Unglück drunt « und vom » armen Herrn « . Während dieses Gespräches erwachte in Patscheider ein Gedanke , der ihn um so unruhiger machte , je länger er ihn verschwieg . Endlich platzte er damit heraus : » Sag , Franzl ! Jetzt hast ja dein ' Dienstplatz wieder . Tätst mir harb sein , wenn ich mich um den Posten bewerben möcht , den man dir anboten hat ? « Betroffen sah Franzl auf . Er kannte den Jäger gut genug , um zu wissen , daß hinter der Sache alles andere eher steckte als Eigennutz . » Michel ! Um Gotts willen ! Was is denn ? « Patscheider wehrte mit der Hand . » Frag net ! Bei so was tut ' s Reden net gut . « Das war schon zuviel gesagt . Das Gerede im Dorf , Patscheiders verändertes Wesen und seine letzten Worte - der Zusammenhang dieser Dinge weckte in Franzl eine Ahnung , die ihm den Herzschlag stocken machte . » Michl ! Jesus Maria ! « » Tätst mir harb sein ? « Franzl schüttelte den Kopf . Ohne ein weiteres Wort erhob sich Patscheider , klopfte an die Tür der Herrenstube und trat ein . Graf Egge stimmte noch immer an seiner Elegienzither ; der Klang der Akkorde war ihm noch nicht rein genug . Eine Saite schraubend , sah er auf . » Ich bitt , Herr Graf , « sagte Patscheider verlegen , » ich hätt gern a bißl nach meine Leut gschaut . Wenn S ' nix dagegen hätten ? Morgen am Abend vor dem Pirschgang wär ich wieder heroben . « » Geh nur ! « Graf Egge schlug einen Akkord an und neigte das Ohr gegen die Saiten . » Und sag ' dem Hornegger , er kann sich schlafen legen . « Franzl nahm die Botschaft als Befehl , und nachdem er hinter Patscheider die Hüttentür verriegelt hatte , kletterte er auf den Heuboden . Schlaflos lag er in der Finsternis unter den Dachsparren und quälte sich mit seinen wirren Gedanken , während aus der Herrenstube herauf die zärtlichen Klänge der Zither tönten . Graf Egge spielte an diesem Abend nur ernste Stücke . An Koschats » Verlassen , verlassen « reihte sich » Mutterseelenallein « mit meisterhaft ausgeführten Flageolettönen . Ein schwermütiges Zwischenspiel in A-Moll leitete über in das Tiroler Volkslied : » Wenn ich zu meinem Kinde geh - « Bei diesem Liede mußte Graf Egge während des Spiels den Kopf zurückbeugen , damit die Tränen , die ihm über die Wangen rollten , nicht in die Saiten fielen ; die Zither ist ein wehleidiges Instrument , und Feuchtigkeit verträgt sie nicht . Beim Schlußakkord seufzte Graf Egge so schwer , daß Hirschmann , der hinter dem Ofen lag , den Kopf erhob und seinen Herrn verwundert betrachtete . Wieder klang die Zither . Dem Schlummerlosen auf dem Heuboden redeten diese feinen Klänge ins Herz . Er setzte sich auf , drückte den Kopf in die Hände und grübelte . Immer tauchten zwei Bilder gleichzeitig in ihm auf , eines ein Widerspruch zum anderen ; jeder Gedanke , dem er folgte , führte ihn nach Irrwegen zu einem großen Loch , vor dem er ratlos stand und wieder den Rückweg suchte ; und in seinen eigenen Kummer mischte sich noch das Erbarmen mit dem » armen Herrn da drunt « und die Sorge , die er sich um Patscheider machte . Der hatte auf seinem Heimweg in der dunklen Nacht ein übles Wandern ; auf den Almen ging es noch leidlich , da leuchteten die Sterne ein bißchen ; aber im schwarzen Hochwald setzte es Beulen und blutige Risse . Mitternacht hatte geschlagen , als Patscheider das Dorf erreichte ; in den Höfen , an denen er vorüberkam , bellten die Hunde , und dumpf rauschte die Ache in der Nachtstille . Langgezogene Nebelstreifen schwebten aus dem Seetal heraus , umhüllten den Kirchturm und senkten sich über den Friedhof und die Wiesen . Alle Häuser lagen schon dunkel , nur aus der Stube des Brucknerhauses leuchtete noch ein trüber Lichtschimmer ; und der Jäger sah , als er vorbeiwanderte , einen Schatten über die Fenster irren . Diesen Schatten warf der Bauer , der mit nackten Füßen in der Stube auf und ab ging ; die Schwarzwälderuhr tickte , und mit glostendem Räuber brannte eine dünne Kerze auf dem Tisch , hinter welchem Mali im Herrgottswinkel saß , den Kopf an die Wand gelehnt . Auf dem Ledersofa , das nach Forbecks Abreise aus dem Giebelzimmer den Umzug in die Stube gemacht hatte , schlummerte das kleine Netterl , und für Mali lag auf dem Boden eine Matratze mit rotgeblumtem Kissen und wollener Decke . Bruckner blieb vor der Schwester stehen . » Ich studier mir ' s Hirnkastl aus , aber ich find nix Bessers . Bleibst im Haus , so is ' s Unglück fertig . Dös mußt selber einsehen , nach dem , was heut am Berg droben passiert is ! Oder net ? « Mali nickte . » Daß ich dich net gern fortlaß , kannst dir denken . « Der Bauer sah hinüber zu dem schlafenden Kind . » Aber es geht nimmer anders , jetzt muß ich allein mit ' m Schädel durch d ' Wand . Am besten , du gehst gleich morgen in der Fruh . Den Kufer schick ich dir mit ' m Boten nach . Is dir ' s recht so ? « Mali schob sich hinter dem Tisch hervor , ging zum Sofa und streifte mit der Hand über das Haar des Kindes . » Magst mir ' s Netterl net mitgeben ? ' s Kind tät gsunden in meiner Sorg . Und d ' Schwester hätt die größte Freud . « Er schüttelte heftig den Kopf . » D ' Schwester hat kleine Mäuler gnug . Und hätt ich meine Kinder nimmer , was hätt ich noch ? Ich gib keins her . A paar Tag lang hilft mir d ' Nachbarin aus , nachher muß ich mich halt um a richtigs Weibsbild umschauen . Soll ' s kosten was mag ! Lieber schind ich mich , daß mir ' s Blut aussispritzt bei die Nägel . So ! Jetzt leg dich schlafen ! Die halbe Nacht is eh schon wieder beim Teufel . « Trotz dieser Mahnung gingen noch Stunden vorüber , ehe hinter den Fenstern des Brucknerhauses das Licht erlosch . Der folgende Tag , ein Sonntag , brachte das ganze Dorf in Aufregung . Aber das Getratsch und Gerede , das nach dem Hochamt aus der Kirche getragen wurde , hatte nichts mit der Tatsache zu schaffen , daß am frühen Morgen die Bruckner-Mali mit einem kleinen weißen Bündel und mit rotgeränderten Augen zum Dorf hinausgewandert war . Was den halb lustigen , halb verwunderten Leutrummel verursachte , war die nach der Predigt von der Kanzel erfolgte Verkündigung : » Zum heiligen Bund der Ehe haben sich versprochen der ehr- und tugendhafte Jüngling Andreas Pointner und die ehr- und tugendsame Jungfrau Elisabeth Zauner , beide allhier . « Auch Patscheider , der gegen zwölf Uhr mittags vor dem Seehof aus einem Einspänner stieg und ein Schiff verlangte , bekam die große Neuigkeit zu hören . Er zuckte nur die Achseln und sprang in den Kahn . Als er beim Wetterbach landete , begann er mit treibendem Marsch bergan zu steigen und traf , wie er es seinem Herrn zugesagt hatte , noch vor der » guten Zeit « im Palais Dippel ein . Graf Egge stand vor der Hütte , schon zum Pirschgang fertig . Mit der Büchse auf dem Rücken las er einen Brief , dessen zerrissenes Kuvert auf der Erde lag . Moser , der mit dem Hut in der Hand vor Graf Egge stand , schien diesen Brief soeben gebracht zu haben . Auch Franzl war schon für den Jagdweg gerüstet ; er saß auf der Hüttenbank und sah , als Patscheider kam , stumm fragend zu ihm auf ; der Jäger nickte und verschwand in der Hüttentür . Graf Egge hatte zu Ende gelesen und schien in Erregung mit einem Entschluß zu kämpfen . Plötzlich wandte er sich zu Moser und fuhr ihn an . » Was kommst du auch gerade jetzt mit dem Brief daher ? Ich kann doch jetzt nicht schreiben , ich versäume doch die Pirsch ! « Wieder überlegte er . Die Unentschlossenheit währte nicht lange . Er schob den Brief in die Joppentasche . » In Gottes Namen ! Bring ' ihr die Antwort mündlich . Ich bin damit einverstanden , daß die Damen morgen reisen . « Er biß am Schnurrbart und suchte nach Worten . » Sie sollen sich in München nicht länger als nötig aufhalten . Im Palais ist alles versperrt und verriegelt , und der Kampfergeruch könnte ihnen Kopfweh machen . Es ist besser , sie bleiben über Mittag in einem Hotel und fahren gleich nach Tisch mit dem Kurierzug weiter . Das erspart ihnen überflüssige Besuche . « Es zuckte um Graf Egges Augen . » Von Eggeberg sollen sie mir eine Depesche schicken , daß sie glücklich angekommen sind . Ich schreibe dann schon - wenn ich Zeit habe . Und meiner Tochter kannst du sagen , es hätte mich gefreut , daß sie morgen noch zu mir heraufkommen wollte . Aber das darf ich ihr nicht zumuten . Die paar Tage sind mir in die Knie gegangen - um wieviel elender muß das Mädel sein . Sie soll sich schonen für die Reise . Ich laß ihr gute Fahrt wünschen . Recht gute Fahrt . Und glückliche Ankunft in Eggeberg . Und einen guten Winter . Sag ' ihr das ! Vielleicht komm ich nach der Hirschbrunft , bevor ich reise , auf einen Sprung nach Eggeberg . Mein Bruder hat freilich eine Jagd , daß Gott erbarm ' ! Aber dem Mädel zulieb ! Sag ' ihr das ! « Er rückte den Hut . » Hornegger , komm ! « Graf Egge folgte dem Steig und fragte , als Franzl ihn einholte : » Wo , meinst du , daß der Bock steht ? « Drei Stunden später , als es dämmerte , brachte Franzl die von seinem Herrn erlegte Gemse zur Dippelhütte getragen . Aber die Laune , in der Graf Egge nach Hause kam , war eine andere , als sie sonst nach einem glücklichen Schuß zu sein pflegte . Auf der Pirsche hatte er den Augenblick , in dem er Feuer geben durfte , kaum erwarten können ; als ihm aber die Beute zu Füßen lag , hatte er das Gehört ohne Freude betrachtet ; und auf dem Heimweg besprach er nicht wie sonst mit eingehender Umständlichkeit den Verlauf der Jagd , sondern war von mürrischer Schweigsamkeit . Nach der Mahlzeit gab es eine böse Szene zwischen ihm und Patscheider , der seinen Dienst kündigte . Graf Egge schrie , daß die Fenster klirrten . Franzl ging zum Brunnen , um nicht wider Willen hören zu müssen , was in der Stube verhandelt wurde . Es währte fast eine Stunde , bis in der Hütte wieder Ruhe war . Als Franzl in die Herdstube zurückkehrte , packte Patscheider mit zitternden Händen seinen Rucksack , während in der Herrenstube die Saiten klangen . » Gott sei Dank , Franzl , jetzt hab ich ' s überstanden ! Mein Packl trag ich freilich mit fort . Aber jetzt kann ich mit Ruh an Weib und Kinder denken . « » Aber Michl ! Was is denn ? Warum packst denn jetzt ? « » Fort soll ich , gleich auf der Stell , hat er gsagt . Heut hat er ' s mir macht wie selbigsmal dir ! Statt daß er an Einsehen ghabt hätt mit meiner armen Seel . Statt daß er froh gewesen wär über den Ausweg , den mein Erbarmen mit dem armen Teufel von Vater - « Patscheider verschluckte den Rest des Satzes . » Da hab ich mich nimmer halten können . Und alles hab ich ihm gradaus ins Gsicht gsagt , was ich die ganze Zeit her in mich nunterdruckt hab . Alles ! Alles ! « » Michel , um Gotts willen , bist denn gscheit ? « stammelte Franzl . » Weißt doch , daß er aufgregt is und hart im Holz ! Und schau , jetzt hat ihn dös fürchtige Unglück troffen . So was dreht doch an Menschen um und um ! Wie kannst ihm denn da was übelnehmen ? Aber Michl ! Michl ! « Patscheider kratzte sich den Kopf . » Vielleicht hast recht , vielleicht hätt ich mir ' s Maul verriegeln sollen . Aber ich hab mich nimmer halten können . Es is mir aussigrumpelt . Er hat mir Sachen ins Gsicht gsagt - « Der Zorn erwachte wieder in ihm . » Himmelkreuzteufel , ich hab ja rein glaubt - « In der Stube schwieg die Zither , und Graf Egge rief mit heiserer Stimme : » Wird da draußen bald Ruh ' werden ! « Dann klangen die Saiten wieder . Die beiden Jäger sprachen kein Wort mehr . Als Patscheider den Bergsack auf den Rücken gehoben hatte , winkte er seinem Kameraden . Schweigend gingen sie in der Nacht eine Strecke miteinander . Dann umklammerte Patscheider Franzls Hand . » Bhüt dich Gott ! Und ich sag dir Vergelts Gott , weil mir verlaubt hast , daß ich mich um den Posten umschau . Daß ich dich net vergiß , da kannst Gift drauf nehmen ! Alles andre laß ich hinter mir . Kreuz drüber und fertig ! Dir , Franzl , bleib ich der Alte . Bhüt dich Gott , Kamerad ! « Er riß ihn an sich , küßte ihn wie ein zärtlich gewordener Bär und stolperte in die Nacht hinaus . Franzl hatte kein Wort gefunden . Als Patscheiders Schritte schon verhallten , rief er ihm nach : » Bhüt dich Gott , Michl ! Laß dir ' s gut gehn , gelt ! « Während er in die Hütte zurückkehrte , blieb er immer wieder stehen und sah durch die Finsternis gegen das Tal hinunter . In der Jägerstube setzte er sich auf den Herd und starrte in die verglimmenden Kohlen . Seufzend erhob er sich endlich und suchte seine Liegerstatt im Heu . Es waren unfreundliche Zeiten , die nun im Palais Dippel Einzug hielten . Graf Egges Laune wurde knorriger von Tag zu Tag , und die rührseligen Stimmungen , die in der ersten Zeit noch ab und zu seine gallige Verbitterung für kurze Stunden lösten , wurden immer seltener . Jeder Mißerfolg auf der Jagd war die Veranlassung zum Ausbruch eines maßlosen Zornes . Kein Tag verging , ohne daß Franzl sich das » Unglück « seines Herrn in eindringliche Erinnerung rufen mußte , um seine geduldige Ruhe bewahren zu können . Dabei lagen die Sorgen seines Herzens wie ein drückender Stein auf ihm . Und sein Beruf war ihm keine Freude mehr ; immer bedenklicher schüttelte er den Kopf zu der Art und Weise seines Herrn . Wie Graf Egge jetzt die Jagd betrieb , das war eine Hetze ohne Atemholen ; am Morgen die Pirsch , untertags eine Treibjagd , am Abend wieder die Pirsch . Was ihm vor die Büchse kam , wurde niedergebrannt . Und in der Nacht ein dumpfer , schwerer Schlaf nach den erschöpfenden Strapazen des Tages . Am Morgen ging es wieder mit so blinder Hast zum Tempel hinaus , daß auf Graf Egges Stirn die Beule in Permanenz erklärt war . Keine Beute befriedigte ihn , kein Erfolg vermochte ihn zu sättigen . Es war nicht mehr die Jagd , was er suchte , nur noch die fieberhafte Erregung vor dem Schuß . Eines Nachmittags , während der Gemspirsch , sahen sie zwei Adler über einer Felswand kreisen . Das brachte eine neue , willkommene Erregung . Graf Egge schoß die erste Gemsgeiß nieder , die ihm über den Weg sprang ; sie wurde auf der Zinne der Wand als Köder ausgelegt , und während Franzl die Wache bezog , übersiedelte Graf Egge in Schippers Hütte . Nach Verlauf einer Woche konnte Franzl seinem Herrn die Meldung bringen , daß die Adler den Köder angenommen hätten und regelmäßig einfielen . » Wenn S ' Ihnen d ' Müh net verdrießen lassen , Herr Graf , die schießen S ' alle zwei ! « Graf Egge besann sich . Dann schüttelte er den Kopf . » Schießen ? Ich will mehr davon haben ! Die wirst du mir füttern über den Winter . Vielleicht bleiben sie und horsten . Dann hol ' ich mir die Jungen aus dem Nest . Das füllt mir den Käfig wieder und bringt eine Abwechslung . Ich muß wieder einmal was anderes haben , eine Sache , die mir das Blut von unten herauf aufriegelt . Das ewige Gepulver wächst mir zum Hals heraus . « Im Widerspruch zu diesem Geständnis machte jeder folgende Tag ein paar Patronen leer . Während der Hirschbrunft gönnte sich Graf Egge täglich kaum ein paar Stunden Ruhe ; es war Vollmondzeit , und so benützte er auch die Nächte zum Ansitz , ohne sich viel um die rheumatischen Schmerzen zu kümmern , die sich jetzt im linken Knie zu rühren begannen , das bisher von dem Übel noch immer verschont geblieben war . Er erinnerte sich der halben Unterhose , die er im Sommer erspart hatte , und es setzte ein böses Wetter , als das wollene Bein nicht gleich gefunden wurde . Diesmal wollte die Wärme der Wolle so flink nicht helfen . Graf Egges Gang wurde immer schleppender , sein Gesicht bekam eine gelbliche Färbung , und seine Augen fielen tief in die Höhlen . Aber solang auf den Almen und im Bergwald noch ein Brunftschrei zu hören war , gönnte er sich keine Ruhe . Im Verlaufe von drei Wochen brachte er neunzehn Hirsche auf die Decke . Den letzten erlegte er am Morgen des 16. Oktober , obwohl mit dem Tage vorher die Schußzeit schon zu Ende gegangen war . Vom aufgebrochenen Hirsch weg trat er den Abstieg an und ließ , in Schloß Hubertus angekommen , den Doktor holen . Dieser riet ihm eine Luftveränderung , den Besuch eines milden Klimas . Unverzüglich befolgte Graf Egge diesen Rat , schien aber dabei die Himmelsgegenden zu verwechseln , denn er reiste am folgenden Morgen zu den Elchjagden nach Finnland ab . Zu seiner Bedienung und Pflege nahm er Schipper mit , der in der Brunftzeit wieder zu Gnaden gekommen war , da er seinen Herrn auf zwölf Hirsche zu Schuß gebracht hatte . Franzl atmete auf . Sein erstes war , daß er sich im Palais Dippel einen Tag und eine Nacht ins Heu vergrub , um in einem bleiernen Schlaf seine zerriebenen Knochen rasten zu lassen . Als er erwachte und vor die stille Hütte trat , lag ein schimmernder Herbstmorgen über den Bergen , deren höchste Zinnen schon die erste Schneekoppe trugen . Franzl kam sich vor wie eine aus dem Fegfeuer erlöste Seele . In dieser einsamen Ruhe fühlte er sich selbst wieder , empfand , daß er lebte . Nach dem Frühstück , das ihm seit Wochen zum erstenmal wieder mundete , nahm er seine Büchse und wanderte den ganzen Tag in seinem Bezirk umher . Er ruhte im rauschenden Wald , rastete auf sonnbeschienenen Gehängen , sah träumend die ragenden Wände an und beobachtete , wie das versprengte Wild sich wieder sammelte . Die Freude an seinem Beruf begann in seiner Seele wieder warm zu werden . Und noch etwas anderes fand er in dieser Stille , bei diesem erquickenden Aufatmen : der wirre Sorgenknoten seines Herzens löste sich wie von selbst . Jetzt zum erstenmal konnte er ruhig überdenken , was er mit Mali erlebt hatte , und da wurde der schwarze Rabe , als der ihm das Mädel erschienen war , immer weißer und weißer . Wohl fand er die Sache jetzt nicht weniger unbegreiflich als früher . Aber der Gedanke an Malis offene Herzlichkeit , die Erinnerung an ihr vergrämtes Gesicht , an den angstvollen Klang der Stimme , mit der sie ihm jene Warnung vor Schipper zugerufen hatte - das waren stärkere Trümpfe als die verriegelte Haustür und der Besuch des Mädels in der Dippelhütte . Hinter der Sache mußte was stecken , was er nicht erraten , nicht ahnen konnte . Um darüber ins klare zu kommen , wußte er keinen besseren Weg , als mit einer offenen Frage vor das Mädel hinzutreten . Getröstet und von neuer Hoffnung erfüllt , kehrte Franzl mit diesem Entschluß am Abend ins Palais Dippel zurück . Am folgenden Tage hielt ihn noch die Pflicht auf den Bergen fest : mit Hilfe zweier Holzknechte mußte er einen Spießhirsch , den Graf Egge niedergebrannt hatte , als Köder für die beiden Adler auf die Höhe der Felswand schaffen . Um zwei Uhr mittags kehrte er von dieser Arbeit zurück , schloß am Palais Dippel die Fensterläden , versperrte die Tür , und nun rannte er wie ein Narr , um noch vor Einbruch der Dämmerung das Dorf zu erreichen . Als er am Seehof vorübersauste , wurde in der Wirtsstube schon die Lampe angezündet . Über der Straße lag noch ein fahles Zwielicht , und ehe Franzl den Zaun des Brucknerhauses erreichte , konnte er schon die Gestalt des Mädels gewahren , das zwischen Tür und Brunnen umherwanderte und das in einen Lodenmantel gewickelte Netterl auf den Armen trug . Das Herz schlug ihm wie ein Hammer . Doch als er in den Hof trat , sah er das ihm fremde , grobknochige Frauenzimmer ratlos an . » Um Gotts willen ! Wer bist denndu ? « » ' s Kindsmadl bin ich , beim Bruckner . « » Kindsmadl ? Zu was braucht denn der Bruckner fremde Leut im Haus ? Is doch d ' Schwester da ! « » So ? Bist du außer der Welt daheim ? Weißt denn gar nix ? D ' Mali is schon lang nimmer im Ort . « Franzl verfärbte sich . » Die is zu ihrer Schwester aussi uns Unterland . Jetzt bin ich da ! « Franzl stand eine Weile auf den vorgestreckten Bergstock gestützt . » Da wünsch ich gut Nacht ! « Langsam , immer den Kopf schüttelnd , ging er der Straße zu . » Mir scheint , bei dem rappelt ' s ! « brummte die Magd . Vor dem Zaun blieb Franzl stehen , schob den Hut in die Stirn und rieb den Nacken . » Aus und gar ! Jetzt mach an Schnapper , Herzl , daß dich wieder derfangst ! « Schon am folgenden Morgen stieg er wieder zur Dippelhütte hinauf , obwohl er für diesen Tag zur Hochzeit des feinen Lieserls und des Pointner-Andres geladen war . Seine Mutter hatte ihm zugeredet , die » Gaudi « mitzumachen , weil sie hoffte , daß Franzls aschfarbene Stimmung sich beim Klang der Geigen und Klarinetten ein bißchen aufheitern möchte . Am Abend aber dankte sie dem lieben Herrgott mit aufgehobenen Händen , daß ihr Bub nicht » dabei « war - denn der Hochzeitsjubel hatte ein sonderbares Ende genommen . Die Braut , die neben dem Ehering einen Reif mit funkelndem Rubin am Finger trug und gleich einer » stadtischen Hochzeiterin « in ein weißes Atlaskleid mit langer Schleppe gekleidet war , tanzte fleißig mit den zur Hochzeit geladenen Burschen und besonders mit dem jungen Postpraktikanten . Der Bräutigam wurde unruhig , ließ sich aber vorerst noch durch die Einsicht beschwichtigen , daß er wirklich ein schlechter und schrecklich ungeschickter Tänzer war , dessen floßförmige Hochzeitsstiefel jede zierliche Fußspitze schwer bedrohten . Aber was der Andres an Temperament in den Beinen ersparen mußte , das sammelte sich langsam in den Adern an seinen Schläfen zu besorgniserregenden Wülsten an . Meister Zauner wollte vermitteln , zog sein Töchterlein beiseite und flüsterte dem erhitzten Weibchen ein paar eindringliche Worte ins Ohr . » Jetzt bin ich Frau , versteht der Herr Vater ? « antwortete das feine Lieserl . » Jetzt tu ich , was ich mag ! A bißl was muß ich haben davon , daß ich mich aufgeopfert hab ! « Lachend trat sie mit dem Postpraktikanten zu einem Walzer an . Immer eifriger sprach der Bräutigam in seinem wachsenden Mißvergnügen dem Weinglas zu . Einmal griff er über den Tisch und zupfte die Zaunerin am Ärmel : » Was wagen S ' , Frau Schwiegermutter - mein Lieserl schaut sich net arg viel auf mich ! Dös verdrießt mich recht ! « » So laß ihr doch heut dös bißl Vergnügen ! « lautete die ärgerliche Antwort . » Von abends um neune an ghört s ' dein ! Und ' s Leben is lang . Da kommst noch allweil auf deine Kosten . « Der Bräutigam nickte und saß wieder geduldig auf seinem einsamen Platz . Als aber Stunde um Stunde verging , ohne daß Lieserl den Tanzboden verließ , erhob sich der Andres endlich , suchte sein Bräutl auf und sagte : » Weiberl , was is denn ? Schaust dich gar nimmer um auf mich ? Ich bin doch heut die Hauptperson ! « Lieserl gab eine Antwort , die den jungen Pointner erblassen machte . Er legte seine Bärenfaust mit eisernem Griff um das schlanke rosige Handgelenk der Braut , zog sie trotz ihres Sträubens zur Hochzeitstafel und hielt sie an seiner Seite fest . Die Zaunerin ereiferte sich über diese » unghobelte Gwalttätigkeit « , Meister Wastl zog sich schwermütig mit seiner Weinflasche in das Extrastübchen zurück , um die Sache nicht länger mit ansehen zu müssen , und das feine Lieserl weinte vor Zorn . Als der Postpraktikant , dem sie die nächste Quadrille zugesagt hatte , sein Recht forderte , sagte der Bräutigam sehr grob : » Nix da ! Mein Lieserl bleibt bei mir ! Heut muß ich mir d ' Mahlzeit net aufwärmen lassen von eim andern . Heut koch ich selber . « Es gab ein Wortwechsel , ein paar Burschen faßten die Situation unter dem Gelächter der ganzen Hochzeitsgesellschaft in drastisch wirkende Schnaderhüpfel , der Bräutigam warf einem der Sänger das Weinglas an den Kopf , und die Folge war eine blutige Keilerei . Bei diesem Tanz war der Pointner-Andres der unübertrumpfbare Meister . Er machte bei der Säuberung des Tanzlokals so gründliche Arbeit , daß nur die Musikanten noch zurückblieben , ausgenommen den Kontrabassisten , der außerhalb der Tribüne stand und beim Aufwaschen aus Versehen mitgenommen wurde . Als er die Scherben seines Instruments ansah , erklärte er : » Is einer gschickt , so kann er aus meiner Baßgeigen noch allweil a Zündholzschachterl machen . « Die Trompeter und Klarinettisten , die der Lawine des Hinauswurfs glücklich entronnen waren , mußten einen lustigen Marsch anstimmen . Und unter Schmetterklängen wurde der sieghafte Bräutigam , der sein trotzendes Weiberl mit festem Griff an der Hand führte , von allen Ungeprügelten der Hochzeitsgesellschaft heimgeleitet in das Paradies seines jungen Glückes . 13 Am Allerseelentag fiel der erste Schnee über die Dächer des Dorfes , während er auf den Bergen schon fußhoch lag . - Franzl blieb in der Dippelhütte , um den Flug der Adler zu überwachen . Mitte November erhielt er aus Siebenbürgen von Graf Egge die telegraphische Anfrage : » Sind sie noch da ? « Vier Wochen später kam die gleiche Frage aus dem Banat , wohin Graf Egge zu den Bärenjagden gereist war . Am Tag vor Weihnachten suchte Franzl unter wirbelndem Schneegestöber den Heimweg ins Dorf . Im Park von Hubertus war weiße Stille . Schmal ausgetretene Fußwege führten durch den hohen Schnee . Am Schloß waren alle Fensterläden geschlossen , die Hirschgeweihe von der Mauer abgenommen . Der Adlerkäfig in der Ulmenallee stand leer , und in dicken Klumpen hing der Schnee am Drahtgitter - die Sommergäste des Käfigs hatten das Winterquartier in der Remise bezogen . Für Franzl kamen harte Wochen . Die Überwachung der Wildfütterung , die Zurichtung der Marderfallen und das Legen der Fuchseisen hielt ihn vom Morgen bis zum Abend auf den Beinen . Wohl waren für Patscheider und Schipper zwei neue Jäger in Dienst getreten , aber sie mußten das Revier erst kennenlernen , bevor ihnen Franzl einen Teil der Arbeit übertragen konnte . Und jede zweite Woche stieg er durch den zähen Schnee zum Palais Dippel hinauf , um den Adlern frische Kirrung zu legen . Noch in jeder Schneezeit hatte Franzl die gleichen Strapazen gesund und lachend übertaucht . In diesem Winter wurde sein Gesicht so schmal , seine Gestalt so hager , daß die Horneggerin mit Sorgen kein Ende fand . Die letzte Märzwoche brachte einen brausenden Föhnsturm . Auf allen sonnseitigen Gehängen der Berge schmolz der Schnee , und das Hochwild verließ - für den Jäger das erste Frühlingszeichen - die Futterplätze , um zu den Almen hinaufzusteigen . Franzl quartierte sich wieder im Palais Dippel ein . Seine stille Schwermut blieb auch da droben unverändert , obwohl ihm die Arbeit keine Zeit zu zwecklosem Grübeln vergönnte . Während er dem neuen Kameraden , der mit ihm das Heulager teilte , den Schutzdienst im Bezirk überließ , war er vom ersten Morgengrauen bis zum sinkenden Abend auf den Füßen , um hoch im Gewänd den Kirrungsplatz der Adler zu überwachen oder tief im Bergwald die Balzplätze der Auerhähne aufzusuchen . In der ersten Maiwoche schickte ihm Moser einen Zettel des Inhaltes : » Morgen kommt der gnädig Herr Graf , er will dich gleich haben , hat er dellagrafiert . Um zehne kommt er , also schau , daß bei der Hand bist , sonst gibt ' s Spitakl - dein lieber Moser . « Franzl trat sofort den Heimweg an und stellte