dann traten die Stechliner Bauern heran , die darum gebeten hatten , den Sarg tragen zu dürfen . Diener und Mädchen aus dem Hause nahmen die Kränze . Dann kam Adelheid mit Pastor Lorenzen , an die sich die Trauerversammlung ( viele von ihnen in Landstandsuniform ) unmittelbar anschloß . Draußen sah man , daß eine große Zahl kleiner Leute Spalier gebildet hatte . Das waren die von Globsow . Sie hatten bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch wenigstens für Katzenstein gestimmt ; jetzt aber , wo der Alte tot war , waren sie doch vorwiegend der Meinung : » He wihr sowiet janz good . « Die Musik klang wundervoll ; kleine Mädchen streuten Blumen , und so ging es den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf , zwischen den Gräbern hindurch und zuletzt auf das uralte , niedrige Kirchenportal zu . Vor dem Altar stellten sie den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung versehenen Stein , unter dem sich die Gruft der Stechline befand . Schiff und Emporen waren überfüllt ; bis auf den Kirchhof hinaus stand alles Kopf an Kopf . Und nun trat Lorenzen an den Sarg heran , um über den , den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr geliebt und verehrt , ein paar Worte zu sagen . » Wer seinen Weg richtig wandelt , kommt zu seiner Ruhe in der Kammer . Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben dessen , an dessen Sarge wir hier stehn . Ich gebe kein Bild seines Lebens , denn wie dies Leben war , es wissen ' s alle , die hier erschienen sind . Sein Leben lag aufgeschlagen da , nichts verbarg sich , weil sich nichts zu verbergen brauchte . Sah man ihn , so schien er ein Alter , auch in dem , wie er Zeit und Leben ansah ; aber für die , die sein wahres Wesen kannten , war er kein Alter , freilich auch kein Neuer . Er hatte vielmehr das , was über alles Zeitliche hinaus liegt , was immer gilt und immer gelten wird : ein Herz . Er war kein Programmedelmann , kein Edelmann nach der Schablone , wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas , das Gesinnung heißt . Er war recht eigentlich frei . Wußt es auch , wenn er ' s auch oft bestritt . Das Goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache . Daher kam es auch , daß er vor dem , was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht , bewahrt blieb , vor Neid und bösem Leumund . Er hatte keine Feinde , weil er selber keines Menschen Feind war . Er war die Güte selbst , die Verkörperung des alten Weisheitssatzes : Was du nicht willst , daß man dir tu . Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach seinem Bekenntnis . Er hatte davon weniger das Wort als das Tun . Er hielt es mit den guten Werken und war recht eigentlich das , was wir überhaupt einen Christen nennen sollten . Denn er hatte die Liebe . Nichts Menschliches war ihm fremd , weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigner menschlicher Schwäche jederzeit bewußt war . Alles , was einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt und an das er die Segensverheißung geknüpft hat - all das war sein : Friedfertigkeit , Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens . Er war das Beste , was wir sein können , ein Mann und ein Kind . Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen und wird da die Himmelsruhe haben , die der Segen aller Segen ist . « Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung an . Am meisten bemerkt wurde Gundermann , dessen der Rede halb zustimmende , halb ablehnende Haltung bei den versammelten » Alten und Echten « ( die wohl sich , aber nicht ihm ein Recht der Kritik zuschrieben ) auch hier wieder ein Lächeln hervorrief . Dann folgte mit erhobener Stimme Gebet und Einsegnung , und als die Orgel intonierte , senkte sich der auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft . Einen Augenblick später , als der wiederaufsteigende Stein die Gruftöffnung mit einem eigentümlichen Klappton schloß , hörte man von der Kirchentür her erst ein krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte : » Nu is allens ut ; nu möt ick ook weg . « Es war Agnes . Man nahm das Kind von dem Schemel herunter , auf dem es stand , um es , unter Zuspruch der Nächststehenden , auf den Kirchhof hinauszuführen . Da schlich es noch eine Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging dann die Straße hinunter auf den Wald zu . Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt , mit dabeizusein . Unter denen , die draußen auf dem Kirchhof standen , waren auch von Molchow und von der Nonne . Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche , die , weil der Andrang so groß war , nicht gleich vorfahren konnte . Beide froren bitterlich bei der scharfen Luft , die vom See her wehte . » Ich weiß nicht « , sagte von der Nonne , » warum sie die Feier nicht im Hause , wo sie doch heizen konnten , abgehalten haben ; es war ja da drin gar keine menschliche Temperatur mehr . Und nun erst hier draußen . « » Is leider so « , sagte Molchow , » und ich werde wohl auch mit ' ner Kopfkolik abschließen . Und mitunter stirbt man dran . Aber wenn man in Berlin is ( und ich habe da neulich auch so was mitgemacht ) , is es doch noch schlimmer . Da haben sie was , was sie ' ne Leichenhalle nennen , ' ne Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen , und dahinter verstecken sich ein paar Gesangsmenschen . Wenn man sie nachher aber sieht , sehen sie sehr gefrühstückt aus . « » Kenn ich , kenn ich « , sagte Nonne . » Nu , der Gesang « , fuhr Molchow fort , » das ginge noch , den kann man schließlich aushalten . Aber der Fußboden und der Zug durch die offenstehende Tür . Und wenn man noch bloß den kriegte . Wer aber Pech hat , der kommt , wenn ' s Winter is , dicht neben einen Kanonenofen zu stehn , und wenn ich sage , der pustet , so sag ich noch wenig . Und der Geistliche kann einem auch leid tun . Er spricht sozusagen für niemanden . Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten ordentlich zuhören ? Und bloß das weiß ich , daß ich immer an die drei Männer im feurigen Ofen gedacht habe . So halb Eisklumpen , halb Bratapfel is nich mein Fall . « » Ja , die Berliner « , sagte Nonne ... » Nich zu glauben . « » Nich zu glauben . Und dabei bilden sie sich ein , sie hätten eigentlich alles am besten . Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich . Aber die Hölle lacht . « » Ich bitte Sie , Molchow , menagieren Sie sich ! Das über Berlin , na , das ginge vielleicht noch . Aber so gleich hier von Hölle , hier mitten auf ' nem christlichen Kirchhof ... « Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert , und alles , was in der Grafschaft wohnte , war auf dem Heimwege . Nur die von Berlin her erschienenen Gäste , die den nächsten an Gransee vorüberkommenden Rostocker Zug abzuwarten hatten , waren in das Herrenhaus zurückgekehrt , wo mittlerweile für einen Imbiß Sorge getragen war . Rex und Czako , desgleichen auch die Berchtesgadens nahmen erst ein Glas Wein und dann eine Tasse Kaffee . Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte sich ein mäßig belebtes Gespräch an , wobei der Graf der Vorzüge des Verstorbenen gedachte . Da Schwester Adelheid jedoch , wie so viele Schwestern , allerlei Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Tuns und Treibens ihres Bruders hegte , so ging man bald zu den Kindern über und beklagte , daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen sein können . Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt klingende Bedauern laut , daß das junge Paar seinen Aufenthalt im Süden wohl werde abbrechen müssen . Der alte Graf in seiner Güte fand alles , was Adelheid sagte , sehr verständig , während sich Adelheids Gefühle mit der Anerkennung begnügten , daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer gedacht habe . Vierundvierzigstes Kapitel Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden , den Berchtesgadens , dann Rex und Czako . Danach ging sie in die Pfarre hinüber , um Lorenzen zu danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und Armgard zu haben , im wesentlichen eine Wiederholung alles dessen , was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit ihm durchgesprochen hatte . Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und Willen , und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte , begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe , die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema mehr zuläßt . Sie beschränkte sich deshalb auf ein paar Worte mit Tante Adelheid . Daß man sich gegenseitig nicht mochte , war der einen so gewiß wie der andern . Sie waren eben Antipoden : Stiftsdame und Weltdame , Wutz und Windsor , vor allem enge und weite Seele . » Welch ein Mann , Ihr Pastor Lorenzen « , sagte Melusine . » Und zum Glück auch noch unverheiratet . « » Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben . Es widerspricht dem Beispiele , das unser Gottesmann gegeben , und widerspricht auch wohl der Natur . « » Ja , der Durchschnittsnatur . Es gibt aber , Gott sei Dank , Ausnahmen . Und das sind die eigentlich Berufenen . Eine Frau nehmen ist alltäglich .. « » Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis . Und die Nachrede der Leute hat man noch obenein . « » Diese Nachrede hat man immer . Es ist das erste , wogegen man gleichgültig werden muß . Nicht in Stolz , aber in Liebe . « » Das will ich gelten lassen . Aber die Liebe des natürlichen Menschen bezeigt sich am besten in der Familie . « » Ja , die des natürlichen Menschen ... « » Was ja so klingt , Frau Gräfin , als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort reden wollten . « » In gewissem Sinne ja , Frau Domina . Was entscheidet , ist , ob man dabei nach oben oder nach unten rechnet . « » Das Leben rechnet nach unten . « » Oder nach oben ; je nachdem . « Es klang alles ziemlich gereizt . Denn so leichtlebig und heiter Melusine war , einen Ton konnte sie nicht ertragen , den sittlicher Überheblichkeit . Und so war eine Gefahr da , sich die Schraubereien fortsetzen zu sehen . Aber die Meldung , daß die Wagen vorgefahren seien , machte dieser Gefahr ein Ende . Melusine brach ab und teilte nur noch in Kürze mit , daß sie vorhabe , morgen mit dem frühesten von Berlin aus einen Brief zu schreiben , der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen Paar in Capri eintreffen werde . Adelheid war damit einverstanden , und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm , während der alte Graf die Baronin führte . Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen , und alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond , die beiden Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen . So ging es eine schon in Kätzchen stehende Weidenallee hinunter , die beinahe geradlinig auf Gransee zuführte . Das Wetter war wunderschön ; von der Kälte , die noch am Vormittag geherrscht hatte , zeigte sich nichts mehr ; der Himmel war gleichmäßig grau , nur hier und da eine blaue Stelle . Der Rauch stand in der stillen Luft , die Spatzen quirilierten auf den Telegraphendrähten , und aus dem Saatengrün stiegen die Lerchen auf . » Wie schön « , sagte Baron Berchtesgaden , » und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit und Prosa dieser Gegenden . « Alles stimmte zu , zumeist der alte Graf , der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach , wie glücklich ihn diese Stunde mache . Sein Bewegtsein fiel auf . » Ich dachte , lieber Barby « , sagte der Baron , » in meinen Huldigungen gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Äußerstes getan zu haben . Aber ich sehe , ich bleibe doch weit zurück ; Sie schlagen mich aus dem Felde . « » Ja « , sagte der alte Graf , » und mir kommt es wohl auch zu Denn ich bin der erste dran , davon Abschied nehmen zu müssen . « Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen . Die beiden Schecken , kleine Shetländer , warfen ihre Mähnen . Daß man von einem Begräbnis kam , war dem Gefährt nicht recht anzusehen . » Rex « , sagte Czako , » Sie könnten nun wieder ein ander Gesicht aufsetzen . Oder wollen Sie mich glauben machen , daß Sie wirklich betrübten Herzens sind ? « » Nein , Czako , so gröblich inszenier ich mich nicht . Und käme mir so was in den Sinn , so jedenfalls nicht vor einem Publikum , das Czako heißt . Übrigens wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen . Sie sind betrübt , und wenn ich mir alles überlege , so steht es so , daß Sie bei dem Château-Lafitte nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind . Er wirkte - denn des Alten Bocksbeutel hab ich von unserem Oktoberbesuch her noch in dankbarer Erinnerung - , wie wenn ihn Tante Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte . « » Rex , Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil . Es ist doch merkwürdig , sowie die Menschen dies Nest , dies Berlin , erst hinter sich haben , fängt Vernunft wieder an zu sprechen . « » Sehr verbunden . Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache . Meine Frage bleibt , warum so belegt , Czako ? Denn daß Sie das sind , ist außer Zweifel . Wenn ' s also nicht von dem Lafitte stammt , so kann es nur Melusine sein . « Czako seufzte . » Da haben wir ' s. Tatsache festgestellt , obwohl ich Ihren Seufzer nicht recht verstehe . Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu . Gesamtsituation umgekehrt überaus günstig . « » Sie vergessen , Rex , die Gräfin ist sehr reich . « » Das erschwert nicht , das erleichtert bloß . « » Und außerdem ist sie grundgescheit . « » Das sind Sie beinah auch , wenigstens mitunter . « » Und dann ist die Gräfin eine Gräfin , ja , sogar eine Doppelgräfin , erst durch Geburt und dann durch Heirat noch mal . Und dazu diese verteufelt vornehmen Namen : Barby , Ghiberti . Was soll da Czako ? Teuerster Rex , man muß den Mut haben , den Tatsachen ins Auge zu sehn . Ich mache mir kein Hehl draus , Czako hat was merkwürdig Kommißmäßiges , etwa wie Landwehrmann Schultze . Kennen Sie das reizende Ballett Uckermärker und Picarde ? Da haben Sie die ganze Geschichte . Melusine ist die reine Picarde . « » Zugegeben . Aber was schadet das ? Italienisieren Sie sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciacco . Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft dicht auf den Hacken . « » Sapristi , Rex , c ' est une idée . « Fünfundvierzigstes Kapitel Das junge Paar war , nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und dann in Sorrent , in Capri angekommen . Woldemar fragte nach Briefen , erfuhr aber , daß nichts eingegangen . Armgard schien verstimmt . » Melusine läßt sonst nie warten . « » Das hat dich verwöhnt . Sie verwöhnt dich überhaupt . « » Vielleicht . Aber , so dir ' s recht ist , darüber erst später einmal , nicht heute ; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch nicht lange genug verheiratet . Wir sind ja noch in den Flitterwochen . « Woldemar beschwichtigte . » Morgen wird ein Brief dasein . Schließen wir also Frieden , und steigen wir , wenn dir ' s paßt , nach Anacapri hinauf . Oder wenn du nicht steigen magst , bleiben wir , wo wir sind , und suchen uns hier eine gute Aussichtsstelle . « Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo , daß sie dies Gespräch führten , und weil die Mühen und Anstrengungen der letzten Tage ziemlich groß gewesen waren , war Armgard willens , für heute wenigstens auf Anacapri zu verzichten . Sie begnügte sich also , mit Woldemar auf das Flachdach hinaufzusteigen , und verlebte da , angesichts der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit , eine glückliche Stunde . Von Sorrent kamen Fischerboote herüber , die Fischer sangen , und der Himmel war klar und blau ; nur drüben aus dem Kegel des Vesuv stieg ein dünner Rauch auf , und von Zeit zu Zeit war es , als vernähme man ein dumpfes Rollen und Grollen . » Hörst du ' s ? « fragte Armgard . » Gewiß . Und ich weiß auch , daß man einen Ausbruch erwartet . Vielleicht erleben wir ' s noch . « » Das wäre herrlich . « » Und dabei « , fuhr Woldemar fort , » komm ich von der eiteln Vorstellung nicht los , daß , wenn ' s da drüben ernstlich anfängt , unser Stechlin mittut , wenn auch bescheiden . Es ist doch eine vornehme Verwandtschaft . « Armgard nickte , und von der Uferstelle her , wo die Sorrentiner Fischer eben anlegten , klang es herauf : » Tre giorni son che Nina , che Nina , In letto ne se sta ... « Am andern Tage , wie vorausgesagt , kam ein Brief von Melusine , diesmal aber nicht an die Schwester , sondern an Woldemar adressiert . » Was ist ? « fragte Armgard , der die Bewegung nicht entging , die Woldemar , während er las , zu bekämpfen suchte . » Lies selbst . « Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten . An ein Eintreffen in Stechlin , um noch der Beisetzung beiwohnen zu können , war längst nicht mehr zu denken ; der Begräbnistag lag zurück . So kam man denn überein , die Rückreise langsam , in Etappen über Rom , Mailand und München machen , aber an jedem Orte ( denn beide sehnten sich heim ) nicht länger als einen Tag verweilen zu wollen . Von Capri nahm Woldemar ein einziges Andenken mit , einen Kranz von Lorbeer und Oliven . » Den hat er sich verdient . « - Die letzte Station war Dresden , und von hier aus war es denn auch , daß Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete . » Lieber Lorenzen ! Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden , und ich schreibe diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen Bildes von der Terrasse aus , das auch auf den Verwöhntesten noch wirkt . Wir wollen morgen in aller Frühe von hier fort , sind um zehn in Berlin und um zwölf in Gransee . Denn ich will zunächst unser altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am Sarge niederlegen . Bitte , sorgen Sie , daß mich ein Wagen auf der Station erwartet . Wenn ich auch Sie persönlich träfe , so wäre mir das das Erwünschteste . Es plaudert sich unterwegs so gut . Und von wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres erfahren als von Ihnen , der Sie die letzten Tage mit durchlebt haben werden . Meine Frau grüßt herzlichst . Wie immer Ihr alter , treu und dankbar ergebenster Woldemar v. St. « Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee . Woldemar sah schon vom Coupé aus den Wagen ; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da . Das war ihm zunächst nicht angenehm , aber er nahm es bald von der guten Seite . » Krippenstapel ist am Ende noch besser , weil er unbefangener ist und mit manchem weniger zurückhält . Lorenzen , wenn er dies Wort auch belächeln würde , hat einen diplomatischen Zug . « In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen herangetretenen » Bienenvater « , und alle drei bestiegen den Wagen , dessen Verdeck zurückgeschlagen war . Krippenstapel entschuldigte Lorenzen , » der wegen einer Trauung behindert sei « , und so wäre denn alles in bester Ordnung gewesen , wenn unser trefflicher alter Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach Gransee von einer Herausbesserung seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte . Das war ihm aber unzulässig erschienen , und so saß er denn jetzt dem jungen Paare gegenüber , angetan mit einem Schlipsstreifen und einem großen Chemisettevorbau . Der Schlips war so schmal , daß nicht bloß der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber Höhe sichtbar wurde , sondern leider auch der aus einem keilartigen Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel , der sich nun , wie ein Ding für sich , beständig hin und her bewegte . Die Verlegenheit Armgards , deren Auge sich - natürlich ganz gegen ihren Willen - unausgesetzt auf dies Naturspiel richten mußte , wäre denn auch von Moment zu Moment immer größer geworden , wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung schließlich über alles wieder hinweggeholfen hätte . Dazu kam noch , daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit entsprach . Er erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel alles dagewesen sei . Dann kam Thormeyer an die Reihe , dann Katzenstein und die Domina und zuletzt auch » lütt Agnes « . » Des Kindes müssen wir uns annehmen « , sagte Armgard . » Wenn du darauf dringst , gewiß . Aber es liegt schwieriger damit , als du denkst . Solche Kinder , ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone , muß man sich selbst überlassen . Der gefährlichere Weg , wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt , ist jedesmal der bessere . Dann bekehren sie sich aus sich selbst heraus . Wenn aber irgendein Zwang diese Bekehrung schaffen will , so wird meist nichts draus . Da werden nur Heuchelei und Ziererei geboren . Eigner freier Entschluß wiegt hundert Erziehungsmaximen auf . « Armgard stimmte zu . Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und erzählte von Kluckhuhn , von Uncke , von Elfriede ; Sponholz werde in der nächsten Woche zurückerwartet , und Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine Seele , ganz besonders - und das sei das Allerneueste - seit man für ein Rettungshaus sammle . Seitens des Adels werde fleißig dazu beigesteuert ; nur Molchow habe sich geweigert : » so was schaffe bloß Konfusion « . Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein . Woldemar durchschritt die verödeten Räume , verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann in die Kirchengruft , um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen . Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunächst sein Bedauern aus , daß er einer Amtshandlung halber ( Kossät Zschocke habe sich wieder verheiratet ) nicht habe kommen können . Er blieb dann noch den Abend über und erzählte vielerlei , zuletzt auch von dem , was er dem Alten feierlich habe versprechen müssen . Woldemar lächelte dabei . » Die Zukunft liegt also bei dir . « Und unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand . Sechsundvierzigstes Kapitel Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt . Aber der Gedanke , hier ihre Tage zu verbringen , lag ihr doch vorderhand noch fern , und so kehrte sie denn , kurz nach Ablauf einer Woche , nach Berlin zurück , wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der Nähe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte . Das war am Belle-Alliance-Platz . Als das junge Paar diese Wohnung bezog , ging die Saison bereits auf die Neige . Die Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang und gleich danach auch die Wettrennen , an denen Armgard voller Interesse teilnahm . Aber ihre Freude daran war doch geringer , als sie geglaubt hatte . Weder das Großstädtische noch das Militärische , weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz , den sie sich anfänglich davon versprochen , und ehe der Hochsommer heran war , sagte sie : » Laß mich ' s dir gestehn , Woldemar , ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin . « Er hätte nichts Lieberes hören können . Was Armgard da sagte , war ihm aus der eignen Seele gesprochen . Liebenswürdig und bescheiden , wie er war , stand ihm längst fest , daß er nicht berufen sei , jemals eine Generalstabsgröße zu werden , während das alte märkische Junkertum , von dem frei zu sein er sich eingebildet hatte , sich allmählich in ihm zu regen begann . Jeder neue Tag rief ihm zu : » Die Scholle daheim , die dir Freiheit gibt , ist doch das Beste . « So reichte er denn seine Demission ein . Man sah ihn ungern scheiden , denn er war nicht bloß wohlgelitten an der Stelle , wo er stand , sondern überhaupt beliebt . Man gab ihm , als sein Scheiden unmittelbar bevorstand , ein Abschiedsfest , und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner Rede von den » schönen , gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor « . - All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar herangetreten . Unter diesen Sorgen - Lizzi hatte abgelehnt , weil sie die große Stadt und die » Bildung « nicht missen mochte - war in erster Reihe das Ausfindigmachen einer geeigneten Kammerjungfer gewesen . Es traf sich aber so glücklich , daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder außer Stellung war , und so wurde diese denn engagiert . Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr . » Ich weiß freilich nicht , Hedwig , ob es Ihnen da draußen gefallen wird . Ich hoff es aber . Und Sie werden jedenfalls zweierlei nicht haben : keinen Hängeboden und keinen Ankratz , wie die Leute hier sagen . Oder wenigstens nicht mehr davon , als Ihnen schließlich doch vielleicht lieb ist . « » Ach , das ist nicht viel « , versicherte Hedwig halb scham- , halb schalkhaft . Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen , und alle Vorbereitungen dazu waren getroffen : Schulze Kluckhuhn trommelte sämtliche Kriegervereine zusammen ( die Düppelstürmer natürlich am rechten Flügel ) , während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Begrüßungsgedicht einigte , das von Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen werden sollte . Die Globsower gingen noch einen Schritt weiter und bereiteten eine Rede vor , darin der neue junge Herr als einer der » Ihrigen « begrüßt werden sollte . Das alles galt dem Einundzwanzigsten . Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein , an dessen Schluß es hieß : » Und nun , lieber Pastor , noch einmal das eine . Morgen früh zieht das junge Paar in das alte Herrenhaus ein , meine Schwester und mein Schwager . Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes : es ist nicht nötig , daß die Stechline weiterleben , aber es lebe der Stechlin . «