und der Rachsucht . Habe mir fürgesetzt , der Menschen Härte mit gleicher Härte zu vergelten . Getreulich , wenn auch traurigen Herzens ist meine Schwester Sibylle mit mir gezogen auf den Kriegsfahrten ; hat gemildert und gesänftigt , wo ich zu rauh , hat alle Tage mich gemahnt an den Schatz im innern Acker , daß ich den nicht vergessen solle . Wie wir nun in diese Baude hier gekommen und von den Petersdorfern erfuhren , auf der Abendburg hause ein Buschprediger , so das Himmelreich allbereits hienieden gründen wolle , hat Sibylle gleich gesagt : zu dem müssen wir hin ! Und vollends , seit wir Eure Predigt vernommen , ist Sibylle Eure Jüngerin geworden . Ja , lieber Herr Johannes , meinen Weibsbildern habet Ihr es angetan . Doch wo ist Sibylle ? Sie hat sich hinausbegeben , auf daß wir ungestört uns bereden könnten . « Und Heinrich rief : » Sibylle ! « Gleich darauf trat Sibylle in die Stube , eine Rolle Papier in der Hand . » Seid ihr zwei beide denn nun einig worden ? « fragte sie . Ich stund auf und versetzte : » Euer Bruder hat mir sein Herz aufgetan , und ich habe an seinem Schicksal Anteil genommen . Das ist vorerst genung der Einigkeit . « Nachdem wir eine Weile in Nachdenken geschwiegen , begunnte Sibylle : » An das Evangelium von der Frau , die mit sieben Brüdern in die Ehe getreten , klinget eine Mär an , die ich euch beiden erzählen möchte , so es euch beliebt . « Da ich nebst Heinrich zustimmte , setzte sie sich zum Spinnrade , spann aber nicht , sondern hub in getragenem Tone an : Eine Königstochter war ins Elend gekommen . Ihr Vater hatte seine Krone vom Haupte fallen lassen in einen schwarzen See , und seitdem hat ihn sein Volk nicht mehr als Herrscher anerkannt . Da er nun vor Gram verstorben , ist die Königstochter weinend durch die Welt geirrt . Doch nicht immerfort kann der Mensch traurig sein , zumal wenn er jung und schön ist . Wie also die Königstochter besserer Laune geworden , ist ihr einmal ein junger Bergmann begegnet , der hat mit frischer Stimme das Liedlein gesungen : Das Gold zur blanken Krone Liegt in der Tiefe Schrein , Und wer den Schatz gehoben , Soll bald ein König sein . Aufhorchend hemmte die Königstochter ihren Schritt , betrachtete den Jüngling , und da sie ihn schön befunden , sprach sie schelmisch zu ihm : Magst lange in der Erde tappen und schürfen , bis du Gold genung gefunden zu einer Königskrone . Eher wird dein gülden Haar wie Silber bleich , als daß dein Handwerk den Goldschatz hebt . Wüßte dir wohl ein ander Mittel , die Königskrone zu gewinnen . Hör einmal , was ich für ein Liedlein singe : Im dunkeln See vom Grunde Winkt einer Krone Gold , Und hast du sie gefunden , Wird Minne dir zum Sold . Der Jüngling spähte in der Königstochter Auge , das ihm nicht anders fürkam , denn wie solch ein See , der am Grunde einen Schatz birgt ; und fragte pochenden Herzens : Wie soll ich dein Liedlein deuten ? Da antwortete sie : Ich weiß einen See , drin liegt wirklich und wahrhaftig die Königskrone , nach der dein Streben geht . Mein Vater hat sie verloren und mit ihr sein Königreich . So du aber die Krone vom Grunde holst , mir auf das Haupt setzest und mich zurückleitest in mein verloren Königreich , wird mich das Volk als seine Fürstin anerkennen . Um dich zu besolden , will ich dir alsdann meine Hand reichen , auf daß du neben mir auf dem Throne sitzest , mein ehelich Gemahl . Da erglühte der Jüngling im Angesicht und antwortete blitzenden Auges : Ich nehme dich beim Wort . Will dir die Krone vom Grunde holen ; doch tue ich das nicht , um reich zu werden und zu herrschen , sondern um deine Hand zu gewinnen ; denn du bist mir ein größerer Schatz als alles Gold und alle Kronen . Wohlan , führe mich hin , wo die Krone liegt . Hierauf so gingen die beiden zum schwarzen See . In dessen Schlamm aber hausete eine Sumpfhexe . Wie nun der Jüngling hinuntertauchte in die Flut , tat ihm die Hexe einen Zauber an , daß er nicht mehr aus dem Wasser zurückkehren konnte und bei ihr auf dem Grunde bleiben mußte . Vergebens harrte oben am Ufer die Königstochter in banger Sorge , vergebens rang sie ihre weißen Hände , weinte und betete ; ihr Liebster kam und kam nicht . Nachdem ihre Verzweiflung bis zum Abend getobt , ward sie schwach und wimmerte nur noch leise ; dann sank sie zur Erde und verfiel in einen tiefen Schlaf . Und es ward ihr dies Traumgesicht : Zwischen Felsenblöcken stieg sie angstvoll bergan , dornige Ranken zerfetzten ihr Gewand und Füße . Der Sturmwind raufte das flatternde Haar , und Hagel peitschte schneidend ihr Gesicht . Wie sie endlich die Höhe erreicht hatte , ward der Himmel blau , und von warmer Sonne beschienen lag auf blumiger Wiese eine trauliche Hütte , bei der eine Schafherde weidete . Die Königstochter ging voll Hoffnung auf die Hütte zu und öffnete die Pforte . Da saß eine weißhaarige Alte , mit Spinnen beschäftigt , und nickte freundlich mit einem Gesicht , das viel Gram durchgemacht , aber köstlichen Frieden gewonnen . Weinend kniete die Königstochter zu der Alten Füßen und hub an , ihr Schicksal zu beichten . Doch die Alte unterbrach sie begütigend : Weiß schon , liebe Tochter , alles ist mir wohlbekannt . Nur nach dem einen laß dich fragen .... nicht als ob es mir unbewußt wäre , sondern bloß aus dem Grunde , damit du selber dir klar darüber werdest - : Wenn dein junger Bergmann wieder aus dem schwarzen See zurückkehrte , jedoch ohne deines Vaters Krone , sag an , wie würdest du ihn dann empfangen ? Da ward die Königstochter sehnsüchtigen Verlangens voll , und hastig gab sie zur Antwort : Wie ich ihn empfangen würde ? O herzen würd ich ihn und küssen ; jauchzend spräch ich zu ihm : Was kümmert mich die Königskrone , so ich nur meinen Liebsten habe ! O hilf mir , hilf mir , gute Mutter , daß ich des Liebsten Leben rette . An seiner Seite will ich gern niedrigen Standes bleiben . Seine Liebe ist mein wahres Königreich . Lächelnd nickte die Alte : Schön , mein Kind ! Dieweilen du so liebevollen Sinnes , will ich dir helfen und dir sagen , wie du den Liebsten wiederfindest , und dazu einen Schatz , besser noch als deines Vaters Krone . Freilich wird dir dabei fürder Leid mitnichten erspart . Allein fürchte dich nimmer vor dem Leide ; faltig macht es das Angesicht , doch spiegelklar die Seele . Und wenn du wieder einmal leidvoll zu meiner Hütte kommst , so sollst du meiner Lehren gedenken und dein Gemüt zur Klarheit bringen , indem du spinnst und meine Schafe weidest . Was aber deinen Liebsten anlangt , so kehre zurück zum schwarzen See , und wenn nach Untergang der Sonne der Vollmond vom Walde aufsteigt , dann sprich mit starker Stimme zum Wasser : Was gibst du , Hexe , mir zum Lohne , So deinem Sumpf verbleibt die Krone ? Gib meinen Liebsten aus dem Teich , Denn der gehört ins Himmelreich ! In dem Augenblicke erwachte die Königstochter und hörte noch im Ohre die Worte der Alten klingen . Es war heller Tag , warm schien die Sonne auf die Erwachte nieder . Sie erhub sich , und nachdem sie zunächst abermals ihrer Trauer nachgegeben und vorwurfsvoll in den schwarzen See gestarrt hatte , faßte sie den Entschluß , ihren Traum zu beherzigen . Getröstet ging sie in den Wald und sammelte Beeren zu ihrer Speise . Lang ward die Zeit für ihre Ungeduld . Wie es endlich dämmerte , ging sie zum See und setzte sich auf einen überhängenden Felsen . Nun stieg vom schwarzen Wald am veilchenblauen Himmel der rote Vollmond auf , eine Eule schrie , und im Nachthauch begunnten die Bäume zu raunen . Gespannter Erwartung erhub sich die Königstochter und sprach mit starker Stimme : Was gibst du , Hexe , mir zum Lohne , So deinem Sumpf verbleibt die Krone ? Gib meinen Liebsten aus dem Teich , Denn der gehört ins Himmelreich ! Da regte sich die Mitte des Wassers , als ob es kochte . Brausend schwollen kreisförmige Wellen , und daraus tauchte der verlorene Jüngling empor . Mit starkem Arme teilte er die Flut und schwamm unter Winken und Jauchzen auf die Königstochter zu , die sich vor Freude kaum zu lassen wußte . Hinter dem Jüngling aber schwoll auf einmal das Wasser zu einem ungeheuren Berge , rollte auf den Schwimmer los und riß ihn mit sich , ging dann übers Ufer und erfaßte auch die Königstochter . Die Wasserwoge , der ganze schwarze Teich , strömte donnernd weit übers Land . Die Königstochter schluckte Wasser , daß ihr die Sinne vergingen . Wie sie die Augen wieder auftat , lag sie am Hange desselben Berges , den sie im Traume erschaut . In banger Unrast suchte sie nach ihrem Liebsten , fand aber keine Spur von ihm und nicht einmal vom schwarzen See . Gänzlich verändert war die Gegend ; die Wasserwoge mußte eine weite Strecke ins Land hinein gespült und ihre Opfer hoffnungslos voneinander getrennt haben . Nachdem die Königstochter das Suchen aufgegeben , dachte sie an die Worte der Alten und beschloß , deren Hütte auszufinden . Stieg also auf rauhem Pfade durch Dornenranken aufwärts , bis sie auf einer Wiese in der Tat die Hütte fand , bei der Schafe weideten . In der Stube freilich war keine Alte zu finden , obwohl der Spinnrocken , wie im Traume , bereit stund . Etliche Tage wartete die Königstochter auf die Ankunft der Alten , spann Flachs , den sie oft mit ihren Tränen netzte , hütete auch die Schafe , deren Milch ihr Nahrung gab . Es kam und kam keine Alte . So vergingen Jahre und abermals Jahre ; die Königstochter war eine Spinnerin und Hirtin worden , und das Leid hatte allerdings , wie die Alte vorhergesagt , ihr Angesicht faltenreich , ihre Seele aber spiegelklar gemacht . Ihres Liebsten hatte sie in den ersten Jahren oft mit heißer Sehnsucht gedacht . Doch war mit der Zeit ihr Herz stille worden , bis die Stunden der ersten Liebe sie nur ein holder Traum deuchten , von dem keine Brücke zur wirklichen Welt führt . Wie nun der Frühling wieder einmal Gras und Blumen aus der Matte herfürgetrieben , ging die Schafherde , der die bejahrte Hirtin folgte , über ihren gewöhnlichen Weideplatz hinaus und nahte einer andern Herde , bei der ein alter Hirte war . Nun konnte es nicht ausbleiben , daß die beiden Menschen miteinander redeten . Es fand ein jeder im andern ein Herz voll Güte und Weisheit ; und das so geschlungene Band der Freundschaft ward hinfüro nicht locker . Von nun an trieben sie täglich ihre Herden zueinander , und wiewohl sie nicht viel redeten , fühlten sie sich doch so recht einmütig und gewannen mitsammen immer mehr Glückseligkeit . Zuweilen nahm der Hirt aus seiner Tasche die Flöte und blies ein friedevolles Lied . Da sagte einmal die Hirtin : Kannst du auch singen ? Und es gab ihr silberhaariger Freund den Bescheid : In meiner Jugend sang ich manch Lied . Jedoch ist mir das Singen vergangen . Ein Lied nämlich hat mich für viele Jahre traurig gemacht . Was war denn das für ein Lied ? fragte die alte Hirtin . Und mit leiser Stimme summte der Greis : Das Gold zur blanken Krone Liegt in der Tiefe Schrein , Und wer den Schatz gehoben , Soll bald ein König sein . Da sah ihn seine Freundin eine Weile mit großen Augen an und nickte . Erst war ihr Nicken voll Wehmut , dann aber leuchtete ihr Blick verklärt , und sie sagte : So will auch ich dir ein Lied singen , du mein Guter ; worauf sie mit zitternder Stimme sang : Im dunklen Seelengrunde Winkt einer Krone Gold , Und hast du sie gefunden , Wird Minne dir zum Sold . Nun glitt auch dem greisen Hirten die Decke von den Augen , und in der Freundin , mit der er etliche Jahre bereits beisammen gewesen , und die er liebgewonnen wie eine Schwester , erkannte er seine allerliebste Königstochter wieder . Anfangs verfiel er in langes Weinen und meinte trübe : Wo sind die Jahre unserer Jugend geblieben ? Ach , verfehlt dünkt mich meine Lebenszeit . Welch ein Schatz ist mir entgangen , da wir so frühe voneinander gerissen und erst jetzt , nun wir verblüht , wieder vereinigt wurden . Sei still , mein Liebster , gab die Hirtin zur Antwort . Nun sind wir ja so weit , wie wir ersehnt ; nur daß freilich unser Schicksal anders gestaltet ist , als unser Jugendsinn erwartet hatte . Wir haben erreicht , was wir erreichen konnten , nur daß wir nicht den Weg der Lust gegangen sind , sondern Trennung und Tränen erlitten haben . Doch dieser andere Weg hat einen Vorzug , den mir im Traume die weise Alte angedeutet hat . Blieben denn nicht unsere Herzen bewahrt von Gier und Schuld ? Sind sie nicht rein worden , so wie auf diesen Bergwiesen die Lüfte rein sind , die Blumen und Quellen ? Und im klaren Spiegel unserer Herzen dürfen wir nun einander schauen , darin lesend , wie lieb ein jeder den andern hat , und wie himmlisch diese Liebe . Komm , Liebster , laß uns jauchzen und laß uns jung sein , gedenkend an jeden Augenblick , den wir in unserer Jugend mitsammen verlebt . Da ward der Hirt getröstet und stimmte in seiner Liebsten Jubel ein . Wie sie nun in der Sonne bei einem Quell sich niedergesetzt hatten , einander zu erzählen , sprach der Hirt : Sag mir doch , liebste Königstochter , ob mein Gedächtnis irrt . Mir scheint , das Lied , so du gesungen , lautet eigentlich etwas anders . Sangest du nicht damals : Im dunklen See vom Grunde Winkt einer Krone Gold ? Mag sein , entgegnete die Liebste . Doch das ist falsch . Es muß heißen : Im dunklen Seelengrunde winkt einer Krone Gold . Dabei laß uns bleiben ; denn die Krone , so uns beide krönen soll , hat nicht im Sumpf gelegen und ist kein harter kalter Erdenstoff . Gleicherweise ist auch das Reich , zu dessen Herrschaft wir berufen sind , ganz anders denn meines Vaters Königreich . Hier machte die Erzählerin Sibylle eine Pause und meinte dann : » Nun saget , ihr zwei , die ihr meiner Mär gelauschet habt : Ist nicht das Reich , in dem die beiden alten Hirtenleute mit ihrer unsichtbaren Krone herrschen , ebendasselbige , von dem der Heiland sagt , daß man darinnen nicht freiet , noch sich freien lässet , sondern mitsammen Gottes Kind ist ? « Mein Herz war weich worden , und auch Heinrich schien ergriffen . » Ich danke Euch , Sibylle « , sprach ich » für dies Märlein , so ich voll Freude dem Schatze meiner Andacht einverleibe . Wo habt Ihr diesen Fund getan ? « » Ja , sprich , « meinte auch Heinrich , » woher dir die Mär kommt ; ich habe sie bisher noch nie vernommen . « Sibylle zauderte und blickte schelmisch , wobei ihr mütterlich volles Angesicht auf einmal jugendlich schien . » Eine Poetin bin ich « , scherzte sie . » Doch nein , ich will gestehen : es hat mir jemand , eine Frau , das alles erzählt . Und daß der Herren Neugier endlich Frieden habe , mögen sie wissen , die Königstochter selber hat mir das erzählet . Nun aber frage keiner mehr ! Ich bleibe stumm ; denn meine Mär ist aus . « Nach diesen Worten kam mir der Gedanke , für diesmal sei wohl auch mein Besuch aus ; denn was ich in Kiesewalds Baude ausrichten und vernehmen wollte , schien vorläufig zu einem Ende gediehen . Inmaßen stund ich auf und dankte für Gastfreundschaft . Auch Heinrich erhub sich : » Euer Besuch hat mich erquickt , ich danke Euch . Und nicht wahr , wir werden uns des öfteren sehen , so es Euch beliebt . « Als ich zustimmte , sagte Sibylle ernst vor sich hin : » So der Himmel alles gnädig fügt . « Heinrich , der mich ja ein Stück Weges geleiten wollte , ging hinaus , seine Partisane zu holen . Da reichte mir Sibylle die Rolle Papier mit den hastigen Worten : » Nehmet und berget es in Eurer Tasche . Agnete gibt es Euch und bittet , daß Ihr morgen leset , was auf dem Papiere geschrieben steht . Nicht heute aber dürfet Ihr es lesen , weder abends noch bei Nacht , sondern erst , wenn Ihr ausgeschlafen habt . Fraget nicht weiter ; alles , was Ihr wissen möchtet , findet Ihr in dem Schreiben . « Da nahm ich das Päcklein und steckte es zu mir , indem ich erwiderte : » Bestellet Eurer Schwägerin meinen Gruß ! Ich will tun nach ihrem Geheiß . « Als nun Heinrich wieder eintrat , reichte ich Sibyllen die Hand , und wir gingen . » Sturm werden wir bekommen , « sagte ich mit einem Blick auf den Gebirgsrücken , da über den Sattel schwarz Gewölk herübergezogen kam . Schweigend schritten wir zur Kochelschlucht hinunter . Sibyllens Märlein ging mir durch den Sinn . Dachte mir wohl , Agnete werde die Geschichte ihrer Schwäherin erzählt haben mit dem Auftrage , sie uns Männern mitzuteilen . Rätselhaft aber deuchte mich Sibyllens Wort , von der Königstochter selber habe sie alles vernommen . Wie konnte denn Agnete sich mit der Königstochter vergleichen , da doch Agnetens Lebensgang kein Recht hiezu begründete ? Hier wob ein Geheimnis . Und welche Bewandtnis hatte es mit der mir anvertrauten Schrift ? Warum ward sie verstohlen mir übergeben ? Durfte Heinrich von dem Inhalt nichts erfahren ? Und was sollte mir die Bitte , nicht heute noch die Schrift zu lesen ? Daß mich Agnete heute gemieden , mußte wohl noch einen andern Grund haben , als ihre mütterliche Fürsorge für die Petersdorfer Kinder . » Erzählet von Eurer Frau , Heinrich . Was hat sie denn veranlaßt , ihr mütterlich Amt bei den Petersdorfern zu übernehmen ? « » Sie kann es nur schwer verwinden , daß ihr das eigene Kind geraubt und Klein-Anneliesel , der Sprößling meiner ersten Ehe , durch den Tod entrissen worden ist . Da sucht nun ihr liebreich Herz sich in fremden Kindern und in allerlei hilfsbedürftigen Menschen Ersatz zu schaffen . Mir ist es recht , daß ihr Sinn heiter wird bei der Jugend drunten im Tale . Nur werd ich die Sorge nicht los , daß der schwierige Weg ihrem Körper zum Schaden gereichen könne . Denn ihre Brust ist schwach von jenem Unfall her , der sie mir zugesellte . « » Was war das für ein Unfall ? « » Haben wir das noch nicht erzählt ? Ein Messerstich hatte ihr von der Schulter her die Lunge verletzt , und wiewohl die Wunde geheilt ist , blieb doch eine Schwäche zurück , und einmal hat sich Blutspeien eingestellt . Deshalb bin ich nicht ohne Sorge , wenn sie an jedem Sonntag sich den Weg zu Tal und wieder herauf zumutet . « » Warum ist sie denn aber neulich sogar bis zur Abendburg gegangen , und warum habt Ihr sie nicht davon zurückgehalten ? Es hätte ja genügt , wenn Ihr bei Eurem ersten Besuche mich zu Eurer Baude eingeladen hättet . « » Ich weiß nicht , warum Agnete also begierig war , mit eigenen Augen Eure Klause zu schauen . Genung , sie hat gebeten , den Gang mitmachen zu dürfen , und wenn sie ernstlich bittet , kann ich nicht widerstreben . Bin auch gewohnt , nicht mit ihr zu feilschen und zu rechten . « Nun verfielen wir in sinnendes Schweigen . Zum Kochelgrund gelangt , überschritten wir das Flüßlein mittels einer quer darübergestürzten Fichte und klommen jenseits auf rauhem Pfade die Felsenhöhe hinan , bis wir aus dichtem Tann auf eine kleine Wiese traten und nun freien Blick ins Tal des Zacken hatten . Der brausete drunten über Felsenblöcke , und drüben ging es wieder steil empor . » Hier ist der Schwarze Wog , « sagte Heinrich , » und dieser geschlängelte Pfad führt Euch hinüber . Gebt mir nun Urlaub , denn ich möchte zurück , um meiner Frau nach Petersdorf entgegenzugehen . « Dankend schüttelte ich Heinrich die Hand und verfolgte meinen Weg , indem ich den Spieß als Stütze gebrauchte . Bald ward mir klar , daß allerdings hier der nächste Weg zwischen meinem Heim und der Kiesewaldbaude gehe , wiewohl der Abstieg zum Zacken und noch mehr der Aufstieg zur jenseitigen Felsenhöhe also beschwerlich war , daß ich mit lächelnder Zustimmung Heinrichs Wunsch bedachte , auf Engelsfittichen über diese Kluft zu schweben . Wie ich am Zackenberge oberhalb des Baches , Böhmischer Furt geheißen , durch den Tann schritt , neigten sich die Wipfel mit Brausen und kündeten , daß der Sturm beginne . Wiederum gedachte ich des Märleins von der Königstochter und versetzte mich in ihren Liebsten hinein , wie er als alter Mann die Braut seiner Jugend endlich wiedergefunden , jedoch zu spät , als daß die heiße Sehnsucht junger Jahre sich jetzo erfüllen konnte . Mein Träumen verlieh der Königstochter Theklas Züge , und ich legte mir die Frage vor , wie wohl mir zu Sinn sein möchte , so auf einmal jetzt , nach zwölfjähriger Trennung von einer lieben Frau , ein Weib vor mich hinträte , sprechend : » Ich bin deine Thekla ! « Von jähem Schrecken fühlt ' ich mich betroffen , da mir der Einfall kam , Agnete , von der das Märlein ausging , könne Thekla sein . Aber nein , Thekla war ja tot , erdolcht von der eifersüchtigen Berthulde ! Oder war das ein falscher Bericht ? Lebte Thekla vielleicht ? War denn nicht auch Agnete , trotz des Stiches , so ihre Lunge getroffen , wieder genesen ? Und was ist das ? Agnete ist gestochen , Thekla desgleichen ! Und Agneten ward ein Kind geraubt ? Brausend wie die Luft flatterten mir die Gefühle , und mein Schritt stürmte dahin . Dann blieb ich stehen und nahm aus meiner Tasche das Päcklein , so Agnete mir vermacht . Mein brennender Blick hätte die Hülle durchdringen mögen ; doch ihr Wunsch , daß ich vor morgen nicht lesen solle , zügelte meine Ungeduld . Daheim angelangt , sah ich meines Oheims Auge erschrocken auf mich gerichtet , da er aus seiner Geistesverwirrung heraus die Worte stammelte : » Was ist ? Geht ' s wieder los mit den Dämonen ? Ja , ja ich habe mir ' s gedacht ; es hat sich wieder was angemeldet . O Jesus und Vater ! « Wie ich am prasselnden Ofen saß , und ein Krug Beerenwein mein bänglich Herz ermunterte , ward ich geneigt , mich einen Träumer zu schelten , der an wilder Phantasei schier dem verstörten Oheim gleichkomme . Wie denn ? Agnete sollte Thekla sein ? Unsinnige Einbildung ! Und doch ! und doch ! Die Art , wie Agnete sich gab , paßte auf Thekla . Zwar hatte ich in Thekla nichts von einem Trachten nach Heiligkeit gespürt . Doch konnten zehn Jahre wohl den Sinn also umwandeln ; und solche Wandlung war meiner edlen Frau zuzutrauen , zumal sie die Schule des Leidens durchgemacht . Überdies gemahnte Agnetens Wuchs an Thekla . Freilich lebte diese in meiner Erinnerung als eine ebenso straffe wie schlanke Gestalt , während Agnete mich kleiner deuchte und in ihrer zusammengesunkenen Haltung körperliche Schwäche verriet . Doch auch diese Veränderung konnte sich ergeben haben aus alledem , was ihr inzwischen begegnet . In solchen Gedanken verbrachte ich den Abend , und nur durch strenges Meditieren und heißes Ringen um Seelenfrieden gelang es mir , etliche Ruhe zu finden . Die Sonne neigt sich abe Zum blauen Hügelgrabe . So leb denn wohl , du rotes Liebesfeuer ! Ich stehe ganz allein Auf ödem Berggestein . Wohl heime möcht ich gahn Und weiß doch nicht , wo Herberg han ... Schon dräun die Wolken schwarz wie Ungeheuer . Da mahnt die Sonn im Sinken : Sieh dort die Zinnen winken ! Den irren Wandrer laden sie , zu hausen . Des Burgherrn Trostlicht wacht Getreu die ganze Nacht . Entzünde dran dein Herze Als eine fromme Klausenkerze ! Ums Fenstergitter laß Unholde sausen ! Am Morgen allerdings kam ich mir verstört für , als hätten der Sorge Unholde die ganze Nacht mein Gehäus umraunt . Zur Vorbereitung auf Agnetens Eröffnung sammelte ich meinen Sinn und dachte an das Ewige , vor dem wie Spreu verwehen muß , womit die Zeit uns ängstigt . Wohlan , tritt nun über meine Schwelle , dunkles Schicksal , und enthülle dich ! Du findest mich gefaßt ! Und ich nahm das Packet aus meiner Tasche und tat seine Hülle ab . Papiere waren mit hastigen Schriftzügen bedeckt . Und ich las : » Mein Johannes ! « Mich durchzuckte ein freudiger Schrecken . Thekla ! Waren das nicht ihre Schriftzüge ? Fliegenden Blickes las ich weiter : » Durch meine Schwäherin hab ich Dich bitten lassen , Du mögest erst nach durchschlafener Nacht diesen Brief lesen . So tat ich , weil mir wohl bewußt , daß alle Deine Kraft beisammen sein muß , um Dein Herz in seiner Hoheit aufrecht zu erhalten vor dem , was ich Dir zu eröffnen habe . Das Märlein von der Königstochter hast Du vernommen und hast vielleicht vermeinet , es sei insonderheit an Heinrichs Ohr gerichtet . Dem ist nicht also ; es gilt vor allem Dir . Ich hab ' s ersonnen , um durch ein Gleichnis zu Dir zu sprechen . O daß sich doch mein Wunsch erfüllete , und Deiner Wahrheit Kraft auf den Wachtposten gerufen würde durch mein Märlein , wie durch unser Gespräch über die sieben Brüder , so dasselbe Weib geehelicht . Jener Friede , den die alte Hirtin ihrem Liebsten mitgeteilt hat , sei mit Dir , Herzliebster ! Hast Du wohl darüber nachgesonnen , wer die beiden sind , der Goldgräber und die Königstochter , so nach langer Trennung im Hirtenleben einander wiederfanden ? Das sind wir zwei , Du und ich ! Ja , Deine Thekla lebt ! Ich bin es , seit etlichen Jahren Agnete geheißen ... « Geblendet war mein Auge - konnte nicht weiter lesen . Um mich schwankte die Welt . Auf sprang ich und taumelte . Dann kam ein Schrei : » Thekla ! « Ich warf mich auf die Knie und krampfte die Hände zusammen : » Mein Gottesquell - du lebst - hast mich nicht verlassen ! « Aber wie denn ? Agnete ? Nicht mehr Thekla ? Eines anderen Weib ? - Hastig setzte ich mich wieder zur Schrift : » Für Dich bin ich noch immer Deine Thekla und will es bleiben in Ewigkeit . Für die anderen freilich bin ich Agnete ; so hab ich mich vor Heinrich benamset , da wir einander begegnet sind . Ich wollte meine Vergangenheit verhüllen - als Agnete Kiesewaldin bin ich ihm vom Priester angetraut ... « Das war nun die härteste Prüfung ! Auseinandergerissen fühlte sich mein Herz , zerspalten mein Wesen . Es trieb mich stürmisch zu Thekla , die Gattin zärtlich zu umarmen ; eine strenge Macht aber gebot mir Halt ... Heiß fielen Zähren auf meine Hand , o wie zitterte die Hand ! Endlich faßte ich mich und las weiter : » Kraft freilich ist vonnöten , so wir den Gipfel der Verklärung erreichen wollen . Du wirst sie zusammenbringen , da ja in Dir ein reicher Quell himmlischen Lebens strömt . Was mich betrifft , so bin ich Deine geistliche Tochter , und Du wirst mich emporführen . Nun aber laß uns unverzüglich beginnen mit dem Sammeln unserer Kraft . Sei denn stark , mein armer Liebling , bei dem Allertraurigsten , das ich jetzunder zu eröffnen habe ... « Neuer Schrecken fuhr mir in die Glieder . Wie denn ? Noch etwas Schlimmes kommt ? - Mein ganzer Körper bebte , als ich weiter las : » Es betrifft jenes Knäblein , so auf der Abendburg den Opfertod starb , und dessen Asche Du unter dem Kreuzlein beigesetzt hast . Wessen ist dies Kind ? Wer ist sein Vater ? Bleib aufrecht , wenn ich Dir jetzo sage : Da wir Hochzeit hielten im unterirdischen Gewölbe zu Magdeburg , ward uns beiden dies Kind geschenkt - - der kleine Johannes ... « Keuchend sank ich vornüber , gewaltsam aber richtete ich mich wieder auf . Laut hinausschreien wollte ich meinen Schmerz . Wie ich dann schluchzte , trat Tobias in die Balkenstube und legte die Hand auf meine Schulter , bang loderten die Augen in den düsteren Höhlen . » Tobias ! « rief ich verzweifelt . » Mein Kind war ' s ! Meins ! « Blöde starrte er und schüttelte das greise Haupt : » Nicht weinen ! « Zugleich begunnte mein Hund zu winseln . Ich griff mir an den Kopf und sammelte mich . Dem Oheim drückte