zu versorgen , bis er dies selber thun kann , dies , theure Freundin , ist meine Sache . Die Ihrige ist ' s , ihn zu vermögen , daß er die Vorsorge Ihres alten Freundes nicht von sich weist , weil dieser sich einmal in der übeln Lage befunden hat , ihm einige kleine , nicht angenehme Vorstellungen zu machen . Ich schicke ihm morgen eine Anweisung auf meinen Banquier . Und damit gute Nacht , theure Herzogin ; gute Nacht , meine theure , treue Freundin ! Er wollte sich entfernen , ihr die Nothwendigkeit des Dankes zu ersparen ; sie aber hielt ihn zurück . Und Angelika ? fragte sie . Morgen , morgen ! entgegnete er ihr . Lassen Sie mir Zeit , mich zu fassen , mich zu überwinden , lassen Sie der Baronin die Zeit , zu überdenken , was sie gethan hat ! Sie bleiben ja mit uns ! Achtzehntes Capitel Herbert war kaum in die Stadt zurückgekehrt , als er zu Seba hinunterging , ihr die Nachricht von seiner Verlobung zu bringen . Sie kannte seine Erwählte nicht , aber sie kannte den Amtmann , und die einfache Tüchtigkeit desselben und das Gute , welches er bei seinen verschiedenen Geschäftsbesuchen im Flies ' schen Hause von der Schwester gerühmt , hatten sie für das Mädchen eingenommen und sie Herbert ' s wachsendes Wohlgefallen an Eva lange mit Freude bemerken lassen . Sie hatte von je gehofft , daß es Eva ' s Gradheit gelingen werde , den beunruhigenden Einfluß zu brechen , den die Baronin auf Herbert übte , und als er ihr jetzt mit Lebhaftigkeit von Eva ' s klarem , nur auf das Nächste gestellten Sinne , von ihrer schlichten Wahrhaftigkeit , von der unverhohlenen Wärme sprach , mit welcher sie ihm ihre Neigung immer kund gegeben , da füllten sich Seba ' s Augen schnell mit Thränen , und ihre Hände auf seine Schultern legend , sagte sie mit freudiger Bewegung : O , Gott segne Sie ! Gott segne Sie und all Ihr Glück ! Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren , ergriffen sie den Freund . Werde ich Ihnen denn einen solchen Segenswunsch nicht einst erwiedern können ? fragte er , indem er ihre Hände küßte . Sie schüttelte verneinend das schöne Haupt . Sie sind so gut , so edel , sagte er , Sie müssen Liebe finden , denn Sie verdienen sie ! Sie müssen lieben können , wie wenig andere Frauen ! Ja , versetzte sie , das habe ich Alles einstmals selbst geglaubt , aber - Sie wollte nicht weiter sprechen , er nöthigte sie jedoch dazu . Da glitt jenes melancholische Lächeln , das lange Zeiten hindurch nicht von ihrem Antlitze gewichen war , wieder einmal über ihre Mienen , und mit einem Tone , der den Schmerz ihrer Seele nicht zu verbergen wußte , obschon sie bemüht war , ihn zu unterdrücken , sagte sie : Damals , als ich glaubte , ich müsse glücklich werden können , weil ich es zu werden wünschte , kannte ich die Einrichtung der Welt noch nicht . Damals wußte ich noch nicht , daß man auf seinem Posten bleiben und geduldig und bescheiden sein muß , um nicht in wilder Hast an seinem Ziele vorüber zu eilen . Damals sah ich es auch noch nicht ein , daß wir nicht alle die gleiche Rolle im Leben spielen können und daß es auch Zuschauer für das Glück der Andern geben muß . Sie und Ihre Eva , Sie sind an Ihrem rechten Platz geblieben , Sie sind zwei Glückliche . Ich - ich verkannte meinen Platz , ich konnte mich nicht bescheiden , ich verstand nicht , zu warten , ich stürzte mich mit blinder Hast ins Leben - ich habe meine Rolle schlecht begriffen , schlecht gespielt , und muß sehr froh sein , daß ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glücke erfreuen kann . Spielen Sie das Stück recht schön zu Ende , und Sie sollen es erleben , welche Genugthuung Sie mir damit gewähren . Herbert wollte sich damit nicht beruhigen . Als Eva ' s Verlobter fühlte er sich Seba gegenüber freier ; aber sie wollte nun von sich selber nicht mehr sprechen hören . Nur von Herbert sollte die Rede sein , und da inzwischen auch ihre Eltern hinzugekommen waren und Herbert erzählt hatte , wie seine Angelegenheiten ständen , sagte er , gegen Herrn Flies gewendet : Rathen Sie mir , was soll ich thun ? Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu thun gerathen ? fragte der Juwelier . Ich habe ihm noch gar Nichts von meinem Verlöbniß geschrieben , um ihm nicht von der Weigerung des Freiherrn sprechen zu müssen , den er immer für seinen Gönner , seinen Freund gehalten hat . Und mein Vater ist in einem Alter , in welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht verschmerzt . Man muß jung und gut sein , meinte Herr Flies , um also von dem Alter zu denken , das vielmehr den traurigen Vorzug hat , von solchen Verlusten nicht mehr überrascht zu werden . Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht , wenn Sie Ihrem Vater eine Unannehmlichkeit ersparen , da Sie ohnehin in dieser Sache gar nichts thun können , als .... Nun , was denn ? fragten Herbert und Seba wie aus Einem Munde . Nichts als abwarten ! sagte der Juwelier . Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ändert ? rief mit sichtlichem Verdrusse der Architekt , welcher auf einen ganz anderen Rath gerechnet zu haben schien . Bis für Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr gelegen ist ! bedeutete der Andere . Wenn Herr Steinert aus seinem bisherigen Verhältniß zu dem Freiherrn austritt .... Würden Sie dies billigen und wünschen , lieber Vater ? fiel ihm Seba in die Rede . Ja , wenn er der Mann ist , für den ich ihn halte , und wenn er so empfindet , wie er an den Herrn Architekten schreibt ! meinte Herr Flies . Denn es soll Niemand dienen , der die Möglichkeit hat , auf eigenen Füßen zu stehen ! Aber wie lange soll denn Herbert warten ? meinte Seba , die es in der lebhaften Theilnahme für ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien , daß sie ruhiges Abwarten eben erst für eine Tugend angesehen hatte . Wie lange sollen Eva und ihr Bräutigam denn warten ? wiederholte sie . Bis die Umstände ihnen entgegenkommen , antwortete Herr Flies . Es gehen so viele Wege durch das Leben ; von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit , wenn wir ihm dann nur Thor und Thüre öffnen . Warten Sie es ab , lieber junger Freund , was sie dort in Richten thun werden und was dort geschieht ; warten Sie das ab . Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise , welche der vorsichtige Geschäftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten Stände angeeignet hatte , etwas sehr Beruhigendes , selbst dann , wenn er , wie eben jetzt , seine Meinung nicht ganz kund gab . Alle fühlten , daß er etwas verschweige , was auf die gethane Frage nicht ohne Einfluß sei ; indeß sie kannten ihn darauf , daß man ihm nicht entlocken könne , was er nicht freiwillig gewähre , und er selber gab dem Gespräche mit der Frage , wie viel Zeit die Vollendung des Kirchenbaues in Rothenfeld noch fordern würde , eine andere Wendung . Herbert meinte , daß man im nächsten Sommer nicht fertig werden könne , wenn man nicht die Mittel fände , den Bau mehr zu fördern , als es in den beiden letzten Jahren , eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen , möglich gewesen sei . Herr Flies wollte die Summe kennen , deren man noch für den Bau bedurfte , und er fand sie groß , da Jener sie ihm nannte . Herbert begann sich zu vertheidigen , aber Herr Flies ließ es dazu nicht kommen . Verstehen Sie mich recht , sagte er , ich beurtheile nicht den Bau und seine Erfordernisse , denn ich habe davon keine genauen Kenntnisse ! Und doch nannten Sie die Summe groß ? Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron , gab er zur Antwort . Er ist freigebig , zu freigebig vielleicht , und freigebig gegen Personen , die nicht bedenklich sind , von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen . Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre , und unsere Herren vom Adel hier scheinen noch nicht zu merken , was um sie her geschieht , scheinen noch zu glauben , daß hier Alles beim Alten bleiben könne und werde , wenn rund um uns her das Bestehende längst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist . Einer seiner Comptoir-Gehülfen , welcher ihm ein Packet Briefe aushändigte , unterbrach seine Bemerkungen . Er betrachtete die Briefe der Reihe nach , bevor er sie eröffnete , sah sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück ; nur zwei davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit . Nachdem er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte , sagte er : Es freut mich , daß ich mich in dem Manne nicht getäuscht habe ! Ihr künftiger Schwager nimmt seine Sache , wie er muß , und was an mir ist , werde ich ihm helfen ! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert für Sie dabei , in welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschäften die Rede sein wird . - Es war das erste Schreiben , das Herbert nach der Sendung durch den Boten von seiner Braut empfing . Sie meldete ihm die Abreise des Marquis , welche sie natürlich als ein Zugeständniß an ihres Bruders Beschwerde ansah ; sie sprach von einem Besuche , den der Caplan bei ihnen gemacht habe , und schilderte , wie er den Bruder habe überreden wollen , sich dem Freiherrn zu nähern und Vergebung für seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über dieselbe auszusprechen . Aber , berichtete sie , der Bruder ist wie umgewandelt seit dem Tage , und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt , so bald als möglich von hier fortzukommen . Und so war es in der That . Der Amtmann gehörte zu den Menschen , die mit Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten , Störnisse und Widerwärtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen können , daß dies mit ihren Verhältnissen zusammenhange . Er hatte mancher unbilligen Anforderung des Freiherrn zu genügen gesucht und sich gesagt , die Herren wären das einmal von Alters her gewohnt . Er hatte sich manchen Tadel gefallen lassen , weil der Freiherr ihn von klein auf gekannt , weil , wie er wußte , den Herren von Arten das befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag , und weil es , als der Amtmann seinen ererbten Posten angetreten , doch im Grunde nur Geringfügiges gewesen war , um das es sich bei den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hatte . Seit den letzten Jahren aber war das anders geworden . Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirthschaft gefühlt , aus welcher so viel als irgend möglich für unfruchtbare Ausgaben herausgezogen wurde , ohne daß die nöthigen Mittel zur Unterhaltung und Weiterförderung der Cultur zur Hand geblieben wären . Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer ruhig angehört , ohne ihnen jedoch Folge zu geben . Von einem Jahre hatte er die wirthschaftlichen Verlangnisse seines Amtmannes auf das andere hinausgeschoben , nothwendige Arbeiten hatten unterbleiben müssen , weil Wälder für den Verkauf gefällt werden sollten ; nothwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem Kirchenbau zu Liebe , und wie Adam sich auch anstrengen mochte , dem Verfalle der Güter entgegen zu arbeiten , so konnte er sich am wenigsten dagegen verblenden , daß sie in sich an Werth verloren , wesentlich verloren hatten , und daß wenig Aussicht vorhanden war , sie in den nächsten Jahren wieder empor zu bringen und damit ihr weiteres Herunterkommen zu verhüten . Sich in solcher vergeblichen Arbeit abzumühen , war dem Amtmanne schon lange schwer geworden , und oftmals hatte sich in ihm der Gedanke geregt , was er mit seinem Fleiße , mit seinen Kenntnissen zu schaffen im Stande sein würde , wo er allein zu bestimmen , wo er allein das Gleichgewicht zwischen den Ausgaben und Einnahmen zu erhalten hätte . Aber wer mit seiner Arbeit , wie der Landmann , nicht auf den Erwerb des Tages und auf den augenblicklichen Erfolg seines Schaffens gestellt ist , dessen Wesen nimmt etwas von der langsam wirkenden Thätigkeit seines Berufes an . Adam hätte sicherlich viel Zeit gebraucht , aus freiem Antriebe zu einem selbständigen Entschlusse zu gelangen ; jetzt , durch einen äußeren Anlaß zu demselben hingedrängt , ergriff er ihn mit Lebhaftigkeit und hielt ihn kräftig aufrecht . Mit dem Momente , in welchem er vor dem Freiherrn zum ersten Male einer blinden Willkür gegenüber gestanden hatte , war seine Abhängigkeit von diesem ihm wie eine Schmach erschienen , und all das erlittene kleine Unrecht , alle die erduldeten Widerwärtigkeiten , alle seine gehabten Sorgen und seine unfruchtbaren Mühen hatten sich zwischen ihn und seine Vergangenheit , zwischen ihn und seinen bisherigen Herrn gestellt und ihn von demselben abgetrennt . Es war eine schwere Stunde gewesen , als der Freiherr ihm den Dienst gekündigt . Es war eine schwere Stunde gewesen , in der sich Adam im Geiste von der Heimath seiner Väter losgesagt hatte ; aber nun der Kampf gekämpft war , fühlte er sich als einen anderen Menschen . Er war glücklich in dem Gefühle seiner Kraft , in dem Besitze seiner Kenntnisse und seines ererbten und durch seinen Fleiß vermehrten Capitals . Er wußte seinen Vorfahren für dasselbe Dank , aber es genügte ihm nicht mehr , was ihn sonst befriedigt hatte , in ihre Fußstapfen zu treten . Nicht mehr ein treuer Diener , wie sie , ein freier Herr auf eigenem Grund und Boden wollte er werden und sein , und wie er im Geiste das Joch der Dienstbarkeit von seinem starken Nacken warf , hob er den Kopf mit schönem , schnell erwachtem Ehrgeize hoch empor , und sein starkes Selbstbewußtsein machte ihn geduldig . Grade wie der Juwelier , verwies er Eva ' s und ihres Verlobten Ungeduld auf die nicht allzu ferne Zeit , in welcher seine Schwester ihre Volljährigkeit erreicht und er den Dienst des Freiherrn verlassen haben würde . Er wollte nicht zum zweiten Male als ein vergebens Bittender vor einem Herrn stehen , nicht Gewährung fordern , wo er bald selber zu gewähren im Stande sein konnte , und nicht nur in dem Amtmanne , auch in seiner Schwester hatte die erfahrene Unbill das eigene Selbstgefühl und die Abneigung gegen die fremde Willkür gestärkt und aufgeregt . Darüber glitten die Tage hin . Der Winter kam voll herauf , Herbert ' s praktische Arbeiten ruhten , aber er war mit neuen Entwürfen mannigfach beschäftigt , und wie langsam auch in jenen Zeiten und in jenen Gegenden die Postverbindungen noch waren , wurde doch zwischen dem Amthofe und dem Flies ' schen Hause ein lebhafter Briefverkehr erhalten , an dem sich bald nicht nur Seba , sondern auch Herr Flies betheiligte . Im Amthofe ging Alles seinen ruhigen Gang , obschon es feststand , daß der Amtmann den freiherrlichen Dienst verlassen würde . An jedem Tage wurde das Nothwendige mit Voraussicht auf die Zukunft gethan , und wenn die Geschwister es dabei auch fortwährend inne wurden , daß ihre Zukunft von der Zukunft des Freiherrn und der Arten ' schen Güter fortan geschieden wären , so halfen die lange Gewohnheit dessen , was zu leisten war , und die Plane und Aussichten , mit denen Adam sowohl als Eva für sich selbst beschäftigt waren , ihnen über den Zwiespalt fort , welcher sich etwa in ihnen bei ihrer Arbeit hätte erzeugen können . Um so größeres Aufsehen machte es in den Dörfern , daß der Amtmann , daß einer der Steinerts den Dienst der Herren von Arten zu verlassen dachte . Die Reiseknechte , welche in die nächsten Marktflecken geschickt wurden , die Wirthschafter , welche mit den gedroschenen Saaten in die Kreisstadt fuhren , wußten nichts Wichtigeres zu erzählen . Die Viehhändler , die Hausirer , die nach den Gütern kamen , wurden mit der Nachricht empfangen , trugen sie weiter fort , und bald wußten sie alle Landwirthe und Gewerbtreibende der ganzen Provinz . Wo immer man sie aber erfuhr , erregte sie Erstaunen . Denn daß die Steinerts Rothenfeld nicht ohne Grund verlassen würden , davon war Jeder , der sie kannte , überzeugt , und es währte nicht lange , so sagte man es auch schon hier und dort , daß die Steinerts achtsame und vorsichtige Leute wären , die , gleich den klugen Ratten , ein baufälliges Haus zur rechten Zeit verließen . Weßhalb man das alte , gute Haus nicht mehr für baufest halten mochte , das hätten diejenigen Anfangs kaum zu sagen gewußt , welche diese Meinung äußerten ; aber die plötzliche Abreise des Marquis , die gleich darauf bekannt gewordene Nachricht , daß der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide , waren viel zu auffallend gewesen , als daß man nicht die Frage nach dem Grunde der Ereignisse hätte aufwerfen sollen , und , wie das oft geschieht , fand die einfache Wahrheit schwerer Glauben , als das phantastische Gewebe , welches halbes Wissen und übelwollendes Vermuthen zusammenspannen . Niemand glaubte es , daß der Freiherr nicht in die Verlobung Eva ' s und Herbert ' s gewilligt habe , denn gegen diese war ja gar nichts einzuwenden ; man glaubte auch nicht , daß der Freiherr den Marquis entfernt habe , weil der Franzose den Frauen und Mädchen zu sehr nachgestellt und schließlich der Amtmann sich darüber beschwert hatte . Wegen solcher Dinge schickte , wie man meinte , hierlands kein Edelmann , und am wenigsten der Freiherr von Arten , seinen Gastfreund fort , und deßwegen ging auch kein verständiger Mensch wie Adam Steinert aus einem Dienste , in welchem seine Familie seit hundert Jahren gelebt hatte und reich geworden war . Die Sache verhielt sich vielmehr , wenn man es sich recht überlegte , wahrscheinlich ganz anders . Nicht auf Mamsell Eva mußte der Marquis es mit seinen Besuchen im Amthause abgesehen haben , sondern auf Zusammenkünfte mit der Baronin , die in der letzten Zeit erst wieder mehrmals im Amthause gewesen war . Um der Baronin willen hatte der Freiherr wahrscheinlich den windigen Franzosen weggeschickt ; wegen der Rendezvous im Amthofe hatte es vermuthlich Streit mit dem Amtmanne gegeben , deßhalb war Adam auch entlassen worden , und daß der Freiherr dann im Aerger seine Zustimmung zu Eva ' s Verheirathung versagt hatte , das konnte möglich sein , obschon er , wie alle Welt es auf den Gütern wußte , sonst auf den Architekten gerade viel gehalten hatte . Was man hier und da durch die Hülfsarbeiter und Hülfsarbeiterinnen erfuhr , welche gelegentlich im Schlosse verwendet wurden und die bisweilen einzelne Reden und Bemerkungen der Dienerschaft vernahmen , das bestätigte Alles nur die Vermuthung , daß zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas vorgefallen sei , obschon sie es nicht merken lassen wollten , denn die Baronin hatte den Tag vor der Abreise des Marquis einen ihrer Anfälle von Herzkrampf gehabt und kränkelte immerfort . Damals , als die Baronin nach der Auffindung von Paulinens Leiche auch so lange gekränkelt und im Schlosse auch so zerstörte Verhältnisse obgewaltet hatten , da hatte man Mitleid mit ihr gehegt ; jetzt war das anders . Trug sie doch ganz allein die Schuld des Kirchenbaues , an den vorher kein Mensch gedacht und von dem alle Welt zu leiden hatte , und wer weiß , ob sie nicht doch noch davon abgestanden haben würde , ohne die französische Herzogin und ohne alle die Franzosen , welche sich im Schlosse und in der Umgegend wie die Kuckucke in fremde Nester eingenistet hatten . Man dachte nur mit Unwillen an das ganze Schloß und an seine sämmtlichen Bewohner , und es war auch Niemandem im Schlosse wohl zu Muthe , außer der einen Frau , gegen welche die Abneigung der Leute sich am entschiedensten aussprach , außer der Herzogin . Aber die Plane der Herzogin waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so geschickt gemischt , daß Alles , was sich in dem Schlosse ereignen mochte , sich immer zu ihrem Besten wenden mußte . Neunzehntes Capitel Einige Tage nach der Abreise des Marquis saß der Caplan tief in seine Gedanken versunken , den Kopf auf die Hand gestützt , an dem Fenster seines Zimmers und sah dem bleichen , winterlichen Sonnenuntergange zu . Es war etwas in diesem Anblicke , das ihm das Herz bewegte . Wie feurig , wie strahlend stieg sie in der Frühe am Horizont empor ! rief er unwillkürlich aus , und eben so unwillkürlich glitt sein Auge hinüber nach der Wand , an welcher , von dem letzten scheidenden Tageslichte getroffen , ein Bild des Freiherrn hing . Aber der Seufzer , welcher der Brust des Sinnenden entquoll , galt nicht allein dem Freunde , er galt dem eigenen Geschicke ; denn immer häufiger drängte sich dem Geistlichen die Frage auf , ob er nicht den rechten Weg für sich verfehlt , ob er nicht geirrt habe , als er , der Bitte einer Sterbenden und dem eigenen erschütterten Gemüthe folgend , sein Leben einer Aufgabe gewidmet , die er zu leisten nicht vermocht hatte . Friede und Heiligkeit hatte er diesem Hause bringen und erhalten wollen , aber sie waren nicht für lange Zeit in demselben heimisch gewesen . Nur draußen erhob sich ein neuer , stolzer Bau , ein Gotteshaus von kaltem Stein ; der Gott der Liebe , dem er diente , hatte den Tempel , den der Caplan in den Herzen der Menschen aufzurichten gestrebt , nicht darin gefunden - und doch hatten diese ihm so theuren Menschen eine Einkehr in sich selbst , eine Versöhnung unter einander eben jetzt nöthiger als jemals . Er war in diesen letzten Tagen , ohne dazu von dem Freiherrn ermächtigt zu sein , im Amthofe gewesen , um Adam zu einer Annäherung an den Herrn zu vermögen . Er hatte sich an den Pastor in Neudorf gewandt , damit dieser in gleichem Sinne mit ihm auf die Geschwister wirke , und es in Aussicht gestellt , daß es vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedürfe , den Freiherrn sein Wort zurücknehmen zu machen , der ja im Grunde gütiger Gemüthsart sei , und in der rechten Stimmung auch wohl allmählich in die Heirath Eva ' s willigen werde . Indeß er hatte schon lange weder im Amthause noch in der Pfarre das frühere Gehör für sich gefunden , und erkannte die Gründe , welche die Herzen ihrer Untergebenen allmählich von der Herrschaft und damit auch von ihm und seinem Mittleramte abgewendet hatten . Was aber konnte geschehen , diesem Uebel zu begegnen ? Wie würde Allwissenheit über die menschliche Kraft hinausreichen , da dasjenige , was ich über die Verhältnisse der wenigen mir anvertrauten Menschen weiß , mir so schwer zu tragen wird ! dachte der Caplan und blieb in ernster Selbstprüfung und Selbstbetrachtung still auf seinem Platze am Fenster sitzen , obschon die frühe Nacht bereits die Gegend zu verhüllen begonnen hatte . Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte , übergab er dem Geistlichen ein Billet , und dieser erkannte auf demselben die Handschrift der Herzogin , welche , da sie eine Meisterin des Briefstyls war , die müßige Gewohnheit hatte , selbst ihre kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht mündlich durch die Dienerschaft , sondern schriftlich auszurichten ; aber der Caplan war bisher in all den Jahren noch keiner solchen Botschaft von ihr gewürdigt worden . Was will sie mir ? rief er unmuthig , als er das Billet eröffnete . Es enthielt nur wenige Zeilen . » Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus , hochwürdiger Herr , « schrieb sie , » wenn ich mich Ihnen einmal als Mitarbeiterin bei Ihrer heiligen Mission anbiete . Es giebt Gefahren , in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen muß , und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fällen auch dem Laien eine priesterliche Kraft zu . Lassen Sie uns gemeinsam handeln , um das Unheil zu verhüten , das über den Häuptern von Personen schwebt , deren Schicksal und deren Gewissensruhe Ihnen nicht theurer sein können , als mir . Was ich Ihnen zu sagen habe , müssen Sie je eher je besser erfahren , Ihr Besuch wird mir also zu jeder Stunde ein erwünschter sein ! « Sie kann nicht ruhen , nicht rasten ! rief er aus und warf das Blatt auf seinen Tisch . Dann nahm er es wieder auf , las es noch einmal , verschloß es und verließ das Zimmer . Aber nicht zur Herzogin begab er sich , sondern grades Weges zu dem Freiherrn , obschon dieser darauf hielt , daß keiner seiner Hausgenossen ihn ohne die dringendste Noth aufsuchte , wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte . Als der Caplan nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat , fand er diesen lesend am Kamine sitzen , und er empfing ihn mit der Frage , was denn geschehen sei . Nichts Ungewöhnliches , entgegnete der Caplan ; ich wünschte nur , Sie einmal wie in früheren Zeiten ungestört zu sprechen , Herr Baron , und dazu fehlt mir seit lange die Gelegenheit , wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche . Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen , wie er den unerwarteten Besuch und diese Anrede aufnehmen solle , in deren Ton eine gewisse Feierlichkeit nicht zu verkennen war , aber er traf schnell seine Wahl und sagte mit der vornehmen Sorglosigkeit , die ihm immer so wohl anstand : Was wollen Sie , mein Freund ? Bin ich doch in den letzten Monaten kaum selber eine Stunde allein gewesen , so voll von Besuchen haben wir das Haus gehabt ! Ich weiß , das ist nicht Ihr Geschmack , und Ihnen war es früher in unserem Junggesellenleben hier im Schlosse wohler . Aber warten Sie nur , ich habe meine Maßregeln im Geiste bereits getroffen , und ich denke , Sie sollen künftig mit meinen Anordnungen zufrieden sein ! Der Caplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Platz genommen ; indeß er verstand nicht gleich , worauf derselbe hinaus wollte , und sagte : Ich kam nicht hieher , für mich selber etwas zu begehren , Herr Baron ! Darauf kenne ich Sie , mein alter Freund , rief der Freiherr , aber um so mehr ist es an mir , die Sorge für Ihr Wohlbefinden zu übernehmen , und verlassen Sie sich darauf , ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren ! Der Caplan sah jetzt , daß der Baron es wußte , weßhalb er gekommen sei , und daß er es ihm unmöglich machen wolle , davon zu sprechen ; er sagte also ruhig , aber sehr bestimmt : Ich suchte Sie auf , Herr Baron , weil ich in Sorgen bin , in Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses , in Sorgen als der geistliche Berather der gnädigen Frau ! Der Baron erhob sich , und während er noch mit sich kämpfte , ob und in welcher Weise er seinem Mißfallen an den Worten des Caplans Ausdruck geben sollte , fuhr dieser fort : Es ist freilich eine lange Reihe von Jahren her , Herr Baron , daß Sie mir in den schweren Stunden , welche Ihrer Hochzeit vorangingen , das Recht zugestanden , Sie an eben diese Stunden und die unheilvollen Ereignisse zu mahnen , deren Folge sie waren , wenn ich dies jemals nöthig finden sollte ! Und Sie glauben , der Augenblick sei jetzt gekommen , dieser Augenblick sei der rechte , mir es in das Gedächtniß zu rufen , fiel der Baron ihm , plötzlich seine Haltung ändernd , in die Rede , mit welchen Hoffnungen , mit welchem völligen Vertrauen ich mein ganzes Schicksal den Händen der Baronin übergab ? - Ein leises , bitteres Lachen tönte von seinen Lippen . In der That , mein Freund , heute werde ich zum ersten Male an Ihrer Menschenkenntniß , ja , selbst an Ihrem richtigen Empfinden irre ! Der Caplan beachtete den Vorwurf nicht . Nicht allein um glücklich zu werden , Herr Baron , auch um zu beglücken , nahmen Sie damals die Hand der Gräfin Berka in die Ihrige ! sagte er . Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach mit sanfter Eindringlichkeit : Es war viel geschehen , das Gemüth eines so jungen Wesens zu beunruhigen , die junge Frau hatte viel zu vergessen , viel zu tragen , und sie hat das redlich gethan . Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre Pflicht , an ihren Gatten geklammert , sie hat ihre Familie aufgegeben , um mit ihm in seinem Glauben Eins zu werden , aber leider blieben Sie und die Frau Baronin nicht allein , und .... Der Freiherr hatte eine gewisse Rührung bei der Erinnerung an jene ersten Zeiten seiner Ehe nicht bemeistern können ; bei den letzten Worten des Geistlichen fuhr er aber auf : Mahnen Sie mich daran nicht , ich bitte Sie darum ! Ich mag nicht daran denken ! Der Caplan ließ sich nicht beirren . Ich kenne das Herz der Frau Baronin besser , als sie selbst es kennt ; ihre Seele ist schuldlos , ihr Thun ist ohne Makel ! sagte er bestimmt ; eine