pariser Sterbelisten jetzt wöchentlich 4-5000 auf . Täglich also ungefähr 400 unnatürliche Todesfälle - das heißt also Morde . Wenn auch der Mörder kein Einzelner war , sondern ein unpersönliches Ding , nämlich der Krieg , so sind es darum nicht minder Morde . Wen traf die Verantwortung ? Etwa jene parlamentarischen Großsprecher , welche in ihren Hetzreden mit stolzem Pathos erklärten - wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli gethan - daß sie » die Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nähmen « ? Können denn eines Menschen Schultern stark genug sein , solche Verbrechenlast zu tragen ? Gewiß nicht . Es fällt auch Niemandem ein , die Prahler nachträglich beim Wort zu nehmen . Eines Tages , es war um den 20. Januar herum , kam Friedrich , von einem Gang durch die Stadt heimgekehrt , mit erregter Miene in mein Zimmer . » Nimm Dein Eintragebuch zur Hand , meine eifrige Geschichtsschreiberin ! « rief er mir zu . » Heute gibt es einen wichtigen Posten . « Und er warf sich in einen Sessel . » Welches meiner Bücher ? « fragte ich . » Das Friedensprotokoll ? « Friedrich schüttelte den Kopf : » O , mit dem ist ' s wohl für lange Zeit vorbei . Der Krieg , der jetzt gefochten wird , ist zu gewaltiger Natur , um nicht kriegerisch fortzuwirken . Auf der Seite der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Haß- und Rachesaaten ausgestreut , daß daraus eine künftige Kampfernte hervorwachsen muß ; und andererseits hat er für den Sieger solche großartige umwälzende Erfolge zu stande gebracht , daß dort eine gleich große Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird . « » Was ist denn so Bedeutendes geschehen ? « » König Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen . Es gibt jetzt ein Deutschland - ein einiges Reich - und ein mächtiges Reich . Das gibt einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte . Und Du kannst Dir denken , wie aus dem neuen , aus Waffenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit hoch in Ehren gehalten sein wird . Die beiden vorgeschrittensten Kulturländer des Festlandes sind es also hinfort , welche den Kriegsgeist pflegen werden - das eine , um den erhaltenen Schlag zurückzugeben ; das andere , um die errungene Machtstellung zu bewahren ; hier aus Haß , dort aus Liebe ; hier aus Vergeltungssucht , dort aus Dankbarkeit - gleichviel : klappe Dein Friedensprotokoll nur zu - auf lange Zeit hinaus stehen wir unter dem blutigen und eisernen Zeichen des Mars . « » Deutscher Kaiser ! « rief ich - » das ist wahrlich großartig . « Und ich ließ mir die Einzelheiten dieses Ereignisses erzählen . » Ich kann doch nicht umhin , Friedrich , « sagte ich , » mich über diese Nachricht zu freuen . So ist die ganze Schlachtarbeit doch nicht verloren gewesen , wenn daraus ein neues großes Reich hervorgegangen . « » Vom französischen Standpunkt aber doppelt verloren ... Und wir beide hätten wohl das Recht , diesen Krieg nicht einseitig - von der deutschen Seite - zu betrachten . Nicht nur als Menschen , sogar nach engerem , nationalem Begriffe hätten wir das Recht , die Erfolge unserer Feinde und Unterwerfer von 1866 zu beklagen . Und dennoch , ich gebe mit Dir zu , daß die erreichte Vereinigung des zerstückelten Deutschlands eine schöne Sache ist ; daß diese Bereitwilligkeit der übrigen deutschen Fürsten , dem greisen Sieger die Kaiserkrone zu reichen , etwas Begeisterndes , Bewundernswertes hat . Es ist nur schade , daß eine solche Vereinigung nicht aus friedlichem , sondern aus kriegerischem Werke hervorgegangen ist . Wie also , wenn Napoleon III. die Herausforderung des 19. Juli nicht abgesendet hätte , wäre da in den Deutschen nicht genug Vaterlandsliebe , nicht genug Volkskraft , nicht genug Einigkeit gelegen , um aus sich heraus dasjenige zu bilden , worauf sie jetzt ihren Nationalstolz setzen werden : » Ein einig Volk von Brüdern ? « - Jetzt werden sie jubeln - des Dichters Wunsch ist erfüllt . Daß sie vor kurzen vier Jahren einander in den Haaren gelegen , daß es für Hannoveraner , Sachsen , Frankfurter , Nassauer und so weiter keinen ärgeren Haßbegriff gab als » Preußen « - das wird zum Glück vergessen sein . Dafür aber der Deutschenhaß , hier zu Lande , wie wird der nunmehr gedeihen ! « Mir schauderte . » Das bloße Wort Haß - « begann ich - » Ist Dir verhaßt ? Du hast recht . So lange dieses Gefühl nicht recht- und ehrlos gemacht wird , so lange gibt es keine menschliche Menschheit . Der Religionshaß ist überwunden , aber der Völkerhaß bildet noch einen Teil der bürgerlichen Erziehung . Und doch gibt es nur ein veredelndes , ein beglückendes Gefühl hienieden - das ist die Liebe . Nicht wahr , Martha , davon wissen wir etwas zu erzählen ? « Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte zu ihm auf , während er mir zärtlich das Haar aus der Stirne strich . » Wir wissen , « fuhr er fort , » wie süß es ist , wenn im Herzen so viel Liebe wohnt - für einander , für unsere Kleinen , für alle Brüder der großen Menschenfamilie , denen man so gern , so gern das drohende Leid ersparen wollte ... Aber sie wollen nicht . « » Nein , mein Friedrich - so umfassend ist mein Herz doch nicht . Die Hassenden alle kann ich nicht lieben . « » Aber doch bemitleiden ? « In dieser Weise plauderten wir lange weiter . Ich weiß es noch heute so genau , weil ich damals öfters - neben den kriegerischen Ereignissen - auch Bruchstücke unserer daran geknüpften Gespräche in die roten Hefte eintrug . An jenem Tage haben wir auch wieder einmal von der Zukunft gesprochen : jetzt würde Paris kapitulieren müssen , der Krieg hatte ein Ende - und dann konnten wir wieder mit gutem Gewissen glücklich sein . Da überschauten wir die Gewährleistungen unseres Glücks . In den acht Jahren unserer Ehe nicht ein hartes , nicht ein unfreundliches Wort - so viel mit einander durchgelitten und durchgenossen - so war unsere Liebe , unser Einssein derart befestigt , daß eine Abnahme nicht mehr zu fürchten war . Im Gegenteile : - nur stets inniger würden wir uns aneinander schließen - jedes neue gemeinschaftliche Erlebnis gäbe zugleich ein neues Band ab . Wenn wir erst ein paar weißhaarige alte Leutchen geworden - mit welcher Freude konnten wir da auf die ungetrübte Vergangenheit zurückblicken , welch ' goldig-milder Lebensabend lag dann noch vor uns ! ... Dieses Bild von dem glücklichen alten Pärchen , das wir einst abgeben sollten , hatte ich mir so oft und lebhaft vorgestellt , daß es sich mir ganz deutlich eingeprägt und sogar im Traum sich wiederholte , wie etwas wirklich Geschehenes . Mit verschiedenen Einzelheiten : Friedrich mit einem Sammtkäppchen und einer Gartenscheere ... ich weiß selber nicht warum , denn niemals hatte er Lust zur Gärtnerei gezeigt , und von einem Hauskäppchen war schon gar nie die Rede gewesen ; - ich mit einem sehr kokett gesteckten schwarzen Spitzentuche auf dem silberweißen Haar , und als Umgebung eine vor der untergehenden Sommersonne warm erleuchtete Parkpartie ; dazu lächelnd getauschte freundliche Blicke und Worte wie : » Weißt Du noch ? ... Erinnerst Du Dich , damals als - « Viele der vorangehenden Blätter habe ich mit Schaudern und mit Überwindung geschrieben . Nicht ohne inneres Entsetzen vermochte ich die Auftritte zu schildern , die ich auf meiner Fahrt nach Böhmen und während der Cholerawoche in Grumitz mitgemacht . Ich habe es gethan , um einer Pflichtmahnung zu gehorchen . Ein geliebter Mund hat mir einst den feierlichen Befehl erteilt : » Falls ich früher sterbe , mußt Du meine Aufgabe übernehmen , für das Friedenswerk zu wirken . « - Wäre mir dieses bindende Geheiß nicht geworden , nimmer hätte ich es über mich gebracht , die Schmerzenswunden meiner Erinnerungen so schonungslos aufzureißen . Jetzt bin ich aber bei einem Erlebnis angelangt , das ich berichten , nicht aber schildern will - nicht kann . Nein ich kann nicht , kann nicht ! Ich habe es versucht : zehn halbbeschriebene , zerrissene Blätter liegen auf dem Boden neben meinem Schreibtisch - ein Herzkrampf befiel mich - die Gedanken stockten oder kreisten wild in meinem Hirn - - ich mußte die Feder wegwerfen und weinen , bitter , heftig , kläglich weinen , wie ein Kind . Jetzt , einige Stunden später , nehme ich meine Aufgabe wieder vor . Aber auf die Beschreibung der Einzelheiten nachstehenden Geschehnisses , auf Mitteilung dessen , was ich dabei empfunden - muß ich verzichten . Die Thatsache genügt : Friedrich - mein Einziger ! - ward - infolge eines bei ihm gefundenen berliner Briefes der Spionage verdächtigt ... von einer fanatischen Rotte umringt » à mort - à mort le Prussien ! « - vor ein Patriotentribunal geschleppt - - am 1. Februar 1871 - - - - - - - - standrechtlich erschossen . Epilog 1889 Als ich zum erstenmale wieder zu Bewußtsein gelangte , war der Friede geschlossen - die Kommune überstanden . Monatelang hatte ich - von meiner treuen Frau Anna gepflegt - in einer Krankheit dahingelebt , ohne zu wissen , daß ich lebe . Und was es für eine Krankheit war - ich weiß es heute noch nicht . Meine Umgebung nannte es zartsinnig : Typhus ; ich glaube aber , daß es einfach - Wahnsinn war . So ganz dunkel erinnerte ich mich , daß die letzte Zeit mit Vorstellungen von knatternden Schüssen und lodernden Bränden gefüllt war ; vermutlich vermengte sich da mit meinen Phantasien die in meiner Gegenwart besprochenen Ereignisse der Wirklichkeit , nämlich die Kämpfe zwischen Versaillern und Kommunarden , die Brandlegungen der Petroleusen . - Daß - als ich meine Vernunft wieder erlangte und mit dieser auch das Verständnis meines tiefen Unglücks : daß ich da mir kein Leid angethan oder daß der Schmerz mich nicht tötete , das lag wohl an dem Besitze meiner Kinder . Durch diese konnte , für diese mußte ich leben . Noch vor meiner Krankheit - an dem Tage selber , an dem das schreckliche über mich hereingebrochen - hat mich Rudolf am Leben erhalten . Ich war laut jammernd auf die Knie gesunken , indem ich wiederholte : » Sterben - sterben ! ... Ich muß sterben ! « Da umfaßten mich zwei Arme und ein bittendes , schmerzhaft-ernstes , wunderliebes Knabengesicht sah mich an : » Mutter ! « Bis dahin hatte mich mein Kleiner nie anders als » Mama « genannt . Daß er in diesem Augenblick - zum erstenmale - das Wort » Mutter gebraucht , das sagte mir in zwei Silben : Du bist nicht allein - du hast einen Sohn , der deinen Schmerz teilt - der dich über alles liebt und ehrt , der Niemand hat auf dieser Welt , als dich - verlaß dein Kind nicht , Mutter ! « Ich preßte das teure Wesen an mein Herz ; - und ihm zu zeigen , daß ich verstanden hatte , stammelte auch ich : » Mein Sohn , mein Sohn ! « Zugleich erinnerte ich mich meines Mädchens - seines Mädchens , und mein Entschluß , zu leben , war gefaßt . Aber der Schmerz war zu unerträglich : ich verfiel in geistige Nacht . Und nicht nur dieses eine mal . Im Lauf der Jahre - in immer längeren Zwischenräumen - blieb ich Rückfällen von Tiefsinn unterworfen , von welchen mir dann in genesenem Zustande gar keine Erinnerung blieb . Jetzt , seit mehreren Jahren , bin ich schon ganz frei davon . Frei von der bewußtlosen Schwermut heißt das , nicht aber von bewußten Anfällen bittersten Seelenschmerzes . Achtzehn Jahre sind seit dem 1. Februar 1871 vergangen , aber der tiefe Groll und die tiefe Trauer , welche die Tragödie jenes Tages mir eingeflößt - die kann keine Zeit - und lebte ich hundert Jahre - verwischen . Wenn auch in letzter Zeit die Tage immer häufiger sich einstellen , da ich , von den Begebenheiten der Gegenwart eingenommen , an das vergangene Unglück nicht denke , da ich sogar die Freude meiner Kinder so lebhaft mitempfinde , daß mich selber noch etwas wie Lebensfreude durchwallt , so vergeht doch keine Nacht - keine - in der mich mein Elend nicht erfaßte . Das ist etwas ganz eigentümliches , das ich schwer beschreiben kann , und das nur solche verstehen werden , welche ähnliches an sich erfahren haben . Es deutet wie auf ein Doppelleben der Seele . Wenn auch das eine Bewußtsein , im wachen Zustande , von den Dingen der Außenwelt so eingenommen sein kann , daß es zeitweilig vergißt , so gibt es in der Tiefe meiner Persönlichkeit noch ein zweites Bewußtsein , welches jene schreckliche Erinnerung immer mit dem gleichen treuen Schmerz bewahrt ; und dieses Ich - wenn das andere eingeschlafen - macht sich dann geltend , rüttelt das andere gleichsam auf , um ihm sein Leid mitzuteilen . Allnächtlich - es dürfte immer um dieselbe Stunde sein - erwache ich mit einem unsäglichen Wehgefühl ... Das Herz krampft sich zusammen und mir ist , als sollte ich bitter weinen , kläglich schluchzen . Das dauert so einige Sekunden , ohne daß das aufgeweckte Ich noch weiß , warum jenes andere unglückliche gar so unglücklich ist ... Das nächste Stadium ist dann ein weltumfassendes Mitleid , ein voll schmerzlichsten Erbarmens geseufztes : » O ihr armen , armen Menschen ! « Da nun sehe ich unter hageldichten Mordgeschossen aufschreiende Gestalten zusammenbrechen - und jetzt erst erinnere ich mich , daß auch mein Liebstes so zusammenbrach ... Aber im Traume , sonderbar : da weiß ich nie etwas von meinem Verlust . Da geschieht es häufig , daß ich mit Friedrich spreche und verkehre , als wäre er noch am Leben . Ganze Auftritte aus der Vergangenheit - aber keine trüben - spielen sich da ab : das Wiedersehen nach Schleswig-Holstein ; die Scherze an Sylvias Wiege ; unsere Fußtouren in den schweizer Bergen ; unsere Studienstunden über geliebten Büchern und hier und da jenes gewisse Bild im Abendsonnenschein , wo mein weißhaariger Mann mit seiner Gartenscheere die Rosenzweige stutzt - - » Nicht wahr , « lächelt er mir zu , » wir sind ein glückliches altes Paar ? « - - - Meine Trauerkleider habe ich niemals abgelegt - selbst am Hochzeitstage meines Sohnes nicht . Wer einen solchen Mann geliebt , besessen und verloren - so verloren - dessen Liebe muß auch » stärker sein als der Tod « , dessen Rachegroll kann nimmer erkalten . Aber wen trifft dieser Zorn ? An wem sollte ich Rache üben ? Die Menschen , welche die That vollbracht , trifft nicht die Schuld . Der allein Schuldige ist der Geist des Krieges und diesem nur könnte mein - allzuschwaches - Verfolgungswerk gelten . Mein Sohn Rudolf stimmt mit meinen Gesinnungen überein - was ihn aber nicht hindert , natürlich , alljährlich die Waffenübungen mitzumachen und was ihn nicht hindern kann , wenn morgen der über unseren Häuptern schwebende europäische Riesenkrieg ausbricht , an die Grenze zu marschieren . Und dann werde ich es vielleicht noch einmal sehen müssen , wie mein Teuerstes auf der Welt dem Moloch hingeopfert - wie ein liebegesegneter Herd , an welchem meinem Alter Ruhe und Friede winkt , in Trümmer geschlagen wird . Werde ich das noch erleben müssen und dann unwiederbringlich dem Wahnsinn verfallen , oder werde ich den Triumph der Gerechtigkeit und Menschlichkeit noch sehen , der jetzt , gerade jetzt in weitverzweigten Bündnissen und in allen Schichten der Völker so sehnsuchtskräftig nach Bethätigung ringt ? Die roten Hefte - mein Tagebuch - weisen keine weiteren Eintragungen auf . Unter das Datum 1. Februar 1871 habe ich ein großes Kreuz gemacht , und damit schloß auch meine Lebensgeschichte ab . Nur das sogenannte Protokoll - ein blaues Heft - welches Friedrich mit mir angelegt und in das wir die Phasen der Friedensidee aufgezeichnet haben , ist seither mit einigen Notizen bereichert worden . In den ersten Jahren , welche dem deutsch-französischen Krieg folgten , hätte ich - abgesehen von meinem geisteskranken Zustande - kaum Gelegenheit gehabt , eine Friedenskundgebung zu verzeichnen . Die zwei einflußreichsten Nationen des Festlandes schwelgten in Kriegsgedanken : die eine im stolzen Rückblick auf die errungenen Siege , die andere in sehnender Erwartung einer bevorstehenden Revanche . Allmählich legte sich der Wogengang dieser Gefühle . Diesseits des Rheins wurden die Standbilder der Germania etwas weniger angejubelt und jenseits diejenigen der Stadt Straßburg mit weniger Trauerfloren geschmückt . Da , nach zehn Jahren , konnte die Stimme der Friedensjünger wieder gehört werden . Bluntschli , der große Völkerrechts-Gelehrte - derselbe , mit welchem mein Verlorener sich in Verbindung gesetzt - war es , der bei verschiedenen Würdenträgern und Regierungen sich deren Ansicht über den Völkerfrieden einholte . Damals fiel des schweigsamen » Schlachtendenkers « bekannter Ausspruch : » Der ewige Frieden ist ein Traum - und nicht einmal ein schöner Traum . « » Je nun : wenn Luther den Pabst gefragt hätte , was er von einem Abfall von Rom hält , die Antwort würde da auch nicht reformationsfreundlich ausgefallen sein , « schrieb ich damals neben Moltkes Worte in das blaue Heft . Heute gibt es fast Niemand mehr , der diesen Traum nicht träumte oder der dessen Schönheit nicht zugeben wollte . Und auch Wache gibt es - ganz helle Wache , - welche die Menschheit aus dem langen Schlaf der Barbarei erwecken wollen und thatkräftig , zielbewußt sich zusammenschaaren , um die weiße Fahne aufzupflanzen . Ihr Schlachtruf ist : » Krieg dem Kriege « ; ihr Losungswort - das einzige Wort , welches noch im stande wäre , das dem Ruin entgegenrüstende Europa zu erlösen - heißt : » Die Waffen nieder ! « Allerorts - in England und Frankreich , in Italien , in den nordischen Ländern , in Deutschland , in der Schweiz , in Amerika - haben sich Vereinigungen gebildet , deren Zweck es ist , durch den Zwang der öffentlichen Meinung , durch den gebieterischen Druck des Volkswillens die Regierungen zu bewegen , ihre zukünftigen Streitigkeiten einem - durch sie selber vertretenen - internationalen Schiedsgericht zu übermitteln und so ein für allemal an Stelle der rohen Gewalt das Recht einzusetzen . Daß dies kein Traum keine » Schwärmerei « ist , beweisen die Thatsachen : Alabama , die Karolineninseln und mehrere andere » Fragen « wurden auf diese Art schon beigelegt . Und nicht nur Leute ohne Macht und Stellung - wie einst der arme Grobschmied - sind es nunmehr , welche sich zu diesem Friedenswerk zusammenthun , nein : Parlamentsmitglieder , Bischöfe , Gelehrte , Senatoren , Minister stehen auf den Listen . Dazu noch jene Partei , deren Anhänger schon nach Millionen zählen , die Partei der Arbeiter , des Volkes , auf deren Programm unter den wichtigsten Forderungen der » Völkerfrieden « obenansteht . - Mir ist das alles bekannt ( die Mehrzahl der Leute erfährt es nicht ) , weil ich mit jenen Persönlichkeiten im Verkehr geblieben bin , mit welchen Friedrich im Hinblick auf sein edles Ziel Verbindungen angeknüpft hatte . Was ich durch diese über die Erfolge und Pläne der Friedensgesellschaften erfahren , das ward getreulich in das » Protokoll « eingetragen . Die letzte dieser Eintragungen ist folgender Brief , den auf eine diesbezügliche Anfrage der Präsident der in London ihren Hauptsitz habenden Liga an mich geschrieben hat : International Arbitration and Peace Association . London 41 , Outer Temple July 1889 . Madame , You have honoured me by inquiring as to the actual position of the great question to which you have devoted your life . Here is my answer : At no time , perhaps , in the history of the world , has the cause of peace and goodwill been more hopeful . It seems that , at last , the long night of death and destruction will pass away ; and we who are on the mountain top of humanity , think that we see the first streaks of the dawn of the kingdom of Heaven upon earth . It may seem strange , that we should say this at a moment , when the world has never seen so many armed men and such frightful engines of destruction ready for their accursed work : - but when things are at their worst , they begin to mend . Indeed , the very ruin which these armies are bringing in their train , produces universal consternation ; and soon the oppressed Peoples must rise and with one voice say to their rulers : » Save us , and save our children from de famine which awaits us , if these things continue ; - Save Civilisation and all the triumphs which the efforts of wise and great men have accomplished in its name ; save the world from a return to barbarism , rapine and terror ! « » What indications « , do you ask , » are there of such a dawn of a better day ? « Well , let me ask in reply , is not the recent meeting at Paris of the Representatives of one hundred Societies for the declaration of international concord , for the substitution of a state of law and justice for that of force and wrong , an event unparalleled in history ? Have we not seen men of many nations assembled on this occasion and elaborating with enthusiasm and unanimity , practical schemes for this great end ? Have we not seen , for the first time in history , a Congress of Representatives of the parliaments of free nations declaring in favour of treaties being signed by all civilised States , whereby they shall bind themselves to defer their differences to the arbitrament of equity , pronounced by an authorised tribunal instead of a resort to wholesale murder . Moreover , these representatives have pledged themselves to meet every year in some city of Europe , in order to considor every case of misunderstanding or conflict , and to exercise their influence upon Governments in the cause oft just and pacific settlements . Surely , the most hopeless pessimist must admit that these are signs of a future , when war shall be regarded as the most foolish and most criminal blot upon man ' s record ? Dear Madam accept the expression of my profound esteem . Yours truly Hodgson Pratt.3 Die interparlamentarische Konferenz , auf welche Hodgson Pratt anspielt - die erste dermalige Versammlung , welche die Geschichte aufweist - ward von Jules Simon präsidiert . Hier ein Bruchstück aus seiner Eröffnungsrede : Ich bin glücklich , in diesen Räumen die autorisierten Vertreter der Friedensfreunde verschiedener Nationen gegenwärtig zu sehen . Eine gewisse Anzahl hat sich eingefunden . Ich wollte , es wäre eine Menge , oder ich wollte auch , die Zahl wäre kleiner , aber es wäre dies , statt eines freiwilligen - ein offizieller diplomatischer Kongreß . Aber was wir nicht mit Gesetzeskraft verfügen können , dazu können wir doch wirksam beitragen . Als Vertreter der verschiedenen Staaten können wir von der größten Gewalt , die es gibt - nämlich die Gewalt , die uns von unsern Wählern übertragen ist - den vortrefflichsten Gebrauch machen . Sie sollen es wissen , meine Herren , die Majorität unseres Landes ist friedensfreundlich . Lassen Sie mich denn in Übereinstimmung mit den Franzosen Sie Alle aus tiefstem Herzensgrunde willkommen heißen etc. etc. Die bei dieser Konferenz anwesenden Mitglieder der dänischen , spanischen und italienischen Parlamente haben beschlossen , im Verlauf der nächsten Sessionen ihren betreffenden Regierungen den Antrag auf Einsetzung internationaler Schiedsgerichte vorzubringen . Die nächste interparlamentarische Konferenz soll im Juli 1890 in London zusammentreten . Auch ein Fürstenmanifest findet sich in dem blauen Heft - datiert März 1888 - ein Manifest , aus welchem endlich - mit altem Herkommen brechend - statt des kriegerischen , ein friedlicher Geist hervorleuchtete . Aber der Edle , der jene Worte an sein Volk erlassen , der Sterbende , der mit dem Aufwand seiner letzten Kraft nach dem Szepter griff , das er handhaben wollte , als wär ' s einen Palmenzweig - der blieb machtlos an das Schmerzenslager gefesselt , und nach kurzer Frist war Alles vorbei ... Ob sein Nachfolger - der begeisterungsglühende , der großes wollende - sich für das Friedensideal begeistern wird ? ? Nichts ist ' s unmöglich . » Mutter , willst Du übermorgen Deine Trauerkleidung nicht ablegen ? « Mit diesen Worten trat heute morgens Rudolf in mein Zimmer . Für übermorgen nämlich - 30. Juli 1889 - ist die Taufe seines erstgebornen Sohnes angesetzt . » Nein , mein Kind , « antwortete ich . » Aber bedenke , an einem solchen Freudenfeste wirst Du doch nicht traurig sein - warum also das äußere Zeichen der Trauer beibehalten ? « » Und Du wirst doch nicht abergläubisch sein und fürchten , das schwarze Kleid der Großmutter könne dem Enkel Unglück bringen ? « » Das wohl nicht - aber es stimmt nicht zu der umgebenden Fröhlichkeit . Hast Du denn einen Eid geschworen ? « » Nein - es ist nur ein gefaßter Vorsatz . Aber ein Vorsatz , der an ein solches Andenken sich knüpft - Du weißt , was ich meine - der nimmt die Unverbrüchlichkeit eines Eides an . « Mein Sohn neigte das Haupt und beharrte nicht weiter . » Ich habe Dich in Deiner Beschäftigung gestört ... Du schreibst ? « » Ja - meine Lebensgeschichte . Ich bin gottlob zu Ende . Das war das letzte Kapitel . - « » Wie willst Du den Schluß Deiner Geschichte geben ? Du lebst ja noch - und sollst noch viele Jahre , viele glückliche Jahre unter uns verbringen , Mutter ! Mit der Geburt meines kleinen Friedrich , den ich dazu erziehen werde , die Großmama anzubeten , beginnt ja wieder ein neues Kapitel für Dich . « » Du bist ein gutes Kind , mein Rudolf . Ich müßte undankbar sein , wenn ich an Dir nicht Stolz und Freude hätte ... und ebenso stolze Freude macht mir meine - seine holde Sylvia : ja , ich gehe einem gesegneten Alter entgegen . Ein milder Abend - aber die Geschichte des Tages ist doch aus , wenn die Sonne untergegangen , nicht wahr ? « Er antwortete nur mit einem stummen , mitleidsvollen Blick . » Ja , das Wort Ende unter meiner Biographie ist berechtigt . Als ich den Entschluß faßte , dieselbe zu schreiben , beschloß ich zugleich , beim 1. Februar 1871 abzubrechen . Nur , wenn Du mir auch noch durch den Krieg entrissen worden wärest , was ja so leicht hätte geschehen können - zum Glück warst Du zur Zeit des bosnischen Feldzuges noch nicht wehrpflichtigen Alters - nur dann hätte ich mein Buch noch verlängern müssen . Doch so wie es ist , war es schon schmerzlich genug zu schreiben . « » Und wohl auch - zu lesen ... « bemerkte Rudolf , in der Handschrift blätternd . » Das hoffe ich . Wenn dieser Schmerz nur in einigen Herzen thatkräftigen Abscheu gegen die Quelle des hier geschilderten Unglücks weckt , so werde ich nicht vergebens mich gequält haben . « » Hast Du aber auch alle Seiten der Frage beleuchtet , alle Argumente erschöpft , den Wurzelkomplex des Kriegsgeistes analisiert , die wissenschaftlichen Grundlagen genügend aufgebaut ? Hast Du - « » Mein Lieber , wo denkst Du hin ? Ich habe ja nur sagen können , was sich in meinem Leben - in meinen beschränkten Erfahrungs- und Empfindungskreisen abgespielt . Alle Seiten der Frage beleuchtet ? Gewiß nicht ! Was weiß ich z.B. - ich , die reiche , hochgestellte - - von den Leiden , die der Krieg über die Massen des Volkes verhängt ? Was kenne ich von den Plagen und bösen Einflüssen des Kasernenlebens ? Und die wissenschaftlichen Grundlagen ? Wie komme ich dazu , in ökonomisch-sozialen Fragen bewandert zu sein , und diese sind es - so viel weiß ich nur - welche schließlich alle Umbildungen bestimmen ... Keine Geschichte des vergangenen und zukünftigen Völkerrechts stellen diese Blätter dar - eine Lebensgeschichte nur . « » Fürchtest Du nicht eins ? Man merkt die Absicht und - « » Verstimmt wird man doch nur durch eine durchschaute Absicht , die der Urheber schlau zu verbergen meinte . Die Meinige aber liegt unverhohlen zu Tage - ist sie doch mit drei Worten schon auf dem Titelblatt verkündet . « Die Taufe hat nun gestern stattgefunden . Diese Feier gestaltete sich zu einer doppelt glückverheißenden , denn meine Tochter Sylvia und ihres kleinen Neffen Taufpate - den wir schon lange heimlich im Herzen trugen - : Graf Anton Delnitzky - haben sich bei dieser Gelegenheit verlobt . So bin ich durch meine Kinder rings von glücklichen Verhältnissen umgeben . Rudolf , seit sechs Jahren in den Besitz des Dotzkyschen Majorats gelangt und seit vier Jahren mit der ihm von Kindheit an bestimmt gewesenen Beatrix , geborenen Griesbach - dem wunderlieblichsten Geschöpft , das man sich vorstellen kann - verheiratet , sieht nur durch die Geburt eines Erben seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt . Kurz : beneidenswerte , glänzende Lose . Ein im Gartensaal eingenommenes Diner versammelte die Taufgäste . Die Glasthüren standen offen und die Luft des herrlichen Sommernachmittags strömte rosenduftend herein . Neben mir , an unserer Tafelrunde , saß Gräfin Lori Griesbach , Beatrixens Mutter . Dieselbe ist nunmehr Witwe . Ihr Mann fiel in der bosnischen Expedition . Sie hat sich den Verlust nicht stark