findet . Darum hat nur der Mensch allein die Kunst , und wird sie haben , so lange er ist , wie sehr die Äußerungen derselben auch wechseln mögen . Es wäre des höchsten Wunsches würdig , wenn nach Abschluß des Menschlichen ein Geist die gesamte Kunst des menschlichen Geschlechtes von ihrem Entstehen bis zu ihrem Vergehen zusammenfassen und überschauen dürfte . « Mathilde antwortete hierauf mit Lächeln : » Das wäre ja im Großen , was du jetzt im Kleinen tust , und es dürfte hiezu eine ewige Zeit und ein unendlicher Raum nötig sein . « » Wer weiß , wie es mit diese n Dingen ist , « erwiderte mein Gastfreund , » und es wird hier wie überall gut sein : Ergebung , Vertrauen , Warten . « Eustach öffnete die Mappe , in welcher er die Zeichnung des Altares und die Zeichnungen von Teilen der Kirche , von der Kirche selber und von Gegenständen hatte , die sich in der Kirche befanden . Wir verglichen die Zeichnung mit dem Altare , es wurde manches bemerkt , manches gelobt , manches zur Verbesserung der Zeichnung vorgeschlagen . Wir betrachteten auch die Kirche , wir betrachteten Teile derselben , wir besahen Grabmäler , und unter ihnen auch den großen roten Stein , auf welchem der Mann mit der hohen , schönen Stirne abgebildet ist , der die Kirche und den Altar gegründet hatte . Wir blieben an diesem Tage in Kerberg . Wir stiegen auf den Berg , auf welchem das alte Schloß lag , und sahen das Schloß und den in dem tiefsten herbstlichen Zustande stehenden Garten an . Wir gingen auf den Stellen , auf welchen die alten mächtigen und reichen Leute gegangen waren , die einst hier gewohnt hatten , und auch der Mann , als dessen Tat die Kirche in dem Tale steht . » Was alle diese Menschen getan haben , « sagte mein Gastfreund , » wäre zum Teile in den Papieren und Pergamenten enthalten , die in den Schlössern und Häusern dieses Landes und mitunter auch in entfernten Städten liegen . Einige wissen einen Teil dieser Taten , die meisten sind damit völlig unbekannt , und diejenigen , welche auf den Spuren herum gehen , die ihre Vorfahren getreten haben , wissen oft nicht , wer diese gewesen sind . Es wäre nicht unziemlich , wenn durch Öffnung der Briefgewölbe in allen Ländern auch Einzelgeschichten von Familien und Gegenden verfaßt würden , die unser Herz oft näher berühren und uns greiflicher sind als die großen Geschichten der großen Reiche . Man betritt wohl diesen Weg , aber vielleicht nicht ausreichend und nicht in der rechten Art. « Von Kerberg aus wendeten wir uns am folgenden Tage den höher gelegenen Teilen des Landes zu , das dichter und ausgebreiteter bewaldet war als die bisher befahrenen Gegenden , und von dem uns durch das Dämmer des Vormittages die breiten und weithinziehenden Bergesrücken mit Nadeldunkel und Buchenrot entgegen sahen . Mein Gastfreund hatte recht gehabt . Ein Tag wurde immer schöner als der andere . Nicht der geringste Nebel war auf der Erde , auf welcher wir reiseten , nicht das geringste Wölkchen am Himmel , der sich über uns spannte . Die Sonne begleitete uns freundlich an jedem Tage , und wenn sie schied , schien sie zu versprechen , morgen wieder so freundlich zu erscheinen . Roland blieb drei Tage bei uns , dann verließ er uns , nachdem er vorher noch Zeichnungen und andere Papiere in den Wagen meines Gastfreundes gepackt hatte . Er wollte noch bis zum Eintritt des schlechten Wetters in dem Lande bleiben und dann in das Rosenhaus zurückkehren . Alles war recht lieb und freundlich auf dieser Reise , die Gespräche waren traulich und angenehm , und jedes Ding , eine kleine alte Kirche , in der einst Gläubige gebetet , eine Mauertrümmer auf einem Berge , wo einst mächtige und gebietende Menschen gehaust hatten , ein Baum auf einer Anhöhe , der allein stand , ein Häuschen an dem Wege , auf das die Sonne schien , alles gewann einen eigentümlichen sanften Reiz und eine Bedeutung . Am achten Tage wandten wir unsere Wägen wieder gegen Süden , und am neunten abends trafen wir in dem Asperhofe ein . Ehe ich mich zu meiner Heimreise rüstete , sah ich noch einmal manches der herrlichen Bilder meines Gastfreundes , drückte manches Außerordentliche der Bücher in meine Seele , sah die geliebten Angesichter der Menschen , die mich umgaben , und sah manchen Blick der Landschaft , die sich zu tiefem Ersterben rüstete . Mein Herz war gehoben und geschwellt , und es war , als breitete sich in meinem Geiste die Frage aus , ob nun ein solches Vorgehen , ob die Kunst , die Dichtung , die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende , oder ob es noch ein Ferneres gäbe , das es umschließe und es mit weit größerem Glück erfülle . 3. Der Einblick Ich fuhr bei sehr schlechtem Wetter , welches mit Wind , Regen und Schnee nach den hellen und sonnigen Tagen , die wir in den Hochlanden zugebracht hatten , gefolgt war , von dem Rosenhause ab . Die Pferde meines Gastfreundes brachten mich auf die erste Post , wo schon ein Platz für mich in dem in der Richtung nach meiner Heimat gehenden Postwagen bestellt war . Mathilde und Natalie waren zwei Tage vor mir abgereist , da sich schon die Zeichen an dem Himmel zeigten , daß die milden Tage für dieses Jahr zu Ende gehen würden . Roland war von seiner Wanderung in dem Asperhofe eingetroffen . Alles hatte auf stürmische Änderung in dem Luftraume hingedeutet . Ich weiß nicht , warum ich so lange geblieben war . Es erschien mir auch einerlei , ob das Wetter übel sei oder nicht . Ich war von meinen Wanderungen her an jedes Wetter gewohnt , um so mehr konnte mir dasselbe gleichgültig sein , wenn ich in einem vollkommen geschützten Wagen saß und auf einer wohlgebauten Hauptstraße dahin rollte . Am dritten Tage mittags nach meiner Abreise von dem Rosenhause traf ich bei den Meinigen ein . Die zweite Ankunft in diesem Jahre . Sie hatten aus meinem Briefe die Verspätung meiner Ankunft entnommen , den Grund vollständig gebilligt , und wären , wie ich ganz richtig vorausgesehen hatte , unwillig auf mich geworden , wenn ich anders gehandelt hätte . Ich erzählte nun alles , was sich nach meiner schnellen Abreise von Hause begeben hatte . Da bei meiner ersten Ankunft gleich die eine Ursache zur Wiederabreise vorgekommen war , so konnte ich auch jetzt erst nach und nach erzählen , was sich im vergangenen Sommer mit mir zugetragen habe . Der Vater kam sehr häufig auf die Zeichnungen zurück , die ihm mein Gastfreund gesendet hatte , und aus seinen Reden war zu entnehmen , wie sehr er die Geschicklichkeit des Mannes anerkannte , der die Zeichnungen gemacht hatte , und wie hoch in seiner Achtung der stehe , auf dessen Veranlassung sie entstanden waren . Er führte mich neuerdings zu dem Musikgerättische , zeigte mir noch einmal , warum er ihn gerade an diesen Platz gestellt habe , und fragte mich wieder , ob ich mit der Wahl des Ortes einverstanden sei . Mich wunderte anfangs die Frage , da er sonst nicht gewohnt war , mich in solchen Dingen zu Rate zu ziehen . Nach meiner Ansicht war der Tisch in dem Altertumszimmer an dem Fensterpfeiler in passender Umgebung sehr gut gestellt und zeigte seine Eigenschaften in dem besten Lichte . Ich wiederholte daher meine vollkommene Billigung des Platzes , die ich schon vor meiner Abreise ausgesprochen hatte . Später aber sah ich wohl recht deutlich , daß es nur die Freude an diesem Stücke war , was den Vater zur Wiederholung der Frage über die Zweckmäßigkeit des Platzes und zum wiederholten Zurückkommen zu dem Tische veranlaßt hatte . Das freudige Wesen , welches ich bei meiner ersten Ankunft in seiner ganzen Gestalt ausgedrückt gesehen zu haben glaubte , erschien mir jetzt auch noch über ihn verbreitet . Selbst die Mutter und die Schwester schienen mir vergnügter zu sein als in andern Zeiten - ja mir war es , als liebten mich alle mehr als sonst , so gut , so freundlich , so hingebend waren sie . Wie sehr dieses Gefühl , von den Seinen geliebt zu sein , das Herz beseligt , ist mit Worten nicht auszusprechen . Ich erzählte meinem Vater von dem Marmorbilde , welches auf der Treppe im Hause meines Gastfreundes steht , und suchte ihm eine Beschreibung von diesem Kunstwerke zu machen . Er sah mich sehr aufmerksam an , ja mir war es einige Male , als sähe er mich gewissermaßen betroffen an . Er fragte um manches , und veranlaßte mich , neuerdings von dem Bilderwerke zu sprechen . Es schien ihn sehr angelegentlich zu berühren . Ich erzählte ihm dann auch von der Brunnengestalt in dem Sternenhofe , verglich sie mit der Treppengestalt im Rosenhause , suchte den Unterschied hervorzuheben , und suchte für die Treppengestalt weit den Vorzug zu gewinnen , obgleich sie der älteren Zeit angehöre , und die andere etwa erst im vergangenen Jahrhunderte verfertigt worden sei , und obgleich diese fast blendend reinen Marmor habe , die andere aber einen , dem man das hohe Alter schon ansehe . Er fragte auch hier noch um Vergleichungspunkte , und ich sah , daß er die Sache ergriff und Einsicht von ihr hatte . Ich erzählte ihm dann auch von den Gemälden meines Gastfreundes , ich nannte ihm die Meister , von denen Werke vorhanden wären , und bemühte mich , Beschreibungen von den Bildern zu geben , welche mich am meisten in Anspruch genommen hätten . Er tat auch in dieser Hinsicht zahlreiche Fragen , und machte , daß ich mich über den Gegenstand weiter ausbreitete , als ich wohl ursprünglich im Sinne hatte . Am zweiten Tage nach meiner Ankunft , da wir wieder von diesen Dingen gesprochen hatten , nahm er mich bei der Hand und führte mich in sein Bilderzimmer . Ich war absichtlich seit meiner Ankunft nicht in demselben gewesen , und hatte mir dessen Besuch auf eine ruhigere Zeit aufgehoben . Ich hatte die zwei Tage in Gesprächen mit meinen Eltern hingebracht , zum Teile hatte ich sie auch benützt , die Dinge , welche ich ihnen und der Schwester gebracht hatte , zu übergeben . Darunter waren auch die kleineren Marmorgegenstände , welche im Rothmoore fertig geworden waren . Der Rest der Zeit war mit Auspacken , Einräumen und mit einigen Ankunftsbesuchen ausgefüllt worden . Da wir in das Zimmer getreten waren und die Mitte desselben erreicht hatten , ließ er meine Hand fahren , sagte aber nichts . Ich war im größten Erstaunen . Die Bilder , welche vorhanden waren , und deren Zahl geringe war , weit geringer als bei meinem Gastfreunde , ja selbst im Sternenhofe , erschienen mir als außerordentlich schön , als ganz vollendete , zusammenstimmende Meisterwerke , wie sie , wenn ich dem ersten Eindrucke trauen durfte , bei meinem Gastfreunde in dieser gleich hohen und zusammen gehörigen Schönheit nicht vorhanden waren . Es befand sich , wie ich bald entdeckte , kein Bild der neueren oder neuesten Zeit darunter , sämtlich gehörten sie der älteren Zeit an , wenigstens , wie ich wahrzunehmen glaubte , dem sechzehnten Jahrhunderte . Ein ganz tiefes eigentümliches Gefühl kam in meine Seele . Das ist die große und nicht zu beschreibende Liebe des Vaters . Diese kostbaren Dinge besaß er , an diesen Dingen hing sein Herz , sein Sohn war vorüber gegangen , ohne sie zu beachten , und der Vater entzog dem Sohne doch kein Teilchen der Zuneigung , er opferte sich ihm , er opferte ihm fast sein Leben , er sorgte für ihn , und suchte ihm nicht einmal zu beweisen , wie schön die Sachen wären . Ich erfuhr , wie sehr ich auch hier geschont worden war . » Das sind ja herrliche Bilder « , rief ich in Rührung aus . » Ich glaube , daß sie nicht unbedeutend sind « , erwiderte er mit einer durch Bewegung ergriffenen Stimme . Dann gingen wir näher , um sie zu betrachten . Es waren in der Tat lauter alte Gemälde , keines von besonders großen Abmessungen , keines von kunstwidriger Kleinheit . Ich tat die Bemerkung , daß er keine neuen Bilder habe . » Es hat sich so gefügt , « sagte er , » ich habe schon einige der hier befindlichen Stücke von deinem Großvater , der auch ein Freund von solchen Dingen war , geerbt , und anderes habe ich gelegentlich erworben . Die mittelalterliche Kunst steht wohl höher als die neue . In ihr ist ein größerer Reichtum schöner Werke vorhanden als in der neuen , es ist daher leichter möglich , ein fehlerfreies altes Bild zu erwerben als ein neues . Wer Bilder unserer Zeiten liebt , gibt solche , die an Schönheit keinen Tadel verdienen , nicht zum Kaufe , sie sind daher nicht leicht zu erhalten . Bilder , die von Anfängern oder von solchen herrühren , die schwach in der Kunst sind , stehen leicht und an vielen Orten teils von den Künstlern , teils von Händlern , wie es auch in früheren Zeiten gewesen sein wird , zum Kaufen . Zu diesen konnte ich nie eine Neigung fassen , daher ist es gekommen , daß ich lauter alte Bilder besitze . Es war ein kräftiges und gewaltiges Geschlecht , das damals wirkte . Dann kam eine schwächliche und entartetere Zeit . Sie meinte es besser zu machen , wenn sie die Gestalten reicher und verblasener bildete , wenn sie heftiger in der Farbe und weniger tief im Schatten würde . Sie lernte das Alte nach und nach mißachten , daher ließ sie dasselbe verfallen , ja die mit der Unkenntnis eintretende Rohheit zerstörte manches , besonders wenn wilde und verworrene Zeitläufe eintraten . Man wendete dann wieder um und achtete allgemeiner wieder das Alte - von allen Seiten mißachtet war es niemals . - Man suchte sogar nachzuahmen , nicht bloß in der Malerkunst , sondern auch , und zwar noch mehr , in der Baukunst ; man konnte aber das Vorbild weder in der Grundeinheit noch in der Ausführung erreichen , so gut und treu die neuen Einzelnheiten auch gewesen sein mochten . Es ist langsam besser geworden , was sich eben in dem Zeichen kund tat , daß man alte Bauwerke wieder schätzte - ich selber weiß noch eine Zeit , in welcher Reisende und Schriftsteller , die man für gelehrt und spruchberechtigt achtete , die gotische Bauweise für barbarisch und veraltet erklärten - , daß man alte Bilder hervor zog , ja alte Geräte sammelte , und in dem Schnitte der Kleider alte Gebilde und Wendungen teilweise einführte . Möge man auf diesem Wege zum Besseren fortfahren und nicht bloß das Alte wieder zu einer Mode machen , die den Geist nicht kennt , sondern nur die Veränderung liebt . Du kannst es noch erleben , wenn wieder eine Hohe eintritt ; denn ein Schwellen von Tiefe in Höhe und ein Sinken aus der Höhe in die Tiefe war immer vorhanden . Wenn die Erkenntnis des Altertums , nicht bloß des unsern , sondern des noch schönern des Griechentums , wie es sich jetzt auszusprechen scheint , immer fortschreitet und nicht ermattet , so werden wir auch dahin kommen , daß wir eigene Werke werden ersinnen können , in denen die ernste Schönheitsmuse steht , nicht Leidenschaft oder Absicht oder ein äußerlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit , Werke , die nicht nachgeahmt sind , oder in denen nur ein älterer Stil ausgedrückt ist . Wenn wir dahin gekommen sind , dann dürften wir wohl auch gesellschaftlich auf einer Stufe stehen , daß nicht bloß Teile unseres Volkes nach außen mächtig sind , sondern das ganze Volk , und daß es dann mit seinem Leben gelassen kräftig auf das Leben anderer Völker wirkt . Ich denke immer , die sind glücklich , die die Lerchen dieses Frühlings singen hören ; aber diese werden den Zustand nicht so empfinden wie der , der andere gesehen hat , so wie der Unschuldige seine Unschuld nicht empfindet , der rechtliche Mann seine Rechtschaffenheit nicht hoch anschlägt , und verdorbene Zeiten ihre Verdorbenheit nicht kennen . « Ich dachte , da mein Vater so sprach , an meinen Gastfreund , der ähnlich fühlt und sich ähnlich ausspricht . Aber es ist ja kein Wunder , daß Männer , die ein ähnliches Streben haben , also auch ähnlichen Geist besitzen , auf ähnliche Gedanken kommen , besonders , wenn sie an Alter nicht zu verschieden sind . Wir betrachteten nun das Einzelne . Mein Vater hatte Bilder von Tizian , Guido Reni , Paul Veronese , Annibale Caracci , Dominichino , Salvator Rosa , Nikolaus Poussin , Claude Lorrain , Albrecht Dürer , den beiden Holbein , Lukas Cranach , Van Dyck , Rembrandt , Ostade , Potter , van der Neer , Wouvermann und Jakob Ruisdael . Wir gingen von dem einen zu dem andern , betrachteten ein jedes , taten manches Bild auf die Staffelei , und redeten über ein jedes . Mein Herz war voll Freude . Es erschien mir jetzt immer deutlicher , was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte , daß die Bilder in dem Gemäldezimmer meines Vaters lauter vorzügliche seien , und daß sie noch dazu an Wert so sehr zusammen stimmten , daß das Ganze eben den Eindruck eines Außerordentlichen machte . Ich hatte schon so viel Urteil gewonnen , daß ich dachte , nicht gar zu weit mehr in die Irre geraten zu können . Ich äußerte mich in dieser Beziehung gegen meinen Vater , und er versicherte in der Tat , daß er glaube , daß er nicht nur gute Meister besitze , sondern auch von diesen Meistern nach seiner Erfahrung , die er sich in vielen Jahren , in vielen Gemäldesammlungen und im Lesen vieler Werke über Kunst erworben habe , bessere von ihren Arbeiten . Ich gab mich den Bildern immer inniger hin und konnte mich von manchem kaum trennen . Das Köpfchen von einem jungen Mädchen , das ich mir einmal zu einem Zeichnungsmuster genommen hatte , stammte von Hans Holbein dem jüngern her . Es war so zart , so lieb , daß es jetzt auch wieder einen Zauber auf mich ausübte , wie es wohl auch damals ausgeübt haben mußte ; denn sonst hätte ich es ja nicht zum Vorbilde genommen . Kaum waren hier Mittel zu entdecken , mit denen der Künstler gewirkt hatte . Eine so einfache , so natürliche Färbung mit wenig Glanz und Vortreten der Farben , so gering scheinende , harmlose Linien , und doch eine solche Lieblichkeit , Reinheit , Bescheidenheit , daß man kaum weggehen konnte . Die blonden Haare , die sich von der Stirn gegen hinten zogen , waren fast mit keinem Aufwande gemacht , und doch konnte es kaum etwas Schöneres geben als diese blonden Locken . Der Vater erlaubte , daß ich mir das Bild zweimal auf die Staffelei stellen durfte . Als wir mit dem Anschauen der Bilder fertig waren , zog der Vater eine flache Lade aus einem Kasten in dem Altertumszimmer , stellte die Lade auf einen Tisch in der Nähe des Fensters , und lud mich ein , hinzu zu gehen und seine geschnittenen Steine anzusehen . Ich tat es . Hier war meine Verwunderung fast noch großer als bei den Bildern . Ich fand auf den Steinen die Gestalten wieder , wie die eine war , welche auf der Treppe des Hauses meines Gastfreundes stand . » Das sind lauter antike Bildungen « , sagte mein Vater . Es waren verschiedene Steine von verschiedenem Werte und verschiedener Größe . Edelsteine , die durch ihren Stoff einen hohen Wert nach unsern heutigen Begriffen haben , wie Saphire , Rubine , waren nicht dabei ; doch aber mindere , die wohl als Schmuck getragen werden können und , wie ich mich jetzt deutlich erinnerte , von unserer Mutter auch bei Gelegenheiten getragen wurden . Es war ein Onyx da , auf welchem eine Gruppe in der gewöhnlichen halb erhabenen Arbeit geschnitten war . Ein Mann saß in einem altertümlichen Stuhle . Er hatte nur geringe Bekleidung . Seine Arme ruhten sehr schlicht an seiner Seite , und sein feines Angesicht war nur ein wenig gehoben . Er war noch ein sehr junger Mann . Frauen , Mädchen , Jünglinge standen seitwärts in leichterer Arbeit und weniger kräftig hervorgehoben , eine Göttin hielt einen Kranz oberhalb des Hauptes des sitzenden Mannes . Mein Vater sagte , das sei sein bester wie größter Stein , und der sitzende Mann dürfte Augustus sein . Wenigstens stimme sein Halbangesicht , wie es auf dem Steine sei , mit jenen Halbangesichtern Augustus ' zusammen , die man auf den gut erhaltenen Münzen dieses Mannes sehe . Die Gestalt , die Gliederung , die Haltung dieses Mannes , die Gestalten der Mädchen , Frauen und Jünglinge , ihre Bekleidung , ihre Stellungen in Ruhe und Einfachheit , die deutliche und naturgemäße Ausführung der kleinen Teile in den Gliedern und Gewändern machten auf mich wieder jene ernste , tiefe , fremde , zauberartige Wirkung , welche die Gestalt auf der Treppe in dem Hause meines Gastfreundes in mir hervorgebracht hatte , da ich im vergangenen Sommer während des Gewitters zu ihr empor gestiegen war . Auf den andern Steinen befanden sich Männer in Helmen , entweder schöne junge Angesichter oder alte mit ehrwürdigen Bärten . Solche , die in mittleren Mannesjahren standen , waren gar nicht vorhanden . Auch Frauenköpfe waren auf einigen Steinen zu sehen . Auf mehreren zeigten sich ganze Gestalten , ein Hermes mit den Flügeln an den Füßen , ein schreitender Jüngling , oder einer , der mit dem Arme zum Wurfe mit einem Steine ausholt . Diese Gestalten waren so genau und richtig , daß sie das Vergrößerungsglas ertrugen . Steine mit andern Dingen als menschliche Gestalten hatte mein Vater gar nicht . Ich erinnerte mich , daß ich irgendwo - des Ortes konnte ich mich nicht mehr entsinnen Käfer auf Steine geschnitten gesehen hatte . » Ich habe die Steine mit menschlichen Gestalten vorgezogen , « sagte mein Vater , als ich in dieser Hinsicht eine Bemerkung machte , » weil sie mir doch dasjenige schienen , was zu dem Menschen in der nächsten Beziehung steht . Ich bin nicht reich genug , eine große Sammlung von geschnittenen Steinen anlegen zu können , in welcher alle Gattungen enthalten sind , so fern man Überhaupt Gelegenheit hat , sie zu kaufen , und weil ich das nicht konnte , so habe ich mich lediglich auf menschliche Gestalten beschränkt , und unter diesen wieder auf jene , deren Erwerb mir ohne Einfluß auf mein Hauswesen möglich war ; denn es gibt da Kunstwerke in diesem Fache , welche ein ganzes Vermögen in Anspruch nehmen , von dessen Rente manche kleine Familie , deren Ansprüche nicht zu bedeutend sind , leben könnte . « Die Männer in den Helmen trugen diese Kopfbedeckung in der gewöhnlichen Art , wie man sie auf den alten Münzen sieht , und wie ich sie schon auf Abbildungen von Kunstwerken in halberhabener Arbeit gesehen habe , die sich auf griechischen oder römischen Bauten befanden . Die einfache Art , den Helm zu tragen , wenn er auch eine noch so kostbare Arbeit ist , habe ich an Abbildungen aus späteren Zeiten , namentlich aus dem Mittelalter , nicht mehr gefunden . Die Angesichter hatten Züge , die etwas Fremdes wiesen , das jetzt nicht mehr vorkömmt und auf eine entlegene Zeit zurückdeutet . Die Züge waren meistens einfach , ia sogar oft unbegreiflich einfach , und doch waren sie schön , schöner und menschlich richtiger - so schien es mir wenigstens - , als sie jetzt vorkommen . Die Stirnen , die Nasen , die Lippen waren strenger , ungekünstelter , und schienen der Ursprünglichkeit der menschlichen Gestalt näher . Dies war selbst bei den Abbildungen der Greise der Fall , und sogar da , wo man vermuten durfte , das abgebildete Haupt sei das Bildnis eines Menschen , der wirklich gelebt hat . Es konnte diese Gestaltung nicht Eingebung des Künstlers sein , da offenbar die Steine verschiedenen Zeiten und verschiedenen Meistern angehörten ; sie mußte also Eigentum jener Vergangenheit gewesen sein . Die Köpfe der Frauen waren auch schön , oft überraschend schön ; sie hatten aber auch etwas Eigentümliches , das sich von unsern gewohnten Vorstellungen entfernte , sei es in der Art , das Haupthaar aufzustecken und es zu tragen , sei es , wie sich Stirne und Nase zeigten , sei es im Nacken , im Halse , im Beginne der Brust oder der Arme , wenn diese feile noch auf dem Bilde waren , sei es in dem uns fernliegenden Ganzen . Allgemein aber waren diese Köpfe kräftiger und erinnerten mehr an die Männlichkeit als die unserer heutigen Frauen . Sie erschienen dadurch reizender und ehrfurchterweckender . Die Ausführung dieser Abbildungen zeigte sich so rein , so entwickelt und folgerichtig , daß man nirgends , auch nicht im Kleinsten , versucht wurde , zu denken , daß etwas fehle , ja daß man im Gegenteile die Gebilde wie Naturnotwendigkeiten ansah , und daß einem in der Erinnerung an spätere Werke war , diese seien kindliche Anfänge und Versuche . Die Künstler haben also große und einfache Schönheitsbegriffe gehabt , sie haben sich diese aus der Schönheit ihrer Umgebung genommen , und diese Schönheit der Umgebung durch ihre Schönheitsbegriffe wieder verschönert . So sehr mir die Bilder des Vaters gefielen , so sehr mir die Bilder meines Gastfreundes gefallen hatten , so sehr wurde ich , wie ich durch die Marmorgestalt meines Gastfreundes ernster und höher gestimmt worden war als durch seine Bilder , auch durch die geschnittnen Steine meines Vaters ernster und höher gestimmt als durch seine Bilder . Er mußte das fühlen . Er sagte nach einer Weile , da wir die Steine angeschaut hatten , da ich mich in dieselben vertieft und manchen mehrere Male in meine Hände genommen hatte : » Das , was die Griechen in der Bildnerei geschaffen haben , ist das Schönste , welches auf der Welt besteht , nichts kann ihm in andern Künsten und in späteren Zeiten an Einfachheit , Größe und Richtigkeit an die Seite gesetzt werden , es wäre denn in der Musik , in der wir in der Tat einzelne Satzstücke und vielleicht ganze Werke haben , die der antiken Schlichtheit und Größe verglichen werden können . Das haben aber Menschen hervorgebracht , deren Lebensbildung auch einfach und antik gewesen ist , ich will nur Bach , Händel , Haydn , Mozart nennen . Es ist sehr schade , daß von der griechischen Malerei nichts übrig geblieben ist als Teile von dem , was in dieser Kunst immer als ein untergeordneter Zweig betrachtet worden ist , von der Wandmalerei und Gebäudeverzierung . Da die griechische Dichtkunst das Höchste ist , was in dieser Kunstabteilung besteht , da ihre Baukunst als Muster einfacher Schönheit besonders für die Gestaltungen ihres Landes gilt , da ihre Geschichtschreiber und Redner kaum ihres Gleichen haben , so ist anzunehmen , daß ihre Malerei auch diesen Dingen gleichgeartet gewesen sein müsse . Sie sprechen in Schriften , die bis auf unsere Tage gekommen sind , von ihren Bauwerken , von ihrer Weltweisheit , Geschichtschreibung , Dichtkunst und Bildnerkunst nicht höher als von ihrer Malerei , ja nicht selten scheint es , als zögen sie diese noch vor , also muß auch sie vom höchsten Belange gewesen sein ; denn es ist nicht anzunehmen , daß Schriftsteller , die doch endlich der Ausdruck , wenn auch der gehobene , ihrer Zeit und ihres Volkes sind , so feine Kenntnisse und so feines Gefühl in andern Künsten gehabt haben und für Fehler der Malerei blind gewesen wären . Wahrscheinlich würden wir uns an Strenge und Rundung in ihrer Malerei ergötzen und sie bewundern , wie wir es mit ihren Bildsäulen tun . Ob wir an ihnen für unsere Malerei etwas lernen könnten , weiß ich nicht , so wie ich nicht weiß , wie viel es ist , was wir an ihrer Bildhauerei gelernt haben . Diese Steine sind durch viele Jahre mein Vergnügen gewesen . Oft in trüben Stunden , wenn Sorgen und Zweifel das Leben seines Duftes beraubten und es dürr vor mich hinzubreiten schienen , bin ich zu dieser Sammlung gegangen , habe diese Gestalten angeschaut , bin in eine andere Zeit und in eine andere Welt versetzt worden , und bin ein anderer Mensch geworden . « Ich sah meinen Vater an . Hatte ich früher schon oft Gelegenheit gehabt , ihn hoch zu achten , und hatte ich zu verschiedenen Zeiten entdeckt , daß er bedeutendere Eigenschaften besitze , als ich geahnt hatte , so war ich doch nie in der Lage , ihn beurteilen zu können , wie ich ihn jetzt beurteilte . In Geschäfte der eintönigsten Art gezwungen , oder vielleicht selber und freiwillig in diese Geschäfte gegangen - denn er führte sie mit einer Ordnung , mit einer Rechtlichkeit , mit einer Ausdauer , mit einer Anhänglichkeit an sie , daß man staunen mußte - , hatte er , der unscheinbar seinen bürgerlichen Obliegenheiten nachkam , und von dem viele nur glauben mochten , daß er in seinem Hause einige Spielereien von alten Geräten , Bildern und Büchern habe , vielleicht einen tieferen und einsameren Kreis um sich gezogen , als ich jetzt noch erkennen konnte , und hatte ohne Anspruch an diesem Kreise fort gebaut . Ich empfand Ehrfurcht vor ihm , und fragte ihn , ob er die Schriftsteller , von denen