Er fühlte etwas Eiskaltes tief in sein Fleisch glitschen . Ach Gott , das sticht ja , dachte er und wankte dabei . Den Beutel ließ er fallen . O ungeheurer , ungeheurer Schrecken ! Er griff nach einem der Baumstämmchen und versuchte zu schreien , aber es ging nicht . Auf einmal brach er in die Knie . Vor seinen Augen wurde es schwarz . Er wollte den Fremden bitten , daß er ihm helfe , doch die Füße des Mannes , die er noch eine Sekunde zuvor gesehen , waren verschwunden . Die Schwärze vor den Augen wich wieder ; er sah sich um ; niemand war mehr da ; auch die beiden hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da . Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte den Kopf herunter , um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu schützen , den ihm der Wind entgegenspritzte . Er machte ein paar Bewegungen mit dem Körper , als suche er in der Erde eine Höhlung zum Hineinschlüpfen , konnte dann nicht weiter und blieb sitzen . Ihm schien , als riesle etwas im Innern seines Leibes . Es fror ihn jetzt erbärmlich . Möcht sehen , was in dem Beutel ist , dachte er , während seine Zähne klapperten . O ungeheurer Schrecken , der ihn abhielt , nach jener Stelle zu blicken , wo der Fremde gestanden . Wenn ich nur ein Wort wüßte , durch das mir leichter würde , dachte er , wie einer , der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt . Und er sagte zweimal : » Dukatus « . Welches Wunder , plötzlich ward ihm leicht . Er glaubte aufstehen und nach Hause gehen zu können . Er erhob sich . Er sah , daß er gehen konnte . Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht , fing er an zu laufen . Ihm war , als ob sein Körper ohne Schwere sei , ihm war , als fliege er . Er lief , lief , lief . Bis zum Tor des Gartens ; über den Schloßplatz ; über den Markt an der Kirche vorbei ; bis zum Kronacher Buck , bis in den Flur des Quandtschen Hauses ; lief , lief , lief . In Schweiß gebadet , stürzte er in den Flur . Weiter gings nicht mehr ; keuchend lehnte er sich an die Wand . Die Magd gewahrte ihn zuerst . Über sein Aussehen entsetzt , gab sie einen gellenden Schrei von sich . Da kam Quandt aus der Stube ; seine Frau folgte ihm . Caspar starrte ihnen entgegen , sprach aber nichts , sondern deutete bloß auf seine Brust . » Was ist geschehen ? « fragte Quandt rauh und kurz . » Hofgarten - gestochen « , stammelte Caspar . Und Quandt ? Wir sehen ihn schmunzeln . Nichts andres : wir sehen ihn schmunzeln . Und wenn Jahrhunderte , feierlich in Purpur angetan wie Gottes Engel , auf uns zutreten und uns beschwören , die Tatsachen nicht zu verzerren , so ist nichts andres zu erwidern , als daß Quandt schmunzelte , seltsam schmunzelte . » Wo sind Sie denn gestochen , mein Lieber ? « fragt er gedehnt . Wieder deutete Caspar auf seine Brust . Quandt knöpfte ihm Rock , Weste und Hemd auf , um die Wunde anzuschauen . Richtig , da war ein Stich , nicht größer als eine Haselnuß . Aber nicht die geringste Spur von Blut war zu bemerken . Eine Wunde ohne Blut , das gibt es nicht ; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis . » Also gestochen « , sagte Quandt . » So lassen Sie uns sofort umkehren und zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten , wo das passiert sein soll « , fügte er energisch hinzu . » Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem Wetter im Hofgarten zu tun gehabt ? Marsch , kommen Sie ! Die Sache muß unverzüglich aufgeklärt werden . « Caspar widersprach nicht . Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder auf die Gasse . Quandt faßte ihn unter , wie ein Krüppel schlich Caspar dahin . Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton : » Diesmal haben Sie Ihren dümmsten Streich gemacht , Hauser . Diesmal wird es keinen so guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer , das kann ich Ihnen schriftlich geben . « Caspar blieb stehen , warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte : » Gott - wissen . « » Machen Sie nur keine Faxen , « zeterte Quandt , » ich weiß , was ich weiß . Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen , damit haben Sie bei mir kein Glück , denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf . Ich kann Ihnen nur raten , spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici und gestehen Sie lieber gleich . Ein wenig bange machen wollen Sie uns , die Leute wollen Sie durcheinanderhetzen . Gestochen ? Wer soll Sie denn gestochen haben ? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus der Tasche zu ziehen ? So ein Unsinn ! Gehen Sie nicht so langsam , Hauser , meine Zeit ist knapp . « » Den Beutel - will ich holen « , stammelte Caspar leise . » Was denn für einen Beutel ? « » Der Mann - mir gegeben . « » Was für ein Mann ? « » Der mich gestochen . « » Aber Hauser , Hauser , es ist ja himmelschreiend ! Bilden Sie sich denn ein , daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube ? So wenig wie an den schwarzen Peter . Bilden Sie sich denn ein , daß ich über den wahren Täter einen Augenblick im Zweifel bin ? Gestehen Sies doch ! Gestehen Sie , daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben . Ich will über die Sache noch einmal schweigen , ich will Gnade für Recht ergehen lassen . « Caspar weinte . Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen . Quandt war verwirrt . Es kamen einige Männer des Weges , diese bat er , daß sie den Jüngling nach Hause führen möchten , er selbst wolle zur Polizei . Die Männer mußten erst geraume Weile warten , bis sich Caspar ein wenig erholt hatte ; auch dann hielt es schwer , ihn zum Gehen zu bewegen . Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet , daß Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen war , den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus , hernach vom Lehrerhaus zum Schloßplatz , und endlich vom Schloßplatz wieder nach Hause zurückzulegen , das erste Mal laufend , das zweite Mal am Arme Quandts , das dritte Mal von den Männern halb gezogen , im ganzen über sechzehnhundert Schritte . Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug , war es finster geworden . Der diensttuende Offiziant erklärte , daß ohne speziellen Auftrag des Bürgermeisters , der im Bade sei , die Anzeige nicht protokolliert werden dürfe . Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm , dann begab er sich unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene Kleinschrottsche Badewirtschaft , wo der Bürgermeister im Kreis seiner Vertrauten beim Bier saß . Quandt trug den Fall vor . Man staunte , zweifelte , plädierte , bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf die förmliche Protokollaufnahme . Um sechs Uhr wurde das interessante Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur weiteren Untersuchung übergeben . Quandt kehrte nach Hause zurück . Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand er viele Menschen , und zwar waren es Personen jeglichen Standes , die dem Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten , das den Lehrer stutzig machte . Er ging sogleich in das Zimmer Caspars , der zu Bett gebracht worden war . Der Doktor Horlacher war zugegen . Er hatte die Wunde schon untersucht . » Wie stehts ? « fragte Quandt . Der Doktor antwortete , es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden . » Das dacht ich mir « , versetzte Quandt . Jetzt erschien der Hofrat Hofmann . Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den lilafarbenen Beutel übergeben , der an der Unglücksstätte gefunden worden war . » Kennen Sie diesen Beutel ? « fragte der Hofrat . Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel , den der Hofrat öffnete . Es lag ein Zettel darin , der , so schien es zunächst , mit Hieroglyphen bedeckt war . Die Lehrerin , die dabeistand , schüttelte den Kopf . Sie zog ihren Mann beiseite und sagte zu ihm : » Es ist doch eigen ; genau so legt der Hauser immer seine Briefe zusammen , wie das Papier im Beutel zusammengefaltet war . « Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats , der den Zettel erst prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte . » Es ist wohl Spiegelschrift « , sagte Quandt lächelnd . » Ja « , erwiderte der Hofrat ; » eine sonderbare Kinderei . « Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor : » Caspar Hauser wird Euch genau erzählen können , wie ich aussehe und wer ich bin . Dem Hauser die Mühe zu sparen , denn er könnte schweigen müssen , will ich aber selber sagen , woher ich komme . Ich komme von der bayrischen Grenze am Fluß . Ich will Euch sogar meinen Namen verraten : M.L.O. « » Das klingt ja geradezu höhnisch « , sagte der Hofrat nach einem verwunderten Schweigen . Quandt nickte erbittert vor sich hin . Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte , fiel sein Kopf schwer in das Kissen , und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen Zügen . Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck , als wolle er von nun an nie mehr reden . Und daß er hätte reden können , womit dieser M.L.O. offenbar nicht gerechnet hatte , empfand er bis in das Fieber hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes . Quandt , den Zettel , den ihm der Hofrat gegeben , zwischen den Händen , wanderte aufgeregt hin und her . » Das sind schöne Streiche , « rief er aus , » schöne Streiche ! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten , Hauser . Sie verdienen eine Tracht Prügel , das verdienen Sie . « Der Hofrat runzelte die Stirn . » Gemach , Herr Lehrer ; lassen Sie das doch ! « sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton . Bevor er sich verabschiedete , versprach er , am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu schicken , woraus ersichtlich war , daß auch er an keine unmittelbare Gefahr dachte . Indes kam der Kreisphysikus , von Frau von Imhoff dazu bewogen , noch am selben Abend . Es war der Medizinalrat Doktor Albert . Er untersuchte Caspar mit großer Sorgfalt ; als er fertig war , machte er ein bedenkliches Gesicht . Quandt , seltsam gereizt dadurch , sagte fast herausfordernd : » Es fließt ja gar kein Blut aus der Wunde . « » Das Blut sickert nach innen « , entgegnete der Medizinalrat mit einem den Lehrer nur streifenden Blick . Er legte einen Umschlag von Senfteig auf das Herz und empfahl die möglichste Ruhe . Quandt griff sich an die Stirn . » Wie , « sagte er zu seiner Frau , » sollte sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt haben ? « Die Lehrerin schwieg . » Ich bezweifle es , ich muß es bezweifeln « , fuhr Quandt fort . » Sieh doch selbst , der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über Schmerzen . « » Er antwortet auch nichts , wenn man ihn fragt « , fügte die Frau hinzu . Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren . Quandt war entschlossen , an das Delirium nicht zu glauben . Als Caspar aus dem Bett springen wollte , schrie er ihn an : » Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände , Hauser ! Gehen Sie schleunigst in Ihr Bett zurück . « Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies . » Aber Quandt ! Quandt ! « sagte er entsetzt . » Ein wenig Milde , Quandt , im Namen unsrer Religion . « » Oh , « versetzte Quandt kopfschüttelnd , » Milde ist hier schlecht angebracht . In Nürnberg , wo er doch auch so eine verworfene Komödie aufgeführt hat , gebärdete er sich genauso , und ich habe mir sagen lassen müssen , daß er dabei von zwei Männern ist gehalten worden . Was mich betrifft , ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten . « Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt , die über Nacht an Caspars Lager wachte . Er schlummerte zwei bis drei Stunden . Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission . Caspar war bei klarem Bewußtsein . Vom Untersuchungsrichter aufgefordert , erzählte er , ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten bestellt . » Zu welchem Zweck bestellt ? « » Das weiß ich nicht . « » Er hat darüber gar nichts gesagt ? « » Doch ; er hat gesagt , man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen . « » Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt ? Wie sah er aus ? « Caspar gab eine kurze , abgerissen gelallte Beschreibung und der Art , wie ihn der Fremde gestochen . Sonst war nichts aus ihm herauszubringen . Es wurde nach Zeugen gefahndet . Es stellten sich Zeugen . Zu spät für die Verfolgung des Täters . Schon die erste Anzeige war , durch die Mitschuld Quandts , unverantwortlich verzögert worden . Als man die am Ort des Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte , ergab es sich , daß inzwischen schon zu viele Menschen dagewesen waren und den Schnee zertreten hatten . Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mußte also von vornherein verzichtet werden . Zeugen fanden sich genug . Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete , gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen , den sie nie zuvor gesehen , und habe gefragt , wann ein Retour nach Nördlingen gehe . Der Mann war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt gewesen , von mittlerer Größe , bräunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht . Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen , einen runden schwarzen Hut , grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen . In der Hand hielt er eine Reitgerte . Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz wenig gesprochen ; auffallend sei es gewesen , daß er nicht sagen gewollt , wo er logierte . So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann , den er um drei Uhr im Hofgarten neben der Lindenallee gesehen , und zwar in Gesellschaft von zwei andern Männern , die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte . Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststraße auf die Promenade und von da über den Schloßplatz . Er sah vom Schloß her zwei Männer über die Gasse schreiten und , die Reitbahn zur Linken lassend , zum Hofgarten gehen . Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser . Als die beiden zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen , wandte sich Caspar Hauser um und blickte den Schloßplatz hinauf , so daß ihn der Beobachter noch einmal und genau hatte sehen können . Bei den Schranken blieb der Fremde stehen , um Hauser mit höflicher Gebärde den Vortritt zu lassen . Der Arbeiter dachte für sich : wie doch die Herren bei solchem Sturm und Schnee spazierengehen mögen . » Drei Viertelstunden später , « erzählte der Mann , » als ich von einer Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam , standen auf dem Schloßplatz viele Leute , die jammerten und sagten , der Hauser sei im Hofgarten erstochen worden . « Und weiter . Ein Gärtnergehilfe , der in der Orangerie beschäftigt ist , hört gegen vier Uhr Stimmen . Er blickt zum Fenster hinaus und sieht einen Mann im Mantel vorüberlaufen . Der Mann läuft einen guten Trab . Die Stimmen sind etwa einen Büchsenschuß weit vom Orangeriehaus entfernt gewesen , nicht so weit , wie das Uzsche Denkmal ist . Es waren zweierlei Stimmen , eine Baß und eine helle Stimme . Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin . Ihr Fenster geht auf den Hofgarten ; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu führenden Alleen . Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im Mantel ; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der Rezatwiese hinab . Er stutzt , als er vor dem hochgeschwollenen Wasser steht . Er kehrt um und wendet sich gegen die Stäffelchen an der Mühle , geht über den Steg auf der Eiberstraße und verschwindet . Die Frau hat von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen können . Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage . Die unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es , jeden Nachmittag , wie das Wetter auch beschaffen ist , zwei Stunden lang im Hofgarten zu promenieren . Er hat Caspar und den Fremdengesehen . Er versichert aber , nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden , sondern hintennach sei er gegangen . » Er ist ihm gefolgt , wie das Lamm dem Metzger zur Schlachtbank folgt « , sagt er . Zu spät . Zu spät der Eifer . Zu spät die erlassenen Steckbriefe und Streifzüge der Gendarmerie . Es konnte nicht mehr fruchten , daß man sogar den Rezatstrom aus seinem Bett leitete , um vielleicht das Mordinstrument zu entdecken , das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen haben mochte . Was lag an diesem Dolch ? Was lag an den Zeugen ? Was lag an den Verhören ? Was lag an den Indizien , womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte ? Es wurde gesagt , daß die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben wurden . Es wurde gesagt , eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel , deren Machenschaften darin gipfelten , die wahren Spuren allmählich und mit Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten . Wer es sagte , konnte natürlich nicht erkundet werden , denn die öffentliche Meinung , ein Ding , ebenso feig wie ungreifbar , orakelt nur aus sicheren Hinterhalten . Und sie schwieg gar bald stille hier , wo Verleumdung , Bosheit , Lüge , Dummheit und Heuchelei ein schönes Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten , bis daß nichts mehr übrigblieb als ein ärmliches Märchen , wovon sich das Volk dieser Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhält . Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach , den Philosophen , auf der Straße . » Wie gehts dem Hauser ? « fragte der den Lehrer . » Ei , er ist ganz außer Gefahr ; dank der Nachfrage , Herr Doktor « , antwortete Quandt geschwätzig ; » die Gelbsucht ist eingetreten , aber das soll ja die gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein . Ich bin überzeugt , daß er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen können . « Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen , hauptsächlich von der neuerdings zwischen Nürnberg und Fürth geplanten Dampfschienenbahn , ein Unternehmen , gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren ließ , dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte , beständig vor sich hinlächelnd , nach Hause . Er war in einer höchst zuversichtlichen Stimmung , einer Stimmung , in der man bereit ist , seinen ärgsten Feinden Nachsicht angedeihen zu lassen . Warum , das mochten die Götter wissen . War der schöne Tag daran schuld ? Man darf nicht vergessen , daß in Quandt auch eine Art von Poet steckte ; oder war es die Nähe des Weihnachtsfestes , das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine Erneuerung seiner Seele verspricht ? Oder war es am Ende der Umstand , daß gegenwärtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein bescheidenes Heim aufsuchten und daß er inmitten dieses bescheidenen Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte ? Genug , wie dem auch sein mochte , er war mit sich zufrieden , folglich stammte sein Lächeln aus der lautersten Quelle . Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant . » Ah , vom Urlaub zurück ? « begrüßte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit . Gleich darauf sagte er sich : mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen . Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus , als ob er lachen wollte . Sie gingen miteinander hinauf . Caspar saß mit nacktem Oberleib im Bette , gegen aufgetürmte Kissen gelehnt , starr wie eine Figur aus Lehm , das Gesicht grau wie Bimsstein , die Haut des Körpers strahlend weiß wie eine Magnesiumflamme . Der Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde . Außerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen . Dieser hatte am Tisch Platz genommen ; ein Protokollformular lag bei ihm , auf dem die lakonischen Worte standen : » Der Damnifikat verbleibt bei seinen bisherigen Depositionen . « Über einen eingefangenen Straßenräuber hätte man sich nicht besser und niedlicher ausdrücken können . Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt , als er den wie einen gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit weitgeöffneten Augen , in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag , dem Ankömmling ins Gesicht starrte . Ohne zu sprechen , erhob Hickel drohend den Zeigefinger . Diese Gebärde schien den Schrecken Caspars aufs äußerste zu treiben ; er faltete die Hände und murmelte ächzend : » Nicht nahekommen ! Ich habs ja doch nicht selber getan . « » Aber Hauser ! Was fällt Ihnen denn ein ! « rief Hickel mit einer Lustigkeit , die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt , und seine gelben Zähne blinkten zwischen den vollen Lippen ; » ich hab Ihnen ja nur gedroht , weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind . Wollen Sie das vielleicht auch leugnen ? « » Keine Auseinandersetzungen , wenn ich bitten darf « , mahnte der Medizinalrat unwillig . Er hatte den Verband erneuert , zog nun den Lehrer beiseite und sagte leise und ernst : » Ich kann Ihnen nicht verhehlen , daß Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird . « Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an . Seine Knie wurden weich wie Butter . » Wie ? Was ? « hauchte er , » ists möglich ? « Er schaute alle Anwesenden der Reihe nach langsam an , wobei sein Gesicht dem eines Menschen glich , der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und dem plötzlich Schüssel , Teller , Messer und Gabel , ja der ganze Tisch weggezaubert wird . » Kommen Sie mit mir , Herr Lehrer « , sagte mit heiserer Stimme Hickel , der am Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den Kacheln rieb . Quandt nickte und schritt mechanisch voraus . » Ists möglich ! « murmelte er wieder , als er auf der Stiege stand . » Ists möglich ! « Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an . » Ach , « fuhr er elegisch fort , » wir haben doch unser redlich Teil getan . An treuer Fürsorge haben wirs wahrlich nicht fehlen lassen . « » Lassen Sie doch die Flausen , Quandt « , antwortete der Polizeileutnant grob . » Sagen Sie mir lieber , was hat denn der Hauser alles geredet in seinem Wahn ? « » Unsinn , lauter Unsinn « , versetzte Quandt bekümmert . » Achtung , Herr Lehrer , da sehen Sie mal hinunter « , rief Hickel , indem er sich über das Geländer beugte . » Was denn ? « gab Quandt erschrocken zurück , » ich sehe nichts . « » Sie sehen nichts ? Potz Kübel , ich auch nicht . Es scheint , wir sehen beide nichts . « Er lachte wunderlich , richtete sich wieder kerzengerade auf und hüstelte trocken . Dann ging er , indes Quandt ihm nicht wenig betroffen nachguckte . Wohin soll es auch kommen mit der Welt , wenn Leute wie Hickel unter die Gespensterseher geraten ? Auf ihren robusten Schultern ruhen die Fundamente der Ordnung , des Gehorsams und aller staatlich anerkannten Tugenden . Mag es auch in diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen sein , daß die Ausgeburt rühmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch einer Regung bösen Gewissens anheimfiel , nun , dann muß erklärt werden , daß dieses böse Gewissen mit einem martialischen Aussehen gesegnet war , daß es zu allen Mahlzeiten einen beneidenswerten Appetit entwickelte und daß es das sanfteste Ruhekissen für einen unvergleichlich gesunden Schlaf war , der durch keine Feuerglocke und kein Tedeum hätte gestört werden können . Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhör begonnen . Caspar sollte sagen , ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei , während er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen . Caspar antwortete matt , er habe niemand bemerkt , nur vor dem Tor seien Leute gewesen . » Arme Leute passen mir immer dort auf , « sagte er , » zum Beispiel eine gewisse Feigelein , der hab ich manchmal einen Kreuzer gegeben , auch die Tuchmacherswitwe Weigel . « Der Aktuar wollte weiterfragen , doch Caspar lispelte : » Müde - recht müde . « » Wie ist Ihnen , Hauser ? « erkundigte sich die Wärterin . » Müde , « wiederholte er ; » werd jetzt bald weggehen von dieser Lasterwelt . « Eine Weile schrie und redete er für sich hin , hernach wurde er wieder ganz stille . Er sah ein Licht , das langsam erlosch . Er vernahm Töne , die aus dem Innern seines Ohrs zu dringen schienen ; es klang , wie wenn man mit einem Hammer auf eine Metallglocke haut . Er erblickt eine weite , einsame , dämmernde Ebene . Eine menschliche Gestalt rennt schnell darüber hin . O Gott , es ist Schildknecht . Was läufst du so , Schildknecht ? ruft er ihm zu . Hab Eile , große Eile , antwortet jener . Auf einmal schrumpft Schildknecht zusammen , bis er eine Spinne ist , die an einem glühenden Faden zum Ast eines riesengroßen Baumes emporklimmt . Tränen des Grauens fallen wie , Regen aus Caspars Augen . Er sah ein seltsames Gebäude ; es glich einer kolossalen Kuppel ; es hatte kein Tor , keine Tür , kein Fenster . Aber Caspar konnte fliegen , flog hinauf und schaute durch eine kreisrunde Öffnung in das Innere , das von himmelblauer Luft erfüllt war . Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine Frau . Vor diese trat ein Mensch , kaum deutlicher zu sehen als ein Schatten , und er teilte ihr mit , daß Caspar gestorben sei . Die Frau hob die Arme und schrie vor Schmerz , daß die Wölbung erzitterte . Da klaffte der Boden auseinander , und es kam ein langer Zug von Menschen , die alle weinten . Und Caspar sah , daß ihre Herzen zitterten und zuckten wie lebendige Fische in der Hand des Fischers . Und einer trat heraus , der gerüstet war und ein Schwert trug , der sprach ungeheure Worte , aus denen sich das ganze Geheimnis enthüllte . Und alle , die zuhörten , preßten die Hände gegen die Ohren , schlossen die Augen und stürzten vor Kummer zu Boden . Dann war alles verwandelt . Caspar spürte sich voll von wunderbaren Kräften . Er spürte die Metalle in der Erde , von tief unten zogen sie ihn an , und die Steine spürte er , die Adern von Erz hatten . Dazwischen ruhte vielfältiger Samen , und er brach auf , und die Würzlein schossen , und bebend hoben sich die Gräser . Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor wie Fontänen , und auf ihren Spitzen leuchtete die willkommene Sonne . Und inmitten des Weltalls stand ein Baum mit weitem Gipfel und unzähligen Verästelungen ; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen , und auf der Krone oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens . Innen im Stamm floß Blut , und wo die Rinde zerrissen war , sickerten schwärzlichrote Tropfen hindurch . Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter Entzückungen war es Caspar , als ob ihn jemand in einen Raum trüge , wo keine Luft zum Atmen mehr war . Da half kein Sträuben und Sichbäumen , es trug ihn hin , und ein kühler Wind wehte über sein Haar , seine Finger krümmten sich , als suche er sich irgendwo zu halten . Es war eine namenlose Erschöpfung , von welcher der vergebliche Kampf begleitet war . Auf der Straße fuhr der Nürnberger Postwagen vorbei , und der Postillon blies ins Horn . Es kamen bis zum Abend viele Leute , um nach seinem Befinden zu fragen . Frau von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen . Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann , der mit größter Schnelligkeit eintraf . Er legte Caspar die Hand auf die Stirn . Mit angstvoll großen Augen schaute sich Caspar um ; seine Schultern zitterten Er machte mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen , als wolle er schreiben . Das dauerte jedoch nicht lange . » Sie haben mir einmal gesagt , lieber Hauser , daß Sie auf Gott vertrauen und mit seiner Hilfe jeden Kampf kämpfen wollen « , sagte der Pfarrer . » Weiß es nicht « , flüsterte Caspar . » Haben Sie denn heute schon zu