Arbeit an seiner Erfindung verursacht wurden . Er glaubte an die Erfindung . Sein Glaube ward mit den Jahren immer fester . Kein Mißlingen beirrte ihn ; im Gegenteil , er war überzeugt , daß ihn jeder Fehlschlag näher zum Ziel brachte . Einst fragte er Philippine : » Warum wollen Sie denn nicht , daß ich mich ein bißchen mit meinem Enkelchen beschäftige ? Es tut mir so wohl , es lenkt mich ab , es mildert die Spannung meines Geistes . « » Blödes Geschwätz , « antwortete Philippine , » das Agneslein ist mit seinem Vater übel genug dran , der Großvater , der fehlet mir noch , der tät das Kraut fett machen . « Ein andermal sagte der Greis : » Schließen wir einen Vertrag : Sie lassen mich täglich eine halbe Stunde bei dem Kind , und ich besorg Ihnen dafür die Gänge in der Stadt . « Philippine erwiderte grob : » Meine Gäng ' besorg ich mir selber , und das Agneslein gehört mir ; basta . « Dabei war Philippine um jene Zeit besonders guter Laune . Es hatte sich nämlich gefügt , daß Benjamin Dorn , der zusammen mit Herrn Zittel von der » Prudentia « weggegangen und jetzt bei der Gesellschaft » Exzelsior « beamtet war , sich lebhaft für sie interessierte . Philippine hatte ihrer Freundin , der Frau Hadebusch , in einer schwachen Stunde verraten , daß sie beträchtliche Ersparnisse besaß , und mit dieser Wissenschaft hatte Frau Hadebusch den Methodisten auf ernste Heiratsgedanken gebracht . Der Methodist gab sich Mühe , Philippines Gunst zu gewinnen . An ihrer gottlosen Denkungsart nahm er freilich Anstoß und schüttelte betrübt den Kopf , wenn sie ihn einen Pfaffen nannte und erklärte , das fromme Getue sei ihr wurscht , die Hauptsache wäre , daß man Moneten im Sack habe , eine Meinung , der Frau Hadebusch mit allem Nachdruck beipflichtete . Frau Hadebusch sagte zu Benjamin Dorn , eine tüchtigere , drallere , vermöglichere , von oben bis unten besser ausstaffierte Person als das Fräulein Schimmelweis könne er auf dem ganzen Erdenrund nicht ausfindig machen , er und sie seien für die Ehe geschaffen wie Essig und Öl für den Salat . Man solle nur sehen , was für stattliche Gewänder die Person habe und wie sie sich zu putzen verstehe , und von guter Familienabstammung sei sie noch überdies ; kurz , jedem Mann wäre zu gratulieren . Und zu Philippine sagte Frau Hadebusch : » Der Dorn , das ist ein Schreiber , wie es ausgezeichneter keinen gibt . Der führt Ihnen eine Feder , daß es ein wahrer Staat ist . Er hinkt ein bisla , no ja ; wie viele gehen auf zwei gesunden Beinen und haben bloß Lumpereien im Kopf . Der aber , kein Wässerlein kann er trüben ; er ist so sanft wie Zwetschgenmus , und wenn ihn ein Hund anbellt , gibt er ihm ein Stück Zucker . So ein Mann ist das . « Im Oktober gingen Benjamin Dorn und Philippine auf die Fürther Kirchweih , und das Agneslein wurde natürlich mitgenommen . Benjamin Dorn wußte , was er sich schuldig war ; er ließ Philippine zweimal auf dem Karussell fahren , zahlte das Entree in ein Wachsfiguren-Kabinett und nahm ein Los am Glückshafen . Es war eine Niete . Da setzte er Philippine auseinander , daß es unmoralisch sei , in einer Lotterie zu spielen , und kaufte eine Tüte mit Pfeffernüssen , was doch ein solider Genuß war . Philippine benahm sich außerordentlich kokett . Sie lachte grundlos , sie verdrehte die Augen , sie sprach mit gespitzten Lippen , sie wackelte mit den Hüften und ergriff jeden Anlaß , um ihre Bildung zu zeigen . Als sie mit der Eisenbahn zurückfuhren , sagte sie , sie habe Lust , einmal in einer Chaise zu sitzen ; aber zwei Rosse müßten sein und ein Kutscher mit einem Zylinder . Benjamin Dorn entgegnete , solches ließe sich machen ; und er deutete schalkhaft an , daß er eine gewisse feierliche Zeremonie nicht ohne ein derartiges Vehikel veranstalten würde . Philippine kicherte und sagte : » Joi , Sie sind ja ein ganz Geriebener . « Worauf Benjamin Dorn glücklich und verlegen grinsend zu Boden schaute . Dann trennten sie sich , denn das Agneslein war in Philippines Arm schon eingeschlafen . Wie sich Philippine zu der Bewerbung des Methodisten innerlich verhielt , war schwer zu ermessen , obgleich sie so tat , als fühle sie sich geehrt und in ihren Erwartungen geschmeichelt . Benjamin Dorn war seiner Sache keineswegs sicher , und wenn Frau Hadebusch auch noch so resolut ins Zeug ging , mußte sie sich von Philippine immer wieder vertrösten lassen . Nie zuvor aber hatte Philippine so viele Lieder geplärrt , nie waren ihre Bewegungen so hurtig gewesen . Jeden Tag zog sie ihr Sonntagskleid an und schmückte es mit den erlesensten Bändern ; und wusch ihre Hände mit Mandelseife und frisierte sich vor dem Spiegel . Simpelfransen waren nicht mehr modern , dafür baute sie aus ihren Haaren einen Turm und sah aus wie eine Chinesin . Bisweilen besuchte sie Herrn Carovius , den sie stets allein traf , denn Dorothea Döderlein war von ihrem Vater nach München geschickt worden , wo sie sich in ihrer Kunst vervollkommnen sollte . Mit halben Worten , augenzwinkernd , dumm und herausfordernd lachend , berichtete sie von Benjamin Dorn und seinen Absichten , wie wenn es gar nicht anders möglich sei , als daß Herr Carovius die brennendste Neugier nach ihren Erlebnissen trage . Herr Carovius war ihrer schon längst überdrüssig , mochte ihr aber die Tür nicht weisen . Es stand mit ihm so , daß er aufatmete , wenn er eine menschliche Stimme hörte . Es stand mit ihm so , daß er sich in seinen vier Wänden vor der Stille fürchtete . Keiner kam zu ihm , keiner sprach mit ihm , und er seinerseits getraute sich keinem zu nähern . Mit dem Hochmut von ehedem war es aus , und nun fand er keinen Weg mehr zu den Menschen . Ging er ins Paradieschen , so kannte ihn niemand . Die Brüder vom Jammertal waren zerstoben , ein anderes Geschlecht saß da , von anderer Herkunft , mit andern Tiraden , und er war alt . Dorotheas Abwesenheit konnte er nicht verwinden . Er zählte die Tage bis zu ihrer Rückkunft , und das Klavier öffnete er nicht mehr , weil alle Musik , und die zumeist , die er liebte , einen Trübsinn aufschießen ließ , der die Stube erfüllte gleich Miasmen . Der Nero unserer Zeit litt an der Cäsarenmelancholie . Der Kleinbürger war in die unterste Tiefe des finstern Schachtes hinabgesunken , den er selber gebohrt , um alle Freuden , alles neue Werden , alle Flügelwesen darinnen zu verscharren . Das schlimmste war , daß er keine Beschäftigung hatte und daß hiegegen kein Kopfzerbrechen half . Die Welt lief ihren Gang , rätselhaft , lief ihren Gang ohne seine Kritik , ohne seinen Beifall , ohne seinen Richterspruch und seine Totengräberei . Philippine ärgerte sich über den scheelblickenden Ofenhocker , und ihre Besuche wurden spärlicher . Mit Frau Hadebusch wollte sie sich nicht aussprechen , die schien ihr zu nahe beteiligt bei der Sache ; sonst hatte sie niemand , und sie mußte ihre Ungeduld und Aufregung im Zaum halten . Es wurde Weihnachten . Am heiligen Abend hatte sie für Agnes einen kleinen Tannenbaum geschmückt und Kerzen darauf angezündet . Als Christgeschenke für das Kind lagen ein großer , brauner Lebkuchen , ein Körbchen mit Äpfeln und Nüssen und eine billige Puppe unter dem Baum . Für den alten Jordan hatte sie ein Paar Stiefel gekauft , deren er dringend bedurfte . Seit dem Herbst ging er mit zerrissenen Sohlen herum . Der alte Jordan saß neben der Tür und hielt die Stiefel auf den Knien . Agnes betrachtete mit ihren traurigen Augen die Puppe , ohne sie anzurühren . Nachdem der Inspektor eine Weile in die flackernden Kerzenflammen gestarrt hatte , sagte er : » Dank Ihnen , Philippine , dank Ihnen . Sie sind eine wirkliche Wohltäterin . Auch daß Sie des Kindes gedacht haben , dank ich Ihnen . ' s ist ja ein armseliges Ding , so eine Puppe aus dem Fünfzigpfennigbasar , aber wer Kindern schenkt , verdient sich den Himmel , und es wird dabei nicht gewogen und nicht gezählt . « » Lamentieren S ' doch nicht alleweil , « wies ihn Philippine schnöd zurecht . Sie biß an ihren Nägeln und war kaum imstande , ihre Erregung zu verbergen . Frau Hadebusch hatte ihr Nachricht gegeben , daß Benjamin Dorn noch im Laufe dieses Abends kommen werde , um ihr einen förmlichen Heiratsantrag zu machen . » Warte nur , Agnes , « fuhr der alte Jordan fort , » warte nur , bald wirst du ein Wunderding von einer Puppe zu sehen kriegen . Noch ein paar Jährchen , und die Welt wird staunen . Du aber bist die erste , die das vollendete Werk schauen darf . Die erste bist du , Agneslein . Was haben wir denn heute , am heiligen Christfest doch , zu essen ? « wandte er sich zaghaft an Philippine . » Kalte Naundscher und g ' sottne Mehlwürmer , « erwiderte diese höhnisch . » Und ... und ... keinen Brief von Daniel ? « fragte er mit veränderter , trüber Stimme , » nichts ? gar nichts ? « Philippine zuckte die Achseln . Der alte Mann erhob sich und schwankte hinaus , um in seine Kammer zu gehen . Bald danach hörte Philippine humpelnde Schritte , und die Gatterglocke läutete . » Mach auf , « befahl Philippine dem Kind . Agnes verließ die Stube und kehrte mit Benjamin Dorn zurück . Der Methodist trug einen schwarzen Anzug , und in der Hand hielt er ein schwarzes Filzhütchen , das flach wie ein Pfannkuchen war . Er verbeugte sich vor Philippine und fragte , ob er nicht störe . Philippine schob ihm einen Stuhl hin , er nahm umständlich Platz und lächelte schal . Da Philippine schwieg und nur gespannt in sein Gesicht starrte , fing er an zu sprechen . Zuerst verbreitete er sich über die Vorzüge des Ehestands im allgemeinen , dann , daß es für ihn im besondern wünschenswert sei , ein braves Weib heimzuführen . Er habe lange mit sich im Kampf gelegen , doch Gott habe ihn erleuchtet und auf den rechten Weg gewiesen . So trage er denn kein Bedenken mehr , dem Fräulein Schimmelweis Herz und Hand anzubieten , könne aber nicht umhin , den Wunsch auszudrücken , daß sie den wichtigen Schritt noch einmal in christlicher Weise reiflich erwäge . Philippine war unruhig von einem Fuß auf den andern getreten . Plötzlich lachte sie . Sie bog den Oberkörper vor und lachte heftig . » No , Sie Kniedlaskupf , « fing sie an , » Sie woll ' n g ' wiß nur mein Geld ! Sagen S ' es aufrichtig , mein Geld wollen S ' haben , was ? « Während Benjamin Dorn dumm und bestürzt dreinsah , geriet sie mehr und mehr in Wut . » Das tät Ihnen schmecken , Sie Habenichtsnos ' n « , schrie sie , » so a Madl , was gleich den Verstand verliert , wenn sich a Mannsbild blicken läßt , und die sich ihre paar Batzen z ' sammg ' spart hat , daß sich der Sprazl auf die Bärenhaut legen kann . Da wird nix draus , die Philippin ' betackelt man nicht , die weiß , was ihr für Lumpenvolk seid . Marsch , fort mit Ihnen , fort ! Hinaus ! « Sie warf rabiat die Arme und wies nach der Tür . Benjamin Dorn stand auf , stotterte erschrocken , zog sich rückwärts gehend nach der Tür zurück und verschwand dann so eilig , daß Philippine neuerdings in schrilles Gelächter ausbrach . » Kumm her , Agneslein , « sagte sie dann , setzte sich auf den Tritt im Erker und nahm das Mädchen auf ihren Schoß . Lange schwieg sie , und das Kind getraute sich nicht zu sprechen . Beide schauten in die Kerzenlichter des Christbaums . » Singen wir was , « sagte Philippine endlich . Mit heiserer Baßstimme begann sie » Stille Nacht , heilige Nacht « zu singen , und mit hohem , mutlosem Stimmchen fiel Agnes ein . Als sie das Lied gesungen hatten , entstand wieder ein Schweigen . » Wo ist denn mein Vater ? « fragte Agnes plötzlich , ohne Philippine anzublicken . Es klang , als habe sie seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet , diese Frage zu stellen . Philippines Gesicht wurde grau , ihre Zähne mahlten . » Dein Vater , der lungert im Land herum , « antwortete sie und blies ein Lichtchen aus , welches im Niederbrennen einen Zweig zum Glimmen gebracht hatte ; » er hat ' s auf Weibsleut abgesehen und läßt alle Sieben grad sein . Klimpern tut er und ' s Papier vollschmieren . Da kann eins verrecken , und er kümmert sich nicht drum . « Mit einem rohen Stoß setzte sie das Kind auf die Erde , sprang empor , ging zum Fenster und riß es auf , als könne sie ' s vor Hitze nicht aushalten . Sie beugte sich über das schneebedeckte Sims . » Es huschert mich , « klagte das Mädchen . Aber Philippine hörte sie nicht . 8 Daniel schrieb an Eberhard und Sylvia , ob er zu ihnen kommen könne . Er dachte : dort sind Freunde , vielleicht brauch ich wieder einmal Freunde . Von einer fremden Hand erhielt er den Bescheid , daß die Baronin bedaure , ihn in Siegmundshof jetzt nicht aufnehmen zu können , aber sie liege im Wochenbett ; sie sende ihm herzliche Grüße und lasse ihm mitteilen , daß es sowohl dem Neugeborenen wie auch dem andern Kind , welches nun schon drei Jahre alt sei , gut gehe ; beides seien Knaben . » Überall wachsen Kinder auf , « sagte Daniel , und er packte seinen Koffer und reiste langsam südwärts , der Heimat zu , so langsam , als fürchte er sich vor einem Ziel , wohin zu gehen es ihn doch zwang . An einem Abend im April kam er in Nürnberg an . Als er in die Stube trat , schlug Philippine laut klatschend die Hände zusammen und blieb wie angewurzelt stehen . Agnes maß den Vater mit scheuen Blicken . Sie war hochaufgeschossen , weit über ihre Jahre . Der alte Jordan kam herunter . » Du siehst schlecht aus , Daniel , « sagte er und wollte Daniels Hand nicht loslassen , » dürfen wir nun hoffen , dich hier zu behalten ? « » Ich weiß nicht , « erwiderte Daniel und schaute geistesabwesend an den Wänden hin , » ich weiß nicht . « Am dritten Tag bemächtigte sich seiner eine ganz ungewohnte Bangigkeit . Ihm war , als sei er irre gegangen und als habe es ihn innerlich an einen andern Ort getrieben . Er ging zu Philippine in die Küche . Sie buk für ihn Kartoffelnudeln , in Schmalz . Es roch gut . » Ich fahr nach Eschenbach hinaus , « sagte er zu seiner eigenen Verwunderung , denn der Entschluß war mit dem Wort gekommen . Philippine riß die Pfanne vom Feuerloch , das Feuer stieg jäh in die Höhe . » Meinetwegen fahrst hin , wo der Pfeffer wächst , « knirschte sie ingrimmig . Beschienen von den Flammen , sah sie wie eine Hexe aus . Daniel schaute sie prüfend an . » Was ist mit der Agnes ? « fragte er nach einer Weile , » warum geht mir das Kind aus dem Weg ? « » Wird schon wissen warum , « versetzte Philippine tückisch und stellte die Pfanne wieder aufs Feuer , » die is keine Zuläufige . « Daniel verließ die Küche . » Zu seinem Bankert fahrt er , der Luderskerl , zu seinem Bankert , « murmelte Philippine . Sie kauerte sich auf den Schemel und starrte dumpf vor sich hin . Die Kartoffelnudeln verkohlten . 9 Bei sinkender Nacht betrat Daniel das Häuschen der Mutter . Als er die Mutter gewahrte , wußte er , daß ein Unglück geschehen war . Eva war fort . Eines Abends , vor vier Wochen , war sie verschwunden gewesen . Eine Seiltänzergesellschaft hatte Vorstellungen im Städtchen gegeben , die wurde beschuldigt , das schöne Kind geraubt zu haben . In dieser Überzeugung hatten sich die Eschenbacher Leute auch dann nicht erschüttern lassen , als die Gendarmerie die umherreisende Gesellschaft aufgegriffen hatte , ohne des vermißten Mädchens habhaft zu werden . Alle Gemeinden des Kreises waren alarmiert worden , im ganzen Land wurden die Nachforschungen betrieben , noch bis zur Stunde ; vergebens , es war nirgends eine Spur zu finden , der Fall war den Behörden wie den Einwohnern ein Rätsel . Die Wälder wurden durchsucht , die Weiher abgelassen , die Landstreicher befragt , vergebens . Da hatte eines Tages der Bürgermeister einen Brief ohne Unterschrift bekommen , und sein Inhalt war dieser : » Das Mädchen , nach dem ihr fahndet , ist wohl aufgehoben . Es ist kein Zwang an ihr geübt worden , freiwillig und aus Liebe zur Kunst ist sie mit denen gegangen , bei welchen sie weilt . Sie schickt ihrer Großmutter zärtliche Grüße und hofft , sie einst wiederzusehen , wenn sie erreicht hat , was sie sich wünscht . « Darunter hatte Eva mit Federzügen , die Marianne Nothafft als ziemlich zweifellos von dem Kinde herrührend bezeichnet hatte , geschrieben : Das ist wahr . Lebwohl , Großmütterchen ! Die Leute , die mit Marianne um den Verlust des Kindes von Eschenbach trauerten , sagten , wenn es Eva wirklich sei , die diese Zeilen geschrieben hatte , so sei sie eben von den Räubern dazu genötigt worden . Der Brief trug den Poststempel einer rheinpfälzischen Stadt . Ein Telegramm ging hinüber , die Antwort lautete , es habe vor kurzem eine Gesellschaft von Gauklern dorten gastiert , aber sie seien längst abgereist ; auf welcher Straße sei nicht bekannt , wahrscheinlich nach Frankreich hinüber . Marianne war gebrochen . Sie hatte keine Lebenslust mehr , sogar über die Ankunft Daniels bekundete sie keine Freude . Und Daniel war es , wie wenn der hellste Stern an seinem Himmel untergegangen sei . Als er das Furchtbare aufgefaßt hatte , schlich er in die Dachstube , warf sich auf das verlassene Bett seiner Tochter und schluchzte . Weinst du , Mann , weinst du endlich ? schien eine Stimme zu rufen . An vielen Abenden saß er bei der Mutter , und sie grübelten beide vor sich hin . Einmal fing Marianne an zu sprechen , und sie erzählte von Eva . Die Vorliebe des Kindes für Schaustellungen aller Art habe sie stets beunruhigt ; vor Jahren sei eins Truppe wandernder Komödianten im Ort gewesen , da habe die damals erst Achtjährige eine leidenschaftliche Erregung gezeigt und sich vom Morgen bis zum Abend vor der Bude herumgetrieben , in welcher die Leute gespielt . Auch habe sie Bekanntschaft mit einigen von ihnen geschlossen , und eine junge Person habe sie dann zu der Aufführung eines Stückes mitgenommen . So oft ein Zirkus auf dem Jahrmarkt gewesen , hätte man sie kaum bändigen können ; » bisweilen dacht ich mir , es muß Zigeunerblut in dem Kind sein , « sagte Marianne traurig , » aber es war ein so gutes und folgsames Kind sonst . « Ein andermal erzählte sie folgendes . An einem Sonntag im Frühjahr habe sie einen Spaziergang mit Eva gemacht . Es sei spät geworden , auf dem Rückweg sei die Nacht eingebrochen , sie hätten durch den Wald gehen gemußt , da habe sie sich müde auf einen Baumstumpf gesetzt , um ein bißchen zu rasten . Der Mond habe geschienen , es war eine kleine Lichtung da , plötzlich sei Eva aufgesprungen und habe zu tanzen begonnen . » Das war wunderlich anzusehen , « schloß Marianne ihren Bericht , » das schlanke , zarte Figürchen , wie es sich im Mondschein und auf dem Moose lautlos um sich selbst gedreht hat . Aber mir hat ' s das Herz zusammengeschnürt , und mir war , als sollte sie nicht mehr lange bei mir bleiben . « Daniel schwieg . O , zauberisches Ding du , dachte er , Erbteil und Geschick . Drei Wochen blieb er bei der Mutter , dann engte ihn das Gewohnte zu sehr ein , Haus und Städtchen , und er nahm Abschied . Er fuhr nach Wien ; dort hatte der Kustode an einem kaiserlichen Institut wichtige alte Handschriften für ihn liegen . Anderthalb Monate später bekam er einen Brief , der ihn erst nach allerlei Irrfahrten erreicht hatte . Er meldete ihm den Tod seiner Mutter . Der Lehrer von Eschenbach schrieb ihm dieses mit dem Hinzufügen , daß die Greisin in der Nacht friedlich und schnell verschieden sei . Ein zweiter Brief folgte , darin wurde er um Anweisungen gebeten , was mit dem Häuschen geschehen solle , und ob es zum Verkauf auszuschreiben sei ; ein Nachbar , der Getreidehändler Merk , habe sich freiwillig angeboten , Daniels Interessen zu vertreten . Daniel antwortete , sie möchten tun , was ihnen am besten schiene . Es lasteten Schulden auf dem Häuschen , und der Verkauf konnte keinen großen Ertrag bringen . Er verkroch sich in eine Einöde . 10 In kleinen Städten und Dörfern an der Donau brachte er endlich den dritten Satz der prometheischen Symphonie zu Ende . Als er wie aus Fieberdelirien erwachte , war es Herbst geworden . An einem Morgen im Oktober hörte er einen Heiligen die Orgel spielen . Es war in Sankt Florian bei Enns . Der große Künstler , einst hatte er im Stift gelebt , kam jetzt nur zuweilen , um Zwiesprache mit seinem Gott zu halten . Hingenommen bis ins Innerste , war es Daniel zumut , als sitze sein gekrönter Bruder oben an der Orgel ; demütig und erschüttert lauschte er in einem Winkel . Als dann ein Mensch an ihm vorüberging , ein gebückter , hagerer , etwas wunderlicher Greis mit einem sorgendurchfurchten Gesicht und in einem schlechten Anzug , da überwältigte ihn das Grauen vor der Körperlichkeit des Genies , und er erschien sich selber gespensterhaft . Die Schwalbe schrieb : » Uns kann nur einer erlösen , der Musiker . Die Zeit der Religionsstifter , der Staatengründer , der Waffenhelden und der Entdecker ist vorüber . Vielleicht sogar die Zeit der Dichter . Die Dichter haben nur Worte , und unsere Ohren sind müde von Worten ; sie haben nur Bilder und Gestalten , und unsere Augen sind müde vom Sehen . Der letzte Trost der Seele liegt in der Musik , dessen bin ich gewiß . Wenn etwas die verlorenen Illusionen des Glaubens zu ersetzen vermag , wenn etwas uns beschwingen und verwandeln kann , wenn es noch eine Rettung vor dem Abgrund gibt , dem die Menschheit mit verwilderten Sinnen zurast , ist es die Musik . Wo bist du , Erlöser ? Heimatlos ziehst du über die Erde , der ärmste , der entbehrendste , der schuldigste , der verlassenste Mensch . Wann bezahlst du deine Schuld , Daniel Nothafft ? « Sieben Monate brachte Daniel in Ravenna , Ferrara , Florenz und Pisa zu . Er suchte nach Handschriften von Frescobaldi , Borghesi und Ercole Pasquini . Als er die wichtigsten gefunden hatte , durfte er das Sammelwerk als abgeschlossen betrachten . Die Menschen erschienen ihm wie Spielfiguren , die Landschaften wie Malerei auf Glas , er sehnte sich nach Wäldern , und seine Träume wurden wüst . Von Genua wanderte er zu Fuß durch die Lombardei und über die Alpen . Er schlief in harten Betten , um die Erhitzungen des Blutes zu mindern und nährte sich von Brot und Käse . Die Anfälle von Erschöpfung , denen er ausgesetzt war , beachtete er zuerst nicht , aber in Augsburg stürzte er auf der Straße zusammen . Er wurde in ein Spital geschafft und lag dort drei Monate lang am Typhus . Von seinem Fenster aus sah er Fabrikschlöte und ewig ziehende Wolken . Es war Winter geworden , und der Schnee fiel . Zwei Jahre nach seinem letzten Abschied betrat er wieder das Haus am Egydienplatz . Als ihn Philippine gewahrte , so abgezehrt und bleich , stieß sie einen Schreckensschrei aus . Agnes war noch länger , noch dürrer , noch ernsthafter geworden . Bisweilen , wenn sie ihren Vater anschaute , hätte er ihr zornig zurufen mögen : Was soll dein Gefrage ? Dabei war kein Wort über ihre Lippen gekommen . Da Philippine sah , daß Daniel so einsam zurückgekehrt war , wie er ausgezogen war , legte sie in ihrem Benehmen gegen ihn eine eigentümliche Sanftheit an den Tag . Der alte Jordan lebte unverändert dahin . Alles ging seinen vorgeschriebenen Weg , alles war , wie wenn Daniel nicht sechs Jahre , sondern sechs Tage fortgewesen wäre . Er fühlte sich noch nicht ganz gesund , trotzdem arbeitete er Nacht für Nacht . Der vierte Satz versprach ein Wunder an Polyphonie zu werden . Ursein , Ursehnsucht , Urschmerz tönten in ihm . Der ewige Wanderer gelangte an die Himmelspforte und wurde nicht eingelassen . Überirdisch bewegte Harmonien hatten ihn emporgetragen ; dumpfe Paukenschläge bezeichneten sein stehendes Pochen an verschlossenen Toren ; drinnen erklang das schauerliche Nein der Posaunen . Umsonst war das Bitten der Geigen , umsonst der Fürspruch des Engels , der zur Rechten stand , auf eine Harfe ohne Saiten gelehnt , umsonst die süße Beschwörung des andern , blumenbekränzten , zur Linken , umsonst der Elfenchor der oberen Stimmen , umsonst die aufschäumende Klage der unteren ; hie führt kein Pfad , hieß es , hie ist für ihn kein Raum . Eines Abends erblickte Daniel am Fenster seiner Stube ein fremdes Mädchen . Sie war schön . Betroffen erhob er sich , um sich ihr zu nähern . Da war sie verschwunden . Es war eine Halluzination gewesen . Er fürchtete sich vor sich selbst , verließ das Haus und wanderte wie in vergangenen Zeiten durch die Gassen . 11 Es war Faschingstag , und die Bürger waren wieder einmal lustig . Maskierte Knaben und Mädchen zogen in lärmenden Scharen umher . Als Daniel durch die Füll ging , stutzte er ; die Fenster in der Bendaschen Wohnung waren erleuchtet . Da erinnerte er sich , daß ihm der Provisor Seelenfromm gesagt , Frau Benda sei schon vor langer Zeit aus Worms zurückgekehrt ; sie lebe mit einer Nichte , denn sie sei völlig erblindet . Er stieg die Treppe hinauf und läutete . Eine grauhaarige , vergrämt aussehende Frau öffnete ihm ; es mußte wohl die Nichte sein . Daniel sagte seinen Namen , die Frau hatte von ihm gehört . » Sie wissen ja wahrscheinlich , daß Friedrich verschollen ist , « sagte sie in schläfrig singendem Ton . » Acht Jahre sind vergangen , seit er den letzten Brief aus Innerafrika geschickt hat . Wir haben schon auf alle Hoffnung verzichtet ; auch in den Zeitungen ist es schon ganz still geworden . « » Ich habe nie was gelesen , « murmelte Daniel . » Aber Friedrich kann nicht tot sein , « fuhr er kopfschüttelnd fort , » daran glaub ich nun und nimmer . « Er heftete seine Augen mit einem zugleich zerstreuten und intensiven Blick auf die Frau , die gebannt auf seine Brillengläser starrte . » Wir haben alles versucht , was menschenmöglich ist , « erwiderte sie ; » haben uns an die Konsulate , die militärischen Stationen und die Missionsvorstände gewandt , es hatte gar keinen Erfolg . « Nach einer Pause sagte sie ein wenig lebhafter : » Sie werden nicht wollen , daß ich Sie ins Zimmer führe . Es ist qualvoll für die Tante , wenn sie eine fremde Stimme hört , und daß Sie mit ihr reden , könnt ich nicht zulassen , da würde der ganze Schmerz von neuem in ihr aufgewühlt . « Daniel nickte und ging . Vom Flur herauf drang ein übermütiges Gelächter , das peinigend in seine dunkle Stimmung fiel . Sein Herzschlag dünkte ihm matt ; er empfand ein wehtuendes Verlangen nach etwas , wofür er keinen Namen wußte , nach etwas Süßem und Strahlendem . Auf dem letzten Treppenabsatz blieb er verwundert stehen und schaute in den Flur hinunter . Herr Carovius tänzelte wie ein Bajazzo vor seiner Wohnungstür herum . Er hatte eine silberpapierene Krone auf dem Kopf und suchte sich mit einem greisenhaften und zärtlichen Grinsen der mutwilligen Zudringlichkeit eines jungen Mädchens zu erwehren . Das Mädchen befand sich in einem Karnevalsaufzug . Das dunkelblaue Sammetkleid , welches die üppige Gestalt fast schlank erscheinen ließ , war über und über von Silberfäden behangen . Von ihren Schultern bis auf den Boden , wo es noch drei Schritte hinter ihr schleppte , hing ein schleierartiges , schwarzes Tuch herab , das mit glitzerndem Flitterwerk besät war . In der Hand hielt sie eine scheußliche Wachsmaske , das Gesicht eines Saufbolds mit einer roten Nase darstellend , und ihre Bemühungen zielten darauf hin , das Gesicht des Herrn Carovius mit der Maske zu bedecken . Sie wollte , daß er sich ihr füge , sie versicherte , sie werde nicht eher vom Fleck gehen , als bis Herr Carovius die Maske aufgesetzt habe . Herr Carovius rüttelte an der Tür , die zugefallen war , er kramte in seinen Taschen nach dem Schlüssel , aber