nicht gestellt , weil ich glaubte , daß er durchgehen werde , sondern nur , um Ihnen zu zeigen , weß Geistes Kinder Sie sind . Pioniere der Freiheit hat Sie ein Vorredner genannt ! Ja wohl ! Die Freiheit wird es weit mit Ihnen bringen , wenn sie nicht einmal jetzt im Stande sind , aus dem Vertrauensdusel sich aufzuraffen , in welchem Sie schier dreißig Jahre geschlafen . Was der junge Mann etwa noch weiter sprach , konnte man nicht verstehen , denn bei den letzten Worten war der Sturm , der schon lange gegrollt hatte , losgebrochen und der kecke Redner wäre schwerlich ungestraft davongekommen , wenn nicht der starke Herr in dem Sammetrock ihn , sobald er von der Tribüne herabkam , enthusiastisch umarmt und damit zu seinem Freund und betreffenden Falls zu seinem Schützling erklärt hätte . Mit einem Mann aber von so herkulischem Bau anzubinden , machte Niemand Luft haben . Zum wenigsten erlaubte man den Beiden , unangefochten die Versammlung zu verlassen . Die neuen Freunde bogen in eine der Alleen , die in der Nähe der Tribüne vor dem Platz der Volksversammlung in den Park führte . Sobald sie allein waren , schüttelte der Herr im Sammetrock noch einmal dem jungen Mann mit den blonden Haaren die Hand und sagte mit großer Herzlichkeit : Ich freue mich ganz ausnehmend , die Bekanntschaft einer so kreuzbraven Haut gemacht zu haben . Gleichfalls , gleichfalls , erwiderte der junge Mann , seinen Bewunderer mit dem scharfen , schnellen Blick seiner blauen Augen musternd und zu diesem Zweck seine Brille mit dem Zeigefinger höher auf die Nase schiebend : mit wem habe ich die Ehre ? Der Herr im Sammetrock trat einen Schritt zurück , warf sich in die Brust , lüftete seinen vielgeprüften Filz und sagte : Ich bin der Director Caspar Schmenckel aus Wien . Ah ! erwiderte der Andere leichthin ; freue mich , Ihre Bekanntschaft zu machen . Mein Name ist Timm , Albert Timm . Sie sind nicht von der Kunst ? fragte Herr Schmenckel zutraulich . Wie meinen Sie ? fragte Albert ausweichend . Herr Director Schmenckel machte die Geberde Jemandes , der einer sehr schweren Gegenstand mit beiden Händen schnur , gerade in die Luft wirft , um denselben mit dem Nacken wieder aufzufangen . Aha ! sagte Albert ; verzeihen Sie , daß mir ein Mann von Ihrer Bedeutung persönlich noch nicht bekannt war ; aber ich bin erst seit wenigen Tagen hier . Konnt ' s mir denken , erwiderte Herr Schmenckel , als sie jetzt Arm in Arm weiter schritten ; sind ein ganz andrer Kerl , wie die Lumpen hier zu Lande ; sprechen frei von der Leber weg , wie ' s Ihnen um ' s Herz ist . Caspar Schmenckel liebt solche Leute , und wenn er Ihnen mit irgend Etwas dienen kann , sagen ' s nur gerade heraus ! Sehr verbunden , Herr Director , Die Ehre Ihrer Bekanntschaft ist schon erfreulich genug . Ich vermuthe , daß Sie mit Ihrer Truppe jetzt hier in der Residenz Vorstellungen geben ? Vorstellungen geben ? fragte der Director Schmenckel und räusperte sich ; offen gestanden , finden Sie Caspar Schmenckel augenblicklich nicht in floribus . Ich habe mich aus manchen Gründen genöthigt gesehen , meine alte Truppe aufzulösen , und bin jetzt mit der Organisation einer neuen beschäftigt - eine Aufgabe , die indessen , wie Sie sich wohl denken können , ihre Schwierigkeit hat . Unterdessen - Privatisiren Sie ? Gewissermaßen ja ; das heißt , ich gebe noch immer von Zeit zu Zeit in Freundeskreisen Vorstellungen , aber nur , um nicht aus der Uebung zu kommen , wissen Sie . Natürlich . So bin ich heute Abend in einem sehr noblen Local , das von der besten Gesellschaft besucht wird , gewissermaßen engagirt und wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen - Sehr gütig . Sie werden dort lauter brave Leute finden , vor denen man sich nicht zu geniren braucht - alles Demokraten vom reinsten Wasser , obgleich sie verzweifelt wenig Wasser trinken , sollt ' ich meinen . Ich gehe schon den ganzen Winter in dem » Dustern Keller « aus und ein , aber niemals so gern und so oft , als seit den letzten acht Tagen , wo wir eine neue Wirthin haben . In der That ? Ich werde stolz darauf sein , Sie mit ihr bekannt zu machen . Frau Rosa Pape ist ein Muster ihres Geschlechts . Wie sagten Sie ! fragte plötzlich Herr Timm mit großer Lebhaftigkeit . Ich sagte , Frau Rosa Pape sei ein capitales Frauenzimmer . Sagten Sie nicht , die Dame sei erst seit kurzem Inhaberin des Geschäfts ? Allerdings , sie war bis dahin in einer - andern Branche beschäftigt ; die französische Revolution hat sie zur Kellerwirthin gemacht . Das ist originell . Nicht wahr ? aber Frau Rosa ist auch ein Original . Sie hat einen wunderbaren Blick für ' s Geschäft , und als in Paris der Spectakel losging , sagte sie : jetzt kommt eine goldene Zeit für Kellerwirthinnen mit weiblicher Bedienung ! - Einen Tag darauf hatte sie den Dustern Keller gepachtet . Ich bin äußerst begierig , die Bekanntschaft einer so vortrefflichen Dame zu machen . Unter diesen Gesprächen waren die beiden Freunde auf wenig betretenen Parkpfaden in die Nähe des herrlichen Thores gekommen , das von dieser Seite unmittelbar aus dem Park in die Stadt führt . Die Versammlung vor den Buden war , gleich nachdem sie dieselbe verlassen hatten , auseinandergegangen ; schon berührte die Spitze des unabsehbaren Zuges , der sich von jener Seite heranwälzte , das Thor . Hier stießen die Massen der Hereinkommenden auf die Schaaren derer , welche noch immer aus der Stadt nach dem Park zogen . Es konnte nicht ausbleiben , daß sich die Menge stopfte , zumal vor der Wache in unmittelbarer Nähe des Thors , wo eine Compagnie , Gewehr bei Fuß , aufmarschirt war . Die Leute blieben stehen , sich über diese außerordentliche Maßregel ihre Bemerkungen mitzutheilen ; Andere traten heran , zu sehen , was da zu sehen sei ; in einem Nu war die Wache mit einem aus vielen Hunderten von Menschen , bestehenden Halbkreis umringt , der mit jedem Augenblick enger wurde . Der die Compagnie commandirende Hauptmann , ein langer Offizier mit einem verbissenen Ausdruck in dem scharfmarkirten Gesicht , schoß wüthende Blicke auf die ihn umgebende Menge , ohne sie indessen eines Wortes zu würdigen . Man sah , wie es in ihm kochte . Plötzlich commandirte er mit ärgerlich quäkendem Tone : Still gestanden , richt ' Euch ! Gewehr auf ! Bataillon soll chargiren , geladen ! Die Ladestöcke rasselten , in einem Nu war das Commando ausgeführt . Es hatte vorläufig nur eine Drohung für die Menge sein sollen ; aber man bewirkte gerade das Gegentheil von dem , was man gewollt hatte . Den Zunächststehenden wurden durch die von hinten heran Drängenden das Zurückweichen unmöglich , und diese hatte das Rasseln der Ladestöcke nur noch neugieriger gemacht . Ein verderblicher Zusammenstoß des Militärs mit dem Publikum schien unvermeidlich . Da drängte sich durch die Gaffer ein langer Herr und trat gerade auf den Hauptmann zu : Erlauben Sie auf ein Wort . Was wollen Sie ? Mein Name ist Oldenburg ; ich habe die Ehre , mit Herrn Grafen Grieben zu sprechen ? Der Offizier faßte salutirend an seinen Helm : Freue mich , Sie nach langen Jahren wiederzusehen , Herr Baron . Kommen wie gerufen ; werde mich genöthigt sehen , auf die Canaille de Feuer geben zu müssen . Gerade um das zu verhindern , erlaubte ich mir , mich Ihnen vorzustellen . Sie haben ein einfaches , aber unfehlbares Mittel , alle diese Leute zum Weitergehen zu bringen und so unsägliches Unglück zu verhüten ? Das wäre ? Lassen Sie Ihre Mannschaft in die Wache treten ! Wo denken Sie hin ? dem Pöbel eine solche Concession machen ! Ueberdies ist es gegen die Instruction . So fordern Sie die Leute wenigstens auf , nach Hause zu gehen ! Ich habe keine Luft , mich mit der Crapule in eine Unterhaltung einzulassen . Wollen Sie es mir den gestatten ? Wie ' s Ihnen beliebt , erwiderte der Officier , sich mit kalter Höflichkeit von Oldenburg abwendend . Oldenburg trat ein paar Schritte auf den dichten Kreis zu und sagte , seine Stimme so laut wie möglich erhebend : Meine Herren , Ihr Stehenbleiben hier an dieser Stelle ist für Sie nicht ohne Gefahr . Viele von Ihnen sind ja selbst Soldat gewesen und wissen , daß der Soldat nach den Paragraphen seines Wachtbuchs handeln muß . Zwingen Sie deshalb Ihre Brüder , die hier in Waffen stehen , nicht , diese Waffen gegen Sie zu wenden . Lassen Sie uns von unserem Rechte der freien Bewegung Gebrauch machen und weiter gehen . Es wird ja auch nachgerade langweilig , hier immer auf demselben Fleck zu stehen . Er hat Recht ! rief ein vierschrötiger Bürger mitten aus dem Gedränge ; ich fange schon an , auseinanderzugehen ! Die Leute lachten , und als die schrille Stimme eines Cigarrenbuben anfing zu fingen : immer langsam voran , immer langsam voran ! setzte sich der dichte Haufen in Bewegung , zumal in diesem Augenblick Geschrei und Lärmen , das von einer andern Seite ertönte , die Neugierigen lockte . Eine Strecke die herrliche Hauptstraße weiter hinauf war es zwischen dem Publikum und einer der vielen Patrouillen , welche von dem Schloß nach dem Thor , von dem Thor nach dem Schloß seit einigen Stunden hin und her marschirten , zu dem Zusammenstoß gekommen , der an der Wache durch Oldenburgs kluges und muthiges Dazwischentreten noch glücklich vermieden war . Der Führer der Patrouille - eine zweite marschirte , sich möglichst in gleicher Höhe mit dieser haltend , auf der andern Seite der Straße - war ein Offizier von riesigem Wuchs , dessen finster drohende Miene den festen Entschluß verkündigte , die geringste Widersetzlichkeit sofort zu ahnden . Auch war ihm , wie er an der Spitze seiner Mannschaft einherschritt , bis jetzt Alles so scheu ausgewichen , daß er zu dem verachtungsvollen Lächeln , welches von Zeit zu Zeit über sein dunkles Gesicht zuckte , einigermaßen recht zu haben schien . Da kam er an eine Stelle , wo sich von der Straße ein enger , aber für gewöhnlich sehr stark frequentirter Durchgang abzweigte . Diese Passage war mit Menschen , die sehen wollten , was auf der Hauptstraße vorging , vollgestopft . Von dort drängten Andere dagegen . So sammelte sich hier ein gewaltiger Menschenknäuel , in welchem die Verwirrung den höchsten Grad erreichte , als jetzt durch die heranmarschirende Patrouille eine zweite Stockung in die sich so schon mit Mühe fortbewegende Masse kam . Platz da ! Herrschte der Officier , rücksichtslos in den Haufen hineinschreitend . Die zunächst Stehenden wichen rechts und links auf die Seite ; aber die Andern drängten wieder zu . Ein buntes Durcheinander entstand , in welchem der Officier mit nur wenigen seiner Leute von der Truppe getrennt wurde . Platz da ! wiederholte der Officier in noch barscherem Tone . Machen Sie nur selber Platz ; rief ein junger Mann aus dem Haufen . Er hatte es kaum gerufen , als der Officier auf ihn zusprang , ihn am Kragen ergriff und mit einem Ruck seines starken Armes seinen Leuten zuschleuderte : Nehmt der Schreihals fest ; rief er . Die Soldaten ergriffen den jungen Mann , der vergeblich sich loszureißen versuchte . Stoßt den Hund nieder , wenn er sich widersetzt ! herrschte der Officier . Ohne Zweifel würden die Soldaten diesen Befehl ausgeführt haben , wenn in diesem Moment nicht Herr Schmenckel sich vor den Officier hingestellt und ihm zugeschrieen hätte : Geben Sie den Mann los , Eure Gnaden ! oder das Wetter soll dreinschlagen ! Der Gardeofficier und der Mann aus dem Volke standen sich einen Augenblick lang gegenüber , zwei riesengewaltige Männer , überraschend ähnlich an hohem Wuchs , gewölbter Brust , breiten Schultern und langen , muskelkräftigen Armen ; ja , wie sie sich so mit zornigen Blicken anstarrten , ähnlich im Ausdruck der massiven plumpen Züge . Doch nur einen Augenblick standen sie so : im nächsten hatte der Officier seinen Gegner mit aller Macht vor die Brust gestoßen , um ihn aus seiner unmittelbaren Nähe zu bringen und Raum für seinen Degen zu gewinnen . Indessen , er hätte ebenso gut einen Felsen von der Stelle rücken können , als den Mann im Sammetrock . Der aber reckte seine mächtigen Arme aus , ergriff den Officier um den Leib , hob ihn vom Boden auf und schleuderte ihn mit solcher Gewalt gegen die Soldaten , welche genug zu thun hatten , ihren Arrestanten zu halten , daß Officier , Soldaten und Arrestant in einem Haufen über- und untereinander rollten . Hurrah ! schrie die entzückte Menge ; hurrah ! hurrah ! drauf ! nieder mit der Soldateska ! Herr Schmenckel mußte sich von der Hülfe und dem Muth der Menge nicht viel versprechen . Er zog mit einem Ruck den Arrestanten aus dem Haufen heraus und war mit ihm , ehe sich noch der Officier nieder aufraffen konnte , in dem Gedränge , das ihm bereitwillig Platz machte , verschwunden . Es war die höchste Zeit , denn jetzt war es den von ihrem Führer getrennten Sectionen gelungen , die Menschenmauer zu durchbrechen . Der Officier sprang auf die Füße und commandirte mit einer vor Wuth kreischenden Stimme : links aufmarschirt ! marsch ! marsch ! zur Attaque Gewehr rechts ! fällt das Gewehr ! Hurrah , hurrah ! riefen die Soldaten , indem sie im Geschwindschritt auf die wehrlose Menge eindrangen , die heulend und schreiend auseinanderstob . Neununddreißigstes Capitel Während in dem Brennpunkte der Stadt solche Scenen stattfanden und die Bewohner dieser und der nächstgelegenen Straßen in fieberhafte Aufregung versetzten ; hier die Menge von einer anrückenden Militairtruppe davonlief , um sich an einem für den Augenblick nicht bedrohten Punkte abermals zu sammeln , Verhaltungen in Masse vorgenommen wurden , Verwundungen nicht ausblieben und so die Erbitterung von beiden Seiten in beängstigender Weise wuchs - lebten die Bewohner der abgelegenen Quartiere ohne die geringste Kunde dieser Vorgänge in einem tiefen Frieden , der in einem gemeindeangerumgebenen idyllischen Landstädtchen nicht größer sein konnte . In einem kleinen einstöckigen Hause einer dieser stillen Straßen an einem Fenster , das auf ein hübsches Vorgärtchen ging und durch eine Glaskugel mit Goldfischen , einen Messingbauer mit einem grüngelben Canarienvogel , durch Blumen in Töpfen und Vasen als das Lieblingsplätzchen einer Dame bezeichnet war , saßen kurz vor Sonnenuntergang Sophie und Bemperlein in eifriger Unterhaltung . Und Franz ist mit seinen hiesigen Verhältnissen ganz zufrieden ? Ganz ! wie würde sich der gute Vater gefreut haben , wenn er - Die junge Frau vollendete den Satz nicht , sondern wandte sich nach dem Fenster und machte sich etwas mit ihren Blumen zu schaffen . Bemperlein betrachtete sie ein Weilchen liebevoll durch seine Brillengläser , dann legte er leicht seine Hand auf ihren Arm und sagte : Sie müssen sich nicht blos stark zeigen , liebe Freundin ; Sie müssen es auch sein - Sie , die Tochter eines solchen Vaters ! Sie haben Recht , Bemperchen ; ich will versuchen , so stark und vernünftig zu sein , wie ich aussehe . Aber jetzt lassen Sie uns von was Anderem sprechen . Was sagt denn Marguerite zu dem neuen Plane ? Sie ist entzückt oder charmeé , wie sie sagt . Ich glaube aber alles Ernstes weniger über die Verbesserung unserer Lage - obgleich , ganz entre nous , liebe Freundin , ein verheiratheter Student ein höchst eigenthümliches Amphibium ist - als darüber , daß sie jetzt wieder in Ihrer Nähe leben kann . Sie glauben gar nicht , welchen Eindruck Sie auf ma petite femme gemacht haben ! Das gute Herz ! Und ich habe so wenig für sie gethan , für sie thun können ! habe sie eigentlich immer nur geneckt , und noch am letzten Abend - wissen Sie noch Bemperchen , wie Sie als Amor erschienen , Ihr Euch in dem Fenster den verhängnißvollen Kuß gabt und Papa hernach beim Hochheimer die köstliche Rede hielt , die letzte , die ich aus seinem Munde gehört habe ? Jetzt weiß ich erst , was zu der Stunde sein edles Herz bewegte ! Er nahm nicht blos für damals , er nahm für immer von uns Abschied . Sophie kämpfte die Rührung , die sie zu überwältigen drohte , gewaltsam nieder und fuhr fort : Ich habe so wenig für Marguerite gethan und sie im Gegentheil so viel für mich ! Wissen Sie , Bemperchen , daß ich schwach genug war , ordentlich eifersüchtig auf die Kleine zu werden , als ich aus Papa ' s Briefen sah , in wie hoher Gunst sie bei ihm stand und wie er sich gegen Eure Verheirathung fast nicht weniger hartnäckig wehrte , als gegen die unsere ? Und doch ist diese Verheirathung nur durch seine Bemühungen so bald zu Stande gekommen ; zum mindesten hat Marguerite es nur ihm zu danken , wenn unsere Einrichtung so glänzend ausfiel , wie ich sie mit meinen schwachen Kräften allerdings nicht hätte herstellen können . Sie wissen doch , was ich meine ? Die Timm ' sche Angelegenheit ? Marguerite hat mir davon geschrieben . Was mich dabei am meisten gewundert , ist , daß Timm so prompt das Geld zurückbezahlt hat . Wir Alle sind erstaunt gewesen , Niemand mehr als ich , der ich wußte , daß er bis über die Ohren in Schulden steckte und schon aus diesem Grunde dem Papa rieth , von seinem Versuch , als von einem ganz vergeblichen , abzustehen . Mir hat die ganze Affaire viel Kopfzerbrechen verursacht , und so wenig Ursache gerade ich habe , Herrn Timm hold zu sein , so hat ' s mir doch leid gethan , als er gleich darauf , einer Wechselschuld wegen , die er vielleicht , nur um uns zu bezahlen , contrahirt hatte , in den Thurm wandern mußte , in dem er , so viel ich weiß , noch heute sitzt . Oh sagte Sophie , hat ' s mein alter Anbeter also endlich doch durchgesetzt ? Ihr alter Anbeter ? Ja , wissen Sie das nicht ? Ich habe noch mit Timm zusammen Tanzstunde gehabt , und ich kann sagen , daß ich mit Niemand lieber getanzt und mich unterhalten habe , als mit ihm . Er ist ein höchst geistreicher und , wenn er will , sehr liebenswürdiger Mensch , um den es wahrhaftig Jammer und Schade ist , daß er mit seinen herrlichen Gaben so unverantwortlich wirthschaftet . Er hat in dieser Beziehung die größte Aehnlichkeit mit - Mit Oswald Stein , wollen Sie sagen , nur zu ! Ich habe das bittere Gefühl , das mich , als wir noch in Grünwald zusammen waren , jedesmal bei Nennung dieses Namens überkam , glücklich besiegt ; er existirt für mich nicht mehr , besonders nach seinen letzten Abenteuern . Das ist nicht recht , Bemperchen . Sie wissen , ich habe Stein nie besonders gemocht , aber seitdem Ihr Alle gegen ihn seid und selbst Franz , der ihn noch immer in Schutz nahm , anfängt , mit in den Chor einzustimmen , habe ich große Lust , mich auf seine Seite zu schlagen . Natürlich , sagte Bemperlein , mit einem leisen Anflug von Bitterkeit , ist es doch eine alte Erfahrung , daß die Frauen viel , ich möchte sagen Alles einem Manne verzeihen , der , was er thut , für Euch thut oder doch zu thun scheint . Mußte ich doch neulich selbst von meiner Marguerite , die ihn sonst nicht ausstehen konnte , ein in den sanftesten Tönen hingehauchtes pauvre homme ! hören . Pauvre homme ! Nun frage ich einen vernünftigen Menschen ! Also , wenn Jemand wie ein ungezogenes Kind durch das Leben ras ' t , statt nach Grundsätzen , stets nur nach seinen souveränen Launen handelt ; wenn er , wie ein Kind , Alles haben muß , was ihm gefällt , um es , wenn ' s ihm nicht mehr gefällt , in thörichtem Zorn und Uebermuth wieder zu zerbrechen - wenn er , statt seinen Nächsten zu lieben , mit seines Nächsten Frau bei Nacht und Nebel durchgeht , so sagt man von ihm , womöglich mit einer Thräne des Mitleids im schönen Auge : Pauvre homme ! Bravo , Bemperchen , rief Sophie beinahe mit der alten Lustigkeit , bravo ! Sie könnten nicht schöner predigen , wenn Sie selbst der betreffende unglückliche Nächste wären ! Aber , sagen Sie , hat man denn von den losen Vögeln noch immer keine Nachricht ? So viel ich weiß , nein ! es ist , als hätte die Erde sie eingeschluckt ? Aber wie erträgt denn der verrathene Gatte sein grenzenloses Leid ? Ach , man sollte sich eigentlich dieser Menschen wegen gar nicht weiter ereifern , erwiderte Bemperlein unmuthig , sie sind es nicht besser werth und wollen es nicht anders haben . Denken Sie sich , Fräulein Sophie , wollte sagen : Frau Sophie - dieser Mensch , dieser Cloten , der , als Stein mit seiner keuschen Penelope durchgegangen war , that , als ob die Sonne niemals wieder für ihn scheinen könne , hat sich nicht nur in überraschend kurzer Zeit getröstet , sondern dasselbe Unglück , das jener in sein Haus getragen hat , in seines Nachbars Hause ebenfalls angerichtet . Herr von Barnewitz , der Vetter der Frau von Berkow - der mit dem breiten rothen Bart , wissen Sie , und den breiten Schultern - o , Sie müssen ihn ja gesehen haben - nein ? na , es kommt auch nichts darauf an - eh bien , Herr von Barnewitz kommt neulich zu ungelegener Zeit nach Hause , findet - so erzählen sich die Leute - die Thür zum Zimmer seiner Frau verschlossen , wittert Unrath , zerschlägt ein Fenster , reißt den ganzen Fensterflügel heraus , steigt in ' s Zimmer , erwischt Herrn von Cloten , der eben von der Dame zu einer Hinterthür hinausgeschoben wird , und hat eine Auseinandersetzung mit dem edlen Paar , in Folge deren Hortense nach Italien und Herr von Cloten , nachdem er acht Tage lang das Bett gehütet , auf seine Güter gereist ist , ohne von Jemand Abschied zu nehmen . Da haben ja die Grünwalder Klatschschwestern wieder etwas zu reden gehabt ! Das können Sie glauben , fast so viel , als damals bei der Verlobung von Helene Grenwitz mit dem Fürsten Waldernberg . Wie steht es denn damit ? So viel ich weiß , soll die Verlobung , ich meine die eigentliche , officielle , in diesen Tagen hier in der Residenz stattfinden . Anna-Maria sagte mir neulich , daß sie mit Helene Anfang März hier eintreffen werde . So sind Sie also mit der Familie noch immer in Verbindung geblieben . Ich hatte keinen rechten Grund , meine Stunden aufzugeben . Anna-Maria beehrte mich fortwährend mit ihrer besondern Gnade , und überdies habe ich mich in der letzten Zeit mehr mit ihrem Wesen ausgesöhnt . Ich glaube , wir haben ihr vielfach Unrecht gethan . Sie hat gewiß ihre bedenklichen Seiten , aber man muß auch so gerecht sein , anzuerkennen , daß die Verhältnisse , in denen sie lebt , eigenthümlich genug sind . Wenn sie Helene einen reichen Mann verschafft , so thut sie nicht mehr und nicht weniger , als was alle Frauen in ihrer Lage auch thun würden . Und ihre Lage ist keineswegs so glänzend , wie wir glaubten . Seit dem Tode des Barons hat sie von dem ganzen großen Vermögen außer dem , was sie bei jetzt gespart hat , und das kann - für die Ansprüche solcher Leute wenigstens - nicht allzuviel sein , eine verhältnißmäßig geringe Wittwenpension ; und auch die fällt weg , im Falle Malte dem Beispiele seines Cousins Felix nachfolgen und auch an der Auszehrung sterben sollte , was nebenbei im höchsten Grade wahrscheinlich ist . Der Junge besteht jetzt schon nur aus Haut und Knochen . Da wäre ja allerdings Helenens glänzende Heirath eine Art von Nothwendigkeit im Sinn dieser Leute , obgleich ich überzeugt bin , daß er für Helene eine traurige Nothwendigkeit ist . Weshalb ? Im Vertrauen ! ich glaube , ihr Herz hatte sich bereits nach einer andern Seite entschieden , als sie dem Fürsten das Jawort gab . Wollte Gott , sie wäre von Anfang an weniger zurückhaltend gegen mich gewesen ; vielleicht wäre alles anders gekommen . Glauben Sie das nicht , in diesem Mädchen steckt ein hartnäckiger Stolz , den kein einzelner Mensch , den , glaube ich , nur das Schicksal beugen kann . Sie wird Niemand einen unbedingten Einfluß auf ihre Entschließungen gestatten . Sagen Sie , Bemperchen , was ist denn eigentlich an dem Gerücht , das Ihre Frau von Berkow und den Baron mit einander in einem - sehr intimen Verhältnisse leben läßt ? fragte Sophie nach einer kleinen Pause . Nichts , reinweg gar nichts , sagt Bemperlein mit großem Eifer , ich möchte nur wissen , was die Leute eigentlich wollen ! Es besteht eine Freundschaft zwischen ihnen , die sich von ihren gemeinsam verlebten Jugendjahren her datirt . Das ist Alles . Wenn sie Nachbarn sind und sich in Folge dessen häufig sehen , so ist doch das wahrhaftig ganz unverfänglich . Sie könnten sich ja heiraten , wenn sie sonst nur wollten . Anstatt dessen reis ' t der Baron nach Paris und läßt sie in Schnee und Eis auf dem einsamen Berkow . Das beweist doch sonnenklar , daß von Liebe zwischen ihnen die Rede nicht ist , oder es müßte denn eine curiose Sorte Liebe sein . In diesem Augenblick schrak Sophie freudig zusammen . In dem Fensterspiegel hatte sie die Gestalt eines schlanken , eleganten , schwarzbärtigen Mannes erblickt , der die nicht eben belebte Straße eiligen Schrittes heraufkam . Franz kommt ! rief die junge Frau , während ihre großen blauen Augen aufleuchteten und ein tieferes Roth ihre Wangen färbte ; verstecken Sie sich , Bemperchen ! Aber , wohin ? rief Herr Bemperlein , von dem Fenstertritt herabspringend . Nur dort hinter die Portière ! Halten Sie in der Mitte fest , daß sie nicht auseinanderfällt - so ! Die Klingel an der Hausthür ertönte , unmittelbar darauf wurde die Stubenthür geöffnet und Franz trat schnell heran . Ist Bemperlein nicht gekommen ? Siehst Du ihn etwa hier ? Nun sah Franz Herrn Anastasius Bemperlein freilich nicht , wohl aber auf einem Stuhl einen Herrenhut und überdies die Falten der Portière in einer Weise arrangirt , die nur dadurch möglich war , daß eine Hand hineingegriffen hatte und jetzt die beiden Theile fest zusammenhielt . Er fragte : Dieser Bemperlein ist doch ein ganz unzuverlässiger , leichtfertiger , gewissenloser Springinsfeld ; ein Mensch ohne Treu und Glauben , ohne Grundsätze ; ein Charlatan , von dem es mir schon hundertmal leid gethan hat , daß ich ihn Herrn Plante als Director seiner chemischen Fabrik so lange empfohlen habe , bis derselbe ihn mit tausend Thalern jährlich und fünf Procent der Nettoeinnahme engagirt hat ; ein Don Juan von einem Bemperlein , der mit den Frauen seiner Freunde heimliche Zusammenkünfte hat , beim Nachhausekommen des Ehemanns sich hinter der Portière versteckt und dabei so dumm ist , seinen Hut im Zimmer stehen zu lassen ; ein Harlequin von einem Bemperlein - Halt , sagte Bemperlein , den Vorhang auseinanderschlagend , ich bin erkannt . Die beiden Freunde eilten auf einander zu und umarmten sich mit großer Herzlichkeit . Mißt Ihr , wen ich so eben gesehen habe ? sagte Franz , nachdem man das Nothwendigste durchgesprochen . Nun ? riefen Bemperlein und Sophie . Den Baron Oldenburg und Frau von Berkow . Unmöglich ! rief Bemperlein , einen verlegenen Blick auf Sophie werfend , welchen diese mit einem schalkhaften Lächeln beantwortete . Was ich Euch sage . Ich begegnete ihnen in der Nähe des Schlosses Arm in Arm . Frau von Berkow hat mir ihre Adresse gegeben und mich gebeten , sie zu besuchen . Da ! Sie hat die Kinder mit , und ich vermuthe , daß sie längere Zeit hier bleiben wird . Ich sagte ihr , daß wir Bemperchen heute erwarteten , und sie war über diese Nachricht sehr erfreut . Auch Baron Oldenburg läßt grüßen und Ihnen sagen , daß er seit gestern mit Professor Berger von Paris zurück sei . Ihr wißt doch , das sich die Beiden in Paris getroffen und die ganze Revolution mitgemacht haben ? Sie logiren Hotel de Russie Unter den Akazien . Ich habe Frau von Berkow gerathen , wenn sie nicht ganz besonders dringende Geschäfte hier halten , die Stadt zu verlassen , da wir voraussichtlich sehr unruhige Tage haben werden . In der Albrechtsstadt schwirrt und wirrt es wie in einem Ameisenhaufen . Adjutanten und Ordonnanzen jagen ventre à terre durch die Straßen . Und der Albrechts- und Bärenstraßen-Ecke sah ich sogar schon Kanonen aufgefahren . Unter den Akazien soll es zu einem blutigen Zusammenstoß gekommen und ein Gardeoffizier von dem Volke arg mißhandelt sein . Einige nannten den Fürsten Waldernberg . Der Lärm ist so groß gewesen , daß das Publikum das Opernhaus , trotzdem ein neues Ballet gegeben wird , gleich nach Beginn der Vorstellung wieder verlassen hat . In der Fischerstraße hat ein Volkshaufe einen Angriff auf einen Waffenladen gemacht , und ein Bekannter will in der Gelbstraße die Anfänge einer Barricade gesehen hoben . Mit einem Worte : die Stadt ist in einer fieberhaften Aufregung ,