Der Vater lächelte still vor sich hin . Dem Bräutigam lag eine Zentnerlast auf dem Herzen . Zu seiner Erleichterung trat im nämlichen Augenblick der Emeritus Beyfuß ein , behufs einer amtlichen Anfrage , da er der Küsterpflicht nicht gleichzeitig mit der des Schulregenten entsagt hatte . Sein alter Herr teilte ihm die gefaßte Entschließung mit . Es lag ihm daran , seine Gemeinde über die Beweggründe des immerhin auffälligen Schrittes vorbereitend aufzuklären , und für derlei Vorbereitungen war der Adlatus Beyfuß just der rechte Mann . Mutter Hanna hatte ihn allezeit die wandelnde Glocke genannt . Rose kehrte in das Zimmer erst zurück , nachdem die beiden Freundinnen eingetroffen waren ; sie setzte sich in den Ofenwinkel und sprach an dem Abend kein Wort . Der Bräutigam stand ebenso schweigsam im Fensterbogen . Er starrte zum Himmel empor , an dem doch , so dick war der Nebel , kein einziges Sternchen zum Durchbruch kam . Der Vater teilte auch seinen lieben Abendgästen das Vorhaben mit , das seinem Leben einen beruhigenden Abschluß geben sollte . Da Rose ihre Bedenken nicht von neuem laut werden ließ , blieben sie unerwähnt , und es befremdete Dezimus einigermaßen , daß Lydia , die für alles Edle und Schickliche doch so feine Organe hatte , jene Bedenken nicht vorauszusetzen , sondern das Verlangen nach der väterlichen Weihe für den Bund der Herzen das natürlichste zu finden schien . Das musikalische , für Mißklänge daher äußerst scharfe Ohr der kleinen Sidi dahingegen spürte die durch diesen Akkord gestörte Harmonie bald genug heraus , war auch über die Urheberschaft der Störung nicht im Zweifel . Dem Vater sagte sie zwar nur in trockenem Ton , daß ihm eine recht lange Frist gegönnt sein werde , sich des Glückes seiner Kinder zu erfreuen , da Todesvorbereitungen gewöhnlich in Lebensverlängerungen umschlügen ; während des Heimwegs , der heute zu verfrühter Stunde , weil ohne geistliches Konzert samt Weltbetrachtung , angetreten ward , spottete sie jedoch nach Herzenslust über die hochzeitliche Stimmung , die im Schmollwinkel ausgeschwiegen worden sei . Die kluge Sidi hatte , wenn sie spottete , immer einen Zweck und fast immer einen so guten , daß Lydia ihm zugestimmt haben würde , insofern sie ihn unter solcher Verkappung erkannt hätte . Sie erkannte ihn auch heute nicht . Rosens Widerstreben war ihr wohl nicht entgangen , aber das leichtherzige Kind gewann dadurch in ihrer Schätzung , wie es schon in der des Vaters gewonnen hatte , und so wendete sie mit vorwurfsvollem Tone ein : » Muß denn nach dunkler Nacht das Auge sich nicht erst an das Sonnenlicht gewöhnen lernen ? « Dezimus drückte ihr für dieses gute Wort die Hand ; Sidonie zuckte nur schweigend die Achseln , als sie den Weg aber allein mit dem Freunde fortsetzte , sagte sie unmutig : » Wenn diese Idealisten doch nur das Urteilen bleiben lassen wollten ! Alles wird nach dem eigenen Gefühlsmaßstabe bemessen ; nichts nach dem der Natur , der Individualität . Zu stark wäre für dieses frohe Auge das Licht des Glücks ? Zu schwach ist es ihm . Das Leben ist mächtiger als der Tod . Rose denkt nicht an ihre Mutter ! « Sie merkte zu spät , daß sie die wundeste Stelle im Herzen des Freundes berührt habe , und lenkte daher begütigend ein : » Das liebe Mädchen , mit Staunen haben wir alle es bemerkt , hat sich redlich Mühe gegeben , sich Ihrem Wesen , Freund , anzubilden . Nicht weil sie Ihre Braut geworden , dies Verhältnis dünkte ihr von klein auf das natürliche , aber weil sie Ihnen das Leben zu danken glaubt und sie das Leben liebt . Nun müssen aber auch Sie sich Mühe geben , sich ihrem Wesen anzupassen ; das heißt nicht nur es sich spielerisch gefallen zu lassen , sondern ernsthaft darauf einzugehen . Rose ist durchaus nicht das Kind , für das sie sich gibt und für das sie genommen wird . Sie ist eine fertige Natur und kann ein Charakter werden . Sie weiß , was sie will , weiß , warum sie lacht und weint , mit dem Lockenköpfchen nickt und es schüttelt . Und eben in dieser bewußten Ursprünglichkeit , in dieser Wechselwirkung von Kindersinn und Überlegung wirkt sie auf jedermann so reizend . Allezeit ein Kind sein macht läppisch , allezeit überlegt sein unausstehlich . Bei alledem ist ihr Grundwesen die Freude , und diesem natürlichen Freudensinn müssen Sie auch bei dem gegenwärtigen Anlaß Rechnung tragen , Dezimus . Ihr gegenseitiges Verhältnis ist ja nicht auf eine sich überstürzende Leidenschaft angelegt , so wie etwa mein Max eine große Liebe versteht . Wie oft mögt ihr beide euch in aller Seelenruhe euer Verhältnis als Mann und Frau ausgemalt haben , kaum viel anders als das von Bruder und Schwester . Aber die Hochzeit hat die Kleine sich jederzeit als ein besonderes Fest gedacht , in ihrem beschränkten Kreise sie niemals anders als hohes Fest gefeiert . Die Hochzeit ist im Frauenleben der trennende goldene Schnitt , der leuchten soll weithinaus in ein nur allzuoft graues , trübseliges Einerlei . Was bedeutet der Braut nicht schon das frohe Schaffen der Aussteuer ? die Wahl des Hochzeitskleides , der Gedanke an Schleier und Kranz , in dem auch die Häßlichste einen Schönheitstriumph feiert ! Nehmen Sie ihr aber auch noch Sang und Klang des Polterabends und Hochzeitsschmauses , und aus dem goldenen Schnitt wird ein bleierner oder bestenfalls einer , der sich von dem abgebleichten Metall der Altargefäße nicht unterscheidet . Ja , wer weiß , hat sich Ihr bewegliches Bräutchen nicht gar auf eine Hochzeitsreise gespitzt ! Es geht nicht , Freund , so ohne Zier und Lust ; ein Sterbebett im Hintergrunde und eines im Spiegel vorgehalten , die Kinderstube , in der die Wiege gestanden hat , nunmehr die Hochzeitskammer . Papa Blümel würde freilich diese unklassische Auffassung vom goldenen Schnitte nicht gelten lassen . Sie müssen ihn hinzuhalten suchen ; ich will Ihnen treulich darin beistehen . Ich kenne aus alter wie neuer Erfahrung die Zähigkeit eines Greisenlebens . Lassen Sie nur erst die Frühlingssonne scheinen und im Garten die Blumenkinder sprießen , dann wallen auch im Herzen die stockenden Säfte wieder auf , der umnebelte Hochzeitsstern wird golden blinken , und die Kranzjungfern Lydia und Sidi werden mit Peter Kurzen und Held Martin den lustigen Brautreigen führen . « Hatte das kluge Mädchen recht ? War es wirklich nur das ? Und konnte es dem Liebenden ein Trost sein , wenn es wirklich nur verkümmerte Freude war , welche den starken Trieb des Weibes also im Banne hielt ? Nein , ach nein ! Er ahnete es ja nicht erst seit heute , daß es ein anderes war ; ein größeres oder geringeres ; die Wirkung des unerklärlichen Rosenwandels . Mochte Lydia den Ernst der Stimmung zu hoch anschlagen , Sidonie schlug ihn zu niedrig an . Hier klaffte eine Lücke , und welches Geheimnis auch auf ihrem Grunde brütete , die Stunde drängte , er durfte sein Auge nicht länger vor dem schneidenden Lichtstrahl verschließen . Stundenlang nach der Trennung von Sidonien war er im dicken Nebel , der Himmel und Fluß umhüllte , den Uferpfad hin und wieder geschritten , Zweifel und Fragen auf und ab wälzend wie den Stein des Äoliden : » daß der Schweiß seinen Gliedern entfloß , von schrecklicher Mühe gefoltert . « Mitten in der Nacht kehrte er heim . Der Vater war längst zur Ruhe gegangen , und eben das hatte er gewollt . Er hätte heute kein Wort mehr aus seinem Munde , den Blick seiner Augen nicht ertragen . Aber im Wohnzimmer brannte noch die Lampe , und schon auf der Treppe kam Rose ihm entgegen , mit dem Finger auf dem Munde und einem Wink , bei ihr einzutreten . Sie sah so blaß aus wie jüngst auf dem Krankenlager ; ein Zug fast von Trotz dehnte die Lippen , die sich sonst so anmutig kräuselten , als ob sie in einem gewaltsamen Entschluß die Zähne aufeinanderpresse . Über den Augen jedoch lag ein feuchter Flor ; sie hatte geweint . » Ich habe dich erwartet , Dezimus , « sagte sie ruhig , indem sie auf einen Stuhl dem ihren gegenüber deutete , » weil ich dir heute noch etwas sagen muß . Es wird dir wehe tun ; aber irremachen wollen darfst du mich nicht , denn ändern kann ich es nicht , wahrhaftig nicht . « Sie sann ein Weilchen , den Blick am Boden , dann fuhr sie fort : » Dezimus , wir müssen dem Vater den Willen tun . Er ist so schwach , und wir wissen jetzt , wie rasch ein Leben endet . Er muß im Glauben an unser Glück die Augen schließen oder ganz allmählich an eine andere Auffassung gewöhnt werden . Darum verkünde nur das Aufgebot . Drei Wochen sind eine lange Frist . Es wird sich bis dahin ein Aufschub ersinnen lassen . Im äußersten Falle werde ich wieder krank . Mir ist schon jetzt , als würde ich es ohne Lüge . Es rückt dann die Fastenzeit heran , in der er nicht leicht eine Ehe schließen würde ; es kommt der Frühling , der ihn kräftigen wird , - wenn nicht - nun , du verstehst dies wenn nicht . Wir ersparen ihm die Wahrheit , oder er könnte sie ertragen ; die Wahrheit , Dezimus , daß , seit ich deine Braut geworden bin , ich weiß , daß ich deine Frau nicht werden kann . « » Hast du mich denn nicht mehr lieb , Rose ? « fragte er ; nein , er hauchte es , oder vielleicht dachte er die Frage auch nur ; aber Rose hatte sie verstanden . Sie mochte die Tiefe seiner Bewegung nicht geahnt , den Grad seiner Wärme nach dem der ihren bemessen haben . Möglich , daß sie bis dahin auch mehr das , was sie selber aufgab , als die Entsagung , die sie forderte , in Betracht gezogen hatte . Nun , da sie seine Erschütterung inneward , sagte sie mit herzlicherem Klang als zuvor : » Ich habe dich noch lieb , Dezimus , mehr denn jemals lieb , ja im Grunde liebe ich dich erst jetzt ; denn erst jetzt weiß ich , was du wert bist , und daß es keine bessere Liebe gibt als die deine zu mir . Sieh , seitdem ich mich auf mich selbst besinne , dachte ich nicht anders , als daß wir von Natur zueinander gehörten ; ich freute mich auf die Zukunft , die der Vergangenheit glich , und fühlte mich als deine Verlobte , lange bevor ich es war . Denn in der Stunde , da ich es ward , fühlte ich nur den eisigen Tod , und dann fühlte ich tagelang nichts , gar nichts , bis du mir mit deinem Blute das Leben wiedergegeben hattest und ich nun plötzlich wußte , wie ich dich liebte , wie tief ich dich liebte , - aber nicht als dein verlobtes Weib . Es war eine Blutesliebe geworden , eine Geschwisterliebe , und nicht wahr , guter Dezimus , du würdest mir das Leben erkauft haben , auch wenn du wußtest , welchen Preis du dafür zu zahlen hattest ? « Er sagte nicht ja , obgleich er es hätte sagen dürfen . Nach einer Pause fragte er so leise wie vorhin : » Liebst du einen anderen , Rose ? « Das schelmische Lächeln ihrer früheren Tage flog über ihre Lippen . » Einen anderen ? « versetzte sie . » Närrischer Dezem , ei , wen denn wohl ? Peter Kurzen oder Held Martin ? Schäme dich doch , Dezimus , du beleidigst dich und mich mit derlei Rivalen ! Und dennoch , « setzte sie nach einer nachdenklichen Pause hinzu , » und dennoch könnte ich am Ende mit jedem von ihnen leichter fertig werden als mit dir . Denn über sie lachte ich mich hinweg ; aber mit dir ist es mir heiliger Ernst ; dir könnte ich nichts Halbes geben , heute mindestens nicht mehr geben . « Sie hielt betroffen inne , da sie ihn mit einem Tränenstrom kämpfen sah ; dann aber , immer wärmer und wärmer werdend , fuhr sie mit der ihr eignenden holden Beweglichkeit fort : » Ich werde nie einen Menschen , wie du bist , wiederfinden . Ich habe dich lieber als alle anderen Menschen , als meine Schwestern alle zusammengenommen . Nur meinen Vater habe ich ebenso lieb wie dich ; aber wie lange werde ich meinen lieben Vater noch haben ? Dezimus , ich blicke zu dir auf wie - zu meinem Schutzengel würde ich sagen , wenn ich die fromme Lydia und nicht Rose Blümel wäre , die an Schutzengel nicht glaubt , nur an gute Menschen wie du . Sieh , Dezimus , ich wüßte mir nichts Schöneres auszudenken , als mein Leben lang um dich zu sein , hier in der Pfarre oder anderwärts , wo es dir gefiele , als dein Kind , als deine Schwester , deine Freundin , deine Versorgerin , als - ach , lächele doch nur ein einziges Mal , Dezimus - als deine demütige Magd , nur nicht als deine Frau . Erst seit dein Blut in meinen Adern fließt - oder wäre es , daß der Tod mich reif gemacht ? - , erst seit ich deine Braut bin , weiß ich , was es heißt , eines Mannes Weib zu sein , und ich weiß auch , was es heißt , eine Sünde begehen wider den Heiligen Geist . Ich würde den Himmel auf Erden an deinem Herzen haben , und wenn ich dich von mir weise und habe auch meinen Vater nicht mehr , ach , dann bin ich ja das allerverlassenste arme Kind auf der ganzen Welt . Und dennoch , etwas , etwas Heimliches , das ich nicht nennen kann - es muß doch wohl mit dem Dämon , an den des Vaters alte Heiden geglaubt , seine Richtigkeit haben , Dezimus ! - , ja , ein Dämon sträubt sich und bäumt sich gegen meinen Willen wie gegen einen Frevel an der Natur . Du weinst , Dezimus ? Ach , weine doch nicht ! Ich bin ja deine Tränen gar nicht wert . Nein , so traurig darfst du mich nicht ansehn , Dezimus . Hast du mich denn wirklich so sehr lieb ? Das habe ich mir ja gar nicht gedacht . Du bildest es dir am Ende nur ein . Du wirst eine andere finden , die besser ist als ich ; die wirst du heiraten und glücklich werden und mir es noch einmal danken , daß ich dich nicht so geliebt habe , wie sie dich liebt . Oder höre , Dezimus , wer weiß , ob es bei mir nicht ein Nervenspuk ist , den die Krankheit zurückgelassen hat , oder das Todesgesicht ? Die selige Mutter hat mich ja immer einen Querkopf gescholten ! dein Blut in meinen Adern kann versickern . Der Mensch wird alle paar Jahr ein neuer , sagt Peter Kurze . Ich glaube es freilich nicht ; aber es kann ja sein ; du mußt nur Geduld mit mir haben , Dezimus . Ich kann dich ja wieder lieb haben lernen wie sonst , wo ich so gern deine Frau geworden wäre , so lieb , wie ich dich lieb haben möchte . Aber wahrlich , wahrlich , Dezimus , niemals mit einer bessern Liebe als in dieser Stunde , wo ich ohne Neid und Groll eine Stimme im Innersten sagen höre : Es ist sein alter Johannissegen , der ihn vor dir und vor sich selbst bewahrt . « Dezimus reichte ihr stumm die Hand und schlich in die Kammer , wo der Vater schlief . Und da hat er in dieser Nacht wohl einen guten Kampf gekämpft , aber keinem Menschen ist es eingefallen , ihn ob seines Sieges als Helden zu preisen . Und ob ihm sein schweigendes Bräutigamsopfer eines Tages heimgezahlt werden wird ? - Ach , was fragt ein Mensch nach dem Glück , das er gewinnen kann , in dem Augenblicke , wo er das , was er besaß , verlor ? Dezimus hatte seine Rose niemals schöner gesehen , sie niemals so heiß geliebt wie in dieser Nacht . Der Morgen kam , der Vater erwachte . Dem armen Dezimus wurde es plötzlich wieder schwarz vor den Augen . Denn in dem Kampfe , den er auszukämpfen hatte , da schien die Proklamation , welche ihm für den Sonntag aufgegeben worden war , freilich nur ein geringfügiges Hindernis . Wenn aber einer eine schwere Last bergan zu tragen hat , da hemmen die Steinbrocken , die auf seinem Wege verstreut liegen , den strauchelnden Schritt mehr als der jache Felsenvorsprung , der sich in weitem Bogen umgehen läßt . Tag und Nacht rang Dezimus mit dem Entschluß , dem Vater die Wahrheit zu bekennen . Aber der Greis war in diesen Tagen so sterbensmatt ; hätte eine starke Erregung gewagt werden dürfen ? oder welche schonende Täuschung wäre zu ergrübeln gewesen ? So legte Dezimus sich denn am Sonnabend nieder mit dem Vorsatz , morgen nach der Predigt zu verkünden : » Es sind entschlossen in den heiligen Ehebund zu treten « und so weiter und darauf des Himmels Segen zu seiner Verbindung mit Rose Blümel zu erflehen . Fest jedoch stand es in ihm , nach dieser bewußten , groben Unwahrheit mit dem priesterlichen Amte abzuschließen , sobald er die müden Greisenaugen zugedrückt haben würde . Einer Nacht ohne Schlaf folgte gegen Morgen ein Halbschlummer ruhelos wie jene . Die häßlichen Zweifel des Wachens verkehrten sich in Schwindelängste des Traums . » Von der Kanzel fallen « nennt der Volksmund das kirchliche Aufgebot . Bräutigam und Braut stehen auf einem hohen Gerüst . Er sieht sie straucheln , sinken , will sie halten , taumelt und stürzt mit einem gellen Schrei ihr nach in die Tiefe . Über dem Schrei wachte er auf . Der Greis stand an seinem Bette . » Du sollst nicht lügen , mein Sohn , « sagte er ruhig , und das kirchliche Aufgebot wurde nicht verkündet . Wochen vergingen ohne in die Augen springende Veränderung ; der Vater schien seinen Plan vergessen zu haben , und wer hätte ihn daran erinnern sollen ! In der Gemeinde hatte sich die Sage verbreitet , der Pastor habe , da er sich merklich kräftiger fühle , die Trauung verschoben , bis er sie zum Frühling in seiner Kirche zu vollziehen imstande sei . Möglich , daß Rose des beflissenen Adlatus Einbläserin gewesen ist ; vermutlicher indessen Fräulein Sidonie . In der Pfarre wurde die Weltbetrachtung fortgesetzt ; Sidonie spielte ihre Fugen . Dezimus dankte es Lydia , daß sie , ihre Sangesscheu vor fremden Ohren überwindend , jetzt regelmäßig an seiner Statt den Vater durch ein Beethovensches Gellertlied oder eines von seinem alten Bach erquickte . Nie hatte er einen reineren , edleren Alt gehört . Ohne daß ein aufklärendes Wort gefallen wäre , verstanden beide Freundinnen den Grund von des Bräutigams traurigen Augen . Sidonie , wenig von der heimlichen Lösung überrascht und sie noch weniger beklagend , dachte : » Er muß durch ! « suchte ihn mit Ernst und Scherz zu zerstreuen , brachte ihm gute Bücher , Karten , kleine optische Instrumente , machte ihm Freude , wo sie konnte . Mehr aber , wahrhaft wohl , tat ihm Lydia , die , ahnungslos von seiner Erfahrung betroffen und in seine Seele betrübt , ihn mit einer leisen , schwesterlichen Güte umspann und in deren Blicken geschrieben stand : » Ich weiß , was Sehnsucht heißt , mein Freund . « Zu ihrem von Tage zu Tage wachsenden Verständnis seiner wissenschaftlichen Interessen gesellte sich nun noch ein herzliches Mitleid , wie seinerseits der gewohnten hohen Verehrung sich eine dankbare Rührung verband , um ihre gegenseitige Freundschaft zu einer vollständigen zu machen . Oftmals aber schmerzte es ihn , daß von all dieser Güte er allein der Empfangende war , und um die arme Rose , die ihre Brautkrone doch so tapfer der Wahrhaftigkeit geopfert hatte - die Billigkeit dieser Einsicht hatte die Kränkung dem Verschmähten , Gott sei Dank , nicht geraubt - , um sie kümmerte sich keiner als er allein . Freilich sah Rose nicht danach aus , als ob ihr eine Zukunft verschüttet worden wäre . Ein neuer , seltsamer Geist schien in ihr aufgewacht . Oder wäre es der ihres Einst gewesen , der mit dem » reifenden Todesgesichte « um ein heimlich Werdendes rang ? Wallende Unruhe wechselte mit grübelndem Versinken ; manchmal war es , als fühle sie sich selbst ängstlich den Puls , manchmal , als dränge es sie , sich einem Menschen an die Brust zu werfen . Die ernste Lydia nannte ihren Zustand Gewissensbangen , die kluge Sidi dagegen einfach Langeweile ob Fugen und Weltbetrachtung . » Das Rosenkind weiß , was es will , wenn es am wenigsten es zu wissen scheint , « war heute wiederum ihr Satz . Ob die kluge Sidi sich aber heute nicht wiederum täuschte ? Ob das Rosenkind wirklich wußte , nach was es verlangte ? Und was verlangte es denn ? Sich freuen , gefallen , geliebt werden wie einst ? Oder was mehr ? War die » querköpfige Laune « verflogen ? das Blut des Bruders in ihren Adern versickert ? Bereute sie den heimlichen Bruch ? Hatte die » beste Liebe « der natürlichen Liebe wieder Raum gegeben ? Dezimus , wenn er ihren lächelnden Blicken begegnete , wenn sie ihm herzlich die Hand reichte , die er freiwillig nicht mehr zu berühren wagte , der arme , törichte Dezimus hoffte wieder nach armer , törichter Liebhaber Art. In diese lauernde Stimmung drang nun aber , sonderbar belebend , ein Hauch von dem prickelnden Atem der Zeit , und wie Sidonie es gewesen war , welche die Weltbetrachtung gegen die Todesbetrachtung auf die Tagesordnung gebracht hatte , so war sie es jetzt wieder , welche für die Streitfragen der Herzen in denen der Politik einen Ableiter fand . So zurückgezogen sie gegenwärtig lebte , sie hatte bis vor kurzem in einem regen Verkehr gestanden , stand noch mehrfältig und zumal mit ihrem Stiefvater Zacharias in einem Briefwechsel , der sich nicht mit Intimitäten befaßte ; sie hielt die bedeutendsten Zeitblätter und Publikationen auch des Auslandes , und was der Hauptfaktor war , bei starker Erhaltsamkeit der Gesinnung besaß sie einen scharfen Sinn für das Schürende und Treibende im Einzelleben wie im allgemeinen . Allerorten witterte sie Gärung und glimmende Glut , zumeist aber dort , wo das Herz schlug , in dem das ihre pulste . Für den Augenblick zwar wußte sie Max fern . Der Brief , in welchem sie ihn zu dem Herrenleben in Bielitz einlud , hatte sich mit einem gekreuzt , in welchem er ihr einen Winteraufenthalt in Andalusien meldete . Lange freilich würde es ihn , dem holdesten Himmel zum Trotz , unter maurischen Schönheitsresten nicht dulden ; seine Zone war die der Aktualität . Die Schwester war indessen schon froh genug , ihn fern zu wissen in einer Gegenwart , wo sie nun einmal , mochte es ein Nebelbild sein , bedrohliche Dämpfe dem Krater entsteigen sah . Die Stoffe , die sie am Tage gesammelt hatte , die trug sie am Abend nun hinauf in die stille Pfarre , und der sie am gierigsten verschlang , der sie einsog wie einen belebenden Wein , das war der friedliche , sterbensmatte Greis . Er konnte den Moment kaum erwarten , in welchem seine kundige , junge Freundin das Zimmer betrat ; er lauschte , fragte , las in kräftigeren Stunden mit der regsten Neubegier ; und wie ein erfahrener Landmann , wenn er in weitem Abstand Blitze züngeln sieht , am Zuge der Wolken und Wechsel der Winde , am Fluge der Vögel und manchem anderen tierischen Instinkt sorglich die Niederschläge berechnet , die seine Heimatsflur erquicken oder bedrohen können , so spähete und spannte der alte Freiheitskämpfer von 1813 nach der elektrischen Spannung , welche , sich entladend , in seinem Preußenlande eine Saat , die er selbst mit ausgestreut hatte und deren Reife er nicht mehr erleben sollte , je nachdem befruchten oder vernichten würde . Patriotische Erinnerungen und Erwartungen ließen , so schien es , ihn den Zwiespalt zweier junger Herzen vergessen . Noch war es indessen ja nur die Schwüle vor dem Orkan , welche der Empfängliche spürte ; noch ahnete keiner , an welcher Stelle und in welcher Weise der atmosphärische Strom sich entladen werde . Als Sidonie jedoch eines Abends die Neuigkeit von dem Ableben des alten Dänenkönigs brachte , als sie mit apodiktischer Beweisführung dartat , daß sein Nachfolger die strittige Nationalitätenfrage zugunsten des Gesamtstaates lösen werde , ja von seinem Standpunkte aus lösen müsse , da steigerte sich in dem Greise das bängliche Vorgefühl zu einem prophetischen Gesicht . Er sah den Funken in seinem Volke niederschießen , nicht wie schon manchmal als einen kalten Schlag ; und wie entfernt und beschränkt auch immer der Herd , große Geschicke sah er sich auf ihm entzünden . Sidonie lächelte über den aufgeregten alten Herrn . Mochte er recht haben ! Der Kampf um einen Fetzen deutschen Landes , um eine Handvoll » deutscher Sklaven « war keiner , für welchen ihr Max weder zum Rebellen noch eventuell zum Patrioten ward . Die zündende Idee vertrat ihm auch an dieser Stelle Deutschlands Feind . In dem Sohne dagegen zitterte des Vaters Erregung nach . Schon während seiner Universitätszeit hatte » der Schmerzensschrei « der Herzogtümer wie in den Herzen der Kommilitonen so auch in dem seinen einen starken Widerhall gefunden . Er hatte dem alten , redlichen Vater Jahn endlosen Beifall klatschen helfen , als dieser bei Gelegenheit eines Sängerfestes in der Umgegend die deutsche Jugend im Binnenlande aufrief , sich zu scharen unter dem Banner der durch einen schmachwürdigen Königsbrief bedrohten deutschen Brüder diesseit und jenseit des Eiderflusses , und als darauf in tausendstimmigem Chorus » Schleswig-Holstein meerumschlungen « gesungen wurde , da erscholl der Baß des Hünen der Studentenschaft so donnermäßig wie vor der Zeit noch nie und nach der Zeit nicht wieder . Er , der Hüne , hatte sogar es ganz plausibel gefunden , als Vater Jahn darauf öffentlich seine Mißbilligung aussprach , daß jenes herrliche deutsche Lied in Klang gesetzt worden sei zu eitlem Prahl ; auf die Weise » Flieg , Käfer , flieg ! « müsse das heiligste Anliegen seines Volkes schon dem Kinde an der Mutterbrust durch die Ohren in das Gemüt dringen und ihm das Eingeweide umwenden . Feuerfangen wie Stroh und wie Strohfeuer verflackern ist aber nicht eines Glücklichen Art. Dezimus hatte nach jenem beweglichen Sängerfeste oftmals über die Bruderschaft an der Eider nachgedacht , und wenige Streitfragen der Zeit waren ihm so verständlich geworden wie diese . Zwar schätzte er auch die Inseldänen als deutsche Brüder , aber doch nur als Halbbrüder , und da vollbürtige Geschwister den halbbürtigen im Erbe , auch der Liebe , vorangehen , jene halbbürtigen sich überdies wie recht feindliche Stiefbrüder gebärdeten , fühlte er aus dem Herzen der vollbürtigen heraus ein gutes Recht gekränkt . Als er nun aber bei seinem kürzlichen Inselaufenthalt einen Teil dieser rechten Brüder kennen lernte und so kernhafte , tüchtige Menschenbrüder unter ihnen , als er anschaulich in dem Küstenstreifen , um den es sich handelte , die Pforte in das Weltweite erkannte , deren kein zum Leben berufener Staat entraten kann , da brannte ihn die Schmach , die ein kleines einiges Volk seinem großen uneinigen Volke anzutun wagte , und er ermaß die Gefahr für einen dem letzteren unentbehrlichen Besitz . Mußte dieser Besitz , mußten Recht und Ehre in blutigem Streit erobert werden , diesen Streit hätte er ausfechten helfen mögen ; in seiner gegenwärtigen Stimmung aber mehr denn je . Oft , ach , wie oft , sehnte er sich aus seiner Schwüle heraus nach einer erfrischenden Tat ! Wie es denn nun aber in Fragen um das Allgemeine oftmals ein Persönliches ist , welches den Anteil schärft , ja sogar ihm eine veränderte Richtung gibt , so war es an jenem Abend der Gedanke an Philipp , der sorgenvoll aus Lydias Seele in die ihres Freundes zog . War er es doch , welcher den Jüngling in den Umkreis des glimmenden Herdes geführt hatte ; die Verantwortung für sein Schicksal fiel auf ihn . Er spürte , wie das Hartensteinsche Blut in dem Jüngsten des Geschlechtes aufschäumte , wie es ihn hinriß zu Torheit und Übermut ; er sah ihn ergriffen , verzehrt von den Flammen . Und so spukte der tote Dänenkönig in dem friedlichen binnenländischen Pfarrhause gleich einem drohenden Gespenst . Zum Glück spuken Gespenster jedoch nicht über Nacht , wenigstens nicht in einem Pfarrhause wie dem Blümelschen . Am anderen Tage fühlte ein jeder , daß er mit seinen Befürchtungen weit über das Ziel hinausgeschossen habe und daß nicht mit Feuer und Schwert erledigt zu werden brauche , was mit Feder und Tinte zu erledigen ist . Der alte Dänenkönig war tot , was wußte die kleine Sidi von den Staatsgedanken des neuen ? Um so friedfertiger , als man gestern kriegerisch gestimmt gewesen , vertiefte man sich heute statt in die Politik der Neuen Rheinischen Zeitung in die Physik des greisen Humboldt ; und da war es denn eine Anspielung von ihm , welche , um der gründlichen Lydia genugzutun , den Vorleser zu der Verdeutlichung des optischen Grundsatzes , daß jeder Mensch seinen eigenen Regenbogen sehe , veranlaßte . Das führte Vater Blümel nun hinwiederum recht behaglich in sein Lieblingsgebiet , die Gesetze der sichtbaren Natur