seine immer den Rücksichten des Hauses und den vortrefflichen Speisen und Weinen desselben Rechnung tragende Mittheilung irgendjemanden hier verletzte . Man trennte sich wie mit dem Gefühl allgemeinster Befriedigung ... Frau von Gülpen aber fiel , als sie mit dem Dechanten allein war und ihr scharfes Ohr die letzten Schritte der Gäste verklingen gehört hatte , geradezu in eine Ohnmacht ... Der sanfte Mann that alles Mögliche , sie zu beruhigen . Nicht vierundzwanzig Stunden länger bleibt sie im Hause ! hauchte die Freundin mit einer ihr fast vergangenen Stimme . Die Haube löste sich , die schönen kastanienbraunen Scheitel kamen in Unordnung ... Und plötzlich raffte sie sich auf und klingelte . Was thun Sie ? Was soll das ? fragte der Greis . Windhack , der die Gäste hinausbegleitet , kam zurück . Das Fräulein - Die Stimme versagte ... versagte um so mehr , als der Dechant sich einer sofortigen Citation Lucindens entschieden widersetzte . Windhack berichtete , er hätte oben geklopft und die Antwort bekommen , sie wäre müde und wünschte allein bleiben zu dürfen ... » Wünschte ! Allein bleiben zu - « ! lachte Frau von Gülpen förmlich auf , wie über eine Prätension der höchsten Anmaßung ... Beruhigen Sie sich , liebe Freundin ! unterbrach der Dechant wiederholt und mit Entschiedenheit . Verurtheilen Sie nicht wieder zu schnell ! Morgen wird sich alles finden ! Ich bitte sehr darum ! Windhack , leuchte ! Ich habe noch Briefe zu lesen . Keine Störung ! Keinen Tumult ! Ruhe und Friede ! Ich bitte darum ! Gute Nacht , liebe Freundin ! Damit ging der Greis erregt , wie seit lange nicht , auf sein Zimmer . Die Schnurrenthüren nebenan bei Frau von Gülpen beruhigten sich aber noch bis tief in die Nacht nicht , so oft gingen sie auf und zu und so oft zu und auf ... Nie noch konnte eine Tante über eine Nichte in größerer Aufregung gewesen sein . 9. Inzwischen saß Lucinde in einem Mansardenstübchen unter dem Eindruck , den ihr das Wiedersehen Heinrich Klingsohr ' s verursacht haben mußte ! Daß es dieser gewesen , daß er wie sie den Glauben gewechselt , ja daß er weiter noch gegangen und ein Mönch geworden , bestätigte Windhack , als er das ihr aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harmlosigkeit sagte , der Mönch käme mit den geistlichen Herren vom Stadtpfarrer ... hieße Dr. Klingsohr , und in der Stadtpfarrei - da müßte man mehr von ihm wissen , als halt er selbst oder der Dechant wüßte ... Windhack ahnte nicht , wie seine Antwort einer fast bebend gesprochenen Frage gegeben wurde . Und doch wußte selbst auch noch in diesem Augenblicke sich Lucinde schon wieder zu beherrschen . Aber sie mochte nicht in die Gesellschaft zurückkehren ober , wie Windhack sie aufforderte , am Mahle theilnehmen . Die strenge Kälte der Frau von Gülpen , der prüfende Blick des Majors , der so lässige und nur oberflächlich verrathene Antheil des Dechanten benahmen ihr allen Muth , allen Aufschwung ... und doch war sie sorglos und ahnte für ihr Bleiben keine Gefahr . Sie hatte Treudchen Ley schon davongeeilt gefunden , hatte die zurückgelassenen Sachen der geistlichen Herren helfen wollen an den Wagen nachtragen , hatte kaum einen Blick durch das vergitterte Fenster des untern Estrichs geworfen , während Windhack vor der großen Hauptpforte stand ... als sie vor dem geschorenen Haupte eines Mönches , der aus dem Wagenschlage sich vorbeugte , zurückfuhr . Die Beleuchtung durch Lichter , den aufgegangenen Mond und die noch nicht ganz entschwundene Tageshelle war zu sicher , der markirte , scharfe Kopf Klingsohr ' s war mit keinem andern zu verwechseln und die Bestätigung , daß sie sich nicht geirrt , folgte durch Windhack auf dem Fuße ... Wollen Sie nicht zum Souper kommen ? fragte der Alte nach einer Viertelstunde noch einmal . Durch die geschlossene Thür ihres Mansardenzimmers hatte sie gebeten , allein bleiben zu dürfen und sie wegen ihrer Ermüdung zu entschuldigen . Ihr Zimmer war klein , sehr niedrig , - fast stieß sie mit dem Kopf an die Decke - Sie machte sich Licht - sie hätte alle Fenster des Hauses aufreißen mögen , um Luft zu schöpfen , - ihr Stübchen hatte nur ein Fenster - sie fürchtete zu ersticken - » Beim Stadtpfarrer würde sie mehr erfahren « - Dies Wort hallte ihr unaufhörlich wider ... Sie hatte Briefe an diesen Beda Hunnius - die dringendsten Empfehlungen - Empfehlungen , die sogar mit » pressant « überschrieben waren - Sie suchte nach diesen Briefen - Dabei blieben ihr die Hände wie gelähmt ... und fast wie im Gelächter klang es schon und hallte ihr im Ohr : Klingsohr ein Mönch ! » Sind Sie katholisch ? « hatte sie einst zu ihm gesagt , als er einen Blütenzweig da in die Erde pflanzen wollte , wo sie gestanden , damals , als sie von ihm auf dem Wege vom Düsternbrook so seltsame und ihr fremde Gedanken vernommen ... » Du sprichst ein großes Wort gelassen aus ! « hatte er erwidert ... Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer . Dann suchte sie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen ... Sie fand sie in ein Convolut alter Papiere versteckt , die sie seit drei Jahren besaß . Es waren die nach Serlo ' s Tode aus dessen Nachlaß an sich genommenen Aufzeichnungen desselben ... seine oft von ihm vorgelesenen Tagebücher . Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es , daß sie eine Seite aufgeschlagen hatte , die jenen Beda Hunnius betraf . Firmian Neumeister , genannt Serlo , war , obgleich älter , mit ihm im geistlichen Convict gewesen ... Bei diesem Hunnius konnte sie von Klingsohr mehr erfahren ... von Klingsohr , der jetzt ... Sie wußte selbst nicht , was sie that , als sie , um den überwallenden Strom ihrer Empfindungen zu dämmen , die Schilderung wieder las : » Wir ältern Schüler hatten die Aufsicht über die jüngern . Schon ganz kleine Knaben kamen ins Convict und mit den glücklichsten Anlagen für ihren künftigen Beruf ... Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundsätze der Jesuiten angenommen . Wir wurden von allem zurückgehalten , was nur irgendein eigenes und selbständiges Leben in uns und aus uns hätte entwickeln können . Jede Stunde , ja jede Minute hatte ihre Beschäftigung , ihre eigene Aufgabe . Nur die Ruhe der Nacht , wenn man aus einem Traum erwachte , bot die Gelegenheit eines stillen Selbstgesprächs . Nur in solchen Nächten ermöglichten sich meine Betrachtungen über Menschen und Dinge . Mit dem Glockenschlage fünf begann die gewohnte Ordnung mathematisch genau abgegrenzter Beschäftigungen . Einer der Schüler belauschte den andern . Man wurde angezeigt , wenn man Runzeln auf der Stirn hatte ! Ich weiß es noch wie heute , daß ein Schüler , ein kleiner Bauernknabe , mindestens sieben Jahre jünger als ich , den ich zu beaufsichtigen hatte , ein gewisser Hunnius , mich anzeigte , wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte ! Diese Nachlässigkeit wurde vom Rector scheinbar nur aus Schönheitsrücksichten getadelt und abgestraft . Man sagte : Du sollst dein Aeußeres pflegen ! Dein Leib ist ein Tempel Gottes ! Wie kann eine Seele zu dir Vertrauen fassen , wenn du mit düsterer , gefurchter Stirn sie anblickst ! Die Wahrheit war aber keine andere als die , daß gerunzelte Stirnen Denker verrathen , mindestens Träumer , die in sich selbst versunken Betrachtungen anstellen , die ihnen nicht von außenher veranlaßt und geheißen wurden . Dieser boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch schon der eifrigste und gewandteste Escamoteur des sogenannten Signums . Dies war eine Art Denkzettel von Blech , den derjenige umhängen mußte , der irgendein Versehen sich hatte zu Schulden kommen lassen . Man trug das Signum so lange , bis man an irgendeinem andern eine Unregelmäßigkeit entdeckt hatte , der dann es statt seiner tragen mußte . Da derjenige , welcher das Signum Abends neun Uhr umhatte und der letzte gewesen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei , dann auch wirklich gleichsam für alle bestraft wurde , - Opus operatum auch hier ! - ein verhältnißmäßiges Fastengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten mußte , so kann man sich denken , wie aufgelauert wurde , um das Signum von sich weg anzugeben auf einen andern ! Ich alter , achtzehnjährige Knabe war gewöhnlich der Unglückliche , der für die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr zu büßen hatte . Und ich sage nur , wie die menschliche Natur früh auf alles , was sie geistig verkrüppeln kann , vergnüglichst eingeht ! Niemals kam der jüngste von allen , der kleine Hunnius an die Reihe , der letzte zu sein ! So verschmitzt war hier schon ein Kind , so listig , daß es noch Abends um neun Uhr einen Frevel an einem seiner Kameraden entdecken konnte , dem es das Signum kurz vor Thoresschluß zuzuschanzen wußte . Gab es keinen Verstoß , der anzuzeigen war , so lockte man einen hervor . Dazu bedurfte es blos doppelter Verschmitztheit ; denn der Reiz zur Sünde ist immer da . Von Freundschaft und Liebe konnte bei so durcheinander gehetzten jungen Seelen keine Rede sein . Wir wurden zur Predigt der Liebe angeleitet und in unserm Innern kochten Haß und Rache . Alles zur größern Ehre Gottes ! « Eigentlich war Lucinde auf dem Standpunkte , bei solchen Mittheilungen eher Partei gegen als für Serlo zu nehmen . Sie hatte mit der Denkweise , die sie Klingsohrn , ja Serlon selbst verdankte , eine resolute Entschlossenheit der Menschen für die Abwehr ihrer gegenseitigen Schlechtigkeiten für vollkommen gerechtfertigt zu halten gelernt . Sie lachte schon oft über den kleinen Hunnius und nahm ihn für einen Erzschelm , der mit der Menschheit gerade so verfuhr , wie man mit derselben verfahren müsse und wie sie einst selbst sich gegen die Tücke der Frau von Buschbeck half . Selbst Bonaventura , dem sie einst diese Art der Erziehung vorhielt und unter der gewöhnlichen Beichtstuhlfirma , » sie würde von Zweifeln gequält « - ihr Verhalten zum neuen Glauben war , den wirklichen Haß gegen die hinter ihr liegende protestantische Welt ausgenommen , nur ein äußerliches und eine Benutzung desselben als Mittels zum Zweck - diese Signum-Anekdote erzählte , hatte gesagt : Man glaubt das Fundament unserer Kirche erschüttert zu haben , wenn man allen Aberwitz aufdeckt , auf den die Einsamkeit der Geistlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen ist ! Die künftige Lebensstellung des Priesterstandes ist eine so schwierige , daß die Angst , es möchten sich keine Menschen finden , die ihm Genüge leisten könnten , seit Jahrhunderten bei uns auf solche Auskunftsmittel der Erziehung zur innern Heiligung verfallen ist ! Die Gäste unten hatten das Haus verlassen - alles wurde still - der Mond trat immer heller und heller hervor und verklärte den Park mit einem magischen Lichte ... Von Benno , von Hedemann , Thiebold de Jonge , Bonaventura , von den Italienern keine Spur - auch die kleine Gertrud Ley brachte - wenigstens hörte sie nichts - keine Botschaft von ihrer sterbenden Mutter ... Die Erzählung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben zurückversetzt - in das Leben ihrer Geschwister - in den Tod derselben - auch den Tod ihrer beiden letzten Brüder ... Gustav und August lebten nicht mehr - sie hatten aus dem Besserungshause entfliehen , hatten an einem Seil aus einem hochgelegenen Fenster sich niederlassen wollen - ein Geräusch treibt den zweiten Flüchtling , sich aus dem Fenster dem ersten nachzuschwingen , während dieser noch nicht am Boden ist - das Seil reißt , beide verunglücken - - vor einem Leben , das doch gewiß nur das des Verbrechens hätte werden können ! tröstete sich schon damals Lucinde . Es war dies fast drei Jahre her ; die Kunde traf sie gleich nach ihrem Eintritt in die orthopädische Anstalt . Daß sie diesen Tod getrost auf ihre Rechnung schreiben konnte , hatte ihr das Gewissen schon oft gesagt und ebenso oft auch schon wieder hatte ihre Philosophie der Selbsthülfe und des erlaubten Widerstandes gegen das feindliche Leben sie von allem Vorwurf freigesprochen . Zur Ruhe gehen konnte sie nicht . So in ihrer Aufregung den Tag schließen , so sich mit tausend quälenden Gedanken aufs Lager werfen ? ... Unmöglich für eine Phantasie so voll wühlender Ungeduld ! ... Die Kleinheit des Zimmers machte sie jetzt verzweifeln . Sie riß die Thür auf ... Unten hörte sie noch reden ... Frau von Gülpen war es , die sich bei den Mägden sicher stellte , daß niemand sich etwa einfallen ließ , vom Lärm der Stadt und der Neugier auf die Einquartierten sich aus dem Hause ziehen zu lassen . Lucinde lächelte und sagte kopfschüttelnd : Ganz wie meine Alte ! Zuletzt regte sich nichts mehr im Hause ... Sie griff nach Hut und Mantel ... Wenigstens in den Park wollte sie gehen und mit einer Wanderung durch die Baumgänge die stürmenden Gefühle ihrer Brust beschwichtigen ... Wie auch hatte ihr das Leben dieses Parks poetisch vor Augen gestanden ! Sollte sich denn auch nichts davon , keine einzige ihrer Ahnungen erfüllen ? Sie mußte hinaus . Nur das eine Bild des Mönches Klingsohr schon wuchs so riesengroß vor ihren Augen , daß es die Decke des kleinen Zimmers sprengte . Es zog sie , wie wenn sie über Länder und Ströme , über Heiden und Moore fliegen müßte zu dem fernen Meere hin , an dessen Ufern sie einst gelebt hatte , zu dem Strande der Alster , wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt seines Vaters zu sehen sich gefürchtet . Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen ? Wollte er sie gleich schon heute die Wonne nicht fühlen lassen , doch irgendwie berechtigt in seiner Nähe weilen und an seinen Lebensschicksalen betheiligt scheinen zu dürfen ? Mit diesen Empfindungen war sie schon auf der Stiege . Sie hatte leise ihr Zimmer zugedrückt . Behutsam ging sie hinunter . Nichts hörte sie als das Knistern ihrer Schuhe auf der steinernen Treppe . Unten steckte der Schlüssel in der Hauspforte ... Sie schloß auf , öffnete und trat hinaus ... Sollte sie den Schlüssel mitnehmen ? ... Mitnehmen ? Wohin ? ... Wußte sie schon , daß es im Park sie doch nicht halten würde , daß sie sich weiter wagen müßte , wenigstens bis an die Kathedrale hinauf ? ... Sie ließ den Schlüssel stecken und drückte nur leise die Thür wieder zu . So trat sie auf die steinernen Vliesen , die rings das Schlößchen umgaben . Dann kam ein kleiner Rasen mit einem kaum einige Fuß hohen spielend tröpfelnden Springbrünnchen ... dann kam eine Baumallee ... Auf einer Steinbank ließ sie sich nieder ... Wie blickte sie zagend auf das Haus , in dem ein Licht jetzt nach dem andern erlosch ! ... Das Piano , auf dem sie sich leidlich geltend zu machen wußte , hatte man sie gar nicht aufgefordert anzurühren ! Sie hatte ihre eigenen bizarren Weisen , in denen sie sich in solchen Abendstunden und solchen Stimmungen anziehend zu ergehen verstand ... Wie hätte sie jetzt auf ihm dahinstürmen mögen ! Und nun saß sie hier » auf Probe « , so gebunden , so Bettlerin , so Ausgestoßene und Geduldete nur . Sie durfte kaum ein Liedchen trällern , um das tausendstimmige Concert in ihrer Brust , ein Hämmern und Klopfen wie auf tausend verborgenen Tasten , irgendwie zu verrathen - ein Hüsteln sogar mußte sie schon zwingen aufzustehen und sich mehr zum Park zu entfernen . Sie lauschte dem Plätschern des Quellchens , dem Rauschen der Blätter , dem Geräusch der Stadt ... Erst jetzt fühlte sie , daß sie ja die Briefe für Hunnius zu sich gesteckt hatte ! Einer von ihnen war » pressant « ... Wenn sie ihn noch abgäbe ? Jetzt , nachdem die neunte Stunde schon geschlagen ? Klingeln an der Stadtpfarrei ? Das war das Wenigste ... Zu dem Reiz , der das katholische Priesterthum umgibt , gehört seine freistehende , durch kein Familienleben gebundene Allen-Angehörigkeit . Da fragt kein Eheweib : Was wollen Sie von meinem Manne ? Da sind keine Kinder , an deren Bettchen , wenn sie krank sind , ein Vater der Mutter wachen hilft ! Diese katholischen Priester sind wie die Aerzte . Man darf sie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln . Man darf sie am Tage in ihrem Studirzimmer überraschen . Man braucht nur um einen Schemel zu bitten , um zu knieen und mit ihnen zu beten . Katholische Priester verlangen auch keine Einführung , keine Empfehlungsschreiben , sie sind sofort mit dem Menschlichsten im Menschen vertraut und einer ist dann wie alle ; die Frage , die ihr ganzes Leben vertritt , ist unter ihnen und bei jedem dieselbe ... Wie viel Tausende von Frauen , die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen wußten , gehen ihnen bethört auch nur um deswillen nach ! ... Ohne daß sich Lucinde an die übrigen Wege des Parkes hielt , schoß sie quer durch die vom Mondlicht beschienenen Bäume an die steinernen Stufen hin , die zum Dome hinauf und von dort wieder abwärts der Stadt zuführten . Trotz der späten Abendstunde war das sonst so stille Städtchen heute wie im ganzen Jahre nicht lebendig . Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweise durch die mondscheinhellen kleinen Gassen , andere saßen in den Wirthshäusern und fangen . Da Musik , dort der Lärm fallender Kegel ... Von ihren gestern und heute gemachten Bekannten konnte Lucinde annehmen , daß sie sich bei dem Obersten von Hülleshoven befanden , Hedemann vielleicht ausgenommen , der sicher den Leutenant von Enckefuß vermied ... Die Italiener schienen noch in Kocher nicht angekommen zu sein ... Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der Stadtpfarrei ... es war ihr , als müßte sie doch vielleicht irgendwo Benno sehen ... Den hätte sie nicht lieben können , den schroffen Humoristen ... er gab sich absichtlich so unpoetisch , - er kehrte so oft die Seiten nur seines Verstandes heraus - er schien ihr zu sicher , klar und zu bewußt in sich selbst - Thiebold de Jonge erinnerte sie fast an Oskar Binder - aber beide Männer waren zuvorkommend , man konnte mit ihnen scherzen , ausgelassen sein - jetzt hätte sie sich an Benno ' s Erstaunen weiden mögen , wenn er sie Abends fast gegen halb zehn Uhr im Mondenschein so durch die Straßen wandern sah in der allgemeinen Aufregung ... sie würde seinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben ... Entdeckte man ihren Ausgang in der Dechanei , so sann sie , was sie vorschützen würde , die dringenden Briefe an den Stadtpfarrer , die sie vergessen gehabt hätte am Tage abzugeben . Und wenn dieser wirklich noch zu sprechen war - sie hatte sich schon bis zum Marktplatz durchgefragt - wenn sie von ihm allzu lange aufgehalten werden sollte , konnte sie nicht das Interesse für die Erzählung des Dechanten von der sterbenden Frau Ley und den wirklichen Drang , den sie hatte , Treudchen beizustehen , zu ihrer Entschuldigung benutzen ? Lucinde gehörte zu den Naturen , die bei großen Schwierigkeiten sich durch das Wort zu helfen wissen : Ans Leben wird mir ' s doch nicht gehen ! Das hatte sie schon in Langen-Nauenheim so gehalten , wenn andere Theilnehmer einer gemeinschaftlichen Schuld sich der Strafe entgegenängstigten . Für die Dechanei freilich lag ihr alles daran , an der Lage , in der sie sich bisjetzt dort befand , nichts zu ihren Ungunsten zu ändern . Sie ahnte ihre Gefahren nicht ... Endlich war sie an der Stadtpfarrei . Im ersten Stock war noch Licht . Eine Klingel hing am Hause ... Sie zog daran und unerschrocken . Viel schneller , als sie in geistlichen Häusern gewohnt war , ging die Thür auf . Lucinde war schon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forschend angeleuchtet . Das späte Klingeln brachte Hunnius mit einer Aufregung in Verbindung , in der er sich seit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand . Man hatte in der That die letzte , eben zum Druck bestimmte Nummer seines Kirchenboten auf der Polizei von Anfang bis zu Ende gestrichen . Der Fall war schon oft vorgekommen ; immer aber regte er ihn so auf , daß er die halbe Nacht darüber verlor . In jeder Minute , da er Aenderungen vorschlug , dann neue Botschaft erwartend , konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlassen , sogleich selbst auf die Treppe zu eilen , die Brille auf die vor Aufregung geröthete breite Stirn zu ziehen , im Schlafrock , in Pantoffeln , mit der brennenden Pfeife in der Linken , mit der Studirlampe in der markigen Rechten ... und forschend , fragend , eher einem aufgeregten , nach Ordnung sehenden Wirthe ähnlich , als einem Gelehrten , jedem entgegenzurennen . So auch heute . Er kam , wie nur ein Mann seines Temperamentes , dann aber auch freilich ein Schriftsteller kommen konnte , der sich in jener traurigen Zeit jede geschriebene Zeile vom Censor begutachten lassen mußte ... Hunnius , ungestüm und überreizt , fand eine Dame ... eine elegante noch dazu ... Rasch bedeckte er mit den Flügeln des Schlafrocks sein Négligé , zog die Pfeife aus dem Munde , überließ Lucinden der Dienerin und entfernte sich mit einigen Worten der Entschuldigung . Lucinde wurde in ein Empfangszimmer geführt . Die Magd stellte ihr die Lampe hin und entfernte sich . Nach einer Weile öffnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden näher zu treten in sein eigenes Zimmer . Er hatte inzwischen schnell seinen schwarzen Rock und seine Stiefel angezogen und bot seinem Besuche einen Platz auf dem Kanapee , während er selbst mit großer Beweglichkeit in gespannter Verlegenheit einen Stuhl ergriff ... Das Zimmer bot die oft etwas gesuchte Einfachheit geistlicher Wohnungen . Auf dem Tische vor dem harten Kanapee lag eine fast wie in absichtlichem Ungeschmack gewählte baumwollene Decke ; in der Mitte stand ein Crucifix von wurmstichigem alten Holze . Schildereien , Bücherschränke , Sessel , alles war von der größten Einfachheit . Im Volke setzt man solche Entbehrungen beim geistlichen Stande voraus , beurtheilt ihn und dieser selbst richtet sich danach . Hochwürdiger Herr Pfarrer ! begann Lucinde . Ich bin eine Nichte der Frau von Gülpen in der Dechanei und heute erst angekommen ! Ich nahe mich Ihnen , verlangend , die erste Nacht , die ich in einem neuen Wirkungskreise zubringe , mit einem Gebete unter geistlichem Beistand anzutreten . Beim Herrn Dechanten fürcht ' ich eine Misdeutung dieser Absicht durch meine gütige Tante und wage mich deshalb zu Ihnen . Auch hab ' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus Joseph Niggl an Sie abzugeben ! Ein Wunder die erste Anrede - und leider so schnell natürlich erklärt ! Eine Nichte aus der Dechanei , die mit dem Stadtpfarrer beten wollte ? Eine religiöse Schwärmerin ? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlene - die zwei Briefe abgibt , auf deren einem » pressant « zu lesen ist ! Der letztere kam allerdings von einem seiner vertrautesten Freunde und Hunnius fand sich zurecht . Doch las er den Brief nicht sogleich , sondern fragte Lucinden nach ihrer Reise , ihrem frühern Aufenthalt . Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete , wußte Hunnius , doch behandelte er das Verhältniß mit Schonung , ja er war sogar höchst überrascht , als Lucinde wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen Hute auf die gefalteten Hände beugte und nicht eher aufblickte , bis er nicht ein Confiteor , das er in Versen übersetzt sogleich zur Hand hatte , laut vorgesprochen und sie gesegnet hatte . Ohnehin erregt und nun vollends von einer so ihm noch nicht oft vorgekommenen Scene , erbrach er erst jetzt den wichtigern der beiden Briefe . Lucinde bat ihn darum . War Hunnius bereits von seines befremdenden Besuchs hoher , fast stolzer Gestalt , von der Schönheit der Gesichtszüge , dem geistvollen Ausdruck der Augen und dem ganzen räthselhaften Dufte , der sie umgab , im höchsten Grade belebt , so steigerte sich sein Interesse vollends beim Lesen . Von Zeile zu Zeile wuchs der Ausdruck seiner Ueberraschung . Er zog die dunkeln buschigen Augenbrauen in die Höhe und unterbrach sich fortwährend selbst mit einem Hm ! Hm ! O das ist ja herrlich ! bis er zu Ende war . Nun überflog er noch einmal und förmlich wie zweifelnd die an ihn gerichtete Adresse , überzeugte sich von der Unterschrift , zog sein Portefeuille , legte den Brief vorsichtig hinein und reichte Lucinden in verklärtester Miene die Hand mit den Worten : Das muß ich mir ja zu seltenstem Glücke deuten , mein Fräulein , eine solche Bekanntschaft in Ihnen zu machen ! Sie sind zu unserer Kirche zurückgekehrt ! Und mehr ! Mehr ! Sie haben den Muth , Ihre neue Gesinnung auch zu bewähren ! Sie kennen die Welt genug , um mit Vortheil die geistlichen und weltlichen Waffen zu führen in dem Kampfe , den wir alle jetzt zu kämpfen haben ! O und das jetzt in diesem Augenblicke , wo - Er horchte auf . Es schien ihm als wenn der Druckerbursche die gerettete Nummer brachte . So gut bin ich Ihnen empfohlen worden ? fragte Lucinde , die den Grund seiner Selbstunterbrechung und plötzlichen Wie-Abwesenheit nicht kannte . Lesen Sie es selbst ! erwiderte Hunnius , griff in sein Portefeuille und reichte ihr den Brief Joseph Niggl ' s zurück . Der gute Herr Curatus ! sagte sie und lehnte das Lesen ihrer eigenen Lobeserhebungen ab . Nein ! Nein ! erwiderte Hunnius halb zerstreut . Sich gerühmt zu sehen , ist manchmal eine Ermunterung ! Und nun las er , seufzend über den nicht gekommenen Druckerburschen , selbst : » Hochwürdiger , hochzuverehrender - « Ja so ! unterbrach er sich . Ich habe mich vergriffen ! Das ist nicht der rechte Brief ! Indessen - Sieh ! Sieh ! Wenn - Entschuldigen Sie mich nur , daß Sie mich in solcher Zerstreuung finden ! Schon wieder ist meine harmlose schriftstellerische Thätigkeit Gegenstand der rücksichtslosesten Verkürzung geworden - der Luft , des Lichtes , der Freiheit , des Athems - denn alles das rauben sie uns ! Meine ganze morgen fällige Nummer ist mir von Anfang bis zu Ende gestrichen worden ! Jeden Augenblick erwart ' ich Antwort auf einen Vorschlag , den ich wenigstens zu Aenderungen machte ! Kommt kein Bote aus der Druckerei , so bleibt es bei diesen Leichensteinen - diesem Mord durch persönliche Willkür ... Blau ist die Tinte , die diesen Menschen statt Blut unter den Händen fließt ! Sehen Sie nur ! Damit zeigte er den Censurbogen eines kleinen Blattes , das mit blauer Tinte durchstrichen war ... Lucinde drückte ihr Bedauern aus und suchte eine Gelegenheit auf Klingsohrn überzugehen , durch den sie mit solchen Vorgängen des literarischen Lebens schon früh bekannt geworden war ... Beim Zusammenfalten seines Blattes kam dem Stadtpfarrer wieder der verwechselte Brief von vorhin zu Handen . Ja , sagte er , im Portefeuille suchend , wo ist denn Niggl ' s Empfehlung ? - Aber - ja , ja - Sie sollten auch diesen Brief hier lesen ! Ich nehme keinen Anstand , Sie damit bekannt zu machen . Da ich Ihre Gesinnung kenne , da Sie eine streitbare Jungfrau sind , die ihre Fahne zum heiligen Kampfe mittragen will , mein Fräulein , so hören Sie in Gottes Namen , wie wir denn doch nicht so ganz verlassen sind in unserer Noth ! Lesen Sie selbst ! Da wir uns über vieles werden zu verständigen haben , so lernen Sie sogleich Ziel , Methode , Absicht , Zusammenhang unserer schwierigen Aufgaben und Kämpfe kennen ! Bei alledem horchte Hunnius stets , ob es nicht klingelte ... Von wem ist der Brief ? fragte Lucinde , als sie keinen Namen fand . Das sei noch eine Weile mein Geheimniß ! Er ist von einem höchst einflußreichen Manne ... ! Lesen Sie getrost ! Zugleich ging Hunnius an die Thür und überzeugte sich , daß seine aufgeregte Phantasie sich wieder geirrt hatte . Die Kinder seines Geistes ruhten sanft auf dem Friedhofe der Censur ! Nichts rief sie ins Leben zurück ! Nichts rettete wenigstens denjenigen unter ihnen , die diesmal wieder das schöne Kleid seines Stiles getragen hatten , das für Zeitschriften ohnehin so kurze bunte Schmetterlingsdasein ! Er ging auf und nieder und bat Lucinden , wie mit einer Art innerer Genugthuung , laut zu lesen ... Im Vertrauen auf die Wunderdinge , die der Curatus Niggl von ihr geschrieben haben mußte , that sie es : » Hochwürdiger , hochzuverehrender Herr ! Die Antwort auf Ihren so angenehmen Brief nächstens ! Jetzt zwei Bitten ! Erstens : Wissen Sie mir nicht eine kurze Charakteristik aller Dechanten unserer Kirchenprovinz anzugeben ? a ) Wie gesinnt gegen Rom ? b ) Gegen Cölibat ? c ) In Wissenschaften und Fähigkeiten ? Zweitens : Wüßten Sie mir nicht einige junge in den drei Beziehungen gute Leute zu nennen , namentlich aus Belgien ? ... Es wäre ( sed tantum inter nos ! ) ... « Nur unter uns ! übersetzte Hunnius schnell und fast gedankenlos . » Sed tantum inter nos ! « wiederholte Lucinde ohne Anstoß . » Es wäre uns eine große Freude , einige Jesuiten hereinzubringen ! Wüßten Sie einige , die geläufig deutsch sprechen ? Aus der Schweiz oder aus Rom würde zu auffallend sein ... Mich Ihrem Gebet empfehlend , verbleibe ich Ihr ergebenster Freund M. Alles zur größern Ehre Gottes ! « 1 Die Empfehlung solcher Freunde , wie sie Ihnen zu Theil wurde , sagte