und Mund sattsam den Mann von Eisen . Und als die Todesgeister er noch nicht lachen sah Rief er : » O wär ' ein Schild - o wär ' ein Freund mir nah ! Zufall , nicht Tapferkeit hat dir den Sieg bereitet , Noch hast zu meinem Schild das Schwert du nicht erbeutet . « » Bald komm ' ich ! « sprach Walthari , und flog den Weg herab , Dem furchtlos Hauenden schlug er die Rechte ab ; Schon sollt ' ein zweiter Streich der Seele öffnen das Tor Zum ew ' gen Abschied . Sieh , da sprang Herr Tannast vor . Der hatte gleich dem König die Waffen aufgenommen Und war den Freund zu schirmen mit seinem Schild gekommen . Unwillig wandte sich Walthari gegen ihn , Mit tief durchhauner Schulter sank Herr Tannast dahin Und mit durchstochner Seite : » Ich grüß ' dich tausendmal ! « Noch leise murmelt er ' s , dann war er tot und fahl . Verzweifelnd stieß nun Trogus viel bittre Schmähung aus . » So stirb denn « , rief Walthari , » und meld ' im Höllenhaus , Wie du den Freunden warst ein Rächer und Vergelter ! - « Rief ' s - und mit güldner Kette erdrosselt er den Schelter . So lagen die Genossen erschlagen allzumal , Da seufzte laut der König und floh hinab ins Tal , Auf des bewehrten Rosses Rücken schwang er sich Und ritt zu Hagen hin und weinte bitterlich . Er strebt ' ihn zu erweichen mit Bitten mannigfalt Und ihn zur Schlacht zu stacheln . Doch jener sagte kalt : » Zu kämpfen hindert mich der Ahnen schnöd Geschlecht , Mir lähmt ja kühles Blut den Arm zu dem Gefecht . Bleich war ja schon mein Vater , wenn er die Lanzen schaute , Und schwatzte feig , derweil ihm vor der Feldschlacht graute - O König , wie du also geprahlt vor den Genossen : Für immer in die Scheide hast du mein Schwert gestoßen ! « Von neuem ging der König den Grimmen flehend an : » Laß ab von deinem Grolle - laß ab und sei ein Mann ! Und schuf dir auch mein Schelten viel Zorn und Ungeduld , Ich will mit reicher Gabe wettschlagen meine Schuld . Zu viel des edeln Blutes ward heute schon vergossen , Magst du das alles schauen so müßig und verdrossen ? Fürwahr den Schimpf wird nimmer das Frankenland verwinden , Schon hör ' ich unsre Feinde zischend die Mär verkünden : Es kam ein fremder Mann , man wußte nicht woher , Der tilgte ungestraft der Franken ganzes Heer . « Noch wollte Hagen zaudern . Er saß und übersann , Wie ihm Walthari einst in Treuen zugetan . Doch als sein Herr und König mit aufgehobnen Armen Kniefällig zu ihm bat , - da faßt ' ihn ein Erbarmen , Da brach das Eis im Herzen , sein Antlitz färbt ' sich rot - So er noch länger säumte , die Ehre litte Not . » Wohin du auch mich rufest - o Fürst , ich werde gehn , Was nimmer sonst geschah , die Treue heißt ' s geschehn ! Doch wer war je so töricht , daß er ins offne Grab , So wie es hier aufgähnet , freiwillig sprang hinab ? Solang ' Walthari dort die Felsburg innehält , Zieht auch ein Heer vergebens wider ihn zu Feld . Und wenn die Franken all ' , Fußvolk und Reiterei , An jenem Platze stünden , es käm ' ihm keiner bei . Doch weil Beschämung dich und Schmerz darnieder drücken , Ersinn ' ich einen Weg , auf dem wird ' s besser glücken . Fürwahr , ich ginge nimmer , beschworene Treu ' zu brechen , Selbst nicht , - ich sag ' es frank - des Neffen Tod zu rächen , Für dich nur , Herr und Fürst , will der Gefahr ich stehn , Drum auf und laß uns erst von dieser Walstatt gehn . Es mögen unsre Rosse dort auf der Warte weiden , Dann wähnt er uns gegangen - und wird von dannen reiten . So er die enge Burg verlassen , dann wohlan , Wir folgen ihm und greifen im offnen Feld ihn an . Dann magst nach Herzenslust und mehr selbst , als dich freut , Du mit Walthari fechten ; nicht schenkt er uns den Streit . « Dem Könige gefiel des Hagen schlaues Wort , Er sänftigte ihn vollends mit einem Kuß sofort , Dann wichen beide und spähten sich sichern Hinterhalt , Die Rosse ließen sie frei grasen in dem Wald . Gesunken war die Sonne . Einbrach die dunkle Nacht . Der müde Held Walthari stand prüfend und bedacht ' : Ob er in sichrer Felsburg schweigsam verweilen möge , Ob er durch öde Wildnis versuche neue Wege . Er scheute bloß den Hagen und ahnte böse List , Daß ihn der König dort umarmet und geküßt . Des fürchte ich , so dacht ' er , daß sie zur Stadt entreiten Und morgen früh den Kampf erneun mit frischen Leuten , Wofern sie nicht schon itzt im Hinterhalte lauern . - Auch schuf der wilde Wald ihm ein gelindes Schauern , Als dräut ' es drin ringsum von Dorn und wilden Tieren , Daß er dort hilflos irrend , die Jungfrau möcht ' verlieren . Dies alles wohlgeprüft und wohlerwogen sprach er : » Wie es auch gehen mag , hier sei bis mor ' n mein Lager , Daß nicht der König prahle , ich sei dem Diebe gleich Entflohn bei Nacht und Nebel aus dem Frankenreich . « Er sprach ' s , und Dorn und Strauchwerk hieb er sich rings vom Hag Und schloß den engen Pfad mit stachligem Verhack . Mit bitterm Seufzen wandt ' er sich zu den Leichen dann . Jedwedem Rumpfe fügte sein Haupt er wieder an ; Gen Sonnenaufgang warf er kniend sich zur Erde Und sprach das Sühngebet mit scharfentblößtem Schwerte : » O Schöpfer dieser Welt , der alles lenkt und richtet , Gen dessen hohen Willen sich nichts hienieden schlichtet , Hab ' Dank , daß heute ich mit deinem Schutz bezwungen Der ungerechten Feinde Geschoß und böse Zungen ! O Herr , der du die Sünde austilgst mit starken Armen , Doch nicht den Sünder selbst - dich fleh ' ich um Erbarmen : Laß diese Toten hier zu deinem Reich eingehn , Daß ich am Himmelssitze sie möge wiedersehn . « So betete Walthari . Dann trieb er allsogleich Der Toten Rosse ein und band sie mit Gezweig . Noch sechse waren übrig . Zwei waren umgekommen , Drei hatte König Gunther mit auf die Flucht genommen . Dann löst ' er seine Rüstung . Das war dem Hitzigen gut , Mit frohem Zuspruch schöpft ' er der Jungfrau Trost und Mut , Mit Speise und mit Trank labt ' er die müden Glieder , Und auf den Schild gelagert warf er zum Schlaf sich nieder . Den ersten Schlummer sollte Hiltgunde ihm behüten , Denn allzusehr nach Ruhe gelüstet ' s den Vielmüden . Er selbst behielt sich vor die Wacht am frühen Morgen , Er wußt ' , da drohten ihm erneuten Kampfes Sorgen . Zu Haupt ihm sitzend wachte Hiltgund die Nacht entlang Und scheuchte von den Augen den Schlaf sich mit Gesang . Bald hub Walthari sich und brach des Schlummers Rest Und hieß die Jungfrau ruhen und griff zum Speere fest Und wandelt ' ab und auf . Bald schaut ' er nach den Rossen , Bald lauscht ' er an dem Walle . So war die Nacht umflossen . Der Morgen dämmerte . Es fiel ein linder Tau Auf Busch und Blatt und Halm hernieder in die Au . Zu der Erschlagenen Leichen schritt itzt Walthari hin , Die Waffen und den Schmuck zu rauben war sein Sinn . Die Panzer samt den Helmen , die Spangen nahm er zur Hand Und Schwert und Wehrgehenk . Doch ließ er das Gewand . Er nahm der Rosse viere und lastet ' sie damit , Hiltgund aufs fünfte hob er , das sechste er selbst beschritt . Erst ritt er aus dem Walle , die Gegend zu erspähn , Und ließ die Falkenaugen sich rings im Kreis ergehn . Nach Wind und Lüften hielt er das Ohr gereckt und lauschte , Ob nichts geschlichen käme , ob nichts im Grase rauschte , Ob nicht von schwerem Zügel sich hob ' ein fernes Tönen , Oder von Rosseshuf die Erde möcht ' erdröhnen . Doch rings lag alles still . Die Rosse schwer beladen Trieb er itzt vor und sandte Hiltgund auf gleichen Pfaden , Er selber führt den Gaul , der ihm den Goldschrein trug , Und schloß in Wehr und Waffen als Hüter den reisigen Zug . Sie hatten tausend Schritte etwann zurückgelegt , Da schaute Hiltgund um , sie war vor Furcht bewegt , Da schaute sie vom Hügel herab zwei Männer eilen , Die ritten scharf des Weges und mochten nicht verweilen . Und zu Walthari rief die Jungfrau schreckensbleich : » Das Ende kommt , o Herr ! Zur Flucht itzt sputet Euch . « Walthari wandte sich . Die Feinde nahm er wahr : » Ich will ins Antlitz mir beschauen die Gefahr . Und winkt mir auch der Tod : viel besser ist ' s , zu streiten , Als Hab und Guts verlustig , einsam von dannen reiten . Du , Hiltgund , nimm die Zügel und treib ' das Goldroß fort , Der dichte Hain dort drüben beut sichern Zufluchtsort . Ich will am Bergeshang mir einen Stand erkiesen Und harren , wer da kommt , und ritterlich sie grüßen . « Die Jungfrau tat sofort , wie sie Walthari hieß . Der machte unbefangen zurecht itzt Schild und Spieß Und ritt des Weges weiter als wie ein fremder Mann . Da schrie ihn schon von ferne der König Gunther an : » Jetzt ist dein Unterschlupf benommen , grimmer Held , Aus dem du zähneweisend als wie ein Hund gebellt . Heraus ins offne Feld , dein warten neue Streiche , Noch steht zu proben , ob das End ' dem Anfang gleiche . Du weisest ja Ergebung und Flucht so schnöd zurück , Laß sehn , ob du auch heute um Lohn gedungen das Glück ! « Verächtlich tät Walthari kein Wort dawider sagen , Als wär ' er taub geworden . Er wandte sich an Hagen : » O Hagen , alter Freund , sag ' an , was ist geschehn , Daß also umgewandelt ich dich muß wiedersehn ? Der tränend einst beim Abschied in meinen Armen lag , Verrennt gewaffnet mir den Weg an diesem Tag ? Fürwahr ich dachte einst , käm ' heimwärts ich gegangen , Du würdest grüßend mich mit offnem Arm umfangen , Und gastlich mich bewirten und pflegen mich in Freuden Und reich beschenkt den Freund ins Heimatland geleiten . Ich zog auf fremden Wegen . Oft wollt ' das Herz mir schlagen : O wär ' ich bei den Franken , dort lebt mein Freund , der Hagen ! Gedenkst du nimmermehr der alten Knabenspiele , Wo wir einmütig einst gestrebt nach gleichem Ziele ? Nicht mehr der Freundschaft ? O , wenn ich dein Antlitz sah , So deuchten mir die Eltern , die teure Heimat nah . Ich wahrte dir die Treue am Hof und vor dem Feind , Laß ab drum von dem Frevel und sei mein alter Freund ! Des werd ' ich hoch dich preisen , und bist du mir zu Willen , Werd ' ich mit rotem Golde den hohlen Schild dir füllen . « Mit finsterm Blick und zürnend sah ihn Hagen an : » Erst übest du Gewalt und schwatzest listig dann ; Die Treu ' hast du gebrochen . Du wußtest mich zugegen , War dir an meinen Freunden , am Neffen nichts gelegen ? Nicht magst du dich entschuld ' gen , wenn ich auch ferne stand , An Waffen und Gestalt war ich dir gut bekannt . Und doch hat mir dein Schwert den zarten Sproß gemäht , Den teuren blonden Jungen . Da war die Freundschaft wett . Drum heisch ' ich itzt von dir nicht Gold , nicht Bruderbund , Von deiner Hand verlang ' ich den toten Neffen zur Stund ' ! « Von Rosses Rücken schwang sich Hagen nun zur Erde , Da ließen auch Walthari und König Gunther die Pferde . Zum Fußkampf standen sie , zwei wider einen Mann . Die zweite Frühstund ' war ' s , da hub das Streiten an . Erst brach den Frieden Hagen und warf mit Macht den Speer , Der flog in hohem Bogen mit Zisch und Zasch daher . Walthari mochte nicht ausbeugen , doch er hielt Zu schräger Richtung ihm entgegen seinen Schild ; Rückprallte das Geschoß , als wie von Marmelstein , Und wühlte bis an den Nagel sich in den nahen Rain . Dann warf auch König Gunther den schweren Eschenschaft , Er warf ihn kecken Mutes , doch nur mit schwacher Kraft , Den Schildrand traf er nur , und konnt ' ihn nicht zerreißen , Walthari schüttelte , da fiel das matte Eisen . Das war ein schlimmes Zeichen . Itzt griffen sie zum Schwerte , Doch grimmen Blicks Walthari sich mit der Lanze wehrte . Die Klingen waren kurz , sie reichten nicht an ihn , Da fuhr ein schlimmer Plan dem König durch den Sinn . Sein abgeschoßner Speer lag vor Waltharis Füßen , Den hätt ' er heimlich gern zu sich zurückgerissen - Er winkte mit dem Aug ' , daß Hagen vorwärts dringe , Und stieß zurück zur Scheide die goldgeschmückte Klinge , Da ward die Rechte frei zum Diebsgriff - und den Schaft Hielt er schon festgepackt - und hätt ' ihn auch errafft . Doch auf den Hagen stürmte Walthari plötzlich her Und trat mit starkem Fuß auf den gegriffnen Speer . Der Überraschung ward der König sehr erschrocken , Die Kniee wankten ihm , sein Atem wollte stocken , Schon war der Tod ihm nah . Doch sprang in schnellem Lauf Ihm schirmend Hagen bei . Da stund er zitternd auf , Es ward der bittre Kampf itzt ungesäumt erneut , Fest stand Walthari noch , doch ungleich war der Streit - Er stand : so steht der Bär , gejagt von wilder Hatze , Unwillig vor der Meute und droht mit scharfer Tatze , Und duckt das Haupt und knurrt . Weh dem , der an ihn schwirrt : Er preßt ihn und umarmt ihn , bis er sich nimmer rührt , Scheu flieht der Rüden Schar mit heulendem Gebelle . - So flutete die Schlacht schon auf der höchsten Welle , Dreifache Not des Todes auf jeder Stirne stand : Die Wut , die Last des Kampfes und glüher Sonnenbrand . Gepreßten Herzens schaute bereits Walthari um , Ob sich kein Ausweg öffne . Zu Hagen rief er drum : » O Hagdorn , grün im Laub , du magst so gern mich stechen Und mir die Heldenkraft mit schlauen Sprüngen brechen , So schwerer Mühe satt , will ich mit dir itzt ringen - Und bist du riesenstark , ich will dich näher bringen ! « Er sprach ' s und hochaufspringend warf er die Lanze keck , Sie traf und riß ein Stück ihm von der Rüstung weg Und streifte seine Haut , doch nur ein wenig , an , Dieweil gar starken Panzer sich Hagen umgetan . Walthari aber riß das Schwert aus seiner Scheide Und stürmt auf Gunther ein und schlug den Schild beiseite - So wundersam gewalt ' gen Schwertschlag tat er behende , Daß er ihm Bein und Schenkel ganz von der Hüfte trennte . Halbtot auf seinem Schilde lag König Gunther da , Selbst Hagen wurde blaß , wie solchen Schlag er sah . Hoch schwang Walthari itzt die blutgefleckte Klinge , Auf daß der wunde König den Todesstreich empfinge , Doch Hagen warf dem Hieb das eigne Haupt entgegen , Da sprühte von dem Helm hoch auf ein Funkenregen ; Der Helm war hart geschmiedet . Drum brach das Schwert mit Klirren , Durch Luft und Busch und Gras zahllose Trümmer schwirren . Walthari , wie ihm so die Klinge war zersplittert , Fuhr unwirsch auf , es ward sein Herz von Zorn durchschüttert , Wegwarf verächtlich er den Griff - was sollt ' er nützen , Ob er auch kunstgefüget von Golde mocht ' erblitzen ? Doch wie er unbedacht die Hand zum Wurf ausreckte , Tat Hagen einen Hieb , der sie zu Boden streckte . Da lag die tapfre Rechte , so furchtbar manchem Land , So siegespreisgeschmückt - nun blutend in dem Sand . Ob zwar ein linker Mann - Walthari war noch nicht Der Kunst des Fliehens kundig , starr blieb sein Angesicht , Er biß den Schmerz zusamm ' und in den Schild einschob er Den blut ' gen Stumpf , und schnell mit linker Faust erhob er Das krumme Halbschwert , das er einst im Hunnenland Als Notbehelf sich um die rechte Hüfte band . Das rächte ihn am Feind . Da ward dem grimmen Hagen Sein rechtes Auge ganz aus dem Gesicht geschlagen , Zersäbelt war die Stirn - die Lippen aufgeschlissen , Dazu sechs Backenzähne ihm aus dem Mund gerissen . So ward der Kampf geschlichtet - wohl durften beide ruhn . Laut mahnten Durst und Wunden , die Waffen abzutun . Da schieden hochgemut die Helden aus dem Streit , An Kraft der Arme gleich und gleich an Tapferkeit . Wahrzeichen ließ jedweder zurück von dem Gefechte , Hier lag des Königs Fuß - dort lag Waltharis Rechte , Dort zuckte Hagens Aug ' : so hob an jenem Platz Sich jeder seinen Teil vom großen Hunnenschatz . Die beiden setzten sich . Der dritte lag am Grunde . Mit Blumen stillten sie den Blutstrom aus der Wunde . Hiltgund , der zagen Maid , laut rief Walthari dann , Die kam und legte guten Verband den Recken an . Walthari drauf befahl : » Jetzt misch ' uns einen Wein , Wir haben ihn verdienet , er soll uns heilsam sein . Es sei der erste Trunk dem Hagen zugebracht , Der war dem König treu und tapfer in der Schlacht . Dann reich ' ihn mir , der ich das Schwerste hab ' erlitten , Zuletzt mag Gunther trinken , der lässig nur gestritten . « Die Jungfrau folgt dem Winke , und bracht ' s dem Hagen dar , Da sprach der Held , wie sehr er von Durst gequält auch war : » Walthari , deinem Herrn , sei erst der Trunk gereicht , Braver als ich und alle hat der sich heut erzeigt ! « Zwar müd , doch frischen Geists saß itzt beim Wein geeint Hagen , der Dornige , mit seinem alten Freund . Nach Lärm und Kampfgetös , Schildklang und schweren Hieben Zum Becher dort die zwei viel Scherz und Kurzweil trieben . » Zukünftig « , sprach der Franke , » magst du den Hirsch erjagen , O Freund ! und von dem Fell den Lederhandschuh tragen , Und so du dir mit Wolle ausstopfest deine Rechte , So meint noch mancher Mann , die Hand sei eine echte . O weh , auch mußt fortan du allem Brauch entgegen Am deine rechte Hüfte das breite Schlachtschwert legen , Und will Hiltgunde einst dir in die Arme sinken , So mußt du sie verkehrt umarmen mit der Linken , Und alles , was du tust , muß schief und linkisch sein ... « Walthari ihm erwidert : » O Einaug ' , halte ein ! Noch werd ' ich manchen Hirsch als Linker niederstrecken , Doch dir wird nimmermehr des Ebers Braten schmecken . Schon seh ' ich queren Auges dich mit den Dienern schelten Und tapfrer Helden Gruß mit scheelem Blick entgelten . Doch alter Treu ' gedenkend schöpf ' ich dir guten Rat : Bist du der Heimat erst und deinem Herd genaht , Dann laß von Mehl und Milch den Kindleinbrei dir kochen , Der schmeckt zahnlosem Mann und stärkt ihm seine Knochen . « So ward der alte Treubund erneut mit Glimpf und Scherz , Dann trugen sie den König , dem schuf die Wunde Schmerz , Und hoben sänftlich ihn aufs Roß und ritten aus , Nach Worms die Franken zogen , Walthari ritt nach Haus . Da ward mit hohen Ehren begrüßt der junge Held , Und bald ward auch Hiltgunde dem Treuen anvermählt . Nach seines Vaters Tod tat er der Herrschaft pflegen Und führte dreißig Jahre sein Volk mit Glück und Segen ; Noch in manch schwerem Kampfe gewann er Sieg und Ruhm , Doch stumpf ist meine Feder und billig schweig ' ich drum . Hochweiser Leser du , schenk ' meinem Werke Gnade ! Wohl gleicht mein rauher Reim dem Sang nur der Zikade , Doch für das Höchste ist mein junger Sinn erglüht . Gelobt sei Jesus Christ ! - So schließt Waltharis Lied . Fünfundzwanzigstes Kapitel . Ausklingen und Ende . » So schließt Waltharis Lied . « - Er hat brav gesungen , unser Einsiedel Ekkehard , und sein Waltharilied ist ein ehrwürdig Denkmal deutschen Geistes , die erste große Dichtung aus dem Kreis heimischer Heldensage , die trotz verzehrendem Roste der Zeit unversehrt der Nachwelt erhalten ward . Freilich sind andere Töne darin angeschlagen als in den goldverbrämten Büchlein , die der epigonische Poet ausheckt , - der Geist großer Heldenzeit weht drin , wild und fast schaurig , wie Rauschen des Sturmes im Eichwald , es klingt und sprüht von Schwerteshieb und zerspelltem Helm und Schildrand ein Erkleckliches und ist von minniglichem Flötenton so wenig zu verspüren als von angegeistetem Schwatzen über Gott und die Welt und sonst noch einiges : riesenhafter Kampf und riesenhafter Spaß , altes Reckentum in seiner schlichtfürchterlichen Art , ehrliche fromme schweigende Liebe und echter dreinschlagender Haß , das waren Ekkehards Bausteine ; aber darum ist sein Werk auch gesund und gewaltig worden und steht am Eingang der altdeutschen Dichtung , groß und ehrenfest , wie einer jener erzgewappneten Riesen , die die bildende Kunst späterer Zeiten als Torhüter vor der Paläste Eingang zu stellen pflegt . Und wen die Herbigkeit alter , oft schier heidnischer Anschauung unlieblich anmuten möchte , gleich einem rauhen Luftzug an den Dünen des Meers , draus der frackumhüllte Mensch Erkältung schöpft und ein Hüstlein , der möge bedenken , daß einer das Lied sang , der selber in der Hunnenschlacht gefochten , und daß er ' s sang , die Locken umsaust vom Winde , der über die Schneefelder des Säntis gestrichen , viel hundert Klafter über den Niederungen des Tales , die Wolfshaut zum Mantel , den Felsblock der Höhle zum Schreibtisch , die Bärin zum Zuhörer . Es ist schade , daß die neckenden Geister und Kobolde schon lange ihr frohsames Handwerk eingestellt haben , sonst möcht ' es manch einem Schreibersmann unserer Tage nicht ungedeihlich sein , wenn ihn plötzlich unsichtbare Hände vom Mahagonitisch hinwegtrügen auf die grünen Matten der Ebenalp ; - dort droben , wo der alte Mann in seiner Berggewaltigkeit dem Poeten ins Konzept schaut , wo die Abgründe gähnen , der Donner zwölffältig durch die Schluchten rollt und der Lämmergeier in einsam stolzem Kreisen dem Regenbogen zufliegt , dort muß einer etwas Großes , Kerniges , Bärenmäßiges singen oder reuig in die Kniee sinken wie der verlorene Sohn und vor der gewaltigen Natur bekennen , daß er gesündigt . - - Unsere Erzählung neigt sich zum Ende . Es wär ' ihr vielleicht ein Gefallen geschehen , wenn Ekkehard jetzt nach Vollendung seines Sanges eines sänftlichen Todes verblichen wäre : das hätte einen gar rührenden Schluß gegeben , wie er oben vor seiner Höhle gesessen , den Blick nach dem Bodensee , die Harfe an den Fels gelehnt , die Pergamentrolle in der Rechten , und das Herz wär ' ihm gebrochen , und es hätt ' sich ein schön Gleichnis daran geknüpft , wie der Sänger vom Lodern des Geistes in ihm aufgezehrt ward und dahinstarb , gleich der Kerze , die zur Asche sich verzehrt , eben da sie Licht gewährt , - aber den Gefallen erwies Ekkehard seinem Angedenken bei der Nachwelt nicht . Echte Dichtung macht den Menschen frisch und gesund . Und Ekkehards Wangen hatten sich in währender Arbeit strahlend gerötet , und es war ihm so wohl geworden , daß er oftmals den Arm ausreckte , als woll ' er einen Wolf oder Bären mit einem Schlag der Faust niederschmettern . Wie aber sein Walthari durch Not und Todeswunden glücklich zu Ende geführt war , da jubelte er , daß die Tropfsteine in seiner Höhle verwundert einander zublinzeln mochten , den Ziegen im Stall warf er eine doppelte Atzung an Futter zu , dem Handbuben aber übermachte er etliche Silberpfennige , daß er hinübersteige als Botenknabe nach Sennwald im Rheintal und einen Schlauch rötlichen Weines beschaffe . Es war damals wie jetzt : Ist das Buch zu End ' gebracht , der Schreiber einen Freudsprung macht280 . Darum saß er abends auf der Ebenalp beim alten Senn und trank ihm tapfer zu und nahm ihm das Alphorn vom Nacken und trat auf ein Felsstück und blies nach dem fernduftigen Hegauer Berggipfel hinüber , frohgewaltig , als woll ' er die Herzogin herausblasen auf den Söller und Praxedis dazu , und wolle sie mit Lachen begrüßen . » Wenn ich wieder auf die Welt käme « , sprach er zu seinem Freund , dem Alpmeister , » und hätte vom Himmel herniederzufallen und die Wahl wohin , ich glaube , ich ließ mich zum Wildkirchlein fallen und nirgend anders hin . « » Ihr seid nicht der erste « , antwortete lachend der Alte , » dem ' s bei uns wohl behagt hat . Wie der Bruder Gottschalk noch lebte , sind einmal fünf welsche Mönche heraufgekommen zum Besuch , die haben ein besseres Weinlein mitgebracht , als das von Sennwald ist , und sind drei Tage oben geblieben und haben Sprünge gemacht , daß ihnen die Kutten zu Häupten flogen ; erst wie es wieder bergab ging , haben sie das Antlitz in die gehörigen Falten gelegt , und einer hat noch eine lange Rede an unsere Herden gehalten : Ihr guten Ziegen , seid verschwiegen , sprach er , der Abt von Novalese braucht nichts von unserer Geister Entrückung zu wissen . « » Aber stehet mir einmal Rede , Bergbruder , was habt Ihr in diesen letzten Tagen so geduckt in Eurer Höhle zu sitzen gehabt ? Ich hab ' Euch wohl gesehen , wie Ihr viel Hakenfüße und Runen auf Eselshaut gezeichnet , Ihr habt doch keinen bösen Zauber vor gegen unsere Herden und Berge ? Sonst ... « er sah ihn drohend an . » Ich hab ' ein Lied aufgeschrieben « , sprach Ekkehard . Der Senn schüttelte das Haupt . » Das Schreiben ! das Schreiben ! « brummte er . » Mich geht ' s nichts an , und der hohe Säntis wird , so Gott will , noch auf Enkel und Urenkel herabschauen , ohne daß sie wissen , wie man Griffel und Feder handhabt , aber das Schreiben kann unmöglich vom Guten sein . Der Mensch soll aufrecht einhergehen , wenn er ein Ebenbild Gottes sein will , wer aber schreibt , muß sitzen und den Rücken biegen , ist das nicht das Gegenteil von dem , was Gott angeordnet ? Also muß es vom Teufel kommen . Seht Euch vor , Bergbruder ! und wenn Ihr mir noch einmal geduckt in Eurer Höhle sitzen wollet wie ein Murmeltier und schreiben : beim Strahl ! ich fahr ' Euch als Alpmeister dazwischen und reiß ' Euch Eure Blätter in Fetzen , daß sie der Wind verweht in die Tannenwipfel . Ordnung muß sein hier oben und einfach Wesen , wir leiden nichts Ausgespitztes ! « » Ich will ' s nicht wieder tun « , sagte Ekkehard lachend und reichte ihm die Hand . Der brave Alpmeister war am Sennwalder Rotwein warm geworden . » Und bei Donner und Blitz « , schalt er weiter , » was soll das heißen , ein Lied aufschreiben ? Narrenpossen ! Schreibt ' s einmal auf , wenn Ihr könnt ! « Er hub einen Jodelgesang an in so unmoduliert gröblichen Naturlauten , daß auch das geübteste Ohr einen mit Wort oder Schriftzug darzustellenden Ton vergeblich darin zu entdecken vermocht hätte . - - Zur selben Stunde saß zu Passau an der Donau im reblaubumrankten Gartenstüblein der Bischofspfalz ein Mann in der Frische sprossenden Mannesalters vor einem steingehauenen Tisch . Ein unnennbar feiner Zug lag um den von braunem Bart überdeckten Mund , üppige Locken wallten unter dem samtnen Barett herfür , seine dunkeln Augen folgten dem Zuge der schreibenden Rechten . Zwei blonde Knaben stunden neugierig an der hölzernen Armlehne seines Stuhles und schauten ihm über die Schulter ... es war schon manch ein Blatt beschrieben von Fahrten und Stürmen und Not und tapferer Helden Tod - er schrieb jetzo am letzten . And dauerte nicht lang ' , so tat er die Feder weg und trank einen langen , tiefen , ernsten Schluck ungrischen Weines aus dem spitzen Pokal . » Ist ' s jetzt fertig ? « sprach der eine Knabe . » Es ist fertig ! « nickte der Schreibersmann , » alles fertig , wie es sich hub und wie es kam und wie es ein bitter Ende nahm . « Er reichte ihm die Blätter , und jubelnd sprangen die Knaben zu ihrem Ohm , dem Bischof Pilgerim , und wiesen ihm die Schrift .