. Hans hatte sich als der trefflichste Reisemarschall erwiesen , sowohl während der Eisenbahnfahrt als auch am vergangenen Abend im Gasthof zu * * * , wo er das Fränzchen unter den besondersten Schutz der vornehmen Frau Wirtin stellte und die freundliche Versicherung erhielt , daß das Fräulein unter keinem Dach in der Welt sicherer und behaglicher schlafen solle . Richtig wurde es ihm am andern Morgen vergnüglich und wohlbehalten überliefert ; sie nahmen Abschied von der wackern Frau Wirtin , die dem Fränzchen noch einen Sack mit heißem Sande » der kalten Füße wegen « nach dem Posthofe schickte ; sie fanden ihre Plätze auf dem Postschlitten und fuhren hinein in den vierundzwanzigsten Dezember , ohne die Lerchen am klaren , hellblauen Himmel zu vermissen . Wahrlich war die Post und der Weg nach Freudenstadt verzaubert . Hans Unwirrsch , der doch beides ziemlich genau kennengelernt hatte , erkannte beides nicht wieder . Die Juden schienen bei solcher Kälte nicht zu reisen , und die Passagiere , die unterwegs ein-und ausstiegen , waren mit ihren mannigfaltigen Paketen . Schachteln und Körben in heiterster Weihnachtsstimmung , und der alte joviale Herr , welchem der Hanswurst , der den Enkel am Abend erfreuen sollte , aus der Brusttasche guckte , konnte schon allein die Beschwerlichkeiten der Reise zu einem Spaß machen . Der Weg war vortrefflich , und kein grober Bauer brauchte mit seinen Gäulen Vorspann zu leisten . Auf der glatten Bahn flog der Schlitten pfeilschnell dahin , und die Postillione wurden nicht müde , ihre Weihnachtsstimmung durch Peitschengeknall und wohlgemeinte Hornmusik kundzugeben . Durch alle Orte , durch welche die Post fuhr , war vor ihr der Weihnachtsmann geschritten , und jedermann sah aus , als ob er ihm so lange als möglich nachgesehen habe . Auch der bösartigste Stallknecht vor den Posthaltereien hatte sein Gesicht zu einem Grinsen verzogen , dessen letzte Ursache nicht etwa in einem extraordinär nobeln Trinkgeld zu suchen war . An solchem Tage mußten die letzten Gedanken an die trübe Vergangenheit mit ihren Kirchhofskreuzen aus der Brust entweichen . Die reine weiße Decke des Schnees hatte sich über die Gräber gebreitet , und der Sonnenschein glitzerte darauf ; - die Toten feierten die ewige Weihnacht jenseits der niedern Hügel und auch jenseits des Sonnenscheines . Anton und Christine Unwirrsch , die Base Schlotterbeck , der Oheim Grünebaum , der Geheime Rat Theodor Götz , Felix Götz und des Fränzchens Mutter hatten nichts dagegen , daß Hans und Fränzchen am Fest der Kinder froh und selig wie Kinder der irdischen Weihnachtsfreude ihre Herzen öffneten . Da waren die großen Nadelholzwälder und sahen heute ganz anders aus als an jenem dunkeln Tage , an welchem der Kandidat sie zum erstenmal durchfuhr . Das wilde Schwein , das vom Rande des Forstes grunzend in den Schatten zurücktrabte , die Hasen , die komisch eilig über den Schnee hüpften , der Zug Schneegänse , der mit Geschrei über den Wald zog - alles machte einen angenehmen Eindruck auf das Gemüt . Nur vergnüglich war ' s , heute dem Fränzchen die Stelle zu zeigen , an welcher während der ersten Reise nach Grunzenow der Wagen im Schlamm steckenblieb und wo der erzürnte Vorspannbauer erst den Juden durchprügelte und dann das Wort Gottes , den Kandidaten Hans Unwirrsch , am Kragen nehmen wollte . Welch ein ander Ding war die Heide im sonnbeglänzten Weihnachtsschnee als die Heide , über welcher der Novembernebel lag ! Welch ein ander Ding war die Stadt Freudenstadt am vierundzwanzigsten Dezember als am trüben Tage des Wind- und Reifmonats , an dem der Kandidat Unwirrsch zum erstenmal das Vergnügen hatte , ihren Kirchturm am Horizont auftauchen zu sehen ! Ja , da war die Stadt Freudenstadt wieder , und vor dem Tor stand wachehaltend ein mächtiger Schneemann , und sämtliche versammelte Jugend begrüßte die heranklingelnde Post mit langhallendem Jubelgeschrei . Auch durch das Tor von Freudenstadt war der Weihnachtsmann den Reisenden vorangeschritten , und jedes Gesicht , das hinter den Fenstern der Gasse , durch welche das königliche Posthorn erschallte , erschien und neugierig der Post nachsah , mußte ihn gesehen haben . Da war der Marktplatz von Freudenstadt ; - » Frisch auf , Kameraden , aufs Pferd , aufs Pferd ! « blies der Schwager und - hielt mit einem Ruck die Gäule zehn Minuten vor der durch den Postzettel dem Publikum kundgemachten Zeit an ; - es war der vierundzwanzigste Dezember . Hans Unwirrsch hatte keine Zeit , an die merkwürdige Pünktlichkeit der Freudenstädter um zwölf Uhr mittags zu denken und das Fränzchen damit bekannt zu machen . Wer stand im Schnee vor der Tür der Posthalterei ? Ein Mann , der ganz und gar aussah wie der Weihnachtsmann und jedenfalls ein Vetter oder sonst ein naher Verwandter von ihm war ! Ein Mann in hohen Wasserstiefeln , Pelzrock und Pelzmütze . Ein Mann mit Pelzhandschuhen und einer qualmenden , kurzen Tabakspfeife , ein Mann , der beim Anblick des Kandidaten Unwirrsch unzweifelhafte Zeichen ungemeiner Befriedigung und hohen Vergnügens zu erkennen gab , ein Mann , bei dessen Anblick der Kandidat Unwirrsch , die Hand Franziskas fassend , rief : » Der Herr Oberst von Bullau ! « » Ja , er selbsten ! Hurra , wo ist mich das Wurm ? Das ist es ? Komm raus , Herzenskind ! Komm her , Liebchen ! Dies ist unser Fränzchen Götz ? Vivat , nochmals und abermals ! Gott grüß dir , Liebchen , und sei tausendmal willkommen und - Tausendschwerenot , vom Erdboden stammst du wohl nicht ? « Die letzte Frage war sehr erklärlich ; - der Oberst hatte den Schlag des Postschlittens aufgerissen , hatte die junge Dame in die Arme gefaßt , um ihr einen Schmatz zu geben und ihr das Aussteigen zu ersparen . Nun hielt er die leichte Last hoch in den Lüften und verwunderte sich , ehe er sie auf den Boden absetzte , und das Fränzchen sträubte sich gar nicht gegen seine rauhen Liebesbezeugungen . » Schätzchen , Schätzchen , haben wir dir ? « rief der Oberst von Bullau : » Das ist mir mein Christkind . Ein Hurra für den Leutnant Rudolf Götz und sein Fräulein ! Schreit mit , ihr Dickköpfe ! « An das versammelte Volk von Freudenstadt war die Aufforderung gerichtet , und das Volk schrie mit . Der Oberst drückte nun auch dem Kandidaten die Hand , gab ihm einige wohlmeinende , vielsagende Ellenbogenstöße und verkündete , daß der Onkel Rudolf » wohl bis aufs Pedal « sei und mit Grips das Haus Grunzenow auf den Kopf stelle . Er verkündete , daß das Frühstück bereit sei im Polnischen Bock und daß der Schlitten von Grunzenow ebendaselbst warte . Mit ritterlichem Anstand führte er das Fränzchen über den Marktplatz von Freudenstadt , und alle Honoratioren von Freudenstadt gerieten in die größtmöglichste Aufregung über den alten Krieger und das fremde Fräulein . Die seltsamsten Vermutungen wurden darüber angestellt ; alle Damen einigten sich jedoch sehr bald dahin , daß der Oberst des ehelosen Lebens müde geworden und daß die arme , junge Braut gekommen sei , » sich die Heidenwirtschaft in Grunzenow anzusehen « . Die guten Seelen bedauerten das Fränzchen sehr ; und hätten ihre Meinungen dem Oberst im Polnischen Bock den Appetit verderben können , so würde der wackere Kriegsmann gewiß nicht so seelenvergnügt von Freudenstadt abgefahren sein , wie er daselbst ankam . Nun aber zeigte es sich , weshalb der Wirt zum Polnischen Bock einen solchen Respekt vor dem Namen des Obersten von Bullau hatte . Ein solcher Gast mußte ein Segen für jedes Wirtshaus in der Welt sein , ein solcher Gast fuhr nicht alle Tage vor , um Küche und Keller zu revidieren . Der Polnische Bock befand sich in einer Aufregung wie ein Ameisenhaufen , den ein Stockschlag oder Fußtritt traf . Es roch gut und nahrhaft im Polnischen Bock ; es war aber kein Wunder , wenn Hans und Franziska über das Frühstück des Obersten von Bullau ein wenig erschraken : der Oberst hatte ihren Hunger sehr überschätzt . Weihnacht ! Weihnacht ! Wir lassen das Fränzchen und den Obersten genauere Bekanntschaft machen bei diesem trefflichen Frühstück , um ihnen und dem Kandidaten vorauszueilen nach Grunzenow an der See , wo der Leutnant Rudolf vor Ungeduld vergehen will und dem treuen Grips das Leben sauer macht . Das Meer im Weihnachtssonnenschein ist auch eine Vorstellung , die das Herz weiter machen kann . Auch durch das Dorf Grunzenow war der Weihnachtsmann geschritten und hatte grüne Tannenzweige vor den Hütten des seefahrenden Volkes verloren . Der Rauch , der aus den Schornsteinen in die kalte Luft stieg , sah aus , als ob er mehr als an andern Tagen zu bedeuten habe ; die Seevögel , die Kinder , die Alten und der Pastor Ehrn Josias Tillenius , der , durch das Dorf humpelnd , fast vor jeder Tür stehenblieb , wußten , was sie von diesem Tage zu halten hatten . Wenn wir , das Dorf verlassend und hinter dem Pfarrherrn her zu dem Herrenhause emporsteigend , den Hof daselbst betreten , so dürfen wir - starr stehenbleiben vor Verwunderung . Auch auf dem Hofe von Grunzenow stand ein riesenhafter Schneemann und hielt Wacht vor einer aus grünen Tannenbäumen und Tannenzweigen künstlich errichteten Ehrenpforte , über der ein noch dunkles Transparent das Fränzchen und den Kandidaten Unwirrsch willkommen hieß . Das Hausgesinde schien das Fieber zu haben , die Hunde wußten augenscheinlich , daß etwas Außergewöhnliches im Werke sei ; die Aufregung des Leutnants Götz aber kannte keine Grenzen und mußte jedem mit den Verhältnissen Unbekannten nicht wenig bedenklich erscheinen . Der körperliche Zustand des Leutnants hatte sich so weit gebessert , daß der biedere Krieger mit Hülfe eines Krückstockes in wohlwattierten Pelzstiefeln umherhinken konnte , und das war ein großes Glück , denn in seinem Rollsessel hätte er es an dem heutigen Tage nicht ausgehalten . Seit vier Uhr morgens war er auf den Beinen , um das , was in dem Kastell noch auf dem Kopfe stand , auf die Füße zu stellen , wobei ihm Grips an der Spitze des verwilderten Hausvolks hülfreich zur Hand ging , während der Oberst sich zur Fahrt nach Freudenstadt rüstete . Haus Grunzenow war nicht wiederzuerkennen seit dem Tage , an welchem Hans Unwirrsch es verlassen hatte , um das Fränzchen zu holen . Man hatte » das Weibervolk hereingelassen « , und es war gekommen mit Besen und Bürsten , mit Lauge und Seife , mit warmem und kaltem Wasser und mit dem besten Willen , dem Greuel , der Sünde und der Schande ein Ende zu machen . Als das Aufgebot ins Dorf gelangte , wäre Grips , der es hinabtrug , beinahe ein Opfer desselben geworden . Die Frauen hätten ihn fast erdrückt , sie stürzten sich auf ihn wie das Tagesgevögel auf die Eule , die unvorsichtigerweise um Mittag ihren Schlupfwinkel verließ . Sie wollten und konnten zuerst gar nicht glauben , was er ihnen verkündete , und er , der mit großem Ekel vor ihrem Geschrei sich die Ohren verstopfte , war nicht imstande , mit seinen erhobenen Ellenbogen sich gegen den übermächtigen Andrang zu wehren . Glücklicherweise erschien Ehrn Josias Tillenius zu seiner Hülfe , und in langem Zuge zogen die Weiber bewaffnet , wie wir bereits schilderten , nach dem Hofe , und es bewährte sich für den Oberst und den Leutnant wieder einmal das schöne , alte Sprichwort vom Teufel , dem man den kleinen Finger gibt . Es war keine Kleinigkeit , das Haus Grunzenow zu scheuern ! - Wenn das Alter ehrwürdig macht , so waren der Schmutz , der Staub , der Schimmel , das Wurmmehl und die Spinnengewebe gewiß im höchsten Grade ehrwürdig , sie wichen aber auch nur den hartnäckigsten Angriffen . Von allen Treppen rauschten die Wasserströme , in allen Gemächern wirbelte der Staub ; die Hunde verkrochen sich heulend in die entlegensten Winkel , um den Besenstielen zu entgehen , das Hausgesinde kroch fluchend in den Ställen zusammen , und der Oberst und der Leutnant , die sich » die Sache doch nicht so vorgestellt « hatten , retteten sich mit einem wohlgefüllten Flaschenkorb und einem entsprechenden Knastervorrat in das Pfarrhaus und ließen Grips wie den grimmigsten aller Tritonen unter den Wasserweibern zurück , mit dem Auftrag , » Meldung zu tun « , wenn » die Arche wieder auf dem Trockenen sitze « ! Zwei Tage hindurch saß Grips auf dem Treppengeländer , seinen Trost in diesem Jammer weniger an einem Muschelhorn als an einer dickbäuchigen Flasche echten alten Wacholders findend . Am Ende des zweiten Tages sanken die Wasser , und gegen den Mittag des dritten Tages meldete sich der » Faktotus « auf der Pfarre und zeigte an , » daß das Haus rein , die Bestialität zu Ende und das Frauengezimmer wieder abgezogen sei « . » Gott straf mir , meine Herrens « , sagte Grips , » schöne ist ' s , aber besser roch es doch sonst ! Grüne Seife , Herr Oberst , allgemeiner Rasiertag - Regimentswäsche , Herr Leutnant ! Sehr schöne , meine Herren - kein Hund wagt mehr fest aufzutreten . « » Grips « , sagte der Oberst von Bullau , » Grips , der Herrgott weiß am besten , was ' nem Menschen und ' nem alten Soldaten gut ist . Propperté ist ' ne angenehme Tugend . « » Mit Maß - zu Befehl , Herr Oberst ! « erwiderte Grips gebrochen . Der Leutnant wurde samt dem leeren Flaschenkorb wieder in den Schlitten gehoben ; die beiden alten Herren zogen in Begleitung des Pastors wieder in das alte Kastell ein , alle zwei- und vierfüßigen Hausbewohner krochen mit Graus und Gewinsel aus ihren Schlupflöchern hervor . » Alle Hagel ! Alle Hagel ! « rief der Oberst einmal über das andere , als er aus einem Gemache in das andere schritt . » Alle alten Herrens möchten sich an der Wand umdrehen ! « seufzte Grips , wehmütig zu den Ahnenbildern des Hauses Bullau empornickend . » Aber die Damen . Grips , aber die Damen ! « lachte Ehrn Josias Tillenius fröhlich und rieb sich die Hände . » Seht die Damen , Grips ! Sie haben noch nie , seit ich die Ehre habe , sie zu kennen , so frisch und vergnügt ausgesehen . Wahrlich , Bullau , es tat Eurem Bau not , daß einmal in solcher Art Kehraus gemacht wurde ! « » An der Hofmauer liegt ' s « , seufzte Grips . » Viertehalb Fuder - sechs Scheffel Pröppe und drei Sack Tabaksasche darbei ; - ist ' n Elend und Jammer , aber eine Merkwürdigkeit ist ' s auch ! « » Eine Prinzessin könnte auf dem Fußboden niedersitzen « , schrie der Oberst , plötzlich in Ekstase geratend . » Hurra , Rudolf , jetzt kann das Mädel mit dem Schwarzrock einrücken ! Hurra , jetzt wird ' s mich aber Tag auf Grunzenow ! « Der Leutnant stand auf den Füßen , als kenne er das Podagra noch nicht einmal dem Namen nach ; er schwang den Krückstock und die Kappe und schrie ebenfalls hurra aus vollem Halse ; aber die Tränen standen ihm in den Augen . Der Pastor sah auch mit glänzenden Augen von dem Boden zur Decke und von einem der beiden greisen Kriegsgefährten auf den andern . » Es ist uns eine gute Stätte bereitet für unsere alten Tage « , sagte er leise . » Schlagt ein , Kameraden ! Wir haben gut zusammengehalten , und es soll so bleiben bis zum letzten . « Die drei alten Hähne schüttelten sich energisch die Hände , und dann erkundigte sich der Oberst besorglich , ob die Weiber auch nicht über den Keller geraten seien , und erhielt von Grips die beruhigende Versicherung , daß der Schlüssel nicht aus seiner Tasche gekommen sei . Bei einer dampfenden Bowle Punsch wurde die Reinigung des Hauses Grunzenow gefeiert und bei ebenderselben ein Kriegsrat gehalten übel die Frage , was nunmehr weiter zu beginnen sei , um dem Kind den Aufenthalt in der Wüste behaglich zu machen , letzt war der Pastor der Mann , dessen Meinung den Ausschlag gab . Er bezeichnete das Eckzimmer , von welchem aus man den weitesten Blick über Land und Meer hatte , als das Gemach , in dem sich das Fränzchen am heimischsten fühlen werde . Er bezeichnete die Möbel , mit welchen dieses Zimmer auszufüllen sei , und versprach , aus seinem Pfarrhause einen Beitrag dazu zu liefern . Des Leutnants Hirn siedete und kochte ; auch er brachte mancherlei Vorschläge zur Verschönerung und Wohnlichmachung des Kastells an den Tag ; aber gleich den Plänen des Obersten litten diese Vorschläge meistenteils an einer Abenteuerlichkeit , die dem Pfarrherrn öfters ein höchst behagliches , doch kopfschüttelndes Lächeln entlockte . Grips wurde nach Freudenstadt gesendet , um allerlei notwendige Dinge zu holen . Mit hochbepacktem Schlitten kam er zurück und bewies , daß er ein Mann von Geschmack , wenn auch vielleicht ein wenig zu sehr » für das Bunte « sei . Es wurde viel geklopft und gehämmert auf Haus Grunzenow ; der weibliche Hausstand wurde vermehrt und verbessert . Am dreiundzwanzigsten Dezember war alles zum Empfang des jungen Gastes bereit , und das Stübchen , welches der Kandidat und demnächstige Adjunktus . Hans Unwirrsch , auf der Hungerpfarre bewohnen sollte , war ebenfalls aufs beste ausgekehrt und eingerichtet . Am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember fuhr der Oberst nach Freudenstadt , das ankommende Paar daselbst in Empfang zu nehmen , während der Leutnant , der Pastor und Grips die Errichtung des Schneemanns und der Ehrenpforte beaufsichtigten und noch andere wichtige Vorbereitungen trafen . In zappelnder Ungeduld , Hast und Aufregung verbrachte der Leutnant Götz den Tag . Die Vorstellung , daß nunmehr sein Fränzchen ihm wiedergegeben werden sollte , der Gedanke , daß sich nun niemand mehr trennend zwischen ihn und das arme Kind drängen dürfe , trieben ihn alle Augenblicke von seinem Sessel in die Höhe , jagten ihn alle Augenblicke ans Fenster oder vor die Tür . Der Rollsessel war ein überwundener Standpunkt oder vielmehr Sitzpunkt ; es zeigte sich wieder , daß die Hoffnung und die Freude die besten Ärzte sind . Der Leutnant Rudolf Götz war einfach außer sich , und seine Unruhe brachte nicht nur den Pastor Tillenius , sondern sogar den praktischen , unbeweglichen Grips aus dem Gleichgewichte . Vergeblich zitierte der Pfarrer aus der Pfarrbibliothek und ermahnte zur Selbstbeherrschung . Fassung und Geduld ; - vergeblich erklärte Grips , daß sich die Zeit nicht vorschieben lasse , daß die Laterne im Kopf des Schneemanns , die Lampen hinter dem Transparent , die Lichter an der Weihnachtstanne im großen Saal zum Anzünden bereit , daß die Böller geladen und Petersen und Gerd Classen zum Losbrennen gerüstet seien . Weder die Ermahnungen des Pastors noch die Versicherungen des Hausmeiers von Grunzenow brachten den Leutnant zur Ruhe , und als ihm gar noch um drei Uhr des Nachmittags einfiel , daß das Fränzchen den jungen Papen habe » ablaufen « lassen und daß der Oberst von Bullau » solus « von Freudenstadt heimkehren werde , da bedurfte Ehrn Josias Tillenius seiner ganzen Beredsamkeit und Überzeugungskraft , um den Onkel Rudolf vom Haarausraufen zurückzuhalten . Hussa ! Die Rappen des Obersten von Bullau wurden im Polnischen Bock mit derselben Aufmerksamkeit behandelt wie ihr Herr , der noch dazu gewohnt war , selbst im Stall ihre Verpflegung zu überwachen . Hussa ! Mit freudigem Wiehern galoppierten sie über die glatte Bahn , ohne das Geknall der Schlittenpeitsche und das Hallo des Obersten für eine Drohung zu nehmen . Das war eine andere Fahrt als jene auf dem elenden Marterfuhrwerk des Wirtes zum Polnischen Bock . Der Oberst befand sich in der allerbesten Stimmung ; auch seine ganze Seele hatte das Fränzchen bereits gewonnen ; er nannte es sein Kind , sein Liebchen , sein Lamm ; er fragte es einmal über das andere , ob es ihm auch niemals gereuen werde , ihm und dem Onkel Rudolf und » dem da « in ein so wildes , wüstes Nest zu folgen ; - er schalt es , daß es ihn , den Oberst , und den Onkel Rudolf und den Pastor Tillenius so lange bei den Seelöwen und Klabautermännern allein habe sitzenlassen . Er stieß alle fünf Minuten den Herrn Kandidaten Unwirrsch in die Rippen und nannte ihn einen » ganz merkwürdigen Burschen « ; er zog ihn am Ohr und erinnerte ihn grinsend an die Rede , die er neulich dem Leutnant gehalten habe ; - es war ein Wunder , daß der Oberst von Bullau den Schlitten nicht um- und den Kandidaten und das Fräulein in den Schnee warf . Nun war der Augenblick da , in welchem die rote Sonnenscheibe hinter der weißen Heide versank . » O sieh , sieh . Johannes , wie schön ! « rief Franziska . Es stieg der Mond hinter dem Hünengrabe empor , und wie im Traum sprach Hans Unwirrsch : » Viele Menschen und Könige sind da geschlachtet - in der Riesenzeit von den Riesen . « Und wieder erscholl durch die Dämmerung die große Stimme des Meeres ; erst dumpf in weiter Ferne , dann immer näher und lauter . Nun war die Stunde , in der alle Christbäume im deutschen Lande aufflammten - die rechte Stunde , um in ein neues , glückliches Dasein mit freudig-vollem , dankbarbewegtem Herzen einzuziehen . Nun saß die Freude nieder an jedem Herd , an welchem sie nicht bereits die Sorge , die Krankheit , den Haß , den Neid und den Tod sitzend fand : wahrlich , es war die Zeit , um , hungernd nach Frieden und Liebe , die Heimat zu erreichen ! Das böse Moor lag hinter den Reisenden , schnaufend arbeiteten sich die Pferde die letzten Hügelreihen hinan . Hans hatte den Arm um seine Braut gelegt , es war allmählich sehr kalt geworden , und die Luft war so rein , der Mond schien so hell , daß weithin jeder Gegenstand sich aufs schärfste von der schneebedeckten Erde abhob . Auf dem letzten Dünenhügel dicht am Wege stand eine dunkle Gestalt und - » Kreuzhimmeldonnerwetter , « schrie der Oberst von Bullau , die Zügel mit aller Kraft fassend . Ein Blitz und ein Knall ! Das war einer der Böller des Hauses Grunzenow , und die dunkle Gestalt war der Posten , den Grips aufgestellt hatte , das Nahen des Schlittens zu verkünden . Die Gäule bäumten sich und schlugen aus ; es bedurfte aller Geschicklichkeit des rossekundigen Obersten , um sie zu beruhigen . » Hier mal ' ran ! Wer war mich denn dieser knallende Satan ? « rief der Oberst , und die dunkle Gestalt kam im kurzen Trab an den Schlitten , um sich zu melden . » Hurra für Grunzenow ! « schrie der Oberst ; eine Rakete stieg jenseits des Hügelrückens auf ; Grips mit den Seinigen meldete sich ebenfalls ; - der Schlitten erreichte die Höhe des Weges , und das weiße Ufer , das Meer im Mondenschein und die hellen Hüttenfenster von Grunzenow lagen vor den Blicken des Fränzchens . » Da sind wir ! Willkommen zu Hause , mein Liebling ! « rief der Oberst und gab dem jungen Mädchen wiederum einen herzhaften Kuß , gegen welchen es sich wiederum nicht wehrte . Hügelabwärts ging ' s ; - durch das Dorf klingelte der Schlitten ; - Weihnacht , Weihnacht ! - Glanz und Lichter der Weihnacht aus allen Fenstern . Weit auf stand das Hoftor von Grunzenow , an dem Hans Unwirrsch einst so lange hämmern mußte . Grimmig leuchtete die Laterne aus Augen und Maul des Schneemanns . - Willkommen ! rief mit feurigen Lettern der Triumphbogen des Tausendkünstlers Grips ; - Willkommen ! brüllte aus rauhen Kehlen das Hofgesinde . Die Böller krachten , die Hunde bellten - der Leutnant Rudolf Götz hielt sein Kind in den Armen und hätte es fast erdrückt und erstickt ; Ehrn Josias Tillenius hatte sich des Kandidaten Unwirrsch bemächtigt und flüsterte ihm ins Ohr : » Eheu , eheu , sudores et cruces Johannis Unwirrschii ! Ei , ei - ei , ei , das ist sie ? Gott segne dich , Hans - das ist sie ? « » Jaja , das ist sie ! « rief Hans Unwirrsch , und der Leutnant Rudolf wiederholte dasselbe und legte das Fränzchen in die Arme des alten Pfarrherrn von Grunzenow . Der Oberst schritt von einem zum andern und schüttelte sich und den Freunden fast die Hand ab . Grips zog grinsend den Mund bis zu beiden Ohren auseinander und beleuchtete die Gruppe als gerührter Statist . Da war der große , alte Saal des Hauses Grunzenow ! Die beiden riesenhaften holländischen Kachelöfen glühten - ein riesenhafter Christbaum glänzte im Schein von hundert Wachslichtern - Weihnacht , Weihnacht ! Ein solches Weihnachtsfest hätte das Haus Grunzenow seit hundert Jahren nicht erlebt . Unter der Weihnachtstanne saß Fränzchen Götz , umgeben von den drei greisen Männern , und ein liebliches Bild war ' s. Die altersschwarzen Jägerbilder auf den Tapeten schienen zu lächeln , es lächelten aus ihren dunkeln Rahmen die grimmigen Herren und die zierlichen Frauen von Bullau , und Hans Unwirrsch lächelte auch , aber durch Tränen . Viel war nun zu bereden - Vergangenes und Zukünftiges - , doch jetzt mußte sich ja eine Zeit für alles finden , für Leben und Tod , wie der Oberst von Bullau sagte ! Weihnacht , Weihnacht - das Fränzchen unter dem Christbaum zu Grunzenow an der Ostsee ! Wenn der Kandidat Unwirrsch am nächsten Morgen nicht in der Grinsegasse vier Treppen hoch unter dem Dach erwachte , so hatte sich der Ring seines Glückes geschlossen . Vierunddreißigstes Kapitel Das Meer und nicht die große Stadt bewegte sich rauschend am andern Morgen vor den Fenstern Hans Unwirrschs ; doch wollte er es anfangs nicht glauben . Lange vor seinem Erwachen redete das Meer in seine Träume hinein , und ihm träumten wunderliche Dinge . Die ganze Nacht hindurch hatte er sich gegen das rätselhafte Sausen und Brausen zu wehren , das in der Ferne sich erhob und heran- und heraufschwellend ihn zu ersticken drohte . Die ganze Nacht hindurch kämpfte er gegen dieses geheimnisvolle Etwas , dieses Gewirr von tausend und aber tausend Stimmen , in dem seine eigene Stimme so machtlos verklang wie der Hülferuf eines Kindes im wildesten Orkan . Es war wie eine Erlösung , als er endlich erwachte und nicht mehr zweifeln durfte , daß er die See höre und nicht das Geräusch der Welt , durch die ihn sein Lebensweg geführt hatte . Nachdem es ihm zur Gewißheit geworden war , daß er sich unter dem Dach der Hungerpfarre zu Grunzenow und nicht in der Grinsegasse oder gar in dem Hause in der Parkstraße befinde , lag er noch eine geraume Zeit mit halbgeschlossenen Augen und überließ sich dem wonnigen Gefühl des sichern Glückes und den süß-wehmütigen Gedanken und Erinnerungen , die immer und immer so unauflöslich mit diesem Gefühl verbunden sind . Der Augenblick , der dem Menschen seinen Gewinn zeigt , lehrt ihn auch seinen Verlust am deutlichsten erkennen . Wie viele treue Herzen und warme Hände fehlen uns immer in der besten Stunde ! Es war noch ganz dunkel , als Hans erwachte , nur der Schnee erhellte ein wenig die Nacht ; Hans brauchte nicht die Schatten der Toten mit Blut zu tränken , um ihnen Stimme zu geben , er brauchte sie nicht zu rufen , sie kamen freiwillig ; - er aber legte ihnen Rechenschaft ab an diesem Christmorgen . Ein gebeugter hagerer Mann , mit mildem , ernst-heiterm Gesicht , stand vor seinem geistigen Auge - der Meister Anton Unwirrsch , der so großen Hunger nach dem Licht gehabt hatte und der in seinem Sohne sein Dasein , seine Wünsche und Hoffnungen vollenden wollte » O Vater « , sagte Johannes , » ich bin den Weg gegangen , den du mir gewiesen hast , und habe mich in harter Arbeit abgemüht , die Wahrheit zu erfassen . Viel habe ich geirrt , und Ratlosigkeit und Kleinmut haben mich oft erfaßt - ich habe nicht mit stetigem Schritte vorwärts schreiten können . Die Welt war mir ein zu großes Wunder , als daß ich so keck und kühn wie andere nach ihren Schleiern und Hüllen greifen konnte ; - sie erschien mir zu ernst und feierlich , als daß ich ihr gleich andern mit Lächeln entgegentreten konnte . Vater , wer aus so armen , niedern Häusern kommt wie wir , dem darf man es nicht vorwerfen , wenn er die erste Strecke seines Weges nur scheu und zögernd zurücklegt , wenn ihn Nichtigkeiten blenden , wenn ihn falsche Trugbilder verwirren , wenn ihn Irrlichter verlocken . Vater , wer unter so niederm Dach hervortritt wie wir , der muß im Guten oder im Bösen ein starkes Herz haben , um nicht , nach , den ersten Schritten aufwärts , wieder umzukehren und in der Tiefe sein dunkles Leben weiterzuführen . Selbst die ersten Kenntnisse und Erfahrungen , die er erwirkt , dienen nur dazu , den Einklang seines Wesens zu zerstören ; sie machen ihn nicht glücklich . Zu allen andern Zweifeln erwecken sie ihm noch den Zweifel an sich selber . O Vater , Vater , es ist schwer , ein rechter Mensch zu sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben ; wer aber mit der Sehnsucht danach in der Tiefe geboren wird , der wird doch eher dazu kommen als jene , die zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig bleibt . Aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit ; und wie die Quellen