wo er das Elend und die Trostlosigkeit des Besiegten zu schauen erwartet hatte - hier lärmte und jubelte in der Mittagssonne aller farbige Leichtsinn des Lebens . Da war ein fröhliches Gewimmel von Jägern und Falknern , von huschenden Windspielen und kläffenden Jagdhunden , von scharlachfarbenen Einrössern und ritterlichen Herren in reichem Hofkleid , von Gauklern , Musikanten und geschmückten und geschminkten Weibern . In den großen Hallen , die den Hof umgaben , waren Tische zum Mahl gestellt . An gesonderten Tafeln hatten jene Fremdländer , die zu Herzog Ludwig gekommen waren , um Ritterschaft zu suchen , sich landsmännisch zusammengetan . Während die Tafelmusik den Lärm durchschrillte , wurde an dem einen Tisch französisch geschwatzt , am anderen italienisch ; hier flämische Laute , dort das wunderliche Wortgesprudel der Ungarn . In einer Ecke der Halle saßen die Edelleute der Salzburgischen und Berchtesgadnischen Hilfstruppe . Neben dem mürrisch dreinschauenden Hauptmann Hochenecher pokulierte schwatzlustig der junge Sigwart von Hundswieben mit dem Chorherrn Jettenrösch . Der Krieg und das emsige Suchen nach Ritterschaft hatte die beiden so sehr verwildert , daß von dem geistlichen Stande , dem sie angehörten , nimmer viel an ihnen zu merken war . Den zwei vergnügten Freunden gegenüber hielt ein Fünfzigjähriger eine hübsche , kichernde Weibsperson auf den Knien und tuschelte ihr Spaße ins Ohr , über die auch dieses geschminkte Laster noch zu erröten drohte . Er war wie ein eitler Jungherr gekleidet , obwohl ihm der zierlich gestutzte Knebelbart schon zu ergrauen begann ; die blauroten Äderchen des Trinkers überkräuselten seine Wangen , und in den grauen Augen glänzte eine freche Lustigkeit . Es war der Chiemseer Chorherr Hartneid Aschacher , der vor neunzehn Jahren aus dem Stift zu Berchtesgaden hatte verschwinden müssen . Einem jungen , sonngebräunten , ernstblickenden Kriegsmarine , der über schmuckloser Kleidung den spiegelblanken Brüstling einer flämischen Rüstung trug , schienen die Tafelspäße des Chiemseers zu mißfallen . Schweigend erhob er sich vom Tisch und trat aus der kühlen Halle in den sonnigen , von heiterem Lärm erfüllten Hof hinaus . Bei raschem Gange knappte er ein bißchen mit dem linken Bein . » He , Someiner ! « rief der Chorherr Jettenrösch . » Wohin denn ? « » Laß ihn laufen ! « wehrte der junge Hundswieben . » So ein muckischer Spielverderb ! Der tät besser nach Burghausen taugen als nach Ingolstadt . « Lampert , der diese Worte noch gehört hatte , drehte das Gesicht , kam zurück und sagte ruhig : » Hundswieblin ! Jetzt sind wir des Herzogs Leut und haben kein Recht über uns . Sagst du aber ein zweites Mal so ein Wort , so denk ich nimmer , sondern schlag dich mit der Faust unter den Tisch hinunter . « Der junge Hundswieben wollte vom Leder ziehen . Aber Jettenrösch , während Hartneid Aschacher lustig hetzte , faßte den Erbosten am Arm . Und Hauptmann Hochenecher nahm Lamperts Partei und sagte : » Recht hat er . Das ist ein Mensch . Wo die Ferken schmatzen , ist ihm nit wohl . Mir auch nit . « Er hängte sich in Lamperts Arm und verließ mit ihm die Halle . Hundswieben und Aschacher fingen zu lärmen an . Ihr Geschrei ging unter in dem spannungsvollen Aufruhr , den der Eintritt des brandenburgischen Boten erregte . Um die Mittagsstunde hörte man in Herzog Ludwigs Stube , die während der letzten Wochen minder kostbar geworden war , nach langer Zeit zum ersten Male wieder jenes helle , kräftige Lachen . Ganz so hell und fröhlich wie früher klang es freilich nickt . In der erlösenden Freude , die da gekommen war , bitterte auch ein Tropfen Demütigung und Ärger . Aber es war doch ein Lachen , bei dem der alte Gleslin mit frohem Verwundern aufblickte . Der Lautenspieler Nachtigall unterbrach die kunstvolle Weise , die er im Erker klimperte ; und weil er seinem Fürsten eine wühlende Gedankenarbeit ansah , verhängte er die Käfige der zwitschernden Vögel ; die kleinen Sänger wurden stumm , und da war nun ein wunderlich bedrückendes Schweigen in der Stube . Prinz Ludwig , der in einer Fensternische saß und an den Fingernägeln biß , sah den froherregten Vater an und wurde blaß bis in die Halskrause . Seine Augen forschten , während er langsam den mißgestalteten Körper aufrichtete . Lächelnd machte er ein paar von seinen wippenden Käferschritten gegen den Herzog , der dem alten Gleslin das Pergament des Brandenburgers über den Tisch hinüberreichte : » Gleslin ? Wie gefällt dir das ? « Wieder lachte Herr Ludwig . Mit zärtlichem Augenaufschlag lispelte der bucklige Knabe : » Mein geliebter Vater scheint Botschaft erhalten zu haben , die gut ist ? « » Ja , mein Honigwürmchen ! « erwiderte der Herzog , halb heiter , halb in Zorn . » Diese Botschaft ist für mich so gut , daß sie dich schwermütig machen könnte . Drum verschweig ich sie dir . Wolltest du nicht heute mit dem Sperber reiten ? Es soll dir gestattet sein . « Der Prinz lächelte , während in seinen Mundwinkeln das Zucken eines leidenden Kindes war . » Die Sonne brennt . Mein Sperber ermüdet leicht in der Hitze . Ich will warten auf einen kühleren Tag . « » So tu , was du willst ! « Der Herzog deutete nach der Tür . » Ich gebe dir Urlaub . « Stumm , den großen Kopf zwischen die gekrümmten Schultern ziehend , wippte Prinz Höckerlein durch die Stube . Auf der Schwelle , schon halb verborgen von den Brokatvorhängen , drehte er sich beim Komplimentieren wie ein ungeschickter Tänzer und warf dem Lautenschläger Nachtigall einen funkelnden Blick zu . Herr Ludwig , der diesen Blick nicht sehen konnte , sagte hart : » Gott erlöse uns von allem Übel ! « Draußen vor der Türe knurrten die beiden Doggen . » Hörst du , Gleslin ? Sie hassen ihn . « Er tat einen scharfen Pfiff . Lärmend kamen die zwei großen Hunde in die Stube gefahren und sprangen mit Gewinsel an der hohen Gestalt des Herzogs hinauf . Er liebkoste ihre schönen Köpfe . » So ! Jetzt legt euch wieder ! Ihr meine Getreuen ! « Die Bracken , als hätten sie jedes Wort ihres Herrn verstanden , gingen Seite an Seite und mit ruhigem Schritt aus der Stube . In den Augen des alten Gleslin war ein tiefer Kummer . Was er da zwischen Vater und Sohn hatte spielen sehen , ließ ihn fast des wichtigen Pergamentes vergessen , das er zwischen seinen dürren , zitternden Händen hielt . Der Herzog mußte nochmals fragen : » Also ? Wie gefällt dir das ? « Gleslin sah das Blatt an . Erst nach einer Weile konnte er antworten : » Herr , das ist die Rettung . « » Das ist mehr ! Nicht nur die Rettung aus meiner Klemme . Auch ein Wegweis zu neuem Aufstieg . Es wird mir hart , dir einzugestehen , daß du recht hattest , damals , als ich losschlug wider deinen Rat . Aber Wahrheit geht durch alle Greuel , ohne den Saum ihres Kleides zu beschmutzen . Ja , Gleslin , er ist ein Starker . Jetzt weiß ich , daß er auch gut ist . Drum mußte er mich besiegen , der ich stark war und bösartig bin . Ich will lernen von ihm . « Ein Aufatmen hob die Schultern des Greises , während Herzog Ludwig nach dem Pergamente griff , um wieder zu lesen , was seine Rettung war . Eine kurze Botschaft : Friedrich von Zollern trug sich als Mittler zwischen Loys und Heinrich an , der es redlich meine und eine Verständigung zwischen Ingolstadt und Landshut als notwendig und hilfreich erkenne . Die Botschaft schloß mit den Worten : » Ehe wir handeln wegen des anderen , wollen wir das Unsere reinlich in Ordnung bringen . Ich biete dir abermals die Hand zum Frieden . Willst du ? « Herr Ludwig antwortete : » Ich will nicht . Aber ich muß . Du bist der Stärkere . « Den reichbeschenkten Boten , der diese Worte nach Nürnberg davontrug , begleitete des Herzogs Vizedom Brunorio von der Leiter , um mit Zollern den Frieden abzuschließen und wegen der Sühne zu verhandeln , die Herzog Heinrich für seine meuchlerische Tat von Konstanz leisten sollte . Gegen die sechste Nachmittagsstunde ritten sie mit verschwenderisch ausgestattetem Geleit davon . Außer dem Herzog , dem alten Gleslin und dem getreuen Nachtigall wußte niemand zu Ingolstadt , welche Botschaft da getragen wurde . Wieder glänzte ein goldroter Abend durch die Scheiben des Erkers herein , in dem der Lautenspieler seine klingende Kunst erwies . Herzog Ludwig , während er rastlos durch die Stube wanderte , mußte Musik hören , um des frohen Aufruhrs Herr zu werden , der ihn erfüllte , und um die wirbelnden Pläne dieser Stunde zu ordnen . Was jetzt vor ihm lag , war neues Leben , neue Macht . Das wiederholte Friedensgebot des deutschen Königs ? Die mit der Hölle spielenden Drohungen des päpstlichen Legaten Branda ? » Gleslin ? Sind das Dinge , die mich bezwingen ? Das deutsche Königtum ist ein leerer Sack . Laß ich Gold hineinschöpfen , so kann ich mich draufsetzen . Und die Hölle ist eine zweifelhafte Sache . Da spar ich mir die Neugier auf eine spätere Stunde , die alle Nüsse knackt . Jetzt leb ich wieder . Und so lang ich lebe , will ich mit festen Füßen auf meiner Erde stehen . Jetzt hab ich nur noch einen Feind , der mir Sorge macht . Meinen Sohn und Erben ! « Herr Ludwig sah zur Türe hin . » Diesen Honigwurm muß ich in eine Wabe setzen , die er härter als Stein und Eisen finden soll ! Dann will ich wider die minder Gefährlichen tun , was notwendig und hilfreich ist - wie diese kleingewordene Laus von Burghausen sagt . « Gleslin , der die Gedanken seines Herrn erriet , begann in Sorge zu warnen , noch ehe der Herzog den keimenden Plan dieser Stunde deutlich ausgesprochen hatte : gegen die Vettern zu München , die ihn bitter bedrängt und schwer geschädigt hatten , alle Reste seiner Macht zu einem schnellen und vernichtenden Schlag zu sammeln , jetzt , da er durch den Frieden mit Fritz von Zollern von seinem gefährlichsten Gegner im Rücken erlöst war und auch des anderen ledig wurde , der untätig zu Burghausen saß und ängstlich um seinen dünnen Hals zu feilschen begann . » Herr ! Herr ! « jammerte Gleslin . » An diese friedsame Untätigkeit zu Burghausen glaub ich nicht . « » Da magst du recht haben ! Eine Laus kann das Beißen nicht lassen , solange sie nicht geknickt wird ! « Herr Ludwig hatte wieder völlig sein frohes Lachen von ehedem . » Drum will ich mich vorsehen und die günstige Stunde nützen , die mir heute kam . Das ist meine Stunde , Gleslin ! Vor einem Jahr warst du der Klügere . Das hab ich eingesehen . Heute bin ich es . Und das sollst du begreifen müssen . Nein , schweige ! Oder du wirfst mir mit deiner Ängstlichkeit eine neu erstehende , schöne Welt über den Haufen . Jener Kleine von Burghausen möchte Dach sein . Dieses in Treue törichte München ist seine tragende Mauer . Schmeiß ich die Mauer nieder , so fällt das Dach . Dann habe ich Ruhe für immer . « Gleslin warnte und flehte in der zitternden Schwäche seines Alters . Doch dieser Lachende wuchs mit jedem Worte fester in seinen neugeborenen Willen hinein . » Ich schlage los , sobald ich viertausend Helme ins Feld stellen kann . Vor meinem Haupthaufen schick ich meinen Verläßlichsten voraus , den Hauptmann Wessenacker . Der soll mit einem Handstreich das gute München nehmen . Da reichen siebenhundert Pferde . Die Zeit hat Rosen für mich , dieweil sie verblühen für die anderen . Ich weiß , das Volk von München grollt mit seinen Herren um der schweren Steuer willen und ist müde des Fechtens . Mir waren die Münchener immer gut . Weil sie gesunde Menschen sind , lieben sie das Starke und Frohe . Sie werden zu mir stehen , sobald der Wessenacker die erste Mauer niederstößt . Das soll geschehen am Tage vor Matthäi . Mein Heiliger , Gleslin , mein Heiliger ! Der hält zu mir ! « Dem gewalttätigen Strom dieser Worte stand Gleslin hilflos gegenüber . Mit Tränen in den Augen , keines Wortes mächtig , faßte er den durch die rote Sonne schreitenden Fürsten am Sammetärmel . Diese körperliche Berührung schien Herr Ludwig übel zu vermerken . Doch rasch bezwang er den aufsteigenden Jähzorn , sah den erschrockenen Greis freundlich an und sagte heiter : » Aber Gleslin ! Sei doch nicht wie ein feuchtes Mädel ! Du ! Ein Mann in trockenen Jahren ! « Er wurde ernst . » Und jetzt ein Ende ! Ich hab ' s gesagt . Es wird geschehen . « Vom Blutglanz des Abends umwoben , trat er zum Erker hin . » Nachtigall ! Spiel ! mir das frohe Liedchen , das ich liebe ! Heut soll es mir singen von meinem erneuten Glück . « Ein feines , gaukelndes Saitengezwitscher . Und während Gleslin auf einen Sessel hinsank und die schwachgewordenen Knie zittern ließ , stand Herzog Ludwig hoch und straff an die Mauerkante des Erkers gelehnt und sah unter gläubigen Träumen hinaus in das rote Feuer des versinkenden Tages . Noch in der Nacht begann das fieberhafte Rüsten . Unter den Lehensleuten wurde die Rede ausgegeben , Herzog Ludwig , um den deutschen König zu versöhnen , erfülle einen frommen Wunsch des Gesalbten und rüste einen Heerhaufen wider die böhmischen Ketzer , die in drohenden Schwärmen gegen die Ostgrenze der fränkischen Lande herandrängten . - Eines Tages - der nicht kühl war , sondern eine brennende Sonne über den wolkenlosen Himmel heraufschickte - zog Prinz Höckerlein zur Flugjagd aus , auf der Faust den empfindlichen Sperber , der schon am Morgen vor Hitze schmachtete . Sieben Falkner , denen Herr Ludwig die Jagdpferde versagt hatte , begleiteten den Prinzen als unberittene Jagdgesellen . Und zur Bewachung des Honigwurmes ritten auf guten Gäulen sechs rote Einrösser mit aus , unter Führung des getreuen Nachtigall . Der saß auf einem von des Herzogs flinksten Jagdrossen und trug nicht wie sonst die Laute , sondern war gepanzert und hatte eine scharfschießende Armbrust . Lange vor Abend kam die Jagdtruppe des Prinzen , der in grimmiger Laune zu sein schien , in das Schloß zurück . Der Herzog , als er den Zug erscheinen sah , wurde stutzig . Die Jäger brachten keinen Reiher , auf der Faust des Prinzen fehlte der Sperber , einer von den Falknern war verschwunden , und Peter Nachtigall , der um sein Pferd gekommen , wanderte sorgenvoll hinter den sechs Einrössern einher , die den Prinzen umgaben . Auf der Treppe trat Ludwig dem Sohn entgegen . Der fing beim Anblick des Vaters zu weinen und zu schreien an , beschuldigte den Nachtigall des heimtückischen Mordes an seinem Sperber und forderte als Sühne , daß man dem Missetäter die Hände vom Leib herunterhacke . Der Lautenspieler stammelte : » Gnädigster Herr , ich bin unschuldig . « Da wurde der Bucklige von solchem Jähzorn befallen , daß er Krämpfe bekam , sich in gräßlichen Zuckungen auf dem Boden wälzte und unter gellendem Geschrei mit den Fäusten gegen den Kämmerer Wolfl Graumann und gegen die Lakaien losschlug , die ihn zu seiner Stube trugen . In den Augen des Herzogs funkelte das Mißtrauen . Er wußte , daß der Honigwurm dieses üble Leiden auch sehr geschickt zu spielen verstand , um einer unbequemen Zwiesprache mit dem Vater zu entrinnen . Stumm klammerte Herr Ludwig die Faust um den Arm des Lautenspielers , zog ihn zu einem Fenster hin und sah ihm forschend in das erblaßte Gesicht . » Rede ! Was war da ? « » Herr , ich bin unschuldig - « Der Herzog schrie : » Du sollst mir sagen , was geschehen ist . « » Der Sperber hat wegen der Hitze den Flug verweigert . Wir sind im Wald gelegen , um den kühleren Abend herzuwarten . Der Sperber hat arg geschmachtet . Und weil der gnädigste Prinz sich grob um den edlen Vogel gesorgt hat , hab ich gemeint , man müßte dem Sperber ein Bad geben . Ich selber hab in meiner Eisenschaller das Wasser geholt . Aber mich hat der gnädigste Prinz dem Vogel nit in die Näh gelassen . « » So ? « » Der Falkner Laitzinger , des Prinzen Liebling , hat den Sperber baden müssen . Und da ist geschehen , ich weiß nit , was . Eh man ein Vaterunser hätt beten können , ist der Vogel umgestanden . Und der gnädigste Prinz , in der ersten Wut , haut mit den Fäusten auf den Laitzinger los . Der will entrinnen . Da zieht der gnädigste Prinz das Waidmesser und will den Buben niederstechen . Und der , mit Geschrei , auf meinen Gaul hinauf ! « » Auf deinen Gaul ? Auf den besten ? « » Wohl , Herr ! Und davon wie der Teufel ! « » Und du ? « » Ich spring nach meiner Armbrust . Aber da hat schon der gnädigste Prinz mein Schießzeug in Händen - « » Und fehlt den Buben ? Mit jedem Bolz , der in deinem Leder war ? Nicht ? Nicht ? Nicht ? « Herr Ludwig lachte in Zorn . » Wohl , gnädigster Fürst ! « Der blasse Lautenspieler machte erstaunte Augen . » Sechsmal hat er daneben geschossen - « » Sechsmal einen Gaul und Reiter fehlen ? Der ? Und schießt den Spatzen vom Dach herunter , den Fasanengockel aus der Luft ! « » Herr , ich hab mich selber verwundert . Zwei von den Einrössern , die zwei verläßlichsten , hab ich als Hüter bei dem gnädigsten Prinzen gelassen . Mit den anderen bin ich hinter dem flüchtigen Buben hergehetzt - « » Der verschwunden war ? « Kleinlaut nickte der Lautenspieler : » Wohl , Herr ! Und da hat mich der gnädigste Prinz in Zorn beschuldigt , mit dem Wasser in meiner Eisenschaller hätt ich den Vogel vergiftet - daß der Prinz sich ärgern müßt und mein gnädigster Herr was Lustigs zu lachen hätt . « » Nachtigall ? « Herr Ludwig faßte mit seiner wuchtigen Faust den blassen , zitternden Menschen an der Schulter . » Nachtigall ? Bist du falsch ? « » Jesus , Herr - « » Oder bist du bei deiner hundertmal erprobten Schläue doch so ein Rindvieh des Lebens wie viele Musikanten ? « Der Lautenspieler atmete erleichtert auf und sagte drollig : » Jetzt schimpft der gnädigste Herr , da zürnt er nimmer . « » Dir ? Nein ! Mit der Dummheit muß man gütiges Erbarmen haben . Nachtigall ? « Herr Ludwig nahm den Musikanten beim Ohr . » Hast du denn wirklich nicht gemerkt , daß diese ganze Sperbergeschichte ein abgeredetes Ding war ? Eine gut gespielte Komödie meines holden Herzkäfers ? Mit seinem Liebling Laitzinger ? Und daß da eine Botschaft fortging ? Welche ? Ich kann ' s nicht raten . Wohin ? Ich weiß es nicht . « Er lachte über das hilflos verblüffte Gesicht des Nachtigall . » Erschrick nit , mein guter Peter ! Laß ihn spinnen , was ihm taugt . Meine Faust ist stärker als seine kleinen , krummen Fäden sind . Er weiß nur immer das Halbe . Und das Beste dieser Tage - das kennen nur ich , der Gleslin und du ! « Der Herzog wurde ernst . » Das ist sicher vor den Fledermauszähnen meines lieben Kindleins . « Ein kurzes Besinnen in wühlendem Unbehagen . Dann wieder ein Lächeln . » Vielleicht nur eine Weibergeschichte ? Kann sein , er knappert in seines Leibes Armut an einem Kuchen , den ich beiseite schob ? Und will es verbergen vor mir ? « Rasch flüsterte der Lautenspieler : » Ob ' s nicht die rote Bärbel ist , die der gnädigste Herr nach Neuburg verschickt hat ? « » Die ? Nein ! « Herr Ludwig wurde heiter . » Die hatte die gradgewachsenen Tiere lieb und konnte nie eine Spinne sehen . « Dieses Wort schien ihn zu reuen , kaum es gesprochen war . In seinem Gesichte stritt der Ärger über sich selbst mit dem Mißtrauen gegen den Sohn . Einer väterlichen Regung des Augenblicks gehorchend , ließ er den Musikanten stehen und ging mit raschen Schritten durch den Korridor auf die Stube des Prinzen zu . Vor der Türe standen die verschüchterten Diener , die Prinz Höckerlein aus seinem Schlafzimmer verjagt hatte . Als der Herzog eintrat , lag der Bucklige halb entkleidet auf dem seidenen Bett und hielt wie ein Toter die blassen , durchsichtigen Lider geschlossen . Dicker , weißer Schaum quoll über die Lippen heraus , und ein heftiges Zucken lief über den mißgestalteten Körper hin , der in dieser halben Todesähnlichkeit von erschreckender Häßlichkeit war . Nein ! Das kann man nicht heucheln ! Ob diese Sperbergeschichte und die Flucht des geängstigten Falkners vor einem mörderischen Jähzorn nicht doch eine ehrliche Sache war ? Und im Zorne zittern die Hände , daß auch dem besten Schützen die Bolzen nicht fliegen , wie er will . Und dieser selige Sperber ? War er nicht das einzige Geschöpf , für das in dieser menschlichen Mißgestalt so etwas wie Liebe wohnte ? Man kann um törichter Dinge willen nicht das einzige töten , an dem man mit Liebe hängt . Das kann auch der da nicht ! Obwohl er sich auf üble Dinge versteht . Der Sperber starb . Und aus Kummer um den geliebten Vogel muß dieser Unglückliche leiden an allem Elend seines verkrümmten Körpers . Mit diesem Glauben erwachte in Herzog Ludwig das Erbarmen des Vaters . In Sorge , fast zärtlich , schob er den Arm unter den unförmigen Kopf des Prinzen und versuchte ihn aufzurichten . Die Gliederzuckungen des Buckligen erloschen . Er tat einen tiefen Atemzug . Doch er blinzelte erst vorsichtig unter den Lidern hervor , bevor er sie völlig aufschlug . Seine Augen gingen noch irr , während er klagend fragte : » Was war mit mir ? « » Ich mußte sehen , daß du leidest . Denk nimmer an den Sperber ! Ich schenke dir den schönsten von meinen Falken . Ist dir besser ? « » Ich glaube , ja ! « Ein seelenvoller Blick . » Viel Dank , lieber Vater ! « Der Prinz versuchte sich zu erheben . » Nein ! Bleib ruhig liegen ! Man soll dich pflegen , wie es nötig ist . Ich lasse dir meinen Leibarzt holen . « Herr Ludwig ging rasch zur Türe . Während draußen des Herzogs laute , befehlende Stimme klang , spuckte Prinz Höckerlein den weißen Seifenschaum , den er noch reichlich im Munde hatte , hinter das seidene Bett , huschelte sich in gekrümmter Lage auf die Kissen nieder und kicherte spöttisch gegen die Türe hin : » Matthäi ? Dein Heiliger , glaubst du ? Ob ' s nicht der meine wird ? « 6 Der Falkner Laitzinger , der sich bei Tag verstecken mußte , hetzte in den kurzen Sommernächten das gute Roß des Peter Nachtigall zuschanden . Dreimal war er auf diesem flinken Sattel den Straßenräubern entronnen . Zu Ende der fünften Nacht , zwischen Ampfing und Mühldorf , brach der erschöpfte Gaul zu Boden und stand nimmer auf . Laitzinger mußte laufen . Immer hielt er sich in den Wäldern , den ganzen Tag , schlug sich durch Dickungen und watete durch Moor und Sumpf . Zu Tod erschöpft , dem Verhungern nahe , in zerrissenen Kleidern , mit Schlamm behangen , sah er am sinkenden Abend von der Raitenhaslacher Höhe die Pfannenfeuer flammen , die man zu Burghausen entzündete , um die Arbeit am Hunds-Törring auch in den Nachtstunden vorwärts zu bringen . Laitzinger wollte über das steile Waldgehänge hinunterklettern . Da kam von der Saalach ein klirrender Reiterzug die Straße herauf . Herzog Heinrich , von seinem ehrlichen Fieberanfall noch nicht völlig genesen , machte seinen abendlichen Erquickungsritt . Seine Leibtrabanten , an die vierzig Harnischer , waren ihm Schutz und Gefolge . Zwei mit Wachsfackeln ritten voraus . Der Falkner hatte kein schweres Raten : Dieser kleine , flinke , braune Herr , der gesondert von den anderen trabte , trug an seinem zierlichen Leibe die Hand , für die das winzige , mit Schweiß durchtränkte , an einer Silberschnur um den Hals des Laitzinger gesiegelte Röllchen bestimmt war . Als der schmutzige , zerlumpte Strolch so jäh aus den Stauden schnellte und auf den Herzog zusprang , wollten die Harnischer mit dem Eisen dreinschlagen . » Botschaft für den Herzog « , kreischte der Falkner , » von seinem besten Freund . « Er streckte die leeren Hände hoch . » Ich bin ohne Waffen . « Herr Heinrich , der ein bißchen erschrocken war , befahl : » Nüremberger , Ramsauer ! Faßt den Kerl an den Händen ! « Er musterte beim Fackelschein den vor Erschöpfung Zitternden . » Von meinem besten Freund ? Das ist gelogen . Unter Fürsten und Herren hab ich nur einen Freund . Der bin ich selber . Wer ist der Wunderliche , den du meinst ? « » Ich hab schwören müssen , daß ich schweig . Die Botschaft ist um meinen Hals gesiegelt . Nur Ihr allein , Herr , dürft sie lösen von mir . « Auf einen Wink des Herzogs sprang Malimmes vom Gaul und entblößte die Brust des Laitzinger . Herr Heinrich schnitt mit seinem Dolche die silberne Schnur an des Falkners Hals entzwei , wickelte das mürbe , feuchte Röllchen auseinander und las bei der Fackelhelle . Er wurde bleich , und sein Gesicht verzerrte sich . Mit funkelnden Augen beugte er sich aus dem Sattel herunter und sah dem Boten ins Gesicht . Und las wieder . » Heim ! « Seine Stimme schrillte . War ' s Zorn ? Oder wilde Freude ? » Hebt ihn hinter dem Jul auf den Gaul hinauf . Zwei magere Buben machen den Falben nicht müd . Und fort ! Fort ! Heim ! « Der Herzog hatte sein Roß gewendet und ließ es jagen . Die Harnischer mußten ihre schlechteren Gäule treiben . Bei dem schnellen Ritt wehten die Fackelflammen , daß sie zu erlöschen drohten . In diesem zuckenden Wechsel von Dunkelheit und Helle saß der Bote hinter Jul auf dem Falben und hielt die Arme um den jungen Reiter geklammert . Malimmes , in einer galligen Verdrossenheit , murrte dem Runotter zu : » Guck ! Dem Jul ist ungemütlich . Das paßt , ihm nit , daß der ander die Arm so fest um ihn her hat . « Der Ramsauer nickte , neigte sich im Ritte gegen den Söldner hin und flüsterte : » Ich selber merk ' s. Und das ist seltsam . Früher einmal - ich weiß nimmer , wann - ist ein Maidl gewesen , das allweil ein lützel gebubnet hat . Jetzt seh ich einen Buben , der maidelen tut . « Ein rauhes Lachen . Und Malimmes schlug seinem Gaul die Sporen in den Leib , ließ ihn ein paar Sätze nach vorwärts machen , faßte mit eiserner Faust den Boten am Nacken , riß ihn von dem scheuenden Falben zu sich auf den Ingolstädter herüber und hielt ihn umklammert , daß der Laitzinger stöhnen mußte . » Gelt , du ? Bei mir ist das Hocken ein lützel gröber . « Es wurde Nacht , bis der Reiterzug über die letzte Brücke hineinklirrte unter die Hallendächer des Schloßhofes . In der großen , vielfenstrigen Stube brannten die Kerzen . Nikodemus saß mit vier Schreibern am Tische . Als Herr Heinrich so zu Türe hereinstürmte , wie er aus dem Sattel gesprungen war , in Panzer , Mantel und Helm , da merkte der Kahlköpfige gleich , daß ein schweres Ding sich ereignet hatte . Er schickte die Schreiber aus der Stube und fragte erschrocken : » Herr ? « Der Herzog sah mit blitzenden Augen die Spruchbänder an der Mauer an , lachte grell und rief über die Schulter : » Den Kerl herein ! « Die vier Harnischer , die seit dem Winter immer um seine Person waren - Malimmes , Runotter , Jul und ein alter Doppelsöldner - brachten den Laitzinger in seinem Schmutz und seiner bleichen , zitternden Angst über die Schwelle und führten vor den Herzog hin . Drei von diesen vieren schienen sich bei dem Vorgang nicht aufzuregen ; sie hatten gleichgültige , strenge Gesichter . Doch in den großen heißen Augen des Jul war ein scheues Erbarmen mit dem jungen Menschen , der sich vor Angst und Erschöpfung kaum noch auf den Beinen erhalten konnte . Schweigend hatte der Herzog seinem Rat das kleine , mürbe , zerknitterte Pergament gereicht ; und schweigend , mit vorgebeugtem Gesicht und unter raschen Atemzügen wartete er , bis Nikodemus gelesen hatte . Der Kahlköpfige betrachtete das Blatt , sah verdutzt den Herzog an und las wieder . » Nun ? « Nikodemus hob stumm die Schultern . » Kennst du diese Schrift ? « » Das ist zierlich gemalte Klosterschrift , die keine Hand erkennen läßt . « In Zorn geratend , drängte der Herzog : » Und die Botschaft ? So rede doch ! « » Herr ! Die muß man mit Vorsicht beschauen . Das kann ein furchtbares Ding sein . Aber auch ein dummer Schabernack . « » Dreck oder Gold ! «