eingeerntet ; ich habe Welt und Menschen in bunten und glänzenden Gestalten , in fesselnden und interessanten Erscheinungen - nebenbei auch in allen ihren Niedrigkeiten kennen gelernt ; ich habe Freude gehabt an der Kunst , an der Ausübung meines Talentes , an den Studien , die damit verbunden sind , an der Begegnung mit anderen , die eines Weges mit mir gingen . Ich habe mit stolzem Selbstgefühl die Huldigung der einzelnen und der Massen empfangen . Ich habe Triumphe gefeiert - aber sie verrauschen , und die alte Leere und die alte Unruhe sind wieder da . Es war zuweilen wohl still in meiner Brust , aber die Stille der Ermüdung , die Stille dumpfer Resignation , wenn ich zu mir selbst sprach : Laß sie dahinrollen , die Welt und das Herz und die Zeit und das Leben ! laß sie gehen , wie sie wollen und können ! das Menschenschicksal ist nun einmal ein Ringen ohne Sieg ! und wenn ich so zu mir selbst sprach , so kroch mir ein Etwas wie Verzweiflung durch alle Adern , alle Nerven , alle Fibern - und ein anderes Etwas stemmte sich dagegen und schrie in mir : Nein ! das Leben muß etwas anderes sein , als ein Ringen aus dem Nichts , für das Nichts , in das Nichts ! gerade dies Ringen beweist , daß es ein Ziel habe und daß es folglich auch einen Sieg gebe - und in dem Siege Befriedigung ! Aber wo ist sie - die Befriedigung ? Sphynx meines Schicksals , habe ich dich noch immer nicht verstanden mit deinem geheimnisvollen dunkeln Blick ? Meinst du die Liebe ? - Ja , die große Leidenschaft , von der man zuweilen hört und liest , mag wohl solchen Zauber haben , daß sie , wenn sie mit vielen Schmerzen und Bitterkeiten Hand in Hand geht , das Herz befriedigt . Aber die kommt , man weiß nicht wie und woher ; die kann man nicht erringen , man fühlt sie nur . Empfunden hab ' ich sie nie . Ob ich sie einflöße ? ich weiß es nicht . Die armseligen Lieben aber , durch welche der frische Schmelz des Herzens , der Blütenduft des innersten Wesens trüb ' und matt wird - und welche sich doch wiederholen , weil sie einem Opiumrausch gleichen , der des Menschen Träume lieblicher macht als seinen wachen Zustand - nein ! für sie bin ich nicht mehr jung und noch nicht alt genug . - - Und sie verfiel in trübes Sinnen über diese traurigen Lieben , an die auch sie gestreift war und die ihr Herz gepanzert hatten mit einer so kalten und gründlichen Verachtung von allem , was man Liebe nennt , daß sie - mit sich selbst allein - auch sich selbst verachtete . Aber dann erwachte der Stolz und schüttelte diese Bürde ab , hob trotzig das Haupt und schaute nach anderen Triumphen aus . Orest liebt mich - fuhr sie fort in ihren Gedankenzügen . Er soll mich lieben . Er hat mich für eine leichte Eroberung gehalten : dafür will ich eine große Genugtuung . Gräfin Windeck will ich werden . Ja , ich will in den Kreis dieser Hochgeborenen hinein ; aber nicht als die berühmte Sängerin , der sie eine Ehre zu erzeigen meinen , wenn sie ihr ein paar bewundernde Worte zuwerfen und die sie als eine exotische Merkwürdigkeit , für die Dauer einer Soiree , in ihrem Salon aufweisen möchten , um am anderen Abend mit leichtem Augenblinzeln hinter Fächer und Lorgnette über sie hinweg zu sehen . O man kennt diese Hochgeborenen ! Und gerade in ihrem Kreise will ich Platz nehmen , gerade zu ihnen will ich gehören , als ihresgleichen will ich durchs Leben gehen . Dies gehört nicht zu den Vorsätzen von Cintra ! die sind erreicht und abgetan . Dies ist ein neuer Vorsatz : noch ein paar Jahre , höchstens , meines glanzvollen Kunstlebens und dann mitten aus dem Glanz der Öffentlichkeit in ein glänzendes Privatleben . Sphynx meiner Zukunft , ist das dein Rätsel ? und wird dessen Lösung mir besser Stich und Farbe halten , als der Erfolg meiner Pläne von Cintra ? - Da flog ihr durch ' s Gedächtnis , daß sie vor wenigen Stunden zu Orest gesagt hatte : auf jede Erfüllung eines ersehnten Glückes falle ein Todesschatten von Endlichkeit . Sie schauerte in sich selbst zusammen und strich das Haar von der Stirn , als ob sie die quälenden Gedanken verscheuchen wolle und blickte über den See hinweg , einen Gegenstand suchend , der wenigstens ihr Auge fesseln möge . Da fuhr der Nachtwind auf und blätterte im Osten das Gewölk auseinander , das wie eine silbergraue Rose über das Gebirg herauf schwebte und sanft sich öffnete und immer tiefer unter der aus ihr aufsteigenden Mondessichel zurücksank . Und mit dem vollen Glockenton ihrer goldenen Stimme hub Judith zu singen an : » O casta dia ; « und niemand blickte in ihr Auge , als das melancholische Licht des Mondes im letzten Viertel - und niemand begleitete ihren Gesang , als die leise plätschernden Wellen des Genfersees - und einsam stand sie da , wie der Genius dieser nächtlichen Natur , der an die Schatten gebannt ist und die Flügel zu regen sucht , um ihnen zu entfliehen und immer tiefer und tiefer in sie zurücksinkt und sich sehnt nach Erlösung . Lelio Am anderen Morgen befahl Judith , daß ihre Tür bis zum Abend für jedermann verschlossen bleibe . Sie wollte mit Lelio sprechen , den Grund seiner befremdend langen Abwesenheit erfahren und ihm sein Benehmen des vorigen Abends verweisen . Lelio erschien auf ihr Begehren - ein kleiner schwarzer lebhafter Italiener , mit feurigen römischen Augen und mit der vollkommensten italienischen desinvoltura - ein Wort , welches in deutscher Sprache nicht wiederzugeben ist , wahrscheinlich deshalb , weil der Deutsche die Sache selbst nicht hat . Man könnte etwa sagen : zwangloses Benehmen - vorausgesetzt , daß sich keine brutale , bengelhafte Schattierung in diese Zwanglosigkeit mische . » Nun , Signor Lelio , sind Sie von den Toten auferstanden ! « rief ihm Judith entgegen und reichte ihm freundlich die Hand zum Willkommen . » Ecco , das ist ' s ! just was Sie sagen ! « rief Lelio vergnügt und schüttelte ihre Hand . » Waren Sie wirklich lebensgefährlich krank ? « » Oh ! « sagte Lelio mit einem Ausdruck , als fände er keine Worte für seine Gefahr und mit einer Geberde namenlosen Entsetzens . » Ich bitte , Lelio , erzählen Sie mir Ihre Reiseabenteuer nicht bloß durch Seufzer und Geberden , sondern recht ausführlich . Sie wissen ja , wie viel Anteil ich an Ihnen nehme . « » Ich weiß es , Signora , und ich will Ihnen gern alles erzählen . Nur fürchte ich zwei Dinge . « » Und die wären ? « » Erstens : von meiner Seite , Mangel an Worten ; - zweitens : von Ihrer Seite , Mangel an Verständnis . « » Das ist freilich übel , « entgegnete Judith lächelnd , » denn damit fehlt auf beiden Seiten die Hauptsache ! aber fangen Sie nur an ! wir wollen uns Mühe geben . « » O Judith , teure Signora ! denken Sie an Petrarca , der einst klagte : Non ti conosco il mondo , mentre ti ha ! 6 und doch nur von der Laura , von einem sterblichen Weibe sprach ! « » Aber , guter Lelio , es wird Ihnen doch nicht eine Unsterbliche begegnet sein ? « » O Judith , das Göttliche ist in der Welt und die Welt kennt es nicht und verachtet es und geht vorüber zu ihren Festen , die nach Moder duften ; zu ihren Freuden , die nach Moder schmecken ; zu ihren Klügeleien , die um Moder sich bewegen ; zu ihren Bestrebungen , die in Moder untergehen . « » Sehen Sie , Lelio , das verstehe ich sehr gut ! « warf Judith mit einem schwermütigen Lächeln ein und legte sinnend ihre Stirn in die aufgestützte Hand . » Es mögen wohl schon sechs Wochen sein , « fuhr Lelio fort , » denn wir waren noch in Venedig und Sie hatten noch eine Reihe von Vorstellungen in der Fenice zu geben - da bat ich Sie um einen Monat Urlaub . Ich wollte in der Schweiz eine Zusammenkunft mit politischen Gesinnungsgenossen haben und dann nach Regensburg gehen , um den Gregorianischen Kirchengesang in Deutschland kennen zu lernen , der am dortigen Dom am tüchtigsten ausgeführt werden soll . Ich reiste ab . Ich fand meine Freunde in Genf ganz in unserer Art und Weise beschäftigt , Systeme zu ersinnen , Theorien zu verbreiten , Verbindungen zu schließen , Faden anzuknüpfen , Lehren zu predigen , Taten auszuführen , Adepten zu gewinnen - alles zu dem einen Zweck : die bestehende gesellschaftliche Ordnung von ihrer Basis und aus ihren Fugen zu drängen , um dann , in einem günstigen Augenblick , durch den heftigen Stoß einer Revolutions-Bewegung das wankende Gebäude über den Haufen zu werfen und darauf den Neubau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Programm : Völkerfreiheit ! Geistesfreiheit ! auszuführen . Hierin stimmen alle Männer der Zukunft überein . Dies ist Plan und Ziel aller geheimen Bünde , mögen sie Carbonari , Illuminaten , Freimaurer , Italianissimi oder sonst wie heißen . Was nun jeder einzelne unter Völker- , Geister- , Gewissens- und sonstiger Freiheit versteht , wie weit er sie verallgemeinert , wie groß er ihr den Spielraum läßt - das ist seine Sache und hängt mit seiner Persönlichkeit und seiner Spezialität zusammen und man gönnt es ihm , insofern das bundesgemeinsame Wirken nicht dadurch beeinträchtigt und gehemmt wird . Wir Italianissimi wollen die Zeiten der alten Roma wieder haben - die Zeiten der Republik , mit ihren Volkstribunen , ihren Großtaten und ihrer Besiegung aller Karthaginensischen Nebenbuhler um die Weltherrschaft . « » Ich weiß es , « unterbrach ihn Judith ; » Sie haben sich oft mit höchster Begeisterung über diese Gestaltung der Zukunft gegen mich ausgesprochen , und da ich nun einmal glaube , daß jeder Mensch seine fixe Idee , seine Chimäre , seine Marotte hat : so hab ' ich mich über die Ihre nicht weiter gewundert . Ginge ich aber nicht von einer allgemeinen , einer Ur-Marotte aus , so würde ich Sie für verrückt halten müssen , denn kein vernünftiger Mensch unternimmt es in Wirklichkeit , die Weltgeschichte um zwei bis drei Jahrtausende zurück zu schleudern . Ich bitte Sie , was fangen Leute unseres Schlages in Ihrer altrömischen Republik an ! Wir müssen uns für die Göttin Roma schlachten lassen , sonst kommen wir um vor Hunger und Beides wäre nicht nach meinem Geschmack . « » Ich weiß nicht , « fuhr Lelio lächelnd fort , » soll ich es dem ernüchternden Einfluß Ihres Umganges , Signora , oder irgend einem feindlichen Gestirn zuschreiben , genug , ich fand im Kreise meiner Freunde und Bundesbrüder nicht die Begeisterung früherer Tage . Manche Ansicht kam mir hohl vor , mancher Weg schief , manche Theorie unhaltbar , mancher Plan unausführbar . Disharmonien innerer Widersprüche gellten mir in die Ohren , und Dissonanzen mit Wahrheit und Recht wollten sich durchaus nicht lösen lassen . Ich fühlte mich etwas verstimmt , etwas ernüchtert , etwas abgekühlt - und um wieder in meinen Freiheitsschwung zu kommen , beschloß ich , von dem hyperkultivierten Leman , wo nichts mich an die altrömische Republik erinnerte , an den Vierwaldstättersee zu gehen . Ich tat es ! aber ! aber ! - auch die kleinen Kantons , die Urschweiz , die Wiege der schweizerischen Freiheit - sie wollten mir nicht gefallen . Diese Löwenkühnheit in der Verteidigung ihrer politischen Unabhängigkeit gegen fremde Herrschaft , von den Tagen ihres ersten Bündnisses bis zu den Tagen der französischen Republik - als die Weiber von Schwyz die Kanonen herbeizogen , um die Männer im Kampfe gegen die Franzosen zu unterstützen ; und dagegen diese hündische Treue , einem Ludwig XVI. den Fahneneid zu halten , auf der Seite eines Königs wider ein Volk zu stehen .... « - » Lelio ! « fuhr Judith heftig auf , » fühlen Sie nicht , daß Sie sich ein Brandmal auf Stirn und Herz durch Verachtung des Fahneneides drücken ? « » Ich fühlte es nicht ! « erwiderte er gelassen und fuhr fort : » Und dagegen diese mehr als hündische Unterwürfigkeit vor einer Religion , welche die heftigste Gegnerin aller Freiheit ist und von ihrem ersten Anbeginn das edelste und beste , was der Mensch hat : die Freiheit seines Willens - nicht sowohl in Ketten , als in Windeln legte : ich konnte einen so schreienden Widerspruch nicht begreifen und kaum ertragen . Als ich vom Rigi herabsteigend das grüne Alpenland des Kantons Schwyz durchwanderte , fand ich nach und nach eine Menge von Reisegefährten , Männer und Weiber , die mit einem Bündel auf dem Rücken , mit bestaubten Schuhen , manche mit der Perlenschnur des Rosenkranzes in der Hand , andere auf einen Stab sich stützend , des Weges zogen . Einige gingen in grösseren Scharen , einige in kleinen Häuflein , bekümmerten sich weder um die Gegend , noch um Reisebegebenheiten , beteten Litaneien und Rosenkranz und knieten oftmals vor den Kruzifixen nieder , welche dort so häufig sind , daß sie naturwüchsig zu sein scheinen . Fragte ich den einen oder anderen : Wohin des Weges ? - so antwortete jeder : Nach Einsiedeln , zur Engelweihe . - Ha ! dacht ' ich , das kommt dir gerade recht ! da gehst du auch hin und schaust dir einen Aufzug der Farce mit an , welche von der katholischen Kirche zum besten der leichtgläubigen Menschheit aufgeführt wird . Ich ging noch über ein paar Berge und durch eine Strecke grünen stillen Hirtenlandes - dann durch einen großen Flecken , dessen Häuser von außen förmlich mit Wirtshausschildern tapeziert sind - und war in Einsiedeln . Im Hintergrund des weiten Tales , gelehnt an einen mächtigen , mit Schwarzwald bedeckten Bergrücken , erhebt sich das großartige , majestätische Kloster , das mit seiner von zwei Türmen überragten Kirche zwischen zwei langen Seitenflügeln ein stattliches Gebäude im Stil des vorigen Jahrhunderts bildet und von den Häusern des Fleckens durch einen großen freien Platz abgesondert ist . In der Mitte desselben steht eine Muttergottesstatue auf einem Springbrunnen , der beständig in zwölf Strahlen Wasser speit und rings herum liegen kleine unansehnliche Boutiken , in denen Kruzifixe , Medaillen , Rosenkränze , Heiligenbildchen und dergleichen Gegenstände , welche die Andacht liebt , feilgehalten werden . Verstehen Sie mich , Signora ? « fragte Lelio , plötzlich abbrechend . Halb mit leisem Lächeln , halb mit leichtem Achselzucken neigte Judith bejahend ihr schönes Haupt - und Lelio fuhr fort : doch mit so verändertem ernsten Ausdruck , daß auch sie unwillkürlich ganz ernst wurde . » Vor dreizehnhundert Jahren lebte ein Jüngling , der hieß Benedikt , und der wurde von einer ganz wundersamen Liebe ergriffen - von einer Liebe , welche die Welt nicht begreift , weil sie nicht mit Fleisch und Blut zusammenhängt - von der Liebe zu Gott , zu dem menschgewordenen , leidenvollen , gekreuzigten Gott der christlichen Offenbarung . Er war jung und von hoher Geburt ; aber er vergrub seine Jugend und ihre Ansprüche in einer Felsenhöhle - denn von einer ganz anderen Höhe stieg der Herr des Himmels und der Erde in die Felsenhöhle von Bethlehem hinab . Weil der Gegenstand seiner Liebe ein gekreuzigtes Leben führte , wollte Benedikt es nicht anders haben . Das ist Urgesetz der Liebe : alles teilen mit dem Geliebten , ähnlich sein dem Geliebten , um unzertrennlich zu sein vom Geliebten ! Das begreift jedes Herz ; das stellt auch die griechische Mythe lieblich und tiefsinnig in den Brüdern Castor und Pollux dar . Pollux war ein Göttersohn , Castor der Sohn eines Sterblichen , und als nun Castor sterben mußte und , gemäß dem Menschenschicksal , in den Orcus versinken sollte , da erklärte Pollux , der unsterbliche , er wolle zeitweise mit seinem geliebten Bruder in der Unterwelt weilen ; dafür solle dieser dann zeitweise die Wonnen des Olymps mit ihm teilen . Das ist Liebe . Die Griechen dichteten von ihr ; Christus übte sie ; aber - da er Gott war , so übte er sie als Gott , immer und für alle . Auch darin suchte Benedikt ihm ähnlich zu werden und die Ströme der Liebe , welche sich in seinem für die Irdischkeit abgestorbenen Herzen angesammelt hatten , für die Menschen , seine Brüder , auszugießen . Was braucht der Mensch zu seinem Glück ? - die richtige Erkenntnis Gottes . Sie ist der klare Born , aus dem der Trunk der Ruhe geschöpft wird , der Ruhe , die über alle Unruhe der Welt tröstend hinweghilft . Die richtige Erkenntnis Gottes wollte Benedikt in der Menschheit fördern , das Apostelamt fortsetzen und ausbreiten . Es sammelten sich gleichgesinnte Männer zu ihm , um ihren guten Willen an seiner höheren Erleuchtung und Kraft zu stärken , um durch Gemeinschaft ihre Unvollkommenheit zu ergänzen . Benedikt lehrte sie zuerst , die sinnliche Natur zu besiegen durch Selbstverleugnung , Gebet und Arbeit ; und dann dem Nächsten zu dienen , wie Gott es fügen würde . Und Gott nahm große Dienste von diesen Männern aus Benedikts Schule an ! Was Europa von Kultur und Civilisation besitzt , hat es ihnen zu danken . Sie drangen aus Italien immer weiter gen Norden ; sie hielten in der vielfach vermorschten , und mit dem Christentum häufig nur übertünchten , römischen Gesittung das christliche Ideal aufrecht und zündeten wie auf einem Leuchtturm das Licht an , das ein Signal der Rettung für alle war , welche zwischen den Wellen und Stürmen jener unter- und aufgehenden Zeit gefährlich schifften . Sie zogen zu den barbarischen Völkern Galliens und Germaniens und weiter noch , über Nord-und Ostsee , predigten das Evangelium , siedelten sich an unter dem rauhen Himmel , in weiter , wilder Ferne von ihrer Heimat und ihrer Sprache , unter fremden Menschen , von denen sie gehaßt , verfolgt , gemartert , gemordet wurden ; und zum Dank dafür brachten sie diesen barbarischen Horden nicht nur das Licht , sondern auch die Liebe des christlichen Glaubens und machten ihnen das zeitliche Leben leicht , nachdem sie ihnen das ewige Leben gerettet hatten . Die Glaubensboten wurden Holzschläger , Ackersleute , Handwerker . Sie rodeten Wälder aus , sie legten Sümpfe trocken , sie bebauten das Feld , sie trieben Gartenbau , sie pflanzten den Weinstock ; sie führten Kapellen und Kirchen auf , daneben enge Räumlichkeiten zu ihrer Wohnung , und größere , um Kinder und Jünglinge aufzunehmen , zu unterrichten und auszubilden . Sie wußten Männer herbeizuziehen , von Jagd- und Kriegszügen abwendig zu machen und für das gesittete Leben des Feldbaues und des Handwerkes zu gewinnen . Diese siedelten sich auf den urbar gemachten Stätten rings um die Kirche an , bildeten Familien und die Familien bildeten eine christliche Gemeinde ; so entstanden Dörfer , dann Städte . Das ging nicht schnell , das währte Jahrhunderte ; aber Benedikts Schüler waren nicht ungeduldig , denn sie wirkten nicht , um sich an ihren Erfolgen zu freuen , sondern um das Werk Gottes unter den Menschen fortzusetzen : Pertransivit benefaciendo . Eine ihrer Generationen starb nach der anderen , und eine Generation übertrug die Fortsetzung dieses Werkes der anderen ; sie lehrten und lebten das Evangelium . Je wilder die Zeiten wurden , je trüber die Gährung brodelte , die bei dem Untergang und der Neubildung großer Epochen die Menschheit zerwühlt , je feindlicher äußere Stürme , Fehden , Kriege , barbarische Invasionen , räuberische Einfälle die Keime der christlichen Kultur mit Untergang bedrohten , und alle Bildung , alles geistige Leben in den Nöten und Drangsalen des Augenblickes begruben , um so eifriger waren Benedikts Schüler , das Werk der Finsternis zu hemmen und der Zerstörung des geistigen Lebens der Völker ein Bollwerk zu setzen . Immer größer , zahlreicher , umfassender wurden ihre Bildungsanstalten für die Jugend . Das zarte Knäblein fand bei ihnen die Pflege der Mutterliebe ; der wißbegierige Jüngling die Lehre der Wissenschaft ; der weltentfremdete Sinn die Meister in der erhabenen Ascese , der höchsten Blüte des Menschengeistes . In ihrem gemeinschaftlichen Leben unter einem Dach , spärlich genährt , einfach gekleidet , waren ihre persönlichen Bedürfnisse gering . Alle Mittel , welche dem Notleidenden , dem Kranken , dem Reisenden , dem Pilger nicht zuflossen , wurden darauf verwendet , Bibliotheken von Manuskripten anzulegen , und diese zu erhalten , zu vervollständigen , abzuschreiben , mit unsäglicher Mühe zu entziffern , bildete einen großen Zweig der Tätigkeit für diese demütigen Männer . Sie verlangten nicht die armselige Ehre , ihren Namen auf ein Manuskript verzeichnet zu sehen . Sie verlangten die Ehre Gottes , die durch alles gefördert wird , was den Menschen in seiner Erziehung für ein übernatürliches Ziel - ich meine für ein solches , das außerhalb der Grenzen dieses Erdballes liegt - bilden hilft . So waren sie ; so sind sie . « » Aber wer sind sie , diese Männer der großen Taten und der demütigen Herzen ? « rief Judith . » Es sind Männer , die heutzutage verachtet , verhöhnt , verfolgt , verleumdet , angefeindet werden und über die ich , von der vollen Höhe meines Ichs herab , längst den Stab gebrochen und sie unwürdig erklärt habe , in der Lichtwelt unserer Tage zu existieren . « » Bester Lelio , Sie reden irre . « » Keineswegs , beste Judith ! diese Männer sind ja Mönche ! Mönche des Benediktinerordens . « » Es sind Mönche ! « sagte Judith gedehnt . » Wie konnten sie dann doch so viel Gutes stiften ? « » O Du ächte Tochter Deiner Zeit ! « rief Lelio . » Ja , sehen Sie , Judith : weil es Mönche sind , deshalb stiften sie so viel Gutes . Es sind Jünger , es sind geistige Söhne von jenem Benedikt , den eine wundersame Liebe ergriff : die Liebe zu Gott ; und Söhne erben die Neigungen und Eigenschaften ihrer Väter - das müssen Sie bedenken . « » Welch ein Erbe von Liebe für die Menschheit , um nach dreizehnhundert Jahren nicht erschöpft zu sein ! « sagte Judith sinnend . » Warum gehen denn Ihre modernen Volksfreunde und Weltverbesserer nicht bei diesen Mönchen in die Schule , Lelio ? « » Das will ich Ihnen sagen : weil die modernen Apostel die Abtötung , die Verdemütigung und die Selbstverleugnung des Kreuzes ebenso sehr hassen und fliehen , als die Söhne Benedikts sie suchen und lieben ; und weil ihre heilige und segensreiche Wirksamkeit ganz absichtslos unsere unheilige und verderbliche verdammt , deshalb verfolgen wir diejenigen , welchen wir nicht nachahmen wollen . - Dies ist aber alles nur die Einleitung , um zu sagen , daß Einsiedeln eine Benediktinerabtei ist , und die frommen Mönche jetzt , wie vor dreizehnhundert Jahren , Gott in dem Nächsten dienen : sie beten für ihn , sie studieren für ihn , sie unterrichten ihn . Sie lichten keine Wälder und trocknen keine Sümpfe mehr ; dafür aber lichten sie die Herzen und retten sie die Seelen aus dem Sumpf der Sünden . Einsiedeln empfing den Namen nach einem Einsiedler und nach der Mutter Gottes . Im neunten Jahrhundert floh Meinrad , ein schwäbischer Grafensohn , in diese Waldeswildnis , an den Rand dieser Quelle . Nichts nahm er mit von den Schätzen seines Hauses , als eine kleine Muttergottesstatue , vor welcher er seine Gebete verrichtete . Er übte gegen sich selbst , nach Art der Heiligen , unerbittliche Bußstrenge , und gegen andere , welche bei ihm Rat und Trost in ihren Drangsalen suchten , liebevolle Barmherzigkeit . Himmlische Erleuchtungen wurden ihm zu teil ; er wendete sie an , um das Reich Gottes in den Seelen zu fördern . Böse Buben haben zu keiner Zeit , nicht im ersten , nicht im neunten , nicht im neunzehnten Jahrhundert , die Heiligen geliebt . Böse Buben erschlugen Meinrad , der sie gastfreundlich beherbergt hatte . Die Legende - diese poetische Arabeske um ein historisches Gemälde - berichtet : zwei Raben , die Gefährten Meinrad ' s in der Einöde , wären den Mördern auf Schritt und Tritt mit wütendem Geschrei und wilden Flügelschlägen durch Berg und Tal , über den See bis in ein Gasthaus der Stadt Zürich nachgeflogen ; und dadurch sei die Missetat entdeckt worden . Das Gasthaus heißt bis zur Stunde zu den beiden Raben , und die Abtei hat sie in ihr Wappen aufgenommen . Meinrad ' s Zelle mit dem Muttergottesbilde blieben in hoher Verehrung und andächtige Menschen kamen von nah und fern , um auf der Stätte zu beten , wo er so viel gebetet hatte , und um in geistiger Gemeinschaft mit ihm und mit allen Seligen , unter denen die allerseligste Jungfrau Maria obenan steht , um Gottes Gnade zu weinen und zu flehen , und für Gottes Barmherzigkeit zu preisen und zu danken . So wurde die Meinradszelle ein vielbesuchter Wallfahrtsort , wo auf Fürbitte des Heiligen und der Muttergottes große Gebetserhörungen stattfanden . Bald fand sich ein frommer und reicher Mann , der sein ganzes Vermögen dazu verwendete , den geistigen Bedürfnissen der Pilger entgegen zu kommen . Er kaufte diesen Landstrich , baute Meinrad ' s Zelle zum Kloster , Meinrad ' s Oratorium mit dem Muttergottesbild zu einer Kirche aus , fand gottselige Genossen , welche bereit waren , den Seelen zu dienen , nahm mit ihnen die Benediktinerordensregel an , und nannte das Kloster von Unserer Lieben Frau zu Einsiedeln , woraus denn der gegenwärtige Name entstanden ist . Dieser Mann hieß Eberhard und wurde der erste Abt des Klosters . Als der Bau vollendet war , bat Eberhard den Bischof Konrad von Konstanz , die feierliche Einweihung der Kirche vorzunehmen und die Stätte zu segnen , wo fortan die göttlichen Geheimnisse des Glaubens vollzogen werden sollten . Bischof Konrad kam und brachte die Nacht vor der großen Zeremonie mit Gebet und Wachen hin . Plötzlich hört er einen wundersüßen Psalmengesang , der aus der Kirche zu kommen scheint . Er horcht , er verläßt seine Zelle ; der Gesang dauert fort . Er eilt zur Kirche , öffnet die Türe - ein Meer von Licht flutet ihm entgegen und in diesem Licht sieht er Gestalten , welche freilich unsere trüben , von irdischen Bildern verdunkelten Augen nicht wahrnehmen können . Auf dem festlich erleuchteten Altar steht die Mutter Gottes von Strahlen umflossen , und vor dem Altare , bekleidet mit den hohenpriesterlichen Gewändern , bringt Christus der Herr das heilige Opfer dar . Die vier Evangelisten assistieren ; St. Petrus hält den bischöflichen Hirtenstab , St. Gregorius die Mitra , St. Ambrosius bringt den Opferwein dar und St. Augustinus den Weihrauch ; St. Stephanus liest die Epistel , St. Laurentius das Evangelium und Erzengel Michael , der Anführer der himmlischen Heerscharen , singt mit allen Engeln , welche Palmenzweige und Rauchfässer schwingen , das Offizium der Kirchweihe . « » Das ist ja wunderschön , Lelio ! das sieht ja aus wie eine jener himmlischen Visionen , die Fra Angeliko gemalt hat ! « rief Judith . » Nur schade , daß diese Arabeske die historische Wahrheit überwuchert ! « » Ich erfinde nichts ! ich berichte nur die Tradition , « erwiderte Lelio ; » aber die Tradition bildet ein großes und wahrhaftes Stück Welthistorie , denn sie faßt immer den Zusammenhang der natürlichen Weltordnung mit der übernatürlichen auf , ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und sie zu einem öden Schattenspiel herabsinkt . - Bischof Konrad teilte dem Abt Eberhard am anderen Morgen die nächtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich , die Einweihung der Kirche vorzunehmen . Aber man hielt ihn für einen frommen Visionär und bestand auf die Einweihung . Nachdem er lange umsonst Widerstand geleistet hatte , mußte Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen , als plötzlich eine Stimme , die alle hörten und die allen unbekannt war , ihm zurief : Halt ein ! sie ist geweiht . Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende ; die Zeitgenossen glaubten sie , die Tradition bewahrte sie , päpstliche Bullen bestätigten sie - und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Stätte , auf der es Gott gefiel , große Gnaden und ungewöhnliche Gebetserhörungen an die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria zu knüpfen . Kein Tag verging , der nicht Pilger nach Einsiedeln geführt hätte . In ungeheuren Massen strömten sie herbei am Jahrestage des wunderbaren Ereignisses , das die Benennung die Engelweihe empfing . Ohne recht zu wissen wie , war ich am Vorabend dieses festlichen Tages , der auf den 14 September fällt , zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln gelangt - ich , ein feuriger Jünger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten Jahrhunderts , deren Glaubensbekenntnis für jeden einzelnen lautet : Es ist kein anderer Gott als Gott - und der bin Ich ! Glänzender Fortschritt gegen das Glaubensbekenntnis des Islams , welches auch sagt : Es ist kein anderer Gott , als Gott ; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt : Und Muhamed ist sein Prophet ! also noch eine andere Autorität festsetzt , als die des Selbstherrschers Ich Aber Fortschritt muß sein , und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist , kann die Menschheit doch unmöglich beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhänger Muhamed ' s stehen bleiben . Darin sind wir ja längst übereingekommen , nicht wahr