damit er wieder weit von ihr sich entfernte und nie nach Nürnberg zurückkehre : aber daß man ihn hierher brachte , hier dem Henker überlieferte - das war zu viel für sie ! Sie hatte ihn doch einst geliebt , und die Schande , die ihm widerfuhr , empfand sie wie ihre eigene ! Er war das Ideal ihrer Jugend gewesen , und Alles , was sie von heiterem Jugendmuth , von gläubigem Vertrauen an Menschenadel , von froher Hoffnung auf Lebensglück besaß , das hatte nur da in ihr gelebt , da sie ihn liebte , das war da für immer vernichtet worden , als sie von dem Mann ihrer Liebe sich schmählich betrogen sah , einen Unwürdigen in ihm verachten mußte . Sie konnte nicht an ihn denken , ohne immer wieder die alte Pein zu empfinden - und eine neue hatte sich hinzugestellt . Sie hatte es verborgen gehalten , daß sie einst geliebt hatte und betrogen worden war : nun hatte Streitberg ' s Verfolgen immer gedroht , dies noch offenbar werden zu lassen , und wie bei ihrem Widerstand seine Leidenschaft mehr und mehr die Gestalt des Hasses und der Rachsucht angenommen , so mußte sie fürchten , daß er nun noch Angesichts des gewissen Todes vielleicht auf ihre Fürsprache sich berief - hatte er sie doch auch die Buhlerin des Königs genannt - ganz gewiß aber noch dafür sorgte , daß ihre Jugendgeschichte in einer Auffassung , welche für sie die demüthigendste war , zum Nürnberger Stadtgeschwätze ward . Alle diese Gedanken , Erinnerungen und Befürchtungen , die sie jetzt immer gehabt , summten mit Eins ihr durch das schon bis zum Uebermaaß erregte Herz und Hirn , als ihr auch diese entscheidende Nachricht von Streitberg ' s Gefangennehmung so plötzlich gebracht ward und erpreßte ihr den Schrei , der eine so falsche Deutung fand . Aus dem an Ort und Stelle angestelltem Verhör kam nichts heraus , als daß Elisabeth und Katharina wach gewesen in der Nacht und daß sich Beide verdächtig machten , weil ihre Stundenangaben differirten . Ein Commis behauptete , daß der Herr kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen , und daß er ihn im Corridor mit einer Frauenstimme habe einige Worte wechseln hören , die er nicht verstanden . Er habe auch Licht schimmern sehen , und da er später weiter nichts gehört , habe er sich auch nichts dabei gedacht ; ob die weibliche Stimme die der Frau Elisabeth oder einer Magd gewesen , wisse er nicht zu sagen . Weiter hatte Niemand nur das Geringste bemerkt . Elisabeth und Katharina leugneten Beide den Herrn zur Nacht gesprochen zu haben , die Herrin mit ruhiger Würde , die Dienerin mit unruhiger Keckheit . Eine behauptete vor der Andern , daß sie wach gewesen . Gegen Katharina sprach doch der stärkere Beweis von Elisabeth ' s erster Aussage , daß sie von ihr erst nach einer Stunde einen verlangten Trunk habe erhalten sollen - und Katharina war ja auch nur eine fremde Dienstmagd . Man beschloß , sie mit und in Gewahrsam zu nehmen , und wenn sie nicht gestehe , durch die Tortur » in der Güte zu befragen « , wie man die Anwendung der entsetzlichsten Marterinstrumente nannte . Gegen die Hausherrin verfuhr man glimpflicher . Man verbannte sie nur in ihre eigenen Zimmer , und ordnete ihr unter der Bürgschaft ihrer Brüder , daß sie nicht entweiche , eine Wache zu - nur der Form wegen , wie man sagte , bis sich Alles aufgeklärt habe . Elisabeth fügte sich mit stummen Stolz dieser ihr edles Gefühl empörenden Handlung . In Nürnberg aber verbreite sich mit Blitzesschnelle das Gerücht von Herrn Christoph Scheurl ' s plötzlichem Tode - und daß er durch Gift gestorben , das ihm als Schlaftrunk beigebracht worden . Wer die That gethan - darüber waren die Stimmen getheilt . Die Einen meinten , eine Magd aus Regensburg , die erst seit ein paar Wochen angekommen , habe die That gethan und sei darum verhaftet ; die Andern aber sagten : Was hätte eine Magd für Vortheil von dem Tode ihres Herrn ? oder was könnte gerade diese an ihm zu rächen haben , die erst seit so kurzer Zeit im Hause ? Ist es doch ganz anders mit Frau Elisabeth - die ist nun den alten Gatten los , den sie doch nur des Reichthums oder um ihrer Familie Willen geheirathet , und kann nun als die reichste und schönste Wittwe von Nürnberg nach ihrem Herzen freien und leben . Oder hat sie nicht gar schon einen Buhlen ? - Man redete schon immer allerlei von ihr - aber freilich ! wer hätte das gedacht , daß es so weit mit ihr kommen werde ! Da sieht man , wohin Hochmuth und Eitelkeit führen , der Eigendünkel und die Herrschsucht eines Weibes , das immer nur seinem eigenen Willen folgen wollte , alles anders und besser wissen und thun als andere ehrbare Frauen ! - Siebentes Capitel Im Clara-Kloster Mitten im lebenslustigen , geschäftig bewegten Nürnberg hatte doch der fromme weibliche Sinn , der allem eitlen Welttreiben für immer entsagen und in ein beschauliches , nur dem Dienst der Heiligen gewidmetes Stillleben sich zurückziehen wollte , eine sichere Zufluchtsstätte gefunden . Das Kloster der heiligen Clara , das auf der Lorenzer Seite recht im Herzen der Stadt sich erhob , war ein stilles Asyl , das gerade von den Jungfrauen der edelsten Geschlechter Nürnbergs gewählt ward , und darum auch nicht nur zu den reichdotirtesten , sondern auch zu denjenigen Klöstern gehörte , die noch den alten Ruf edler Sittenstrenge und wahrer Frömmigkeit bewahrten , wie auch den : Pflanzstätten der Künste und Wissenschaften zu sein . Die Schwestern des Clara-Klosters waren wohl erfahren in allen weiblichen Handarbeiten , die Geschicklichkeit und Ausdauer erforderten . Sie stickten und webten herrliche Gobelins zum Schmuck ihrer Kirche , und sandten auch manche dieser Arbeiten aus den Klostermauern hinaus . Viele Nonnen übten die Kunst der Miniaturmalerei , deren Gegenstände kleine Heiligenbilder waren , mit einer Kunstfertigkeit , die mit der der besten Nürnberger Meister wetteiferte . Andere befleißigten sich des Schreibens und Lesens , und waren im Lateinischen und Griechischen so zu Hause , als sei es ihre Muttersprache gewesen . Gehörte doch auch die Bibliothek des Klosters ihre Studien zu begünstigen , sowohl durch die Zahl alter Handschriften als neuer gedruckter Bücher , mit zu den ausgezeichnetsten , welche die Stadt besaß . Charitas Pirkheimer hatte geeilt ihr Gelübde auszuführen und weilte bereits als Novize in diesem Kloster . In dem von hohen Mauern umgebenen Garten desselben , über welche nur wirr und fern das Geräusch des Städtelebens herein schallte , ging Charitas einsam auf und nieder in stilles Sinnen verloren . Der entsagende Ausdruck , welchen ihr Gesicht immer gehabt , war nicht nur allein durch die graue Novizentracht erhöht , in welcher sie erschien , sondern durch Thränen der Wehmuth , die in ihren Augen glänzten . Der Abend auch erschien wie zum Sinnen und Weinen . Es war so still im Klostergarten , daß auch nicht das kleinste Lüftchen wagen konnte in den Zweigen der Bäume und Gesträuche zu spielen , kein Blatt getraute sich mit dem andern zu flüstern und zu säuseln und kaum ein Schmetterling zu einer Blume zu fliegen . Im Süden hatten sich drohende Gewitterwolken aufgethürmt und hingen über die hohen grauen Mauern herein , aber im Westen glühte ein sanftes Abendroth gleich einem Vorhange , den die sinkende Sonne zwischen sich und dem dräuenden Wetter gezogen . Ein einsames Vögelchen saß auf einer hohen blaugrauen Ulme , deren Wipfel die Klostermauern überragte . Es schaute und flatterte nach hüben und drüben und schien mit leise zwitschernden Stimmchen zu fragen : ob es sich besser wohne im Frieden dieses Gartens oder draußen im freien Wald , wo es viele Genossen gab , aber auch das tückische Feuerrohr beutelustiger Jäger , Netze und Stellhölzlein böser Buben , gierige Raubvögel und allerlei Fährlichkeiten . Eine ältere Nonne hatte Charitas von fern mit theilnehmenden Blicken beobachtet . Jetzt trat sie zu ihr , reichte ihr die weiße magere Hand und sagte : » Mein Kind , nützet die Tage wohl , die Euch zur Bedenkzeit gegeben sind ! Ich höre , daß weder Eltern-noch Verwandten-Wille , noch irgend eine äußere Noth des Lebens Euch hierher gebracht , sondern daß Ihr aus freier Wahl begehrt hab ' t in unsere Gemeinschaft zu treten . Ehe Ihr es aber thut , prüfet Euch wohl , daß Ihr Euch selbst nicht betrüget ! « » Schwester Ulrike , « antwortete Charitas mit einem dankenden Händedruck , » Ihr waret die erste , die mir außer der Priorin in diesen Mauern mit milder Theilnahme entgegenkam . In Euren Zügen las ich auch den Himmelsfrieden , den ich hier zu finden hoffe , in Euch erblickte ich das Vorbild , dem ich nachzustreben mich bemühen will . « » Ich danke Euch für Eure gute Meinung , « antwortete Ulrike mit sanfter Innigkeit und einem etwas fremd- aber wohlklingenden Idiom , das Charitas schon von einer andern Person gehört , und das weit entfernt gut nürnbergisch zu lauten , ihr das wohlklingendste zu sein schien , das es geben konnte . » Ich wünschte wohl , « fuhr Ulrike fort , » diese gute Meinung zu verdienen und ebenso , daß Ihr mir sie für die Dauer bewahren möchtet . Aber ich kann keinen Anspruch darauf machen ; hinter mir liegt ein langes und reiches Leben voll Versuchung und Sünde , voll Kampf und Buße - nicht nur als eine Entsagende , als eine Büßende kam ich hierher . In zwölf Jahren voll Buße und Entsagung , die ich hier verbracht , hat sich zwar mein Sinn geläutert und ist mein Vertrauen auf die Gnade unsers Erlösers zu der festen Ueberzeugung geworden , daß er allen Fehlenden vergiebt , wenn sie unablässig streben ihre Fehler abzulegen und zu sühnen , und die Tage , die mir hier unter Arbeit und Gebet verfließen , ziehen nicht ungenützt für mein Seelentheil an mir vorüber ; aber so lange es für uns in der Welt noch ein theures Wesen giebt - so lange , sage ich Euch , ist es nicht leicht sich in diesen Mauern lebendig zu vergraben und für das ganze Erdendasein aus seinem Lebenskreis gebannt zu bleiben . « Charitas erröthete da sie diese Worte vernahm , und sah die Sprecherin derselben schmerzlich befremdet an . Ulrike hatte vorhin die schwärmerischen blauen Augen niedergeschlagen , jetzt begegnete sie mit einem Lächeln den fragenden Blicken und sagte ; » Vergesset nicht , daß eine alte Matrone zu Euch spricht . Mit fünfzig Jahren hat man andere Gefühle als Ihr mit zwanzig oder dreißig , aber ich kann noch beurtheilen , wie man in jüngeren Jahren empfindet - und wenn es Bande auf der Welt giebt , die man auch im Alter nicht schmerzlos zerreißt , so sehet zu , daß Ihr nicht vielleicht nur weil ein kurzer Lebenstraum Euch zerstört ward , hier nur einen Zustand von Schlaf und Ruhe sucht - Ihr werdet ihn nicht finden ! « » Hört mich an ! sagte Charitas , » ich will Euch Alles getreulich beichten - Ihr werdet dann auch sagen , daß ich nicht anders kann ! « Ruhiger fuhr sie fort : » Mein Vater Pirkheimer war , wie Ihr vielleicht gehört habt , einer der angesehensten und reichsten Rechtsgelehrten dieser Stadt . Nichts mangelte den Seinen zum edelsten Genuß des Lebens , aber eben zu diesem befähigte er uns , seine Kinder durch den Unterricht , den er uns angedeihen ließ . Wir Schwestern lernten mit unserem Bruder Willibald um die Wette , und kannten bald kein größeres Glück , als mit ihm den Wissenschaften obzuliegen , und da er von uns schied , erst um zu dem Bischof von Eichstätt zu gehen , jetzt später um in Italien zu studiren , da dacht ' ich schon immer , um wie viel glücklicher er daran war als wir Schwestern , da es genug Leute gab , welche uns aus unserer Gelehrsamkeit noch einen Vorwurf machten und sie unverträglich nannten mit der weiblichen Bestimmung . Dagegen lehnte ich mich frühe auf ; ich fühlte weder Neigung noch Verpflichtung mich zu verheirathen , und der höchste Wunsch für mein Leben war eben nur der , in beschaulicher Stille mit meinen Büchern allein und ungehindert in meinen Studien zu sein . Meine Schwester Clara theilte diesen Hang , und da wir unsere Eltern verloren , Willibald aber in die Fremde zog , so haben wir still für uns nur den Wissenschaften gelebt . Schon zuweilen tauchte der Gedanke in uns auf : um das in der würdigsten Weise zu können , in dieses Kloster einzutreten , aber wir zögerten noch vor dem entscheidenden Schritt für das Leben , der dann nie wieder zurück zu nehmen ist . Vielleicht trug auch eine unserer trefflichsten Freundinnen Frau Elisabeth Scheurl mit Schuld , daß wir zu keinem Entschluß kamen : denn sie meinte , daß nur ganz alte und gebrechliche Leute , die der Welt weiter nichts nützen könnten , ein Recht hätten , sich vor der Welt zu flüchten und in Klostermauern zu vergraben . Sie war immer bemüht neben der Wissenschaft auch der Kunst zu huldigen , und so hatte sie auch uns mit andern Nürnberger Jungfrauen um sich vereinigt , für die St. Lorenzkirche zu sticken . Diese Arbeit führte uns öfter in die Kirche und mit den daran bauenden Baubrüdern zu gemeinschaftlichen Berathungen zusammen . Von einem derselben hatte mein Bruder schon mit warmer Anerkennung , als von einem echten Künstler gesprochen , und als ich ihn selbst und seine Werke sah , fand ich Alles bestätigt . Da geschah es vor nicht langer Zeit , daß ein Gerüst am Thurme zusammenbrach , und indeß ein Baubruder in Todesgefahr auf dem Thurme schwebte , eben jener sich selbst , um ihn zu retten , in noch viel größere Todesgefahr begab . Da betete ich für sein Leben , und gelobte mich dem Kloster , wenn seine That gelingen und er das schwere Wagestück bestehen werde - und in der Verzweiflung , die ich bei der Gefahr dieses Einen mehr als bei der des Andern empfand , erkannte ich , daß ich - die noch nie einen Mann geliebt , die das nie für möglich gehalten - daß ich diesen Baubruder liebe ! - Hoffentlich hat weder ein Blick noch ein Wort mich ihm verrathen , aber da seine That gelang , so bin ich nun doppelt verpflichtet , mein Gelübde zu halten . « Sie neigte ihr Haupt an Ulrikens Schulter und fühlte sich erschöpft von diesem Geständniß . » Unglückliches Mädchen ! « rief Ulrike sanft ; » ein Baubruder darf Eure Empfindungen nicht erwiedern , und wehe ihm , wenn er es trotzdem thut oder gethan hat ! « » Nein , nein ! « rief Charitas ; » er ahnt nichts davon , er soll es niemals ahnen , nie erfahren ! Aber was mich am meisten schmerzt , ist , daß Elisabeth Scheurl ihn auch liebt und daß auch ihr gegenüber Ulrich von Straßburg vielleicht - « Ein Schrei der Nonne unterbrach die Geständnisse der Novize . » Ulrich von Straßburg ! « rief sie ; » höre ich recht , Ulrich von Straßburg , sagtet Ihr wirklich so ? « » So nennt man ihn , « antwortete Charitas und sah mit Bestürzung die plötzliche Aufregung der Matrone . Mit gepreßter Stimme , der man die innere Bewegung anhörte , fragte diese wieder : » Schildert mir , wie er aussieht . « Erröthend willfahrte Charitas : » Er ist lang und schlank gewachsen und von edler Haltung ; seine blauen Augen strahlen von dem Feuer echter Begeisterung ; seine Stirn ist sanft gewölbt und hohe Gedanken scheinen auf ihr zu thronen ; sein Haar ist braun und üppig , er trägt es halblang und gescheitelt ; seine Nase ist schön geformt , weder groß noch klein , mit der Stirn eine gerade Linie bildend - gerade so wie bei Euch - « Ulrike hatte mit Spannung zugehört . Die letzten Worte , die Charitas arglos sagte , nur um sich die Beschreibung zu erleichtern , erinnerten Ulrike daran , daß sie sich fassen müsse , wenn sie sich nicht selbst verrathen wollte . Sie sagte darum : » Ich habe einen Knab en Ulrich gekannt , von dem ich hörte , daß er sich später als Baubruder nach seiner Heimath von Straßburg genannt - ich wußte nicht , daß er hier sei . « » Er baut seit zwei Jahren mit an der Lorenzkirche - und jetzt wohnt er hier ganz nahe im Claragäßlein , « berichtete Charitas . » Ganz nahe ? « wiederholte Ulrike , und es war ihr , als müsse ihr das Herz zerspringen . » Wie hoch schätzt Ihr sein Alter ? « fragte sie , um doch noch einen neuen Beweis für ihre plötzliche Entdeckung zu haben . » Ich weiß es nicht genau , « antwortete die Novize , » zwischen Fünfundzwanzig und Dreißig . « » Erzählt mir mehr von ihm , « sagte Ulrike vor sich niederblickend , und sich besinnend fügte sie angstvoll die Frage hinzu : » Und Ihr sagtet , er sei seinem Gelübde untreu geworden und liebe eine Frau von Scheurl ? - Mir dünkt , ich habe diesen Namen schon gehört . « » Da sei Gott vor , daß ich eine so schwere Anklage ausspreche , « entgegnete Charitas - » ja vielleicht ist es Elisabeth selbst gegangen wie mir , und sie hat ihr eigenes Gefühl auch erst da erkannt , als Ulrich in Todesgefahr schwebte , vielleicht noch nicht einmal - aber ich habe es in ihr früher erkannt als in mir selbst . « » Ulrich in Todesgefahr - vor Kurzem - in meiner Nähe - und ich wußt ' es nicht ! « wiederholte Ulrike . » Erzählt mir mehr davon , wie Alles kam und was er that ! « bat sie mit eindringlich flehender Stimme und Geberde . Und Charitas gehorchte gern dieser Bitte . Sie gab eine beredte Schilderung jenes Ereignisses von dem Einsturz des Thurmgerüstes , von Hieronymus ' hülfloser Lage und Ulrich ' s Rettungswerk ; sie schilderte ihn und seinen Heroismus im glänzenden Licht und das feierliche Te Deum , das man nach ihrer Rettung gehalten . Sie hatte auch des Propstes Kreß mit dabei erwähnt als Ulrich ' s Gönner . Ulrike verlor kein Wort von dem Allen . Mit athemloser Angst folgte sie der Schilderung von Ulrich ' s Gefahr - an diesem Zug erkannte sie den Sohn , der schon als Knabe bereit gewesen mit Gefahr seines Lebens Andern beizustehen . Welche Empfindungen für eine Mutter , zu wissen , daß ihr einziger Sohn schon seit Jahren so in ihrer unmittelbaren Nähe lebte , ohne daß sie eine Ahnung davon gehabt - daß er in derselben Stunde , in der sie vielleicht ruhig betete hätte sterben können ! Und jetzt - wie war ihr denn bei dem Gedanken , daß vielleicht nur diese Klostermauer Mutter und Sohn von einander trennte . Nur ! - ach , das war ja genug , das war ja eine Trennung für das ganze Leben ! - Sie hatte ihren Sohn verlassen , um dem wiedergefundenen Mann ihrer Liebe zu folgen - und da sie erkannte , daß sie damit ein Verbrechen begangen , das sie der Verzweiflung nahe brachte , da suchte sie für immer vor dem theuren Verführer , vor sich selbst und vor einem ganzen Leben voll Schmach und Hohn im ersten Augenblick nur bei dem Bruder , aber dann in diesem Kloster Schutz . Sie hatte den Tod gewünscht und darum gefleht in tausend heißen Gebeten ; aber da er nicht von selbst kam und sie noch leben mußte , so wollte sie doch todt sein für alles Leben außer diesen geweihten Mauern , und in ihnen nur still büßen in Entsagung und Gebet , und warten , bis der Tod endlich komme sie zu erlösen . Daß auch ihr einziger Sohn in einem Kloster eine Freistatt gefunden , daß er dort eine bessere Erziehung fand , als wenn er bei ihr und dem rohen Manne geblieben wäre , den er für seinen Vater hielt , das gereichte ihr zum Trost für sein und ihr Geschick . Wohl betete sie für ihn , als sie erfuhr , daß er ein Baubruder geworden ; denn sie wußte wohl , wie viel schwerer es war , mitten im Leben allen Lockungen und Versuchungen desselben zu widerstehen , wie es so gleicher Weise seine Pflicht war , als wie außerhvlb desselben in den bergenden Klostermauern ; aber sie freute sich auch , daß ihn ein höheres Streben beseelte und er thätig mithalf an den unsterblichen Bauwerken , welche zur Ehre des Höchsten von geweihten Händen aufgeführt wurden . Ulrike hatte ihren Bruder des Jahres ein- oder zwei Mal gesehen und er ihr wohl erzählt , daß er Nachrichten von ihrem Sohn habe , wie er zum freien Steinmetzgesellen sei gesprochen worden und wie er sich auszeichne durch Geschicklichkeit seiner Hände und Erhabenheit seiner Darstellungen ; aber nie war davon ein Wort über seine Lippen gekommen , daß er ihn wiedergesehen , daß er hier sei in Nürnberg und nun ihr so nahe . Um jeden Preis mußte sie nun mehr von ihm erfahren . Zwar , sie konnte es begreifen , aus welcher Absicht ihr Bruder das Alles verheimlicht . Er hatte es wohl denken können , daß eine Mutter mehr bei dem Gedanken leiden mußte , ihren Sohn nicht wiedersehen zu dürfen , wenn sie wußte , daß er nur wenige Schritte von ihr entfernt weilte , als wenn sie sich durch eine Entfernung vieler Tagreisen von ihm getrennt sah , und daß aus guter Absicht geschehen , was sie doch wie einen Betrug an ihrem Mutterherzen empfand . Eben erst hatte sie es gegen die Novize ausgesprochen , wie schwer es sei , sich in ein Kloster einzuschließen , wenn das Leben draußen auch nur noch ein geliebtes Wesen habe - und nun traf sie dieser Ausspruch wieder selbst mit seiner schmerzlichsten Gewalt , und das rein menschliche Gefühl , das jetzt in ihr zum Ausbruch kam , erfüllte sie doch mit dem Bewußtsein einer Sünde gegen ihr Gelübde : alle Bande zu zerreißen , die an die Welt sie knüpften , und allein dem Himmel und dem Dienst der Heiligen sich zuzuwenden . Indeß sie jetzt neben Charitas in die schmerzlichsten Gedanken versank und jetzt nicht mehr durch ihre Worte , sondern durch das krampfhafte Zucken ihrer Gesichtszüge , das Zittern ihrer ganzen Gastalt und die Thränen , die in ihren Augen glänzten , bestätigte , wie schwer auch im Kloster Seelenfrieden zu erringen , und noch schwerer zu bewahren sei , schreckte sie das Läuten des Glöckchens auf , das alle Klosterbewohnerinnen zum Abendgebet in die Kirche rief . Mit klopfendem Herzen und nassen Augen gehorchten Beide diesem Ruf , und damit war eine Unterredung ganz abgebrochen , die für die Eine wie die Andere eine so unerwartete Wendung genommen . Am folgenden Tage sah sich Charitas vergeblich in der Kirche , im Garten und im Speisesaal nach der Schwester Ulrike um - sie fehlte überall , und am Abend erfuhr Charitas auf ihr Befragen , daß sich die Nonne gestern im Garten erkältet habe und krank geworden , mithin in ihrer Zelle bleiben müsse . Als sie auch am nächsten Tage nicht erschien , erbat sich die Novize bei der Priorin die Erlaubniß , der kranken Nonne als Pflegerin dienen zu können ; die Bitte ward ihr bereitwillig gewährt . Ulrike lag im Fieber , als Charitas zu ihr kam . Sie neigte sich über das Lager der Kranken , die ihre schmalen Hände ihr froh überrascht entgegen streckte , noch freudiger gerührt , als die Novize erklärte , daß sie nicht nur für eine kurze Stunde komme , sondern um während ihrer Krankheit als Pflegerin ihre Zelle zu theilen . So vergingen Beiden die Tage in innigster Gemeinschaft . Nur wenn die Glocke zur Kirche rief , folgte Charitas diesem Ruf aus der Krankenzelle , und zuweilen ward sie auf eine Nacht oder andere Tagesstunden von einer Nonne abgelös ' t , um selbst auch einige Ruhe zu haben , aber die meiste Zeit war sie doch an Ulrikens Krankenlager . Charitas vermied von Ulrich zu sprechen , denn sie hatte gleich erkannt , daß Ulrike durch ihre neulichen Mittheilungen in diesen Fieberzustand versetzt worden war , und sie mußte fürchten , ihn durch ein Gespräch , welches das erste Mal eine so aufregende Wirkung gehabt , zu erhöhen . Aber er steigerte sich auch ohnedies , und da sie bewußtlos in Fieberphantasien sprach , kam mehr als einmal der Name Ulrich über ihre Lippen , und zwischen Seufzern und Gebeten , wenn ihr helle Augenblicke kamen , erklärte sie , daß sie weder leben noch sterben könne , wenn sie Ulrich nicht wiedergesehen ! - - Einst , als sie auch diese heiße Sehnsucht in stöhnenden Jammerrufen hatte laut werden lassen , ward Charitas von ihr abgerufen , da ihre Schwester Clara gekommen sei , um sie zu sprechen . Solche Besuche ihrer weiblichen Angehörigen waren den Novizen gestattet . Die Schwestern hatten nie ein Geheimniß vor einander . So erzählte auch Charitas von Ulriken Alles , was sie selbst wußte , und eben auf das schmerzlichste bewegt von deren Sehnsucht nach Ulrich , die gewiß keine sündhafte war , denn sie hatte ihn ihren Sohn genannt - mochte er nun ihr eigener oder wie sie erst gesagt , der Sohn ihrer Freundin sein - berieth Charitas mit Clara , ob es nicht ein gottwohlgefälliges Werk sei , den inbrünstigen Wunsch einer Sterbenden zu erfüllen und auf irgend eine Weise ihr ein Wiedersehen mit Ulrich zu verschaffen . War dieser wirklich ihr Sohn , so war es gewiß , daß die Priorin bei einer der frömmsten und gehorsamsten Nonnen keinen Anstand nehmen werde , auf sein Gesuch ihm den Zutritt zu ihr gestatten , um den letzten Segen einer sterbenden Mutter zu empfangen . Da aber Charitas doch nicht gewiß wußte , ob man Ulrike diese Gunst erweisen wolle , so mochte sie in derselben nicht Hoffnungen erregen , die sich vielleicht nicht erfüllen konnten , und auch nicht mit ihr davon sprechen , da die pflichtgetreue Nonne in diesem natürlichen Wunsch selbst so ein irdisches Verlangen sah , daß sie es sich selbst als Verbrechen anrechnete - so konnte es ihr nicht als Bitte , sondern als eine gnädige Ueberraschung gewährt werden . Die Schwestern kamen also dahin überein , daß Clara an Ulrich in wenig Zeilen schrieb : wie eine Nonne des St. Clara-Klosters mit Namen Ulrike nach ihm , Ulrich von Straßburg , wie nach ihrem Sohn auf ihrem Sterbebett sich sehne , und daß er , wenn er der sei , dem an ihrem Segen gelegen sein müsse , von der milden Priorin gewiß die Erlaubniß erhalten werde , sich jenen selbst in den Klostermauern zu holen . - Am folgenden Tage ward es mit Ulrike schlimmer . Der von ihr Ersehnte und von Charitas auch Erhoffte erschien nicht . Es war der Kranken , als ob ihr letztes Stündlein nahen müsse ; jetzt verlangte sie nach dem Propst Kreß und nach dem Beichtvater , der ihr die letzte Oelung reichen sollte . Ehe er kam , legte sie selbst ihre Hände segnend auf Charitas ' Haupt und sagte : » Vielleicht ist es Euch ein Lohn für alle Eure mir erwiesene Liebe , wenn Ihr erfahret , daß Ihr sie der Mutter dessen erwiesen , den Ihr liebt und um den Ihr leidet ! Um seinetwillen liebe und segne ich Euch , thut auch mir um seinetwillen also ! « » O , ich habe es geahnet ! « flüsterte Charitas und neigte sich demüthigend wie vor einer Heiligen vor der Mutter des still und entsagend geliebten Mannes . Nicht lange darauf , als die Abendglocke ausgetönt , läutete das Klosterglöckchen wieder , das die Sterbestunde und die letzte Oelung einer Nonne verkündete . Aber obwohl es Ulriken galt , so zögerte doch der Tod noch zu ihr zu kommen . Ihr Beichtvater mit den knieenden Chorknaben , der Propst Kreß , die Priorin , Charitas und ein paar andere Nonnen umgaben ihr Lager . Mit gefalteten Händen saß die Kranke aufrecht an das Kissen gelehnt , daß die hinter ihr knieende Charitas stützte , und athmete langsam und tief . Ihre Augen suchten im Kreise umher , ihre Lippen bewegten sich betend , aber Niemand verstand die leise geflüsterten Worte . Eine Nonne öffnete mit langsamen Drucke die Thür und winkte durch die Spalte die Priorin hinaus . Es konnte nur etwas Wichtiges sein , das diese von dem Sterbebett einer hochgeehrten und wie eine Freundin geliebten Nonne rief . Charitas athmete in banger Erwartung - Ahnung und Hoffnung rötheten ihr immer blasses Gesicht . Stille Minuten vergingen . Der Geistliche wiederholte seine Gebete , der Propst neigte sich theilnehmend über das Lager der Schwester und gönnte ihr aus einem so leidens- und entsagungsreichen Leben die Erlösung , auf die sie wartete ; aber er senkte seine Augenlider , um die anklagenden Blicke nicht zu sehen , die aus ihren weitgeöffneten Augen kamen . Jetzt trat die Priorin wieder ein - aber nicht allein . In der Zelle war es schon ziemlich dunkel , doch draußen im Corridor glühte eben die Abendsonne noch mit ihrem letzten strahlenden Schein am dort gegenüberliegenden Bogenfenster . Der Strahl daraus fiel durch die geöffnete Thür , und im Feuer dieser Sonnenflamme stand ein Baubruder , und seine edle Gestalt hob sich davon wie von dem Goldgrund