es mit einem Lieblingsthema zu thun habe . Es war ganz eigen , daß er , doch ziemlich ungefragt , mir die Resultate seines Nachdenkens in so selbstverständlicher Weise dargelegt hatte , als ob er nur aus diesem Grund zu mir gekommen sei . Ein einfacher , armer Dschamiki , und solche Gedanken ! Ob richtig , ob falsch , es waren Gedanken , und zwar keine gewöhnlichen ! Die Bewohner dieses weltentlegenen Thales mußten mir von Stunde zu Stunde immer interessanter werden ! Als er mich jetzt , auf eine Aeußerung wartend , anschaute , fiel mir der Ausspruch eines neueren deutschen Philosophen ein , welcher die Musik als » tönende Weltidee « bezeichnet hat . Da neckte mich der Schalk , zu versuchen , wie weit der Chodj-y-Dschuna mit diesem Worte in Verlegenheit zu bringen sei . Ich sagte also : » Diese Art der Musik ist allerdings keine tönende Weltidee ; das gebe ich zu . « Mir geschah ganz recht : Ich hatte mich sofort meiner Hinterlist zu schämen . Die starken Brauen zogen sich für einen Moment zusammen ; ein kurzer , verweisender Blick zuckte aus den ernsten Augen zu mir herüber , doch unverändert und freundlich wie bisher klang seine Stimme , als er antwortete : » Tönende Weltidee ! Das klingt sehr gelehrt . Ist dieses Wort von dir ? « » Nein . Ich wohne nicht in so hohen Regionen . Es ist einer der größten Weltweisen in Dschermanistan , welcher der Musik diesen Namen gegeben hat . « » Jeder Weltweise hat seine eigene Sprache . Ich weiß also nicht , was grad dieser unter Weltidee versteht . Aber auch ich habe mir eine Idee von der Welt gemacht und ebenso eine von der Musik , und beide stehen in enger Beziehung zu einander . Sag , Effendi , giebt es nicht gelehrte Leute , welche behaupten , daß nichts in der Welt verloren gehe ? « » Ja ; die giebt es allerdings . « » Ich glaube dasselbe . Kein Mensch , kein Tier , keine Pflanze , kein Wassertropfen , kein Wort , kein Gedanke kann verloren gehen , kann sich so vollständig auflösen , daß nichts , gar nichts mehr von ihm vorhanden wäre . Alles Vorhandene ist dem Wandel unterworfen , kann aber nicht in Nichts zerfallen . Das Geistige kann körperlich , und das Körperliche kann geistig werden . So haben sich die Schöpfungsworte Gottes zu Welten verkörpert und zu allem , was sich auf diesen Welten befindet . Jedes dieser Worte hatte seinen eigenen Ton , und alle diese Töne sind auf die Verkörperungen der Worte übergegangen . Sie sind hörbar bei ihnen , oder sie ruhen in ihnen , bis sie hörbar werden , Gott sprach im Blitz das Wörtlein Donner aus ; nun rollen Donner , so oft die Blitze zucken . Die Verkörperung des Wortes löst sich in demselben Ton auf , in welchem das Schöpfungswort erklungen ist . Da werden Töne der Freude und des Schmerzes frei , der Klage und des Trostes , des Zornes und der Vergebung ; aber sie alle , alle vereinen sich zum Klange des einen großen Wortes , welches vom Munde Chodehs ausging und wieder zu ihm zurückkehrt . Das ist das Wort der Liebe . Und diese Liebe ist der Grundton und Urquell jeder wahren Kunst und jeder wahren Musik . Denn - - - « Er konnte nicht weitersprechen , denn jetzt kam Hanneh die Stufen herab , zu uns her und sagte zu mir : » Effendi , mein Halef ist erwacht und hat deinen Namen genannt . Er möchte mit dir sprechen . « Ich entschuldigte mich bei dem Chodj-y-Dschuna und bat ihn , zu warten , bis ich wiederkäme . Er aber schien es für höflich zu halten , mich freizugeben , indem er meinte , daß wir das jetzt unterbrochene Gespräch ja zu jeder Zeit wieder aufnehmen und fortsetzen könnten . Ich ließ ihn nicht gern gehen . Mir war , als ob er die Hauptpunkte erst noch vorzubringen gehabt habe , und so mitteilsame Augenblicke , wie der jetzige gewesen war , pflegen bei Männern seiner Art nicht eben häufig zu sein . Als er sich von uns gewendet hatte und ich mit Hanneh die Treppe hinaufstieg , was sie , um mich zu schonen , sehr langsam that , sagte sie : » Ich habe euch gestört ; aber du darfst mir nicht zürnen . Halef hatte so Angst um dich . « » Angst ? Warum ? « » Er sagte , du befändest dich in sehr großer Gefahr . « » Ich ? Ich saß ja so ruhig dort auf den Kissen ! Hast du ihm das nicht mitgeteilt ? « » Das that ich wohl ; aber er glaubte es nicht . Er verlangte dringend , dich sofort zu sehen . « Jetzt waren wir oben und traten in die Halle . Halef hatte sein Gesicht dem Eingange zugekehrt . Sein Auge schaute ängstlich zu uns her . Als er mich sah , gab ihm die Freude einen sichtbaren Ruck ; ein frohes Lächeln ging über sein hageres Angesicht , und er sagte , so laut er konnte : » Sihdi , du bist da , wirklich da ! Allah sei Dank ! Nun ist alles , alles wieder gut ! « Ich ging zu ihm hin , setzte mich auf den Rand seiner Lagerstätte , nahm seine Hand in die meinige und antwortete : » Ja , mein lieber Halef ; ich bin da ; ich bin bei dir . Ich befinde mich wohl . Du hast wohl einen schlimmen Traum gehabt , in welchem du mich sahst ? « » Es war kein Traum . - - - Warte ! - - - Ich bin vor Angst um dich so schwach geworden . - - - Ich muß erst ruhen ; - - - muß Kräfte sammeln . « Seine Stimme war hierbei leiser und immer leiser geworden . Dann schloß er die Augen . Hanneh hob den Zeigefinger bekräftigend in die Höhe , zog die Brauen hoch empor und flüsterte mir zu : » Er schlief allerdings nicht ; aber es war auch kein Wachen . Ich habe ihn früher niemals so gesehen . Er bewegte das Gesicht und die Lippen genau so , als ob er vor Entsetzen schreie ; aber es war kein Laut zu hören . Der Schweiß trat ihm endlich auf die Stirn ; den wischte ich weg , und bei dieser Berührung erwachte er . « » Es war aber doch nur Traum ! « sagte ich ebenso leise . » Nein ! « behauptete sie . » Ich habe einmal einen Arifi134 gesehen , der die Gabe hatte , halb wachend und halb träumend in die Zukunft zu schauen . Genau wie dieser Mann sah vorhin Halef aus . Warte , was er erzählen wird ! « Wir befanden uns allein in der Halle . Es war still . Da öffnete Halef die Augen , richtete einen langen Blick auf mich , als ob er sich überzeugen wolle , daß ich wirklich bei ihm sei , schloß sie wieder und begann dann , langsam und mit leiser , aber doch vernehmlicher Stimme zu sprechen : » Es war bei dir , fern , sehr ferne von hier , in Dschermanistan . - - - Ich hörte , daß du sterben müssest , und doch warst du nicht krank , sondern gesund und stark , rüstiger , viel rüstiger noch als jetzt . - - - Und doch lagst du im Sterben . - - - Aber du lagst nicht eigentlich , sondern du standest , aufrecht , ohne Furcht , lächelnd . - - - Und doch wußtest du es , und doch sagtest du es selbst , daß du jetzt sterben werdest . - - - Nicht schnell , nicht plötzlich , sondern langsam , sehr langsam . - - - Dein Tod werde nicht Stunden und Tage , nicht Wochen und Monde , sondern Jahre hindurch dauern ! - - - « Er machte eine Pause , und so fragte ich ihn : » Sprach ich denn mit dir ? « » Nein . Du sahst mich ja gar nicht . Du sprachst überhaupt kein Wort ! Alle , alle brüllten und schrieen auf dich ein ; du jedoch bliebst ohne Worte , ganz als seist du stumm . - - - Aber alles , was du dachtest , das war genau so , als ob du mir es sagtest . Ich erfuhr jedes Wort , durch dich , obgleich du keine Silbe sprachst . - - - « » So waren also Andere bei mir ? « » Viele , sehr viele . - - - An ihren Anzügen sah ich ja , daß ich mich bei dir im Abendlande befand . Sie waren nicht morgenländisch gekleidet . - - - Es waren ihrer viele , die um dich herumstanden , lauter Feinde , grimmige Feinde . Sie riefen ; sie schrien ; sie brüllten ; sie höhnten ; sie sagten , du seiest der schlechteste Mensch auf Allahs Erde . Links , weit in das Land hinaus , standen noch welche ; die freuten sich und brüllten mit . - - - Rechts gab es eine große , große Menge von Leuten . Diese waren deine Freunde und forderten dich unaufhörlich auf , dich zu wehren . Das thatest du aber nicht . - - - Von den Feinden kam einer nach dem andern auf dich zu . Sobald er dich erreichte , verlor er seine menschliche Gestalt und verwandelte sich in eine häßliche Made , welche sich tief in dein Fleisch fraß . - - - Ich schrie , so oft ein Mensch zum Wurm , zur Made wurde und sich in deinen Körper bohrte . Du aber hörtest mich nicht , und ich konnte nicht hin , dich zu beschützen . - - - Deine Augen waren hell und die Züge deines Angesichts freundlich . Man sah dir an , du freutest dich ; du fühltest keine Schmerzen . Du hattest Mitleid mit den Menschen , welche sich durch ihren Haß zu Würmern machten , um dich völlig aufzuzehren , wie ein Leichnam im Grabe von den Maden aufgefressen wird . - - - Aber es sah schrecklich aus ! Die schmutzfarbigen Fresser nagten sich immer höher an dir hinauf ; sie wurden immer dicker und fetter , und wenn sie zum Platzen waren , fielen sie herab und krümmten sich da unten vor Vergnügen - - - « » Ein sonderbarer Traum , « sagte ich kopfschüttelnd , als er jetzt wieder eine Pause der Erholung machte . » Kein Traum ! Und auch nicht sonderbar ! Er war weit mehr ; er war entsetzlich ! - - - Einmal bemerkte ich , daß du plötzlich und zufällig an mich dachtest . Da wurde ich dir sichtbar . Du sahst mich stehen und vergeblich die Hände ringen . - - Da riefst du mir zu : Sorge dich nicht um mich ! Das alte Fleisch muß herunter ! Das laß ich von den Maden mir besorgen ! Weh thut es nicht ! Du weißt es ja : der » Hadschi « hat zu sterben ; ich gebe ihn hier den Würmern , die seine Totengräber sind . Der » Halef « aber bleibt . Dem können sie nichts thun , weil er nicht sterblich ist . So werde ich schon vor dem Tode frei vom Tode sein ! - - - So sagtest du , und die Feinde hörten es . Da wuchs ihr Grimm in das Maßlose . Sie veränderten nicht mehr einzeln oder zu Zweien ihre menschliche Gestalt , sondern sie wurden jetzt plötzlich alle , alle fressende Maden und stürzten sich auf dich . - - - Ich schrie vor Angst , schrie wieder und immer wieder . Da - - da berührte mich die erlösende Hand meiner Hanneh . Sie wischte mir den Schweiß von der kalten Stirn , und das war der Anlaß , daß ich erwachen durfte ! - - - « Er hatte zuletzt immer schneller und schneller gesprochen und das , was er sagte , mit hastigen Armbewegungen begleitet . Das war für seine geschwächte Kraft zu viel gewesen . Er kroch in sich zusammen und brachte keinen Laut mehr hervor . Das machte Hanneh Sorge , doch beruhigte ich sie in leisem Tone : » Fürchte nichts . Hat er den Traum selbst überstanden , so wird ihm auch die Erzählung nichts schaden . Es ist keine Gefahr vorhanden , sondern nur gesteigerte Schwäche . Er wird einschlafen und dann gekräftigt wieder erwachen . « So geschah es auch . Schon nach wenigen Minuten hatte ihn der Schlummer uns entzogen . Wir wechselten noch einige Bemerkungen über das eigentümliche Vorkommnis , und dann verließ ich die Halle , um mich wieder hinaus auf meinen Platz zu begeben . Als ich hinauskam , stand eine Sänfte dort , und bei ihr » unser Kind « , welches mir sagte , daß ich jetzt , wenn es mir recht sei , hinüber nach dem Gotteshause getragen werden solle . Ich war natürlich einverstanden . Tifl trug ein , wie es schien , ganz neues Feierkleid , und die Sänfte war reich mit Rosen und sonstigen Blumen geschmückt . Die » Festjungfrau « stand am Gartenthore , und ihr Nicken und Knixen sagte mir , wessen Hand diese freundliche Ausstattung besorgt hatte . Vor meiner Ankunft drüben auf der jenseitigen Höhe hatte ich vor allen Dingen zwei Eindrücke zu überwinden , den des Gespräches mit dem Musiklehrer und den von Halefs Traum . Mit dem Traum war ich schnell fertig . Jeder Mensch trägt zwei Prinzipe in sich , ein gutes und ein böses . Wenn ich Feinde haben sollte , die es für ihre Aufgabe halten , das Böse in mir abzutöten und es sich zu ihrem eigenen Wohlbefinden einzuverleiben , so werde ich mich allerdings mit keinem einzigen Worte dagegen wehren . Ein Kampf zu dem Zwecke , fehlerhaft zu bleiben , würde die allergrößte Thorheit sein , die ich mir einst vorzuwerfen hätte . Der menschliche Körper ist , wenn er begraben wird , allerdings für die Würmer bestimmt . Aber die Seele , der Geist ? Giebt es vielleicht auch geistige Maden , welche in den ethischen Fäulnisstoffen prassen , ohne die wir Sterbliche nicht mehr Menschen sondern Götter wären ? Arme , arme Made , wie bist du zu bedauern ! Welcher Ordnung der Lebewesen mag dein Organismus angehören , da er dazu bestimmt zu sein scheint , sich an moralischen Leichen vollzumästen ! Ich hoffe zu deinem eigenen Heile , daß du nicht in Wirklichkeit , sondern nur in Halefs Traume vorhanden bist ! Was den Chodj-y-Dschuna betrifft , so vermutete ich , in ihm eine Quelle gefunden zu haben , aus welcher mir neue , dem Abendlande fremde Ansichten über Musik fließen könnten . Er hatte nur so kurze Zeit gesprochen , und doch besaß schon das Wenige , was mir von ihm gegeben worden war , für mich eine Tiefe , in welche hinabzusteigen ein hoher und edler geistiger Genuß zu werden versprach . Dieser Mann hatte Gedanken und Anschauungen , die mir gewiß nur zur Bereicherung dienen konnten , und ich fühlte meine europäischen Wangen keineswegs bei dem Vorsatze schamrot werden , von diesem ungelehrten Kurden so viel wie möglich lernen zu wollen . Der Osten hat uns mehr , viel mehr geistige Schätze geliefert , als wir in unserm Stolze geneigt sind , zuzugeben . Es liegt für uns noch Manches dort verborgen , wovon wir keine Ahnung haben , und der Chodj-y-Dschuna kam mir wie ein abseits vom großen Wege liegen gebliebener Diamant vor , der es wohl wert war , daß ich ihm Beachtung schenkte . - Diese Gedanken begleiteten mich , als ich den Berg hinabgetragen wurde - - Schloßberg , hätte ich beinahe gesagt . Der Weg war breit und wohlgepflegt und von ausgewählten Bäumen , Ziersträuchern und schönblühenden Pflanzen besetzt . Ich habe daheim so manches Schloß gesehen , welches keinen von so verständiger Hand angelegten Aufgang hatte . Jede Krümmung war berechnet , einen neuen und immer wieder schönen Blick über das Thal zu bieten . Wenn der Ustad aus seinem » hohen Hause « trat , um diesen Weg nach dem Duar hinabzusteigen , wie mußte er sich da seines Werkes freuen ! Und jeder , der zu ihm emporzugehen hatte , konnte das nur mit Dank und Liebe thun ! Daß dieses letztere der Fall sei , sah ich jedem an , der uns begegnete . Wie freundlich waren diese Leute und wie gern gaben alle ihre Grüße ! Ich bemerkte keinen neugierigen , unbescheidenen Blick , und kein einziges güteloses Auge . Selbst die Kinder winkten mir mit ihren kleinen Händen zutraulich grüßend zu , und einige Male hörte ich , daß ich von ihnen » Dust-y-Duar « 135 genannt wurde . Dieses allgemeine und ungekünstelte Wohlwollen hätte in mir ganz dasselbe Gefühl erwecken müssen , wenn es nicht schon vorhanden gewesen wäre . Ich bin gern zu Vergleichen geneigt . Beim Anblicke der hoch aufstrebenden Berge und des sich zwischen ihnen hinziehenden Ortes zeigte mir die Erinnerung jene ebenso gelegenen Gebirgs-und Alpendörfer , in denen man nur von der Habsucht empfangen , von dem Eigennutz zu Tische geführt und von der Ausbeutung auf Schritt und Tritt belästigt zu werden pflegt . Du armes , armes Kurdistan , wie fern bist du doch davon , ein menschlich kultiviertes Land genannt zu werden ! Tifl ging voran . Man ahnt wohl kaum , was diese drei Worte sagen ! Jede seiner Bewegungen verkündete : Dieser Effendi hinter mir ist meinem Schutze für den ganzen Tag anvertraut worden ! Ich bin zwar nichts , gar nichts weiter , als ihr alle seid , aber heut muß ich doch bitten , mich als Respektsperson zu betrachten ! Er trug Sandalen und hatte seine Spinnenmütze durch ein buntes , malerisch um den Kopf geschlungenes Tuch ersetzt . Man grüßte ihn heut anders als wohl sonst . Warum auch nicht ? Dünken nicht auch wir uns , ganz andere Menschen zu sein , sobald wir unsere Lenden durch den Frack entblößt und unsere gesellschaftliche Bedeutung in dunkelcylinderhafter Weise » behauptet « haben ? Das Festkleid stimmt den Menschen feierlich , und in feierlicher Weise geschah alles , was » unser Kind « am heutigen Tage that . Indem wir quer durch das Dorf kamen , sah ich die Bewohner desselben erwartungsvoll vor den Thüren stehen . Sie hatten ihre besten Sachen angelegt und trugen Blumen in der Hand oder auf der Brust . Jederman hatte Gäste , die von auswärts angekommen waren . Die Männer waren unbeschäftigt ; die Frauen und Mädchen aber hatten mit allerlei Vorbereitungen zu thun , welche darauf schließen ließen , daß man heut nicht hier unten sondern oben auf dem Berge speisen werde . Der Weg , welcher jenseits hinaufführte , war ebenso in Serpentinen angelegt wie der , den wir von unserm Hause herabgekommen waren . Auch seine Einfassung zeugte von denselben sorgfältig pflegenden Händen . Aber ich achtete weniger auf ihn selbst , als vielmehr auf die Aussicht , welche er nach der Seite des » hohen Hauses « bot . Ich sah es heute zum ersten Male liegen . Seine ganze Fronte lag vor meinen Augen . Sie wuchs immer deutlicher aus dem jenseitigen Berge heraus , je höher ich auf den diesseitigen hinaufgetragen wurde . Was von da drüben zu mir herüberschaute , war mir ein Rätsel , ein großes , großes baustilistisches Rätsel . Es zog meine Blicke förmlich zu sich hinüber , und es kostete mich eine Art von Selbstüberwindung , sie schließlich davon abzuwenden , weil ich den Anblick nicht langsam , nach und nach entstehen , sondern plötzlich , auf einmal , in seiner ganzen Ungeteiltheit auf mich wirken lassen wollte . Und sonderbar : Kaum hatte ich diesen Entschluß gefaßt , so drehte der auch jetzt noch immer voranschreitende Tifl sich um und sagte : » Ich bitte dich , Effendi , jetzt nicht zum hohen Hause hinüberzuschauen ! « » Warum « fragte ich . » Unser guter Ustad gebot mir , dich darum zu bitten . « » Hat er dir einen Grund mitgeteilt ? « » Er sagte etwas , was ich nicht verstehe . Er sprach von einer langen , langen Zeit . « » Von welcher Zeit ? « » Von der , die noch vor der großen Flut gewesen ist , die einst über die ganze Erde ging . Seitdem sind viele tausend Jahre vergangen . « » Was hat das aber mit deiner Bitte zu thun ? « » Das ist es ja , was ich nicht begreife . Du sollst diese vielen tausend Jahre nicht nach und nach mit deinen Augen durchleben , indem du unterwegs unausgesetzt hinüberschaust . Sondern du sollst warten , bis du oben angekommen bist und unter unsern Säulen sitzest . Dann wirst du staunend diese ganze , lange Zeit mit einem Male vor dir liegen sehen und sie vielleicht vom ersten bis zum letzten Augenblick begreifen . « » Ich werde diesem deinem Rate folgen , mein lieber Tifl . « » Ja , thue es ! Und noch etwas habe ich dir zu sagen . Darf ich gleich jetzt , damit ich es nicht vergesse ? « » Gewiß ! « » Du sollst bemerken , daß der Berg der Vater dieses Hauses ist . Es tritt nur vorn aus ihm heraus . Die innere Seite liegt in ihm verborgen . Rechts und links am Berge siehst du die Brüche , aus denen die Steine zum Bau des Hauses stammen . Sie liegen so verschiedenartig übereinander wie die Stockwerke des Gebäudes . Unten dunkel , nach oben immer heller werdend . Nie ist ein fremder Stein zu diesem Bau verwendet worden . Nur die Menschen , welche die verschiedenen Stockwerke aufeinander gesetzt haben , sind aus fremden Ländern gekommen und nach ihrer Zeit wieder in der Fremde verschwunden . Unser Ustad sagte , das sei so Erdenbrauch . « Wir waren jetzt an eine Biegung gekommen , welche wie ein Altan aus dem Berge hervortrat . Hier ließ Tifl halten , um mich die sich hier bietende , herrliche Aussicht genießen zu lassen . Er hob die Hand gegen das » hohe Haus « und sagte : » Ich zeige zwar hinüber , doch schaue nicht hin . Hier , wo wir uns befinden , stand unser Ustad einst mit einem fremden Mann , welcher gekommen war , uns seine Religion zu bringen . Er behauptete , die unsere werde uns nicht in den Himmel , sondern in die Hölle führen . Als er aber einige Zeit bei uns gewohnt hatte , erkannten wir , daß sein Himmel , wenn alle Seligen darin ihm glichen , für uns eine Hölle sein würde . Er mußte wieder gehen . Am Tage , bevor er uns verließ , ging der Ustad mit ihm hier herauf . Sie blieben hier , wo wir uns jetzt befinden , stehen . Der Fremde schüttelte den Kopf über unser hohes Haus . Er meinte , daß es ein ganz gedankenloses , häßliches Gebäude sei . Sie hatten mich mitgenommen . Ich befand mich bei ihnen und hörte also , was ihm der Ustad antwortete . « » Nun , was ? « » Das kann ich nicht so schnell sagen . Ich muß in die Erinnerung hinabsteigen , um es dir heraufzuholen . « Er sann eine Weile nach ; dann sprach er weiter : » Ihr fremden Gäste seid doch sonderbare Leute ! Ihr kommt hierher und tretet mit Forderungen und Aenderungen an uns heran , als ob dies Land nicht uns , sondern euch gehöre und wir eure Gäste seien . Ein Gast kommt heut , verweilt einige Zeit und geht dann wieder fort . Er wird Spuren seines kurzen Besuches zurücklassen ; aber wenn er ein verständiger Mann ist , wird er darauf verzichten , unsere Berge umzustürzen und unsere Thäler auszufüllen . Die Erde ist diesem Thale gleich ; der Mensch kommt als ihr Gast . Auch die Völker sind nur Gäste . Sie lassen Spuren davon zurück , daß sie dagewesen sind ; aber die Berge in die Thäler stürzen und die ganze Erde in ein einziges großes Feld verwandeln , auf dem es nichts als allgemeine Gleichheit geben würde , das wird kein noch so großer Mann und kein noch so mächtiges Volk fertig bringen . Und das ist ein Glück . Durch diese Ausgleichung würde alles Leben auf der Erde bald vernichtet werden . - So lautete der eine Gedanke des Ustad . « Er dachte wieder nach und fuhr dann fort : » Du kommst zu uns , um uns diese Gleichheit aufzuzwingen . Du forderst die Vernichtung des Bestehenden . Du sprichst von einer anderen , höheren Kultur . Grad so wie du hat bisher noch jeder Mensch und jedes Volk von der seinigen gesprochen . Und die nach uns kommen , werden von der ihrigen ganz dasselbe sagen ! Du hast das Bauwerk da drüben als häßlich , als sinnlos bezeichnet ; ich aber sage dir , es hat nicht nur Sinn , und zwar einen tiefen , tiefen Sinn , sondern es ist eine ganze , ganze Predigt , eine so gewaltige Predigt , wie du mir wohl keine halten kannst ! Wer hat diesen Bau errichtet ? Etwa ein einziger Meister ? Während kurzer Lebenszeit ? Die Jahrtausende kamen und gingen ; die Völker sind gekommen und gegangen ; die Zeit war mit der Menschheit Gast auf Erden , und jeder Gast hat die Spur von dem zurückgelassen , was er hier in dieser seiner Fremde wollte . Die Menschen , welche hier erschienen und verschwanden , haben einst , da sie noch lebten , hörbare Worte gesprochen ; ein höherer Wille aber trieb sie an , dem vergänglich Hörbaren steinerne Gestalt zu verleihen , um es bleibend sichtbar zu machen . Jeder von ihnen hat geglaubt , daß nur er allein der Weise , der Erleuchtete sei , daß nur er allein das Richtige getroffen habe . Aber nur einer von ihnen , der Erste , baute auf den eigentlichen Grund . Auf was aber setzten die anderen ihre Steine ? Auf das , was sie verwarfen ! Könntest du es anders machen , wenn du bei uns bleiben und da drüben bauen wolltest ? Die Gedanken wären wohl vielleicht von einem anderen Orte ; die Steine aber müßtest du von diesem unserm Berge nehmen , und die Arbeit müßte dir von uns geliefert werden . Nun frage ich dich , welchen Einfluß wohl dieses Material und diese unsere Arbeit auf deine Gedanken haben würden . Zeige mir in den Stockwerken da drüben einen reinen , einheitlichen Stil ! Er fehlt , und darum hast du dieses Haus häßlich genannt . Giebt es überhaupt einen allein echten , einen allein wahren Stil ? Bist du es , der ihn bringt ? Wird in deiner Heimat ganz ausschließlich nur nach ihm gebaut ? Du schweigst . Ich will dasselbe thun ! « Es ist ganz selbstverständlich , daß der gute Tifl nicht so sprach , wie ich seine Aeußerungen hier niederschreibe . Er gab sich alle Mühe , die Ausdrucksweise seines Herrn nachzuahmen , und es war wohl rührend , zu hören , daß ihm das Unmögliche so ganz und gar nicht gelingen wollte . Aber ich hatte da wieder einen hochinteressanten Beweis von dem Einflusse jenes wohlthätigen Geistes , der mit dem geheimnisvollen Herrn des » hohen Hauses « hier bei den Dschamikun eingezogen war . Ich mußte zwar vieles erraten und manches ergänzen , aber die Hauptsache war doch die , daß Tifl den Ustad verstanden hatte und mit mir nun hierüber sprechen konnte . Auf diesem bescheidenen Wege hatte wohl manches tiefe und schöne Wort des greisen , ehrwürdigen Denkers nicht nur im Duar , sondern auch noch weit über ihn hinaus die beabsichtigte Verbreitung gefunden . Der Mund des » Unmündigen « spricht oft wirkungsvoller als die Lippe der Gelehrsamkeit . Als wir den Weg nun fortsetzten , führte er uns aus den Gärten heraus auf eine grüne Alm , die sich bis hinauf zu den Blumensäulen des Beit-y-Chodeh ausbreitete , hinter welchem dann der hohe , von zahlreichen Pfaden durchzogene Wald begann . Der Tempel selbst war , wie bereits längst gesagt , von einem umfangreichen Strauch- und Rosenpark umgeben , den des Schattens und der Winde wegen breitkronige Bäume flankierten . Als wir durch diese Anlage kamen , hätte ich am liebsten anhalten lassen , um aus der Sänfte zu steigen und bewundernd von Strauch zu Strauch , von Busch zu Busch zu gehen . Was für herrliche Rosen waren da zu sehen ! Wie verschieden die Sorten , und wie schön jede einzelne in ihrer Art ! Und zwar in dieser Höhe des Gebirges ! Welche Mühe und Arbeit , welche Liebe und Geduld war nötig gewesen , um alle die duftenden Kinder des Tieflandes und der windesstillen Thäler hier oben zu akklimatisieren ! Mit welchem Verständnisse war der Park angelegt , und wie viel fleißige » Blumenhände « gehörten dazu , ihn so zu erhalten , wie er jetzt vor mir lag ! Ich sah , daß man noch bis in die letzten Stunden mit dem Messer thätig gewesen war , um alles zu entfernen , was sich als unschön oder auch nur überflüssig zeigte . Das Beit-y-Chodeh lag mitten in dieser Herrlichkeit auf einer breiten , weit hervorstehenden und festgegründeten Felsenplatte ; die aus der kompakten Masse des Berges nur zu dem Zwecke hervorgesprungen