. Sender seufzte tief auf , aber da klang ein Glöckchen , und der Vorhang rollte empor , wenn auch schwer . » Er zögert mitleidvoll « , sagte der Herr halblaut zu seiner Frau . Der Kirchplatz des steirischen Dorfes wies ein mächtiges von Bäumen umgebenes gotisches Schloß auf . » Der Park von Fotheringhay « , flüsterte Senders Nachbar . Hanna und der Pfarrer traten auf . Die Linden war eine ältliche hagere , häßliche Blondine , die schrecklich kreischte , aber von Birk sagte sich Sender nach den ersten Sätzen respektvoll : » Der kann was ! Oder hat doch was gekonnt « , fügte er bei , als er sah , wie Kniee , Hände und Kinnlade des hochgewachsenen Mannes zitterten und er angstvoll nach dem Souffleur schielte . Aber da kamen Stickler und Können als Lorenz und Schulmeister , und die Zuschauer lachten los . Es galt der Maske Könnens ; in dem Bestreben , die Nase zu mildern , hatte er sich dicke Wangen aus Pappendeckel und einen Riesenschnurrbart mit emporgerichteten Spitzen angeklebt , es war ein fürchterlicher Anblick . Der Kleine zuckte zusammen , als er sich so begrüßt sah . » Wel-Weltenlauf ! « stotterte er das erste Wort seiner Rolle . Da lachten sie wieder . » Backen weg ! « rief ein Offizier , » Nase heraus ! « Das Johlen ward zum Brüllen . Erst bei Hannas Deklamation von der Judenfamilie , die sie im Wald gelabt , beruhigte sich das Publikum wieder , aber als nun Können sagte : » Die Jüdin ? Ist die Jungfer verrückt ? « rief jemand : » Pfui , Kohn , gönn ' s deinen Leuten « , und der Spektakel ging wieder an . Die Bühne füllte sich , der Krämer , der Schneider , der Bäcker traten auf . Offenbar Soldaten in den seltsamsten Kostümen . Nun war Sender das lange Personenverzeichnis verständlich , wenn er auch nicht begriff , warum die Statisten auf der linken Seite jüdische , auf der rechten christliche Namen trugen . Die Reden , die ihnen der Dichter zugeteilt , sprach sämtlich die Kassierin als » alte Liese « . Da erhob sich neues Lachen , aber auch Beifallsklatschen , zwei offenbar angetrunkene ruthenische Bauern , die man ruhig in ihrer Tracht gelassen , zerrten Deborah auf die Bühne . Sender zuckte zusammen . » Um Gotteswillen , das ist ja Malke ! « Das waren ihre blauen Augen , ihr gewelltes braunes Haar . Aber die Gestalt , die das Hemde und der Unterrock kaum verhüllten , war viel üppiger , und als die Schönau zu sprechen begann , atmete er auf . Das war nicht Malkes Stimme , nicht ihr Ausdruck . » Hübsch sieht das Mädel heut ' wieder aus « , murmelte der Offizier hinter Sender , er mußte ihm in Gedanken zustimmen und ließ kein Auge von ihr . Der Schrecken war verschwunden , aber sein Herz pochte in schweren Schlägen , und die Wangen flammten ; es ärgerte ihn , daß dies schamlos entblößte Geschöpf , das so überaus deutliche Blicke ins Parterre warf , Malke ähnlich sah , aber schön war das Mädchen wirklich , und gerade diese Ähnlichkeit hatte einen unheimlichen Reiz . Als ihr Blick ihn traf und dann immer häufiger auf ihm haftete , schlug er den seinen zu Boden und nestelte an der ihm ohnehin ungewohnten Krawatte ; das Atmen wurde ihm schwer . Erst als der Vorhang zur Verwandlung gefallen war , wich diese quälende Empfindung . » Schade um sie « , sagte der Herr nebenan zu seiner Frau . » Sie soll ein ganz verworfenes Geschöpf sein , aber ein Talent ist die doch ! « Darauf hatte Sender noch nicht geachtet . Als sich der Vorhang zur Waldszene zwischen Deborah und Joseph hob , gab er sich Mühe , auch ihrem Spiel zu folgen . Das gelang ihm freilich nur , wenn sie ihren Partner , Hoheneichen , anblickte , nicht das Parterre , aber sein Instinkt ließ ihn sofort den ungeheuren Abstand zwischen den beiden erkennen . Sie sprach fast natürlich , ihr Wehruf wie ihr Jubel gingen ihm ans Herz - » Die hätte sogar mein Pater gelten lassen « , dachte er , » der immer so fürs Einfache war . « Nun fiel ' s ihm auch bei - das war ja die Portia seines ersten Theaterabends . Hoheneichen hingegen heulte entsetzlich - er hatte sich in den beiden letzten Jahren offenbar sehr verschlimmert . » Gott segne dich ! Geliebter ! Gute Nacht ! « Deborah streckte sehnend die Hände aus , der Vorhang fiel , die Leute riefen : » Schönau , Bravo ! « Und sie erschien dreimal und verbeugte sich , die runden Arme über dem üppigen Busen gekreuzt , auf den Lippen das Lächeln einer Hetäre . » Schade um sie « , dachte nun auch Sender . » Bisher ist aber das Judenvolk gut weggekommen « , sagte Senders Nachbar zur Linken halblaut zu seinem Begleiter . » Natürlich haben sie auf dem Zettel wieder geschwindelt « , erwiderte dieser verächtlich . Sender schnitt ein grimmiges Gesicht . » Das will ich dem Kleinen sagen « , dachte er . Im übrigen sprach man aber nirgendwo vom Stück , sondern nur von der Schönau und spottete daneben über Können . Das Publikum war nur auf seine eigene Unterhaltung angewiesen , die Stühle der Musiker blieben leer . Sender erkundigte sich bei seinem Nachbar zur Rechten nach der Ursache . Der Herr blickte ihn lächelnd an . » Mir scheint « , sagte er , » das könnten Sie ebenso gut wissen wie ich . Es ist ja Sabbat Vorabend , da dürfen die Musikanten nicht spielen . « Sender errötete . Er hätte in dem feinen Herrn den Glaubensgenossen nicht herausgefunden . » Gewiß , ich bin auch ein Jude « , erwiderte er eifrig , worauf der » Herr Doktor « - so nannten ihn andere - abermals lächelte ; die ausdrückliche Beteuerung mochte ihm wohl überflüssig erscheinen . Die Eingangsszene des zweiten Akts brachte Sender eine weitere Erklärung für die Länge des Zettels . Der Dorfbader , der den vom Schlag gerührten und darum zunächst unsichtbaren Lorenz behandelte , obwohl er für die Christen » Herr Mohrenheim « , für die Juden » Herr Kohn « hieß , war derselbe Stickler , der im ersten Akt den Lorenz gespielt . Für die Heiterkeit sorgte auch diesmal der unglückliche Können schon durch seinen Anblick , noch mehr durch die Hetzrede gegen die Juden . Nach einer Weile kam Stickler wieder als Lorenz , dann nach der Verwandlung die Kassierin als Judenweib , und Birk als Abraham ; er hatte sich nur einen weißen Bart umgebunden , der Talar war derselbe , den er als Pfarrer trug . Die Leute schwatzten , erst als Deborah wieder erschien und ihren Monolog über die Liebe sprach , wurde es still . » Stark wie der Tod ist Liebe « - Sender errötete bis ins Stirnhaar , wieder blickte sie ihn voll an . Auch diesmal folgte großer Beifall , aber den Vogel schoß doch der dumme Hritzko ab , der nun an Könnens Seite als Gerichtsdiener erschien . Er trug seine gewöhnliche Uniform , sogar der zerfetzte Strohhut mit dem Blechschild » Städtische Polizei « fehlte nicht . Alle klatschten wie besessen , und als sich Hritzko nun aber vernehmen ließ - er erwiderte auf Könnens Satz : » Gehen die Juden nicht gutwillig , so jagen wir sie fort ! « , in ruthenischer Sprache : » Ja , die Juden müssen fort ! « - wollte der Jubel kein Ende nehmen . Aber die nächste Szene , wo Birk-Abraham Können als Juden entlarvte , entfesselte fast gleiche Heiterkeit , » Kohn « jubelte es von allen Seiten , » da hast du ' s nun ! « Der Verhöhnte tat Sender leid ; aber daß er fast ebenso entsetzlich spielte , wie er aussah , mußte auch er sich sagen . Hingegen gefiel ihm Birk in dieser Szene , der ergreifendsten des sonst so hohlen Tendenzstücks , sehr . » Auch um den ist ' s schade « , dachte er . Dann wieder eine Verwandlung - das heißt , der Vorhang fiel , - das englische Königsschloß hing noch immer da - die Verweisung Deborahs durch Lorenz , ihre Szene mit Joseph . Abermals klatschte das Publikum , sie erschien diesmal , Hoheneichen an der Hand ; ihr Blick flammte Sender an , daß er seinen niederschlug . So blieb er auch sitzen , nachdem der Vorhang gefallen war . » Die Schamlose « , dachte er , » die Leute merken es gewiß . Was will sie von mir ? « Aber innerlich schmeichelte es ihm doch . Da hörte er hinter sich einen Offizier seinem Kameraden zuflüstern : » Du , Röder , hast dich mit der Schönau eingelassen ? Sie schaut dich immer so an . « Der andere lachte verlegen . » Was soll man in dem öden Nest anfangen ! « Sender wurde abwechselnd bleich und rot . Er wußte sich vor Scham nicht zu fassen . Und er hatte geglaubt , es gelte ihm ! Der erste Teil des dritten Akts , die Hochzeit Josephs mit Hanna , währte nur kurz , da die meisten Rollen durch Statisten dargestellte waren , hingegen wurde der Schluß , die Fluchtszene , vollinhaltlich gegeben . So entrüstet Sender über die Schönau war , er mußte sich sagen , daß sie ihre Sache gut mache , und als nach den kuriosen Schlußworten , die der Dichter seiner Heldin in den Mund legt : » Leb ' - elend ! Denke mein ! Auf Wiedersehn ! « der Beifall losbrach , stimmte er mit ein . Aber in diesen Beifall mischten sich nun auch Zischen und Widerspruch , die freilich nicht der Schauspielerin galten . » Das ist ja für die Juden ! « riefen einige , » Juden hinaus ! « worauf die Juden noch stärker applaudierten . Die Offiziere hörten erheitert zu , ohne sich in den Streit zu mischen , und als einer von ihnen rief : » Hoch Mosenthal , der jüdische Schiller ! « stimmten alle lachend ein . Nur Senders Nachbar zur Linken schien sich nicht zu beruhigen . » Juden hinaus ! « rief er immer wieder . Sender wandte sich heftig zu ihm , da legte ihm der Herr zur Rechten die Hand auf den Arm . » Ruhe ! « sagte er lächelnd . » Er geht ja gegen mich . Der Mann ist mein Kollege ... Advokat Doktor Tittinger « , stellte er sich dann vor . » Kurländer , vom Czernowitzer Stadttheater « , erwiderte Sender und fügte dann alter Gewohnheit gemäß bei : » Ein Barnower bin ich ! « Der Advokat war etwas erstaunt . » So , aus Barnow ? « sagte er dann höflich . » Da kommt ja jetzt endlich auch ein Advokat hin , der Doktor Bernhard Salmenfeld aus Czernowitz . Die Ernennung steht heute im Amtsblatt ... Kennen Sie ihn ? « fragte er , als er sah , wie durch Senders Antlitz ein Zucken ging . » Nein « , erwiderte dieser hastig . Die Nachricht kam ihm sehr überraschend , er hatte die Bemerkung in Bernhards Brief , daß dieser auch mit der Ernennung für Barnow zufrieden sein würde , für einen Scherz genommen . » Also wird Malke doch ihr Leben in Barnow verbringen « , dachte er . » Alles Gute mit ihr - aber es ist doch auch deswegen gut , daß ich fort bin . « Ihr Bild trat wieder klar vor ihn hin , es wurde ihm wehmütig ums Herz . » Die Schönau sieht ihr etwas ähnlich « , dachte er , » ja - aber wie eine Dirne einer Königin ! « Die erste Szene des vierten Akts - Ruben führte eine Schar Juden nach Amerika - brachte eine andere Dekoration , einen griechischen Tempel , und , da der » Herr Silberstein « des Zettels ein Pseudonym für Können war , stürmische Heiterkeit . Die Backen waren nun weg , hingegen hatte er das halbe Gesicht mit einem schwarzen Bart zu verdecken versucht , aber die Nase leuchtete nun wieder glorreich hervor und wurde stürmisch begrüßt . Dieser Szene folgte übrigens gleichfalls ein Streit , der das Stück betraf , nur spielte er sich diesmal unter den Juden ab . Namentlich auf der Galerie sah man sie heftig gegeneinander gestikulieren . Sender begriff nicht , was sie wollten . » Auch diesen Streit hat der Zettelschreiber auf dem Gewissen « , belehrte ihn der Advokat . » Auf der jüdischen Seite läßt er Ruben die Juden nach Palästina führen , darum sind heute auch viele Chassidim gekommen . Im Stück aber läßt ihn der Dichter sagen : Jerusalem ist unsre Heimat nicht , und für Amerika schwärmen , und nun schimpfen sie über Mosenthal und den armen Kerl , den Können , während die Aufgeklärten beide verteidigen . Aber ihr Eintrittsgeld bekommen sie doch nicht wieder « , schloß er lachend . » Sie sehen , der Zettelmann versteht sein Geschäft . « » Mag sein « , erwiderte Sender , » aber bei uns am Czernowitzer Stadttheater kommt das gottlob doch nicht vor . « Die Schlußszene befriedigte wieder alle Parteien , Christen und Juden . Die beiden Kinder des Fräulein Linden weckten allgemeine Rührung ; die Christen waren befriedigt , daß sich der Titel » Der Juden Fluch ist der Christen Segen « insoweit bewahrheitet , als Joseph und Hanna miteinander glücklich waren und blieben , die Juden aber , daß » die Feinde schließlich die Israeliten segnen müssen « - sogar mit Rosenkränzen in den Händen ! Der Beifall klang stürmisch , alle Mitspielenden , sogar Können , erschienen und verbeugten sich , ein zweites Mal trat Fräulein Schönau allein hervor und hielt eine Ansprache . » Hochverehrte Gönner ! « begann sie . » Im Namen der Direktion danke ich Ihnen für die überreiche Huld und Gnade , die Sie uns bisher erwiesen haben , und erlaube mir zugleich , Sie zu meiner Benefizvorstellung für morgen ergebenst und dringendst einzuladen . Es wird gewiß niemand das Theater unbefriedigt verlassen , denn wir werden geben : auf allgemeines Verlangen , Schneider Fips ' , dann zum ersten Male Maria Stuart von dem bekannten Dichter Friedrich Schiller , darauf das herrliche , hier noch nie gegebene Lustspiel : Das Landhaus an der Heerstraße von dem unsterblichen Kotzebue , der auch den Schneider Fips geschrieben hat . Ferner werde ich das Gedicht : Der Handschuh von Schiller deklamieren , die Soloszene : Lieschen im Hemde von einem unbekannten , aber noch berühmteren Dichter vorführen und zum Schluß , meine liab ' n Herrn , da sing ' i a paar fesche Weana Liadar , teils im Kostüm , teils ohne , Sie verstengen schon ! « Sie blinzelte cynisch und schloß : » Und so darf ich wohl auf geneigten Zuspruch rechnen , da ich keine Mühe gescheut habe und scheuen werde , meine teuren Gönner , die verehrten Damen und Herren zufrieden zu stellen . « Lachen und Händeklatschen , und alles drängte dem Ausgang zu . Zweiunddreißigstes Kapitel Sender trat in die Wirtsstube . Fast an allen Tischen saßen schon Gäste , ihre Zahl wuchs immer mehr . Verlegen sah er sich um einen Platz um , nur der Tisch , auf dem Können die Blätter ausgebreitet , war noch leer . Sender ging auf ihn zu . » Ganz richtig « , rief Ruben , der eben mit einem Tablett voll Speisen vorbeischoß , » dort ist der Künstlertisch . « Da zögerte Sender wieder und sah sich um . Aber hier saß offenbar jeder Stand gesondert , an dem einen Tische die christlichen Honoratioren , an dem anderen Tittinger und seine Freunde in deutscher Tracht , an einem dritten die Beamten , einem vierten die jüdischen , einem fünften die christlichen Kleinbürger , sogar die Offiziere hielten sich je nach der Waffe getrennt , an einem Tisch die Infanteristen und Pioniere , am anderen die Ulanen . » In Gottes Namen « , dachte Sender und setzte sich an den Künstlertisch . » Also neben die Kollegen . Aber zahlen tu ' ich keinem mehr was ! « Ruben kam herbeigestürzt , räumte die Blätter fort , und deckte den Tisch . » Die Schauspieler kommen gleich « , sagte er . » Mit ihrem Nachtessen werden Sie nicht zufrieden sein , auch wenn man Sie einladet . Ich bring ' Ihnen was Gutes . « Und ohne Senders Auftrag abzuwarten , stürzte er wieder ab . Bald kamen auch Stickler und Birk . » Freue mich ungeheuer « , rief ihm Stickler entgegen und grinste über das ganze breite , flache , aufgedunsene Trinkergesicht . » Habe schon gehört ! Keine Umstände , lieber Kurländer « , wehrte er ab , als dieser sich erheben wollte , und faßte seine Rechte mit beiden Händen . » Tausendmal willkommen ! Hier Ferdinand Birk , der berühmte Held und Vater , früher am Wiener Burgtheater , jetzt mein Stolz , der Pfeiler meiner Bühne . « Wenn dem so war , dann stand diese Bühne noch unsicherer als Sender geglaubt . Mühsam , stolpernd ließ sich der Mann auf einen Stuhl fallen und fuhr mit zitternden Händen über die Stirne . Sender hielt ihn anfangs für betrunken , aber dazu stimmten die erloschenen Augen , der todmüde Ausdruck der Züge nicht . Es war einst sicherlich ein schönes , stolzes , kühn geschnittenes Antlitz gewesen , man konnte es deutlich erkennen , trotz aller Verwüstungen und so unheimlich das immer wackelnde Kinn anzusehen war . Der Mann mußte sehr krank sein . Von Sender nahm er keinerlei Notiz . » Ein Schnäpschen , Birk ? « fragte der Direktor . » Nein « , erwiderte dieser matt . » Du weißt , ich vertrage es nicht . Aber Hunger hab ' ich ! « Ruben stellte eben einen Braten und ein Fläschchen Wein vor Sender hin . Die Augen Birks hefteten sich gierig auf die Speise . » Ist ' s gefällig ? « fragte Sender und reichte ihm die Hälfte hinüber . » Auch etwas Wein ? « » Danke « , murmelte Birk und machte sich über den Teller her . » Nein , Wein nicht . « » Aber das sollt ' ich eigentlich nicht dulden ! « rief Stickler . » Sie sind natürlich mein Gast , lieber Kollege . Nun , später trinken Sie einen Schluck mit mir ... Ruben , meine Mischung , wie gewöhnlich . Und einen Kalbsbraten . « Fräulein Linden mit ihren beiden Kindern trat ein , dann die Kassierin und Hoheneichen . Endlich kam auch Können geschlichen , nicht durch die Haupttür , sondern aus der Küche ; er scheute sich offenbar , durch den gefüllten Saal zu gehen . Stumm saß die armselige Gesellschaft um den Tisch , selbst Hoheneichen rief Sender nur ein kurzes : » Servus , Bruderherz ! « zu und schielte dann trübselig nach dem Braten des Direktors . Umso unablässiger schwätzte Stickler , obwohl er gleichzeitig aus Leibeskräften kaute . » Hier Hermine Linden , lieber Kurländer . Die Zeit der Lindenblüte ist vorüber , hehe ! - Aber haben Sie schon je eine solche Sentimentale bewundert ? ... Erinn ' rung schön ' rer Tage blieb zurück , wie Sie sehen , sogar doppelt , hehe ! ... Pepi Meyer , genannt die Perle von Temesvar , kann bei ihrem Benefiz auch jetzt noch volle Häuser machen , wenn sie die Billette verschenkt , übrigens als Kassierin groß , als komische Alte unerreichbar ... Mein Hoheneichen - keine Vorstellung mehr notwendig , hat Sie schon angepumpt . Über Können brauch ' ich Ihnen auch nichts zu sagen . Sinniges Pseudonym , kommt von Nichtkönnen , hehe ! ... Aber Kinder « , unterbrach er sich , als niemand lachte und nur jene , auf die er gerade stichelte , die Mienen verzogen wie Gefolterte , wenn sie gekitzelt werden , » was sitzt ihr so still da , nach solchen Triumphen ? Ha ! ich verstehe , die Atzung ... Ruben , mein Rabe , wo bleibt die Atzung ? Ich hab ' euch einen köstlichen Schmaus besorgt . Ein Gläschen von meiner Mischung , Kurländer ? « Sender lehnte hastig ab , die Mischung bestand aus einem Viertel Met , drei Viertel Schnaps , der köstliche Schmaus aus einer Riesenschüssel Kartoffeln , einem Tellerchen Schmalz und einem Krug Wasser . Heißhungrig machte sich die Tafelrunde darüber her , nur Birk konnte mit seinen zitternden Händen nicht so rasch zugreifen . Stickler häufte ihm den Teller voll und gab ihm auch alles Schmalz , das noch übrig war . » Da , mein Ferdinand « , sagte er wohlwollend . » Gelt , es schmeckt besser , als die Trüffelpasteten , die du einst hattest ? ... Die Schönau hat wohl wieder für sich selbst gesorgt ? « fragte er den Kellner . » Sie soupiert im Extrazimmer « , erwiderte Ruben . » Der Herr von Czapka und drei polnische Herren haben sie eingeladen . Sie trinken Champagner ... « » Braves Kind « , murmelte Stickler gerührt . » Sorgt immer für sich selbst . Und was sagen Sie zu dem Talent ? « wandte er sich an Sender . » Großartig ! Aber weil wir gerade von Talenten sprechen , was spielen Sie für ein Fach ? « Sender zählte die Rollen auf , die er mit dem Pater durchgenommen . Als er den Shylock nannte , fuhr Stickler wie elektrisiert empor . » Das wär ' was gewesen ! « rief er . » Jammerschade , daß Sie nicht früher gekommen sind ! Ich hätte Sie zu einem Gastspiel gepreßt - und wenn ' s drei Gulden gekostet hätte ! Denn , sehen Sie , das ist ein Stück für Galizien . Das interessiert Jud ' und Christ und beide können sich nach Herzenslust freuen und ärgern . Der Shylock macht überall ausverkaufte Häuser ; hat der Ort über dreitausend Einwohner , so kann man ihn ruhig zweimal geben . Und das Stück fehlt mir ! Ich habe keinen Shylock . Der Hoheneichen könnt ' ihn ja zur Not spielen , aber dann fehlt mir der Antonio . Ich hab ' s mir neulich extra daraufhin angesehen , aber der Antonio läßt sich wirklich nicht streichen . Jammerschade ! « » Ich hab ' ihn ja auch noch nie gespielt « , sagte Sender . » Wer weiß , ob ich - « » Aber ja ! Ganz bestimmt ! Der Nadler ist ein - na , ich sage nichts , Sie schwärmen für ihn , höre ich - , aber wen er fördert und als Anfänger blindweg engagiert , der hat Talent . Eine feine Nase hat der - Herr , das muß man ihm lassen . Und dann , ich bitte Sie , in Zaleszczyki ! Das heißt « , fügte er rasch hinzu , » Sie könnten ihn gewiß auch in Tarnopol spielen , in Wien , in Pardubitz - überall ! Aber nun ist ' s zu spät . Vier Wochen sind wir hier , haben sechzehnmal gespielt , das letzte Mal Lumpazi Vagabundus und ein Stück aus den Räubern - und zwei Gulden Einnahme ! Heut ' war ' s passabel , aber es ist auch der beste Theatertag , der Freitag , und Deborah und dieser Zettel ! Und nach dem Benefiz der Schönau zieht überhaupt gar nichts mehr , rein gar nichts ! « Er seufzte auf . » Also hier geht ' s nicht ! Aber kommen Sie doch nach Borszczow mit ! Ich habe dort für Montag den Schneider Fips und Kabale und Liebe angesetzt , aber der Shylock würde weit mehr ziehen ! Also besinnen Sie sich kurz - schlagen Sie ein ! « Er bot Sender die Hand hin . Aber dieser schüttelte den Kopf . » Montag muß ich in Czernowitz sein « , sagte er fest . » So sind Sie eben am Mittwoch dort ... Helft mir doch , Kinder ! ... Nicht wahr , Birk , er muß mit ? « Aber Birk regte sich nicht . Er starrte , nachdem er sein Essen verschlungen , wieder teilnahmlos vor sich hin . » Birk , hörst du nicht ? An was denkst du eigentlich ... An deine Gräfinnen und Zofen von anno dazumal ... die Sarolta-he , was ? « In den erloschenen Zügen glomm ein Lächeln auf , ein häßliches , gemeines Lächeln , und die zitternden Hände griffen wie tastend in die Luft . » Die Sarolta ... « kicherte er . Sender sah ihn entsetzt an ; der Mann , der bisher sein Mitleid erweckt , sah in diesem Augenblick überaus widrig aus . Dann wurde das Gesicht wieder stumpf wie zuvor . Stickler zuckte die Achseln . » Nun und ihr , Kinder ? « wandte er sich an die anderen . » Natürlich muß er mit « , riefen die Kassierin und die Linden wie aus einem Munde . Auch Hoheneichen , der bisher verdrossen dagesessen , stimmte ein . » Ja , Bruderherz , du mußt ! Lassen Sie ihn nicht locker , Direktor , ich sage Ihnen , den hat der Schenius auf die Stirne geküßt ! Du wirst einen Shylock hinlegen , daß ganz Borszczow wackelt . Ich würde dich schon herumkriegen , wenn mir die Kehle nicht so trocken wäre ... « Der Direktor verstand den Wink . » Ruben , ein Glas Bier für Hoheneichen ! « Alle machten große Augen , eine solche Freigebigkeit war wohl unerhört . An diesem Engagement mußte ihm sehr viel liegen . » Bravo ! « rief er . » Natürlich wird Borszczow wackeln . Was sagen Sie , Können ? « Der Kleine fuhr zusammen , blickte Stickler ängstlich an , schwieg aber . Einen Augenblick war ' s still am Tische , und in diese Stille hinein tönte Birks Stimme . » Nein « , sagte er dumpf . » Er soll nicht ! ... Soll nicht mit ins Elend hinein ! ... Ist noch so jung ! « » Birk ! « rief Stickler ärgerlich . » Du wirst bald ganz blödsinnig ! « » Ja ! « murmelte der Unglückliche und fuhr sich über die Stirne . » Ich fühl ' s ... Aber darin hab ' ich recht ! « Er erhob sich und schlich auf zitternden Knien hinaus . Darauf war es wieder still . Endlich hatte sich Stickler gefaßt . » So was ! « rief er und versuchte zu lachen . » Weil er sich in Wien und München mit seinen Weibern um Kraft und Verstand gelumpt hat , darum soll unser junger Freund nicht auf zwei Tage nach Borszczow ... Tildchen ! « unterbrach er sich . » Da kommt sie ja ! Tildchen , Stab meines Alters , du kommst zu rechter Zeit ! « Es galt der Schönau . In weit ausgeschnittenem , hellgrünem , schmutzigem Seidenkleid , künstliche Rosen im Haar , kam sie eben zwischen den Tischen auf die Schauspieler zu , von allen Seiten neugierig oder begehrlich angestarrt und die Blicke ebenso erwidernd . Die Wangen waren geschminkt , aber sie flammten offenbar auch in natürlicher Röte und die Augen blitzten . » Guten Abend , Kinder ! ... Grüß Gott , schöner Fremdling ! Daß du mir gefällst , hab ' ich dir schon gesagt ! « Sie strich Sender ums Kinn . » O die liebe Unschuld , wie rot er wird ! Auch im Theater , so oft ich ihn angesehen habe . Das reine Kind . O , du Fratzerl du ! « » Tildchen ! Das Fratzerl muß nach Borszczow mit . Sei du seine Amme ! « » Wird gemacht ! Aber zuerst das Geschäft , dann das Vergnügen ! « Sie blickte sich im Saal um . » Gottlob , die Leuteln san no da . Das macht der Eisstoß . Drinnen haben mich die verrückten Polen nicht weglassen wollen , - aber , Kinder , sag ' ich , morgen ist mein Benefiz , ich muß den Leuten noch Karten anhängen ! Von euren zwanzig Gulden , sag ' ich , werd ' ich nicht fett ! Die haben s ' mir für vier Sperrsitz ' ' zahlt ! « Sie holte die Scheine aus der Tasche und warf sie auf einen Teller . » Als gutes Beispiel ! ... Pepi , die Karten . « Und sie ging an den Offizierstisch . » Ein Teufelsmädel ! « lachte Stickler . Auch Hoheneichen , der glückliche » Bräutigam « , schien sehr vergnügt , nur Können saß finster da , seine Wangen flammten fast ebenso wie die Senders . Den litt es nicht mehr auf seinem Stuhl , ihm war ' s , als müßte er in dieser Luft ersticken . » Gute Nacht « , murmelte er . » Aber was fällt Ihnen bei ? « rief Stickler . » Jetzt wird ' s ja erst lustig ! « Und als der junge Mann sich nicht halten ließ : » Wir sprechen morgen weiter ! « » Morgen « , sagte Sender , um nur loszukommen , und ging in seine Kammer . » Wir gehen nicht nach Borszczow « , sagte er , indem er sich zu entkleiden begann . » Nicht wahr , Moskal ? Das fällt uns gar nicht ein . « Und der Hund bellte und wedelte , als wäre er derselben Meinung . Als Sender am