Köpf , daß man sich nicht wundern darf , daß es so viel dumme Leut gibt . Streit und Certat muß sein in der Welt , sonst ist ' s langweilig , aber wohl wär ' s besser , die Menschen täten witzig miteinander fertig werden statt spitzig , einander tupfen statt stechen , striegeln statt prügeln , mit dem Kamm lausen statt mit dem Kolben . Wenn aber einer tut , was alle tun , und tut ' s meinthalb ein wenig ärger , so sollt man ihn doch nicht um ' n ganzen Stock höher henken , wie wenn er was ganz Besonders getan hätt . « » Es scheint , da muß sich die Obrigkeit verantworten ! « warf der Fischer bissig dazwischen . » Ich hab mein jährlichs Gratial vom Haus Östreich « , sagte der Invalide stolz : » die Obrigkeit kann mir nichts geben und nichts nehmen . Ich sag nichts wider sie , aber ich red , wie mir der Schnabel gewachsen ist . « » Ja , für ' n wild ' s Tier , das dem Flecken täglich mit Mord und Brand droht hat ! « schrie der Müller , der den Wein zu spüren begann . » Um dieser Reden willen hätt ich auch wieder ' n Stecken für ihn in Bereitschaft « , sagte der Invalide , der nach langer Krankheit wieder einmal ausgegangen war und sich hinter dem Glase so behaglich fühlte , daß er aufgelegt war , seine Meinung standhaft gegen Feind und Freund durchzufechten . » Und zwar tät ich ihn darum züchtigen , weil er mit solchen Reden sich selber am meisten schad ' t. Aber er hat sich nicht schlecht dagegen verantwortet schon vor sechs Jahr , wie der Schütz einmal aus ' m Verhör erzählt hat . Reden denn die andern französisch ? hat er gesagt . Und das ist die Wahrheit . Wo man hinhört , wie die Leut voneinander reden , so hört man : Den Kerl mach ich kalt , ich hau ihm ' n Flügel vom Leib , hin muß er sein , nicht lebendig soll er mir vom Platz kommen , oder : die ganz Familie muß mir ausgerottet sein , es soll keiner übrigbleiben , der an die Wand pißt , mit Respekt zu melden , wie ' s in der Bibel heißt . Ist ' s denn viel ärger , wenn einer droht , er zünd den Flecken an , daß den Leuten die Häuser über ' m Kopf abbrennen , und das Kind im Mutterleib dürf ihm nicht davonkommen ? Ist nicht ein Geschwätz so dumm wie das ander , und ist aus ' m einen mehr worden als aus ' m andern ? Was hat er denn getan , frag ich . « Das Murren war allmählich zum Geschrei gestiegen , und einige Stimmen riefen bereits : » Schmeißet ihn ' naus ! « » Redet ihr feiner ? « fuhr der Invalide mit erhobener Stimme fort . » Ihr seid auch grob wie ungespalten Holz , aber ihr wisset ' s nicht , weil ihr euch selber vor eurem eigenen Schreien nicht höret . Ihn aber höret ihr , weil er mit seiner Bärenstimm Manns genug ist , euch alle ins Stroh zu schreien , und weil er noch trotziger und wilder und wüster als ihr reden kann , wenn er verzürnt ist . Das nehmet ihr dann als bare Münz , wiewohl er euch den Flecken noch lang nicht anzünd ' t hat , aber was Guts an ihm ist , das wollet ihr nicht für bar gelten lassen . « Der Invalide blickte ruhig in den jetzt ausbrechenden Sturm , auf nichts als seine Gebrechlichkeit vertrauend , obgleich wenig darauf zu wetten war , ob er mit heiler Haut davonkommen würde : denn nicht nur war das Geschrei gegen ihn zum tobenden Gebrüll geworden , sondern es hatten sich auch Fäuste gegen ihn erhoben , und darunter die beiden derben Schlagwerkzeuge des Müllerknechts , der es durchaus nicht in seinen Kopf bringen konnte , daß man einen Menschen in Schutz nehme , der ihm , seinem Freund und Guttäter , das Messer in den Arm gestoßen hatte . » Mir scheint ' s , man muß den Flecken noch besser säubern « , schrie der Fischer , dessen Stimme nur noch in der nächsten Umgebung zu verstehen war . » Wenn ein Fleckenräuber so Freund im Ort selber hat , so ist ' s kein Wunder , daß er sich bei Tag und Nacht ohne Gefahr hier aufhalten kann . « » Er ist in der ganzen Zeit nicht ein einigsmal bei mir gewesen « , entgegnete der Invalide , der sich gleichfalls nur noch seinem Gegner und den Zunächstsitzenden vernehmlich machen konnte . » Er weiß wohl , daß ich ein alter hilfloser Mann bin und daß er mich nicht in Verlegenheit bringen will , wiewohl er weiß , daß ich ihm nicht feind bin , das ist auch noch nobel von ihm . « » Nobel ! « schrie der Fischer giftig . » B ' hüt uns Gott vor Gabelstich , dreimal gibt neun Löcher ! « Der Aufruhr in der Gesellschaft hatte den höchsten Gipfel erreicht , als der Schütz eintrat und durch sein Erscheinen wie ein Wetterableiter wirkte . Nicht der Anblick des Stückes Obrigkeit , sondern sein Aussehen war es , was den Sturm beschwor . Die listig zusammengekniffenen Augen , die blinzelnd auf der rotglühenden Nase hafteten , und die schalkhaft herausgepreßten Lippen verrieten es , daß ihn ein Geheimnis drückte , das neben einem Teil Verlegenheit viel Spaßhaftes enthalten mußte . Die Blicke der Anwesenden richteten sich erwartungsvoll auf ihn , während er , zufällig neben dem Invaliden noch ein wenig Platz findend , sich einen Stuhl zu diesem rückte und ihm ein paar Worte ins Ohr sagte . Der Invalide schlug mit der Faust auf den Tisch und stieß ein herzliches Gelächter aus , das er zwei- , dreimal rasch nacheinander die Tonleiter herabrollen ließ . » Was ist ' s ? Was gibt ' s ? « schrien die andern . » Im Amthaus hat man ' s seit heut vormittag schon gewußt « , fuhr der Schütz halblaut , doch so , daß die andern es hören konnten , gegen den Invaliden fort . » Dort ist ein Jubeln und Lachen drüber , daß dem gestrengen Herren so eine Eul aufgesessen ist . Wer Nasen wachsen sehen will , der muß jetzt nach Göppingen gehen , da ist eine ganze Kultur davon , wie ein junger Wald , alle so lang . Dasmal hat man ' s durch kein ' Expressen runter vermelden lassen , sondern durch eine stille Gelegenheit . « » Was ist denn geschehen ? « fragte der Müller , dem Schützen sein Glas anbietend , da er dies für das geeignetste Mittel hielt , ihn zum Reden zu bringen . Der Schütz trank es vergnüglich aus und antwortete dann : » Man darf ' s eigentlich noch gar nicht sagen , das Oberamt hat ' s bei Kopfabhauen verboten , denn dort schämen sie sich schwarz . « Andere folgten dem Beispiel des Müllers , da der Schütz entschlossen schien , seine Neuigkeit so gut als möglich zu verwerten . » Was ist denn los ? « fragte endlich der Fischer den Invaliden . » Ein Vogel « , antwortete dieser lachend . Der Schütz sah den Fischer , der seinen Wein an ihm gespart hatte , eine Weile stillschweigend an , gleichsam um die Wirkung seiner Worte vorzubereiten . » Er ist durch ! « sagte er dann geheimnisvoll . Das blasse Gesicht des Fischers , der die Wahrheit bereits geahnt haben mochte , wurde einen Augenblick kreideweiß . Die andern begriffen noch nicht recht , um was es sich handelte , und starrten den Schützen mit aufgerissenen Augen an . » Wer ist durch ? « fragte der Müllerknecht . » Wer ? « rief der Schütz . » Gibt ' s denn zwei so ? Der von Hohentwiel über alle Mauern und Felsen fortgeflogen ist , hat dem Göppinger Käfig die Ehr auch nicht lassen wollen . Wie er gestern eingeliefert worden ist , schon spät in der Nacht , hat man ihn auf die Hauptwacht gesetzt , hat ihm ein eisern Halsband und den Hosenträger angelegt und hat ihn mit einer Kette an die Wand angefesselt , so daß er drei , vier Schritt hat in der Stub rumgehen können . Auch hat man ihm zween Mann beigegeben , die ihn die ganz Nacht hätten verwachen sollen . In der Nachmittnacht ist der ein Wächter fort und hat eins geschrien ; wie er aber zurückkommt , find ' t er sein Kameraden eingeschlafen - der behauptet , es müß ihm angetan worden sein - und kein Sonnenwirtle ist nimmer dagewesen . Er hat den Göppingern ihren Geschmuck mit fort , Halsband und Hosenträger , wahrscheinlich hat er ' s zum Andenken behalten wollen . Und sein Christine wird jetzt auch wieder bei ihm sein . Ich glaub , er hat sich extra deswegen fangen und nach Göppingen liefern lassen , um sie dort abzuholen , aber er ist zu spät kommen , denn gestern abend , noch vor seiner Ankunft , hat man sie losgelassen , weil man nicht gewußt hat , was man eigentlich mit ihr tun soll ; und da wird er wohl denkt haben , er sei jetzt überflüssig , und ist also auch gleich wieder fort . « » Wie ' s Teufels ist er denn aber von der Kette kommen ? « fragte der Müller . » Du hast schon den rechten Namen genannt « , schrien ihm mehrere zu . » Kannst dir wohl denken , wer ihm allemal forthilft . « » Jetzt muß wieder der Teufel im Spiel sein ! « sagte der Invalide lachend . » Wisset ihr nicht mehr « , rief einer der Gäste , » wie er in der Stub da - an dem Platz , wo jetzt der Peter sitzt , ist er gesessen « - der Knecht rückte bei diesen Worten etwas betreten den Stuhl - » wie er da gesagt hat , er glaub an gar nichts ? Ich hab gleich bei mir denkt , es werd sein ' guten Grund han , daß er nichts zugeben will . Denn sich aus Ketten und Banden nur so rausschälen und über Mauern und Felsen runterkommen - Mannen ! das sind Ding , die nicht natürlich zugehen . « Der Redner sah sich unwillkürlich um , ob nichts Unheimliches hinter ihm sei . Die andern murmelten : » Gott sei bei uns ! « Der Invalide hatte inzwischen dem Schützen zugehört , der ihm erzählte : » Man hat auf seiner Britsch ' n Nagel gefunden , den er draus rausgezogen haben muß , und an der Kette ein schadhaftes Glaich , das er wahrscheinlich mit dem Nagel vollends aufdruckt hat ; denn dem ist ein Nagel mehr als einem andern ein ganzes Handwerkszeug . So gibt ' s bloß ein ' . « » Wer hätt ' sich ' s auch träumen lassen « , begann einer , » daß die Metzelsupp so ausging ! Sie hat so lustig angefangen . « » Es kann noch Blutwurst regnen « , fiel ein anderer ein . » Jetzt kann ' s der Fleck büßen müssen , daß man ihm so nachgestellt hat und erst noch vergeblich . « » Es ist auch nicht recht « , sagte ein dritter , » daß man einen Menschen zu seinen Kindern lockt und bei ihnen überfällt . So was sollt man ja dem unvernünftigen Tier nicht zuleid tun . « » Ja , ' s ist wider die Natur « , sagte ein vierter . » Ich will nichts davon , und wenn ich auch drunter mitleiden muß , so weiß ich doch wenigstens , daß mich ' s unschuldig trifft . « Er sagte dies so laut , daß man es in jeder Ecke der Stube hören konnte . » Nun , wenn er etwa unsichtbar zugegen ist « , bemerkte der Invalide lachend , » so hat er ' s sicherlich gehört und wird sich darnach richten . « Der Fischer , der bei der veränderten Lage der Dinge die öffentliche Meinung von sich abfallen sah , sagte ingrimmig : » Die Göppinger können warten , bis ich ihnen wieder einen fang und mir für sie die Finger verbrenn . « » Ja « , versetzte der Müller , » und meinen sie denn , ihr Unschick sei dadurch ungeschehen gemacht , daß man nicht davon reden soll ? « » Auf die Länge läßt ' s sich natürlich nicht verbieten « , sagte der Schütz . » Der Befehl ist aber , man solle vorderhand kein unzeitig Geschrei machen , wenn er aber so verwegen sei , daß er sich abermals in die hiesige Gegend ziehe , so solle man unverweilt und mit der größten Öffentlichkeit einen Preis von hundert Gulden auf seinen Kopf setzen . « » Hundert Gulden ? « rief der Fischer . » Auf sein ' Kopf ? « rief der Müller . » Hundert Gulden , wer ihn bringt , lebendig oder tot « , antwortete der Schütz . Der Fischer schlug die flachen Hände auf den Tisch . » Den Preis will ich verdienen « , sagte er . » Ich auch ! « rief der Müller . » Und ich ! « rief der Knecht , dem die Gespensterfurcht zu vergehen schien , seinem Meister nach . Die anderen Gäste tranken schweigend aus , und ihre langen Gesichter verrieten , daß das Gelübde der drei sie nicht sonderlich im Glauben an die Sicherheit des Fleckens befestigt habe . Bei dem allgemeinen Aufbruch waren der Invalide und der Schütz die letzten . » Gelt , Beck , hast auf eine größere Zech abgehoben ? « sagte dieser zum Bäcker , » und jetzt ist auf einmal ein Haar in dein ' Wein gefallen . Ich will dich wenigstens einigermaßen schadlos halten . Gib mir ein paar Schoppen mit , das Amt soll ' s zahlen . Es muß heut nacht etliche Mannschaft auf ' m Rathaus wachen , für alle Fäll . Der Herr will ruhig schlafen können , denn ' s ist ihm doch nicht ganz wohl bei der Sach . Aber trotzdem bricht er einmal über ' s ander in ein Lachen aus , daß ihm der Bauch wackelt , und sagt vor sich hin : Ich vernemme , daß die Anstalten des Herrn Vogts nicht die besten sind . « Er empfing den verlangten Wein und ging mit dem Invaliden fort . Der Bäcker , der jetzt allein war , zündete eine Küchenampel an , löschte die Lichter aus und setzte sich in den hinterlassenen Lehnstuhl seiner verstorbenen Frau , um hier die nahe Backstunde abzuwarten , vielleicht auch in der Hoffnung , an die Wachmannschaft auf dem Rathause noch etwas von seinem Wein abzusetzen . Er schlief ein , glaubte aber noch nicht lange geschlafen zu haben , als er , durch ein Geräusch oder eine innere Beunruhigung erweckt , die Augen aufschlug . Mit offenen Augen glaubte er zu träumen , denn am Wirtstische saß in dieser späten Stunde eine Gestalt , die den großen Krug vor sich aufgepflanzt , eine Flasche daraus gespeist hatte und den Wein aus dem gefüllten Glase bedächtig kostete . Der Bäcker schloß die Augen und öffnete sie wieder , aber die Erscheinung war noch immer da und schien greifbare Wirklichkeit zu sein . Durch den Wald von Kopf- und Barthaaren , die das trotzige Gesicht beinahe ganz bedeckten und ihm für einen unter lauter glatten Gesichtern aufgewachsenen Menschen ein fürchterliches Aussehen gaben , erkannte er ihn bei dem armseligen Schein der Ampel , den Gefürchteten , den Schrecken der Gemeinde , des Amtmanns und des Vogts . Sein Blick ruhte mit spöttischem Ausdruck auf dem Wirt . » Hast wieder einmal geduselt , Beck ? « begann er . » Dein Wein ist nicht besonders . Wie dein Weib noch gelebt hat , hast du einen besseren geführt . Gott hab sie selig , sie war ein braves Weib , schlecht und recht , betete wenig Sprüche , hatte aber Christentum im Herzen und hätte es für eine Sünde gehalten , einen guten Wein zu verderben . Ich will nicht hoffen , daß du ihn schmierst . « » Er steht schon den ganzen Abend im Krug « , sagte der Bäcker schüchtern . » Ich will frischen holen . « » Tu das und komm bald wieder , denn ich hab eine Erquickung nötig . « Der Bäcker ging . Sowie die Türe sich hinter ihm geschlossen hatte , eilte der seltsame Gast hinzu und horchte . Bald hörte er , wie die Haustüre ging und der Schlüssel langsam und leise darin umgedreht wurde . » Ich hab ' s von dem Schubjack nicht anders erwartet , als daß er mich verraten werde « , sagte er und sah sich in der Stube um . Der große tiefe Wandschrank schien ihm zu gefallen : er schloß ihn auf , leuchtete einen Augenblick hinein und stellte dann die Ampel wieder genau dahin , wo sie gestanden war . » Schlechte Maus , die nur ein Loch weiß , aber es wird genügen « , sagte er , schlüpfte in den Schrank und zog die Türe desselben hinter sich zu . Er war noch nicht lange darin , als die Haustüre mit dem Geräusch aufgeschlossen wurde und die Wachmannschaft , den Bäcker an der Spitze , in die Stube stürzte . Sie sahen sich um . » Wo ist er denn ? « schrien alle wie aus einem Munde . » Da ist er gesessen « , sagte der Bäcker bestürzt . » Geschwind , das Haus durchsucht ! « schrien sie und verteilten sich nach allen Richtungen . Die Stube , die angrenzende Kammer und Küche wurden sorgfältig durchgesucht , aber an den Schrank dachte niemand . Nachdem sie hier und in den anderen Räumen des Hauses mit den wieder angezündeten Lichtern in jeden Winkel geleuchtet und nichts gefunden hatten , kamen sie zurück . Die einen schalten , die anderen höhnten den Bäcker , daß er sie um eines leeren Traumes willen in Alarm gebracht habe . Derselbe schwur hoch und teuer , der Sonnenwirtle sei in seinem Haus gewesen , auf diesem Stuhle sei er gesessen und aus dieser Flasche habe er getrunken . » Jetzt glaub ich ' s auch « , sagte er , » daß er mit dem Teufel im Bund ist , denn sonst könnt ich nicht begreifen , wie er ' nauskommen ist , denn ich hab die Haustür zugeschlossen , wie ihr selber wisset , und einen anderen Ausgang gibt ' s nicht . Daß er reinkommen ist , wundert mich weniger , denn es wär möglich , daß ich vorher nicht zugemacht hätt ' , weil ich mir fürgestellt hab , ihr werdet doch noch mehr Wein wollen . « » Das ist noch das Vernünftigst , was dir den ganzen Abend durch den Schädel gangen ist « , sagte der Schütz . » Und da wir einmal da sind , so wollen wir eben so frei sein und des Sonnenwirtles sein Wein versuchen . Sein Wohl ! Ich wünsch ihm , daß er weit von hier sein guts Brot finden und uns nichts mehr zu schaffen machen möcht . « Er trank und ließ die Flasche weitergehen . » Du bist gut laden , wie langs Heu « , sagte ein anderer zu ihm . » Ja , du hast deine beste Züg im Hals « , bemerkte ein dritter . Nachdem die Flasche geleert war , sprachen sie auch noch dem Kruge zu , scherzten über die Geisterseherei des Bäckers und begaben sich endlich wieder auf ihren Posten zurück . Der Bäcker begleitete sie , schloß die Haustüre hinter ihnen sorgfältiger als jemals ab und ging wieder in seine Stube . Aber wer vermag sein Entsetzen zu beschreiben , als er seinen furchtbaren Gast an derselben Stelle und in der gleichen Haltung wie vorhin am Tische sitzen sah . Langsam und ruhig , aber mit dem strengen Blicke eines Richters , wendete dieser sein Gesicht nach ihm hin . » Elender Hund « , sagte er , » hab ich dir je in meinem Leben etwas zuleid getan ? Kannst du ' s vor deinem Weib verantworten , daß du den Verräter an mir gemacht hast ? Sie würde dich nicht mehr ansehen , wenn sie noch lebte . Geh , du bist nicht wert , in dem Stuhl zu sitzen , der so oft ihr Schmerzenslager gewesen ist . « Der Bäcker zitterte und hatte alle Fassung verloren . Der Gast schlug ein Gelächter auf , das dem Wirt durch Mark und Bein ging . » Was seid ihr doch für erbärmliche Dummköpfe ! « rief er . » Ihr habt mich gesehen , angerührt und in der Hand gehalten und habt mich doch mit allen euren Lichtern nicht gefunden . « Der Bäcker starrte ihn mit irren Blicken an . Der Schreckliche erzählte ihm haarklein alles , was vorgegangen , und wiederholte ihm jedes Wort , das gesprochen worden war . Dem Bäcker wirbelte der Kopf . » Dummer Tropf ! da , in der Bouteille bin ich gesteckt ! « rief jener endlich höhnisch . Der Bäcker fiel auf die Knie , streckte die Hände , wie um Gnade flehend , nach ihm aus und war feig genug , zur Verminderung seines eigenen Kerbholzes , ihm zu verraten , welches Gelübde der Fischer , der Müller und dessen Knecht getan . » Jetzt hol mir frischen Wein , hast mich lang genug warten lassen . Ich will dich noch einmal auf die Probe stellen , aber ich folge dir unsichtbar . Wenn du mir einen falschen Tritt tust , so sitz ich dir im Nacken und will dich reiten , daß du nach Gott schreien sollst . Und misch mir den Wein nicht , Schuft , oder du sollst mir keines natürlichen Todes sterben . « Diesmal brauchte er nicht an der Türe zu lauschen , denn der Bäcker hatte sie weit offengelassen . Er hörte ihn den richtigen Weg nach dem Keller einschlagen , aus welchem er bald wieder zurückkam , fast wahnsinnig vor Angst , die sich erst etwas legte , als er das Gespenst nicht mehr hinter sich vermuten mußte , sondern leibhaftig vor sich am Tische sitzen sah . Der Unhold stellte ihm die mißliche Aufgabe , sich zu besinnen , welche Strafe er durch seinen Verrat verdient habe , und trank , während der Bäcker alle Qualen der Todesangst ausstand , seinen Wein langsam und behaglich aus . Dann erhob er sich mit den Worten : » Wenn ich wiederkomme , so laß dir keinen solchen Spaß mehr einfallen , ich könnt ein andermal ernsthafter aufgelegt sein . Was schaust denn so nach meinem Fuß ? « fuhr er ihn an , » ja so , du bist neugierig , ob kein Pferdefuß zum Vorschein komme . Nein , dummer Kerl , das Ding sitzt nicht im Fuß . Sieh , da sitzt ' s ! « Er klopfte ihm mit dem Knöchel des Fingers an den Kopf , wie man an ein Faß klopft , aber so stark , daß der Bäcker beinahe zu Boden fiel . Dann verließ er das Haus , und der Bäcker schloß abermals die Türe , aber ohne den beruhigenden Glauben , daß diese Maßregel ihm irgendeine Sicherheit zu gewähren vermöge . Er dachte nicht mehr an das Backen , sondern löschte schnell die Lichter und schlüpfte angekleidet , von Angst und Fieber geschüttelt , in sein Witwersbett . Der Geächtete ging nach der einzigen Heimat , die er noch in seinem Vaterorte hatte , obwohl auch diese für ihn unzuverlässig geworden war . Er drückte den Riegel der Hintertüre , den Finger durch die Türspalte drängend , leise zurück , und nach wenigen Augenblicken stand er vor dem Bette seiner Schwiegermutter . Auch dieser drang ein eisiger Schreck durch die Gebeine , als sie , plötzlich erwachend , in ungewissem Sternenlichte eine geisterhafte Gestalt mit aufgehobenem Finger vor sich stehen sah und alsbald ihren verratenen Schwiegersohn erkannte . » Welchen Judaslohn habt Ihr für die Auslieferung gekriegt ? « fragte er . Sie vermaß sich mit den höchsten Schwüren , daß sie weder etwas bekommen noch etwas verdient habe und daß der Überfall ihr selbst ganz unversehens gekommen sei . Er ließ den Verdacht , der mehr in seinem Gemüt als an bestimmten Beweisen haftete , auf sich beruhen und weckte seinen Knaben . Der Kleine lächelte ihn mit halboffenen Augen wie im Traume an . » Da siehst , Friederle , daß dein Vater frei ist . Brauchst dich nicht zu grämen . Willst mit ? « » Er wird doch nicht das Kind durch die Wälder rumschleifen wollen ! « rief die Alte lebhaft . » Ein Vater kann sein ' Buben in dem Alter noch nicht pflegen . « » Er hat ja seine Mutter « , antwortete er . » Sie ist frei und wohl aufgehoben . « » Gott sei Lob und Dank ! « rief die Alte , sei es , daß eine menschliche Regung sie erfaßt hatte oder daß sie ihn in guter Laune zu erhalten trachtete . » Aber wenn auch ! « fuhr sie fort , » das ist kein Leben für ein Kind , und mein Hühneraug sagt mir , daß noch einmal Schnee fällt . Laß Er mir nur den Buben da , ich geb ihn nicht her . « Sie kannte ihn wohl und hatte die rechte Saite getroffen . » Wenn Ihr eine gute Ahne seid « , sagte er , » so will ich fünfe grad sein lassen . Aber fahret mir säuberlich mit den Kindern , das sag ich Euch . Wo ich auch bin , mein Aug zielt immer daher , und ich weiß immer , wie ' s bei Euch steht , so gut als wenn ich gegenwärtig wär . « Er küßte die Kinder , von welchen das kleinere ruhig fortschlief , und wandte sich zum Gehen . » Ich will noch einmal mit dem Sonnenwirt wegen der Auswanderung reden « , rief ihm die Alte nach . » Wo Er sich mit der Christine aufhält , will ich nicht fragen , damit Er nicht wieder mißtrauisch wird . Er kann sich ja von Zeit zu Zeit erkundigen oder durch vertraute Leut anfragen lassen . Und halt Er sich nicht hier auf , das Klima ist nicht gesund für Ihn . « » Schon recht , aber erst tu ich noch einen Tuck « , antwortete er und war verschwunden . Die Alte fuhr unter die Decke und murmelte ein langes Dankgebet für ihr glückliches Entrinnen . Am anderen Tage geriet der Flecken in eine unaussprechliche Aufregung , als man die Begebenheiten der verflossenen Nacht erfuhr . Außer dem Besuche bei dem Bäcker , der infolge der erlittenen Schrecknisse krank darniederlag , hatte der Sonnenwirtle noch ein weit tolleres Stück verübt . Er war auf unerklärliche Weise in das Haus seines Todfeindes , des Fischers , eingedrungen , hatte diesen nebst dessen Frau aus ihrem zweischläfrigen Bette aufgescheucht , sich ' s auf demselben bequem gemacht und das Ehepaar mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen , ihm die ganze Nacht Gesellschaft zu leisten . Kochend vor Wut , hatte der Fischer es gleichwohl nicht wagen dürfen , einen Fuß zu rühren oder einen Laut von sich zu geben , und war der Gewehrmündung des schwergereizten Feindes , so wie einem bitter höhnenden Witze eine endlose Nacht hindurch preisgegeben gewesen , während nicht weit davon auf dem Rathause für die allgemeine Sicherheit gewacht wurde . Vor Tagesanbruch hatte der Eindringling das Haus unter den gräßlichsten Drohungen und mit feierlicher Wiederholung des Schwures , daß er den nächsten Angriff unnachsichtlich mit einer Kugel bestrafen werde , verlassen , ohne jedoch dem Fischer ein Haar gekrümmt zu haben , und zufrieden mit der Angst , die er ihn hatte ausstehen lassen . Im Fortgehen aus dem Flecken hatte er sich sodann noch dem oberen Müller ins Andenken geschrieben , indem er ihn mit einem Schuß durch das Fenster begrüßte , der aber , da er von unten nach oben ging und in die Decke schlug , nicht in gefährlicher Absicht versendet sein konnte . Von diesem Tage an wurde der ausgestoßene Sohn des Sonnenwirts von dem im Banne des tiefsten Aberglaubens befangenen Volk zum Helden einer Sage erhoben , welche sein wunderbares Entkommen aus Mauern und Banden dem Bunde mit der Hölle zuschrieb . Der Amtmann war in Verzweiflung , da dieser Hexenglaube vollends alle Tatkraft lähmte und den zur Rache entflammten Flüchtling , dessen hellem Geiste sich hier ein neues Schreckmittel darbot , zum unumschränkten Herrn des Fleckens zu machen drohte . Der Fischer und der Müller , dem sein Knecht blindlings folgte , erholten sich zuerst von den Schrecken jener Nacht , indem bei ihnen die Wut über den Aberglauben siegte . Besonders wurde der Fischer durch die Spöttereien des von ihm herausgeforderten Invaliden aufgestachelt , welcher keine Gelegenheit vorüberließ , auf die heimlichen Gastfreunde , die der Sonnenwirtle im Flecken habe , anzuspielen ; und er beteuerte sich zu wiederholten Malen , daß er einen Schuß an die ausgesetzten hundert Gulden rücken wolle , verschwor sich auch förmlich mit den beiden anderen Teilhabern seiner Rache , dem Verhaßten aufzupassen und ihn lieber tot als lebendig dem Amte zu überliefern . Die übrigen Bürger aber fühlten wenig Lust , es mit einem Zauberer aufzunehmen , der vor seinen Verfolgern sich in