kleinen Erbgutes . Auf dieses sei man nicht planlos verfallen , sondern man habe von Anfang an darauf gerechnet , es zur rechten Zeit zu verwenden ; übrigens möge man den Neffen selbst auch hören und derselbe vorbringen , was er etwa zu bemerken wisse . Der Vorsitzende gab mir hierauf das Wort , mit welchem ich , halb schüchtern , halb empört , einige Prahlereien zustande brachte . Die Zeit sei längst vorbei , da die Kunst mit dem Handwerk verbunden gewesen und der Scholare von Stadt zu Stadt habe wandern können wie jeder andere Handwerkegesell . Es gebe jetzo kein solches stufenweises Nacheinander mehr , sondern mit einem einzigen wohlvorbereiteten Erstlingswerke müsse sich der Anfänger auf eigene Füße stellen . Das sei aber nur möglich an einem Kunstorte ; dort finde man nicht nur die nötigen Vorbilder für alle Arten der Kunstübung , sondern auch den lehrreichen Wetteifer vieler Mitstrebenden , endlich aber zugleich die Anerkennung des zu Leistenden , den Markt für geschaffene Werke und die Pforte des Wohlergehens für die Zukunft . An dieser Pforte sinke nieder und gehe unter , wer nicht berufen sei , die hehre Flamme des Genius nicht in sich trage , wie zum Beispiel der arme Schlangenspeiser , der vorhin gesehen worden . Die andern aber schreiten kühn hindurch und gelangen rasch zu Wohlstand und Ehre , so daß es noch die Bescheideneren unter ihnen seien , welchen bald der Verkaufspreis eines einzigen Werkes die aufgewendeten Kosten ersetze , den Wertbetrag einer Wiese , eines Weinberges oder Ackerstückes erreiche ! Wie es das Schicksal des guten Landvolkes ist , daß es in seiner Gläubigkeit immer wieder den großen Worten zuversichtlicher Menschen unterliegt , so wurden auch die Männer durch meine Reden unsicher , wenn nicht etwa gar gelangweilt . Es fand abermals eine kurze Pause statt , während welcher das Gehörte lakonisch beräuspert wurde , worauf der Obmann unversehens sagte , er wolle gewärtigen , ob der Oheim als Vormund auf seinem Antrage beharre ; denn am Ende liege es in dessen Befugnis und sei er auch der Mann dazu , ein maßgebendes Wort zu sprechen . Der Oheim bestätigte nochmals seine Meinung mit dem Beifügen Fort müsse ich , das sei notwendig ; allein weder sei vorgesehen worden , noch eigne ich mich dazu , wie die Dinge ständen , ohne Mittel auf die Wanderschaft zu gehen und ohne weiteres sofort mein Brot zu suchen . Wären die Mittel nicht da und ich überhaupt ganz verwaist und ohne Freunde , so würde ich mich , das traue er mir zu , frischen Mutes dem Schicksal unterziehen ; ohne Not aber zwinge man zu so etwas einen unvorbereiteten Jüngling nicht . Auf die Umfrage des Vorsitzenden erwiderten die andern Vorsteher , sie hätten ihre Ansicht nach ihrem Sachverstande geäußert und fühlten sich nicht gedrungen , einen besondern Widerstand zu leisten , zumalen man gern auf Begabung , Fleiß und tugendhafte Führung des in Rede stehenden Herren Vögtlings vertrauen wolle , der freilich , wenn er die Pforte des Wohlergehens zu durchschreiten gedenke , sich vorderhand abgewöhnen müsse , gleich vom bessern Wein zu trinken , wo er absitze . Während ich diese Andeutung verschluckte , wurde über die Herausgabe des kleinen Vogtgutes Beschluß gefaßt , derselbe zu Protokoll gebracht und von meinem Oheim mit unterschrieben . Die Schirmlade , in welcher die Wertschriften der unter Vormundschaft Stehenden aufbewahrt wurden , befand sich anderer Geschäfte wegen bereits zur Stelle , und die Behörde erklärte , es sei am besten , das Stück jetzt gleich herauszunehmen , so sei man dieser Angelegenheit hoffentlich für immer enthoben . Der hölzerne , mit drei Schlössern versehene Kasten wurde auf den Tisch gestellt und geöffnet , indem der Vorsitzende , der Seckelmeister und der Schreiber jeder einen Schlüssel aus der Tasche zog , in das entsprechende Loch steckte und bedächtig umdrehte . Der Deckel ging auf , und da lag nun an einem Häuflein das Vermögen der Witwen und Waisen , gleich einer kleinen Schafherde in der Ecke zusammengedrängt , wie es das Tragen und Rütteln des Kastens gefügt hatte . » Es ist schon viel Schicksal durch diese Lade gegangen ! « sagte der Schreiber , als er die Überschriften der verschiedenen Pakete zu lesen begann ; es bezogen sich nicht alle auf Frauen und Minderjährige , auch die Vermögensteile von gefangenen , verschwenderischen oder geisteskranken Männern waren dabei . Endlich stieß er auf ein kleines Wesen , las » Lee , Heinrich , Rudolfen sel . « und reichte es dem Vorsitzenden . Dieser enthüllte ein gebräuntes altes Pergament , an welchem ein halbzerbröckeltes Siegel von grauem Wachse hing . Er legte sein messingenes Brillengeschirr um das Haupt und entfaltete das ehrwürdige Schriftstück , dasselbe weit von sich abhaltend . » Dem Landschreiber , der die Gült ausgefertigt hat , tun die Zähne auch nicht mehr weh ! « bemerkte er , » sie ist von Martini 1539 datiert , ein gutes altes Wertstück . « Zugleich richtete er einen ernsten Blick auf mich , der ihm jedoch durch die Brille , die nur zum Lesen gut war , ganz nebelhaft erscheinen mußte . » Seit dreihundert Jahren « , fuhr er fort , » ist dieser ehrwürdige Brief von Geschlecht zu Geschlecht gegangen und hat immer fünf vom Hundert Zinsen getragen ! « » Wenn wir sie nur hätten « , warf mein Oheim lachend ein , um die abermals auf mich gerichtete Aufmerksamkeit zu stören ; » mein Neffe besitzt das Brieflein ja erst seit etwa zehn Jahren , und vor nicht vierzig Jahren noch gehörte es dem Kloster , dessen Abt es zur Zeit der Revolution verkaufte . Man kann überhaupt nicht auf solche Weise rechnen ; es ist ebenso unrichtig , wie wenn man immer sagt , diese drei Greise sind zusammen 270 Jahre oder jene zwei Eheleutchen 160 Jahre alt ! Nein , jene Greise sind alle drei zusammen nur neunzig Jahre alt , Mann und Frau achtzig , da es genau dieselben Jahre sind , die sie verlebt haben . So vertut der junge Künstler hier nicht die Zinsen von drei Jahrhunderten , wenn er das Brieflein verkauft , sondern nur den einfachen Betrag desselben ! « Das wußten die Männer freilich wohl ; weil aber jeder von ihnen auf seinem Hofe solche uralte unablösliche Schuldverpflichtungen hatte und sich selbst als den Bezahler aller der ewigen Zinsen betrachtete , so hielten sie die nehmende Hand der wechselnden Gläubiger für etwas ebenso Unsterbliches und legten dem betreffenden Instrumente einen geheimnisvoll höhern Wert bei , als ihm zukam . So fiel endlich das Wichtigkeitsgefühl der Verhandlung auch auf mich nieder und beengte mir den Sinn Ich sah mich als Gegenstand ernster Anrede und rechtlichen Verfahrens , leidend und verantwortlich zugleich , ohne daß ich etwas begangen hatte oder zu begehen willens war , nach meiner Ansicht , und strebte mit verdoppeltem Eifer , aus der unfreien Lage hinauszukommen . » Sie wissen den Teufel , was Freiheit heißt ! « singt der Student von den Philistern , nicht merkend , daß er selber erst auf dem Wege ist , es zu lernen . Zehntes Kapitel Der Schädel Das alte Pergament war nun an einen Sammler solcher Stücke mit einigem Vorteil verkauft worden und die Zeit gekommen , wo die Abreise wirklich vor der Türe stand . Am letzten Tage des Monats April , welcher auf den Sonnabend fiel , packte ich die mitzuführenden Habseligkeiten zusammen , was in unserer Wohnstube einen niegesehenen Auftritt gab und meine Mutter in Aufregung setzte . Eine große Mappe mit den zweifelhaften Früchten meiner bisherigen Tätigkeit lehnte schon in Wachstuch gewickelt an der Wand , zu einigem Troste wenigstens von bedeutendem Gewicht ; mitten im Gemache aber stand der geöffnete Koffer , eine kleine Arche von Tannenholz . Auf dem Boden derselben hatte ich bereits eingeschichtet , was ich an Büchern mitnehmen wollte , und mit ihnen auch ein festes Verlies für einen Totenschädel gebaut , damit er sicher auf dem Grunde verwahrt sei . Dieser Schädel diente seit einiger Zeit zur Zierde meiner Arbeitskammer sowie auch zum angehenden Studium der menschlichen Gestalt , das für einmal freilich gleich mit dem Unterkiefer ein Ende genommen hatte , so daß ich vorläufig bloß die verschiedenen Kopfknochen zu benennen wußte . Ich hatte den Überrest in der Ecke eines Friedhofes bemerkt , wo ihn der Totengräber seiner Wohlerhaltenheit wegen hingelegt haben mochte ; denn es war der Schädel eines jungen Mannes und wies noch alle Zähne auf . In der Nähe lag ein beseitigter alter Grabstein , der vor ungefähr achtzig Jahren errichtet worden mit der Inschrift auf einen dazumal verstorbenen Albertus Zwiehan . Obgleich es keineswegs erwiesen war , daß der Schädel diesem Zwiehan angehört hatte , nahm ich das doch für ein Faktum , weil sich laut der handschriftlichen Familienchronik eines benachbarten Hauses die wunderlichste kleine Geschichte mit jenem Namen verband . Es handelt sich , soviel entwirrbar ist , um den Bastardsohn eines Zwiehans , der lange Jahre in Asien zugebracht hatte und dort verstorben war . Die holländische Person , mit welcher er den Sohn gezeugt , besaß aber von einem verschollenen Menschen noch einen andern unehelichen Knaben , namens Hieronymus , den sie mehr liebte als den jungen Zwiehan , und aus Liebe zu ihr und von ihr überredet , adoptierte er diesen andern Knaben in rechtlicher Form an Kindesstatt , während er hinwieder verabsäumte , das Weib nachträglich zu ehelichen und sein eigenes Kind zu Ehren zu ziehen . Der adoptierte Bastard aber entfernte sich , als er größer geworden , aus dem Hause und verscholl gleich seinem eigenen natürlichen Vater spurlos , und als endlich der alte Zwiehan und seine Beihälterin bald nacheinander das Zeitliche segneten , befand sich der erblos gebliebene Sohn Albertus allein bei dem herrenlosen Hause und Gute und zögerte nicht , sich auf geschickte Weise an Stelle des allein erbberechtigten Adoptivsohnes zu setzen , von dem erworbenen Vermögen des Alten zusammenzuraffen , was er konnte , und die asiatische Kolonie rasch zu verlassen , um die alte Heimat seines Vaters aufzusuchen . Da er einst geträumt hatte , sein Halbbruder sei im Meere untergegangen , und fest an seine Träume glaubte , so tat er alles dies nicht gerade mit bösem Gewissen , obgleich er schlau genug war , in der alten Vaterstadt , die ihn noch nie gesehen , sein eigenes Dasein zu verschweigen und sich auf Grund der mitgebrachten Papiere für den andern auszugeben . Er kaufte sich ein geräumiges Haus mit einem stillen freundlichen Garten , in welchem er gar anständig auf und nieder spazierte . Hier wurde er freilich von den Nachbaren neugierig beobachtet , aber ohne daß er es bemerkte , und erst nachdem er sich ordentlich eingerichtet hatte , begann die Nachbarschaft sich zu beleben , wie wenn auf einer Insel für die dorthin verschlagenen Reisenden allmählich die Eingeborenen zum Vorschein kommen . Durch Geschäftsleute wurde es ruchbar , daß der neue Ankömmling ansehnliche Bezüge und Geldanlagen mache , welche auf geregelten Verhältnissen beruhen . So wurde er denn auf der Straße hie und da schon zutraulich gegrüßt , und jenseits der Gasse , welche er bewohnte , belebte sich mehr als ein Fenster , wenn er sich an dem seinigen blicken ließ , um nach dem Wetter zu sehen . In einem schmalen Erker saß den ganzen Tag , mit dem Rücken gegen die Straße gewendet , ein junges Frauenzimmer am Spinnrad , ohne umzuschauen , und er konnte ihr Gesicht nie entdecken . So vergaffte er sich , da er schon seines leidenschaftlichen Ursprungs wegen verliebter Natur war , einstweilen in den zierlichen Rücken der Spinnerin und in die anmutig geneigte Haltung ihres Kopfes . Als er aber eines Tages , hierüber nachdenkend , auf der anderen Seite seines Hauses im Garten weilte , hörte er unversehens von einer weiblichen Stimme den Namen Cornelia rufen , auf welchen im Nachbargarten eine andere Stimme antwortete . Dies wiederholte sich mehrmals während der nächsten Tage , so daß Albertus Zwiehan den Rücken der Spinnerin vergaß und sich in den schönen Namen der unsichtbaren Cornelia verliebte . Denn sie war hinter einer Wand von Jasminbüschen verborgen . Wie erstaunte er aber , als diese plötzlich sich auseinanderbogen und eine weibliche Gestalt auf das Zwiehansche Gebiet herübertrat , durch ein bisher unbemerktes Gittertürchen . Das Haus zu welchem der jenseitige Garten gehörte , lag nämlich nicht an der gleichen Straße , sondern auf einer anderen Seite des ganzen Straßenviertels , und es haftete an beiden Häusern von alters her das Recht des Durchganges durch Gärten , Höfe und Hausflüre , zu gewissen Zwecken und Tageszeiten . Es war ein nicht eben schönes , aber mit lachenden Augen begabtes längliches Wesen , das vor dem Überraschten stand und ihn von der bestehenden Servitut unterrichtete , als die Nachbarin seine Unwissenheit bemerkte . Auch er müsse einen Schlüssel zu dem Pförtchen besitzen , sagte sie ihm ; er holte einen Kasten mit allerlei alten Schlüsseln herbei und fand mit ihrer Hilfe richtig denjenigen heraus , welcher in das Schloß paßte . Wie sie so mit spitzen weißen Fingern sich bemühte , betrachtete er mit Wohlgefallen den mägerlichen Wuchs , der durch sehr knappes Gewand fast einen Eindruck von geschmeidiger Fülle machte . Jetzt aber , indem sie ihn mit seinem Namen grüßte und ihm den ihrigen nannte , der auf jenes wohlklingende Cornelia hinauslief , gab sie ihr Anliegen kund . Sie beanspruchte höflich das Recht , von dem reich mit Wasser versehenen Brunnen in seinem Hofe eine bewegliche Leitung nach ihrer Waschküche anzulegen , um für die vorzunehmende große Halbjahrwäsche das Hauptelement zu gewinnen , gemäß dem verbrieften Herkommen . Da Albertus ebenso höflich bat , sich ganz nach Bequemlichkeit einzurichten , eilten alsbald auf ein Zeichen der Cornelia mehrere Waschfrauen herbei mit hölzernen und blechernen Rinnen und Rohren , fügten sie zusammen und stellten einen schwebenden Aquäduktum her , mit welchem sie wieder im Gebüsche verschwanden , aus dem sie hervorgebrochen waren . Auch die Cornelia schlüpfte hindurch , nachdem sie sich verneigt hatte , und Herr Zwiehan , stand einsam an dem Gerinnsel seines schönen Brunnenwassers und wünschte , mit hinübergehen zu können . Am andern Tage jedoch erschienen abermals die Wäscherinnen , brachen die Wasserleitung ab und machten einer großen schweren Frau Platz , welche sich jetzt durch das Pförtchen arbeitete . Sie gewährte eine tröstliche Vorstellung davon , wie stattlich dünne Fräuleins mit der Zeit bei guter Nahrung werden können ; denn sie gab sich als die Frau Mutter der bewußten Cornelia zu erkennen , welche sich nicht getraue , schon wieder den Herrn Nachbarn mit einer Unbequemlichkeit zu belästigen . Es sei nämlich zweifelhaft , ob die Sonne den ganzen Tag scheine , und darum wünschenswert , die Wäsche in einemmal zu trocknen , was hinwieder ermöglicht würde durch die Erlaubnis , einen Teil derselben in dem Zwiehanschen Garten und Hof aufzuhängen . Es sei dies in früheren Jahren auch etwa geschehen , obwohl nicht zu einer Servitut erwachsen wie das Wasserleitungsrecht , und also komme sie selbst , pflichtschuldig um die freundliche Vergünstigung anzufragen . Mit großem Vergnügen entsprach Albertus Zwiehan sofort dem Ansuchen , worauf die Frau sich dankend zurückzog und dafür das Fräulein an der Spitze einiger Waschkörbe aus den Jasminbüschen hervortrat , sie selbst das auf eine Kurbel gewickelte Trockenseil tragend . Dieses an den vorhandenen Pfosten , Haken und Baumästen anzubinden , reichte jedoch ihre Körperlänge nicht überall aus , sosehr sie sich auch auf die Zehen stellte , und so ergab es sich von selbst , daß Albertus aushalf und das Seil im Zickzack herumführte und festmachte , Cornelia aber dasselbe hinter ihm hertrug und abhaspelte . Sie bewegte sich dabei mit viel Anmut und Lieblichkeit , und der junge Mann wurde darüber so eifrig und warm , daß er hie und da eine Levkoje oder Nelke zertrat . Als es nun ans Aufhängen der Wäsche ging , blieb er in unmännlicher Weise im Garten und war wiederum behilflich , die Körbe zu schleppen und andere Handreichungen zu tun . Das Fräulein bemerkte freundlich , daß sie ihre eigene und beste Leibgewandung herübergebracht und das ältere Zeug jenseits gelassen habe , um auf dem fremden Gebiete nicht allzu schofel zu erscheinen . Der ganze Raum füllte sich also mit ihren Hemden , Strümpfen , Busentüchern und Nachthäubchen , und da eine frische Brise aufging , begann das blütenweiße Zeug so mutwillig zu flattern , daß alle Hände zu tun bekamen , das luftige Segelwerk festzuhalten . In großer Aufregung zog er sich nach getaner Arbeit in seine Zimmer zurück , von deren Fenstern aus er unablässig den inhaltreichen Garten bewachte . Niemand war jetzt dort und alles still ; nur die wie von Luftdämonen beseelten Weiberhülsen säuselten sachte hin und her , bis ein Windstoß sie plötzlich emporwirbelte , die langen weißen Strümpfe gleich Geisterbeinen um sich stießen und schon ein losgerissenes Häubchen wie ein kleiner Luftballon über das Dach wegstieg . Da eilte Albertus Zwiehan besorgt wieder hinunter , um zu retten , was ihm bereits näher zu liegen dünkte als die eigene Haut . Er schlug sich tapfer mit dem Winde herum ; allein die Strümpfe schlugen ihm an die Ohren , die Hemden flatterten um seinen Kopf und verhüllten ihm die Augen , und er wurde mit der wilden Leinwand nicht fertig , bis die lachenden Frauen herbeikamen und die Wäsche zusammenrafften . Einige Tage später wurde er von den Nachbarinnen förmlich zum Kaffee eingeladen , um den Dank für seine Gefälligkeit zu empfangen . Zum ersten Mal betrat er den jenseitigen Garten und fand den Tisch in einem offenen Sälchen gedeckt , das hinter der Jasminwand verborgen war . Die alte und die junge Dame beflissen sich auf das freundlichste um ihn , und nachher mußte er noch in ihre Wohnung hinaufsteigen und sich mit einem kleinen Nachtmahl bewirten lassen . Natürlich erwiderte er solche Höflichkeiten und lud die Nachbarinnen seinerseits zu einer Gastlichkeit ein , so gut er diese mit Hilfe einer alten Küchenmagd aufzubieten vermochte ; kurz , es entstand ohne weitern Verzug ein häufiger Verkehr , und das Fräulein sowohl wie Albertus Zwiehan trugen den Schlüssel zum Durchgangstürchen beständig bei sich . Bald ließ die Mutter ihre Tochter allein mit dem Fremden , und sie verloren sich in hundert trauliche Gespräche ; Cornelia fragte nach allem , was Albertus je erlebt oder ihn sonst betraf ; er dagegen fühlte sich durch diese Neugierde und Teilnahme geehrt und beglückt und vertraute ihr alles , um ihre Freundschaft zu erwidern und gewissermaßen sich ganz hinzugeben , ohne allen Rückalt , sein Herkommen , seinen Besitzstand und sein letztes Geheimnis , das letztere einzig mit der Abweichung , daß sein verschollener Halbbruder wirklich ertrunken sei statt nur in einem Traume . Die neue Freundschaft verfehlte nicht , ruchbar und als eine bereits abgeschlossene oder wenigstens bevorstehende Verlobung angesehen zu werden . Das bewiesen dem Verliebten einige nicht unterschriebene Briefe , die er nacheinander erhielt und die ihn vor der Verbindung warnten , welche er einzugehen im Begriffe stehe . Die beiden Frauenzimmer , hieß es , seien nur scheinbar in guten Umständen ; in Wirklichkeit hätten sie nichts oder nicht viel mehr als einen großen Fleiß im Geldborgen , das sie allerdings aus dem Grunde verständen . Sie wüßten es allerwärts so einzurichten , daß man nicht davon spreche , indem sie sich immer edeldenkende und verschwiegene Opfer aussuchten , auch im Notfall hie und da etwas zurückzahlten auf Kosten dritter Leute ; allein die Sache sei dennoch ein öffentliches Geheimnis , und man könne nicht zusehen , wie ein so ausgezeichneter Mitbürger , dem die besten Häuser sich auftäten , in sein Verderben renne . Denn wo eine Untugend hause , sei die zweite und dritte nicht weit , und der Geldmangel sei aller Sünden Angel . Mehr wolle man nicht andeuten . Als Albertus diese Briefe gelesen , wurde er weder betrübt noch zornig , sondern fröhlichen Herzens , weil er sie für Ausflüsse des Neides hielt und als ein Zeichen betrachtete , daß er nur zuzugreifen brauche , da eine Heirat in der öffentlichen Meinung für so wahrscheinlich und nah bevorstehend galt . Von zärtlichem Mitleide bewegt , wünschte er einen angeblichen Notstand der beiden Frauen als wirklich bestehend herbei , um sich als Hilfespender recht weich in die Arme dankbarer Liebe betten zu können . Selbst für den Fall , daß jene in der Tat etwas viel Geld brauchen sollten , entwarf er sofort Pläne , seine Mittel nach Notdurft zu vermehren ; er hatte ja ohnedies die Absicht , seine Kenntnis der östlichen Handelsbeziehungen zu verwerten und mit aller Bequemlichkeit und Vorsicht ein Haus zu gründen und eine seinen noch jungen Jahren angemessene Tätigkeit zu eröffnen . Von solchen Gedanken getrieben , schritt er aufgeregt in seiner Wohnstube umher und arbeitete gleichmäßig den Geschäftsplan und das glänzende Bild der Zukunft aus dem Rohen heraus , wobei ihn immer wärmer das Gefühl eines einflußreichen Beschützers und Retters , eines Beglückers und mächtigen Schöpfers aufschwellte . Um auf diesen Wogen einen Augenblick auszuruhen , stellte er sich an ein Fenster und sah zufällig , wie gegenüber die Spinnerin , die er ganz vergessen , in den Erker trat und ebenso zufällig ihn erblickte , ehe sie sich an ihr Rädchen setzte . Schon hatte sie , wie gewöhnlich , ihm wieder den Rücken zugekehrt , der ihm so wohlbekannt war , als sie nochmals umschaute und , mit einem langen Blick ihn betrachtend , das mysteriöse Gesicht nun voll und ruhig zeigte , das er vorhin nur wie einen Blitz hatte aufleuchten gesehen . Das Antlitz , fast herzförmig , endigte in ein feines kleines Kinn und schien eher wie eine Miniatur auf weißes Elfenbein gemalt als aus Fleisch und Blut zu bestehen ; nur der Mund war rötlich wie ein geschlossenes Rosenknöspchen , das viel kleiner erschien als die großen dunklen Augen , und alles dies umgab fremdartig eine Hülle von Batistleinwand . Endlich wandte sie sich wieder ab und setzte ihr Rad in Gang ; aber als ob sie spürte , daß die Augen des Nachbars an ihr hängenblieben , erhob sie sich und ging nach der dämmernden Tiefe des Zimmers . Dort öffnete sie die Türe und schritt einen von der Abendsonne durchleuchteten Korridor entlang , bis sie in der jenseitigen Dämmerung wie ein Geist verschwand . Hiemit lösten sich auch seine vorhinnigen Pläne und Luftschlösser in nichts auf , und Albertus hatte sie in diesem Augenblicke schon so vollständig vergessen , als ob statt einiger Minuten hundert Jahre verflossen wären . Er stand und starrte hinüber , wo der Abendschein im Hintergrunde allmählich verblich und die Dämmerung das Zimmer füllte , bis es völlig dunkel war , wie die Stube , in welcher er selber weilte . Nur der Blick jener geheimnisvollen Augen leuchtete noch in seinem Gehirne fort , und zwar auch während des nächtlichen Schlafes , bis der Morgenstern am Himmel glänzte , dessen Licht seine Augenlider berührt haben mochte ; denn er sah es unmittelbar , als er aufwachte . Ihm hatte soeben geträumt , er sitze tief verborgen in dem Gartensälchen der Cornelia zwischen dieser und der unbekannten Spinnerin , die jedoch wie jene seine angetraute Frau sei , und von beiden werde er geliebkost , während er um jede von ihnen einen Arm geschlungen hielt . Das schien ihm eine sehr annehmbare und preiswürdige Sachlage zu sein , und er hielt sich dabei so still wie die Luft und die reglosen Jasmingebüsche , als plötzlich die Unbekannte sich erhob und ihm mit einem unaussprechlich lieblichen Blicke zuwinkte , ihr zu folgen . Allein die Cornelia umklammerte ihn so fest , daß er sich nicht zu bewegen vermochte und sehen mußte , wie jene durch einen unendlich langen Baumgang fortschwebte , ein helles Licht in der Hand tragend , welches im Vorübereilen einen Baum nach dem andern beglänzte und wieder im Dunkeln ließ . Zuletzt verschwand sie in der blauen Nacht , in der das Licht allein hängenblieb , das eben der Morgenstern oder Luzifer war , den er beim Erwachen erblickte . Voll unerträglicher Sehnsucht mochte er kaum die schickliche Zeit abwarten , um sich endlich näher nach der Unbekannten zu erkundigen und einen Zugang zu ihr zu finden . Sonderbarerweise ergriff er zuallererst den Schlüssel des cornelianischen Nachbarpförtchens , schlüpfte hindurch und machte den dortigen Frauen einen Morgenbesuch . Er traf sie am Packen einiger Koffer , da sie auf acht oder vierzehn Tage nach einem kleinen Badeorte reisen wollten und die alte Mietkutsche , die sie jährlich dahin brachte , schon erwarteten . Als Zwiehan mit seinen Fragen nach der spinnenden Nachbarin begann , hielt Cornelia ein kleines Weilchen mit ihrer Arbeit inne und sah dem Frager , an einem Koffer kniend , stutzig ins Gesicht . » Das wird wohl die Afra Zigonia Mayluft sein ! « sagte sie weniger erstaunt als überrascht ; denn schon früher hatte sie sich gewundert , daß er die wunderlich schöne Person nach nicht zu kennen schien . Wie sie aber bemerkte , daß er die gehörten Namensworte mit glänzenden Augen wiederholte , unterbrach sie ihn mit der plötzlichen Einladung , sie und die Mutter nach dem Kurorte zu begleiten . Wenn er sich für das Frauenzimmer interessiere , fügte sie errötend hinzu , werde man ihm unterwegs Weiteres mitteilen können , und überdies werde dasselbe , soviel man wisse , in wenigen Tagen auch in das Bad kommen , um mit Freunden zusammenzutreffen . Da habe er dann die beste Gelegenheit , die Schöne in freiem Verkehre zu sehen und kennenzulernen . Unverzüglich rannte Albertus in seine Behausung zurück , einiges Gepäck zu holen , und eine Stunde später saß er bei den zwei Frauen im Reisewagen und vernahm nun , daß die Fräulein Afra Zigonia Mayluft eigentlich nicht in unserer Stadt gebürtig sei , sondern nur als eine verwaiste Verwandte sich seit einiger Zeit in dem betreffenden Nachbarhause aufhalte und im übrigen für eine Fromme und Heilige gelte , ja sogar bereits halb und halb der evangelischen Brüdergemeinde , die man die Herrnhuter nenne , angehören solle . Cornelia und ihre Mutter betrachteten hierauf Herrn Zwiehan genau , um die abschreckende Wirkung zu gewahren , welche sie von diesen Tatsachen erhofften . Aber er schaute nur um so träumerischer vor sich hin , in süßen Gedanken verloren ; was er vernommen , schien ihm vielmehr die verlockende Aussicht zu eröffnen , sich an irgendeiner unbekannten Glückseligkeit beteiligen zu können . In dem Badeort angelangt , zogen ihn daher seine Freundinnen , um ihn zu zerstreuen , sogleich in einen Kreis lustiger Badegäste , von welchen getrennt eine kleine Gruppe einfach gekleideter Männer und Frauen der Gesundheit pflegte . Immer wurde er andere Wege geführt als diejenigen , auf welchen diese Stillen in gemäßigten Gesprächen lustwandelten , und so kam es , daß , als eines Abends die sogenannte Afra Zigonia in der Tat angekommen war , er dieselbe erst entdeckte , als sie am andern Morgen früh mit zweien von den religiösen Personen in einen Reisewagen stieg . Er hatte kaum noch die gemessene , aber innige Freundlichkeit gesehen , mit welcher die Zurückbleibenden die in Reisekleider gehüllte Gestalt umgeben und begleitet hatten , als der Wagen schon davonrollte und bald aus dem Gesichte entschwand , während jene Zurückbleibenden mit andächtig zufriedener Miene an ihm vorübergingen wie Leute , die eine ihnen am Herzen liegende und teure Sache wohl verrichtet haben . » Nun ist das liebe Kind gut aufgehoben ! « hörte er sagen , » nun geht sie ihrem Heil entgegen und wird bald in den Gärten des Herren wandeln ! « Eine unaussprechliche Vorstellung überfiel ihn mit diesen Worten ; er eilte beklemmten Herzens , seine Gönnerinnen aufzusuchen und sich nach der Bedeutung des soeben erlebten Vorganges zu erkundigen . Lächelnd teilten sie ihm mit , die Neuigkeit werde just überall besprochen es heiße , die Afra Zigonia sei nach Sachsen verreist , um in die Brüdergemeinde zu Herrnhut aufgenommen zu werden und dort ihr Leben zu verbringen . » Das ist mein Traum ! « sagte er sich ; » sie wandelt mit dem Lichte durch die Nacht in den Morgenstern hinein , aber ich lasse mich nicht zurückhalten von dieser Cornelia , sondern folge ihr diesmal nach ! « Mit verstellter Ruhe blieb er noch ein paar Tage in dem Bade ; dann aber begab er sich ohne Abschied eines frühen Morgens nach Hause , übergab seine Vermögensangelegenheiten dem öffentlichen Notarius , das Haus der Köchin , auch versah er sich mit Geldmitteln und verschwand darauf aus der Stadt , seinem Traumbilde nachzujagen . Da ihm aber die geographischen Verhältnisse der abendländischen Welt nicht geläufig waren und er das Ziel seiner Reise niemandem verraten mochte , gelangte er erst nach einigen Irrfahrten in die Gegend von Herrnhut . Er umkreiste diese Niederlassung der Gottseligen immer näher , drang endlich hinein und bewarb sich um die Aufnahme in ihre Gemeinschaft . Weil er nun weder in seinem Äußern noch in seiner Sprache , weder in seinen Blicken noch in seinen Bewegungen irgendeine Verwandtschaft oder Kenntnis dessen verriet , was er erlangen zu wollen vorgab , und sich überhaupt als ein unbeholfener Himmelsbarbar darstellte , so wurde er befremdlich und verdächtig angesehen und nach einigen Fragen mit einer Ablehnung entlassen . Betrübt und unentschlossen stand er da und hatte sogar Tränen in den Augen wegen seiner vergeblichen Reise , als ein Chor lediger Frauen vorüberging , deren letzte die Afra Zigonia war . Als diese ihn erblickte , schien sie ihn zu erkennen oder sich zu besinnen , wo sie den Mann schon gesehen habe ; denn sie stand einen Augenblick still , ihn aufmerksam betrachtend , was er sogleich benutzte , sich ihr demütig grüßend zu nähern und das Bekenntnis zu stammeln , daß er aus heftiger Liebe ihr gefolgt ,