. Das war mein Winnetou . Es hat ja Willen , wie jedes Tier . Und es besitzt auch Intelligenz , diesen Willen entweder für richtig oder für falsch zu halten . Es merkt sofort , wenn der Reiter einen Fehler macht , und zeigt die Absicht , diesen Fehler zu verbessern . Aber das ist ihm verboten . Es muß sich den gefühllosesten , unverständigsten Bengel gefallen lassen , der keine Ahnung von der zarten Empfindlichkeit und von dem Ehrgefühle , der Auffassungskraft , der Ueberlegsamkeit und dem Gedächtnisse eines guten Pferdes hat und es einfach zum innerlich und äußerlich steifen Gaul herunterrackert ! Ich kam einst mit einem solchen Menschen scharf zusammen . Er hatte von Nachmittag bis Mitternacht in der Kneipe beim Kartenspiele gesessen und einen Grog nach dem andern getrunken , denn es war ein sehr strenger Wintertag und selbst in der Stube kalt . Draußen aber stand sein Pferd angebunden , nicht zugedeckt , fast klappernd vor grimmiger Kälte . Es war ein gutes , fünfjähriges Halbblut . Der dünnspitzige Schnee , welcher wie Nadeln fiel , bedeckte es handhoch . Die Haut besaß nicht mehr die nötige Wärme , ihn wegzutauen . Das Pferd hatte während dieser ganzen Zeit weder Futter noch Trank bekommen und den lieben Herrn dann noch volle drei Stunden weit heimzutragen . Das ergab einen Wortwechsel zwischen mir und ihm , den er mit der Zurechtweisung schloß : » Das Vieh gehört mir , nicht Ihnen . Sie haben mir gar nichts zu sagen ! Und mit Ihren sogenannten Gefühlen kommen Sie mir erst recht nicht ! Zu behaupten , daß die Tiere , die Pferde eine Seele haben , ist eine Sünde und von den Geistlichen verboten . Das habe ich von meinem Pfarrer , und der hat es aus der Bibel ! Na , also ! « Hierauf spielte er ruhig weiter . Er ritt erst gegen Morgen fort , kam aber nicht ganz heim . Er mußte das arme Tier unterwegs einstellen . Es hatte so stark verschlagen , daß es eine unheilbare Lähmung davontrug . Da gab er es dem Schinder ! Syrr war nicht nur edel , auch nicht nur hochedel ; er war mehr . Ich hatte mir für heut eine große Fläche , einen weiten Spielraum zum Reiten gewünscht . Warum ? Weil ich nicht sofort den Herrn und Gebieter spielen wollte . Der Rappe sollte zunächst ganz seinen eigenen , freien Willen haben . Er sollte gleich am ersten Tage herausfühlen , daß ich nicht so dumm sei , seine Natur , seine Gaben , seine Vorzüge zu knechten und zu knebeln . Das war doch ja das beste Mittel , diese Gaben und Vorzüge kennen zu lernen ! Er merkte auch sehr bald , daß er mir zwar bis hierher habe folgen müssen , nun aber tun könne , was er wolle . Er wartete zunächst auf eine Willensäußerung von mir . Es erfolgte keine . Da blieb er überlegend stehen . Ich saß ohne Regung , denn er hätte der geringsten sofort gehorcht . Nun hob er den Kopf und windete , nach vorn , nach rechts , nach links . Wie fein sein Gruchssinn war , hatte er mir unten in den Ruinen gezeigt , als er des Aschyk wegen stehen blieb . Das schätzte ich sehr hoch , denn ein Pferd ohne diese Sinnesschärfe hätte ich überhaupt nicht brauchen können . Nun schien er überzeugt zu sein , daß uns nichts stören werde . Da drehte er den Kopf halb zu mir herum und ließ ein leises , kurzes Halbwiehern hören . Das klang fast wie eine Frage , als ob er sagen wolle : » Na , darf ich denn auch wirklich ? « Ich streichelte ihm den Hals . Das war die Antwort . Da ging er vorwärts , langsam , quer tänzelnd , eine ganze Weile , die Kniee zierlich werfend , als ob er zunächst die Sehnen und Gelenke prüfen wolle . Dann fiel er in Trab . Aber was war das für ein Trab ! Ich staunte ! War dieses Pferd nur Muskel ? Das ging so weich , so geschmeidig , so elastisch , so nachgiebig , biegsam und federnd - - mir fehlt das rechte Wort , das Richtige zu sagen ! Dieser Trab war kein Laufen sondern ein Fließen ! Und nun folgte der Galopp . Erst kurz , graziös , feierlich stolz , paradierend , wie wenn ein König am Balkon der Königin vorüberreitet . Und doch so natürlich und so ungesucht , die reine , sehr wohl erlaubte Freude über sich selbst ! Dann aber nicht mehr hoch , sondern weiter ausgestreckt . Das war fast wie der Flug eines Adlers , dessen Schwingen man sich nicht bewegen sieht . Und doch hatte ich das Gefühl , daß Syrr jetzt erst im Beginnen sei , seine Schnelligkeit zu zeigen ! Er griff nach und nach immer weiter aus . Der Galopp ging ins Rennen über . Kilometer um Kilometer verschwand hinter uns . Die Sterne leuchteten , und der Mond lächelte freundlich zu dem guten Verhältnisse zwischen Mensch und Tier . Die jenseitigen Berge kamen schnell näher . Das Terrain wollte sich zu Tale senken . Syrr bemerkte es ebenso wie ich . Er schlug ganz von selbst einen Bogen , um zurückzulenken . Er wollte in bekannter Gegend bleiben , denn das , was er zeigen wollte , hatte er noch nicht gezeigt . Es sollte erst noch kommen . Es schien , daß diese Carrière ihm Vergnügen , keinesweges aber eine Anstrengung sei . Wie aber stand es da mit mir , dem Abgeschwächten , dem Rekonvaleszenten ? Was Schwachheit , und was Rekonvaleszent ? Lächerlich ! Ich war gesund , ganz plötzlich gesund , und aber wie gesund ! Erschlaffung und Entkräftung ? Auf einem solchen Pferde ? Setzt einen Toten in diesen Sattel , und er muß wieder lebendig werden , unbedingt ! Denn jetzt war es , als ob Alles , Alles verschwinden müsse , was lebenswidrig , was körperlich hindernd ist . War Syrr jetzt Geist geworden , nur Geist , vollständig ohne Fleisch und Bein ? Er lief nicht mehr ; er galoppierte und rannte nicht mehr , und - - er flog nicht mehr ! Nein ! Sondern wir standen still . Aber die Ebene , die ganze Erde um uns war in rasender Bewegung . Sie schoß auf uns zu und rechts und links und unter Syrrs lang ausgestreckten Leib hinweg nach hinten . Es war , um schwindelig zu werden ! So laufen arabische Pferde allerersten Ranges , wenn der Reiter das sogenannte » Geheimnis « in Anwendung bringt - - - auf Leben und Tod ! Aber weder der berühmte Rih noch sein gleichwertiger Sohn Ben Rih hatten trotz ihrer bewundernswerten Leistungen diesen köstlichen Syrr erreicht , der den Raum , die Zeit und die Materie bloß nur in Gedanken verwandelte , ohne daß es nötig gewesen war , ihn durch irgend einen Kunstgriff dazu anzuspornen . Er durchmaß die Ebene zurück und wieder hin und wieder zurück in stets gleicher Rapidität , so daß ich besorgt um ihn wurde und ihm das Wörtchen » wakkif ! « 85 zu hören gab . Er gehorchte sofort . Zwar schoß er noch eine kurze Strecke weiter , überwand aber die Beharrung außerordentlich schnell und stand dann still . Da sprang ich ab , nahm seinen Kopf in beide Arme und drückte ihn an mich . Ich streichelte ihn mit einer Wonne , die keinesweges die bekannte Wonne der Redensarten war . Sein Atem ging ganz ruhig . Nicht der geringste Anflug von Schweiß war zu spüren ; kein Flöckchen Schaum war zu sehen . Die Flanken lagen still und nur das Herz schien in etwas schnellerer Bewegung zu sein als wie gewöhnlich . Aber in den Haaren der Mähne und des Schwanzes knisterte es mit doppelter Vernehmlichkeit als ich über sie hinwegstrich . » Bist ein Prachtkerl , Syrr , bist unvergleichlich ! « rief ich begeistert aus . » Dich hat uns nicht nur der Schah gesandt , sondern ein noch Höherer ! Er wollte , daß wir durch dich gerettet würden ! « Da rieb er seinen schönen , feinen Kopf an meiner Schulter , kniff mir mit den Lippen einige Male in das Haar und leckte mir dann die Hand . Dann stieg ich wieder auf , um ihn nicht der scharfen Nachtluft ohne Bewegung anzusetzen . Ich saß still , ohne die auf dem Sattelknopfe liegenden Zügel aufzunehmen und ohne seinen Leib unterhalb des Sinpusch86 zu berühren . Auch er stand unbeweglich . So warteten wir auf einander , ich lächelnd , er aber , um zu gehorchen . Als aber von meiner Seite so gar nichts geschah , drehte er den Kopf abermals zu mir herum und ließ dasselbe Halbwiehern vernehmen wie gleich nach unserer Ankunft hier , nur nicht so kurz , sondern länger und in mehreren Intervallen . Es klang fast so , als ob er mir eine kleine Rede halte : » Was soll denn nun werden ? Ich habe meinen Willen gehabt . Du kennst mich jetzt . Nun bist du wieder der Herr . So rühre dich also ! « Hierauf streichelte ich ihm wieder den Hals , nahm die Zügel auf und legte die Schenkel an . Da warf er befriedigt den Kopf in die Höhe und ging vorwärts . Wir ritten vollends über die Ebene hinüber , den Berg hinab und auf demselben Wege heim , den wir gekommen waren . Assil stand auf , um uns zu begrüßen und legte sich dann wieder nieder . Nachdem ich abgezäumt und abgesattelt hatte , holte ich einige Aepfel und die Lappen , welche Schakara mir besorgt hatte . Syrr schwitzte nicht ; er besaß keine Spur von übergewöhnlicher Wärme . Ich rieb ihn aber trotzdem sorgfältig ab , trug dann das Sattelzeug an Ort und Stelle und ging hinauf zu mir . Von meinem platten Dache schaute ich noch einmal hinab . Syrr hatte sich auch niedergelegt , eng neben Assil . Sie hatten die Köpfe nebeneinander . Da hörte ich unter mir ein Geräusch , auf dem Balkon des Ustad . Er hatte dagesessen , stand auf und ging hinein . Das war die Liebe zu mir . Der Gute ! Als ich am andern Tag erwachte , war es hell ; aber ich sah die Sonne nicht , obgleich der Himmel keine Wolken hatte . Da stand ich schnell und ahnungsvoll auf . Dann auf die Plattform hinaustretend , sah ich sie zwar , aber es war , als ob sie schelmisch über mich lache . Da , wo sie stand , pflegte sie ungefähr um 4 Uhr Nachmittags zu stehen ! » Bist du munter ? « klang die Stimme des Ustad vom Balkon herauf . » Ich höre , daß du nicht mehr schläfst . « » Soeben aufgestanden ! Vier Uhr nach dem Mittag ! « antwortete ich . » Ist das nicht eine Schande ? « » Nein , sondern eine Notwendigkeit ! Folge des Rittes - hast dich mehr angestrengt , als du solltest . Das gleicht die Güte der Natur wieder aus . Wie ist der Ritt gelungen ? « » Zur größte Zufriedenheit ! Ich erzähle es dir nachher . Aber meine armen , armen Pferde ! Zweimal nicht gefüttert . Alles verschlafen ! « » Sei unbesorgt ! Als du nicht aufstandest , habe ich es an deiner Stelle getan . Wasser , Gerste , Aepfel . Sie sind zufriedengestellt , ließen mich aber bemerken , daß du ihnen lieber gewesen wärst als ich . Was tust du jetzt ? « » Ich gehe zu ihnen , bade dann und sehe hierauf , wo es Etwas zu essen giebt . « » Natürlich bei mir . Ich habe mit dem Mittagsbrote auf dich gewartet . « » Wo ist Dschafar Mirza ? « » Unten im Duar . Man sieht ihn dort sehr gern . Sein freundliches , gütiges Wesen hat ihm die Herzen schnell gewonnen . So komm also dann zu mir ; ich werde das Essen befehlen ! « Als ich nach der Weide kam , sprang mir nicht nur Assil , sondern auch Syrr entgegen . Das war bei Letzterem das erste Mal . Ich sah : nun war er mein ! Der ungewöhnlich lange Schlaf belehrte mich , daß der nächtliche Ritt doch anstrengender für mich gewesen war , als ich gedacht hatte . Auf einem gewöhnlichen Pferde hätte ich so Etwas doch noch nicht wagen können . Ich hatte ihn in diesem Abend wiederholen wollen , nach dem Gange in die Ruinen , beschloß aber aus Vorsicht , für heut zu pausieren . Meine Hauptaufgabe war , am Tage des Rennens zur Teilnahme fähig zu sein . Da war ein Ueberstürmen der Natur unbedingt zu vermeiden . Uebrigens entwickelte ich beim Ustad einen solchen Appetit , daß er über mich , den sonst so genügsamen Esser , beinahe erstaunte und , sich darüber freuend , lächelnd sagte : » So ist es recht , mein lieber Freund . Nur tüchtig essen und tüchtig schlafen , sonst kannst du das nicht wieder werden , was du gewesen bist ! Ich bin ja nun wieder da und nehme dir alles Andere ab . Du wirst von mir über Alles unterrichtet und hast sonst nur für dich und Syrr zu leben , damit Ihr beide uns beim Rennen nicht etwa versagt ! « » Gut ! Ich trete dir also Alles ab , bitte dich aber , mir dafür den Aschyk zu überlassen . Oder wolltest heut du zu ihm hinüber , um bei der Zusammenkunft der Päderan zu sein ? « » Nein . Auf dieses Gebiet darf ich dir doch nicht folgen . Aber nimm dich in Acht ! Die Sache ist höchst gefährlich , denn diese Sillan sind zu Allem fähig , und den Aschyk hast du doch vielleicht noch nicht ganz sicher ! « » Ich habe ihm mein Vertrauen zugesagt und pflege Wort zu halten . Uebrigens liebe ich es nicht , unvorsichtig zu sein . Ich werde meine beiden Revolver laden und nehme sie mit . Da bin ich für alle Fälle gerüstet . « » Also doch Waffen ! « lächelte er . » Darum gab ich sie dir zurück . Der Kampf mit geistigen Waffen ist der höhere , der edlere ; aber es denken nicht alle Gegner ebenso hoch und edel . Gegen Niederträchtigkeiten hilft kein geharnischtes Sonett , kein Distichon und kein Alexandriner ; da sind nur Drehpistolen gut , die mit Patronen auf Patrone schießen , denn was nicht kracht , das wirkt bei ihnen nicht ! « Er nahm , als er mich dann zu mir hinaufbegleitete , meine Gewehre aus der Rumpelkammer und hing sie oben in dem Mittelzimmer auf . Wir luden die Revolver . Er legte mir sogar das lange Messer hin und zeigte sich erst dann befriedigt , als ich ihm versprach , auch dieses zu mir zu stecken . Es war des Abends nach zehn Uhr , als ich mich auf den Weg machte , einige Lichte und die dazugehörigen Zündhölzer in der Tasche . Der Mond leuchtete mir hinüber bis an die schmale Tür . Es versteht sich ganz von selbst , daß ich diesen Gang nicht offen , nicht unvorsichtig machte , denn ich hatte mit der Möglichkeit zu rechnen , daß sich irgend einer der Sillan schon hier befand . Ich ging also nicht , sondern ich schlich , hielt mich so viel wie möglich im Schatten und machte meine Schritte unhörbar . So war ich , als ich die Tür erreichte , überzeugt , von Niemand bemerkt worden zu sein , hatte aber auch selbst Niemand gesehen . Da ich das Innere schon kannte , hätte ich mich im Dunkel wohl zurechtgefunden ; aber ich brannte dennoch eine der Kerzen an und nahm das Messer in die rechte Hand , um mich sofort wehren zu können , falls ein Gegner hier versteckt sei . So ging ich durch den vordern Raum nach dem Allerheiligsten . Der Schein meines Lichtes trug nicht weit ; darum leuchtete ich zunächst nach der Mitte hin und dann auch noch entlang an allen Wänden . Dann blieb ich an dem Steine stehen , der einem Altare oder einer Bundeslade glich , und hielt die Kerze in die Höhe . Da erklang es von oben herab : » Du bist es , Effendi ? Bei einem einzelnen Lichte sieht man nur schwer . Wenn sie dann kommen , wird es heller . Ich werde dir meine Stange hinunterlassen und oben festhalten . Sie ist extra für deine Bequemlichkeit zugeschnitten . Es sind starke Aststumpfe daran . Du brauchst also nicht zu klettern , sondern kannst steigen . « Er gab sie von oben herab . Ich stemmte sie fest ein . Die Stumpfe waren stark genug , mich zu halten . Er brannte oben sein Licht an . Ich löschte das meine aus , um beide Hände frei zu haben , und stieg hinauf zu ihm . Wir zogen die Naturleiter wieder empor , legten sie lang auf den Boden der Empore , und dann sah ich mich auf dieser um . Es befand sich Niemand da , außer uns . Nun löschten wir aus und setzten uns nieder , nicht neben sondern entfernt von einander , damit der Eine sehen könne , was dem Andern durch die Säule verdeckt wurde . Ich hatte volles Vertrauen zu dem Aschyk , zog aber dennoch das Messer , welches ich eingesteckt hatte , wieder heraus . Das wurde mir von der Vorsicht geboten , der man in jeder Lage und auf alle Fälle zu gehorchen hat . Es war unheimlich , hier in diesem Dunkel . Fast tat die schlechte Luft der Lunge weh . So recht ein Ort , um Böses auszubrüten ! Glücklicher Weise hatten wir nicht lange zu warten , so kam der Erste . Er machte draußen Licht und brachte es herein . Er war seiner Sache so sicher , daß er sich gar nicht die Mühe gab , den Raum erst zu untersuchen , sondern er schritt gleich auf die Mitte zu , tropfte seine Kerze dort fest an und setzte sich dann nieder . Dann kam der Zweite , der Dritte , der Vierte . Sie alle machten es ebenso wie der Erste . Keiner grüßte . Niemand sprach ein Wort . Nun gab es vier Kerzen , aber ihr Schein reichte nicht hin , von unserer Entfernung aus die Gesichter zu erkennen , welche aber unverhüllt waren . Da trat der Fünfte ein . Das änderte die Szene . Sie standen alle auf , und Einer fragte schnell : » Ist der Aemir vielleicht schon draußen ? « » Nein , « antwortete er . » Sein Pferd hängt noch nicht am gewohnten Baume . Aber der Spion steht da , der aufzupassen hat , ob wir so kommen und so gehen , wie uns vorgeschrieben ist . Das muß ein Ende nehmen ! « Diese Stimme kam mir bekannt vor . Er bückte sich nieder , um sein Licht auch zu befestigen . Dadurch kam sein Gesicht zur Beleuchtung , und ich erkannte - - - Ghulam , el Multasim , den Bluträcher , den Henker der Schatten ! » Lassen wir nur erst den Putsch vorüber ! « sagte der vorige Sprecher . » Dann rechnen wir mit ihm ab ! « » Aber ob er gelingen wird , dieser Putsch ! « warf ein Anderer ein . » Unbedingt ! Das weiß ich genau ! « versicherte Ghulam . » Heut bringt der Aemir den Scheik ul Islam mit , um uns zu beweisen , daß die frommen Lichter mit den gottlosen Schatten Hand in Hand gehen werden , den Herrscher zu entthronen . Ich komme soeben fast direkt vom Schah . Er hat keine Ahnung von der ihm drohenden Gefahr . Auch sein Liebling Dschafar , dem er den Ehrentitel Itemad87 verliehen hat , ahnt nicht , daß schon in einigen Tagen die Gul-i-Schiraz auf seiner Brust zu blühen hat , und es - - - « » Er soll sterben ? « wurde er unterbrochen . » Wie ? Wann ? Wo ? « » Das ist meine Sache . Wenn ich , ich es sage , so wißt Ihr , daß es unbedingt geschehen wird . Ich fand den Brief mit dem Befehl in meiner Tasche , so geheimnisvoll , wie der Aemir es immer liebt . Er fängt es darauf an , allgegenwärtig zu erscheinen . Aber wenn wir nur erst wissen , wer er eigentlich ist , so blüht ihm seine Rose auch ! Es fällt uns gar nicht ein , die seit Jahrhunderten hier aufgestapelten Schätze mit ihm zu teilen ! Nur erst den Putsch , damit wir die Dschamikun wieder von hier loswerden , und Ahriman Mirza auf den Thron ! Bei so einem Herrscher sind wir vor jeder Bestrafung sicher ! Die Verbündeten sind , über das ganze Land verbreitet , zum Losschlagen bereit . Der Schah weg ; Dschafar , sein Ratgeber , weg und Ahriman , der selbst Halunke ist , auf dem Throne , so mag die Macht des Aemir noch so groß sein , mit seinem Tode hört sie auf ; wir teilen unter uns und sind mit diesen Reichtümern dann öffentlich , was wir bisher nur heimlich waren - - - die Herren des ganzen Landes ! Doch jetzt still ! Die vorgeschriebene Pause im Kommen wird gleich vorüber sein . Wir haben nicht mit einander gesprochen ! « Es vergingen hierauf vielleicht zehn Minuten . Da hörte man draußen wieder Schritte . Dieses Mal kam nicht ein Einzelner , sondern es waren Zwei , doch ohne Licht in ihren Händen . Der Eine , welcher geführt worden zu sein schien , blieb vorn am Eingange stehen . Der Andere kam näher , jedoch nicht ganz heran . Ich sah zu meiner Ueberraschung , daß sein Anzug genau ein solcher war , wie ich von dem Schah bekommen hatte . In der rechten Hand hielt er eine Reitpeitsche . Sein Gesicht steckte hinter einer schwarzen Larve , und an seiner Mütze funkelten trotz des wenigen Lichtes , wenn er sich bewegte , die Steine einer dort befestigten Agraffe . Die Anwesenden waren ehrfurchtsvoll aufgesprungen . Er forderte durch eine stolze , gebieterische Armbewegung Aufmerksamkeit und sprach : » Schon wieder befinden wir uns fern von unserer sichern Majmä-i-Yähud und kommen hier zusammen , von wo uns dieser Ustad mit seinen Dschamikun vertrieben hat . Nun aber ist der Tag der Rache nahe , der uns das fast Verlorne wiedergibt und diese Christenbande auseinanderreißt , um sie in alle Lüfte zu zerstreuen . Dann sind wir wieder Herren unsers Dunkels und lassen niemals mehr ein Licht in die Ruinen scheinen . Der letzte Tag des Soldes fand nicht statt , weil wir ja fern von der Yähudeh waren , und auch den nächsten werden wir versäumen , weil wir hier mit dem Ustad abzurechnen haben . Es gibt ein Rennen hier , das uns gelegen kommt . Es bietet uns den Anlaß , zu erscheinen , und doch durch unsre Zahl nicht aufzufallen . Wir bringen unsre schnellsten Renner mit und werden dieses Vorspiel unbedingt gewinnen . « Hier machte er eine Pause . Er verstellte seine Stimme , wobei ihn seine Larve und der dumpfe Widerhall dieses Raumes unterstützten . Auch bemühte er sich , in Beziehung auf seine Gestikulationen Alles zu vermeiden , was ihn verraten könne . Aber die eigenartige , hochmutsstolze Haltung war nicht wegzubringen ; auch die Figur stimmte ganz genau , und so war ich überzeugt , Ahriman vor mir zu haben . Er fuhr fort : » Dem Vorspiel wird sofort die Handlung folgen ; wir lassen keine Zwischenzeit entstehen . Ihr kennt den Plan und seid zum Schlag bereit . Doch kann ich Euch die Stunde noch nicht sagen . Ihr habt für nächsten Freitag , grad um Mitternacht , hinauf zum Dschebel Adawa zu kommen ; dort fällt das letzte Wort , das Urteil , die Entscheidung . Heut aber bring ich Euch den Scheik ul Islam mit , um Euch durch sein Erscheinen zu beweisen , daß wir in Wirklichkeit verbündet sind und also uns der Sieg nicht fehlen kann . « Er winkte . Da kam der Scheik ul Islam herbei . Sein Gesicht war nicht verhüllt , sondern frei . Er zeigte sich nicht im Geringsten durch die Situation gedrückt oder gar verlegen , sondern tat ganz so , als ob er in seinem Elemente sei , gütig , menschenfreundlich , salbungsvoll . Er sagte Jedem einige verbindliche Worte , reichte dem Henker sogar die Hand und trat dann wieder auf die Seite . Die Vorstellung war beendet , und Ahriman Mirza sprach weiter , doch nur noch wenig : » Für heut sind wir nun also fertig . Zieht Euer Volk so nahebei heran , daß es mit einem Marsche von zwei Tagen das Tal der Dschamikun erreichen kann ; doch muß das völlig unbemerkt geschehen ! Die andern Päderan sind übers Land verteilt und warten nur auf hiesigen Erfolg , um ihrerseits sofort auch loszuschlagen . Jetzt geht ! Ihr seid entlassen ! « Dieser Befehl schien sie zu verwundern . Der Henker fragte : » Heut wir voran ? Du gingst doch stets zuerst ! « Da fuhr der Aemir zornig auf : » Was hast du noch zu fragen , wenn ich befohlen habe ! Ihr geht - - - ich bleibe noch ! Soll ich dich etwa um Erlaubnis bitten ? Du weißt es : Wenn ich bitte , geschieht es nur mit solchen Lippen hier ! « Er zog ein Pistol hervor und zielte ihm nach der Stirn . Da wendete sich der Bedrohte schnell ab und griff nach seiner Kerze , um sich zu entfernen . » Die Lichte laßt Ihr hier ! « gebot der Aemir . » Ich werde sie dann später selbst verlöschen . Ihr geht wie gewöhnlich - - - in den vorgeschriebenen Pausen - - - kein Wort wird gesprochen - - - . Hinaus ! « Der Henker verschwand sofort . Die Andern folgten ihm nach und nach . Erst als der Letzte gegangen war , steckte der Aemir die Pistole zu sich , lachte verächtlich auf und sagte : » Lumpenpack ! Das ist nur zu gebrauchen , wenn ihm die Angst durch alle Knochen zittert ! « » Ich halte es anders , « antwortete der Scheik ul Islam . » Bei mir regiert die Liebe ! « » Aber was für eine ! Ich kenne sie ! Wir beide wollen uns doch gegenseitig nicht etwa Etwas weißmachen ! Meine Unerbittlichkeit ist offen , ist ehrlich ; die Scham verbietet ihr , sich zu verstellen . Eure Liebe aber ist der Eigennutz in allerhöchster Potenz . Sie vernichtet in einem einzigen Jahre mehr Existenzen , als ich in einem ganzen Jahrhundert zerstören könnte ! Du weißt , daß ich dich kenne . Darum hast du auch niemals versucht , mir gegenüber deine heilige Maske festzuhalten ! « Da trat ihm der Scheik ul Islam näher , richtete sich hoch auf und sprach : » Ja , dir gegenüber stehe ich Mann gegen Mann , Geist gegen Geist . Du bist die vernichtende Verneinung ; ich bin die zerstörende Uebertreibung der Bejahung . Ich bejahe nur für mich , für mich ; was aus der Menschheit wird , ist mir vollständig Schnuppe . Darum hassest du mich - - - grimmig - - - zum Zerreißen ! « » Hassen ? « lachte der Aemir . » Noch mehr , noch schlimmer : Ich verachte dich ! Zum Hasse ist nur Eure leutselige Liebe fähig , weiter Niemand . Ich will Edles erreichen , indem ich das Gemeine knechte . Ihr aber wollt das Niedrige erheben , indem Ihr das Hohe bekämpft ! Ich spreche und handle offen und ehrlich mit dir . Du aber hast sogar gegen mich die Falschheit im Nacken und willst mich zertreten , sobald du mich nicht mehr brauchst . Ist es so oder nicht ? « Da senkte der Scheik ul Islam den Kopf und sagte in begütigendem Tone : » Mein Freund , mein lieber , bewunderter Freund , ich versichere dir bei Allah , daß ich nicht - - - « » Laß deinen Allah aus dem Spiele ; er steht dir doch um keinen einzigen Gedanken höher als mir ! « grimmte ihn der Aemir an . » Wir haben uns nicht verbündet , um uns gegenseitig anzulügen . Wir sind Feinde , Todfeinde , und reichen einander für kurze Zeit die Hand , um Dritte zu vernichten , welche so unglücklich sind , uns Beiden im Wege zu stehen . Ist das vorüber , so beginnt der Kampf zwischen uns von Neuem . Ich bin nur mit Ueberwindung auf unser Bündnis eingegangen . Ich habe mit Ueberwindung Ahriman Mirza bewogen , morgen zu dir , zu den Taki zu kommen . Ich bestellte dich nur mit Ueberwindung für heut an die Stelle am Bach , wo ich dich traf , um dich hierherzuführen . Und auf der kurzen Strecke bis hierher hat es mich Ueberwindung gekostet , deine frommen Reden zu hören und bei deinen scheinheiligen Versicherungen nicht zu zerplatzen . Pfui ! Darum brauchst du dich nicht zu wundern , daß ich jetzt in diesem Tone zu dir spreche . Ich bin geladen wie eine aufrichtige Kanone , die ihren Schuß niemals in Schweigen hüllt . Willst du , daß unser Zusammengreifen zum guten Ende führe , so sorge dafür , daß ich