Johannes sah ihn scharf an . » Und wenn du mich verrätst ? « » Ich will zwischen euren Schwertern gehen . Lüge ich , so stoßt mich nieder . « - » Warte ! « rief Johannes und eilte hinweg . Fünftes Kapitel . Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und ungefähr dreißig entschlossenen armenischen Söldnern , die außer ihren Schwertern kurze Handbeile führten . » Wenn wir drin sind , « sprach Johannes , » reißest du , Perseus , das Ausfallpförtchen auf , rechts von der Porta Capuana , im Augenblick , da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten . Auf dies Zeichen stürzen von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte . Aber wer hütet den Turm an der Porta ? Den müssen wir haben . « » Isak , ein großer Freund der Edomiten , der muß fallen . « » Er fällt , « sprach Johannes und zog das Schwert : » Vorwärts ! « Er war der erste , der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg . » Ihr beiden , Paukaris und Gubazes , nehmt den Juden in die Mitte : beim ersten Verdacht - nieder mit ihm ! « Und so , bald auf allen Vieren kriechend , bald gebückt tastend , bei völliger Dunkelheit , rutschten und schlichen die Armenier ihm nach , sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen vermeidend : lautlos krochen sie vorwärts . Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme : » Faßt den Juden ! Nieder mit ihm ! - Feinde ! Waffen ! - - Nein , laßt ! « rief er rasch , » es war nur eine Schlange , die vorüber rasselte ! Vorwärts . « » Jetzt zur Rechten ! « sprach Jochem , » hier mündet die Wasserleitung in einen Tempelgang . « » Was liegt hier ? - Knochen - ein Skelett ! « » Ich halt ' s nicht länger aus ! der Modergeruch erstickt mich ! Hilfe ! « seufzte einer der Männer . » Laßt ihn liegen ! vorwärts ! « befahl Johannes . » Ich sehe einen Stern . « - » Das ist das Tageslicht in Neapolis , « sagte der Jude - » nun nur noch wenige Ellen . « - Johannes ' Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums , die sich im Atrium des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten . Wir kennen den Baum . Den Wurzeln ausweichend , stieß er den Helm hell klirrend an die Seitenwand : erschrocken hielt er an . Aber er hörte zunächst nur den heftigen Flügelschlag zahlreicher Tauben , die da hoch oben wild verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen . » Was war das ? « fragte über ihm eine heisere Stimme . » Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt ! « Es war die Witwe Arria . » Ach Gott , « sprach sie , sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend : » erlöse uns von dem Übel und laß die Stadt nicht untergehen , bis daß mein Jucundus wieder kommt ! Wehe , wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet . O laß ihn wieder des Weges kommen , den er von mir gegangen : zeig ihn mir wieder , wie ich ihn diese Nacht gesehen , aufsteigend aus den Wurzeln des Baumes . « Und sie wandte sich nach der Höhlung . » O ! dunkler Gang , darin mein Glück verschwunden , gib mir ' s wieder heraus ! Gott , führ ' ihn mir zurück auf diesem Wege . « Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung , die Augen fromm gen Himmel gewendet . Johannes stutzte . » Sie betet ! « sagte er , » soll ich sie im Gebet erschlagen ? « - Er hielt inne ; er hoffte , sie solle aufhören und sich wenden . » Das dauert zu lange : ich kann unserm Herrgott nicht helfen ! « Und rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus . Da schaute die Betende mit den halberblindeten Augen nieder ; sie sah aus der Erde steigen eine schimmernde Mannesgestalt . Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge . Selig breitete sie die Arme aus . » Jucundus ! « rief sie . Es war ihr letzter Hauch . Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz . Ohne Weheruf , ein Lächeln auf den Lippen , sank sie auf die Blumen : - Miriams Blumen . Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus , dann dem Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf . » Wo ist das Pförtchen ? « - » Hier links , ich gehe zu öffnen ! « Perseus wies die Krieger an . - » Wo ist die Treppe zum Turm ! « - » Hier rechts , « sprach Jochem - es war die Treppe , die zu Miriams Gemach führte , wie oft war Totila hier hereingeschlüpft ! - » still , der Alte läßt sich hören . « Wirklich , Isak war es . Er hatte von oben Geräusch vernommen : er trat mit Fackel und Speer an die Treppe : » Wer ist da unten ? bist du ' s , Miriam , wer kommt ? « fragte er . » Ich , Vater Isak , « antwortete Jochem , » ich wollte Euch nochmal fragen ... « - und er stieg katzenleise eine Stufe höher . Aber Isak hörte Waffen klirren . » Wer ist bei dir ? « rief er und trat vorleuchtend um die Ecke . Da sah er die Bewaffneten hinter Jochem kauern . » Verrat , Verrat ! « schrie er , » stirb , Schandfleck der Hebräer ! « Und wütend stieß er Jochem , der nicht zurück konnte , die breite Partisane in die Brust , daß dieser rücklings hinabstürzte . » Verrat ! « schrie er noch einmal . Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder , sprang über die Leiche hinweg , eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von Byzanz . Da krachten unten Beilschläge : das Pförtchen fiel , von innen eingeschlagen , hinaus , und mit gellendem Jauchzen jagten - schon war es ganz dunkel geworden - die Hunnen zu Tausenden in die Stadt . Da war alles aus . Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen , ein Haufe brach die nächsten Tore ein , den Brüdern draußen Eingang schaffend . Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei : er hoffte , die Eingedrungenen noch hinauszutreiben , umsonst : ein Wurfspeer streckte ihn nieder . Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert treuen Goten , die ihn noch umgaben . Da , als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen , erhoben sich - unter Führung alter Römerfreunde , wie Stephanos und Antiochos des Syrers - ein eifriger Anhänger der Goten , Kastor , der Rechtsanwalt , ward , da er sie hemmen wollte , erschlagen - auch die Bürger von Neapolis : sie entwaffneten die einzelnen Goten in den Straßen und schickten , glückwünschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend , eine Gesandtschaft an Belisar , der , von seinem glänzenden Stab umgeben , zur Porta Capuana hereinritt . Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck anzuhalten , sprach er : » Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten . Sonst lag ich längst vor Rom , ja vor Ravenna . Was glaubt ihr , daß das dem Kaiser an Recht und mir an Ruhm entzieht ? Fünfzehn Tage lang hat sich eure Feigheit , eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen lassen . Die Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden - Plünderung . Ohne Mord : - die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers - ohne Brand : denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz . Wo ist der Führer der Goten ? Tot ? « » Ja , « sprach Johannes , » hier ist sein Schwert , Graf Uliaris fiel . « » Den meine ich nicht ! « sprach Belisar . » Ich meine den jungen , den Totila . Was ward aus ihm ? Ich muß ihn haben . « » Herr , « sprach einer der Neapolitaner , der reiche Kaufherr Asklepiodot , vortretend , » wenn Ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung ausnehmt , will ich ' s Euch wohl sagen . « Aber Belisar winkte : zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden . » Rebell , willst du mir Bedingungen machen ? Sprich , oder die Folter macht dich sprechen . « - » Erbarmen ! Gnade ! « schrie der Geängstigte . » Der Seegraf eilte mit wenigen Reitern während der Waffenruhe hinaus , Verstärkung zu holen vom Castellum Aurelians : er kann jeden Augenblick zurückkehren . « » Johannes , « rief Belisar , » der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis . Wir müssen ihn fangen ! Du hast , wie ich befahl , den Weg nach Rom abgesperrt ? das Tor besetzt ? « » Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können , « sprach Johannes . » Auf ! Blitzesschnell ! wir müssen ihn hereinlocken ! Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und auf der Porta Capuana . Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf die Wälle : wer ihn warnt , mit einem Augenwinken , ist des Todes . Zieht meinen Leibwächtern gotische Waffen an . Ich selbst will dabei sein ! dreihundert Mann in der Nähe des Tors . Man lasse ihn ruhig herein . Sowie er das Fallgitter hinter sich hat , läßt man ' s nieder . Ich will ihn lebend fangen . Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz . « » Gib mir das Amt , mein Feldherr , « bat Johannes . » Ich schuld ' ihm noch Vergeltung für einen Kernhieb . « Und er flog zurück zur Porta Capuana , ließ die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine Maßregeln . Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran : » Um der Güte Gottes willen , « flehte eine liebliche Stimme , » ihr Männer , laßt mich heran ! Ich will ja nur seine Leiche , o gebt acht ! sein weißer Bart ! o mein Vater . « Es war Miriam , die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause gescheucht hatte . Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme . » Weg , Mädel ! « rief der nächste Krieger , ein sehr langer Bajuvare , ein Söldner von Byzanz : - Garizo hieß er . » Halt uns nicht auf ! wir müssen den Weg säubern ! In den Graben mit dem Juden ! « » Nein , nein ! « rief Miriam und stieß den Mann zurück . » Weib ! « schrie dieser zornig und hob das Beil . Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen : - wie gelähmt hielt der Krieger inne : » Du hast Mut , Mädel ! « sagte er , das Beil senkend . » Und schön bist du auch , wie die Waldfrau der Luisacha . Was kann ich dir Liebes tun ? du bist ganz wundersam anzuschauen . « - » Wenn der Gott meiner Väter dein Herz gerührt , « bat Miriams herzgewinnende Stimme , » hilf mir die Leiche dort im Garten bergen - das Grab hat er sich lange selbst geschaufelt neben Sara , meiner Mutter , das Haupt gegen Osten . « - » Es sei ! « sprach der Bajuvare und folgte ihr . Sie trug das Haupt , er faßte die Knie der Leiche : wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten : da lag ein Stein unter Trauerweiden : der Mann wälzte ihn weg , und sie senkten die Leiche hinein , das Antlitz gegen Osten . - Ohne Worte , ohne Tränen starrte Miriam in die Grube : sie fühlte sich so arm jetzt , so allein ; mitleidig , leise schob der Bajuvare die Steinplatte darüber . » Komm ! « sagte er dann . » Wohin ? « fragte Miriam tonlos . » Ja , wohin willst du ? « - » Das weiß ich nicht ! - Hab Dank , « sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und reichte es ihm : es war von Gold , eine Schaumünze vom Jordan , aus dem Tempel . » Nein ! « sagte der Mann und schüttelte das Haupt . Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen . » So , « sagte er , » das wird mir gut tun mein Leben lang . Jetzt muß ich fort , wir müssen den Grafen fangen , den Totila . Leb ' wohl . « Dieser Name schlug in Miriams Herz : - noch einen Blick warf sie auf das stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen . Sie wollte zum Tore hinaus auf die Straße : aber das Fallgitter war gesenkt , an den Toren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden . Erstaunt sah sie um sich . » Ist alles vollzogen , Chanaranges ? « - » Alles , er ist so gut wie gefangen . « - » Horch , vor dem Wall , - Pferdegetrappel - sie sind ' s , zurück , Weib . « Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Tor . » Auf ! auf , das Tor , « rief Totila von weitem . Da spornte Thorismuth sein Roß heran . » Ich weiß nicht , ich traue nicht ! « rief er , » die Straße war wie ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde : kaum ein paar Wachtfeuer brennen . « Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes . » Der Bursch bläst ja gräßlich ! « sprach Thorismuth zürnend . » Es wird ein Welscher sein , « meinte Totila . » Gebt die Losung , « rief ' s herab auf lateinisch . » Neapolis , « antwortete Totila entgegen . » Hörst du ' s ? Uliaris hat die Bürger bewaffnen müssen . Auf das Tor ! ich bringe frohe Kunde , « fuhr er fort zu den oben Aufgestellten , » vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß : und Italien hat einen neuen König . « » Wer ist ' s ? « fragte es leise drinnen . » Der auf dem weißen Roß , der erste . « Da sprangen die Torflügel auf , gotische Helme füllten den Eingang . Fackeln glänzten , Stimmen flüsterten . » Auf mit dem Fallgitter , « rief Totila , dicht heranreitend . Spähend blickte Thorismuth vor , die Hand vor den Augen . » Sie haben gestern getagt zu Regeta , « fuhr Totila fort , » Theodahad ist abgesetzt , und Graf Witichis ... « - Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Roß den Sporn geben , da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe der Krieger . » Flieh , « rief sie , » Feinde über dir ! die Stadt ist gefallen ! « Aber sie konnte nicht vollenden : ein Lanzenstoß durchbohrte ihre Brust . » Miriam ! « schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd zurück . Doch Thorismuth , der längst Argwohn geschöpft , zerhieb , rasch entschlossen , mit dem Schwert , durch das Gitter hindurch , das haltende Seil , an dem das Tor auf und nieder ging , daß es dröhnend vor Totila niederschlug . Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter . » Auf das Gitter ! Hinaus auf sie ! « rief Johannes von innen : aber Totila wich nicht . » Mirim , Miriam « , rief er im tiefstem Schmerz . Da schlug sie nochmal die Augen auf , mit einem brechenden , von Liebe und Schmerz verklärten Blick : - dieser Blick sagte alles : er drang tief in Totilas Herz . » Für dich ! « hauchte sie und fiel zurück . - Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr . » Miriam , « rief er nochmals , beide Hände gegen sie ausbreitend . - Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes , blitzschnell prallte das edle Tier hochbäumend zurück . Das Fallgitter fing an , sich zu heben : da faßte Thorismuth nach Totilas Zügel , riß das Pferd herum und gab ihm einen Schlag mit der flachen Klinge , daß es hinwegschoß . » Auf und davon , Herr , « rief er , » ja , sie müssen flink sein , die uns einholen . « Und brausend sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurück , den sie gekommen ; nicht weit verfolgte sie Johannes im Dunkel der Nacht und des Wegs unkundig . Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell Aurelians : auf einem Hügel machten sie Halt , von wo man die Stadt mit ihren Zinnen , in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen , liegen sah . Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz , aus seiner Betäubung auf . » Uliaris ! « seufzte er , » Miriam ! « » Neapolis , - wir sehen uns wieder . « Und er winkte zum Aufbruch gen Rom . Aber von Stund ' an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele : mit dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben für immerdar . Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte , rief er , vom Pferde springend , mit wütiger Stimme : » Wo ist die Dirne , die ihn gewarnt ? Werft sie vor die Hunde . « Und er eilte zu Belisar , das Mißgeschick zu melden . Aber niemand wußte zu sagen , wohin der schöne Leichnam geraten . Die Rosse hätten sie zertreten , meinte die Menge . Aber einer wußte es besser : Garizo , der Bajuvare . Der hatte sie im Tumult sachte , wie ein schlafend Kind , auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen , hatte die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter sorglich an des Vaters Seite gelegt : dann hatte er sie still betrachtet . Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt , in der die Massageten Belisars , trotz seines Verbots , brannten und mordeten und sogar die Kirchen nicht verschonten , bis der Feldherr selbst , mit dem Schwert unter sie fahrend , Einhalt schuf . - Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz , daß er nicht wagte , wie er so gern gewollt , sie zu küssen . So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und brach eine Rose , die neben dem Grabe blühte , und legte sie ihr auf die Brust . Dann wollte er fort , seinen Teil an der Plünderung zu nehmen . Aber es ließ ihn nicht fort : er wandte sich wieder um . Und er hielt die Nacht über , an seinen Speer gelehnt , Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens . Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen , den ihn die Mutter daheim an der Luisacha gelehrt . Aber es war ihm nicht genug : andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser . Und als die Sonne emporstieg , schob er sorgfältig den Stein über das Grab und ging . So war Miriam spurlos verschwunden . Aber das Volk in Neapolis , das im stillen warm an Totila hing , erzählte , schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen , ihn zu retten , und wieder aufgefahren gen Himmel . Sechstes Kapitel . Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu Regeta . Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad , den König Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte , die Besatzung der Stadt zu verstärken , bis er selbst mit einem größeren Heere zum Entsatz herbeieilen könne . Wie jetzt die Dinge standen , konnten die Brüder nichts andres tun , als sich auf die Hauptmacht , nach Regeta , zurückziehen , wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden von Neapolis erstattete . Der Verlust der dritten Stadt des Reiches , des dritten Hauptbollwerks Italiens , mußte den ganzen Kriegsplan der Goten verändern . Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert : es waren gegen zwanzigtausend Mann . Diese , mit der kleinen Schar , die Graf Teja eigenmächtig zurückgeführt , waren im Augenblick die ganze verfügbare Macht : bis die starken Heere , die Theodahad weit weg nach Südgallien und Noricum , nach Istrien und Dalmatien entsendet , wiewohl sofort zur schnellen Rückkehr aufgefordert , einzutreffen vermochten , konnte ganz Italien verloren sein . Gleichwohl hatte der König beschlossen , sich mit diesen zwanzig Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den Zufluß der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu leisten . Aber jetzt , da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen , gab Witichis den Plan , sich ihm entgegenzustellen , auf . Sein ruhiger Mut war ebensoweit von Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt . Ja , der König mußte seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren Entschluß abringen . Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in Verwünschungen über den Verräter Theodahad , über Belisar , über die Italier Luft machte , während schon die kecke Jugend hier und da anhob , auf das Zaudern des Königs zu schelten , der sie nicht gegen diese Griechlein führen wolle , deren je vier auf einen Goten gingen , während der Ungestüm des Heeres schon über den Stillstand grollte , gestand sich der König mit schwerem Herzen die Notwendigkeit , noch weiter zurückzuweichen und selbst Rom vorübergehend preiszugeben . Tag für Tag kamen Nachrichten , wie Belisars Heer anwachse : aus Neapolis allein führte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und Kampfgenossen - , von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen : von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug , Schutz gegen solche Übermacht zu gewähren und die kleineren Städte an der Küste öffneten dem Feind mit Jubel die Tore . Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des Königs und berichteten , wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis Cumä und Atella sich ergeben , darauf folgten Capua , Cajeta und selbst das starke Benevent . Schon standen die Vorposten Belisars , hunnische , sarazenische und maurische Reiter , bei Formiä . Das Gotenheer erwartete und verlangte eine Schlacht vor den Toren Roms . Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt , mit zwanzigtausend Mann einem Belisar , der bis dahin hunderttausend zählen konnte , im offnen Feld entgegenzutreten . Eine Zeitlang hegte er die Hoffnung , die mächtigen Befestigungen Roms , das stolze Werk des Cethegus , gegen die byzantinische Überflutung halten zu können , aber bald mußte er auch diesen Gedanken aufgeben . Die Bevölkerung Roms zählte , dank dem Präfekten , mehr waffenfähige und waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert : und stündlich überzeugte sich der König , von welcher Gesinnung diese beseelt waren . Schon jetzt hielten die Römer kaum noch ihren Haß wider die Barbaren zurück : es blieb nicht bei feindlichen und höhnischen Blicken : schon konnten sich Goten in den Straßen nur in guter Bewaffnung und großen Scharen blicken lassen : täglich fand man vereinzelte gotische Wachen von hinten erdolcht . Und Witichis konnte sich nicht verhehlen , daß diese Elemente des Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen Häuptern : den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus . Er mußte sich sagen , daß , sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde , das Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine gotische Besatzung erdrücken würde . So hatte Witichis den schweren Entschluß gefaßt , Rom , ja ganz Mittelitalien aufzugeben , sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu werfen , hier die mangelhaften Rüstungen zu vollenden , alle gotischen Streitkräfte an sich zu ziehen und dann mit einem gleichstarken Heere den Feind aufzusuchen . Er war ein Opfer , dieser Entschluß . Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust , und es war seinem Mut eine herbe Zumutung , anstatt frisch draufloszuschlagen , zurückweichend seine Verteidigung zu suchen . Aber noch mehr . Nicht rühmlich war es für den König , der um seiner Tapferkeit willen auf den Thron des feigen Theodahad gehoben worden , wenn er sein Regiment mit schimpflicher Flucht begann : er hatte Neapolis verloren in den ersten Tagen seiner Herrschaft : sollte er jetzt freiwillig Rom , die Stadt der Herrlichkeiten , sollte er mehr als die Hälfte von Italien preisgeben ? Und wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen , - wie mußte das Volk von ihm denken ? Diese Goten mit ihrem Ungestüm , ihrer Verachtung der Feinde ! Konnte er irgend hoffen , ihren Gehorsam zu erzwingen ? Denn ein germanischer König hatte mehr zu raten , vorzuschlagen , als zu befehlen und zu gebieten . Schon mancher germanische König war von seinem Volksheer wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden . Er fürchtete ein Gleiches : und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager zu Regeta in seinem Zelte auf und ab . Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen : » Auf , König der Goten , « rief eine leidenschaftliche Stimme , » jetzt ist nicht Zeit zu schlafen ! « - » Ich schlafe nicht , Teja , « sprach Witichis , » seit wann bist du zurück ? Was bringst du ? « - » Eben schritt ich ins Lager , der Tau der Nacht ist noch auf mir . Wisse zuerst : sie sind tot . « - » Wer ? « - » Der Verräter und die Mörderin ! « - » Wie ? du hast sie beide erschlagen ? « - » Ich schlage keine Weiber . Theodahad , dem Schandkönig , folgte ich zwei Tage und zwei Nächte . Er war auf dem Weg nach Ravenna , er hatte starken Vorsprung . Aber mein Haß war noch rascher als seine Todesangst . Schon bei Narnia holte ich ihn ein : zwölf Sklaven begleiteten seine Sänfte : sie hatten nicht Lust , für den Elenden zu sterben : sie warfen die Fackeln weg und flohn . Ich riß ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die Faust : er aber fiel nieder , bat um sein Leben und führte zugleich einen heimtückischen Stoß nach mir . Da schlug ich ihn , wie ein Opfertier : mit drei Streichen . Einen für das Reich : und zwei für meine Eltern . Und ich hing ihn an seinem goldenen Gürtel auf , an der offenen Heerstraße , an einem dürren Eibenbaum : da mag er hangen , ein Fraß für die Vögel des Himmels , eine Warnung für die Könige der Erde . « » Und was ward aus ihr ? « » Sie fand ein schrecklich Ende ! « sprach Teja schaudernd . » Als ich von hier nach Rom kam , wußte man nur , daß sie verschmäht , den Feigling zu begleiten : er floh allein . Gothelindis aber rief seine kappadokische Leibwache zusammen und verhieß den Männern goldne Berge , wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona sich werfen wollten . Die Söldner schwankten und wollten erst das verheißne Gold sehen . Da versprach Gothelindis , es zu bringen und ging . Seitdem war sie verschwunden . Wie ich wieder durch Rom kam , war sie freilich gefunden . « - - » Nun ? « - » Sie hatte sich in die Katakomben gewagt , allein , ohne Führer , einen dort vergrabnen Schatz zu holen . Sie muß sich in diesem Labyrinth verirrt haben , sie fand den Ausgang nicht mehr . Suchende Söldner trafen sie noch lebend : ihre Fackel war nicht herabgebrannt , sondern fast völlig erhalten : sie mußte alsbald erloschen sein , nachdem sie die Höhlung beschritten . Wahnsinn sprach aus ihrem Blick : lange Todesangst , Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt : sie starb , sowie sie ans Tageslicht gebracht war . « » Schrecklich ! « rief Witichis . - » Gerecht ! « sagte Teja . » Aber höre weiter . « Eh ' er beginnen konnte , eilten Totila , Hildebad , Hildebrand und andre gotische Führer ins Zelt : » Weiß er ' s ? « fragte Totila . - » Noch nicht , « sagte Teja . - » Empörung ! « rief Hildebad ! » Empörung ! Auf , König Witichis , wehre dich deiner Krone ! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße . « - » Was ist geschehn ? « fragte Witichis ruhig . » Graf Arahad von Asta , der eitle Laffe , hat sich empört . Er ist gleich nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia , wo sein älterer Bruder , der stolze Herzog von Tuscien , Guntharis , haust und herrscht . Da haben die Wölsungen viel Anhang