weit , und ein Rohrsches Herz hält fest an Wusterhausen und Trieplatz . Dies waren die Schwierigkeiten . Die Liebe des jungen Paares indes , wie schon angedeutet , überwand sie . Moritz von Rohr trat in das Handelshaus seines Schwiegervaters ein , und nie wurde brieflich oder mündlich ein Wort laut , das darauf hingedeutet hätte , er habe die Trennung von Vaterland und Familie bereut . Kein Klagewort , aber auch kein rechtes Wort des Glücks ! Die nationalen und konfessionellen Unterschiede ziehen eben eine tiefe Kluft , und der Beispiele sind wenige , wo die bloße Sympathie der Herzen stark genug gewesen wäre , diese Kluft zu überbrücken . Je feiner und durchgeistigter die Naturen sind , desto mehr tritt dieses Trennungselement hervor . Man liebt sich , aber man ist nicht eins , und jede Freude halbiert sich oder schwächt sich ab , weil sie nur einmal unter hundert Fällen auf neutralem Gebiet erblüht . Die Herzen stimmen , aber der Gegensatz der Geister klingt disharmonisch hinein . Auch das Glück Moritz von Rohrs und Urania von Poincys wurde getrübt oder trug wenigstens einen Schleier . Zehn Jahre nach der Vermählung war dieser Schleier für die junge Frau zum Witwenschleier geworden . Moritz von Rohr glaubte sich akklimatisiert und unterließ es , im Sommer 1848 die Fieberluft New Orleans mit der gesunden Küstenluft am Mexikanischen Golf zu vertauschen . Er wurde vom Gelben Fieber befallen und erlag ihm . Zwei Jahre später ( das kaufmännische Geschäft war inzwischen an den Sohn des Herrn von Poincy übergegangen ) kehrte der ältere de Poincy mit seiner Familie : Frau , Tochter und Enkelin , nach Europa zurück . Die Enkelin war das einzige Kind Moritz von Rohrs . Man kaufte sich in Frankreich an , und 1854 waren Frau von Poincy , die Schwiegermutter , und Urania von Rohr , geborene v. Poincy , in Trieplatz auf Besuch ; sie mochten Parallelen ziehen zwischen ihrer Hazienda daheim und dem alten Hofe des » Hauptmanns von Capernaum « . Vieles fehlte ; aber allerdings auch die Sumpfluft , die so frühe schon die schöne Frau zur Witwe gemacht hatte . Denn die Dosse ist gesund . Die Tochter Moritz von Rohrs war nicht mit bei diesem Besuche , war vielmehr in einer französischen Klosterschule zurückgeblieben . Erst sechzehn Jahre später lernte sie die Kompatrioten ihres Vaters kennen , als diese , während des Siebziger Krieges , vor dem Kloster Abbaye aux Bois ihr Lager aufschlugen . In diesem Kloster stand das junge Fräulein von Rohr damals als Novize . Längst seitdem hat sie den Schleier genommen , die Großeltern sind tot und nur die Mutter lebt noch in Paris . Ein Porträt , das inmitten der Familienbilder in Trieplatz hängt , mahnt an die nahen Beziehungen des Hauses Rohr zum Hause de Poincy . Der weiße Teint , das schwarze Haar , die leuchtenden Augen – sie geben das typische Bild der schönen Kreolin . An Sommertagen , wenn der Akazienbaum seine Zweige bis dicht vor das Fenster streckt , ist es , als spielten seine Blätterschatten mit Vorliebe um dieses Bild . Und es ist dann wie ein Nicken und Grüßen Jacquelinens an Urania von Poincy . Mathilde von Rohr Mathilde von Rohr Konventualin zu Kloster Dobbertin † 16. September 1889 I In ihrer Nummer vom 19. September 1889 brachte die » Kreuz-Zeitung « folgende Anzeige : Am 16. September , 11 Uhr vormittags , verschied nach langem , schwerem Leiden im 80. Lebensjahr unsere geliebte Tante , Großtante und Schwägerin Fräulein Mathilde von Rohr aus dem Hause Trieplatz , Conventualin zu Kloster Dobbertin . Im Namen der Hinterbliebenen Christian von Rohr , Hauptmann und Kompaniechef im 3. G.-Gr.-Reg. Königin Elisabeth . Das alte Fräulein hatte ich das Glück zu kennen und von ihr und der guten alten Zeit , die wenigstens dann und wann eine wirklich gute alte Zeit war , will ich in nachstehendem erzählen . Mathilde von Rohr wurde den 9. Juli 1810 als fünfte Tochter ihrer Eltern in Trieplatz geboren . Ihr Vater , früher Adjutant beim General von Knobelsdorf , war ein Mann von Gesinnung und Bildung , die Mutter ( eine von Hünecke ) eine Schönheit , die sich schon mit achtzehn Jahren verheiratet hatte . Das fiel in den Anfang des Jahrhunderts . Es waren harte Zeiten , als die Kinder geboren wurden , – die Franzosen im Lande , Durchmärsche , Lieferungen ohne Zahl , und so hielt es denn schwer sich durchzukämpfen . Auch die Jahre nach dem Kriege waren Jahre harter Entbehrung . Mit dem zehnten Jahre kam Mathilde nach Brandenburg in Pension , aber nicht auf lange ; zwei Jahre später war sie wieder bei den Eltern und weil Trieplatz keinen Prediger und keine passende Schule hatte , mußte sie jeden Tag zum Unterricht nach dem eine halbe Meile entfernten Brunn . Während der langen und hellen Sommertage bot das keine Schwierigkeit und Gefahr , aber winters war es oft schon dunkel , wenn sie den Rückweg antrat , und der Vater , den es ängstigte , das halberwachsene Mädchen so allein auf der verschneiten Landstraße zu wissen , ging ihr dann entgegen . Mit ihm , immer auf tausend Schritt voraus , war sein Hund , der bei jedem Waldeck anschlug , um die in der Winterdämmerung Heimkehrende schon von weither wissen zu lassen » wir sind da « . Dieser Unterricht in Brunn dauerte bis zur Einsegnung . Das Leben im Trieplatzer Hause war sehr einfach , selbst in die Kirche kam man wenig , weil der Prediger nur selten nach dem Filial herüberkam , und so ging man denn sonntags früh auf Wald und Feld hinaus , wo seitens des Vaters eine Art Gottesdienst abgehalten wurde . Man begnügte sich damals mit wenig und Gott anbeten in der Natur war so gut wie was anderes . Es kam bloß auf » Andacht « an , ein Standpunkt , der für ketzerischer gilt , als er vielleicht sein sollte . Das Leben im Hause war von einer rührenden Einfachheit , für die wir heute Sinn und Verständnis verloren haben . Erst im Alter kommt man wieder dahinter , » daß das eigentlich das Wahre sei « . Die Töchter hatten die Wirtschaft zu führen und morgens um vier mit dem Melken zu beginnen . Ein Übelstand war es , daß die junge Männerwelt mit einer Art Geflissentlichkeit von Trieplatz ferngehalten wurde , weil der alte Rohr seine Töchter für sich behalten wollte . Das ging so weit , daß , als einer der Gutsnachbarn , ein reicher adliger Herr , um Mathilden anhielt , dieser Antrag vor ihr verschwiegen und ihr erst viele Jahre später zur Kenntnis gebracht wurde . Sie hätte ihn übrigens doch nicht genommen , denn so reich er war , so moralisch fragwürdig war er , ein Punkt , in dem Mathilde von Jugend auf sehr diffizil war . Alles , um es noch einmal zu sagen , trug den Stempel höchster Einfachheit , trotzdem hatte das Leben einen großen Reiz , so groß , daß Frau von Romberg , eine geborene Gräfin Dönhoff , die zu jener Zeit als junge Gutsherrin auf dem benachbarten Brunn lebte , mir noch nach fünfzig Jahren schreiben konnte : » Trieplatz war damals ein Idyll ohnegleichen und ich kann Ihnen nicht aussprechen , wie uns jedesmal ums Herz war , wenn ich mit meinem Manne vorfuhr und die schönen jungen Mädchen in ihren einfachen Hauskleidern , aber alle wie aus dem Ei gepellt , auf uns zukamen , aus Stall und Küche , vom Butterfaß und von der Bleiche . Zuletzt erschien dann auch der stattliche Vater vom Felde her , wo er die Aufsicht geführt , das weiße Haar im Winde um die hohe Stirn fliegend und die schönen tiefblauen Augen unter den buschigen Brauen von Freundlichkeit leuchtend . Es war alles reizend in seiner Patriarchalität und Gastlichkeit und ich kann Ihnen nicht sagen , wie tief sich mir diese Bilder eingeprägt haben . Dabei der alte Rohr ganz Ritter und Offizier und ein Bild schöner Menschenwürde . « 1832 starb der Vater , Trieplatz wurde verpachtet und die Mutter zog mit den Töchtern nach Berlin . Das Haus des der Trieplatzer Familie nahe verwandten Generals von Rohr , damals ein Sammelpunkt der Berliner Gesellschaft , vermittelte Beziehungen und sehr angenehme Tage brachen an . Aber Mathilde trat nicht sonderlich hervor , was darin liegen mochte , daß einige der ältern Schwestern ihr an Klugheit überlegen waren , eine jüngere an Schönheit . Sie kam erst zur Geltung , als sie bei Gelegenheit eines Besuchs in Künkendorf , einem in der Uckermark gelegenen Rohrschen Gute , mit dem alten Bischof Roß bekannt wurde . Dieser , im gesegneten Besitz einer liebenswürdigen , bis ins Greisenalter hinein ihm treu bleibenden Kindernatur , erkannte sofort die besonderen Gaben , die sich in der bis dahin wenig beachteten Mädchenseele bargen , und lud das junge Fräulein in sein Haus , eine Einladung , der sie Folge gab . In diesem Bischof Roßschen Hause schloß sie sich alsbald an die durch Klugheit und pikantesten Esprit ausgezeichnete Enkelin des Bischofs an , an Lina Tendering , später Frau Lina Duncker , der sie durch alle Zeit hin , auch die Lassalle-Zeit nicht ausgenommen , eine treue Freundschaft bewahrte . Es war um die Wende der dreißiger und vierziger Jahre , daß diese Beziehungen angeknüpft wurden ; dieselben erweiterten sich später innerhalb der hauptstädtischen Gesellschaft und erhielten ihren Höhepunkt , als die vorerwähnte Frau von Romberg von ihrem Gute Brunn nach Berlin zog , um hier in Gemeinschaft mit ihrer älteren Schwester , der Gräfin Schwerin , das alte Dönhoffsche , später Stolbergsche , Palais in der Wilhelmstraße 63 zu bewohnen . Seitens dieser Dame ( Frau von Romberg ) , die die Trieplatzer Tage nicht vergessen hatte , wurde das junge Fräulein wie vordem durch Entgegenkommen und Freundschaft ausgezeichnet und sehr bald auch bei der Gräfin Schwerin eingeführt , in deren » blauem Salon « sich ein gut Teil der damaligen ersten Berliner Gesellschaft versammelte . Herren und Damen nahe verwandter , namentlich ostpreußischer und pommersch-uckermärkischer Familien bildeten den Stamm , zu denen sich hervorragende Personen aus Kunst und Wissenschaft gesellten , darunter Maler wie Hopfgarten , Henning , Kretzschmer . Unter den Gelehrten stand der blinde Professor Müller obenan , ein kluger , in literarischen Dingen versierter , zugleich etwas spitzer Herr , der mit seiner » Ironie « , einer Blume , die damals noch blühte , den Rest der Gesellschaft mehr oder weniger intimidierte . Nur als sich Graf Fritz Eulenburg , der spätere Minister des Innern , in den Salon einführte , war es mit dieser Herrschaft vorbei . Graf Eulenburgs Sarkasmus war doch noch stärker als die Müllersche Ironie . Neben dem Grafen Eulenburg würde sicherlich auch noch ein anderes Mitglied des Kreises , sowohl seinem Charakter wie namentlich seinem Talente nach , die Kraft zur gesellschaftlichen Emanzipation von dem ironischen Machthaber gehabt haben , wenn eben diesem Mitgliede nicht ein geradezu krankhafter Respekt vor » Wissenschaftlichkeit « innegewohnt hätte . Dieser ganz ohne Not sich Unterordnende war Bernhard von Lepel , junger Offizier im Regiment Kaiser Franz der um seiner eben damals erschienenen » Lieder aus Rom « willen ebenso schnell der Protegé der Dönhoffschen Schwestern wie ganz im besonderen der intime Freund des Fräuleins Mathilde von Rohr wurde . Diese ganz auf literarischen Interessen aufgebaute , durch drei Jahrzehnte hin fortgeführte Freundschaft hatte schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit zur Folge , daß sich von dem großen Zirkel im Dönhoff-Schwerinschen Palais ein kleinerer Zirkel abzweigte , dem Mathilde von Rohr vorstand und in dem , unter Zurücktritt der Maler und Gelehrten , das Dichterelement in den Vordergrund trat . Ich weiß nicht , wie lange dieser abgezweigte Zirkel schon bestand , als mir eines Tages ein Brief zuging , in dem ich von dem Fräulein von Rohr aufgefordert wurde , » nächsten Sonntag nach dem › Tunnel ‹ ( dessen Besuch wie Kirchendienst galt und selbstverständlich nicht versäumt werden durfte ) den Tee bei ihr zu nehmen « . Ich sagte natürlich in freudig gehobener Stimmung zu , war aber nach allem bis dahin in Erfahrung Gebrachtem , wonach das Fräulein etwas von einer Queen Elizabeth haben mußte , doch auch in hohem Grade beunruhigt , etwa wie wenn ich in einen geheimen Orden aufgenommen werden sollte . Schließlich waren Tag und Stunde heran und ich stieg mit Lepel , der den Introdukteur zu machen hatte , die drei Treppen zur Wohnung des Fräuleins hinauf , Behrenstraße 72. Es war ein stilles Haus , das einem Major von Häseler gehörte . Die altberlinische Klingel , deren verbogener Draht nicht recht durch die Öse wollte , wurde von Lepel stark , aber doch auch wieder diskret und wohlanständig gezogen und eine für den Abend engagierte Aufwärterin , die sich durch ein kleines vertrauliches Lächeln auszeichnete , öffnete . Nun legten wir ab und traten in ein einfenstriges Empfangszimmer , darin uns das Fräulein , eine Dame von damals nahe an fünfzig , in einem schwarzen Atlaskleid empfing . Mit einer Gewandtheit , die teils angeboren , teils innerhalb der verschiedensten Wilhelmstraßenzirkel ausgebildet war , wurden die Honneurs gemacht und mir natürlich gesagt : wie glücklich sie sei , mich nun auch bei sich empfangen zu können . Der Gräfin Schwerinsche Kreis , den ich , wie sie zu ihrer Freude vernommen , demnächst auch kennenlernen würde , sei , bei hundert Vorzügen , doch von ziemlich bunter Zusammensetzung , während sich der kleine Zirkel , der sich bei ihr versammle , lediglich dem Lyrischen und Dramatischen zuwende . So hoffe sie denn , es werde mir gefallen . Unter allen Umständen aber würde ich bald wahrzunehmen imstande sein , wie viele Verehrer meine Dichtungen in dem ihr bekannten Kreise bereits hätten . Ich verbeugte mich ; Lepel schmunzelte , was halb der gelungenen Rede , halb dem von ihm mit nur zu vielem Recht angezweifelten Tatbestande galt . Denn so befangen er war und so sehr er die literarischen Tugenden seiner und nun bald auch meiner Freundin überschätzte , so war er doch andererseits unbefangen genug , diese Gefühle nicht auf die Gesellschaft , die sich um das Fräulein versammelte , zu übertragen . Er wußte vielmehr umgekehrt , aus wie literaturabgewandten Persönlichkeiten sich dieser Kreis in seiner großen Mehrheit zusammensetzte . Noch zwei- , dreimal wurde die Klingel gezogen und ehe neuneinhalb Uhr heran war , waren alle Geladenen einander vorgestellt und die Tür zum Nebenzimmer ging auf . Jeder seine Dame führend , traten wir ein . Hier war es nun wirklich allerliebst . Das Zimmer niedrig , aber doch doppelt so groß als das Empfangszimmer , Lampen und Blumen auf dem Tisch , alles blinkend von Silber und weißestem Linnen . Wir waren alles in allem acht Personen : Major von Häseler und Frau , Herr von Hünecke und Frau , ein Fräulein Wißling ( das Teefräulein der Gräfin Schwerin ) , dann Fräulein von Rohr selbst , Lepel und ich . Alles steht mir noch in voller Deutlichkeit vor Augen und auch das Gespräch ist mir , wenn nicht in seinem Wortlaute , so doch in seinem Inhalte noch so gegenwärtig , als ob es gestern geführt worden wäre . Man war sehr heiter , alles wohlwollend und die Verpflegung vorzüglich , namentlich auch der Tee , was man damals nicht von allen Berliner Teeabenden sagen konnte . Wir hatten zu Kaviar- und Sardellenbrötchen einen kalten Braten , einen Reh- oder Hammelrücken , den Trieplatz oder irgendein befreundetes Gut in Havelland oder Ruppin geliefert hatte . Zum Schluß kam dann » Götterspeise « , die ihrem Namen Ehre machte ; sie bestand aus in Rum oder Kognak getränkten Biskuitscheiben , Himbeerkompott und Schlagsahne , welche dreifache Schicht sich dreimal wiederholte . Zum Schluß wurden Apfelsinen zurechtgemacht , aber während wir unter Andauer dieser harmlosen Beschäftigung bemüht waren , unser Gespräch , das sich meist um Theater und die mit den Häselers befreundete Familie Hülsen drehte , fortzusetzen , war es ganz ersichtlich , daß sich unserer liebenswürdigen Wirtin eine gewisse Unruhe bemächtigte , die von Minute zu Minute wuchs und sich namentlich auch in ihren auf die jedesmalige Frage nicht mehr recht passenden Antworten zu erkennen gab . Dabei sah sie immer eindringlicher nach der Stutzuhr ihr gegenüber , auf der ein goldener Saturn mit Urne lag , bis sie zuletzt die Konversation kurz abschnitt , indem sie kategorisch bemerkte : » Die Herren werden jetzt etwas lesen . « Nun schwieg alles , während sie selbst unter einer kleinen Verbeugung fortfuhr : » Herr von Lepel und Herr Theodor Fontane wollen nämlich die Güte haben , uns eine von ihnen herrührende › Terzine ‹ zu lesen . « Ich wollte , weil ich glaubte , daß sich das Fräulein versprochen habe , die Sache richtig stellen , Lepel aber warf mir einen grotesk ernsten Blick zu , der mich verstummen machte , während das Fräulein unbefangen hinzusetzte : » Diese Strophen bilden nämlich eine Art Rede und Gegenrede , wie zwei Advokaten , von denen jeder seine Sache verteidigt . Wie lautet doch das Thema ? « Lepel , der bereits sein Manuskript aus der Tasche gezogen hatte , sagte : » Das Thema lautet : › Reden ist Silber , Schweigen ist Gold ‹ und bildet eine Tenzone zwischen mir und meinem Freunde Fontane . « Er betonte das Wort » Tenzone « , Fräulein von Rohr aber merkte nichts , denn Terzine oder Tenzone war ihr dasselbe . Sie hatte viele herrliche Gaben und Lyrik war ihr Ideal . Aber die Nomenklatur italienischer Formen und nun gar diese Formen selbst waren ihr ein Geheimnis geblieben . Lepel und ich lasen nun unsere Tenzone . Dann trat die herkömmliche Verlegenheitspause ein . Der alte Häseler wribbelte an seinem Husarenschnurrbart , während seine Frau , älter als er und schon nahe an achtzig , ihren schwarzen Scheitel , der sich etwas verschoben hatte , wieder gerade rückte , dabei Lepel und mich verschmitzt ansehend , wie wenn sie sagen wollte : » Kinder , was soll das alles ? Als ich jung war , waren ganz andere Dinge Mode . « Sie stammte nämlich aus den Gräfin-Lichtenau-Tagen und hatte manches erlebt . Endlich nahm Herr von Hünecke das Wort : » Es muß schwer sein « , sagte er , worauf Frau von Hünecke fast einen Lachanfall kriegte und gutmütig hinzusetzte : » Ja , Hünecke , du könntest es nicht . « Durch diesen Zwischenfall war das Eis gebrochen , und nun griff auch die alte Häseler ein und sagte : » Schwer . Ja was heißt schwer . Ich glaube nicht , daß es so sehr schwer ist , und Improvisieren zum Beispiel ist viel schwerer . Da war hier vor zwanzig Jahren ein Improvisator Langenschwarz , ein jüdischer , aber ziemlich distinguiert aussehender Mann , und hatten wir damals eine Matinee im Konzertsaal , es war das letzte Jahr unter des hochseligen Königs Majestät . Und das Thema war › Alexanders des Großen Tod ‹ und jeder , der anwesend war , hatte das Recht , ihm ein Reimwort zuzurufen . Und da war ja nun dieser schreckliche Mensch , der Glasbrenner , d.h. eigentlich war er gar nicht so schrecklich und konnte nur , wenn er wollte , der rief Langenschwarzen , weil er eine Pike gegen ihn hatte , das Wort › Blutwurst ‹ zu , so daß einige lachten , während wir andern alle zusammenschraken . Aber was denken Sie , was geschah ? Ohne daß dieser Langenschwarz sich verfärbte , nahm er das furchtbare Wort in seine Dichtung auf und ich weiß auch noch , daß er mit › Glutdurst ‹ darauf reimte , was damals jeder bewunderte , so daß Glasbrenner eigentlich geschlagen war , und wenn ich mir das alles vergegenwärtige – Hülsen war damals noch Leutnant und hatte die Plätze besorgt – , so muß ich doch sagen , das war schwerer . « Lepel und ich stimmten vollkommen ein , Fräulein von Rohr aber fand diesen plötzlichen Einwurf in eine Debatte , die sich doch mit einer ernsten Dichtung zu beschäftigen habe , ziemlich unangemessen und sagte : » Frau von Häseler , ich muß Ihnen doch bemerken , daß ich das Gedicht der beiden Herren seit vorigem Sonntag abschriftlich besitze und daß ich es sowohl der Gräfin Schwerin wie dem Prinzen Georg vorgelegt habe , die beide von der besonderen Schwierigkeit sprachen . Es wird also wohl auch schwer sein . Der Prinz ist selbst Dichter , wie Sie wissen , und ein Mann von Urteil . « So waren die Abende bei Fräulein von Rohr , deren ich von nun ab , durch mehr als zehn Jahre hin , zahllose verlebte . Der Charakter war immer derselbe , immer sechs , acht Personen , immer Mustertee , immer » Götterspeise « , immer Dichtungen vor einem Publikum , das durch Vortrag derselben grenzenlos gelangweilt wurde . Nur Fräulein von Rohr strahlte . Sie war nach wie vor Lepels Egeria und bald auch meine . Vielleicht , daß ich mich dagegen doch mehr oder weniger gesträubt hätte , wenn das Wesen des Fräuleins lediglich darin zum Ausdruck gekommen wäre . Glücklicherweise war dies nicht der Fall . Wie der berühmte Böckh nicht stolz auf seine klassische Philologie , sondern auf sein Englisch war , das er in einem fragwürdigen Jargon vorbrachte , so war Mathilde von Rohr stolz auf ihre » Dichter « und das dichterische Interesse , das sie mit ihnen verband , während ihre wirklichen Werte nach einer ganz anderen Seite hin lagen , derart , daß man füglich von ihr sagen konnte , erst wenn sie das Flitterideal abtat , war sie ein wirkliches Ideal : gut , treu , praktisch , hilfebereit , immer das Herz auf dem rechten Fleck , immer voll gutem Menschenverstand , immer gerecht . Alles Gewöhnliche , namentlich alles Unhumane war ihr in tiefster Seele verhaßt , und ihr schönster Zug war ihre jedesmalige Empörung , wenn sich Adlige unwürdig benahmen und dabei wohl gar noch bis zu dem Glauben gingen : » sie dürften sich ' s erlauben , weil sie Adlige seien « . Dann war nicht mit ihr zu spaßen und es kamen Szenen vor , wo mir ' s innerlich nicht genug war , daß ich ihr gerührt die Hand küßte , nein , wo ich der guten alten Dame recte hätte um den Hals fallen mögen . Da waren damals zwei Grafen in ihrer Nachbarschaft , beide Unter den Linden . Nun , den einen , einen notorischen Geizhals , hatte sie aufgegeben , sprach nur mit Achselzucken von ihm und vermied ihn , wenn sie ihm in Gesellschaften begegnete . Den andern aber , einen in seinen Formen sehr liebenswürdigen und höfisch verbindlichen Herrn , konnte sie eigentlich sehr gut leiden und trat für ihn ein , wenn er angegriffen wurde , bis ihr eines Tages zu Ohren kam , er habe das Prinzip , Handwerker nie aus freien Stücken zu bezahlen , sondern – um vom Kapital so viel und so lange Zins zu haben wie möglich – immer erst die Klage der armen Leute abzuwarten . Einer hatte ihr das unter Tränen erzählt und hinzugesetzt , er könne nicht mal klagen , denn dann verlöre er die Kundschaft vieler anderer dazu . Da ging sie zu dem Grafen und machte ihm Vorstellungen und es half auch ; als er aber immer wieder rückfällig wurde , gab sie auch ihn auf und sorgte dafür , daß sein Leumund in der Wilhelm- und Behrenstraße nicht besser wurde . Denn ihr heroischer Mut ließ sie jeden Kampf aufnehmen , wenn es ihr nötig schien . Sie hatte etwas Männliches , aber darin war sie doch auch wieder ganz weiblich , daß sie starke Sympathien und Antipathien hatte , was mir persönlich zugute kam . Ich war ihr Verzug , fast mehr als Lepel , und konnte tun , was ich wollte – sie fand immer eine Entschuldigung . Eine Nachsicht und Milde , die sie keineswegs für jeden hatte ! Die letzte Wurzel davon war , gleichviel nun ob es mir zukam oder nicht , ihr großes Vertrauen zu mir , was einmal einen mich tief rührenden Ausdruck annahm . Als ich nämlich vor jetzt zwanzig Jahren in meine gegenwärtige Wohnung zog und ihr erzählte , das alte Weib , das bis dahin in dieser meiner Wohnung gewohnt und dieselbe sehr ungern verlassen habe , habe beim Hinausgehen so was wie einen Hexenfluch ausgesprochen und mir allerhand Böses gewünscht , was mir nun doch im Kopf herumgehe , da nahm sie meine Hand und streichelte sie und sagte : » Das tut Ihnen nichts ; Sie kommen da drüber weg . « Und so verwöhnte sie mich in allen Stücken , hatte nur Liebe und Güte für mich und war mir auch , um eine Hauptsache nicht zu vergessen , bei meinen Arbeiten vom allergrößten Nutzen . Ihrer Natur nach , wie ich nur wiederholen kann , mehr gewollt als wirklich literarisch , hat sie mir trotzdem auf eben diesem Gebiete sehr ersprießliche Dienste geleistet und wohl ein Dutzend der lesbarsten Kapitel in meinen » Wanderungen « verdanke ich ihrem nie rastenden Eifer , der mir Empfehlungsbriefe schrieb und mir mitunter auch fix und fertige Beiträge verschaffte , die nur ein wenig der Zurechtstutzung bedurften . Ein solcher Beitrag ist beispielsweise der ein völliges Charakterbild gebende Brief , der sich mit der Frau von Jürgaß , einer Tochter des alten Zieten , beschäftigt . Aber bei solchen von den verschiedensten Seiten herrührenden Beiträgen blieb es nicht , sie war auch persönlich ein wahres Anekdotenbuch und eine brillante Erzählerin alter Geschichten aus Mark Brandenburg , besonders in bezug auf adlige Familien aus Havelland , Priegnitz und Ruppin . Den Stoff zu meinem kleinen Roman » Schach von Wuthenow « habe ich mit allen Details von ihr erhalten , und wo ich in dem langen Trieplatzkapitel von den verschiedensten Rohrs erzählt habe , sind es Mitteilungen aus ihrem Munde . Die mit ihr in dem Häselerschen Hause ( Behrenstraße ) verplauderten Stunden zählen zu meinen glücklichsten . II So gingen die Dinge bis zum Jahre 1869 . Zu dieser Zeit kam die Aufforderung an das Fräulein , ihren Klosterplatz in Dobbertin in Mecklenburg einzunehmen , wozu sie , so schwer ihr das Scheiden aus Berlin auch wurde , sogleich bereit war . Über diesen Klosterplatz muß ich hier ein Wort einschalten . Dobbertin ist eines jener adligen Fräuleinstifte , denen wir im protestantischen Norddeutschland an den verschiedensten Stellen begegnen ; in Brandenburg haben wir Kloster Heiligengrabe , in Pommern Schönfließ , in Mecklenburg verschiedene : Dobbertin , Malchow , Ribnitz . Dobbertin bei Goldberg ist unter diesen dreien das größte . Vordem , wie dies bei all diesen Stiften der Fall , war es ein Kloster und aus dieser Klosterzeit schreibt sich wahrscheinlich das Recht bestimmter adliger Familien – darunter auch einige nicht-mecklenburgische – her , » ihre Töchter ins Kloster einschreiben zu lassen « . Das geschieht , wenn sie noch Kinder sind . Verheiraten sie sich , so erlischt dies Recht , verheiraten sie sich nicht , so empfangen sie von einem bestimmten Zeitpunkt wahrscheinlich von der Zeit ihrer Großjährigkeit an , eine Rente , die sie zunächst verzehren können wo sie wollen , bis im Kloster selbst eine » Stelle « frei wird . Tritt dieser Zeitpunkt ein , so rücken sie nach der Anciennität oder wohl richtiger nach dem Datum der Einschreibung in die Stelle ein . Wenn ich nicht irre liegt hierzu kein Zwang vor , und ein Fernbleiben vom Kloster sogar unter fernerer Empfangnahme der Rente , ist durchaus zulässig ; dieser Fall tritt aber sehr selten ein , weil das Einrücken in die » Stellen « mit zu großen Vorteilen verknüpft ist . Geräumige Wohnung samt Obst- und Gemüsegarten , Holz , Fisch , Wildpret und wahrscheinlich vieles andere noch – gehört zu den Klosterpertinenzien , so daß den in die Stelle einrückenden Damen nicht nur Gelegenheit gegeben ist , die ihnen verbleibende Rente zu gutem Teile zu sparen , sondern sich auch durch Gastlichkeit und Einladungen an arme Verwandte zu wahren Freudenspendern für die ganze Familie zu machen . Könnte man zusammenrechnen , wieviel Gebrechliche , wieviel kranke junge Frauen und bleichsüchtige junge Mädchen in vielmonatlichem Sommeraufenthalt hier wieder genesen sind , so würde das eine Zahl von Tausenden ergeben . Man hat in Mecklenburg , und wahrscheinlich auch bei uns in Preußen , mit diesen » mittelalterlichen Resten « aufräumen und den Reichtum dieser Stifte dem Fiskus , dem gesamten Lande zugute kommen lassen wollen , ein Vorhaben , über das ich weder nach der Rechts- noch nach der Klugheits- und wahren Vorteilsseite hin ein Urteil habe . Diese » Klöster « mögen also fallen , wenn sie durchaus fallen müssen . Mein persönliches Gefühl aber ist für Fortbestand derselben und zwar deshalb , weil ich in ihnen einen bestimmten , wenn auch vergleichsweise nur kleinen Segen direkt und unzweifelhaft vor Augen habe , während sich alles , was in den » großen Pott « , genannt Fiskus , fließt , meiner Wahrnehmung entzieht . Es ist dasselbe wie mit den Wohltätigkeitsanstalten ; ich ziehe es vor , fünf bestimmten Personen jedesmal eine Mark zu geben , anstatt fünf Mark einer großen Wohltätigkeitskasse zugute kommen zu lassen , und keine nationalökonomische Gelehrsamkeit kann mir dies Gefühl nehmen . Allerdings gehöre ich auch zu den Ungebildeten , die die indirekten Steuern erträglicher finden als die direkten . Aller Stolz über eine erfüllte Bürgerpflicht » höheren Stils « ist mir fremd . Und nach diesem Exkurse kehren wir zu unserem Fräulein von Rohr zurück , die nun im Sommer oder Herbst 1869 – es hatte nicht an