des Vaterlandes niedergelegt seien . Die beiden Dioskuren trafen einige jüdische Theaterfabrikanten , deren schwammiges Gesicht an ihre Rückseite der Medaille erinnerte . Man aß und trank sich satt und schimpfte dabei als Kenner über den Größenwahn der modernen Bierpaläste . Dann hob Aaronsohn an , über die schändlichen Wahlwühlereien der Conservativen zu jammern . » Jotte doch ! « fuhr ihm aber Leonhart in die Parade . » Gewühlt wird auf beiden Seiten ! Wir sind doch keine Kinder ! « - Bald darauf schwang sich der große Witzbold Lerchenheim zu der Behauptung empor , Wien sei die sittlichste Stadt im Vergleich zu Berlin . Es errege im » Sperl « ordentlich Aufsehen , wenn Einer dort Champagner bestelle und der wachthabende Commissär beauftrage die Weiber dann , ja aufzupassen : Das müsse ein Verbrecher sein . - Die eigentliche Presse hatte sich in einer Hinterstube versammelt . Zur Feier des Wahlsieges ließ man die ganze fortschrittliche Presse bei der Einladung aus und nur die Crême der Conservativen zu . Schmoller und Leonhart hieß man als Urgermanen beim Prüfen des » Stoffes « willkommen . » Meine Herren , « hub der Ehrenpräses an , » ich commandire einen Salamander . Wie uns dies Getränk bayrischen Ursprungs so recht von Herzen schmeckt , sollten wir gedenken an die Gemeinschaft unserer süd- und norddeutschen Stämme . Und wem verdanken wir alles das ? Sr. Durchlaucht dem Fürsten Reichskanzler , dem Kenner des deutschen Bieres , sei dieser Krug geweiht ! Er lebe hoch ! « Ein donnerndes Vivat . Einer zog sich bereits den Rock aus , um gemüthlicher bärenhäutern zu können : Tibitz , der antisemitische Witzbold , einer der bravsten und darum bestverleumdetsten Männer . Er erzählte soeben in seiner jovialen Art auf plattdeutsch die Mär von » Christofer Clambumbus « , dem Entdecker von Amerika . Bei solchem Salzwasser-Latein wird man halt durstig . Nachdem man dann noch darüber debattirt , daß man ein Internationales Weltblatt gründen wolle , trennte man sich mit einem schneidigen Abschiedsschoppen auf einen » frischen fröhlichen Krieg « . Der Ehrenpräses , ein ehrwürdiger homo obscurus , Peter v. Schnapphahnitzkoy ( in engerem Freundeskreis als zartsinniger lyrischer Frauenlob , sonst als malitiöse Schlangenzunge und Anonymus a.D. geschätzt ) , mußte ledeir per Droschke lallend nach Hause gebracht werden - wie sich ' s für einen christlichritterlichen Redacteur gebührt . Schmoller und Leonhart wankten endlich noch in einen benachbarten ur-bajuvarischen Keller . Dort stärkten sie sich mit einem Teller Radi sowie etlichen » Knickebeinen « und schwuren sich nochmals ewige Waffenbrüderschaft mit schon klein werdenden Aeugelein und bierseliger Stimme . Im Laufe der Erreignisse betheuerte Schmoller den nächstliegenden Gästen der Schänke , daß vor seinem neuen Roman , in welchem er alle seine persönlichen Feinde durchhecheln wolle , bereits halb Berlin zittere . » Ich habe noch nischt jemerkt , « brummte der Wirth . Darob ergrimmte Schmoller in seinem Leibe und schrie : » Was , Sie ! Sie wollen mich wohl uhzen ? Sie dummer Bierjunge , he ? Ich bringe Sie auch in meinen Roman . Dann werden Sie das Zittern schon lernen . « Er kam aber an den Unrechten . Denn der würdige Bierpapst hatte selbst Mehreres über den Durst getrunken . » Was , Sie fauler Kopp wollen mir das Gruseln lehren ? « brüllte er . » Zittern Se draußen ! Wem ' s hier nicht gefallen thut , der kann schieben ! Sie müssen ' raus , Sie ! Des is hier nich ! Also , meine Herrn , der Zimmermann hat ein Loch gelassen . « Leonhart fürchtete für seinen Freund . Dieser , als Sohn eines Kölnischen Weinküfers mit rheinischer Großschneuzigkeit behaftet , verdiente zwar an sich nicht den Geruch bramarbasirender Feigheit , in dem er stand . Aber seine zerrütteten Nerven schraken leicht zurück . » Herr , sehen Sie , wie ich bebe vor Erregung ! « grollte Schmoller , indem er seinen Cylinder aufsetzte . » Schweigen Sie , sag ich Ihnen , oder ich haue . « » Was ! ! ! « Der Wirth holte kräftig aus und schwippschwapp saß eine Ohrfeige . » Bange machen gilt nich . Da haben Sie , was Sie verdienen , und nun schreiben Sie man darüber ein Kapitel in Ihren ollen Roman . « Es entstand natürlich ein allgemeiner » Radau « und die beiden großen Männer wurden langsam hinausgedrängelt . Leonhart faßte den Wirth am Kragen und rüttelte ihn gehörig . Schmoller aber knöpfte sich den dicken Havelok zu , sah käsebleich aus und meinte sodann mit einem süßlichen Lächeln : » Es traf ja nur den Hut ! - Wenn ich wollte - sehn Sie diese Arme ! Ich war Schmied ! Komm , Leonhart , verachten wir die Bande ! « Beide schüttelten den Staub von ihren Füßen und wurden mit einem wohlgemeinten Schubs endgültig hinausgeworfen . Leonhart schritt sehr schweigsam fürbaß , während Schmoller eifrig weiter perorirte . » Haha ! « lachte er auf , » hast Du gesehn , Leon , wie ich den Kerl an der Brust faßte und hin- und herrüttelte ? Ich sage Dir , er bebte wie Espenlaub ! Nun , lieber Freund , Du kennst mich ja ! In mir steckt so ein Stück Elementar-Naturmensch . Ich mußte an mich halten , ich mußte ! Dank ' Dir auch , daß Du mich gehalten hast , - sonst wäre ein Unglück passirt ! ! « Leonhart konnte keine andere Antwort , als ein verwegenes Räuspern , finden . Die Phantasie seines edlen Freundes ging wieder zügellos mit diesem durch . » Es wird noch eine Marmortafel dort angebracht werden , wo wir Beide gesessen haben ! « rief der große Autor in tiefer sittlicher Empörung . » Lebewohl , mein Freund , und verachte die Welt wie ich . Man muß Philosoph sein ! Du ärgerst Dich noch zu viel . « Tiefgekränkt schritt er von dannen , wie er tiefgekränkt jeden Morgen erwachte . Zehntes Buch . I. Der große Saal des Architektenhauses füllte sich bis auf den letzten Platz , um die angekündigte Vorlesung Friedrich Leonhardts » zum Besten des Unterstützungsfonds der Berliner Presse « zu genießen . Schon aus Neugierde , wegen des vorlockenden Titels . Sämmtliche litterarische und persönliche Feinde des Dichters ( sie belegten schon allein die Hälfte der Plätze ) erschienen vollzählig und marschirten gleichsam in Gala auf . Man bemerkte den Doktor Drechsel-Caballo , der heute seinen Spitznamen » Richard Löwenmähne « ( nicht : Löwenherz ) durch wüthendes Schütteln seiner olympischen Locken bethätigte , und die Nachstotterer der » Tagesstimme « , wie sie eifrig Contra-Stimmung machten . Leonhart trat auf . Er war sehr bleich und der Frack stand ihm schlecht . Er begann mit etwas belegter Stimme , die sich aber allmählich zu sonorem Dröhnen steigerte . Größenwahn des Militarismus und der Schulmeisterei . Nicht gegen den Offizierstand wende ich mich , sondern nur gegen die Ueberhebung desselben und vor allem gegen eine Anschauung , welche den Krieg als naturnothwendiges Ideal der sittlichen Weltordnung und den Kriegerstand daher gleichsam als eine geweihte Priesterschaft der Weltgeschichtsentwicklung feiert . Wenn z.B. Herr v.d. Goltz-Pascha in seiner bekannten Schrift den Offizier nur mit dem » Dichter und Künstler « vergleichen will , so übersteigt diese Selbstvergötterung eben das zulässige Maß . In letzter Zeit sind nun Brochüren erschienen , welche den » Kriegsgedanken und die Volkserziehung « behandeln . Wir verhehlen nicht , daß wir sie mit einer gewissen , steigenden Entrüstung gelesen haben . Der Größenwahn des Militarismus entpuppt sich hier wieder einmal mit erschreckender Offenheit . Es ist ja an sich ganz löblich , wenn man seinen speziellen Beruf am höchsten stellt . Ludwig Feuerbach sagt in seiner » Philosophie des Christenthums « sogar irgendwo , daß diese Einseitigkeit ein nothwendiges Erforderniß des menschlichen Denkvermögens sei . Am höchsten stehen daher diejenigen Geistesrichtungen , welche die umfassendsten und wenigst einseitigen ihrem Wesen nach sein müssen : Poesie und Philosophie . Wenn sich denselben technische Künste , Musik , Malerei u.s.w. ebenbürtig zur Seite stellen möchten , so bleibt dieser harmlose Größenwahn ohne schädliche Folgen und gleichsam in der Familie , obgleich er die in Deutschland grassirende Ehrfurchtslosigkeit vor der Dichtung natürlich verstärken hilft . Aehnlich steht es mit der Ueberhebung der exakten Naturwissenschaften . Jedoch dies sind alles nur theoretische Fragen , die wenig ins praktische Leben einschneiden . Anders aber liegt der Fall , wenn ein bestimmter Stand mit dünkelhaftem Kastengeist sich über alle andern erheben will , wie dies ein altes Vorrecht des Kriegerstandes ist . So lange die Welt im Alterthum und Mittelalter wesentlich auf dem Kriegszustande fußte , mochte dies angehen . Heut aber in der neuesten Zeit darf dies natürlich auf die Dauer nur dann möglich beiben , wenn es gelingt , die Soldateska mit einem Schleier des Idealismus zu umweben und sie auch geistig als führendes Element hinzustellen . Dies ist denn auch der Zweck der vorliegenden Schrift . Der Dichterknabe Chatterton hat das berüchtigte Wort gesprochen , daß er den Intellekt eines Mannes gering achte , der nicht zugleich von zwei entgegengesetzten Seiten her ein Thema behandeln könne . So wollen wir denn wahrlich nicht mit den einseitigen Sophismen ins Gericht gehen , mit denen man einer an sich möglichst unidealen Thatsache die idealsten Seiten abzugewinnen sucht . Man beginnt dabei mit Ausfällen gegen die Schwärmereien der Friedensliga von einem » ewigen Frieden « . Es ist stets das sicherste Mittel , das denkfaule Philisterthum für sich einzunehmen , wenn man die Gegner als unpraktische Idealisten hinstellt . Nun sind aber alle ideal schöpferischen Geister stets eminent positiv angelegt , wie denn z.B. zu einem großen Dichter der durchdringendste , schärfste Verstand und realistische Weltkenntniß gehören . Vermöge dieser überlegenen Verstandeskräfte sind solche wahren » Idealisten « daher befähigt , die komische Ideologie der Utilitarier , den Fanatismus der Materialisten , zu durchschauen . So sagt Goethe das treffende Wort über den großen Anti-Ideologen Napoleon : » Er , der ganz in der Idee lebte , konnte sie doch im Bewußtsein nicht erfassen ; er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm jede Wirklichkeit ab , indessen er es eifrig zu verwirklichen trachtet . « Und wenn auch dieser Satz nicht auf unsre Militairpropheten paßt , so werden wir doch daran erinnert , wenn sie umgekehrt die spaßhafte Absicht verrathen , dem Roh-Realistischen das Ideelle unterzuschieben . Zuvörderst stellen all diese Gesinnungsgenossen die Theorie vom » ewigen Krieg « auf , die sich angeblich auf Darwins » Kampf ums Dasein « stützen soll . Nun ist es keine Frage , daß in den Urzeiten der sogenannte » Kampf ums Dasein « mit dem Kriegszustand identisch war . Gleichwohl wurde derselbe bereits in jenen barbarischen Epochen als ein schweres Uebel angesehen und die Söhne Kains spielen neben den friedlichen Nachkommen Seths durchaus keine gefeierte Rolle . Die gesammte Kulturentwicklung läuft aber einfach darauf hinaus , den Kampf ums Dasein zu mildern und vor allem aus dem Bereich der rohen Gewalt zu rücken . Die Geschichte der Civilisation ist einfach die Geschichte der zunehmenden Waffenabschaffung . Sogar im Kriege selbst ist die roheste Form des Kampfes , das Handgemenge , wo persönliche Stärke entscheidet , fast auf den Aussterbeetat gesetzt . Wie wenig man übrigens selbst in der Urzeit das Waffenhandwerk als etwas allgemein Gültiges betrachtete , geht hervor aus dem Bestehen der abgeschlossenen Kriegerkasten . Ein Ueberbleibsel derselben scheint es , wenn bis ins vorige Jahrhundert der Mann aus den besseren Ständen den Degen an der Seite trug . Seit hundert Jahren ist auch dieser schwache symbolische Ueberrest verschwunden . Wenn nun die Milderung des » Kampfes ums Dasein « Hauptziel aller Kulturbestrebungen ist und wenn eine solche Milderung in fortschreitender Progression in der That ersichtlich wird , so scheint die Möglichkeit eines » ewigen Friedens « nicht absolut ausgeschlossen , da die roheste Form des Daseinkampfes , der Krieg , auch am leichtesten zu beseitigen ist . Ob aber » ewiger Krieg « oder » ewiger Frieden « der Menschheit bevorsteht , ist ja nicht zu beweisen , da nur die Erfahrung , es lehren kann . Fürs erste sind beides hohles Phrasen . Die Wahrscheinlichkeit spricht aber gewiß eher für den » ewigen Frieden « . Um dessen Unmöglichkeit zu folgern , berufen sich die so hochidealen Kriegsfanatiker auf die Schlechtigkeit der Menschennatur . Sie vergessen dabei , daß nicht nur die edeln , sondern ebenso die niederen Regungen gegen den Krieg stimmen , da dem allmächtigen Egoismus und Eudämonismus die Kriegsmühsal gewiß nicht als ein Wünschenswerthes erscheint . Der Krieg ist nicht identisch mit dem » Kampf ums Dasein « und der Krieg ist keine Nothwendigkeit der sittlichen Weltordnung , der » ewige Krieg « ein Fabelpopanz und der Krieg in jedem Fall ein Uebel . Letzteres geben die Militäridealisten mit verschämter Salbung natürlich allerorten zu . Denn der Avancier-Wunsch des Leutnants scheint doch wirklich kein ausschlaggebendes Moment für Bejahung der Kriegsnützlichkeit ! Aber die Kriegsenthusiasten schwingen sich nun sofort wieder auf den Kothurn des Ideals , indem sie eine Art persischer Religion proklamiren , den ewigen Kampf von Ormuz und Ahriman , - um den Kampf an sich als aller Dinge Herrlichstes zu preisen . Wir befinden uns in der angenehmen Lage , dasselbe philosophische Lebensprinzip zu hegen und auch öfters schriftlich ausgeführt zu haben . Nun möchten wir aber fragen , all die angeklebten Tiraden über Stählung des Kampfmuthes , Verweichlichung u.s.w. lächelnd übergehend : was das wohl mit dem Krieg zu thun habe ? » Denn ich bin ein Mensch gewesen und das heißt ein Kämpfer sein « - so war ' s gemeint , als Zoroaster seine herrliche Kampflehre schuf . An den Krieg hat er sicher nicht gedacht , denn das hieße Kampf von Ahriman gegen Ahriman , das hieße den Teufel vertreiben durch Beelzebub . Der wahre ernste Kampf , der schwerste und muthvollste Kampf , von dem allein die Entwicklung der Menschheit abhängt , ist der Kampf mit den Dämonen der Welt und der eigenen Brust . Dagegen ist der Kampf der Waffen ein erbärmlicher Tand , eine komödiantische Aufregung , des wahren sittlichen Ernstes bar . Es ist eigentlich albern , solche Selbstverständlichkeiten noch zu erwähnen . Der Kampf ums Dasein selbst im bürgerlichen Leben erfordert hundertmal mehr Energie und sittlichen Mut , als der frivole oder rein physische Schlachtenmuth . Auch die Bestie ist tapfer in diesem Sinn ; aber wenn sie mal nichts zu fressen hat , dann winselt sie . Man müßte es nicht nur als sittliche , sondern erst recht als intellektuelle Unreife beklagen , wenn die Abneigung gegen Krieg und Soldatenspielen , gegen welche Verfasser polemisirt , nicht bei einem modernen Bürger vorhanden wäre . Möge sich der rothe Kragen an der Verehrung der Knaben und Weiber genügen lassen . Wenn nun alle idealen Redensarten nichts gegen die schlichte Logik der Vernunft verfangen und der Krieg , seines idealen Schimmers entkleidet , als ein trauriges , wenn auch momentan nothwendiges Antikultur-Uebel erscheint , so fällt natürlich eine übertrieben hohe Auffassung des Soldatenstandes in Nichts zusammen . Es soll keinen Augenblick bestritten werden , daß der Krieg die edelsten Gefühle der Menschenseele ausbilden kann , natürlich ebenso die allerniedrigsten . Traurig genug , daß gutmüthige und in gerechter Sache kämpfende Soldaten sich in der Erregung den tollsten Exzessen hingeben können . Das Alles aber gilt für den Krieg nur wie für jedes andere außergewöhnliche Ereigniß , das mit Gefahr verbunden ist . Was aber - fragen wir hier wieder - hat der Krieg mit der Ueberhebung des Offizierstandes zu thun ? ! Denn nur darum handelt sich ' s bei dieser Broschüre und vielen ähnlichen ! Der Krieg selbst wird ja auch nur gleichsam als pièce de résistance im Hintergrunde weihevoll verwerthet ; der wahre Zweck ist bloß der , die übertriebenen Achtungsansprüche des Offiziers in Friedenszeiten zu begründen . Heut bei der allgemeinen Wehrpflicht ist ja selbst dieses wunderherrliche Institut der sittlichen Weltordnung , » Krieg « genannt , den priesterlichen Händen einer speziellen Kriegerkaste entwunden - wenigstens was die Gefahr , diese so wundersam sittlichende Gefahr , anbelangt : dies höchste sittliche Gut teilt der Offizier brüderlich mit jedem waffenfähigen Bürger , um für sich hernach bloß das minderwerthige schnöd materielle Gut etwaiger Dotationen und Auszeichnungen zu behalten . Diese großartige Selbstverleugnung , diese freigebige Humanität im Theilen der Sittlichkeitsmomente des Krieges , damit selbst der Geringste derselben theilhaftig werde , muß man um so höher schätzen , als sich ja der Offizier auch ohne den » Kriegsgedanken « um die » Volkserziehung « so unendliche Verdienste erwirbt . Wenigstens ist laut unserm gelehrten Verfasser der Leutnant der wahre Erzieher des deutschen Volkes , während unsere ganze sonstige Erziehung ungenügend und schädlich wirkt . Den letzteren Theil seiner Prämissen mag ich durchaus nicht befehden . Der deutsche Schulmeister leidet eben an dem gleichen Unfehlbarkeitsdünkel wie der » militärische Erzieher « und es scheint daher nur ergötzlich , wenn der Letztere durch seine gewichtige Autorität die Feinde des bestehenden Erziehungssystems verstärkt . Diese Frage interessirt uns ja aber hier nicht , sondern nur die , welcher moralische Nutzen denn eigentlich durch die militärische Erziehung , d.h. die allgemeine Wehrpflicht , bewirkt wird . Es ist mindestens zweifelhaft , ob die dreijährige ( in Frankreich noch längere ) Entziehung der besten physischen Kräfte aus dem eigentlichen produktiven Kampf ums Dasein nationalökonomisch günstig zu nennen sei . Es ist zweifelhaft , ob wirklich eine Kräftigung der physischen Gesundheit durch das » Dienen « erzeugt wird , die im Verhältniß zu dem enormen Zeit- und Müheaufwand steht . Vermuthlich würden Arbeiten in frischer Luft oder Reisen oder Sport in einem Viertel der Zeit hier wohlthätiger wirken , da die tausend ungesunden Nebendinge des Kasernenlebens , sowie die Ueberanstrengung und die fortwährende Unruhe oder gar Angst sehr störende Beigaben des Soldatenlebens scheinen . Turn- , Fecht- und Schießklubs dürfen Gewandtheit und Handhabung der Waffen vielleicht leichter lehren , als die Hudelung des Unteroffiziers es bewerkstelligen kann . Doch halt , alle Unannehmlichkeiten des Soldatenleben sollen ja eben den Charakter stählen . Den Charakter ! Kann man von Charakter überhaupt noch reden , wo die Grundlage jeder Charakterfestigung , nämlich freier Entschluß und eigene Initiative , von vornherein ausgeschlossen sind ? Der » Dienst « soll die große Tugend des Gehorsams einpflanzen . Nun unterschätze ich diese Tugend nicht . Alle Vereinigungen , heißen sie nun Staat , Heer , Privatverein , können sich nur halten durch Gehorsam gegen das Höhere , den allgemeinen Zweck . Dieser Gehorsam aber ist das legitime Kind des freien Willens , der freien Erkenntniß , während der vom Militär geforderte Gehorsam der des Sklaven ist . Würde dieser Gehorsam wirklich als unauslöschliche Tugend durch die allgemeine Wehrpflicht eingeimpft , so könnte dies nur widerliche und traurige Folgen haben . Ein solcher Gehorsam fügt sich in keiner Hinsicht dem modernen Bürgerleben ein ; er wird dort nicht verlangt und wäre nur vom Uebel . Nur im sogenannten » Staatsdienst « kann er von Nutzen sein und wirklich blühen ja Streberei und Knechtssinn dort täglich herrlicher auf . Diese hohe Tugendlehre der militärischen Erziehung mag daher einem Absolutisten erhaben , einem modernen Menschen aber muß sie als verächtliche Untugend erscheinen . Ich leugne auch , daß diese zweifelhafte » Subordination « ( die nur im Armeewesen Berechtigung hat ) irgend Jemandem für sein späteres Civilverhältniß eingeprägt werde . Die Naturen sind eben verschieden . Der größte Militär ( Napoleon ) hat direkt gesagt : Nach seinen Erfahrungen sei der Satz » Wer herrschen will , der muß erst dienen lernen , « barer Unsinn . Gerade die , welche nie und nirgends Unterordnung verstünden , würden sich um so besser auf ' s Gebieten verstehen . Vergeblich wird man daher freien , selbstständigen und initiativen Naturen ( ich meine hier natürlich keine Herrschernaturen , sondern überhaupt alle energischen Impulsiven ) blinden Gehorsam predigen . Wer den militärischen Gehorsam aus der Dienstpflicht ins Leben nachschleppt , war einfach so angelegt und bedurfte einer solchen Erziehung gar nicht . Die Majorität der Menschheit besteht eben schon aus Lakaienseelen , diensteifrigen Naturen , Stimmvieh . Vor geraumer Zeit machte der Fall viel Aufsehen , daß vier Landwehrmänner bei einem Manöver sich geweigert hatten , in einem Viehwagen transportirt zu werden , darob an den Kaiser ein Beschwerdetelegramm richteten und dafür zu vielen Jahren Zuchthaus verurtheilt wurden . Die Höhe des Strafmaßes mag zu hart gewesen sein ; aber das Mordsgeschrei , das die liberalen Blätter darüber erhoben , war unberechtigt . Eine so beispiellose Dreistigkeit , wegen einer solchen Lapalie die Vorgesetzten beim obersten Kriegsherrn per Telegramm zu verklagen , verdiente exemplarische Züchtigung . Es liegt hier sogar eine Unverschämtheit vom rein menschlichen Standpunkte aus vor . Eine andere Frage ist es freilich , ob der betreffende Offizier , falls er wirklich etwas Gesetzwidriges - z.B. körperliche Mißhandlung - begangen hätte , ebenfalls wegen Ungehorsams gegen das Militärgesetz ähnlich hart bestraft worden wäre . Ich fürchte fast , hier hätte die Antwort gelautet : Ja Bauer , das ist ganz was anders ! - Jedenfalls aber zeigt die bloße Möglichkeit eines solchen naiven Aufbegehrens seitens vier beliebiger preußischer Landwehrleute , wie wenig der Sinn sklavischer Unterwürfigkeit - als » Gehorsam « ein nothwendiges berechtigtes Militärgebot - im späteren Civilisten wurzeln bleibt . So sind sie nun mal , die modernen Menschen ! Vom Militär-Standpunkte aus , der die Menschheit als eine Masse zu drillender Rekruten betrachtet , ist das beklagenswerth , aber leider unabänderlich ! Die weiteren segensreichen Einflüsse des » Dienens « machen sich bemerkbar in einer allgemeinen Zufahrigkeit und verstärkter Brutalität in den unteren Schichten , wie denn seit dem Kriege die Verbrechen gegen das Leben , das Messerstechen , die Roheit der Balgereien sich rapide steigerten . Bei den höheren Ständen ( Einjährig-Freiwilliger , Reserveoffizier , d.h. ein Geschöpf mit den Pflichten ohne die Rechte des Offiziers ) bleibt eine vermehrte Vorliebe für alles Aeußerliche , Schein , Etikette und alles überreizte falsche Point d ' honneur -Gefühl zurück . Das sind die logischen Folgen - weiter nichts . Durch diesen Geschmack am Aeußerlichen wird oft für lange Zeit der wahre Ernst zur Arbeit untergraben . Die aus der Dienstpflicht Zurückkehrenden , seien sie Gelehrte oder Bauer , müssen sich erst mit Anstrengungen wieder an ihren wahren Beruf gewöhnen , aus dem sie plötzlich herausgerissen sind . Natürlich sind unsere geschätzten Militärpädagogen harmlos genug , den Hauptwerth der Erziehung auf Berücksichtigung der individuellen ursprünglichen Eigenschaften zu legen . Kann man sich das Lachen verbeißen , wenn man , einige Sätze des deutschen Ausbildungs-Reglements citirend , ernstlich davon redet , daß die Militärerziehung auf dies wichtigste Moment Rücksicht nehme ? ! Das ist des Spaßes , und der - Selbsttäuschung genug ! Ja , sehr richtig heißt es in den Vorschriften der Militärerziehungsmethode : » Eine äußere , wesentlich nur durch Uebungen im Ganzen erzielte Zusammenfügung der Truppe wird bei unerwarteten Ereignissen nicht vorhalten und die Disziplin nur dann ein festes dauerndes Band für das Ganze abgeben , wenn sie auf dem Bewußtsein basirt , daß im Ernstfall der Erfolg von der Erhaltung des durch den Führer geleiteten Zusammenwirkens abhängt . « Das sind goldene Worte und Erfahrung bestätigt sie . Die preußische Armee von 1806 besaß ein treffliches Offizierkorps in den subalternen Chargen und eine wohlgedrillte Armee , die mit ihrer veralteten Lineartaktik so lange wacker schlug , bis die elende Oberleitung jeden Widerstand gegen den besser geführten Feind unnütz machte . Hätte sie aber jene innere Einsicht , jenes feste dauernde Band des bewußten Zusammenwirkens besessen , so wäre von einer so beispiellosen Auflösung des gesammten Heergefüges keine Rede gewesen . Im Befreiungskriege aber leistete nachher die preußische Armee Unerhörtes , trotzdem sie zum größten Theil aus Landwehren und das Offizierkorps der Linie wesentlich aus denselben Elementen bestand , die früher bei Jena so schlecht bestanden hatten . Die französischen Truppen mit ihren Veteranenoffizieren waren technisch überlegen . Aber diesmal war die preußische Oberleitung eine glänzende , und das innige moralische Zusammenwirken der Gemeinen und Offiziere ergab sich aus dem gleichmäßig alle durchlohenden Patriotismus . Es ist also immer der moralische Faktor , die Idee , die siegt - falls sie nur einigermaßen praktisch unterstützt wird . Wie aber soll in gewöhnlichen Zeitläuften durch Militärerziehung dies moralische Element erzielt werden , da weder Offiziere noch Unteroffiziere darauf ausgehen , sich die Liebe ihrer Untergebenen zu erringen ? Nach dieser Theorie würden ja die Chancen des nächsten deutsch-französischen Krieges ungünstig für uns stehen . Denn wie 1870 die technisch ebenbürtige , besser bewaffnete Streitmacht Frankreichs zertrümmert wurde , weil man ein einmüthiges Zusammenwirken der Deutschen durch begeisterte Vaterlandsliebe erreichte - so scheinen die Franzosen diesmal diejenigen , welche ein einmüthiges bestimmtes Ziel haben , während in Deutschland kein Mensch einen ersehnbaren Wunsch und Zweck dabei im Auge hat . Aus diesem Grunde siegen ja oft schlecht bewaffnete ungeübte Haufen in Revolutionskriegen über die ältesten Truppen . Denn wer siegen will und das Leben für nichts achtet , der muß siegen . Diesen Geist kann aber wahrlich keine Erziehung und am wenigsten die militärische , wie sie bei uns getrieben wird , erzeugen ! Wir haben aber oben noch einen andern Punkt berührt , wir sprachen von der Oberleitung . Und da ergiebt sich denn für den Kundigen wiederum die Lächerlichkeit des Offiziersdünkels an sich . Denn nicht die Tüchtigkeit des Offizierskorps entscheidet im Kriege , sondern lediglich die geistige Beschaffenheit des Oberkommandos . Mit schlechten Truppen und Offizieren siegt ein guter Feldherr über gute Truppen und Offiziere unter einem schlechten Feldherrn . Das ist beinahe selbstverständlich . In Anerkennung dieser Thatsache gehen die heutigen Offiziere sogar so weit , daß sie schon die bloße Energie ohne Talent im Oberbefehl für genügend achten , mit schlechten Truppen Gewaltiges zu leisten . Sie verehren Gambetta , dessen Organisationstalent einfach auf rücksichtslos durchgreifende Brutalität sich beschränkt . Goltz und York erklären geradezu , Gambetta habe in seiner Art wenigstens die Hälfte eines großen Feldherrn repräsentirt - Gambetta , der prahlende Charlatan , der schwatzhafte Advokat , dem notorisch selbst die Anfangsgründe militärischen Wissens fehlten , der nicht mal ein Dilettant , sondern ein einfacher Laie genannt werden muß ! So leicht ist es nach Ansicht von Fachmilitärs , ein genügend großer Heerführer eines großen Volkes zu werden , falls man nur überhaupt über das Durchschnittsmaß der Intellekte hinwegragt ! Wie viele Gambettas unter Parlamentarien verborgen schlummern , die nur der Zufall nicht begünstigt - wer weiß es ! Wirklich meint ja auch Carlyle , daß im Grunde alles wahre Genie eins und untheilbar sei , daß Shakespeare der größte Staatsmann , Burns der größte Redner und Reformer u.s.w. geworden wären . Und jedenfalls steht fest , daß die wenigen großen Feldherrn , welche uns die Geschichte zeigt - Cäsar , Napoleon , Cromwell , Friedrich der Große , - nicht durch Selbstbestimmung , sondern durch die Gewalt der Umstände Feldherrn wurden und in allen möglichen andern Gebieten sich zugleich versuchten , wie denn nach Napoleons und Friedrichs Vorgange auch unser Moltke stark litterarische Neigungen aufweist . Alle großen Feldherrn , ohne jede Ausnahme , wurden große Feldherrn , weil sie überhaupt große Männer waren , und jeder bildete sich selbst ohne alle Schule durch eigene Denkthätigkeit und Initiative zum Feldherrn aus . Die » militärische Erziehung « hat also auf das wichtigste Moment des militärischen Erfolges : die Feldherrnerzeugung , nicht den geringsten Einfluß . Sie könnte hier höchstens schädlich wirken , da ihr Grundprinzip , das Nivelliren , die Eigenart niederdrückt und das Prinzip der geduldigen Unterordnung , des Avancements nach Anciennität , das Aufkommen des Genies ohnehin hindert . Daher sind Revolutionszeiten ( siehe die französische Revolution , den amerikanischen Befreiungskrieg und später den Secessionskrieg ) die wahren Pflanzstätten militärischer Begabung , während die berühmte » militärische Erziehung « nur entweder Theoretiker oder Gamaschenhelden erzeugen kann . Wir fragen also nochmals zum Schluß : hat der Größenwahn des neudeutschen Militarismus das Recht , sich mit solcher Wichtigthuerei als Hauptfaktor der Volkserziehung aufzuspielen ? Wir antworten mit einem kräftigen : Nein . Das Soldatenthum ist auf lange Zeit hin ein nothwendiges Uebel und wir nehmen den Offizier mit stiller Resignation als ein unabänderliches Utensil der sittlichen Weltordnung mit in den Kauf . Doch dem Offizier zu den großen äußern Vorrechten seiner Stellung auch noch ein ideales Piedestal zu errichten - diese Zumuthung lehnen wir ruhig , aber entschieden ab . Leonhart machte hier eine kurze Pause , trank ruhig ein Glas Wasser , indem er seinen Blick gleichmüthig über die offenbar mißgestimmte , sich räuspernde und unruhige Versammlung hingleiten ließ und fuhr fort : Wer seine Nation verachtet und das Fremde vergöttert , wie der Deutsche es früher that , verdient , daß er gar kein Vaterland habe . Wer hingegen seine Nation plötzlich als Ausbund aller Tugenden feiert , wie das jetzt nach dem Muster der Franzosen und Engländer in Deutschland beliebt wird , mag für seine Thorheit selber büßen . Denn nicht Patriotismus ist der Grund solch chauvinistischen Selbstgefühls , sondern jene uranfängliche Philisterfaulheit , die sich in dem Unrath ihrer eignen Dummheit ganz behaglich fühlt . Es lebe die Bärenhaut ! Alle Institutionen Deutschlands sind musterhaft . Wer dagegen schwatzt , ist ein Skandalmacher . Ruhe ist die erste Bürgerpflicht . Ueber die zwei Cardinallaster , die zwei Hauptpuppen des speciell preußischen Größenwahns möchte ich hier ein wenig unehrerbietig freveln . Es ist schon gut gesagt worden , angesichts der unglaublichen Phrase , die an Phantastik eines V. Hugo würdig : » Der Schulmeister hat die Schlachten von Königgrätz und Sedan gewonnen « - : » Larifari , der Unteroffizier hat sie gewonnen . « Ja wohl , das klingt wenigstens nach gesundem Menschenverstand . Und dennoch ist auch dies eine ganz vague Behauptung , die sich ins Unendliche fortsetzen ließe . Denn sicher war es weit mehr die