Herde zu walten , wo man mir bei jeder Gelegenheit das Opfer vorwürfe , das man bringt , da man mich duldet , wo alle Anerkennung , die ich mir erwerben könnte , von dem Gebrauch des Staublappens und Kochlöffels abhinge , und ein mißratener Braten mich als ein unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft brandmarkte ? Nein , Sie kennen mich weniger , als ich es dachte , wenn Sie glauben , daß über die Kluft , die Sie zwischen uns auftaten , je wieder eine Brücke führe . Ersparen Sie mir die Beschämung weiterer Auseinandersetzungen . Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft . Ich gehe von Ihnen , wie schon einmal vor Jahren , wo ich durchnäßt und zitternd vor Ihnen gestanden , und Sie nichts für mich hatten als ein kühles beschämendes Wort , daß ich mich als eine kleine Verbrecherin fühlte , obgleich ich mir so wenig wie heute einer Schuld bewußt war . Damals wäre ich eher gestorben , als zu Ihnen zurückgekehrt , obgleich mich Ihr Sohn , gesegnet sei er , wie eine Schwester betrachten wollte . Nach zwölf Jahren endlich brachte er mich wieder zu Ihnen — und besiegte die alte kindische Scheu — aber im ersten Augenblick , wo ich den Fuß über diese Schwelle setzte und Ihre kalte Begrüßung vernahm , wußte ich , daß auch hier keine Heimat für mich ist ! “ Sie schlug die Hände vor das Gesicht und lehnte erschöpft den Kopf an die Tür , durch die sie fort wollte . Die Staatsrätin , schnell versöhnt und gerührt wie alle heftigen , aber im Grunde guten Naturen , eilte auf sie zu und umfaßte sie . „ Liebes Kind ! Können Sie einer besorgten Mutter ein rasches Wort nicht verzeihen ? Mein Gott , es war unrecht , denn Sie sind viel unglücklicher als schlecht . Ich sprach in der Sorge um meinen Sohn ... “ „ Sie hätten darum nicht nötig gehabt , mir das Messer in die Brust zu stoßen . Ich habe nie daran gedacht , Ihres Sohnes Weib zu werden . Er ist ein viel zu schroffer Gegner meiner Ansichten , wie teuer er mir auch ist . Ich habe nichts gewollt als das Glück , einen Menschen auf der Welt Freund zu nennen . Doch auch dem kann ich entsagen . Ich werde es Ihnen beweisen . Leben Sie wohl ! “ Unaufhaltsam eilte sie vor der Staatsrätin her , die ihr folgte , aber nicht mehr hindern konnte , daß sie ihre wenigen Sachen zusammenraffte und das Haus verließ . Bang und zweifelhaft blickte ihr die Staatsrätin nach . „ Was wird Johannes sagen ? Er wird die Mutter verwünschen ! “ klagte sie , doch bald richtete sie sich auf und sprach ruhig und fest : „ In Gottes Namen denn — ich will es tragen . Es ist doch besser so ! “ Fünftes Kapitel . Die Stärke der Schwachen . Am Morgen desselben Tages , der Ernestine aus einem kurzen friedlichen Asyl vertrieb , schlief Herr Leonhardt ungewöhnlich lange . Die Frau Schulmeisterin , die ihn nicht zu wecken wagte , sah besorgten Blickes nach der alten Kuckucksuhr , die schon halb sieben zeigte . Es war so natürlich , daß der Greis müde war von den gestrigen schweren Erlebnissen . So erschüttert hatte ihn Frau Brigitte noch nie gesehen , er hatte bitterlich geweint , als er heim kam — geweint mit seinen armen , kranken Augen . Jeder Tropfen war der treuen Gefährtin brennend auf die Seele gefallen . Die Gemeinde , der er durch fast ein halbes Jahrhundert ein ehrenfester , aufopfernder Freund und Leiter war , hatte den Stein gegen ihn erhoben , hatte Alles vergessen , was sie ihm schuldig war ; — das brach dem müden zukunftslosen Greis das Herz . Frau Leonhardt saß auf der Ofenbank . Sie hatte die guten , dicken Hände gefaltet und dachte darüber nach , wie es geschehen konnte , daß Jemand den Mann kränkte , der für sie der Inbegriff aller Ehre und Würde war ! Da hob die Uhr aus , der Kuckuck sprengte sein Türchen und fuhr heraus . Siebenmal schrie er flügelschlagend sein „ Kuckuck “ ab und warf das Türchen so derb hinter sich zu , als sei er ärgerlich , daß sich noch immer nichts um ihn rege . Frau Leonhardt erhob sich . Der alte Herr mußte nun aufstehen , denn um acht Uhr kamen die Schulkinder . Sie stieg eine steile , schmale Hühnertreppe hinauf in den oberen Stock , der nur aus Mansarden bestand und trat leise in die Schlafkammer . Herr Leonhardt lag mit dem Gesicht nach der Wand gekehrt . „ Alter , schläfst Du noch ? “ fragte Frau Leonhardt . „ Was ist ’ s , was gibt ’ s ? “ rief Herr Leonhardt fast erschrocken : „ Brennt es wirklich ? “ „ Alter , Du träumst . Ich dächte , es wäre Zeit zum Aufstehen . Du mußt doch Schule halten ! “ „ Aber liebe Frau , es ist ja noch Nacht . Was tust Du denn schon auf ? “ „ Nacht ? “ lächelte Frau Leonhardt . „ Sieh , wie verschlafen Du bist — es ist ja helllichter Tag , schon sieben Uhr ! “ „ Tag — helllichter ? “ rief der Greis mit einem eigentümlichen Tone . Er richtete sich auf — - rieb sich die Augen — rieb sie wieder und starrte in die grellen Sonnenstrahlen , aber seine Wimpern zuckten nicht . Er war todesblaß . „ Wie ist Dir , lieber Mann ? “ fragte die Frau beunruhigt . „ Gut , gut , Mütterchen , nur noch ein wenig müde , “ sagte er mit unsicherer Stimme . „ Geh nur hinunter — und richte den Kaffee — ich komme gleich nach ! “ „ Soll ich Dir nichts helfen ? Du zitterst ja — Du hast das Fieber ! “ rief Frau Brigitte . „ Nicht doch — ich bin wohl — geh nur , geh , ich bitte Dich . “ Sie gehorchte , so schwer es ihr wurde . Sie war es so gewöhnt . Als sie hinunter kam , mußte sie weinen , sie wußte selbst nicht warum . Sie trug den Kaffee auf . Sie lauschte pochenden Herzens auf Leonhardts Schritt . Eine Ewigkeit von zwanzig Minuten verging — endlich hörte sie ihn die Treppe herabkommen , langsam , unsicher , schleppend . Ihr war es , als stiege ein schweres Unglück zu ihr nieder . Wie sonderbar . Er tastete an der Tür , bevor er sie öffnete . Er mußte recht krank sein . Sie lief ihm entgegen — doch sein Anblick beruhigte sie . Er war sehr bleich , aber sein Ausdruck wieder friedlich und freundlich wie immer . Er legte seine Hand auf ihren Arm : „ So , Mütterchen , nun wollen wir frühstücken , Du hast gewiß auf mich gewartet ! “ „ Freilich , freilich , “ nickte Brigitte und führte ihn zum Tisch . „ Hast Du denn Appetit , ist es Dir besser ? “ „ Ja , meine liebe Frau , schenke mir ein und bediene mich ein wenig . Ich bin noch etwas matt . “ „ Gewiß , gewiß , “ die alte Frau goß ihm den Kaffee ein . „ Hier ist die Milch . “ Sie stellte die Kanne neben die Tasse . Vorsichtig griff Herr Leonhardt danach und umspannte mit der Hand den Rand der Tasse , um nicht daneben zu gießen , dennoch schüttete er sich die heiße Milch über die Finger . Aber er sagte nichts und wischte sie ganz heimlich ab . Dann führte er das Getränk langsam zum Munde . Sie legte ihm auch ein Brötchen hin . Er brach etwas davon und aß , aber er brauchte Zeit , bis er den Bissen hinunterschluckte , die zahnlosen Kiefern kauten mühsamer denn je . „ Schmeckt es Dir nicht ? “ fragte Brigitte . „ Doch , doch — trink Du nur — trink Du nur ! “ Und er horchte , ob sie es tat . Als sie den Kaffee geschlürft hatte und das Schälchen wegsetzte , stellte auch er das seine hin , nachdem er vorher behutsam mit der Hand den Tisch gesucht . Die Frau sah ihm bedenklich zu : „ Höre , Alter — mich dünkt , Deine Augen sind heute wieder schlechter ! “ „ Ich glaube es auch , “ erwiderte er gelassen . „ Hast Du gefrühstückt , liebe Frau ? “ „ Ja wohl , ich bin fertig . “ „ Nun so komm — und setze Dich zu mir her auf die Bank — ich möchte etwas mit Dir reden — bist Du da ? So ! Gib mir Deine Hand und höre mir recht ruhig zu . “ Die Schulmeisterin sah ihn beklommen an , sie konnte sich nicht erklären , was ihr das Herz so plötzlich zusammenpreßte , daß ihr der Atem verging . Herr Leonhardt streichelte ihre Hand und sprach freundlich wie zu einem Kinde : „ Du hast mir in den achtzehn Jahren , die wir auf einander warten mußten und in den dreißig Jahren unserer Ehe keine trübe Stunde bereitet und auch ich habe Dir an Unangenehmem wohl fern gehalten , was ich irgend konnte . Du hast standhaft jedes gemeinsame Unglück getragen , hast unsere ersten Kinder mit mir begraben und mich getröstet , wenn die Verzweiflung mich übermannte . Diese Kraft bewahre Dir auch jetzt ! Ich muß Dir einen großen Schmerz bereiten , ich kann ihn Dir nicht ersparen . So erspare Du mir wie immer den Schmerz , Dich verzagen zu sehen . Versprich es mir ! “ „ Um Gotteswillen , Mann , rede — ich verspreche Dir ja Alles , Alles ! “ „ Schau , liebe Frau , was wir schon lange befürchten mußten , ist jetzt endlich eingetroffen — „ er zog ihre Hände näher zu sich . „ Als ich heute Früh erwachte , wurde es nicht mehr Tag für mich ! “ — Ein dumpfer unterdrückter Jammerton erscholl auf diese Worte — dann war es still , die Hände der alten Frau entglitten ihm — er griff um sich , aber er fand sie nicht mehr neben sich . Sie war von der Bank herabgesunken und hatte das Gesicht in die Arme verborgen , damit er sie nicht wimmern höre . „ Mutter , wo bist Du ? “ fragte er nach einer kleinen Weile . Die alte Frau umschlang seine Knie und drückte das tränenfeuchte Antlitz darauf : „ O Du armer guter Mann — blind ! Allmächtiger Gott — die armen , lieben Augen ! “ Und mit diesem Weheruf brach auch der ganze , mühsam zurückgehaltene Schmerz hervor und laut schluchzend wand sie sich zu seinen Füßen . Herr Leonhardt zog sie sanft empor , ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter , er wartete still , bis der erste Ausbruch vorüber ging . Auch er hatte diesen Morgen Augenblicke gehabt , wo ihn Niemand sehen durfte als Gott — er konnte von dem schwachen Weibe nicht mehr verlangen , als er selbst über sich vermocht . — Endlich sagte er leise und innig : „ Mütterchen , Du hast Alles für mich getan , was ein Weib dem Gatten Gutes erweisen kann , — ich dachte immer , mehr sei gar nicht möglich ! Und dennoch will der liebe Gott in Deinen alten Tagen das Maß Deiner Aufopferung noch erhöhen und bürdet Dir Schwereres auf , als Du je gedacht . Er macht mich zum hilflosen Krüppel , nimmt Dir die Stütze und fordert von Dir alten , müden Pilgerin , daß Du dem Manne noch auf dem Weg zum Grabe Stütze seist . Das ist wohl hart — aber , liebe Brigitte — wenn der Herr ruft , wie müssen wir antworten ? “ „ Herr , hier bin ich ! “ sagte die Frau und in dem Tone , mit dem sie die Worte sprach , lag eine wunderbare Ergebung und Opferfreudigkeit . Sie umschlang den greisen Gatten und ihre Tränen flössen milder , als sie fortfuhr : „ Ich will Dich führen und stützen und nimmer müde werden ! “ „ Ich danke Dir , Du treues Herz — und nun tu ’ mir ’ s auch zu Liebe und fasse Dich ! Denke nur , wie es wäre , wenn Du mich diesen Morgen tot im Bette gefunden hättest — wäre das nicht schlimmer ? “ „ Ja — ach , tausendmal schlimmer ! “ „ Nun siehst Du , so laß uns nicht mit Gott hadern , daß er mir von den fünf Sinnen , die er dem Menschen verleiht , um die Herrlichkeit seiner Welt zu genießen , einen nahm , — ließ er mir doch deren noch vier . Kann ich auch Dein liebes Gesicht nicht mehr sehen , so höre ich doch Deine milde , tröstende Stimme , fühle Dein treues Walten um mich her . Und kann ich auch die Sonne nicht mehr sehen , so wärmen mich doch ihre Strahlen , ich atme den Duft der Blumen , die sie erschließt , ich genieße die Früchte , die sie reift , ich höre den Gesang der Vögel , die sie jubelnd preisen — und ich werde sie mit ihnen preisen und meinen Schöpfer loben — ja , aus vollstem Herzen ! Denn viel , viel hat er mir gelassen ! Wir wollen nicht mit ihm rechten um das Maß seiner Großmut dem undankbaren Bettler gleich , der eine Gabe dadurch lohnt , daß er klagt , es sei nicht genug ! — Ich habe achtundsechzig Jahre die Sonne gesehen , wie könnte ich darüber murren , daß Gott mir noch vor meinem Eingang zum ewigen Lichte die Binde um die Augen legt , wie man es wohl dem Kinde tut , wenn man es zum hellen Weihnachtsbaum führt ! — Ich will die Binde geduldig tragen und meine Seele würdig auf den Anblick der Herrlichkeit vorbereiten , die meiner wartet ! So , meine liebe Frau , wollen wir es betrachten , dann werden wir nicht mehr traurig sein ! “ Der Greis schwieg — seine blinden Augen erglänzten von einem inneren Lichte — es war der Wiederschein jener himmlischen Strahlen , die er im Geiste voraussah . Seine Frau hatte ihm mit gefalteten Händen zugehört , auch ihre einfache Seele hob eine Ahnung seiner Größe über sich selbst empor und die friedliche Stille , die sie nun umgab , war zu heilig , um sie durch einen Laut irdischen Schmerzes zu stören . Tränenlos hing ihr Blick an den edlen Zügen des Mannes , der ihr das Höchste in der Welt war und sie harrte demütig eines weiteren Wortes von ihm . Endlich rang sich ein Wort über ihre Lippen , das einzige , das in diese Stimmung paßte . „ Und unser Sohn ? “ fragte sie leise . Ein schmerzliches Zucken glitt über sein Gesicht : „ Das ist das Bitterste — unser armer Sohn ! Gott möge ihm die Kraft geben , die er mir einst gab , als ich der akademischen Laufbahn entsagte und Schullehrer ward ! Ich habe ihm schon neulich den Ausspruch der Ärzte mitgeteilt , den ich Dir verschwieg , um Dir den Schmerz zu ersparen , so lange es ging . Er schrieb mir noch an demselben Tage einen Brief heraus , den ich Dir jetzt mitteilen werde , wo Dir nichts mehr zu verbergen ist . Du sollst ihn lesen und Dich freuen , einen solchen Sohn geboren zu haben ! “ „ Der gute Junge ! “ „ Er will seine Studien aufgeben und meine Stelle hier antreten , damit wir vor Mangel geschützt sind . “ „ Wird das aber die Obrigkeit erlauben ? “ „ Ja , es ist mir bereits gelungen , die Erlaubnis vom Ministerium zu erwirken . “ „ Du weiser , vorsichtiger Mann — “ rief die Frau gerührt . „ So vorsorglich hast Du alles bedacht und eingerichtet mit dem schweren Kummer auf dem Herzen und hast mir ’ s verschwiegen — und tröstest mich jetzt , anstatt daß ich Dich tröstete ! O Du lieber Gott , wie hab ’ ich schlichte Frau solch einen Mann verdient ? ! “ Sie drückte einen Kuß auf seine hagere Hand . Da erschallten die Tritte der Schulkinder auf der Hausflur . Herr Leonhardt erhob sich und schritt der Tür zu . „ Warte , ich will Dich führen ! “ rief Brigitte . „ O , laß nur — “ wehrte er lächelnd ab . „ Ich habe mich schon lange auf meine Erblindung vorbereitet und mich im Gehen und Hautieren mit geschlossenen Augen geübt , um , wenn der Fall einträte , nicht gar so hilfsbedürftig zu sein . Siehst Du — das kommt mir jetzt zu Statten — ich finde ganz gut meinen Weg . “ Er hatte die Türe erreicht und trat hinaus . „ Guten Tag , Ihr Kinder ! “ rief er den Kleinen entgegen und tastete sich , von Frau Leonhardt ängstlich gefolgt , an der Wand entlang zum Schulzimmer . Über die Schwelle stolperte er ein wenig „ Laß nur , laß nur “ — sagte er Brigitten , die ihn unterstützen wollte . „ Es will geübt sein , aber es wird bald besser gehen ! “ Er suchte und fand sein altes Pult , dort stellte er sich hin und wartete , bis die Kinder ihm gefolgt waren . „ Seid Ihr Alle da ? “ „ Ja ! “ erscholl es . „ Nun , so setzt Euch nicht erst , wir können heute keine Schule halten . Liebe Kinder , ich muß Abschied von Euch nehmen , ich darf Euch von heute an nicht mehr unterrichten . Gott nahm mir das Augenlicht ! Ich kann Euch und Eure Arbeiten nicht mehr sehen und muß meine Tätigkeit um Euch beschließen . Eure Eltern werden in dem , was mich traf , eine Strafe , ein Gottesurteil für mein Tun erblicken ; ich aber sage Euch , wer die Prüfungen , die ihm der Herr schickt , im rechten Sinne erfaßt , dem werden sie keine Strafe , sondern eine Gnade sein ! — Prägt Euch dies Wort für Euer Leben ein , es wird Jedem von Euch die heiße Stunde der Reise nahen , wo Ihr verstehen werdet , was Euer alter Lehrer damit meinte . Und nun kommt und reicht mir Einer nach dem Andern Eure Hände ! So , ich danke Euch für Eure kindliche Liebe und Anhänglichkeit ; den Wenigen , die sie mir verweigerten , vergebe ich von Herzen . Bald wird mein Sohn an meiner Stelle hier stehen . Versprecht nur , daß Ihr ihn ehren und ihm sein schweres Amt durch Fleiß und Gehorsam erleichtern wollt . — Lebt wohl Ihr lieben Kleinen , der Herr segne und behüte Euch ! “ Er streckte seine Hände aus und unter lautem Schluchzen drängten sich die Kinder heran , sie zu drücken und zu küssen . „ Wer ist das ? “ fragte der Greis bei jedem Einzelnen und schüttelte die kleinen Händchen , wenn ihm der Name genannt wurde . „ Nun weint nur nicht , Ihr guten Kinder . Wir trennen uns ja nicht für ’ s Leben . Ihr werdet wohl manchmal Sonntags am Schulhaus vorbeikommen und dem alten Lehrer ein Patschchen geben , wenn er auf der Bank vor der Tür sitzt . Und dann laßt Ihr mich an der Stimme raten , wer es ist , und laßt mich messen , um wie viel Ihr gewachsen seid , und erzählt mir , was Ihr gelernt und gearbeitet habt die Woche über . Wer aber in dem Examen am besten besteht , der erhält ein paar Nüsse oder eine von meinen schönen Calvillen oder sonst , was es gerade gibt . Nicht wahr , das wird hübsch werden ? “ Die Kinder waren schnell getröstet durch diese Aussicht und eilten von dannen , den Eltern die wichtige Nachricht zu bringen . Der alte Herr stand nun allein mit seiner Gattin in der verödeten Schulstube . „ Komm , liebe Frau , wir wollen einen Boten an Walter senden . “ Noch einmal legte er die Hände auf das Pult . Eine Träne fiel darauf nieder . „ ’ S ist seltsam , “ sagte er , „ wie schwer wir uns von einer Stätte losreißen , an der wir lange gewirkt , und wenn es auch nur ein mühevolles , nie gelohntes Wirken war ! Der Fleck , an dem das Bewußtsein erfüllter Pflicht haftet , ist unsere Heimat , und wenn wir von ihm scheiden , so ist es , als gingen wir in die Fremde hinaus ! “ Er legte seinen Arm in den Brigittens und schritt gebeugten Hauptes über die Schwelle , die ihn von dem bescheidenen Schauplatz seiner Lebenstätigkeit trennte . Jetzt erst erschien er dem besorgten Blicke der Gattin als ein gebrochener Mann . „ Ich muß Dich nun ein Stündchen allein lassen , lieber Alter , “ sagte sie , als sie ihn zur Ofenbank im Wohnzimmer geführt hatte . „ Ich muß doch ein wenig zu Mittag kochen ! “ „ Tue das , Mutter , essen muß der Mensch , ob er traurig oder lustig ist ! Und wir sind ja im Grunde gar nicht traurig . Nicht wahr ? “ er zwang sich zu lächeln und klopfte sie auf die Schulter . „ Nein , mein Alter , wir sind es nicht , “ sagte die Frau und kämpfte die neu aufquellenden Tränen zurück . Er setzte sich auf die Bank . „ Schicke nur gleich den Knecht in die Stadt , daß er Walter hole . “ „ Gewiß , gewiß , ich habe selbst keine Ruhe , bis der gute Junge bei uns ist . Auch nach dem Arzte werde ich senden ! “ „ Nach dem Arzte nicht , helfen kann er mir ja doch nicht mehr . “ „ Ach , mir ist es ein Trost , gönne ihn mir , “ bat die Schulmeisterin und verließ das Zimmer . Der alte Herr saß ruhig und still da . „ So will ich denn mein neues Tagewerk antreten , das schwere Tagewerk des Müßiggangs ! “ dachte er , legte die Hände übereinander und starrte ergeben in seine Nacht hinein . Eine gute Weile mochte er so gesessen haben , da schrie der Kuckuck die neunte Stunde an , aber das letzte „ Kuckuck “ blieb ihm im Halse stecken und er verharrte unter dem offenen Türchen . Die Uhr war abgelaufen . Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Herr Leonhardt sie aufzuziehen versäumt . Er erhob sich und tastete sich zu ihr hin , dann ergriff er prüfend die Kettchen und zog sie vorsichtig auf . Der Kuckuck schöpfte wieder Atem , vollendete sein unterbrochenes Lied und schlug sein Türchen zu . „ Dich will ich gewiß nicht mehr vergessen , Du alter Genosse , der mir so viele traurige und heitere Zeiten angerufen . Wie werde ich jetzt oft warten , bis Du mir den Verlauf einer endlos langen Stunde ankündigst ! “ So dachte der Greis und schleppte sich wieder zu seinem Platze zurück . „ Doch etwas getan ! “ sagte er , als er sich darauf niederließ . Dann schlich wieder Minute um Minute hin und Viertelstunde um Viertelstunde — und der alte stille Mann hatte nichts als seine Gedanken . Sein Haupt sank immer tiefer auf die Brust herab , die Dunkelheit machte ihn schläfrig , er hörte endlich auch auf , zu denken . Die Schulmeisterin hatte ein paar Mal hereingeschaut , aber sich leise wieder zurückgezogen , weil sie seinen Schlummer nicht stören wollte . Es war fast zwölf Uhr . Da rauschte etwas zur Türe herein , der Greis fühlte den weichen Luftzug , den eine rasch nahende Gestalt vor sich hersandte und hob das Haupt . Die Gestalt warf sich ihm zu Füßen , er griff mit der Hand nach ihr und berührte ein welliges seidenes Haar . „ Vater Leonhardt ! “ „ O das ist Fräulein Ernestine ! “ Ernestine sah ihn an , ihr Blick haftete erschrocken an seinen Augen , sie bemerkte , daß die Pupille nicht mehr gegen das Licht reagierte . „ Herr Leonhardt , was ist ’ s mit Ihren Augen ? “ Er lächelte . „ Die haben ausgedient ! “ „ O mein Himmel — schon ? Ich dachte , es würde noch Monate währen ! “ „ Ein paar Monate später oder früher — was darauf an ! “ sagte der alte Mann ruhig . Ernestine beobachtete ihn mit Staunen , sie faltete unwillkürlich die Hände . „ Ist es möglich ? Mich schüttelt Fieberschauer beim Anblick solchen Jammers , und Sie , den er soeben getroffen , Sie sind so gefaßt ? Sagen Sie — o , sagen Sie mir , was gibt Ihnen diese übernatürliche Kraft ? “ Der Greis blickte mit den toten Augen empor . „ Die Religion , mein liebes Fräulein ! “ Ernestine sah vor sich nieder . „ Wohl Ihnen ! “ „ Ja , wohl mir ! “ wiederholte Herr Leonhardt . Eine lange Pause entstand . Endlich fragte der Greis teilnehmend : „ Wie ist Ihnen nach dem gestrigen schweren Tage ? “ „ O Vater Leonhardt , fragen Sie mich nicht , wie mir ist ! Bis zu diesem Augenblick glaubte ich , sehr elend zu sein , aber Ihr Unglück lehrt mich den eigenen Schmerz verachten ! Was ist dagegen all das eingebildete Weh , das nur auf falschen Voraussetzungen beruht ? Was ist es , wenn mich die Menschen mit Füßen treten , weil ich anders denke als sie ? Was gibt mir ihre Achtung , was nimmt mir ihre Geringschätzung ? Jene gibt , diese nimmt mir keinen Sonnenstrahl , keinen Sternenschimmer ! Ich sehe das goldene Gestirn des Tages , es leuchtet mir zu meiner Arbeit und ich bin jung und fähig , zu arbeiten . Ich sehe die Schönheit der Welt , das All malt sein Bild in den engen Rahmen meines Auges , meine Seele badet sich im Lichte und ich sollte noch für gekränkten Stolz und beleidigte Eitelkeit Raum haben , wenn ich eine andere , eine große erleuchtete Seele still und klaglos untertauchen sehe in ewige Nacht ? Nein , Vater Leonhardt , du heiliger Märtyrer — ich schüttle ihn ab den kleinen persönlichen Schmerz und weine nur noch um Dich ! “ Sie warf den Kopf in seine Hände und brach in ein leidenschaftliches Schluchzen aus . „ Meine Tochter , “ sagte der Greis bewegt , „ Sie sagen mir nicht die Wahrheit . Wohl muß der Schmerz , den Sie erfuhren , groß sein , denn nur ein Herz , das selbst leidet , kann fremdes Weh so mitempfinden . Sie weinen jetzt um mich , aber diese Tränen waren schon vorher in Ihrem Herzen angesammelt . “ „ O Vater Leonhardt , Du siehst mit blinden Augen ! Ich kam hierher , um Rat und Trost an Deinem väterlichen Herzen zu suchen — doch Du hast mich getröstet , noch ehe ich Dir meinen Kummer vertraut . Sieh , es war nur ein Moment , wo ich mich selbst verlor , er ist vorüber , Dein edles Beispiel machte mich wieder stark ! Laß es begraben sein ! — Ich kann und will jetzt nur von Dir sprechen . Ich will Dich bitten : nimm mich zur Tochter an ! Du hast an mir gehandelt , wie ein Vater , laß mich jetzt Dir vergelten , wie ein Kind . Du hast gestern dies ehrwürdige Haupt preisgegeben , um mich zu schützen vor wütenden Menschen , laß mich Dich nun schützen vor den drohenden Gespenstern der Nacht und Einsamkeit . Ziehe ein in mein Haus mit Deiner Frau , ich will um Dich sein , so viel ich kann , will Dir vorlesen und mit Dir plaudern ; ach , ich bin ja auch so allein und ich weiß nicht , wie es kommt — ich fange an , mich nach Liebe zu sehnen . “ Herr Leonhardt faltete die Hände . „ O mein Gott , welchen Engel schickst du mir zum Tröste und welche Freuden hast du mir noch hienieden aufbewahrt . Ich sehe , ja , mit blinden Augen sehe ich in ein Herz , das nie geahnte Schönheiten vor mir erschließt . Gott segne Dich , meine liebe Tochter ! Er lasse sein Angesicht über Dir leuchten , damit Du ihn endlich erkennen mögest , Deinen Wohltäter , der Dich mit seiner reichsten Gnadenfülle überschüttet . “ Er hielt inne und besann sich , dann sagte er fast schüchtern : „ Verzeihen Sie , ich falle in einen Ton , der bei Ihnen keinen Wiederhall finden wird , das macht , weil ich in meiner Jugend Theologie studierte — da klebt mir der Prediger noch immer ein wenig an . Es könnte aussehen , als wollte ich Sie bekehren , und solche Überhebung ist mir ferne . Nicht ich einfacher gebrochener Greis bin der Mann , um diesen stolzen Geist zu bezwingen . Ich will nur die Brosamen der Liebe auflesen , die von Ihrem reichen Herzen für mich abfallen und zum Danke für Sie beten . “ „ Vater Leonhardt , unterschätze Dich nicht selbst , Du mußt es doch fühlen , wie hoch Du mir stehst . Als ich Dich gestern den rohen Menschen gegenüber sah in Deiner einfachen bescheidenen Größe , da hatte ich zum ersten Male seit meiner Kindheit