den Besuch von Kolma Putschi und werde sich sehr freuen , die beiden Frauen miteinander bekannt zu machen . Ich hatte natürlich nicht das geringste dagegen und stieg , als Intschu-inta mit den Fackeln kam , mit ihm wieder in die Höhle hinunter . Es sei bemerkt , daß die zwölf Apatschenhäuptlinge erst heut während unserer Abwesenheit hier angekommen waren und ihre Zelte in der Oberstadt aufgeschlagen hatten . Sie bildeten den Stab sämtlicher Apatschenstämme , auf welche Tatellah-Satah sich verlassen konnte . Ich hatte meinen ganz besonderen Grund , noch einmal hinunter in die Höhle zu steigen . Da ich einmal darüber war , sie kennen zu lernen , wollte ich sie auch gleich ganz kennen lernen ; denn es gab einen kleinen Teil , den ich noch nicht kannte . Ich erinnere daran , daß der breite , reitbare Weg , der vom » Tale der Höhle « aus durch die letztere führte , droben hinter dem Schleierfall in das Freie mündete . An der Stelle , wo er mit Stalaktiten versetzt worden war , die wir entfernt hatten , zweigte von ihm ein schmaler Weg nach rechts , der nur für Fußgänger zur Höhe führte . Sein eigentliches Ende fand dieser schmale Weg ganz oben im Passiflorenraume . Bis dorthin waren wir ihn gegangen . Aber schon unten in der Höhle zweigte von ihm ein zweiter , schmaler Weg ab , an dem wir vorübergekommen waren , ohne daß meine Begleiter etwas von ihm bemerkten . Nur mir allein war die Stelle aufgefallen , an welcher die als Stalagmiten verwendeten Stalaktiten andeuteten , daß auch hier ein früher gangbarer Weg mit Steinen versetzt und maskiert worden sei . Nach dieser Stelle kehrten wir jetzt zurück . Ich hatte nur Intschu-inta mitgenommen , weil er der Vertraute des Medizinmannes war , denn um eine sehr vertrauliche Sache handelte es sich jetzt bei der neuen Entdeckung , die ich machen wollte . Nämlich wenn ich die oberirdischen und die unterirdischen Oertlichkeiten miteinander in Verbindung brachte , so ergab sich für mich folgendes : Der breite Weg mündete im Bergtale , hinter dem Wasserfalle . Der schmale Weg mündete an seinem letzten , höchsten Ende droben im Schlosse . Die zwischen beiden liegende Abzweigung dieses schmalen Weges , die ich jetzt suchte , mußte also zwischen dem Wasserfall und dem Schlosse münden . Und wenn ich mich da fragte , welcher Ort hierzu wohl am geeignetsten sei , so stieß meine Vermutung immer nur auf die Teufelskanzel , oder , wie sie hier genannt wurde , auf das » Ohr des Teufels « , an dem wir vorübergekommen waren , als der Medizinmann uns den Schleierfall zeigte . Es stimmte in jeder Beziehung , daß dieser Ort mit der geheimnisvollen , großen Höhle in Verbindung stand . Wer weiß , was für wichtige Zusammenhänge vor Jahrtausenden hier oben und da unten stattgefunden hatten . Darum war es jetzt für mich , der ich diesen Zusammenhängen nachspürte , sehr wohl geraten , dies so diskret wie möglich zu tun und keinen Menschen in das Vertrauen zu ziehen , der dieses Vertrauen nicht verdiente . Dies der Grund , weshalb ich nur den altbewährten , treuen Intschu-inta mitgenommen hatte . Als wir die betreffende Stelle erreichten , an der ich eine Abzweigung des schmalen Weges vermutete , blieben wir stehen , um die am Boden liegenden Steine zu untersuchen . Auch sie waren nicht Stalagmiten , sondern Stalaktiten , also nicht hier an Ort und Stelle entstanden , sondern zu irgendeinem Zwecke hergeschafft . Wir beseitigten so viele von ihnen , wie nötig war , um Einsicht zu gewinnen , und entdeckten da nun allerdings sehr bald den offenen Pfad , der hinter ihnen aufwärts führte . Meine Vermutung hatte mich also nicht getäuscht . Es fragte sich nur noch , wo er oben mündete . Wir mußten ihm folgen . Wir ruhten zunächst einige Augenblicke von der Anstrengung aus , welche uns das Beiseiteschaffen der schweren Steine verursacht hatte . Es war für diese kurze Zeit still , vollständig still um uns , und so hörten wir ein eigenartiges , prasselndes Geräusch , welches aus der Ferne zu uns drang , wahrscheinlich aus der Gegend , in welcher unser schmaler Weg vom breiten abzweigte . Was war das , oder wer war das ? Befand sich jemand dort ? Unsere Sicherheit erforderte , dies schleunigst zu erfahren . Wir nahmen also die Fackeln hoch und eilten nach der Richtung , aus welcher der Schall zu uns gedrungen war . Dort sahen wir , daß es sich nicht um die Anwesenheit von Menschen handelte , sondern um ein Herabbröckeln des Deckengesteines , und zwar genau an derselben Stelle , an welcher ich gesessen und den beginnenden Spalt über mir bemerkt hatte . Dieser Spalt war jetzt breiter und größer als vorher . Es waren ganz beträchtliche Sinterstücke herabgefallen . Jedenfalls lockerte sich etwas da oben . Wer hier vorüber wollte , der hatte von jetzt an vorsichtig zu sein . Doch nahm ich diesen Gedanken sehr gleichgültig auf , denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von der eigentlichen Ursache dieses Phänomens . Wir kehrten zu der Stelle zurück , an der wir beschäftigt gewesen waren , und folgten von da aus dem neu entdeckten , schmalen Seitengang , dessen Mündung wir noch nicht kannten . Der riesige Intschu-inta war erstaunt . » Es ist , als ob du Winnetou seist , « sagte er . » Alles hörst du ; alles siehst du ; alles findest du ! Wir aber , die wir schon ewig hier wohnen , hören nichts , sehen nichts und finden nichts ! Du bist wie er , und er war wie du ! « Auch dieser Pfad führte von Höhle zu Höhle empor , aber viel steiler als der andere . Dann gab es künstliche Stufen , die in harten Stein gehauen waren . Schließlich standen wir vor dem Ende . Aber dieses Ende bestand nicht aus einer Tür , einer Mauer , einem Steine , sondern aus unzähligen Wurzeln und Wurzelfasern , die aus dem Boden traten , der hier nicht aus Stein , sondern aus Erde gebildet war , und die schier undurchdringlich vorwärts strebten . Da mußten wir unsere Messer zu Hilfe nehmen . Und sie halfen . Indem wir alles , was uns im Wege war , wegschnitten und hinter uns schafften , drangen wir Schritt für Schritt vor und standen schließlich nicht mehr vor Wurzeln und lichtscheuen Ranken , sondern hinter einem dichten Gebüsch , durch dessen Gezweig hindurch das Tageslicht uns grüßte . Wir löschten die Fackeln aus . Das Gebüsch wuchs mit noch anderem Gesträuch aus einem Steinhaufen heraus , der jedenfalls nicht natürlich entstanden , sondern künstlich hierhergebracht worden war , um den Gang , aus dem wir kamen , zu verbergen Indem wir hindurchkrochen , gaben wir uns Mühe , die Aeste und Zweige so wenig wie möglich zu verletzen . Dann standen wir - - - wo ? Am linken » Ohr des Teufels « , also ganz so , wie ich vermutet hatte ; das rechte Ohr lag jenseits des Fahrweges grad gegenüber . » Uff , uff ! « sagte Intschu-inta . » Es geschehen Wunder ! « » Die Neuentdeckung von etwas so sehr Altem ist kein Wunder , « antwortete ich . » Wir befinden uns an eurer Devils pulpit . « » Deren Geheimnis kein Mensch entdecken kann ! « » Nicht ? Wirklich nicht ! « » Nein . Nicht einmal Winnetou hat es gekonnt ! « » So warte ! Vielleicht bist du es , der es kann ! « » Ich ? « fragte er erstaunt . » Ja , du ! « » Unmöglich ! « » Ganz und gar nicht unmöglich , sondern sogar sehr wahrscheinlich . Willst du schweigen , sogar gegen Tatellah-Satah , wenigstens einstweilen ? « » Ich will ! « versicherte er , mich erwartungsvoll anschauend . » Gut ! Sehen wir uns erst um ! Steigen wir hinauf , auf das Ohr des Teufels , um seine Verhältnisse kennen zu lernen ! « Wir stiegen hinauf . Als wir oben waren , befand ich mich fast ganz genau in derselben Lage und in denselben Verhältnissen , wie auf der ersten Devils pulpit , wo der » junge Adler « den Bär erlegte und ich mich dann mit dem Herzle von Kanzel zu Kanzel unterhielt . Es gab auch hier zwei Kanzeln , genau wie dort . Und drüben über der Straße gab es wieder zwei , die in ganz derselben Ausmessung zueinander standen . Für einen oberflächlichen Denker schien es hier also nicht nur eine , sondern zwei Ellipsen zu geben , in deren Brennpunkten man das leise Gesprochene laut hören konnte , nämlich die eine diesseits und die andere jenseits des Fahrweges . Der schärfer Denkende aber mußte gleich bei dem ersten Blicke sehen , daß es weder hüben noch drüben eine besondere , wirkliche Ellipse gab , sondern daß diese Figur erst dann zustande kam , wenn man beide Abteilungen durch Verbindungslinien über den Fahrweg herüber vereinigte . Dann gab es allerdings eine große Doppelellipse mit vier Brennpunkten , hüben zwei und drüben zwei , bei deren richtiger Benutzung sich verschiedene Schallexperimente ermöglichten , die dem nicht Eingeweihten als Wunder erscheinen mußten . Das sah man , wie gesagt , schon bei dem ersten Blicke . Doch wurde dieser Blick schnell wieder von seinem Gegenstande abgezogen , und zwar durch eine höchst augenfällige Veränderung , die sich seit unserm letzten Hiersein in der umgebenden Szenerie vollzogen hatte . Nämlich die angefangene Winnetoustatue war inzwischen gewachsen , und zwar in einer Weise , die mir nur dann begreiflich wurde , wenn ich sah , wie groß heut ' die Zahl der Lastgeschirre war , auf denen die fix und fertig zubereiteten Quader von den Steinbrüchen herbeigeschleppt wurden , und wie groß die Zahl der Arbeiter , welche damit beschäftigt waren , diese Quader zur Figur zusammmenzusetzen und mit schon vorgebohrten eisernen Spindeln , Klammern und Bolzen zu befestigten . Die Figur war bereits bis zum Unterleib gediehen ; der künstliche Felsen , an den sie sich anzulehnen hatte , war im Entstehen , und die Gerüste , auf denen die Monteure zu arbeiten hatten , waren zwar erst heut entstanden , ließen aber Dimensionen vermuten , die in das Riesenhafte gingen . Als Intschu-inta sah , daß ich meine Aufmerksamkeit jetzt darauf richtete , sagte er : » Sie arbeiten wie im Fieber . Sie sind ihrer Sache nicht mehr sicher . Sie sehen jetzt täglich mehr und mehr , daß nicht alle Welt ihrer Meinung ist . Darum soll diese Figur schleunigst fertigstellt werden , um auf die Tausende von Festgenossen , welche man erwartet , den Eindruck zu machen , den man sich von ihr verspricht . Als ich vorhin die Fackeln holte , erfuhr ich , daß man entschlossen ist , jetzt Tag und Nacht an der Figur zu arbeiten , weil man gehört hat , daß auch du dagegen bist . Man hatte geglaubt , dich leicht auf die Seite schieben zu können . « » Ah ! Besonders wohl Mr. Okih-tschin-tscha , genannt Antonius Paper ? Laß ihn schieben , laß ihn schieben ! Wir aber wollen zu unsern jetzigen Pflichten zurückkehren . Es war doch unsere Absicht , zu versuchen , ob du es nicht vielleicht bist , der imstande ist , das Geheimnis eurer Devils pulpit zu entdecken . Wir haben hier zwei Kanzeln . Drüben sind auch zwei . Wir befinden uns hier auf der ersten ; da bleibe ich jetzt ; du aber gehst hinüber , auch auf die erste . Da stellst du dich hin und nennst in ganz gewöhnlichem Tone zehn Zahlen . Ich kann das hier hüben nicht hören , werde dir aber sofort dieselben Zahlen sagen . « » Mir sagen ? « fragte er . » Höre ich es denn ? « » Ja . « » Unmöglich ! « » Warte es ab ! Jetzt geh ' ! Aber tue geheim ! Sag ' niemand , wohin du gehst und was du dort willst ! « Er machte ein sehr ungläubiges Gesicht und entfernte sich . Ich schaute ihm nach , ohne mich aber von den Arbeitern und Fuhrleuten , welche auf dem Fahrwege verkehrten , sehen zu lassen . Sie beachteten ihn nicht . Er ging über den Weg hinüber und stieg auf die erste Kanzel . Man kann sich wohl denken , wie gespannt ich darauf war , ob das Experiment gelingen werde . Ich lauschte . Da , Gott sei Dank , da kamen sie , die zehn Zahlen , nämlich alle geraden der Reihe nach von zwei bis zwanzig . Ich wartete nur einen Augenblick , dann wiederholte ich sie ebenso langsam und deutlich , wie er sie ausgesprochen hatte . » Uff , uff ! « hörte ich ihn dann verwundert rufen . » Bist du das wirklich , oder bist du es nicht ? « » Ich bin es , « antwortete ich . » Und du hast mich gehört ? « » So genau wie du jetzt mich . Nun gehst du jetzt auf die andere Kanzel , auf die zweite , und sagst etwas anderes . « » Was ? « » Irgend etwas . Du sprichst eine Frage aus , und ich antworte dir . Also , jetzt ! « » Gut , ich geh ' ! « Auch ich stieg von meiner Kanzel herab und ging nach der anderen . Da gab es kein Gebüsch ; ich war also schnell oben . Da hörte ich ihn drüben kommen . Büsche raschelten , Zweige knackten . Dann war er oben und fragte : » Bist du noch dort ? Hörst du mich ? « » Ja , ich höre dich , « antwortete ich ihm , ohne ihm aber zu sagen , daß ich inzwischen auch meinen Platz gewechselt hatte . » Soll ich vielleicht wieder zählen ? « » Ja . Zehn andere Zahlen . « Er sagte die ungeraden Zahlen von einunddreißig bis neunundvierzig auf , und ich wiederholte sie ihm . Dann ließ ich ihn wieder nach der ersten Kanzel zurückkehren , um noch weitere zehn Zahlen auszusprechen . Ich sah ihn drüben kommen . Er stieg hinauf . Jedenfalls zählte er jetzt ; ich hörte aber nichts . Nun wußte ich alles . Es handelte sich wirklich um eine Doppelellipse . Man konnte hören oder nicht hören , gehört werden oder nicht gehört werden , ganz wie es einem beliebte . Es kam nur auf die Orte an , die man wählte . Ich stieg von meiner Kanzel herab und ging nach dem Fahrweg zu . Da sah er mich und kam auch . » Du hast beim letztenmal nicht geantwortet , « sagte er . » Oder habe ich dich überhört ? Welch ein Wunder , welch ein Wunder ! Uff , uff ! Auf so weit kann kein Mensch das gewöhnliche Wort verstehen , und doch habe ich dich verstanden ! Wie ist das zu erklären ? « » Denke darüber nach ! Du bist es doch , der das Geheimnis erraten soll ! « » Du scherzest ! Warum soll ich mühsam erraten , was du genau schon weißt ! Denn wüßtest du es nicht , so hättest du mir nicht die richtigen Plätze anweisen können . Werde ich es erfahren ? « » Wenn Tatellah-Satah es erlaubt , ja . « » Aber jetzt darf ich ihm nichts davon sagen ? « » Keinem Menschen ! Du könntest großes Unheil anrichten , wenn du es auch nur einem einzigen verrietest . Jetzt komm ' hinauf nach dem Schloß ; die Sonne geht schon unter ! « Der Himmel war , so weit man ihn hier im Tale sehen konnte , von golddurchsichtigen Wölkchen überhaucht . Ein diamantenes Flammenzucken ging von Westen aus . Das blitzte und flimmerte im herrlichen Spiegel des Schleierfalles wider . Wie schade , wie jammerschade , daß die grad vor dem Falle sich erhebende tote steinerne Figur den Genuß dieser Schönheit fast unmöglich machte ! Wir standen an der Krümmung der Straße und des Tales , an welcher man , von der oberen Stadt kommend , den Schleierfall zum erstenmal erblickte . Wir waren da stehen geblieben , um seinen Anblick zu genießen . Und nun störte uns diese fatale Figur , die , dem leichten duftigen Schleier entgegengesetzt , so schwer , so belastend , so bedrückend wirkte . Die Holzgerüste , welche sich vor diesem Schleier erhoben , taten dem Auge förmlich wehe , zumal man sie ohne Lot errichtet zu haben schien . Sie standen schief . Es gab nur einen einzigen Träger , der wirklich senkrecht stand . Diese Beobachtung machte ich nur so nebenbei . Sie erschien mir völlig unwichtig . Aber im Verlaufe der irdischen Ereignisse gibt es nichts wirklich Bedeutungsloses ; das sollte ich auch hier bald sehen . Wir gingen nun nach dem Schlosse . Intschu-inta war unterwegs sehr still . Das Ergebnis unserer Nachforschung beschäftigte ihn innerlich . Oben angekommen , trennten wir uns . Er ging zu Tatellah-Satah , ich aber nach meiner Wohnung , wo ich das Herzle vermutete . Sie war auch da , und zwar nicht allein . Kolma Putschi war bei ihr . Beide saßen nebeneinander , Hand in Hand . Als ich eintrat , standen sie auf und kamen mir entgegen . Ihre Gesichter hatten den Ausdruck tiefer , ernster Rührung . Der Name Kolma Putschi ist dem Moquidialekte entnommen . Er bedeutet so viel wie Schwarzauge oder Dunkelauge . An diesem Auge , welches seinen Glanz noch immer besaß , erkannte ich sie sogleich wieder , obwohl sie sich übrigens sehr verändert hatte . Sie war bedeutend älter als ich . Ihre früher so elastische Gestalt hatte sich gebeugt . Ihr grauglänzendes Haar war in dünn gewordenen Zöpfen um den unbedeckten Kopf gelegt . Ihr sehr gealtertes Gesicht bestand aus lauter kleinen , winzigen , eng aneinander liegenden Fältchen . Und doch war es schön , dieses Gesicht . Es besaß jene von innen heraus sprechende Schönheit , welche man als Altersschönheit bezeichnet . Sie pflegt das Produkt vielen Leidens und Denkens zu sein . Ganz selbstverständlich war Kolma Putschi nicht mehr männlich , sondern weiblich gekleidet . Sie blieb vor mir stehen , schaute mich lange , lange prüfend an und sagte dann , indem ihr ernstes Gesicht zu lächeln begann : » Ja , das ist er ! Noch ganz wie früher ! Trotz der vielen vielen Jahre , welche vergangen sind , seit wir uns nicht mehr sahen ! Darf ich Old Shatterhand begrüßen ? « Sie fragte das , ohne mir die Hand entgegenzustrecken . Ich antwortete : » Was gäbe es für einen Grund , dies nicht zu dürfen ? « » Die Feindschaft ! « » Welche Feindschaft ? Ich kenne keine . « » Auch ich kannte sie nicht ; nun aber habe ich sie kennen gelernt . Old Shatterhand ist in Beziehung auf das Denkmal unser Gegner ! « » Vielleicht Gegner , keineswegs aber Feind . Ich habe Kolma Putschi geachtet , geliebt und bewundert , so lange ich sie kenne , und werde ihr diese Freundschaft bewahren , so lange ich lebe . Ich bitte um ihre Hand , die so kühn und tapfer sein konnte , und doch so mild und so edel zu gleicher Zeit . « Da wurde ihr Gesicht wie heller , warmer Sonnenschein , der aus jedem Fältchen zu mir aufstrahlte . Wir reichten uns die Hände . Ich zog sie fest an mich heran und küßte sie auf die lieben , guten , einst so tieftraurigen Augen . Dann nahmen wir beieinander Platz , um das durch mein Kommen unterbrochene Gespräch fortzusetzen . Da sah und hörte ich denn , daß Kolma Putschi im Verlaufe der letzten Jahrzehnte viel , sehr viel gelernt hatte . Sie war mit Young Surehand und Young Apanatschka , ihren Enkeln , geistig emporgewachsen , aber leider nicht über die Anschauungen und Ansichten dieser Enkel hinaus . Sie schwärmte für die geplante , rein äußerliche Winnetou-Apotheose , und sie war überzeugt gewesen , daß ich und das Herzle ganz ebenso schwärmen würden . Als Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen entstanden , hatte sie geglaubt , daß es nur unseres Kommens bedürfe , um diese Konflikte zu lösen . Sie war in den letzen Tagen nicht hier gewesen und erst mit Old Surehand und Apanatschka zurückgekehrt . Da hatte sie dann alles erfahren , daß wir angekommen seien , daß man uns abstoßend und geringschätzig behandelt habe , und daß uns aber von Tatellah-Satah die große Genugtuung bereitet worden sei , von ihm persönlich nach dem Schlosse abgeholt zu werden , um dort als seine besonderen Gäste in seiner Nähe zu wohnen . Das hatte die Spaltung zwischen Oberstadt und Unterstadt erweitert . Man befürchtete in der Unterstadt , daß nun grad Old Shatterhand , den man hatte auf die Seite schieben wollen , sich in der Denkmalsfrage das entscheidende Wort anmaßen werde , und das hatte Old Surehand und Apanatschka veranlaßt , zu erklären , daß sie fest entschlossen seien , mich in meiner Wohnung bei Tatellah-Satah nicht aufzusuchen . Kolma Putschi aber hatte es nicht über das Herz gebracht , in derselben Weise schroff zu sein . Sie hatte sich bei dem » Bewahrer der großen Medizin « anmelden lassen , um ihn um die Erlaubnis zu bitten , uns bei ihm besuchen zu dürfen , und er hatte sehr gern eingewilligt . Nun hatten die beiden Frauen während meiner Abwesenheit schon stundenlang beisammen gesessen und inniges Wohlgefallen aneinander gefunden . Das war zwar nur eine kurze Zeit , aber dem Herzle schien es trotzdem schon gelungen zu sein , ihrer Gastin das zu geben , was diese von ihr erwartete . Der Brief , den Kolma Putschi zu uns hinübergeschrieben hatte , schloß bekanntlich mit den Worten : » So komm also , und bring mir Deine Menschenliebe , Deine Herzensgüte und - - - Deinen Glauben an den großen , gerechten Manitou , den ich gern ebenso deutlich fühlen möchte , wie Du , meine Schwester , ihn fühlst . « Diese Liebe , diese Güte und dieser Glaube , sie waren jetzt da . Was ich als Mann in scharfem Tone hätte sagen müssen , das hatte das Herzle in freundlicher Eindringlichkeit gesagt . Als ich jetzt kam war Kolma Putschi schon mehr als halb zu unserer Ansicht herüberbekehrt , und es bedurfte nur noch weniger Worte , um ihr meine Ansichten und Entschlüsse zu präzisieren . Als sie mich bat , doch nach der Unterstadt zu kommen und Old Surehand und Apanatschka aufzusuchen , antwortete ich : » Das darf ich nicht . Ich bin Gast Tatellah-Satahs , und wer ihn meidet , den habe auch ich zu meiden . « » Steht es so , wirklich so ? « fragte sie besorgt . » Ja so ! « bestätigte ich . » Nach den Gesetzen der roten Männer ist das Haus meines Wirtes auch mein Haus . Wer es verachtet , der verachtet auch mich ! « » Verzeih ! Wenn du von Verachtung sprichst , so irrst du dich . Niemand wird es wagen , dich zu verachten ! « » Falsch ! Nicht ich bin es , der sich irrt . Ich wurde eingeladen , nach dem Mount Winnetou zu kommen . Ich kam . Man hatte mich zu empfangen , mich zu begrüßen , mich willkommen zu heißen . Wer hat das getan ? Niemand kam zu mir . Ich wurde aufgefordert , zu euch zu kommen , euch nachzulaufen . Nun sollst du die Antwort hören , die ich euch hierauf erteile . « Das Herzle gab mir einen heimlichen Wink , doch nicht in diesem energischen Tone zu sprechen ; es war ja doch eine Frau , die ich vor mir hatte . Ich aber wußte gar wohl , was ich wollte , und fuhr in derselben Weise fort : » Ich bitte Kolma Putschi , zu Old Surehand und Apanatschka zu gehen und ihnen zu sagen , daß ich sie für morgen zum Mittagessen zu mir einlade , hierher , in meine Wohnung . Es werden auch noch andere Personen geladen sein , doch wer sie sind , das weiß ich jetzt noch nicht . « Da wurde ihr Gesicht noch ernster , als es so schon war . » Du meinst , daß meine Söhne kommen werden ? « fragte sie . » Ich hoffe es ! « » Zu Mittag ? « » Genau zu Mittag , keine Minute später . « » Und wenn sie nicht kommen ? « Bei dieser Frage waren ihre Augen in größter Spannung auf mich gerichtet . Ich antwortete : » So nehme ich das als die größte Beleidigung , die mir widerfahren ist ; der Kampfplatz wird sofort abgesteckt , und die Kugeln werden sprechen ! « » Zwischen solchen Freunden , wie ihr gewesen seid ? « » Ein Freund , der mich beleidigt , ist schlimmer als ein Feind ! Sag ihnen das ! Teile ihnen mit , daß ich zwar grau geworden , aber noch immer der Alte bin ! Wenn sie nicht kommen , schießen wir uns . Und dann wird euer ganzes Komitee zum Teufel gejagt und ein anderes , würdigeres gewählt . Winnetou war Häuptling der Apatschen . In welcher Weise er zu ehren ist , darüber haben nur Apatschen zu bestimmen ! « » Wenn Old Shatterhand droht , so ist das , was er droht , so sicher und gewiß , als sei es bereits geschehen . Du sprichst im Ernst ? « » Im vollsten Ernst ! Weshalb hat Winnetou gelebt ? Weshalb ist er gestorben ? Etwa um einen jungen Maler und einen jungen Bildhauer berühmt zu machen ? Und wie haben diese beiden unerfahrenen Leute ihn dargestellt ? Wo ist sein Geist , wo seine Seele ? Jeder Cowboy , Runner , Loafer oder Tramp kann genau in derselben Rowdy-Pose stehen wie die tönerne Figur da unten , von der man uns sagte , daß sie Winnetou bedeute ! Bitte , liebes Herzle , zeige ihr einmal einen anderen Winnetou , nämlich den unseren ! « Meine Frau ging , den betreffenden Koffer zu öffnen , und brachte die photographischen Abzüge , welche sie daheim gemacht hatte . Als ich zu ihr trat , um den betreffenden herauszusuchen , benutzte sie diese Gelegenheit , mir leise zuzuraunen : » Sei doch gut ! Nicht so grob ! Sie weint ja beinahe ! Sie ist doch nicht schuld daran ! « » Mehr als du denkst ! « antwortete ich ebenso leise . » Sie versteht nichts von Kunst und vergöttert ihre Enkel . Laß mich nur ! « Ich habe schon früher gesagt , daß ich den Sascha Schneiderschen , zum Himmel strebenden Winnetou mitgebracht hatte . Wir besaßen mehrere Abzüge davon . Ich nahm einen und befestigte ihn mit vier Nadeln an die Wand ; dann brannte ich die Lampe an , denn es war inzwischen fast dunkel geworden . Das Licht fiel von beiden Seiten auf das Bild . Das Kreuz , welchem Winnetou entgegenschwebt , begann zu leuchten . » Das ist unser Winnetou , « sagte ich , » nicht der eurige . Schau dir ihn an ! « Sie hob die Augen und sagte nichts . Sie trat näher hinzu und sagte nichts . Sie trat wieder zurück , Schritt um Schritt , und sagte nichts . Dann , an der gegenüberliegenden Wand angekommen , ließ sie sich in sitzende Stellung nieder , hielt ihre Augen unablässig auf das Bild gerichtet und sagte noch immer nichts . Aber in ihrem Gesichte glänzte der Schein einer höheren Freude . Es war etwas seelisch Schönes und seelisch Glückliches über sie gekommen , was sie nicht verstand und nicht zu deuten wußte . Da bewegte sich der Türvorhang neben ihr , und es trat jemand herein , dessen Kommen wir am allerwenigsten erwartet hatten , nämlich Tatellah-Satah . Er hatte mir vollständige Freiheit gewährt und sich vorgenommen , mich so wenig wie möglich zu stören ; nach der heutigen Entdeckung aber und nach dem Bericht , den Intschu-inta ihm höchst wahrscheinlich erstattet hatte , war es ihm Bedürfnis gewesen , mich auszusuchen , um Näheres zu erfahren . Er sah das Bild , blieb unter der Türe stehen und beobachtete es mit immer größer werdenden Augen . Dann trat er herein in das Zimmer , schritt langsam näher und näher , wich wieder zurück , tat einige Schritte vorwärts , während in seinem Gesicht die Gedanken kamen und gingen . Seine Augen leuchteten mehr und mehr . Es kam ein frohes Erkennen über ihn . » Uff , uff ! « rief er endlich aus . » Das ist Winnetou ? Der wirkliche Winnetou ? Also unser Winnetou ? « Ich nickte . » Aber nicht sein Körper , sondern seine Seele ! « fuhr er fort . » Sie schwebt zum Himmel ! Ueber ihm das Kreuz ! Aehnlich dem Passiflorenkreuz , welches er in meinem Hause und in meinem Herzen pflanzte ! Seinem Haar entfällt die Häuptlingsfeder ! Das letzte Irdische , was noch an ihm haftete ! Nun ist er erlöst ! Nun ist er frei ! Wie schön , wie schön ! « Er stand wie verzückt . Seine Lippen bewegten sich , doch hörte man die Worte nicht , die ihnen entschlüpfen wollten . Erst nach einiger Zeit sprach er laut : » Das ist er ; ja , das ist er ! Könnten wir ihn unsern Völkern doch so zeigen , wie wir hier ihn sehen ! Könnten wir