Das Wandelbarste aber sind Frauenherzen . Was dir heute nichts ist , kann dir morgen etwas sein . Brich nicht ab ; ich brauche dir keine Namen zu nennen . Es gibt ja Halbheiten des Ausdrucks , eine Sprache , die du , wenn mich nicht alles täuscht , wohl zu sprechen verstehst . « » Ich werde schreiben . Und du magst die Zeilen lesen , Papa . « » Ich vertraue deinem Wort und deiner Klugheit . Und nun halte dich bereit . Ich habe den Wagen um zwölf bestellt . Der alte Wylich ist immer ein Pünktlichkeitspedant , doppelt bei seinen Matineen . Wir werden übrigens eine neue Zeltersche Komposition hören ; Rungenhagen begleitet . « Damit trennten sie sich . Neuntes Kapitel Renate an Lewin Eine Woche verging , ohne daß in dem Bekannten-und Freundeskreise Lewins und der Ladalinskis etwas Berichtenswertes vorgekommen wäre . Und was von diesem Kreise galt , galt von der ganzen Stadt . Auch in dieser hatte sich die durch die Nachricht von General Yorcks Kapitulation hervorgerufene Aufregung längst wieder gelegt und war einer unbestimmten , aber die Gemüter erhebenden Vorstellung von dem Anbrechen einer neuen Zeit gewichen . Wie gewaltige Kämpfe es noch bedürfen würde , um diese heraufzuführen , das ahnten die wenigsten ; die Mehrzahl lebte der Überzeugung , daß ihnen der Sieg als ein Resultat der Napoleonischen Niederlagen wie von selber zufallen würde , und selbst die vielen immer neu wiederholten Versicherungen , daß der König in seinem Bündnis mit Frankreich auszuharren , den General Yorck aber , der dies Bündnis gefährdet habe , vor ein Kriegsgericht zu stellen gedenke , konnten an dieser Zuversicht nichts ändern . Man sah in diesem allen ein aufgezwungenes Spiel und ganz im Einklang mit den Worten , die Professor Fichte seinen Zuhörern ans Herz gelegt hatte , eine bloße Maske , die jeden Augenblick abgenommen werden könne . Die Empfindung des Volks , wie so oft , war den Entschlüssen seiner Machthaber weit vorgeeilt . Und in diesem Gefühl verliefen die Tage . Die Stille der zweiten Januarwoche war nicht einmal durch eine Kastaliasitzung unterbrochen worden . Jürgaß , bei dem sie stattfinden sollte , hatte sich in den Frühstunden des dazu festgesetzten Tages der Mühe unterzogen , bei den Freunden vorzusprechen und den Ausfall der Sitzung anzukündigen , zugleich bittend , eine auf den andern Tag lautende Einladung zu einer » extraordinären Session « akzeptieren zu wollen . Diese war auf einen engeren Zirkel berechnet und sollte die Form eines Dejeuners annehmen . Der andere Tag war nun da , aber noch nicht die festgesetzte Stunde . Lewin hatte sich ' s auf seinem Sofa so bequem gemacht , wie es der Bau desselben zuließ , und blätterte in Herders » Völkerstimmen « , einem Buche , das ihm besonders teuer war . Es war ein Geschenk Kathinkas und hatte selbst dadurch nichts an seinem Werte verloren , daß es ihm von seiten der Geberin , die nur Sinn für das Pathetische und Komische , aber nicht für das Naive hatte , mit einem Anfluge von Spott überreicht worden war . Er las eben die Stelle : So geht ' s , wenn ein Maidel zwei Knaben liebhat , Tut wunderselten gut , Das haben wir beid ' erfahren , Was falsche Liebe tut - als Frau Hulen mit einem Briefe eintrat , der von der Post her abgegeben worden war . Es waren Zeilen von Renatens Hand , trugen aber nicht den Küstriner , sondern den Seelower Stempel , woraus er ersah , daß ihn ein expresser Bote behufs rascherer Beförderung quer durch das Bruch getragen haben mußte . Dies fiel ihm auf , ebenso die Länge des Briefes , als er nicht ohne eine gewisse Unruhe das Siegel erbrochen hatte . Denn unter den zwei extremen Parteien , denen alle briefschreibenden Damen zugehören , zählte Renate für gewöhnlich zur Partei der äußersten Kurzschreiber . Was bedeutete diese Ausnahme ? Lewin las : » Hohen-Vietz , Dienstag , den 12. Januar 1813 Lieber Lewin ! Papa , der Dir schreiben wollte , wird eben abgerufen ; Graf Drosselstein ist da , um Geschäftliches mit ihm zu erledigen . So fällt mir es zu , Dir über unsere letzten Erlebnisse zu berichten . Schwere Stunden liegen hinter uns . Wir hatten diese Nacht ein großes Feuer : der alte Saalanbau ist niedergebrannt . Du wirst Näheres wissen wollen ; so laß mich denn erzählen . Es war kaum zwölf , als ein Lärm mich weckte . Ich richtete mich auf und sah , daß die Scheiben glühten , als fiele das Abendrot hinein . Ich sprang aus dem Bett und lief an das Fenster ; der Hof war noch leer , aber aus der Mitte des Saalanbaus schlug eine Flamme auf , und unter der Einfahrt , den Rücken mir zugekehrt , stand unser alter Pachaly und blies auf seinem Kuhhorn in die Dorfgasse hinein , in Tönen , die mir noch jetzt im Ohre klingen . Mich wandelte eine Ohnmacht an , und von den nächste Minuten weiß ich nichts . Als ich mich wieder erholt hatte , saß ich aufgerichtet in meinem Bett , und Tante Schorlemmer und Maline waren um mich her , beide zitternd vor Angst und Aufregung . Sie packten immer neue Kissen in meinen Rücken , Maline hatte Riechsalz gebracht , und Tante Schorlemmer betete , während ihr die Lippen flogen : Herr Gott Zebaoth , steh uns bei in unsrer Not ! Ich weiß nicht , wie es kam , aber alle Angst war plötzlich von mir abgefallen , wie wenn die hinschwindende Ohnmacht den Schrecken mit fortgenommen hätte . Ich verlangte aufzustehen , kleidete mich rasch an , und da gerade nichts anderes zur Hand war , setzte ich die polnische Mütze auf , die Kathinka hier zurückgelassen hatte . So ging ich hinunter . Das Feuer hatte mittlerweile rasche Fortschritte gemacht und noch immer war nichts da zum Löschen . Aber kaum , daß ich auf den Hof getreten war , als auch schon von der Dorfgasse her ein Rasseln hörbar wurde , und im nächsten Augenblick kam unsere Hohen-Vietzer Spritze durch das Tor ; Krist und der junge Scharwenka hatten sich an die Deichsel gespannt , und Hanne Bogun , mit seinem Stumpfarm gegen den Wasserkasten gelehnt , half durch Schieben nach . Hart an dem Steindamm , aber jenseits nach dem Wirtschaftshofe hin , fuhren sie auf . Papa hatte schon vorher Mannschaften an den Ziehbrunnen und an die kleine Hofpumpe gestellt , und nun in doppelter Reihe wurden die Eimer zugereicht . Alles war Eifer und Leben , und ehe fünf Minuten um waren , fiel der erste Strahl in die Flamme . Schulze Kniehase leitete alles . Sonderbar , inmitten dieses Grauses schlug mir das Herz wie vor Freude höher . Aber welch ein Anblick auch ! Ich werde dieser Minuten nie vergessen . Die Nacht hell wie der Tag , alle Gesichter vom Glanz beschienen , Kommandoworte und dazwischen jetzt , vom Turme her , in langen , abgemessenen Pausen das Stürmen der Glocke . Der alte Kubalke , trotz seiner Achtzig , war selbst hinaufgegangen , um in das ganze Bruch hineinzurufen : Feuer , Feuer ! Und nicht lange , so hörten wir , von den nächsten Dörfern her , die Antwort ihrer Glocken darauf . Das ist die Hohen-Ziesarsche , sagte Jeetze , der klappernd vor Frost neben mir stand , und gleich darauf fiel auch die Manschnower ein . Ich erkannte sie selbst an ihrem tiefen Ton . Immer rascher gingen nun die Eimer , da jeder wußte , daß die Hilfe von den Nachbarorten her jetzt jeden Augenblick kommen müsse . Und sie kam auch wirklich . Die Hohen-Ziesarsche war wieder die erste ; im Carrière mit zwei von des Grafen Pferden kam sie den Forstackerweg herunter , und wir hörten sie schon , als sie bei Miekleys um die Ecke bog . Es schütterte wie ein Donner . Mit lautem Freudengeschrei wurden sie begrüßt , und Kümmeritz , der seine Gicht eben erst losgeworden war , übernahm das Kommando . Auf dem Wirtschaftshofe , aber doch so , daß die in Front stehenden Spritzen unbehelligt blieben , hatte sich inzwischen das halbe Dorf versammelt . In vorderster Reihe standen Seidentopf und Marie ; er , in seiner alten schwarzen Tuchmütze mit dem weit vorstehenden Schirm , daß es aussah , als ob er sich gegen den Feuerschein schützen wolle ; sie , an seinen Arm gelehnt und wie ich durch das aufregende Schauspiel ganz hingenommen . Wieder überraschte sie mich durch ihre besondere Schönheit . Ihr Gesicht war schmaler und länger als gewöhnlich , und aus dem rot-und schwarzkarierten schottischen Tuch heraus , das sie nach Art einer Kapuze übergeworfen hatte , leuchteten ihre großen dunklen Augen selber wie Feuer . Die Eimerkette ging , der Strahl fiel in die Flamme , aber bald mußten wir uns überzeugen , daß es unmöglich sei , den Saalanbau auch nur teilweise zu retten , und so gab Papa Ordre , den Wasserstrahl nur noch auf Dach und Giebel des Wohnhauses zu richten , um wenigstens das Übergreifen des Feuers zu hindern . Aber auch das schien nicht gelingen zu sollen ; das Weinspalier fing bereits an , an mehreren Stellen zu brennen , und das am Hause niederführende Gossenrohr , als oben das Zink geschmolzen , löste sich aus der Dachrinne und stürzte auf den Hof . In diesem Augenblick erschien Hoppenmarieken unter der Einfahrt , blieb stehen und sah auf das Feuer . Sie kam nicht von Hause , sondern war erst wieder auf dem Wege dahin . Wer weiß , wo sie bis dahin gesteckt hatte . Als Hanne Bogun der Alten ansichtig wurde , schüttelte er seinen linken Jackenärmel wie im Triumph und rief : Da is Hoppenmarieken , und gleich darauf : De möt et bespreken . Papa wußte wohl , daß die Leute , die so vieles von ihr wissen , ihr auch nachsagen , daß sie Feuer besprechen könne ; es widerstand ihm aber , sich an ihre Teufelskünste , an die er nicht glaubt oder die ihm zuwider sind , wie hilfebittend zu wenden . Seidentopf , der wohl sehen mochte , was in ihm vorging , trat an ihn heran und sagte : Wer Gott im Herzen hat , dem muß alles dienen , Gutes und Böses . Da winkte Papa die Alte heran und sagte : Nun zeige , Marieken , was du kannst . Diese hatte nur darauf gewartet ; sie marschierte zwischen den beiden Spritzen hindurch rasch auf die Stelle zu , wo der alte Saalanbau mit unserem Wohnhaus einen rechten Winkel bildete , und stellte , nachdem sie zwei , drei Zeichen gemacht und ein paar unverständliche Worte gesprochen hatte , ihren Hakenstock scharf in die Ecke hinein . Dann , während sie quer über den Hof hin wieder auf die Einfahrt zurückmarschierte , sagte sie zu den Spritzenleuten : De Hohen-Ziesarschen künnen nu wedder to Huus foohren , und schritt , ohne sich umzusehen , die Dorfstraße hinunter in der Richtung auf den Forstacker zu . Ihren großen Hakenstock aber hatte sie statt ihrer selbst an der Brandstätte zurückgelassen . Das Feuer ließ augenblicklich nach ; Sparren und Balken stürzten zusammen , aber es war , als verzehre sich alles in sich selbst und habe keine Kraft mehr , nach außen hinauszugreifen . Zugleich ließ der leise Wind nach , der bis dahin gegangen war , und es begann zu schneien . Ein entzückender Anblick , der dunkelrote Schein , in dem die Flocken tanzten . Die Hohen-Ziesarsche Spritze fuhr wirklich ab , und der Hof wurde wieder leer ; nur Papa und der alte Kniehase blieben noch und trafen ihre Anordnungen für die Nacht . Ich war mit unter den ersten , die sich zurückzogen , und trotzdem mein Zimmer unmittelbar an die Brandstätte stieß , so war meine Zuversicht , daß die Gefahr beseitigt sei , doch so groß , daß ich gleich einschlief . In meinem Traume mischte sich das eben Erlebte mit jener wundersamen Feuererscheinung im alten Schloß zu Stockholm , wovon Du Marie und mir am ersten Weihnachtstage erzähltest , als wir am Kamin saßen und den Christbaum plünderten . Ich sah im Traum die Scheiben meines Fensters glühen ; als ich aber aufstand , um nach dem Schein zu sehen , war ich nicht mehr allein und gewahrte nur eine lange Reihe Verurteilter , die mit entblößtem Hals an einen Block geführt wurden . Ein entsetzliches Bild , und alles rot , wohin ich sah . Aber in diesem Augenblicke trat Hoppenmarieken in die Tür des Reichssaales , und alles rief : De möt et stillen . Da hob sie den Stock , und es war kein Blut mehr ; und das Bild versank und sie selber mit . Heute früh war ich zu guter Stunde beim Frühstück ; Papa und die Schorlemmer erwarteten mich schon . Ich hatte mich vor dieser Begegnung gefürchtet ; die Scheune , die vor zwei Jahren niederbrannte , liegt noch als ein Schutthaufen da , und nun ein zweites Brandunglück , das wieder auszugleichen es vollends an den Mitteln fehlen wird . Ich fand aber eine ganz andere Stimmung vor , als ich gefürchtet hatte . Papa war gesprächig und von einer Weichheit , die mehr von Hoffnung als von Trauer zeugte . Er nahm meine Hand , und als er sah , daß ich nach einem Trostworte suchte , lächelte er und sagte : Und eine Prinzessin kommt ins Haus , Ein Feuer löscht den Flecken aus - Ich fange an , mich mit dem alten Hohen-Vietzer Volksreim auszusöhnen . Die Prinzessin läßt noch auf sich warten , aber der Flecken ist fort , das Feuer hat ihn ausgelöscht . Ja , meine liebe Renate , Rätsel umgehen uns , und vielleicht ist es Torheit , uns in dem Doppelhochmut unseres Wissens und Glaubens alles dessen , was Aberglauben heißt und vielleicht nicht ist , entschlagen zu wollen . Auch in ihm , von weither herangeweht , liegen Keime der Offenbarung . Ein Feuer löscht den Flecken aus , inmitten all dieser Prüfungen ist es mir , als müßten andere , bessere Zeiten kommen . Für uns , für alle . Ich wollte antworten ; aber Jeetze trat ein und meldete , daß Graf Drosselstein vorgefahren sei . Da hast du den längsten Brief , den ich je geschrieben . Einen Gruß an Kathinka , auch an Frau Hulen . Herzlichst Deine Renate von V. « Lewin legte den Brief aus der Hand . Er war bewegt , aber dasselbe Gefühl , das in Vater und Schwester vorgeherrscht hatte , gewann auch in ihm die Oberhand : die Freude darüber , daß etwas Unheimliches aus ihrem Leben genommen sei . Er setzte sich schnell an sein Pult und schrieb eine vorläufige kurze Antwort , in der er diesem Gefühle Ausdruck gab . Am Schlusse hieß es : » Der Altar ist nicht mehr , und der alte Matthias , wenn er weiter spöken will , muß sich eine andere Betestelle suchen . « Aber er erschrak vor seinen eigenen Worten , als er sie wieder überlas . » Das klingt ja « , sprach er vor sich hin , » als lüd ich ihn aus dem Saalanbau in unser Wohnhaus hinüber . Das sei ferne von mir . Ich mag den Komtur nicht zu Gast bitten . « Und mit dicker Feder strich er die Stelle wieder durch . Dann kleidete er sich rasch an , um Jürgaß , der nach dieser einen Seite hin empfindlich war , nicht warten zu lassen . Zehntes Kapitel Dejeuner bei Jürgaß Nicht bloß die alte Exzellenz Wylich , wie Geheimrat von Ladalinski sich ausgedrückt hatte , war ein Pünktlichkeitspedant , sondern auch Jürgaß . Dies wußte der ganze Kreis . So kam es , daß sich eine Minute vor zwölf alle Geladenen auf Flur und Treppe trafen , selbst Bummcke , der die scherzhaft eingekleidete , aber ernst gemeinte Reprimande von der letzten Kastaliasitzung her noch nicht vergessen hatte . Die Jürgaßsche Wohnung befand sich in einem mit einigen Reliefschnörkeln ausgestatteten Eckhause des Gensdarmenmarktes und nahm die halbe nach dem Platze zu gelegene Beletage ein . Sie bestand , soweit sie zu repräsentieren hatte , aus einem schmalen Entree , einem dreifenstrigen Wohn- und Gesellschaftszimmer und einem Speisesalon . Schon die Größe der Wohnung , noch mehr ihre Ausschmückung , konnte bei einem märkischen , auf Halbsold gestellten Husarenoffizier , dessen väterliches Gut mit drei seiner besten Ernten nicht ausgereicht haben würde , auch nur ein Dritteil dieser Zimmereinrichtungen zu bestreiten , einigermaßen überraschen ; unser Rittmeister war aber nicht bloß der Sohn seines Vaters , sondern auch der Neffe seiner Tante , eines alten Fräuleins von Zieten , die , als Konventualin von Kloster Heiligengrabe , ihrem Liebling , eben unserem Jürgaß , ihr ganzes , ziemlich bedeutendes Vermögen testamentarisch hinterlassen hatte . In diesem Testament hieß es wörtlich : » In Anbetracht , daß mein Neffe Dagobert von Jürgaß , einziger Sohn meiner geliebten Schwester Adelgunde von Zieten , verehelichten von Jürgaß , durch seiner Mutter Blut , insonderheit auch durch Bildung des Geistes und Körpers ein echter Zieten ist , vermache ich besagtem Neffen , Rittmeister im Göckingkschen ( ehemals Zietenschen ) Husarenregiment , in der Voraussetzung , daß er das Zietensche , so Gott will , immer ausbilden und in Ehren halten will , mein gesamtes Barvermögen , samt einem Bildnis meines Bruders , des Generallieutenants Hans Joachim von Zieten , und bitte Gott , meinen lieben Neffen in seinem lutherischen Glauben und in der Treue zu seinem Königshause erhalten zu wollen . « Dieses Testament war zufälligerweise gerade am 14. Oktober 1806 , also am Tage der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt , seitens der alten Konventualin , die noch denselben Winter das Zeitliche segnete , niedergeschrieben worden , weshalb denn auch Jürgaß , bei der Wiederkehr jedes 14. Oktober , seiner Weise zu sagen pflegte : » Sonderbarer Tag , an dem ich nie recht weiß , ob ich ein Fest- oder ein Trauerkleid anlegen soll ; Preußen fiel , aber Dagobert von Jürgaß stieg . « Im übrigen hatte ihn die Tante richtig abgeschätzt ; es steckte ihm von der Mutter Seite her , neben einem Hange zu gelegentlich glänzendem Auftreten , auch das gute Haushalten der Zieten im Blute , so daß sich sein Vermögen , aller Zeiten Ungunst zum Trotz , in den seit der Erbschaft verflossenen sechs Jahren eher gemehrt als gemindert hatte . In besonders reicher Weise war das schon erwähnte Wohnzimmer von ihm ausgestattet worden , was denn auch zur Folge hatte , daß alle diejenigen Herren , die heute zum ersten Mal in diesen Räumen waren , ihre Aufmerksamkeit auf Pfeiler und Wände desselben richteten . Herr von Meerheimb entdeckte sofort eine in verkleinertem Maßstab gehaltene Kopie eines großen , eine Zierde der Dresdener Galerie bildenden Tintoretto , während von Hirschfeldt sich freute , einer langen Reihe von Buntdruckbildern zu begegnen , deren Originale er in London , bei Gelegenheit einer Ausstellung Josua Reynoldsscher Werke , gesehen hatte . Die Fülle aller dieser Ausschmückungsgegenstände , unter denen namentlich auch bemerkenswerte Skulpturen waren , gab dem Geplauder , das ohnehin im Auf- und Abschreiten geführt wurde , etwas Unruhiges und Zerstreutes , das dem Aufkommen eines gemütlichen Tones ziemlich ungünstig war , von Jürgaß aber , sosehr ihm unter gewöhnlichen Verhältnissen die Pflege des Gemütlichen am Herzen lag , nicht unangenehm empfunden wurde , da ihm nicht entgehen konnte , daß der Grund dieser beständig hin und her springenden Unterhaltung ausschließlich eine seiner Eitelkeit schmeichelnde Bewunderung für seine Kunstwerke oder aber Neugier in betreff der sonst noch vorhandenen Sehenswürdigkeiten war . Zu diesen Sehenswürdigkeiten gehörte vor allem der » große Stiefel « , der , sechs Fuß hoch , mit einer anderthalb Zoll dicken Sohle und einem neun Zoll langen Sporn daran , seinerzeit entweder selbst eine cause célèbre gewesen war oder doch zu einer solchen die Anregung gegeben hatte . Es hatte damit folgende Bewandtnis . Es war am Ende der neunziger Jahre , als Jürgaß , damals noch ein blutjunger Lieutenant bei Göckingk-Husaren , mit Wolf Quast vom Regiment Gensdarmes die Friedrichsstraße nach dem Oranienburger Tore zu hinaufschlenderte . Dicht vor der Weidendammer Brücke , gegenüber der Pépinière , fiel ihnen ein riesiger Sporn auf , der im Schaufenster eines Eisenladens hing . Sie blieben stehen , lachten , schwatzten und setzten fest , daß der erste , der in Arrest käme , den Sporn kaufen solle . Der erste war Jürgaß . Aber der Sporn war kaum erstanden , als ein neues Abkommen getroffen wurde : » Der nächste läßt einen Stiefel dazu machen . « Dieser nächste nun war Quast , und nach Ablauf von wenig mehr als einer Woche wurde der mittlerweile gebaute Riesenstiefel unter allen erdenklichen Formalitäten prozessionsartig erst in die Kaserne und dann in Quasts Zimmer getragen . Von den jüngeren Kameraden beider Regimenter fehlte keiner . Da stand nun der Koloß , und der Riesensporn wurde angeschnallt . Aber der einmal wachgewordene Übermut war noch nicht befriedigt , und eine Steigerung suchend , wurde beschlossen , dem großen Stiefel und großen Sporn zu Ehren auch ein entsprechend großes Fest zu geben . Der Stiefel natürlich als Bowle . Gesagt , getan . Das Fest verlief zu vollkommenster Genugtuung aller Beteiligten , aber keineswegs zur Zufriedenheit des Kriegsministers , der vielmehr dem Unfug ein Ende zu machen und den großen Stiefel tot oder lebendig einzuliefern befahl . Die betreffende Ordre war kaum ausgefertigt , als alle jungen Lieutenants einig waren , daß es Ehrensache sei , den Stiefel coûte que coûte zu retten , der nunmehr auch wirklich bei der bald darauf stattfindenden Kasernenrevision aus einem Zimmer in das andere und schließlich in Rückzugsetappen erst auf die havelländischen , dann auf die ruppinschen und priegnitzschen Güter der respektiven Väter und Oheime wanderte , die sich nolens volens in das von ihren Söhnen und Neffen eingeleitete Spiel mitverwickelt sahen . So kam er schließlich nach Gantzer und war auf ein ganzes Dutzend Jahre hin vergessen , als unser Jürgaß , bei Gelegenheit eines kurzen Besuchs im väterlichen Hause , des ehemaligen corpus delicti wieder ansichtig wurde und sofort beschloß , es als originelle Zimmerdekoration in seiner eben in Einrichtung begriffenen Wohnung zu verwenden . Er machte übrigens nicht mehr und nicht weniger von der Sache , als sie wert war , und wenn er , die Geschichte vom » großen Stiefel « erzählend , einerseits viel zuviel Urteil hatte , um einen Fähndrichsstreich als Heldentat zu behandeln , so war er doch auch keck und unbefangen genug , sich des Übermutes seiner jungen Jahre nicht weiter zu schämen . Der eintretende Diener , die Flügeltüren des Speisesalons öffnend , meldete durch diese stumme Sprache , daß das Frühstück serviert sei , und Jürgaß , vorausschreitend , bat seine Gäste , ihm folgen zu wollen . An einem runden Tische war gedeckt . Hirschfeldt und Meerheimb nahmen zu beiden Seiten des Wirtes Platz , Hansen-Grell ihm gegenüber ; Tubal , Lewin und Bummcke , auf die sich aus der Reihe der Kastaliamitglieder die Einladungen beschränkt hatten , schoben sich von rechts und links her ein . Die Jürgaßschen Frühstücke waren berühmt , nicht nur durch ihre Auserlesenheit , sondern beinahe mehr noch durch die Aufmerksamkeiten und Überraschungen , womit er das Mahl zu begleiten pflegte . Auch heute war er nicht hinter seinem Ruf zurückgeblieben . Unter dem Couverte von Hirschfeldt lag , aus einem französischen Reisebuche herausgeschnitten , die » Kathedrale von Tarragona « , ein kleines Bildchen , auf dessen Rückseite die Worte zu lesen waren : » In dankbarer Erinnerung an den 5. Januar 1813 « , während Hansen-Grell beim Auseinanderschlagen seiner Serviette eines zierlichen silbernen Sporns ansichtig wurde , der auf dem Kartenblatt , auf dem er befestigt war , nach Art einer Devise die Umschrift führte : Er trug blanksilberne Sporen Und einen blaustählernen Dorn , Zu Calcar war er geboren , Und Calcar , das ist Sporn . Auch für Bummcke war gesorgt und eine Überraschung da , die freilich mehr den Charakter einer Neckerei als einer Aufmerksamkeit hatte . Es war eine große , neben seinem Teller liegende Papierrolle , die sich nach Entfernung des roten Fadens , der sie zusammenhielt , als ein vielfach lädierter , in grober Schabemanier ausgeführter Kupferstich erwies . Darunter stand : » Einzug des Hauptmanns von Bummcke in Kopenhagen . « Und in der Tat , so wenig glaubhaft ein hauptmännischer Einzug in die dänische Hauptstadt sein mochte , es sah mehr oder weniger nach etwas Derartigem aus , schon weil die Straßenarchitektur getreulich wiedergegeben und für jeden , der Kopenhagen kannte , der aus drei Drachenschwänzen aufgeführte Spitzturm des alten Börsengebäudes ganz deutlich erkennbar war . Nichtsdestoweniger bedeutete der eigentliche Gegenstand des Bildes , auf dem man einen offenen , mit vier Pferden bespannten und von Militär eskortierten Wagen sah , etwas sehr anderes und stellte weder die Entrée joyeuse Bummckes noch überhaupt einen Einzug , wohl aber die » Abführung der Grafen Brandt und Struensee zu ihrem ersten Verhöre « dar . Bummcke , der den Kupferstich aus einem alten Antiquitätenladen her seit lange kannte , fand sich in dem Scherze schnell zurecht oder gab sich wenigstens das Ansehen davon , was das Beste war , das er tun konnte . Er hatte nämlich , was hier eingeschaltet werden mag , die Schwäche , mit einer etwas weitgehenden Vorliebe von seiner » nordischen Reise « , der einzigen , die er überhaupt je gemacht hatte , zu sprechen und war in Folge dieser Schwäche - von der er übrigens selber ein starkes Gefühl hatte - bei mehr als einer Gelegenheit nicht bloß das Opfer Jürgaßscher Neckereien gewesen , sondern hatte auch die Erfahrung gemacht , daß Stillhalten das einzige Mittel sei , denselben zu entgehen oder doch sie abzukürzen . Das Tablett mit Port und Sherry wurde eben herumgereicht , als Bummcke , das Blatt noch einmal auseinanderrollend , mit jener Ruhe , die einem das Gefühl , seinen Gegenstand zu beherrschen , gibt , anhob : » Der arme Struensee ! Ich habe die Stelle gesehen , draußen vor der Westerngade , wo sie ihm den Kopf herunterschlugen . Was war es ? Neid , Rancune und nationales Vorurteil . Ein Justizmord ohnegleichen . Er war so unschuldig wie die liebe Sonne . « » Seine Intimitäten schienen aber doch erwiesen « , bemerkte Jürgaß wichtig , dem nur daran lag , seinen Infanteriekapitän in das geliebte dänische Fahrwasser hineinzubringen . » Intimitäten ! « entgegnete dieser , der dem Köder , trotzdem er den Haken sah , nicht widerstehen konnte . » Intimitäten ! Ich versichere Ihnen , Jürgaß , alles Torheit und Verleumdung . Ich habe während meines Aufenthaltes in Kopenhagen Gelegenheit gehabt , zu Personen in Beziehung zu treten , die , passiv oder aktiv , in dem Drama mitgewirkt haben . Ein Spiel war es mit Ehre und Leben , eine blutige Farce von Anfang bis zu Ende . Das Kanonisieren ist außer Mode ; hätten wir noch einen Rest davon , diese Königin Karoline Mathilde müßte heiliggesprochen werden . « » Wenn es nicht indiskret ist , nach Namen zu fragen , woher stammen Ihre Informationen ? « » Vom Leibarzt der Königin « , sagte Bummcke . » Nun , der muß es wissen « , erwiderte Jürgaß übermütig , » aber er schafft mit seiner Autorität die Aussagen derer , die sich selber schuldig bekannten , nicht aus der Welt . Ich appelliere vorläufig an unseren Freund Hansen-Grell . Er muß doch in seinem gräflichen Hause das eine oder das andere über den Hergang gehört haben . « » Nein « , antwortete dieser , » das gräfliche Haus , soviel ich weiß , hatte Ursache , über den Fall zu schweigen , und ihn aus Büchern kennenzulernen , habe ich versäumt . Ich muß mich überhaupt anklagen , der dänischen Geschichte , von einzelnen weit zurückliegenden Jahrhunderten abgesehen , nicht das Maß von Aufmerksamkeit geschenkt zu haben , das ihr gebührt . « » Und wir hatten gerade « , bemerkte Tubal verbindlich , » nach Ihrer Hakon-Borkenbart-Ballade , womit Sie uns am Weihnachtsabend erfreuten , den entgegengesetzten Eindruck . « » Weil Sie aus meiner Kenntnis der halb sagenhaften Vorgeschichte des Landes allerhand schmeichelhafte Rückschlüsse auf meine gesamte dänische Geschichtskenntnis zogen . Aber leider mit Unrecht . Ich habe mehr um Dichtungs als um Historie willen im Saxo Grammaticus und in den älteren Mönchschroniken gelesen , so viel , daß ich schließlich die moderne Königin Karoline Mathilde über die alte Königin Thyra Danebod vergessen habe . « » Thyra Danebod « , rief Jürgaß in aufrichtigem Enthusiasmus , » das ist ja ein wundervoller Name . Er tingelt etwas weniger als Kathinka von Ladalinska ; aber trotzdem ! Was meinen Sie , Bummcke ? « Bummcke , der sich so unerwartet an den Ladalinskischen Ballabend erinnert sah , drohte gutmütig mit dem Finger ; Hansen-Grell aber fuhr fort : » Ich teile ganz den Enthusiasmus unseres verehrten Wirtes , und wenn ich auf das Gewissen gefragt würde , würd ich bekennen müssen , aus dem Zauber dieses Namens , und vieler ähnlicher , so recht eigentlich die Anregung zu meinem Studium altdänischer Geschichten empfangen zu haben . Sigurd Ring und König Helge , Ragnar Lodbrok und Harald Hyldetand entzückten mich durch ihren bloßen Klang , und sooft ich dieselben höre , ist es mir , als teilten sich die Nebel und als sähe ich in eine wundervolle Nordlandswelt , mit klippenumstellten Buchten , und vor ihnen ausgebreitet das blaue Meer und hundert weißgebauschte Segel am Horizont . « » Es ist der fremde Klang , der unser