht das letzte seyn , was du von mir erhältst . Ich hoffe dir noch einmal schreiben , vielleicht - dich noch einmal umarmen zu können . O mitten in den ernsten Gedanken welche die Nähe des Todes in mir weckt , schauert mein Herz vor Freude bei der Hoffnung - ich werde dich hier noch ein Mal , und bald wieder sehen , ich werde dir meinen letzten Abschied , unserm Sohne den letzten Segen bringen ! 109 . Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Mai 305 . Trübe und langsam schleicht die gelähmte Zeit hin , ein Tag reiht sich an den andern , keiner bringt Rettung , keiner Hoffnung , so thöricht auch oft das Herz auf eine Möglichkeit hofft , wo nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer Aenderung vorhanden ist . Galerius ist wüthend über den Ungeheuern Betrug , der ihm gespielt worden . Er hatte dem Constantin nachsetzen lassen , aber dieser hatte durch die kluge Standhaftigkeit seines Freundes bereits einen zu starken Vorsprung , und wir wissen sicher , daß er weit über Byzanz hinaus sich den Grenzen Illyriens nähert . Bis ihm dort die Diener , des Tyrannen nachfolgen können , hat er wohl schon Gallien , oder das Meer erreicht , und ist in Sicherheit . Nun fällt der ganze Zorn des Augustus auf seinen unglücklichen großmüthigen Freund . Er war im eigentlichen Sinne außer sich vor Wuth , er schäumte , brüllte , und mißhandelte Alle , die sich ihm näherten . Er befahl , Agathokles auf der Stelle das Urtheil zu sprechen , und ihn - mich schaudert , es zu schreiben - im Circus den wilden Thieren vorzuwerfen . Alle Freunde des Unglücklichen , alle bessern Menschen in Nikomedien fanden sich durch dies unmenschliche Urtheil empört , und vereinigten sich , dem Tyrannen Vorstellungen zu machen . Das würde indessen wenig gefruchtet haben , wenn nicht die Jovianer , deren Tribun der edle Verurtheilte war , sich laute Klagen , und ganz unzweideutige Zeichen der Unzufriedenheit erlaubt hatten . Tiridates wagte , was seit Constantins Flucht Niemand gewagt hatte , er ging zu dem wüthenden Galerius nach Cäsarea , wo dieser sich gewöhnlich aufhält , und wußte ihm die üble Stimmung des Volks , den gährenden Unmuth der Leibwache , und die Gefahren , die das Alles für eine neue Regierung haben konnte , so geschickt vorzustellen , daß Galerius von seinem rachedürstenden Ausspruch abstand . Das Leben des theuern Freundes zu erbitten , war unmöglich . Alles , was Tiridates noch erhielt , war eine Frist von einigen Tagen , die Erlaubniß , Agathokles zu besuchen , und die Hoffnung , daß auch diesem vergönnt werden würde , sein unglückliches Weib und seine übrigen Freunde noch ein Mal zu sehen . O wie lernt der Mensch genügsam seyn , wenn ihn das Unglück in seiner harten Schule erzieht ! Wie schienen diese geringen Vergünstigungen uns so bedeutend ! Wie freudig eilte ich zu der bedauernswürdigen Frau , um ihr diese Hoffnungen anzukünden , und ihr den Trost zu geben , daß Agathokles nicht ganz einsam und verlassen sey , daß mein Mann ihn täglich besuchen würde . Seit dem Augenblicke , wo sie durch mich die Schreckensnachricht hörte , war ich fast beständig bei ihr , und fand eine Art von Beruhigung und Erleichterung darin , Alles für die Gattin des edeln Unglücklichen zu thun , was in meiner Macht stand . Aber was vermag die treueste Freundschaft über einen so gerechten , so unendlichen Schmerz ! Ich fürchtete wirklich für ihr Leben , und manchmal für ihren Verstand , bis endlich gestern ein Brief von ihrem Manne eine Veränderung bei ihr bewirkte , von deren Möglichkeit ich keinen Begriff gehabt hatte . Eine Purpurrröthe übergoß die todtblassen Wangen , ein heftiges Zittern ergriff ihre Glieder , sie drückte den Brief mit stummem Entzücken an ihre Lippen , an ihre Brust , und ihr zum Himmel emporgeschlagenes Auge zeigte mir , daß sie ihrem Gott ein inniges Dankgebet brachte . Dann las sie , aber sie brauchte so lange , daß ich glaube , sie muß den Brief dreimal durchgelesen haben . Jetzt stürzten wohlthätige Thränen , die ersten , die sie seit der Zeit ihres Unglücks vergossen hatte , aus ihren Augen , und man sah deutlich , wie dieser Ausbruch ihr gepreßtes Herz erleichterte . Ich störte sie nicht , ich weinte still mit ihr . Als sie sich Luft gemacht hatte , stand sie auf , und sagte mit einer Würde und Festigkeit in Haltung und Ton , die ich lange nicht an ihr gesehen hatte : » Er hat mir geboten zu leben , so will ich ihm und der Tugend gehorchen , ich will das Leben ertragen . « Ich sah , daß sie aus dem Zimmer gehen wollte , ich unterstützte sie , und fragte , wohin sie wollte ? » Zu meinem Sohne ! « antwortete sie . » Der Vater befiehlt , mich für das Kind zu erhalten . « Ich bat sie ruhig zu seyn , und schickte um das Kind . Der Kleine kam . Die Scene , die nun vorfiel , wird nie aus meinem Gedächtnisse schwinden , sie war in demselben Grade erhebend und schmerzlich . Wahrlich , es muß ein großes Gefühl seyn , was diese Menschen Glauben nennen , denn es gibt ihnen mehr als menschliche Kräfte . Seit dem faßt sie sich mit einer Stärke und Geduld , die Alles übersteigt , was ich je gesehen habe . Sie pflegt ihr Kind , so viel es ihre Schwäche erlaubt , sie folgt allen Vorschriften des Arztes , sie spricht mehr , sie strengt sich sogar an , zu thun , als könnte sie an etwas Anderm Theil nehmen . So hat sie gestern von Sulpicien zu sprechen angefangen , ich ergriff dies Gespräch gern , weil ich dachte , es wäre ihr nützlich , sich zu zerstreuen , aber mitten im Reden , wo vielleicht irgend ein Wort , eine Nebenidee sie an ihr Unglück erinnerte , verstummte sie plötzlich , brach in Thränen aus und schwieg . Und das Alles ist Wirkung ihrer Liebe , ihrer Liebe zu einem Manne , der sie seinem Freunde so auffallend nachsetzt , und ihr Glück , ihr Leben für die Freiheit des Andern aufopfert ! O welche unselige Macht der Leidenschaft ! Und welcher ungeheure Mißbrauch , den Euer Geschlecht von der Gewalt macht , die hergebrachte Sitte und unsere zu große Nachgiebigkeit euch über uns einräumen ! Eher wird kein Weib zum Besitz ihrer natürlichen Rechte kommen , bis sie es über sich vermag , den tiefgewurzelten , durch tausend Vorurtheile genährten Wahn auszurotten , daß wir nur in der Liebe , und also nur durch Euch glücklich werden können . Und wann wird diese goldne Zeit erscheinen , wo diese kühne Wahrheit allgemeine Ueberzeugung werden wird ? 110 . Theophania an Junia Marcella . Nikomedien , im Mai 305 . Agathokles stirbt . In wenig Tagen bin ich Wittwe . Ich setze nichts hinzu , du kannst meinen Schmerz ermessen , du weißt , wie ich liebte , obwohl du nicht weißt , wie ich geliebt wurde . Die um mich sind , fürchten für meinen Verstand , ich merke es wohl . O diese große Wohlthat wird mir nicht zu Theil , so wenig als der Tod ! Der Tod ? Ich soll ja leben . Er will es . Ach sterben für den Geliebten , wer könnte es wagen , dies etwas Schweres , Großes zu nennen ? Es ist nichts - ein trüber Augenblick zum Preise unendlicher Freuden ! Aber leben , leben ohne ihn , und auf sein Geheiß , das ist das Schwerste , was die Liebe fordern kann ! Wie ein weiter , düstrer , uferloser Ocean umgibt mich das Leben , in dem ich versinke ohne Hoffnung der Rettung , ohne Hoffnung des Todes . Es sind gute Menschen um mich , Calpurnia und ihr Gemahl ; sie haben mir , und dem , den ich bald verlieren werde , viel Liebes , Herzliches erwiesen . Ihnen danke ich die einzigen Tröstungen , deren ich fähig bin , aber Calpurnia möchte mir gern noch andre geben . Ich kann sie nicht annehmen , denn ich kann sie nicht fassen . Sie ist vielleicht stärker als ich - vielleicht auch nur kälter . Mein ganzes Wesen , jeder Gedanke , jede Regung ist ein unendliches Weh . So muß dem Menschen zu Muthe seyn in der Todesstunde , wenn sich die innigsten Bande des Lebens lösen , und der bessere Theil sich gewaltsam von der morschen Hülle losreißt . Auch meines Lebens innigste Bande lösen sich jetzt , mein besserer Theil schwebt verklärt und selig der Heimath zu , und läßt die todte Hülle im Grabe . Das ist die Welt für mich . Dort , dort ist Leben , wo er hingeht , und mich streng und unerbittlich zurückstößt ! Warum Agathokles stirbt , um welches Zweckes willen er mich , sich , unser Lebensglück opfert , kann ich dir jetzt nicht sagen ; auch wage ich es nicht , in dieser Zeit so etwas einem Briefe anzuvertrauen . Calpurnia und der König glauben , er habe sich für Constantin geopfert , und die Welt urtheilt eben so . Es ist viel höher , viel schöner , und mitten unter schmerzlichen Schauern muß ich seinen Entschluß billigen und verehren . Er hat mir geschrieben . Dieser Brief kömmt nie wieder von meinem Herzen . Ich habe mich bestrebt , ihm eine Antwort zu senden , die seine unendliche Liebe für mich , seinen Edelmuth vergelte . Ich habe mich beherrscht , kein Wort der Klage ist mir entschlüpft , nur gegen dich öffnet sich das Herz , und mein Blut strömt gewaltsam aus den verhaltnen Wunden . O wenn nur er zufrieden mit mir ist , wenn nur der Gedanke , daß er mich ruhig gesprochen hat , auch Ruhe in seiner Seele verbreitet ! Das zu bewirken , ist jetzt der Punkt , auf den alle Kräfte meines erschütterten Wesens gerichtet seyn müssen - seine letzten Augenblicke zu erheitern ! O allmächtiger Gott ! Agathokles letzte Augenblicke ! Er ist so jung , es lag ein so langes , so schönes Leben vor uns ! Er entreißt sich ihm , und ich darf nicht klagen ! Leb ' wohl , meine Junia ! Leb ' wohl . O warum bist du nicht bei mir ! Wie wohlthätig wäre es mir in diesen Augenblicken , eine treue Freundin von ganz gleicher Sinnesart um mich zu haben ! Calpurnia ist sehr gut , ich verkenne gewiß weder ihre Vorzüge , noch was ich ihr jetzt schuldig bin , aber sie ist keine Christin , und - sie ist Königin . Auf dem Thron verlernt sich so Manches , dessen das Herz in den Beziehungen des gewöhnlichen Lebens so sehr bedarf . Ein Gerücht hat mir gestern verkündigt , Apelles sey in der Nähe , und halte sich in Nicäa auf . Tiridates , der , um des theuern Verlornen willen , mir innig wohl will , hat kaum meinen Wunsch errathen , als er schon einen Eilboten nach Nicäa abfertigte . O wenn Apelles käme , mich in den Stunden , die mir bevorstehen , zu stärken , und zu erhalten , ich würde Tiridates treuer Freundschaft eine der größten Wohlthaten danken ! 111 . Theophania an Agathokles . Nikomedien , im Mai 305 . Ja , mein einzig geliebter Freund , ich werde leben . Du sollst dich nicht an mir getäuscht haben . Du befiehlst es , die Tugend befiehlt es durch dich . Glaube nicht , daß je der frevelhafte Gedanke in meine Brust gekommen sey , mein Daseyn gewaltsam abzukürzen ; aber daß ich gewünscht habe zu sterben , das kannst du , das kann Gott selbst nicht dem schwachen zerrissenen Herzen zur Schuld anrechnen . Jetzt werde ich aber auch diesen Wunsch unterdrücken ; er könnte zu lebhaft werden , und Unterlassungen erzeugen , die mittelbar auf jenen Zweck hinwirkten . Ich werde nicht zu sterben wünschen , bis unser Sohn erzogen , bis des Vaters vielgeliebtes hohes Bild in seiner Seele noch ein Mal dargestellt ist . Ich werde Muth haben zu leben , und den Entschluß , den du gefaßt hast , zu billigen . Du sollst mich nicht umsonst deinen einzigen Freund nennen . Ich werde dein Zutrauen rechtfertigen , es erhebt mich über meinen Schmerz , über mich selbst , über mein Geschlecht . Ja , Agathokles ! du hast recht gethan - ich klage nicht . Was ich fühlen muß , wie öde mein Leben ist , weißt du . Du kennst mich , vor dir lag von jeher meine ganze Seele offen , ich könnte dir diese Gewißheit nicht entziehen , selbst wenn ich es aus falscher Großmuth wollte ; aber ich gelobe dir bei unserer Liebe , bei unserm Kinde , bei Gott , der unsere Herzen für einander gebildet hat , und dessen heiligen Willen ich selbst in dieser Trennung erkenne , daß ich dies öde Leben ertragen werde . Mit fester Zuversicht erwarte ich von Gott die Kraft , welche mir hierzu nöthig seyn wird . Er hat sie dem redlichen Willen , der kindlichen Unterwerfung noch nie versagt , und ich werde viel brauchen ! Noch ein heißer Wunsch liegt in den Tiefen meines bekümmerten Herzens . Ich möchte dich noch ein Mal sehen , nur ein Mal , ein Mal noch auf dieser Erde ! Ich habe etwas Wichtiges , sehr Ernstes mit dir zu sprechen - Etwas , was schlechterdings keinem Briefe , keinem , auch noch so treuen fremden Munde anzuvertrauen ist . Gern würde ich zu dir kommen , es ließe sich leicht thun , in Männerkleidern , als Tiridates Sclave , dem ja deines Kerkers Thore sich stets öffnen ; aber - ich weiß , ich erschrecke dich nicht , und sage dir auch nichts Unerwartetes - meine Gesundheit hat etwas gelitten , und ich sehe nicht ohne Besorgniß der Erscheinung eines Wesens entgegen , das unter solchen Umständen geboren , entweder das Licht gar nicht sehen , oder ein trauriges Daseyn nicht lange genießen wird . So sagen es mir die Aerzte vor , und ich gehorche ihnen , denn ich gehorche dir , deinem Wunsch nach meiner Erhaltung . Es ist aber gewiß nicht unmöglich , selbst von dem grausamen Galerius die Erlaubniß zu erhalten , unter allen möglichen Vorsichtsmaaßregeln , die deine Henker nach Gefallen nehmen mögen , dein Weib , dein Kind , vielleicht deine Kinder , von denen du keinen Abschied nahmst , nur ein Mal noch zu sehen . Ich habe Tiridates gebeten , sich für diesen heißen Wunsch zu verwenden , ich habe an meine Valeria geschrieben , diese Bitte ihrem Vater vorzutragen ; vielleicht erhalten wir sein Fürwort . Dem Vater , dem Wohlthäter so vieler Cäsarn , wird doch der begünstigte Sohn , dem er erst das ungeheure Geschenk der unumschränkten Herrschaft machte , diese Nachgiebigkeit nicht verweigern . Fürchte diese Zusammenkunft nicht , auf meine Gesundheit wird sie gewiß keine nachtheilige , auf mein Gemüth die beste Wirkung haben ; auch sollst du keine zaghaften Klagen , keine unerschöpflichen Thränen sehen . Nur sehen , nur sehen muß ich dich noch ein Mal , noch ein Mal die theuern Züge mit heißen Blicken betrachten , in mich aufnehmen , noch ein Mal den Ton deiner Stimme in meinem Innern wiederhallen hören , noch ein Mal Stärke , Freudigkeit , Ruhe und Kraft , ach ! für eine lange , einsame Zukunft aus deinem Umgange schöpfen ! Schlage mir diese letzte Bitte nicht ab , sie ist heilig , wie die Bitte einer Sterbenden . Ist es denn nicht Tod , nicht mehr als Tod , wenn unser besseres Selbst von uns scheidet ? Und über dies , es hängt davon eine Erfüllung ab , die mir unendlich theuer , so theuer wie meine Seligkeit ist . Du kömmst gewiß , ich weiß es , du kömmst . Aber noch Eins , geliebter Freund ! Ich habe besondere Ursachen , um zu wünschen , daß du nicht ohne heilige Vorbereitung kommest , ich wünschte , daß du deine reine Seele auch von dem kleinsten irdischen Flecken vorher reinigen , und dich in die Verfassung setzen möchtest , um das Abendmahl würdig zu empfangen . Forsche nicht um die Ursache dieser Bitte ; du wirst Alles erfahren , und du trauest mir zu , daß ich nichts Unbilliges fordern werde , nichts , was deiner und derjenigen unwürdig wäre , die den Stolz genießt , dein Weib zu seyn . Leb ' wohl - Leb ' wohl ! 112 . Valeria an Theophanien . Byzanz , im Mai 305 . Unglücksgefährtin ! Empfange den einzigen Trost , den ich dir geben kann , diesen Brief meines Vaters an den Galerius ! Mein unendliches Mitleid , meine Thränen hattest du seit dem Augenblick , als Constantin auf seiner Flucht durch diese Gegenden heimlich und unerkannt zu meinem Vater kam . O gütiger Gott ! Was ist das für eine Welt , was sind das für Menschen ! Ist es denn der Mühe werth zu leben , um unter Larven zu wandeln , die die hohlen Gesichter nach Gefallen auf diese oder jene Seite wenden , wie es die Rolle fordert ? Ich war so glücklich , ehe ich diese Welt kannte , die mich nun auf ein Mal mit ihren kalten feindlichen Armen ergreift und drückt , und peinigt . Constantin sprach mit aller Macht der Beredtsamkeit für seinen unglücklichen Freund bei meinem Vater . Er hat , er beschwor ihn , sein Ansehen dahin zu verwenden , daß ihm Galerius Freiheit und Leben schenke . Er stirbt für mich ! rief er ein Paar Mal in einem Ton , der mir durch die Seele drang . Sein Schmerz war unverstellt , und der Schmerz eines Mannes , eines Feldherrn wie Constantin , erschüttert tiefer , als das Leiden gewöhnlicher