ein für Alle angenehmes Resultat hervorging , nahm man bereitwilligst für baare Münze , was der Andere dafür bot - natürlich , um sich das Recht zuzusprechen , Jenen mit derselben Münze zu bezahlen . Oswald hatte die Begegnung mit Fräulein Helene am Morgen nicht vergessen und sich des Eindrucks , den er dabei auf die stolze , junge Dame gemacht haben mußte , wohl bewußt , sah er es nicht ungern , daß ihm im Laufe des Tages mehr als eine Gelegenheit wurde , seine natürlichen Vorzüge geltend zu machen . Bei Tische um eine Erzählung dessen , was ihm während der Abwesenheit der Familie begegnet war , gebeten , gab er eine Schilderung seines einsamen Lebens in Sassitz , wobei er sich eine halb humoristische , halb sentimentale Rolle zutheilte , natürlich ohne das romantische Dunkel , welches über seinem dortigen Aufenthalte lag , im mindesten zu lüften . Die derbe Mutter Karsten wurde zu einer Uhland ' schen Meeres-Königin , ihre rothhaarigen Töchter , Stine und Line , zu Heineschen Wassernixen und der halb blödsinnige Vater Steffen zu einem weisen Merlin ; die Kreidefelsen der Küste wuchsen in ' s Ungeheure und die Brandung donnerte zwischen den Klippen des Strandes mit wahrhaft Ossianischer Majestät . Die Gesellschaft , obgleich sie die Uebertreibungen bald herausfühlte , horchte mit Aufmerksamkeit , ja Spannung , und Oswald empfand es als den schönsten Lohn seiner phantastischen Improvisation , daß die großen , glänzenden Augen Helene ' s während seines Vortrages mit einem Ausdruck halb der Verwunderung und halb des Zweifels unverwandt auf ihn gerichtet waren . Er war so ganz die Seele der Gesellschaft geworden , daß man es ihm ernstlich übel zu nehmen schien , als er gleich nach der Abendmahlzeit erklärte , den verabredeten Spaziergang durch den Buchenwald nach dem Strande nicht mitmachen zu können , da morgen Posttag sei und er einige sehr wichtige Briefe zu schreiben habe . Indem Oswald sich so in dem Augenblicke aus der Gesellschaft zurückzog , wo er sich ihr unentbehrlich gemacht hatte , durfte er mit der beabsichtigten Wirkung zufrieden sein . Fräulein Helene ließ sich herab , ihn direct zum Bleiben aufzufordern , und wandte sich , als er bei seinem Vorhaben beharrte , so kurz von ihm weg , daß ihr Unmuth nur zu ersichtlich war . Dennoch hatte der funkelnde Stern , der soeben über seinem Horizonte aufgegangen war , ihn nicht so verblendet , daß er das Gestirn , welches nun schon so lange mit nimmer verlöschendem , stets gleichem , treuem , lieblichem Licht auf ihn herabblickte , darüber vergessen hätte . Er hatte schon gestern in Sassitz mit Bestimmtheit auf einen Brief gehofft ; er fürchtete , daß der alte Baumann noch am Abend , als er mit dem Doctor weggefahren , vergeblich nach ihm gefragt habe . Wohl hatte er Mutter Karsten gesagt , daß er nach Grenwitz zurückgehe , aber dorthin konnte natürlich der alte Baumann einen Brief Melitta ' s , der so leicht in andere Hände fallen konnte , nicht bringen . Und doch hatte er eine unendliche Sehnsucht nach dem längst erwarteten Brief . So stahl er sich denn , gleich nachdem die Gesellschaft den Schloßhof verlassen hatte , durch den Garten nach dem großen Thor , aus dem man fast unmittelbar in den Tannenwald zwischen Grenwitz und Berkow gelangte . Es dunkelte schon unter den hohen Bäumen mit den weit überhangenden Aesten . Das von der Hitze des Tages durchwärmte Holz strömte jetzt am kühleren Abend würzigen Duft aus . In dem weiten Revier herrschte eine fast unheimliche Stille . Und jetzt in dieser feierlichen Abendstunde , in diesem hehren Waldestempel überkam die Erinnerung an Melitta Oswald ' s Herz mit aller Macht . Ihre hohe , und bei aller lieblichen Fülle so jungfräuliche Gestalt , ihr reiches , braunes Haar , das in weichen Wellen von dem Scheitel zum Nacken herabfloß , ihre dunkeln , zärtlichen Augen ; ihre reizende Schalkhaftigkeit , ihr liebliches neckisches Wesen - und ach ! vor allem ihre unendliche Güte und Liebe - wie deutlich ihr Bild vor seiner Seele stand ! wie heiß er sich gelobte , der Lieben , Guten , Holden nie , auch nur in Gedanken untreu zu werden , und komme , was da wolle , ihre Liebe mit unendlicher Liebe zu erwiedern . Da ertönte Hufschlag durch den stillen Wald und bald tauchte aus dem Halbdunkel ein Reiter auf , der in raschem Trabe daher kam . Oswald durchfuhr ein freudiger Schrecken , als er in dem Reiter den alten Baumann auf dem Brownlock erkannte . Ein Brief ? Haben Sie einen Brief ? rief er mit einer Heftigkeit , die Brownlock einen Schritt zur Seite springen machte . Ruhig , Brownlock , ruhig , sagte der Alte , dem Pferde den schlanken Hals klopfend ; guten Abend , junger Herr ! Ich habe Sie schon in Sassitz gesucht , allwo ich erfahren , daß Sie sich am gestrigen Abend nach Grenwitz begeben . Nun wollte ich soeben dorthin reiten - Aber wenn Sie mich nicht selbst getroffen hätten ? und unter welchem Vorwande wollten Sie sich bei mir einführen lassen ? Doch gleichviel - wo ist der Brief ? Hier ! sagte der Alte , der unterdessen vom Pferde gestiegen war , ein nicht unbedeutendes Packet aus der tiefen Tasche seines langen Ueberrocks ziehend . Geben Sie ! Nur Geduld , junger Herr ! Ich habe an Alles gedacht . Dies Packet ist , wie Sie sehen , wohl zugebunden und versiegelt , und trägt die Aufschrift : Hierbei die bewußten Bücher mit bestem Dank zurück . Die andern wird Ihnen Baumann zustellen , sobald ich sie durchgelesen habe - und die Unterschrift : Ihr ergebenster B. - das kann ja wohl so gut Bemperlein als Baumann heißen , nicht wahr ? Der alte Baumann hatte , während er sprach , die Schnur um das Packet gelöst und aus einem der drei Bücher , die es enthielt , einen Brief genommen , den Oswald hastig erbrach und gegen das Licht hielt , um ihn zu lesen , aber das Dunkel unter den hohen Bäumen war bereits zu dicht ; er vermochte nur noch die Ueberschrift : liebstes Herz , mit Mühe zu entziffern . Ich kann nichts mehr sehen , sagte er traurig . Wären Sie in Sassitz sitzen geblieben , wie Sie neulich wollten , oder hätten Sie gestern dem alten Baumann ein Wort zukommen lassen , so wären Sie noch bei guter Tageszeit in Besitz dieses Briefes von meiner gnädigen Frau gewesen . Oswald fühlte wohl den Vorwurf , der in diesen sehr ruhig gesprochenen Worten lag und es wurde ihm nicht schwer , dem treuen Diener und Freunde Melitta ' s sein Unrecht einzugestehen . Verzeihen Sie mir , sagte er , daß ich Ihnen die zweifache Mühe gemacht habe , ich habe meine Unbesonnenheit den ganzen Tag hindurch schon verwünscht und ich bin schwer genug dafür bestraft , denn hier halte ich den theuren Brief in den Händen und kann doch nicht erfahren , wie es ihr , wie es Frau von Berkow geht , ob sie wohl ist , ob sie glücklich in Fichtenau angekommen ist , und tausenderlei , was ich Alles wissen möchte und was ohne Zweifel hier steht - und versuchte noch einmal den Brief zu lesen . Nu , nu ! sagte der alte Baumann ; wegen meiner haben Sie nun schon keine Sorge nicht ; so eine Meile oder zwei mehr oder weniger , darauf kommt es mir und dem Brownlock eben nicht an . Und was die Nachrichten betrifft , die Sie zu haben wünschen , so weiß ich davon auch eine oder die andere mitzutheilen , sintemalen Herr Bemperlein mir einen Schreibebrief übersandt hat , in welchem die Reise und was sich bei der Ankunft zugetragen , Alles ausführlich berichtet ist . Der alte Mann hatte den Zügel über den Arm gehängt und ging neben Oswald her , der seine Schritte beeilte , um möglichst bald nach Grenwitz und auf sein Zimmer zu kommen . Die gnädige Frau - Gott behüte sie , sagte der Alte , ist mit Herrn Bemperlein nach Verlauf von drei Tagen glücklich in Fichtenau angekommen . Herr Bemperlein hat sich sogleich mit Doctor Birkenhain in Vernehmen gesetzt und erkundet , daß Herr von Berkow noch lebe , aber so schwach sei , daß man stündlich seiner Auflösung entgegensehe . Das hat nun so gedauert bis zum Tage vor dem Abgang des Briefes , allwo die gnädige Frau in Begleitung des Herrn Bemperlein und des Herrn - Der Alte unterbrach sich und hustete . Nun , wessen ? fragte Oswald , dessen Verdacht in Betreff des Baron Oldenburg wieder erwachte . Nun , des Herrn Doctors natürlich , wessen sonst , sagte der Alte ; ja , was wollte ich doch gleich sagen , Sie haben mich durch Ihre Frage ganz aus dem Context gebracht - richtig : also in Begleitung des Herrn Bemperlein und - hm , hm : des Herrn Doctors auf wenige Minuten nur bei dem Herrn Baron gewesen sind . Der gnädige Herr soll sich so verändert haben , daß er der gnädigen Frau , wie sie selbst gesagt hat , wie ein vollkommen fremder unglücklicher Mann erschienen ist . Gesprochen hat er auch ein paar Worte , von denen aber kein einziges zu verstehen gewesen ist . Dann sind sie wieder fortgegangen , und alsbald ist der gnädige Herr wieder in sein Bett zurückgesunken und in tiefen Schlaf gefallen und der Doctor meinte , das werde wohl nun bis zu seinem Ende so fortgehen , - welches denn der Herr Gott in seiner Gnade recht bald möge eintreten lassen , damit der arme Mann von seiner Qual befreit ist und die arme gnädige Frau endlich einmal wieder frei aufathmen kann ! Amen ; sagte Oswald . Denn sehen Sie , junger Herr , fuhr der Alte fort - und seine tiefe Stimme hatte einen eigenthümlich erregten Klang - die gnädige Frau hat nicht viel Freude gehabt ihr liebes Leben lang , und das thut mir weh , denn ich habe sie lieb , als wäre sie mein eigenes Kind , und wohl noch lieber . Denn ich habe freilich selbst nie welche gehabt , aber ich sehe doch , wie es andere Väter mit ihren Kindern machen , und daß sie sich nicht schämen , nicht blos wie kein Vater , sondern nicht einmal wie kein Christenmensch nicht an ihren Kindern zu handeln . Und der Vater von der gnädigen Frau - nun , es war mein gnädiger Herr , und ich habe unter ihm die Campagne mitgemacht , und von den Todten soll man nicht Uebles reden - aber zu Ihnen darf ich es schon sagen , weil Sie uns doch nun nicht mehr fremd sind - ja , das war ein böser Herr , oder auch eigentlich nicht böse , aber wild und leichtsinnig , wie der jüngste Offizier in seinem Regiment . Je toller ein Streich war , desto lieber war es ihm ; na , und tolle Streiche und schlechte Streiche , die sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich . So dachte er sich nichts Böses dabei , wenn er , noch als Verheiratheter , den Frauenzimmern gerade so nachstellte , wie er es sonst gethan , aber der armen gnädigen Frau , welche eine gar gute , liebe Dame war , brach darüber das Herz , und sie starb , als ihr einziges Kind erst zwei Jahre alt war . Da gab es nun eigentlich Niemand , der für das arme Ding sorgte , als den alten Baumann . Ich hab ' s herumgetragen und habe mit ihm gespielt , und hernach , als es größer wurde , habe ich mit ihm schreiben und lesen gelernt , was ich damals noch nicht konnte , und ein bischen Französisch und was noch sonst in meinen alten Kopf hineinwollte . Und hernach habe ich sie reiten gelehrt , daß ihr nun wohl so leicht keine darin gleichkommt ; und so bin ich wieder mit ihr jung gewesen und hab ' mich nie nach Kindern gesehnt , denn sie war ja mein liebes , herziges Kind , obgleich ich nur ein armer unwissender Reitersmann und sie ein fürnehmes , hochadeliges Fräulein war . Und ich habe manchmal so in meinem Sinn gedacht : ob sie es nicht besser im Leben gehabt hätte , wenn sie wirklich mein Kind gewesen wäre . Denn vornehm sein und reich sein , das ist Alles recht gut , aber ich meine doch , wen Gott lieb hat , den läßt er arm geboren werden . Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen , mein eigen Fleisch und Blut um schnöden Mammon zu verkaufen ; ich hätte nie vor meinem Kinde auf den Knieen gelegen und geflennt : Dein Vater ist ehrlos , wenn Du nicht den und den heirathest , von dem ich wohl weiß , daß Du ihn nicht liebst , der aber so viel Geld hat , daß er alle meine Schulden bezahlen kann und doch noch genug für euch Beide behält . Und es stand gar nicht einmal so schlimm mit Herrn von Barnewitz . Was er im Spiel verloren hatte , konnte er auch im Spiel wieder gewinnen , und hat ' s auch hernach zum Theil wiedergewonnen , so daß er später , wenn er zu viel getrunken , oft zu mir gesagt hat : hätte ich gewußt , Baumann , daß ich noch solch Glück im Pharao haben würde , da hätte der - es war ein häßliches Wort und ein ordentlicher Mensch bringt es nicht gern über die Lippen , - da hätte ich Herrn von Berkow auch etwas anderes gegeben , als meine Tochter . Mein einziger Trost ist nur , daß er ' s nicht lange mehr treibt , und dann kann sie ja noch immer einen andern heirathen . Nun , der gnädige Herr trieb es selbst nicht lange mehr , aber doch noch lange genug , daß er das Unglück , welches er angerichtet hatte , mit seinen leiblichen Augen sehen konnte . Er hätte viel drum gegeben , um ungeschehen zu machen , was geschehen war ; aber wer sich mit dem Teufel einläßt , darf sich nicht wundern , wenn der liebe Gott nichts von ihm wissen will . So war die schöne junge Frau eine Wittwe und war es doch auch wieder nicht . Reichthum hatte sie nun , die Hülle und Fülle ; aber mir däucht , sie wäre glücklicher gewesen , wenn sie unter einem Strohdach mit einem braven Mann gelebt hätte , als so mutterseelenallein in dem großen , öden Hause . Nun war freilich der Julius da , aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer , und ein Kind ist noch immer keine Familie . Sehen Sie , junger Herr , das hat mein altes Herz oft bluten machen , und wenn ich die liebe gnädige Frau so des Abends allein durch den einsamen Garten wandeln sah , da habe ich oft den lieben Gott gebeten , er solle den armen Herrn von Berkow in Gnaden zu sich nehmen , und verstatten , daß die arme gnädige Frau doch einmal in ihrem Leben glücklich wird , wie andere Frauen , die nicht werth sind , daß sie ihr die Schuhriemen lösen . Reich braucht der Mann nicht zu sein , denn sie hat , wenn ' s doch ja Reichthum sein soll , genug für Beide , - aber Kopf und Herz muß er auf dem rechten Fleck haben und lieb muß er sie haben , mehr als seinen Augapfel . Und wenn ich einen solchen Mann wüßte , und ihr einen solchen Mann verschaffen könnte , und ich sähe sie nun glücklich an der Seite dieses Mannes , da wollte ich auch beten : Herr , lasse Deinen Diener in Frieden fahren . - Aber da sind wir ja schon am Thore . Nun , wohlschlafende Nacht , junger Herr ! Wenn Sie morgen früh vielleicht eine Antwort auf den Brief von der gnädigen Frau fertig haben , so will ich einen Büchsenschuß weiter in den Wald hinein zwischen fünf und sechs darauf warten . Die gnädige Frau würde sich doch freuen , wenn Sie recht bald schrieben . Ich werde pünktlich um fünf dort sein , sagte Oswald . Na , auf eine halbe Stunde kommt es schon nicht an , sagte der alte Baumann , sein Pferd besteigend . Die Post geht nicht vor acht Uhr , und bis dahin bin ich mit dem Brownlock zweimal hin und zurück . Ich wünsche nochmals wohlschlafende Nacht . Der alte Mann faßte salutirend an seine Mütze , lenkte den Brownlock herum und trabte durch die Tannen zurück nach Berkow . Oswald eilte auf seine Stube , ohne Jemand zu begegnen , da die Gesellschaft von ihrem Spaziergang noch nicht heimgekehrt war . Mit zitternder Hand öffnete er den Brief und durchflog ihn mit athemloser Hast , um ihn dann langsam wieder und wieder zu lesen , wie man Briefe liest , von denen jedes einzelne Wort uns berührt , wie ein Kuß von geliebten Lippen . Als er sich spät am Abend hinsetzte , die Antwort zu schreiben , ertönte derselbe Gesang , der ihn gestern Abend in so überschwängliche Begeisterung versetzt hatte ; heute aber schloß er das Fenster , denn er fühlte , daß seine Bewunderung für das schöne Mädchen im Grunde ein Verrath seiner Liebe zu Melitta sei , obgleich er die anklagende Stimme seines Gewissens möglichst zu überhören versuchte . Vierzigstes Capitel Oswald konnte es sich nicht versagen , noch ein wenig im Garten zu promeniren , als er am nächsten Morgen aus dem Wald zurückkehrte , wo Baumann den Brief entgegengenommen hatte . Er wollte eigentlich nur einige Minuten bleiben , nur eben einmal auf dem Wall die Runde um den Garten machen ; aber er hatte die Promenade nun schon zweimal vom großen Thor bis wieder zum großen Thor gemacht - und begann sie eben zum dritten Male , denn der Morgen war allerdings köstlich , und , wenn ihn seine Augen nicht täuschten , so schimmerte durch die Büsche und Bäume auf der andern Seite ein helles Gewand . Ohne Zweifel eines der Mädchen aus dem Dorfe , die im Garten arbeiteten . Wie erstaunt war er deshalb , als er bald darauf in der ihm Begegnenden Fräulein Helene erkannte . An ein Ausweichen war nicht zu denken . Es führten von dem Wall nur sehr wenig schmale Treppen in den Garten hinab . So blieb ihm freilich nichts übrig , als , die Hände auf dem Rücken , und die Vögel , die über ihm durch die Zweige flatterten und die Enten auf dem Graben mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtend , langsam weiter zu schlendern , und ein ganz klein wenig überrascht zu sein , Fräulein Helene genau um dieselbe Zeit und an derselben Stelle , wie gestern , zu begegnen . Fräulein Helene erwiederte seinen Gruß mit jener vornehmen Ruhe , die dem etwas düstern Charakter ihrer Schönheit so gut stand , obgleich sie für ein Mädchen von diesem jugendlichen Alter fast zu kalt und vornehm schien . Und doch wäre ihr Gruß nicht ganz so förmlich gewesen , wenn Oswald selbst nicht jede Spur einer freudigen Erregung geflissentlich unterdrückt hätte . Eine kurze , nichts weniger als geistreiche Unterhaltung über das Wetter , ein paar gleichgiltige Fragen Oswald ' s über den Spaziergang von gestern Abend und ein paar kurze Antworten Helene ' s folgten . Darauf abermalige höflich kühle Begrüßung von beiden Seiten . Fräulein Helene setzte ihren Spaziergang fort , Oswald hatte seine Promenade , die er » regelmäßig zwischen sechs und sieben auf dem Walle mache « - eine Angabe , die mit der Wahrheit nicht besonders genau übereinstimmte - beendet und begab sich auf sein Zimmer . Schade , daß diese prächtige Schönheit doch nur die Hülle einer ziemlich alltäglichen Psyche zu sein scheint , sprach er bei sich . Was Professor Berger wohl sagen würde , wenn er seine liebliche Knospe jetzt zu einer dunkelrothen Rose entfaltet sähe ? ob er wieder einen Sonettenkranz flechten und auf das üppige Haar drücken würde ? Edler Berger , war es ein Stück des guten oder bösen Engels , die sich ewig in Deiner großen Seele bekämpfen , daß Du mich hierher in ' s Lager unserer Feinde schicktest ? Ich sollte Dir viel ruhmreiche Trophäen zurückbringen , Scalps erschlagener Irokesen , die wir in unserem Wigwam aufhängen wollten , um unsere Freude daran zu haben - wie würdest Du erstaunen , wenn Du hörtest , wie oft schon Dein Unkas nur mit genauer Noth dem Scalpirtwerden entgangen ist ! Aber das eine Versprechen will ich halten : ich werde mich nicht in diese frühbesungene Schönheit verlieben - nein , und wenn sie eben so geistreich wäre , wie sie schön ist . Als Oswald zur Mittagstafel nach unten kam , wurde er auf ' s angenehmste durch die Gegenwart des Doctor Braun überrascht , der vor einigen Minuten angelangt war und die Einladung der Baronin , zu Mittag auf dem Schlosse zu bleiben , angenommen hatte . Der Doctor erwies sich in dem größeren Kreise als ein eben so bequem geselliger , feingebildeter Mann , wie ihn Oswald bis dahin gekannt hatte ; ja , dieser hatte jetzt noch mehr Gelegenheit , die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe und die sichere Haltung des jungen Arztes zu bewundern . Und was ihn noch mehr für Doctor Braun einnahm , war , daß jener sich seiner Vorzüge nicht bewußt zu sein schien . Nichts lag ihm offenbar ferner als ein Geltendmachen seiner Person ; im Gegentheil , es schien ihm nur darum zu thun , Andere zur Entwickelung ihrer Ansicht zu bringen ; und so zeigte er sich als ein ebenso geduldiger und guter Zuhörer , wie gewandter Sprecher . Oswald sah mit einigem Erstaunen , daß , wenn der Doctor irgend Jemand in der Gesellschaft auszeichnete , es nur Fräulein Helene sein konnte , und mit nicht minder großer Verwunderung , daß die junge Dame dem Doctor gegenüber einen Theil ihrer vornehmen Kälte ablegte . Sie hatten schon vor Tische eine Sonate à quatre mains gespielt ; sodann hatte Helene einige Lieder gesungen , die ihr der Doctor begleitete . Bei Tische saßen sie nebeneinander und unterhielten sich lebhaft über die verschiedenen Style in der Musik , wobei der Doctor eine sehr detaillirte Kenntniß des Generalbasses und Fräulein Helene zum mindesten ein lebhaftes Verständniß für musikalische Dinge entwickelte ; und als er sich gleich nach Tisch empfahl , bedauerte sie seine Eile so lebhaft , bat sie ihn so dringend , ihr die versprochenen Noten recht bald zu schicken - nein , lieber selbst zu bringen , damit sie dieselben gleich zusammen durchgehen könnten , daß der Doctor , wenn er es darauf angelegt hatte , einen möglichst günstigen Eindruck auf die junge Dame zu machen , mit seinem Erfolge ganz wohl zufrieden sein durfte . Sie sind nicht musikalisch ? fragte er Oswald , dem er noch für ein paar Minuten , bis die Pferde angeschirrt wurden , auf sein Zimmer gefolgt war . Nein , und die Eintracht süßer Töne lockt mich so wenig , daß ich gestern Abend , als Fräulein Helene die Barcarole sang , von der Sie so entzückt waren , sogar das Fenster schloß . Das ist in der That merkwürdig . Ich erinnere mich nicht , eine so weiche - ich möchte sagen - mystische Altstimme gehört zu haben . Sollte die Schönheit der Sängerin nicht die Reinheit des Urtheils in etwas trüben ? Nein , ich versichere Sie , daß ich ganz objectiv urtheile ; obgleich ich gern zugebe , daß eine so dämonische Schönheit mehr in das Reich der Träume , als in die reale Welt zu gehören scheint . Der Doctor hatte sich in Oswald ' s Lehnstuhl gesetzt und blies den Rauch der Cigarre , die er sich eben angezündet , in blauen Wolken durch das offene Fenster . Es ist eine Schönheit , sagte er , die einen Maler zur Verzweiflung bringen könnte , weil sie sich gerade in ihrer duftigsten Blüthe durch Linien und Farben gar nicht mehr ausdrücken , sondern nur durch Musik übersetzen läßt . Ich wollte Beethoven hätte sie gesehen , oder Robert Schumann ; und dann sollten Sie die geisterhafte , dämonische Composition hören , zu welcher diese Erscheinung die Beiden begeistert hätte . Aber wer von uns Beiden ist denn nun der Schwärmer ? fragte Oswald lächelnd ; Sie oder ich ? Sie , sagte der Doctor , denn der höchste Grad der Extase ist tiefes Schweigen . Wer Worte für seine Begeisterung findet , hat die Zügel noch in der Hand . Und dann kann ich ein schönes Mädchenbild sehen , und auch dafür schwärmen , ohne daß mir die Cigarre auch nur einen Grad weniger gut schmeckte . Sie aber sind im Stande , darüber Essen und Trinken und Alles zu vergessen und sich , Hals über Kopf , in die Charybdis Ihrer Begeisterung zu stürzen , ohne auch nur daran zu denken , ob Sie im Stande sein werden , jemals wieder zum rosigen Lichte aufzutauchen . Wissen Sie das so gewiß ? Ganz gewiß ; ich habe Ihnen in der letzten Zeit ein eingehendes Studium gewidmet , und gefunden , daß Sie eines der vortrefflichsten Exemplare einer in unseren Tagen ziemlich weit verbreiteten Species generis humani sind , Nachkommen des weiland vom Teufel geholten Doctor Faustus , Faustuli posthumi , so zu sagen , die den langen Docentenbart abgeschnitten , auch nicht im romantischen Rittercostüm , sondern einfach im modernen Frack einherspazieren ; im Uebrigen aber auf gut faustisch von Begierde zum Genuß taumeln , und im Genuß nach Begierde verschmachten . Problematische Naturen , nennt sie der Baron Oldenburg , bemerkte Oswald . Eine sehr gute Bezeichnung , sagte der Doctor . Freilich , der Baron muß es wissen , der ist selbst von der Brüderschaft und ich vermuthe , daß er einen ziemlich hohen Grad einnimmt . Wenigstens nach Allem , was ich von ihm höre , denn gesprochen habe ich ihn nie , und nur einmal flüchtig gesehen . Es dürfte sehr schwer halten , sich über den Baron ein richtiges Urtheil zu bilden . Wäre er sonst eine problematische Natur ? Ich höre , Sie sind einer seiner speciellen Freunde , einer von den wenigen , die er , wie es heißt , besitzt . Und gerade deshalb spreche ich offen . Ich kann es nicht billigen , daß ein Mann von den eminenten Gaben des Barons sein Leben in Müßiggang verdämmert - in einem geschäftigen Müßiggang , der schwerste Vorwurf , der meiner Meinung nach einen Mann in unserer Zeit treffen kann , wo es wahrlich so viel , so viel zu thun giebt . Was kann der arme Baron dafür , daß ihm das Brod des Alltagslebens nicht schmeckt ? Glauben Sie denn , daß es mir schmeckt ? sagte Doctor Braun , und seine Wangen rötheten sich und seine Augen leuchteten ! glauben Sie , daß der herrliche Gott Apollo , als er die Rinder des Admet weidete und im Schatten der Eiche das schnöde Sklavenmahl verzehrte , sich nicht zurücklehnte nach der Ambrosia und dem Nektar auf den goldenen Tischen im Hause des Vaters ? Dennoch trug er sein Loos und duldete das Verhängniß , wie der noch viel herrlichere Jesus von Nazareth das seinige . Und ich muß gestehen , mir erschien es immer als eine grobe Inconsequenz , daß des Menschen Sohn von allen , zum wenigsten von den stärksten menschlichen Banden los und ledig dargestellt wird . Sollte er den Leidenskelch wirklich bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren , so mußte er durch die stille Nacht auf dem Oelberge die Stimmen eines angebeteten Weibes , geliebter Kinder zu hören glauben , die ängstlich nach dem Gatten , dem Vater riefen . Denn menschlich allem Menschlichen ergeben sein , und dennoch die himmlische Abkunft nicht vergessen und dennoch bis an den Tod mit den reißenden Wölfen der Tyrannei und Lüge kämpfen und das schwere Kreuz des ganz Gemeinen und ewig Gestrigen , das auf uns lastet , bis nach Golgatha tragen - das erscheint mir als das eigentliche Loos des Menschensohnes ! Der Doctor ging ein paar Mal mit raschen Schritten in dem Gemache auf und ab , dann blieb er vor Oswald stehen , streckte ihm mit herzgewinnender Freundlichkeit die Hand entgegen und sagte : Verzeihen Sie mir , wenn ich Sie durch dies oder jenes Wort , das vielleicht weniger überlegt war , gekränkt haben sollte . Aber ich gerathe jedesmal in Aufregung , wenn ich eine hohe Intelligenz feiern , oder in einer falschen Richtung thätig sehe . Das erste ist die Sünde gegen den heiligen Geist , die unserer Sünden größte ist , die zweite ist nicht ganz so groß , aber kommt jener fast gleich . Von jener spreche ich Sie los , dieser erkläre ich Sie für schuldig . Sie wissen , wie ich über Ihre Stellung hier schon neulich dachte : jetzt , nachdem ich Sie zum ersten Male in dem Kreise selbst gesehen habe , finde ich das Verhältniß noch viel bedenklicher . Geben Sie es auf , ehe es zu spät ist ! Es mag eine entsetzliche Indiscretion sein , daß ich mir erlaube , so zu Ihnen zu sprechen ; aber Sie wissen , wir Aerzte haben einmal das Recht , indiscret zu sein . Sind Sie mir bös ? Ich wäre der lächerlichste Narr , wenn ich es wäre , antwortete Oswald . Im Gegentheil , ich bin Ihnen dankbar , daß Sie mir eine Theilname zeigen , die ich sogar nicht verdient zu haben mir bewußt bin . Aber ich glaube , Sie sehen die Dinge