erblickte im treibenden , verdunkelten Getümmel seine Pflegeeltern und Rabette , aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele konnt ' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten , hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte . Doch in Jugendjahren hängt kein schwarzer , nur ein bunter herab , und an allen ihren Schmerzen sind noch Hoffnungen ! Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik . Der Fürst führte endlich seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen ; Karl , heute blind gegen , nicht für seine Rabette , nahm den brennenden Grafen mit . Am äußern Tempel ließ sich nichts erraten , was seinem magischen Namen entsprach ; bloß die Fenster gingen vom Dache dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren , statt von Rahmen und Fenstersteinen , in Zweige und Blätter gefasset . Aber als die Fürstin durch eine Glas-Türe eingetreten war , schien ihr der Pavillon verschwunden ; man stand , schien es , auf einem einsamen , von einigen Baumstämmen bewachten freien Platz , welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten . Wunderbar , wie von spielenden Träumen , waren Lilars Gegenden untereinandergeworfen und die entgegengesetzten zusammengerückt - neben dem Berg mit dem Donnerhäuschen stand der mit dem Altare , und hart neben dem Zauberwald bäumte sich der hohe , schwarze Tartarus auf - Ferne und Nähe verschlangen sich ineinander - ein frischer Regenbogen von Gartenfarben und ein entfärbter Nebenregenbogen liefen nebeneinander fort , wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar vor der blitzenden Gegenwart entläuft . Indes die Fürstin noch in das träumerische Blendwerk versank137 : so trat wie aus der Luft Liane durch eine gläserne Seiten-Türe in Idoinens Lieblingsanzug , im weißen Kleide mit Silberblumen und in ungeschmücktem Haar mit einem Schleier , der nur angesteckt an der linken Seite lang niederfloß , wankend hervor und lispelte , als die Fürstin getäuscht » Idoine ! « ausrief , zitternd und kaum hörbar : » Je ne suis qu ' un songe . « 138 - Sie sollte mehr sagen und eine Blume reichen ; aber als die bewegte Fürstin fortrief : » Soeur cherie ! « und sie heftig in die Arme schloß , so vergaß sie alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus , weil ihr das fremde , vergebliche Schmachten nach einer Schwester so rührend war . - Albano stand nahe an der erhebenden Szene ; der Verband von allen Wunden wurd ' ihm abgerissen , und ihr Blut floß warm aus allen nieder . O , nie war sie oder irgendeine Gestalt so ätherisch-schön , so himmlisch-blühend und so demütig gewesen ! Als sie die Augen aus der Umarmung aufhob , fielen sie auf Albanos bleiches Gesicht . Es war bleich nicht vor Krankheit , sondern vor Bewegung . Sie fuhr zuckend zurück , umarmte die Fürstin wieder ; der bleiche Mensch hatte ihr bewegtes Herz in eine Träne nach der andern zerrissen ; aber beide grüßten sich nicht und so fing ihr Abend an . Während der Täuschung und Umarmung waren auf einen Wink des Fürsten alle Zweige und Tore des Gartens in einen glänzenden Brand gesteckt - alle Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldnen Flügeln aufgeschreckt hoch empor - im umgekehrten Regen spielte eine weiße , grüne , goldne und finstere Welt , und die Wasser und die Flammenstrahlen flogen wie Silber- und Goldfasanen mutwillig gegeneinander an . - Und der Glanz des brennenden Edens umfing den Tempel des Traums , und der Widerschein legte sich in sein inneres grünes Laubwerk vergoldend . Liane trat an der Hand der ehrenden Fürstin mit niedergeschlagnen , verschämten Augen in die helle , rege Sonnenstadt heraus , ins Getümmel der Musik und der frohen Zuschauer . Auf Albano schoß die stürmische Gegenwart wie ein Strom ; die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen - der Freudenglanz des Abends - und die nächtliche Verwirrung in seiner Brust machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer . Die Fürstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter ; Lianen ließ sie nicht von sich . Der Minister färbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen Sklaven auf ; aber jedem schien er , da die Fürstin den Kredit nach dem Tode des Fürsten bestimmt , nur die Sitte der Minister nachzumachen , deren Geist gern vom Vater und Dauphin - filioque - zugleich ausgeht , um sich nicht zwischen , sondern auf zwei Fürsten-Stühle zu setzen . Sie schien indes seit seiner Maschinerie mit Lianen ihn stolzer aufzunehmen . Hinlänglich beglückte ihn das Glück der Tochter , wie seinen Schwiegersohn Bouverot die Nähe derselben genug , und das Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blumen weidend . Albano erriet weiter nichts , als daß sogar ein kalter Drache , ein Seelenurangutang die Reize dieses Engels dunkel spüre . Die Ministerin und der Lektor teilten sich leicht wechselnd in die Bewachung Lianens vor jedem Worte - Albanos . Die Fürstin ließ sich durch die funkelnden Lustgänge , durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das Donnerhäuschen führen , um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr malerisches Auge zu nehmen ; Liane und Albano begleiteten sie durch alle Gänge ihres welken , kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrümmerten Herzen stumm und fest zusammen . Sie gab , treu ihrem Wort gegen die Eltern , ihm keinen wärmern Blick und Anklang wie jedem , aber auch keinen kältern ; denn ihre Seele wollte ja nicht quälen , sondern nur leiden und gehorchen . Er machte glaubt ' er - alle Blicke und Laute sanft ; auch rächte sich der edle Mensch durch keinen Schein der Kälte oder gar einer untreuen Befreundung mit der fürstlichen Kron- und Herzenswerberin . Die Fürstin fing an , ihm unverständlich zu werden . Man kam vom Romantischen auf Roman , dann auf die Frage , warum er die Ehe nicht male ; » weil er « ( versetzte sie ) » ohne den Amor nicht sein kann . « - » Und die Ehe ? « fragte unhöflich Albano . - » Nicht ohne einen Freund ; « ( sagte sie ) » aber Amor ist ein Gott , nec deus intersit nisi dignus vindice nodus inciderit139 - - « , setzte sie dazu , weil sie Latein der Dichter wegen gelernt hatte . Bouverot sagte den Vers gar aus , um den Sinn doppelsinnig zu machen : » - nec quarta loqui persona laboret . « 140 Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Fürstin . » Warum sind an jenem Hause « ( fragte sie ) » keine Lampen , wer wohnt da ? « Sie meinte Speners Haus . Liane beantwortete nur das letztere und schloß das warme Bild mit den Worten : » Er lebt für die Unsterblichkeit . « - » Was schreibt er ? « fragte die mißverstehende Fürstin ; und Liane mußte eine christliche Erklärung geben , worüber die Ungläubige lächelte . Es erhob sich sogar für und gegen den ewigen Schlaf ein Streit , der nicht viel weniger Zeit wegnahm , als sie brauchten , um das Donnerhäuschen zu umkreisen . Die Fürstin fing an : » Wir würden gegen unsern täglichen Schlaf ebensoviel , wenn er nicht da wäre , einzuwenden wissen wie gegen den ewigen . « - » Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus « , griff Albano ein und kürzte die Religionsunruhen ab . Die Fürstin kam auf den ihr durch die lange Trauer über ihren verstorbnen Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zurück ; und Liane , des mütterlichen Beifalls gewiß , ergoß sich in einen Strom der Rede und Rührung - ihren Augen war einer verboten - , der ein erhabenes Bild ihres Lehrers vorübertrug . Wie erschütterte die Erhabenheit dieser so weichen , zarten Seele ihren Freund ! So richten sich im blassen , kleinen Mond und Abendsterne höhere Gebürge als auf der größern Erde auf ! - » Sie war auch einmal für dich begeistert , aber nun nicht mehr « , sagte Albano zu sich und blieb hinter allen zurück , weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die Fürstin zu mißfallen anfing . Er stellte sich allein und sah dem rauschenden , leuchtenden Waffentanze der Freude zu . Die Kinder liefen beglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub . Die Töne schwebten , zu einem Kranze ineinandergeschlungen , hoch in ihrem Äther über den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab . Nur in mir , sagt ' er sich , wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her , in niemand weiter , in Ihr gar nicht ; sie hat für alle das alte erfreuende Liebesherz mitgebracht , für mich nicht ; sie hat bisher nicht gelitten , sie blüht genesen . Er bedachte aber nicht , daß ja auch seine Kämpfe keinen Tropfen Wasser in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen ; in Lianen konnten Wunden aus solchen Kämpfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weißen Rosen zu roten färben . Aber er nahm sich vor , ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten . Er wechselte daher mit seinen Pflege-Verwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte ; - er sagte zu Rabetten : » Nicht wahr , es gefällt dir ? « - er schreckte ohne Willen den um einige neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage auf : » Warum lässest du meine Schwester so allein ? « Aber sooft er hinübersah zu Lianen , die heute in ihrem langen Schleier als die einzige ohne schwere dicke Gala-Hülse , gleichsam als eine junge , atmende , weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging , so verschämt-beschämend , wie eine Zitternadel glänzend und bebend , so oft wälzten sich Flammenklumpen in ihm los . Die Leidenschaft wirft uns , wie die Epilepsie oft ihre Elenden , gerade an gefährliche Stellen des Lebens , an Ufer und Klüfte hin . Er lehnte den Kopf an einen Baum , ein wenig gebückt ; da kam Karl aus seinen Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken , was ihn so erzürne ; denn das Niederbücken hatte auf sein straffes , markiges Gesicht düstere , wilde Schatten geworfen ; » nichts « , sagt ' er , und das Gesicht leuchtete mild , da ers emporhob . Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und sagte : » Dir fehlt was ! « - » Du « , versetzt ' er und sah sie sehr zornig an . » Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen ! « ( rief sein Herz ) » dein Vater beugte sich nie ; sei sein Sohn ! « Er schritt durch die Glanz-Welt darauf hin ; aber als er innen in der Finsternis mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die Töne neckend hereinspielten und er sich dachte , wie er eine so edle Seele geliebet hätte , o wie sehr : so war es , als sag ' etwas in ihm : » Jetzt hast du deinen ersten Schmerz : auf der Welt ! « Wie bei dem Erdbeben Türen springen und Glocken schlagen : so riß bei dem Gedanken » erster Schmerz « seine Seele auseinander , und harte Tränen schlugen nieder . Aber er wunderte sich , daß er sich weinen hörte , und trocknete erzürnt das Gesicht am kalten Moose ab . Schwächer , nicht härter trat er in das zauberische , mit glimmenden Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhüpfenden Töne , die die Seele wegreißen und aufheben und auf Höhen stellen wollten , damit sie in weite Frühlinge des Lebens hinunterschauete ! Hier auf diesem sonst seligen Boden sah er die zerrissene , zertretene Perlenschnur seiner künftigen Tage liegen . » O , wie wir an diesem Abende hätten selig sein können ! « dacht ' er und sah ins helle Laubhüttenfest , in das vergoldete , aber lebendige Laubwerk - in den grünen umherirrenden Widerschein , vom Nachtwinde gewiegt - und in das Lauffeuer brennender Gebüsche in den fließenden Wassern - auf den bogigen Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen - und hinter ihm die schwarze Klostermauer des Tartarus , der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne Lichtchen zeigte - und drüben die stillen , schlafenden Berge in der Nacht und hier das laute Leben der Menschen , mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen spielend ! So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind , der es noch höher jagt . Neben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken , den er töten wollte . Wie der Mensch sich selber sieht , so hört er sich selber oft vor dem Tone . Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti » Ich will mit ihr reden , so ists aus « , sagt ' er zu sich . Als er neben ihr kämpfend und ringend ging : merkt ' er wohl , daß sie wieder unter fremde Zuhörer zurückwollte . » Liane , was hab ' ich dir denn getan ? « sagte er mit dem Seelentone eines zärtlichen Herzens , bitter des Lektors Gegenwart und Kräfte verachtend . » Verlangen Sie nur heute keine Antwort , lieber Graf « , sagte sie zurückkehrend und nahm eilig Augustis Arm ; aber er merkte nicht , daß sie es tat , um nicht zu sinken . Hier warf er auf diesen einen Flammenblick , hoffend , beleidigt und dann gerächt zu werden verließ sie hastig und stumm - den süßesten Liebes-Wein hatte ein heißer Strahl zu Essig geschärft - und er verlief sich , ohn ' es zu wissen , in den Traum-Tempel . Er ging darin auf und ab , murmelte : » Je ne suis qu ' un songe « ; wurde aber bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinausgetrieben in den Tartarus und von dem nachfliegenden ewigen Frühling der Töne , der ihm jetzt neben dem umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unerträglich war . Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und lächerlich . Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette entgegen . Roquairols flammendes Gesicht erlosch , und Rabetten ihres kehrte sich rückwärts , da Albano heftig gegen sie hinschritt und , durch die Erinnerung gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine glühenden Ruinen aufflammend , den Hauptmann anpackte : » Bist du ein Freund ? - Bist du kein Teufel ? - - Du hast mich auf diesen Abend verwiesen ; nie , nie red ein Wort mehr von ihm ! « - Beide zitterten bestürzt und entfärbt ; Albano schrieb das Erbleichen und Abwenden , ohne weiter nachzudenken , ihrem Anteile an seiner Marter zu . Welche verwirrende , feindselige Nacht ! Er schweifte immer weiter , ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der Töne unsäglich - lügende entgegenflatternde Tropikvögel der schönern wärmern Zone waren sie ihm - » Ich will ja bloß in mein Bette , sobald es nur still wird drinnen ! « - Er war eine halbe Meile weit , als das Lilarsche Tönen ihm noch immer nachzog ; er drückte grimmig die Ohren zu , aber Lilar spielte darin noch fort - da merkte er , daß er nur sich höre . Aber immer war ihm , als müßte sich das lustige Geklingle wie im Don Juan auflösen in das Zetergetöne von Geistern . Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künftigen Tage zu , da er nun aus ihnen den Mond seines Himmels , der schon über sein kindisches Herz und über die Blumenbühler Pfade geleuchtet , herausriß . Der blühende , hüpfende Genius seiner Vergangenheit schlich ungesehen , den Freudenkranz bloß in der Hand , hinter ihm weg , indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte , der ihn nachschleppte durch brausende Waldungen - durch schläfrige Dörfer - durch nasse , triefende Täler . - Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen , unzähligen Sterne , zu dem hängenden Blüten-Garten Gottes : » Ich schäme mich vor euch nicht , « sagt ' er , » weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor eurer Unermeßlichkeit - droben steht ihr alle weit auseinander - und auf allen großen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen Füßen , wo er glücklich oder elend wird . - Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins Bette : morgen bin ich gewiß ein Mann und fest ! « Plötzlich hört ' er mehrmals einen fast erbitterten Klageschrei . Endlich erblickt ' er neben einem Flusse ausgestreckte weiße Ärmel oder Arme ; er ging an die weibliche Gestalt . » Ich bin leider Gottes blind « , sagte sie ; » ich war auch mit bei der Illumination und bin irre gelaufen - ich kenne sonst Weg und Steg , drüben liegt unser Dorf , ich höre den Hirtenhund - aber ich kann den Steg übers Wasser nicht finden . « Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte . » Gehts noch lustig da zu ? « fragt ' er unter dem Führen . » Alles aus « , sagte sie . Am Rosanastege ließ sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen . Er kehrte durch die schönen , schon vom Morgen tauenden Gebüsche auf eine Höhe vor Lilar - alles war still drunten - wenige zerstreuete Lampen flackerten im Flötental , und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tigeraugen - er ging in das leere Land hinunter über das stumme , platte Grab hinweg - seinen finstern , sinkend-steigenden Höhlengang hinauf - und in sein Bette hinein . » Morgen ! « sagt ' er kräftig und meinte seine Standhaftigkeit . Achtzehnte Jobelperiode Gaspards Brief - die Blumenbühler Kirche - die Sonnen- und Seelenfinsternis 79. Zykel Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte : so wird er am Morgen darauf , wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen überblickte , fast gelächelt haben über alle die Freuden und Ernten , die rings um ihn darniederliegen . In Blumenbühl drückt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hände mit zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an , um die Tränen-Röte wegzuwaschen - Aus Lilar kommt düster Albano , blickt die Erde statt der Menschen an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund - Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich außer Lands einen lustigen , trunknen Abend - Augusti schüttelt den Kopf über Briefe aus Spanien und sinnt verdrüßlich , aber tief nach - Liane lehnt in einem Schlafsessel , zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht , worauf nichts mehrblüht als die Unschuld - der Vater schreitet rotbraun auf und ab , sie antwortet nur schwach , indem sie die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit ein wenig hebt - - Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Menschen-Zeit schnell als ein dahinfliegendes Flügelpaar ohne Schnabel und Schweif ; der Geist hat die ferne Woche neben sich , wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht , daß in der Blumenbühler Kirche ein Altarlicht brennt , daß Liane darin mit aufgehobnen Händen kniet und daß ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere , glänzende Stirn auflegt , die sich mit tränenlosen Augen gen Himmel richtet . Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab , vor Lust kreiset er sich um sich und grinset über alle umliegenden Wohn- und Lustörter der Menschen ; oft lacht er um alle seine offnen Höllenzähne herum , nur zuweilen knirscht er sie bedeckt unter dem Lippenfleisch ... Seht weg - denn auch das sieht und will es - und tretet herab von dem winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit , wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint . Albanos Wunde , die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt , könnt ihr am besten am Verbande messen , den er um sie zu bringen suchte . Aus dem Troste und Selbst-Truge wird unser Schmerz erraten . Am Morgen ließ er die Schmerzen durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche ; dann stand er auf und sagte so zu sich : » Nur eines von beiden ist möglich : entweder sie ist mir noch getreu , und nur die Eltern zwingen sie jetzt - dann muß man diese wieder bezwingen , und da ist gar nichts zu jammern - ; oder sie ist mir aus irgendeiner Schwäche etwan gegen die wütigen und geliebten Eltern nicht mehr treu , oder aus Kälte gegen mich , oder aus Religiosität , Irrtum und so weiter - dann seh ' ich « ( fuhr er fort und suchte die beiden Füße tiefer und fester in den Boden einzutreten , ohne doch einen Widerhalt zu haben ) » weiter nichts zu tun als nichts , nicht ein plärrender Säugling , ein ächzender Siechling , sondern ein eiserner Mann zu sein - nicht blutig zu weinen über ein vergangnes Herz , über die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über meinen ungeheuern Schmerz . « So betört ' er sich und hielt das Bedürfnis des Trostes für die Gegenwart desselben . Jeden Abend besuchte er die Sternwarte außer der Stadt auf der Blumenbühler Höhe . Er fand den alten , einsamen , magern , ewig rechnenden , weib- und kinderlosen Sternwärtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind , nichts fragend nach Kriegszeitungen , Modejournalen und Poesien ; und nirgends für sein Vergnügen Geld ausgebend außer auf der Post an Bode und Zach . Aber funkelnd blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel , und poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge , wenn er von der höchsten irdischen Stelle , dem lichten Himmel über der schwarzen , tiefen Erde , sprach - von dem unübersehlichen Welt-Meer ohne Ufer , worein der Geist , der vergeblich überfliegen will , ermüdet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe unten an seinem Throne - und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem Tode , den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide , sondern der sich um sich selber ohne Anfang und Ende wölbe . Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte : so muß , wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet , unser Stolz und Schmerz auf ihr noch mehr erröten . Albano schämte sich , an sich zu denken , wenn er aufsah in die ungeheuere aufsteigende Nacht über ihm , worin Tage und Morgenröten stehen und ziehen . - Er erhob sich und seinen Lehrer , wenn er davon sprach , wie jetzt droben in der Unermeßlichkeit Frühlinge und Paradiese junger Welten und donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen , und wir stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan , und der brausende Gewitterguß zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller , stehender weißer Regenbogen auf der Nacht . Sooft Albanos großes Auge vom Himmel kam , fand es die Erde heller und leichter . Endlich aber kam die Nacht , die der feindselige Geist schon so lange erlebt . Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter , die Nebelflecken drangen sich als höhere Marktflecken näher heran , der Himmel schien mehr weiß als blau , Albano dachte an die verborgne Geliebte , die neben ihm den Himmel und ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unaufhörlicher Gebete : als er plötzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbühler Kirche Licht erblickte - die Fürstengruft offen - Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen Händen - und einen alten Mann neben ihr , sie gleichsam einsegnend - - Fürchterlich standen die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der Tiefe umgestürzt , weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen ließ . Albano bat schaudernd den Astronomen , dahin zu schauen . Auch dieser sah die Erscheinungen , ihm aber namenlose . » Es sind wohl Leute in der Kirche « , sagt ' er gleichgültig . Aber Albano stürzte hinab - kaum konnt ' ihm der verwunderte Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufen - und rannte auf Blumenbühl zu . Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten in Vertiefungen , worin er die erleuchtete Kirche verlor , abarbeitete , das bleibt verhüllt , weil es sich ihm selber verhüllte unter seinem Sturm . Endlich sah er die weiße Kirche vor sich , aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht . Er klopfte hart an die eiserne Kirch-Türe und rief : » Aufgemacht ! « Er hörte nur den Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter . So ging er mit der stürmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die schlafende Nacht zurück - die Erde war ihm eine Geisterinsel , die Geisterinseln waren ihm Erden - sein Wesen , seine Stadt Gottes brannte ab , fühlt ' er . Sie lag am Morgen noch in völliger Glut , als der Lektor zu ihm kam und ihm die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte , daß sie ihn gegen die Mittagszeit allein in Lilar zu sprechen wünsche . Er wurde diesesmal nicht gegen den verdächtigen Boten erzürnt und sagte voll Verwunderung Ja . Mit welchen kühnen , abenteuerlichen Formen steigt unser Lebens-Gewölke den Himmel hinan , eh ' es verschwindet ! 80. Zykel Lasset uns zu Lianen gehen , wo die Rätsel wohnen ! - Am Morgen nach der erleuchteten Nacht fühlte sie erst die grausame Anspannung nach , womit sie ihren Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten ; mit aufgelöseten Kräften sank sie darnieder , aber auch mit feuriger erneueter Treue . » Womit « ( sagte sie sich immerfort ) » hatt ' es denn dieser edle Mensch verdient , daß ich ihm seinen ganzen Abend voll Schmerzen machte ? - Wie oft sah er mich bittend und richtend an ! - O , hätt ' ich dein schönes Haupt halten dürfen , da du es schwer an die rauhe Fichten-Rinde lehntest ! « - Was sie in der schweren Mitternacht am wehmütigsten gemacht , war sein stummes Verschwinden gewesen ; wie oft hatte sie nach seinem außen mit Lampen erleuchteten Donnerhäuschen hinaufgesehen , wo innen nur Finsternis am Fenster lag ! Jetzt fühlte sie , wie nah ' er ihrer Seele wohne ; und sie weinte den ganzen Morgen über die Nacht , und der Strahl der Liebe stach sie immer heißer , so wie Brennspiegel die Sonne stärker vor uns legen , wenn sie gerade nach Regen niederblickt . Die Mutter wurd ' ihr heute für das opfernde worthaltende Gestern durch zurückkommende , vertrauende Liebe dankbar - obwohl der Vater mit nichts , da man bei ihm so wenig wie bei den ältern Lutheranern durch gute Werke selig wurde , sondern nur durch den Mangel derselben verdammt - ; aber eben jetzt , wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der Entsagung geschöpfet hatten , konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln . Wie oft dachte sie an Gaspards Brief ! - Ist er ein abgedrückter Pfeil , der mit der Wunde an der Gift-Spitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach Deutschland ist , oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes , das erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht ? Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten , allein nur Ursachen gefunden , ihn nicht zu übergeben . Hier ist er : » Ich muß Ihre Ängstlichkeit sehr schätzen , ohne sie anzunehmen . Albanos Liebe für das F. v. Fr . , an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse Virtuosität in der Tugend recht gern bemerkte , stellet uns und ihn gegen den Einfluß der Geister-Maschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher , die für seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher wären . Nur muß man dergleichen Jugend-Spiele ihrem eignen Gange überlassen . Hält er an ihr zu fest : so mag er zusehen , wie sich die Sache entwickelt . Warum sollen wir ihm diese Freude noch verkürzen , da Sie mir ohnehin leider die Kränklichkeit des schönen Wesens klagen ? Im Spätherbste seh ' ich ihn . Seine kräftige , brave Natur wird wohl zu entraten wissen . Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten Gesinnungen . G. d. C. « Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen , da so wenig daran » ostensible « war . Zwar Gaspards mörderisch geschliffne Ironie über Lianens Kränklichkeit blieb , wenn er ihr das Schreiben zeigte , für diese arglose Friedensfürstin in der Scheide ; - auch der Nordwind des Egoismus , der das Blatt durchstrich , wurde von der Liebenden , da er doch für Albanos frohe Lebensfahrt ein günstiger Seitenwind war , nicht gefühlt oder geachtet ; - aber eben darum ; denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in das Seil tödlich verwirren , woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund ziehen wollen . Indes der Brief mußte übergeben werden - aber er tats mit langen , scheuen Weigerungen , die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen sollten . Sie las ihn furchtsam , lächelte weinend bei der mörderischen Ironie und sagte sanft : ja wohl ! - Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge . » Wenn der Ritter « ( sagte sie ) » so denkt , darf ichs denn weniger ? Nein , guter Albano , nun bleib ' ich dir treu ! Mein Leben ist so kurz , darum