, hier rückt die Natur heran , und bietet einem die kräftigen Hände , und man rüstet sich im Herzen , die Riesin zu empfangen . Der alte Turm ist mit einem bequemen Saale versehen , der ganz in dem derben Geschmacke jener braven Zeit eingerichtet ist , und auf einem kleinen Pulte am Fenster fand ich das Heldenbuch , und in einem Schranke in der Wand eine schöne Sammlung der neuern Werke , welche die Reste der Poesie des deutschen Mittelalters enthalten . - An die Wand hatte der Graf selbst die Worte geschrieben : » Was waren das für gesunde Menschen , welche solcher Natur gegenüber stark warden , die uns heutzutage nur rührt und erschüttert . « - Der Wechsel der Aussicht machte einen sehr wohltätigen Eindruck auf mich , ich war mir hier als ein besserer Mensch zurückgegeben . Ich war dort mit unruhigem Gemüte hinausgesegelt , und hier setzte mich das Meer geprüft und reich ans Land . Ich erkannte hier , wie viel Anteil der Mensch an der Natur hat , denn hier , wo alles näher an mich herantrat , sah ich in den eignen Busen , und fühlte , wie ich größer geworden war , seit wenigen Stunden . - Der Sonnenuntergang , zwischen den Felsen und Wäldern , war eine Zwischenrede der Natur in mein Leben , ich war entzückt , wie ein Heiliger , die Flammen und Gluten brachen sich so geisterisch , so tausendfaltig lebendig , gestaltlos und beweglich in der heftig und rauh gruppierten Wildnis , und das Rauschen des Rheins stieg so mächtig in der allgemeinen Stille , als höre ich das Sieden der flammenden Geister um mich her , die in einem geheimnisvollen feurigen Tanze sich gaukelnd über die dunkeln Wälder und Schluchten hinschleuderten . - Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu , wie ein Licht nach dem andern dem Schatten wich , und fühlte , wie sich zugleich im Ebenmaße mein Gemüt veränderte . Jedem weichenden Lichte zog eine Erinnerung nach , und es schien mir , als bezeichne ich die Stellen , von denen eine Farbe des Glanzes geschwunden war , mit Dingen , die mir lieb gewesen oder noch waren . Nun war es ganz ruhig , nur glänzte noch die Pforte , durch die alle die Flammen hingezogen waren , und auch diese schloß sich mit der Aussicht - , ich dachte an Violetten , und entschloß mich fest , nicht wieder zu der Gräfin zurückzukehren . - Ich nahm mir vor , graden Weges von hier zurückzureisen , denn ich schämte mich meines Verhältnisses mit der leichtsinnigen Frau , sie schien mir so weit unter mir , und ich konnte nicht begreifen , wie sie mich verblendet hatte . Hier rief mich ein Diener aus dem Schlosse zurück , er sagte mir , daß jemand angekommen sei , der mich sprechen wolle . - Ich ging mit ihm zurück , und fand Violetten ; der Gärtner hatte sie auf ihr dringendes Begehren hierher geführt . - Sie überraschte mich auf eine unangenehme Art , und der gütige Eindruck der Natur auf mein Gemüt ward durch sie gewaltsam unterbrochen . - Als wir allein waren , blieben wir noch lange stumm , bis sie sich mir mit Tränen näherte , und mich um Verzeihung bat , daß sie hierherkomme , um meine Freude zu stören - sie müsse mir Vorwürfe machen , daß ich ihr Hülfe versprochen , und sie noch tiefer verstrickt habe . Sie zeigte mir mit geschämiger Umständlichkeit , wie ich so verderblich für sie mich ihrer Mutter ergeben hätte , wie sie nun ihre Mutter hassen müsse , die ihr ihren einzigen Freund genommen : - » Ach , « sagte sie , » Sie selbst sind mir ein peinlicher Gedanke , ich muß immer an Sie denken , und Sie haben mich doch so sehr gekränkt ! « - Ich sprach ruhig mit ihr , und sagte , was ich für wahr hielt , wie ich das alles empfände , und wie ich mich herzlich schämte , mich so hingegeben zu haben ; - doch gestand ich ihr auch offen , wie sie selbst einigen Teil dran habe , obschon in aller Unschuld , denn ihre Äußerungen gegen mich hätten so zwischen kindischer Naivetät , Frömmigkeit und Sinnlichkeit geschwankt , ihre Reden gegen mich hätten am ersten Abende schon eine solche Unbestimmtheit verraten , daß ich oft nicht gezweifelt habe , sie sei eine angehende Koquette , und schon so gut als verloren . - Violette hörte das alles ruhig an . » Sie haben recht geglaubt , « sagte sie , » hätte ich mich nicht in Ihnen betrogen gefunden in jener ersten Unterhaltung , so wäre ich es wohl geblieben ; aber ich erwartete , daß Sie mich lieben würden , und da ich eben dieser Liebe meine Mutter aus dem Wege rücken wollte , zeigte ich mich Ihnen in einem unschuldigen Gewande , um Ihnen meine Mutter verhaßt zu machen ; aber ich konnte mich gegen Ihre einfachen Antworten und Fragen nicht erhalten , und Sie wurden , was ich nicht wollte , nur gerührt ; ich fühlte selbst , daß ich , als ich von meinem Vater und meiner Mutter sprach , mehr sagte , als ein Kind sagen kann ; dennoch konnte ich mich nicht mehr fassen , und redete gradeheraus , wie es mir mein Verdruß eingab ; ich war in meinem Leben nicht so wunderbar zerrüttet als an diesem Abend , ich fühlte , wie ich so gar nichts tauge , um zu lügen . - Meine Mutter hatte mich wirklich zu Ihnen geschickt , und ich stellte mich , als ging ich ungern , um ihr allen Verdacht der Eifersucht zu nehmen - aber wie ist alles geworden ? - Es ist wahr , daß jene Angst in mir war , und ich habe lange gestritten mit der Andacht , aber das ist nicht mehr - meine Mutter kennt mich nicht , sie glaubt mich teils schlechter , teils besser , als ich bin . - Sie haben etwas Fürchterliches in mir hervorgebracht , - ich faßte mich wieder zusammen und wendete mich mit Gewalt zu Gott . - Ich habe die ganze Nacht gebetet und geweint nach jenem Abend , - und als ich Sie am Morgen sah , mußte ich mich meiner und Ihrer schämen . - Doch ich muß Ihnen noch sagen , Sie sind nicht zufällig zu uns gekommen , meine Mutter hat Sie aufgesucht , - wir haben Sie auf einem Balle gesehen , und sie entschloß sich gleich , Sie zu besitzen , und auch ich faßte meine kindischen Anschläge . - Ich habe in der letzten Zeit Ihren Mißmut bemerkt , und so sehr es mich schmerzte , daß Sie mir aus dem Wege gingen , so sehr war es mir lieb , daß Sie über Ihre Lage zu reflektieren schienen . Ich fühle , daß ich zu Grunde gehen werde , - ich fühle , daß Sie mir helfen können . « - Ich breche hier Violettens Worte ab , die sich immer mehr verwirrten - sie konnte bald nicht mehr sprechen , und brach in bittre Tränen aus . - Meine Verlegenheit konnte nicht kleiner sein als die ihrige , ich fühlte , daß sie auch diese Rede mit einer Standhaftigkeit und einer ernsten Gleichheit reden wollte , der sie , wie jener naiven , unschuldigen Rolle , nicht gewachsen war ; ihr armes verwirrtes Gemüt , das mit Leidenschaft , Selbstverachtung , und Unschuld , und Vorsatz stritt , - kam endlich zu Tage . - Dies arme Geschöpf war auf eine traurige Weise in die Höhe getrieben worden - ich konnte nichts erwidern , denn auch ich stand sehr unwürdig , ja unwürdiger als sie , da - Sie kniete vor mir nieder , und bat mich heftig , sie mitzunehmen , oder sie umzubringen ; sie wolle mir wie eine Magd dienen , ich solle sie mißhandeln , aber zu ihrer Mutter könne sie nicht zurück . - Ich fragte sie , ob ihre Mutter wisse , daß sie hier sei , und erfuhr , daß ihre Mutter es nicht wisse , daß sie verreist und sie gleich nach ihrer Abreise hierher gegangen war , um mir alles zu sagen , wie es ihr Gott in den Mund legen würde . - Ich dachte nun nach , wie ich in der Sache handlen sollte , aber ich fand keinen Ausweg , immer verirrte ich mich in unnütze Betrachtungen , oder ertappte mich auf einer Bequemlichkeit , mich herauszuziehen . Währenddem war es ganz dunkel geworden , Violette hatte sich mir weinend zu Füßen gesetzt , und meine Hand ergriffen , und wir waren beide in jene dumpfe Sorglosigkeit gefallen , die einen geselligen Schmerz unter so vertraulichen Umständen leicht begleitet . Ich fuhr auf , denn ich hörte ein Pferd im Hofe ankommen , ich sah zum Fenster hinab , und es war die Gräfin . - » Violette ! Ihre Mutter « , sagte ich bestürzt ; » wir müssen uns nicht verraten , Ihr Hiersein wird Sie leicht entschuldigen , sei ' n Sie froh und munter , so gut Sie es können , ich will für Ihr Wohl denken . « - Violette sprang von der Erde auf . - » Gott ! Gott ! « sagte sie , und ging mit mir ihrer Mutter entgegen . - Diese war , wie immer , leichtfertig und zierlich gemein , sie scherzte mit Violetten , und freute sich , sie hier zu finden : » Dies ist dein erster Geniestreich , « sagte sie , » und ich hoffe für dich . « - Wir brachten den Abend so gut zu , als ich und Violette heuchlen konnten - der Schloßvogt wies uns einige Stuben zum Schlafen an - und wir trennten uns . Dies war die fürchterlichste Nacht meines Lebens : ich wußte mir nicht anders zu helfen , als daß ich der Mutter einen Brief schrieb , in dem ich ihr alles sagte , was ich empfand , und sie dringend bat , ihre Tochter von sich zu entfernen . An Violetten schrieb ich auch und suchte sie aufzurichten , und ihren Entschluß zum Guten zu befestigen . Dann ging ich hinab , bezahlte den Schloßvogt , es war drei Uhr des Morgens , und ritt weg . - Von meiner Reise lassen Sie mich schweigen , ich reiste Tag und Nacht nach Haus und war mehr tot als lebend . Ich zweifle nicht , daß viele meiner Leser unwillig sein werden , daß ich Violetten verließ , jetzt bin ich selbst unwillig darum , aber damals war es nicht anders möglich , wenn ich nicht selbst zu Grunde gehen wollte , ich hatte mich zuerst zu retten . Man soll hier nicht denken , als habe mich mein Leben mit der Gräfin um seiner selbst willen gereut , nichts weniger , aber ich fühlte , daß dies freie Leben einen Charakter annehmen wollte , und darüber erschrak ich . Die freie Luft ist wohltätig , aber eine gebundne Unbändigkeit , die mich mit Zügellosigkeit zügelt , ist das Verderblichste und alles Gute geht dadurch zu Grunde . Achtunddreißigstes Kapitel Als ich zu Hause eintraf , fand ich Kordelien sehr krank , und sie starb bald darauf in der freien Luft , unter der Eiche , am hinteren Eingange des Haines , der das Jägerhaus umgiebt ; sie hatte sich dort hinbringen lassen . - Ich war auf dem Gute , als sie starb , denn meine Gegenwart war ihr auf dem Jägerhause beschwerlich . - Als ich sie einige Tage vorher besuchte hatte , reichte sie mir , ohne mehr als einige Worte zu sprechen , einen versiegelten Brief , den ich nach ihrem Tode erbrechen sollte . Sie war während meiner Abwesenheit mehreremal am steinernen Bilde meiner Mutter gewesen , und der alte Anton sagte , er habe sie einmal dort heftig weinend gesehen . An der Eiche hatte sie nachts oft gestanden , und sie war überhaupt ihr liebster Aufenthalt . Sie hatte mehrere große Äolsharfen in der Eiche anbringen lassen , und sich besonders mit Blumenzucht und Gesang unterhalten . Der Jäger sagte mir , als ich auf die Nachricht ihres Todes hinüberging , daß sie ihre Stube versiegelt habe , ehe man sie nach der Eiche geführt habe ; es sei gegen Abend gewesen , und um sechs Uhr sei sie dort gestorben . Als ich ihren Brief erbrach , las ich nichts , als daß sie wünschte , unter der Eiche begraben zu werden , und mich beschwor , ihre Stube nicht eher zu öffnen , bis ihr Name entdeckt sei . Sie mochte damals ohngefähr vierzig Jahre alt sein ; ihre Figur war schlank , ihr Haar schwarz , und ihr Auge lebhaft . In der letzten Zeit ihres Lebens sprach sie beinahe gar nicht . Sie ward unter der Eiche begraben . - Bald darauf erhielt ich Briefe von meinem Vater aus Italien , der mich aufforderte , ihn zu besuchen , und ich reiste gerne und gleich ab . - Hier liegt ein Zeitraum von einigen Jahren , die ich in Italien bis zu meines Vaters Tod zubrachte . Neununddreißigstes Kapitel Da ich nach Deutschland zurückgekommen war , nahm ich meinen Weg zuerst nach dem Rheine , ehe ich nach meinem Gute ging . Ich fand eine traurige Veränderung , der französische Revolutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet ; die Natur war noch dieselbe , aber die Menschen nicht mehr . - Ich ritt abends mit pochendem Herzen nach dem Schloß der Gräfin ; der Weg war aufgerissen , und rings die Weinberge zerstört , das Tor stand offen , wie damals , aber die Torflügel waren zerschmettert , der Hof war mit Gras bedecket ; ich rief nach jemand , und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen ; ich fragte nach der Gräfin . » Die ist seit anderthalb Jahren tot , « war die Antwort , » das Schloß steht unter der Aufsicht ihrer Schuldner ; sie ist mit den Franzosen herumgezogen , hat alles zu Grunde gerichtet , und am Ende mußte sie auch sterben . « - Nach Violetten zu fragen , wagte ich nicht ; ich fragte , ob er mich wohl heute nacht beherbergen könne ; er brachte mich hinauf , nach der nämlichen Stube , in der ich den ersten Abend mit der Gräfin gewesen war . » Das ist die einzige Stube , an der noch eine Tür ist , « sagte er , » und in Ihrem Mantel können Sie wohl hier auf dem Armsessel schlafen . « Er stellte mir das Licht hin , und verließ mich . Wie ein Toter , der die Welt nach langen Jahren wieder betritt , ging ich in der Stube umher , in der eine fürchterliche abenteuerliche Verwüstung herrschte . Das Brustbild der Gräfin war mit Degenstichen zerfetzt , und auf eine militairische Art verunreinigt , die Wände waren mit allerlei abgeschmackten Figuren mit Kohlen bemalt , am Boden umher lagen zerrissene Dokumente in Haarwickel verwandelt , in einem Winkel stand ein Gemälde , das sonst auf der Hausflur gehangen hatte , und zwei nackte Weiber vorstellte , die sich um ein Paar Beinkleider schlugen , alle Möbel waren auf eine mutwillige Art zerschmettert , - ich rückte den Armstuhl in die Mitte , setzte meine Füße auf mein Felleisen , und versuchte zu schlafen , aber es war lange umsonst . Gegen Morgen erwachte ich , und Gott ! wie erschrak ich , als ich zwischen meinen Knien ein halb nacktes Mädchen sitzen sah , das eingeschlafen war . Meine Hände , die ich in meinem Schoß liegen hatte , waren mit ihren langen Haaren zusammengebunden . Ich wickelte mich los , stand auf , ohne sie zu wecken , und betrachtete sie näher , es war Violette , - ich warf meinen Mantel über sie , sie saß auf dem Felleisen , und lehnte den Kopf an das Kissen des Armstuhls . - Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend , nichts hatte sich verändert , und wie sah es in meiner Seele aus . Wie der Morgen heraufstieg , und es heller wurde , sah ich wieder nach Violetten , aber sie öffnete ihre großen Augen , schrie laut , und ich faßte sie in meine Arme , sie war ohnmächtig ; ich setzte mich in den Armstuhl , und hielt sie so von Herzen umarmt , heiße Tränen flossen über meine Wangen , die ganze Vorzeit erwachte um mich , und schlug mich mit schmerzlichen Schlägen . Auch Violette erwachte wieder , und sagte laut weinend : » Ach , warum verließen Sie mich damals ; hatte ich nicht gesagt , ich würde zu Grunde gehen ? « - » Ist es denn so , Violette ! « - » Ach , es ist so , es ist nun alles vorüber . « - Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie Zelt ihrer Lust aufgeschlagen , auch Violetten hatte sie der wilden Liebe hingegeben ; die Mutter war gestorben , Violette war allein zurückgeblieben , Flametten hatte ein nahewohnender Förster zu sich genommen . Das Schloß und die Güter waren durch Krieg und die Erpressungen der Gräfin selbst zu Grunde gegangen . Violette hatte keine Heimat mehr ; der letzte Mann , den sie wirklich liebte , - denn er hatte sie zu sich genommen und wenigstens aus Mangel und Not gerettet , - war ein französischer General , der am Abende vor der Schlacht meistens alle sein Vermögen zu verspielen pflegte , um ohne Testament und ohne Erben dem Tode entgegenzugehen . Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen seiner Waffenbrüder - » Wenn ich tot bleibe , « sagte er , » ist sie dein ; und komme ich davon , so gebe ich dir meine zwei Schimmel . « - Er blieb tot , - Violette floh und verbarg sich bei dem Förster , der Flametten erzog . - Die Armee drang siegend vorwärts , und unter den Elenden , die der Krieg hinter sich läßt , war auch sie . - Der Förster wollte sie nicht länger um sich haben , das Leben war schwer zu erwerben , und die Bauren haßten alles , was der Gräfin angehörte , sie war deswegen nachts in das Schloß zurückgegangen . - Es war ja kein Mensch , der sie hinderte , der wilde Krieg hatte ja alle Tore gesprengt , und die Armut und das Elend konnten aus und eingehen . Sie war nach der Stube gegangen , in der sie sonst mit Flametten gewohnt und dem Kinde das Lied von der Weinsuppe vorgesungen hatte , ihr Bettchen stand noch da , aber es war kein Boden mehr darinne , auch waren keine Fenster mehr in der Stube und keine Tür , der Wind zog traurig durch die leeren Fensterrahmen , und ging wehklagend durch die wüsten Gänge des Hauses ; sie setzte sich auf den Boden auf ein Stück Holz nieder , und weinte , ihre Kleider waren zerrissen , und es war eine kühle Nacht . - Ach es war das nämliche Holz noch , das sie mit banger Frömmigkeit sonst unter ihr Kopfkissen gelegt hatte , um hart zu schlafen , und sich zu kasteien . Sie dachte an Godwi , und erinnerte sich wieder an alle ihr Elend , und ihr Verderben , seit er sie verlassen hatte . Ihr Schmerz hatte keine Grenzen mehr , sie lief wie verrückt nach der Stube ihrer Mutter . - Hier schlief der nämliche Mensch auf einem Stuhle , sie kannte ihn nicht , die Laterne stand in einem Winkel und brannte dunkel , sie betrachtete ihn aufmerksam , und er war es , er - der sie in alles Elend gestürzt hatte ; sie mochte ihn nicht wecken , setzte sich zu seinen Füßen , und bedeckte seine Hände mit Tränen und Küssen , - es ergriff sie eine schreckliche Zerrüttung , sie zerraufte sich die Haare , und rang die Hände ; dann ließ sich ein guter Geist auf sie nieder , sie drückte Godwis Hände an ihr zerrissenes Herz , und fesselte sie mit ihren langen schönen Haaren , dann sanken ihre Blicke , und sie entschlummerte zu seinen Füßen . Violette sprach wenig , aber sie bat mich , sie umzubringen . » Liebe Violette , ich kann dich nicht zweimal ermorden , « sagte ich , » gehe mit mir nach Hause , und wohne bei mir , ich will den Förster und Flametten auch mitnehmen . « Sie begleitete mich zu dem Förster , ich bot ihm meine Dienste an , er zog gerne mit mir in ein friedliches Land , und wir wohnten mehrere Monate ruhig miteinander . Flametta war so geworden , wie meine Leser sie schon kennen ; Violette aber ward nicht wieder froh , aber sie war wie ein Engel ; alles Vortreffliche , was sie in wilden Flammen der Leidenschaft geopfert hatte , gab der Himmel ihr in mildem strahlenden Glanze wieder . Sie ging nicht von meiner Seite , und als der Frühling wiederkam , reichte ich ihr meine Hand , und fragte sie , ob sie ewig mein sein wolle . - Kein Priester verband uns , aber auch das Leben nicht , die Liebe war es allein - und da es Morgen wurde , fand ich sie nicht an meiner Seite , ich suchte sie im ganzen Hause . - Im Garten saß sie zwischen den Blumen und sang : Ihr hübsch Lavendel Rosmarin , Ihr vielfarbige Röselin , Ihr stolze Schwertlilgen , Ihr krause Basilgen , Ihr zarten Violen , Und dich Violette , Euch wird man bald holen , Hüte dich , schöns Blümelein ! - Ich glaubte , sie scherze , und sang : » Es ist ein Sämann , der heißt Liebe . « - Aber sie kannte mich nicht mehr . - Bald starb sie , - wo sie jenen Morgen saß , steht jetzt ihr Grabmal . - Maria ist heute morgen gestorben ; er wollte einige Minuten vor seinem Tode , da er sich sehr heiter fühlte , noch auf der Laute spielen , aber seine Krankheit , die , wie ich erzählt habe , eine Zungenentzündung war , war in eine Herzentzündung übergegangen , der Schmerz ergriff ihn plötzlich sehr heftig , er ließ die Laute fallen , und sie zerbrach an der Erde . - Er starb in meinen Armen , wir haben viel an ihm verloren . In der letzten Zeit las er meistens in Tiecks Schriften . In der zerbrochenen Laute , deren sich einstens Kordelia bedient hatte , wie ich oben angeführt hatte , stand der Name : Annonciata Wellner - Kordelia und Annonciata sind also dieselben , - nun durfte ich die Stube eröffnen , denn ihr Name war entdeckt ; ich fand viele Papiere von ihrer eignen Hand , und besonders viele Gedichte an die Natur . Ich hoffe in einer weniger traurigen Zeit alles dieses bekannt zu machen , und eröffne nur folgendes : Als Annonciata aus dem Schlosse verschwunden war , hatte sie der Geliebte Wallpurgis ' entführt , sie liebte ihn grenzenlos , - aber er verließ sie , nachdem sie ihm das höchste Opfer gebracht hatte , das ein Weib bringen kann . - Meine Leser glauben zu wissen , was dieses Opfer sei ; aber ich schwöre ihnen auf meine Ehre , sie irren sich , das höchste Opfer ist nicht das heilige Liebeswerk - ich kenne es allein , und wenn ich aufgehört habe , zu staunen und zu verehren , will ich dieses höchste Opfer des Weibes bekannt machen . Einige Nachrichten von den Lebensumständen des verstorbenen Maria Mitgeteilt von einem Zurückgebliebenen Der Leser , der in den vorhergehenden Blättern bald mehr bald weniger gerührt und angesprochen wurde , wird nicht ohne Interesse diesen Erinnerungen an den verstorbenen Verfasser begegnen . Sein ganzes Leben war so geheimnisvoll , daß ich , statt einer vollständigen Entwicklung seines Gemüts und seiner Jugend , nur mitteilen kann , wie ich ihn kennen gelernt , wie er mir und unsern Freunden erschienen ist und wie wir noch jetzt um ihn weinen . Der Kummer findet in jeder Klage Trost - und an verlorne Hoffnungen denken wir leichter , wenn wir auch andere dafür interessiert wissen . Seine äußere Erscheinung bizarr oder angenehm , aber immer anziehend - seine Unterhaltung schnell , sehr lebhaft , immer witzig - vielen fremd , einigen sehr lieb - in seinem ganzen Dasein ein gewaltsames Ringen seines Gemüts und der äußern Welt - so sah ich Maria zuerst in J. und fühlte mich schnell zu ihm hingezogen . Keiner , der in J. war , nennt diesen Abschnitt seines Lebens ohne Dankbarkeit und angenehme Erinnerung ! Elise ! - Dieser Sommer , in dem ich Maria kennen lernte , und das Jahr , das wir miteinander verlebten , sind mir unvergeßlich . Wie es überhaupt Ton in J. war , mit allen bekannt , mit wenigen vertraut zu sein , denn eine anständige Freiheit schuf eine glückliche Geselligkeit , in der jeder leicht den fand , den er suchte - so fanden auch wir , Maria und ich , uns bald in einem fröhlichen Kreise gleichgesinnter Freunde . Ihr guten Jünglinge , du vor allen treuer Wr . , wo ihr auch seid , entfernt , zerstreut - Maria hat euch nie vergessen - ihr begegnetet den letzten Blicken , die er zurückwarf - neben seinem Schatten reicht mir die Hand , nicht wahr ? wir lieben uns noch und vergessen ihn nicht ? - Darf ich nennen , was uns alle verband ? Ein Dichter hatte uns alle geweckt ; der Geist seiner Werke war der Mittelpunkt geworden , in dem wir uns selbst und einander wiederfanden ; mannigfach voneinander unterschieden waren wir , wie unsre Zeitgenossen , ohne Religion und Vaterland ; wer die Liebe kannte , fühlte sie zerstörend - ohne diese Dichtungen wäre der lebendige Keim des bessern Daseins in uns zerstört , wie in so vielen . Im Genusse dieser Werke wurden wir Freunde , in Erkenntnis seiner Vortrefflichkeit gebildet , mit dem Leben einig , zu allen Unternehmungen mutig , zu einzelnen Versuchen geschickt . Deutschland hätte unser Studium Goethens kennen gelernt , wenn mehrere von uns Marias poetisches Talent gehabt . Sein Gemüt war früher von einem andern Dichter berührt und seine dunkle verstimmte Jugend konnte sich lange dem heitern Genius nicht vertrauen ; aber bald verdankte er ihm , daß sein Schmerz Klage , sein Unglück Kraft , seine Trauer um Liebe Streben nach Kunst wurde . Alle Erinnerungen seiner Kindheit verloren sich in den Schmerz , keine Eltern zu haben , alle Hoffnungen seiner Jugend brach die Verzweiflung der Liebe . Wie sein Leben bedeckte auch diese Leidenschaft ein Schleier . Daß er ein edles Weib , getrennt durch Verhältnisse , unglücklich liebe , war keinem von uns verborgen , denn es war der Inhalt seines ganzen Daseins . Das Geheimnis selbst schläft in deiner Brust , Clemens Brentano ! Du hattest Marias ganzes Vertrauen , und weil du weißt , was er litt , darum hast du am tiefsten gefühlt , wie wert ihm die Ruhe ! Er gestand uns gern , wie er sich erheitre in unserm Umgange ; er fing an , sich und seinen Talenten zu vertrauen - mehrere Aufsätze , die noch nicht gedruckt wurden , sind in dieser Zeit geschrieben - sein Godwi entworfen , hin und wieder ausgeführt . In keinem glücklichern Momente hätte er das angenehmste Verhältnis finden können , das er jemals hatte - deine Bekanntschaft , T. , und den Umgang mit dir , Fr . S. , und deiner edlen Freundin . Freundlicher T. , führt dir ein Zufall diese Blätter in die Hände , siehst du sie lächelnd durch , wie du pflegst , darf ich dich anreden , darf ich dir sagen , wie wir alle dich liebten , wie du uns im Leben begegnetest wie in der Dichtung , einfach , gütig , der Gottheit und der Vorzeit empfänglich , reich an treffendem Witz , reicher an Gefühl , Dichter und Künstler , wie es wenige sind ? Von uns allen hatten deine Werke Maria am meisten gerührt , er pries sich glücklich , je mehr er dich sahe , er ward fleißig , von dir zu lernen , noch auf seinem Krankenlager erquickten ihn deine Erfindungen . T. ' s Umgang war ihm ermunternd - S. ' s Nähe bildender . Wenige haben sich dir , gute fromme Seele , mit diesem Vertrauen genähert - deinen Verstand , deinen Blick , deine tiefe gefühlte Würde , F.S. , achtete Maria , - deinen verhüllten Enthusiasmus erkannte er . Sein Schicksal war ein ewiger Irrtum - so hat er euch verloren . Daß ich unter seinen Freunden noch die auszeichne , die am meisten auf ihn gewirkt haben . Die Wissenschaft mag R. ' s Genie , den erfindsamen Fleiß , den tiefen Geist und die heilige Ahndung seiner Untersuchungen dankbar bewundern - Maria liebte die Heiterkeit , mit der er ein großes Leben begann und den kühnen Witz seiner Unterhaltung . Von einer andern Seite berührte ihn die seltene Erhabenheit in Kl . ' s Gemüte . Trefflicher Spiegel deines Zeitalters ! Dich weckte schon in früher Jugend der Genius , mit verstecken Erfindungen dem Irrtume zu begegnen - was du geschrieben , ist eine stille Persiflage der herrschenden Schwäche - mit kluger Mäßigung verhüllst du dein Vorhaben und deine Originalität - viele sind dir begegnet , ohne dich zu erkennen -