selbst willen meine Standhaftigkeit erproben . So stark ist die Selbstsucht , daß sie selbst da noch leuchtet , wo die reinste Liebe untergeht , und mit trügerischen Vorspiegelungen den Willen zu gängeln weiß . Doch darf ich mir gestehen , daß es im Grunde eine Art romantischen Pflichtgefühls war , welches mich unbefangen antrieb , keiner merkwürdigen Erfahrung auszuweichen . Auch verlor sich die unheimliche Aufregung , sobald Judith Licht angezündet und ein helles Feuer entflammt hatte . Ich saß auf dem Herde und plauderte ganz vergnüglich mit ihr , und indem ich fortwährend in ihr vom Feuer beglänztes Gesicht sah , glaubte ich stolz mit der Gefahr spielen zu können und träumte mich in die Lage der Dinge zurück , wie ich vor zwei Jahren noch ihr Haar auf-und zugeflochten hatte . Während der Kaffee singend kochte , ging sie in die Stube , um ihr Halstuch abzulegen und ihr Sonntagskleid auszuziehen , und kam im weißen Untergewande zurück , mit bloßen Armen , und aus der schneeweißen Leinwand enthüllten sich mit blendender Schönheit ihre Schultern . Sogleich ward ich wieder verwirrt , und erst allmählich , indem ich unverwandt sie anschaute , entwirrte sich mein flimmernder Blick an der ruhigen Klarheit dieser Formen . Ich hatte sie schon als Knabe ein- oder zweimal so gesehen , wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete , und obgleich ich jetzt anders sah als damals , schien doch die gleiche Vorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen , auch bewegte sich Judith so sicher und frei , daß diese Sicherheit auch auf mich überging . Sie trug den fertigen Kaffee in die Stube , setzte sich neben mich , und indem sie das herbeigeholte Kirchenbuch aufschlug , sagte sie » Seht , ich habe alle die Bildchen noch , die Ihr mir gezeichnet habt ! « Wir betrachteten die komischen Dinger , eins ums andere , und die unsicheren Striche von damals kamen mir höchst seltsam vor , wie vergessene Zeichen einer unabsehbar entschwundenen Zeit . Ich erstaunte vor diesen Abgründen der Vergessenheit , die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen , und betrachtete die Blättchen sehr nachdenklich ; auch die Handschrift , womit ich die Sprüche hineingeschrieben , war eine ganz andere und noch diejenige aus der Schule . Die ängstlichen Züge sahen mich traurig an ; Judith sah auch eine Zeitlang still auf das gleiche Bildchen mit mir , dann sah sie mir plötzlich dicht in die Augen , indem sie ihre Arme um meinen Hals legte und sagte » Du bist immer noch der gleiche ? An was denkst du jetzt ? « - » Ich weiß nicht « , erwiderte ich . » Weißt du « , fuhr sie fort , » daß ich dich gleich , fressen möchte , wenn du so studierst , ins Blaue hinaus ? « und sie drückte mich enger an sich , während ich sagte » Warum denn ? « - » Ich weiß selbst nicht recht ; aber es ist so langweilig unter den Leuten , daß man oft froh ist , wenn man an etwas anderes denken kann ; ich möchte dies auch gern , aber ich weiß nicht viel und denke immer das gleiche , obschon mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht ; wenn ich dich nun so staunen sehe , so ist es mir , als ob du gerade an das denkst , woran ich auch gern sinnen möchte , ich meine immer , es müßte einem so wohl sein , wenn man mit deinen geheimen Gedanken so in die Weite spazieren könnte ! Oh , es muß einem da so still und klug , so traurig und glückselig zu Mute sein ! « So etwas hatte ich noch niemals zu hören bekommen ; obgleich ich wohl einsah , daß die Judith sich allzusehr zu meinen Gunsten täuschte , was meine inneren Gedanken betraf , und ich tief beschämt errötete , daß ich glaubte , die Röte meiner brennenden Wange müsse ihre weiße Schulter anglühen , an welcher sie lag so sog ich doch Wort für Wort dieser süßesten Schmeichelei begierig ein , und meine Augen ruhten dabei auf der Höhe der Brust , welche still und groß aus dem frischen Linnen emporstieg und in unmittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige Heimat des Glückes . Judith wußte nicht , oder wenigstens nicht recht , daß es jetzt an ihrer eigenen Brust still und klug , traurig und doch glückselig zu sein war . Es dünkt mich , die Ruhe an der Brust einer schönen Frau sei der einzige und wahre irdische Lohn für die Mühe des Helden jeder Art und für alles Dulden des Mannes und mehr wert als Gold , Lorbeer und Wein zusammen Nun war ich zwar sechszehn Jahr alt und weder ein Held noch Mann , der was getan hatte ; doch fühlte ich mich ganz außer der Zeit , wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem Augenblicke , und mir ging es durch das Herz , als ob ich jetzt jene schöne Ruhe vorausnähme für alles Leid und alle Mühe , die noch kommen sollten . Ia , dieser Augenblick schien so sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen , daß ich nicht einmal aufschreckte , als Judith , in dem Gesangbuch blätternd , ein zusammengefaltetes Blatt hervorzog , es aufmachte , mir vorhielt und ich nach langem Sinnen jenes beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erkannte , das ich vor Jahren einst den Wellen übergeben hatte . » Leugnest du noch , daß dies gute Kind dein Schätzchen sei ? « sagte sie , und ich leugnete es aus Mutwillen zum zweiten Male , das Blatt als eine vergessene Kinderei erklärend . In diesem Augenblicke riefen Stimmen vor dem Hause , welche wir als diejenigen der vier Männer erkannten . Sogleich löschte sie das Licht aus , daß wir im Dunkeln saßen ; doch die unten begehrten nichts desto minder Einlaß , indem sie riefen » So macht doch auf , schöne Judith , und wartet uns mit einer Tasse heißem Kaffee auf ! wir wollen uns ehrbar benehmen und noch ein vernünftiges Wort sprechen ! Aber macht auf , zum Lohn dafür , daß Ihr uns so angeführt habt ; es ist Fastnacht , und Ihr dürft ohne Gefährde einmal die vier ruhmwürdigsten Kumpane des Landes bewirten ! « Wir hielten uns aber ganz still ; schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben , es wetterleuchtete sogar , und in der Ferne donnerte es , daß es klang , als wäre es Mai oder Juni ; um Judith kirre zu machen , sangen die Männer mit heuchlerischer Sorgfalt ein vierstimmiges Lied , so schön sie konnten , und ihr überwachter Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerührt Vibrierendes . Als dies alles nichts half , fingen sie an zu fluchen , und einer kletterte am Spalier zum Fenster empor , um in die dunkle Stube zu sehen . Wir bemerkten wohl seine spitzige Kapuze , die er über den Kopf gezogen hatte ; da erhellte mit einem Mal ein Blitz die Stabe , und der Späher konnte Judith ihres weißen Zeuges wegen erkennen . » Die verwünschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch ! « rief er gedämpft hinunter ; ein anderer sagte » Laß mich einmal sehen ! « Doch während sie sich ablösten und die Stube wieder finster war , huschte Judith schnell zu ihrem Bett , nahm die weiße Decke desselben und warf sie über den Stuhl , worauf sie mich leis nach dem Bett hinzog , welches man vom Fenster aus nicht sehen konnte . Als jetzt ein zweiter , noch stärkerer Blitz die Stube ganz klar machte , sagte der Mann , welcher die Augen wie eine Doppelbüchse auf den Stuhl gerichtet hatte » Es ist sie nicht , es ist nur ein weißes Tuch ; das Kaffeegeschirr steht auf dem Tisch , und das Kirchenbuch liegt dabei . Der Himmelteufel ist am Ende frömmer , als man glaubt ! « Judith aber flüsterte mir ins Ohr » Der Schelm hätte dich jetzt ganz gewiß erblickt , wenn wir sitzen geblieben wären ! « Doch die gewaltigen Regengüsse , Blitz und Donner , die nun hereinbrachen , vertrieben den Späher vom Fenster ; wir hörten , wie sie ihre Kutten schüttelten und auseinandersprangen , um im Dorfe ein Unterkommen zu suchen , da sie alle weit von Hause waren . Als wir nichts mehr von ihnen hörten , saßen wir noch eine Weile ganz still auf dem Bette und lauschten auf das Gewitter , welches das Häuschen erzittern machte , so daß ich mein eigenes leises Zittern nicht recht davon unterscheiden konnte . Ich umfaßte Judith , um nur dies beklemmende Zittern zu unterbrechen , und küßte sie auf den Mund ; sie küßte mich wieder , fest und warm ; doch dann löste sie meine Arme von ihrem Hals und sagte » Glück ist Glück , und es gibt nur ein Glück ; aber ich kann dich nicht länger hierbehalten , wenn du mir nicht gestehen willst , daß du und des Schulmeisters Tochter einander gern habt ! Denn nur das Lügen macht alles schlimm ! « Ohne Rückhalt begann ich nun , ihr die ganze Geschichte zu erzählen von Anfang bis zu Ende , alles was je zwischen Anna und mir vorgefallen , und verband die beredte Schilderung ihres Wesens mit derjenigen der Gefühle , die ich für sie empfand . Ich erzählte auch genau die Geschichte des heutigen Tages und klagte der Judith meine Pein in betreff der Sprödigkeit und Scheue , welche immer wieder zwischen uns traten . Nachdem ich lange so erzählt und geklagt , antwortete sie auf meine Klagen nicht , sondern fragte mich » Und was denkst du dir jetzt eigentlich darunter , daß du bei mir bist ? « Ganz verwirrt und beschämt schwieg ich und suchte ein Wort ; dann sagte ich endlich zaghaft » Du hast mich ja mitgenommen ! « - » Ja « , erwiderte sie , » aber wärest du mit jeder anderen hübschen Frau ebenso gegangen , die dich gelockt hätte ? Besinne dich einmal hierauf ! « Ich besann mich in der Tat und sagte dann ganz entschieden » Nein , mit gar keiner ! « - » Also bist du mir auch ein bißchen gut ? « fuhr sie fort . Jetzt geriet ich in die größte Verlegenheit ; denn die Frage zu bejahen , fühlte ich nun deutlich , würde die erste eigentliche Untreue gewesen sein , und doch , indem es mich trieb , ehrlich nachzudenken , konnte ich noch weniger ein Nein hervorbringen . Endlich konnte ich doch nicht anders und sagte » Ja - aber doch nicht so wie der Anna ! « - » Wie denn ? « Ich umschlang sie ungestüm , und indem ich sie streichelte und ihr auf alle Weise schmeichelte , fuhr ich fort » Siehst du ! für die Anna möchte ich alles mögliche ertragen und jedem Winke gehorchen ; ich möchte für sie ein braver und ehrenvoller Mann werden , an welchem alles durch und durch rein und klar ist , daß sie mich durchschauen dürfte wie einen Kristall , nichts tun , ohne ihrer zu gedenken , und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben , auch wenn ich von heute an sie nicht mehr sehen würde ! Dies alles könnte ich für dich nicht tun ! Und doch liebe ich dich von ganzem Herzen , und wenn du zum Beweis dafür verlangtest , ich sollte mir von dir ein Messer in die Brust stoßen lassen , so würde ich in diesem Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig auf deinen Schoß fließen lassen ! « Ich erschrak sogleich über diesen Worten und entdeckte zugleich , daß sie nichts weniger als übertrieben , sondern ganz der Empfindung gemäß waren , die ich von jeher für Judith unbewußt getragen . Mit meinen Liebkosungen plötzlich innehaltend , ließ ich die Hand auf ihrer Wange liegen , und in diesem Augenblicke fühlte ich eine Träne darauf fallen . Zugleich seufzte sie und sagte » Was tue ich mit deinem Blute ! - Oh ! nie hat ein Mann gewünscht , brav , klar und lauter vor mir zu erscheinen , und doch liebe ich die Wahrheit wie mich selbst ! « Betrübt sagte ich » Aber ich könnte doch nicht dein ernsthafter Liebhaber oder gar dein Mann sein ? « - » Oh , das weiß ich wohl und fällt mir auch gar nicht ein ! « erwiderte sie , » ich will dir auch sagen , was du von mir zu denken hast ! Ich habe dich zu mir gelockt , erstens , weil ich wieder einmal ein wenig küssen wollte , was ich auch gleich hernach tun will , du bist mir dazu gerade recht ! Zweitens wollte ich dich als ein hochmütiges Bürschchen ein wenig in die Schule nehmen , und drittens macht es mir Vergnügen , in Ermangelung eines andern , den Mann zu lieben , der noch in dir verborgen ist , wie ich dich schon als Kind gern gesehen habe . « Mit diesen Worten packte sie mich und fing an , mich zu küssen , daß es mir glutheiß wurde und ich nur , um die Glut zu kühlen , ihre feuchten Lippen festhalten und wiederküssen mußte . Als ich Anna geküßt , war es gewesen , als ob mein Mund eine wirkliche Rose berührt hätte ; jetzt aber küßte ich eben einen heißen , leibhaften Mund , und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem Innern eines schönen und starken Weibes strömte in vollen Zügen in mich über . Dieser Unterschied fiel mir so auf , daß mitten im heftigen Küssen Annas Stern aufging , eben als Judith mehr wie für sich flüsterte : » Denkst du nun auch an dein Schätzchen ? « - » Ja « , erwiderte ich , » und ich geh nun ! « und wollte mich losmachen . » So geh ! « sagte sie lächelnd , doch löste sie ihre weichen nackten Arme auf eine so sonderbare Weise auseinander , daß es mir schneidend weh tat , mich frei zu fühlen , und eben wieder im Begriffe war , in dieselben zu sinken , als sie aufsprang , mich noch einmal küßte und dann von sich stieß , indem sie leise sagte » Nun pack dich , es ist jetzt Zeit , daß du heimkommst ! « Beschämt suchte ich meinen Hut und eilte davon , daß sie laut lachte und mir kaum nachkommen konnte , um mir die Haustüre aufzumachen . » Halt « , flüsterte sie , als ich davonlaufen wollte , » geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig ums Dorf herum ! « und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande , obgleich es regnete und stürmte , was vom Himmel heruntermochte . Am Gatter stand sie still und sagte » Hör einmal ! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause , und du bist der erste , den ich seit langer Zeit geküßt ! Ich habe Lust , dir nun erst recht treu zu bleiben , frage mich nicht warum , ich muß etwas probieren für die lange Zeit , und es macht mir Spaß . Dafür verlange ich aber , daß du jedesmal zu mir kommst , wenn du im Dorfe bist , in der Nacht und heimlich ; am Tage und vor den Leuten wollen wir tun , als ob wir uns kaum ansehen möchten . Ich verspreche dir , daß es dich nie gereuen soll . Es wird in der Welt nicht so gehen , wie du es denkst , und vielleicht auch mit Anna nicht ; das alles wirst du schon sehen ; ich sage dir nur , daß du später froh sein sollst , wenn du zu mir gekommen bist ! « - » Nie komme ich wieder ! « rief Ich etwas heftig . - » Bst ! nicht so laut « , sagte sie ; dann sah sie mir ernsthaft in die Augen , daß Ich trotz Sturm und Dunkelheit die ihrigen glänzen sah , und fuhr fort » Wenn du mir Nicht heilig und auf deine Ehre versprichst , daß du wiederkommen willst , so nehm Ich dich sogleich wieder mit , nehme dich zu mir ins Bett , und du mußt bei mir schlafen ! Das schwöre ich bei Gott ! « Es kam mir gar nicht in den Sinn , über diese Drohung zu lachen oder dieselbe zu verachten ; vielmehr versprach ich , so schnell ich konnte , in Judiths Hand , daß Ich wiederkommen wollte , und eilte davon . Ich lief daraufzu , ohne zu wissen wohin ; denn der strömende Regen tat mir wohl ; so war ich bald aus dem Dorfe und auf eine Höhe gekommen , auf welcher ich weiterging . Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter ; Ich machte mir die bittersten Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht , und als ich plötzlich zu meinen Füßen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte , kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dämmerung , da sank ich erschöpft auf den Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus . Es regnete immerfort auf mich nieder , die Windstöße fahren und pfiffen durch die Luft und heulten erbärmlich in den Bäumen , ich weinte dazu , was nur die Augen fassen mochten ; seltsamerweise machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht daran , der Judith irgendeine Schuld beizumessen . Ich fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der Anna verbergen mögen . Ich gelobte aber , nie wieder zur Judith zu gehen und mein Versprechen zu brechen ; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna , die ich in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Füßen jetzt so still schlafend wußte . Endlich raffte Ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter ; der Rauch stieg aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen , Ich sann etwas gefaßter darüber nach , was ich im Hause meines Oheims über mein nächtliches Ausbleiben vorgeben wolle . Ich wollte sagen , ich hätte mich verirrt und sei die ganze Nacht umhergestreift . Dies war seit den kritischen Knabenjahren das erste Mal , wo ich zu einem eigennützigen Zwecke wieder lügen mußte ; mehrere Jahre hindurch hatte ich nicht mehr gewußt , was lügen sei , und diese Entdeckung machte mir vollends zu Mute , als ob ich aus einem schönen Garten hinausgestoßen würde , in welchem ich eine Zeitlang zu Gast gewesen . Dritter Band Erstes Kapitel Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag ; als ich erwachte , wehte noch immer der warme Südwind , und es regnete in einem fort . Ich sah aus dem Fenster und erblickte das Tal auf und nieder , wie Hunderte von Männern am Wasser arbeiteten , um die Wehren und Dämme herzustellen , da in den Bergen aller Schnee schmelzen mußte und eine große Flut zu erwarten war . Das Flüßchen rauschte schon ansehnlich und graugelblich daher ; für unser Haus war gar keine Gefahr , da es an einem sicher abgedämmten Seitenarme lag , der die Mühle trieb ; doch waren alle Mannspersonen fort , um die Wiesen zu schützen , und ich saß mit den Frauensleuten allein zu Tische . Nachher ging ich auch hinaus und sah die Männer ebenso rüstig und entschlossen bei der Arbeit , als sie gestern die Freude angefaßt hatten . Sie hantierten wie die Teufel in Erde , Holz und Steinen , standen bis über die Knie in Schlamm und Wasser , schwangen Äxte und trugen Faschinen und Balken umher , und wenn so acht Mann unter einem schweren Werkstücke einhergingen , hielten die Witzbolde unter ihnen ohne Zeitverlust keinen Einfall zurück ; nur der Unterschied war gegen gestern , daß man keine Tabakspfeifen sah , da dies Volk bei der Arbeit wohl wußte , was guter Ton ist . Ich konnte nicht viel helfen und war den Leuten eher im Wege ; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser hinaufgeschlendert , kehrte ich oben durch das Dorf zurück und sah auf diesem Gange die Tätigkeit auf allen ihren gewohnten Wegen . Wer nicht am Wasser beschäftigt war , der fuhr ins Holz , um die dortige Arbeit noch schnell abzutun , und auf einem Acker sah ich einen Mann so ruhig und aufmerksam pflügen , als ob weder der Nachtag eines Festes noch eine Gefahr im Lande wäre . Ich schämte mich , allein so müßig und zwecklos umherzugehen , und um nur etwas Entschiedendes zu tun , entschloß ich mich , sogleich nach der Stadt zurückzukehren . Zwar hatte ich leider nicht viel zu versäumen , und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in diesem Augenblicke gar keine lockende Zuflucht , ja sie kam mir schal und nichtig vor ; da aber der Nachmittag schon vorgerückt war und ich durch Kot und Regen in die Nacht hinein wandern mußte , so ließ eine asketische Laune mir diesen Gang als eine Wohltat erscheinen , und ich machte mich trotz aller Einreden meiner Verwandten ungesäumt auf den Weg . So stürmisch und mühevoll dieser war , legte ich doch die bedeutende Strecke zurück wie einen sonnigen Gartenpfad ; denn in meinem Innern erwachten alle Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rätsel des Lebens wie mit einer goldenen Kugel , und ich war nicht wenig überrascht , mich unversehens vor dem Stadttore zu befinden . Als ich vor unser Haus kam , merkte ich an den dunklen Fenstern , daß meine Mutter schon schlief ; mit einem heimkehrenden Hausgenossen schlüpfte ich ins Haus und auf meine Kammer , und am Morgen tat meine Mutter die Augen weit auf , als sie mich unerwartet zum Frühstück erscheinen sah . Ich bemerkte sogleich , daß in unserer Stube eine kleine Veränderung vorgegangen war . Ein artiges Lotterbettchen stand an der Wand , welches die Mutter aus Gefälligkeit von einem Bekannten gekauft , der dasselbe nicht mehr unterzubringen wußte ; es war von der größten Einfachheit , leicht und zierlich gebaut und statt des Polsters nur mit weiß und grünem Stroh überflochten und doch ein allerliebstes Möbel . Aber auf demselben lag ein ansehnlicher Stoß Bücher , an die fünfzig Bändchen , alle gleich gebunden , mit roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem Rücken versehen und durch eine starke vielfache Schnur zusammengehalten , wie nur eine Frau oder ein Trödler etwas zusammenbinden kann . Es waren Goethes sämtliche Werke , welche einer meiner Plagegeister hergebracht hatte , um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten . Es war mir zu Mute , als ob der große Schatten selbst über meine Schwelle getreten wäre ; denn so wenige Jahre seit seinem Tode verflossen , so hatte sein Bild in der Vorstellung des jüngsten Geschlechtes bereits etwas Dämonisch-Göttliches angenommen , das , wenn es als eine Gestaltung der entfesselten Phantasie einem im Traume erschien , mit ahnungsvollem Schauer erfüllen konnte . Vor einigen Jahren hatte ein deutscher Schreinergeselle , welcher in unserer Stube etwas zurechthämmerte , dabei von ungefähr gesagt » Der große Goethe ist gestorben « , und dies unbeachtete Wort klang mir immer wieder nach . Der unbekannte Tote schritt fast durch alle Beschäftigungen und Anregungen , und überall zog er angeknüpfte Fäden an sich , deren Enden nur in seiner unsichtbaren Hand verschwanden . Als ob ich jetzt alle diese Fäden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur , welche die Bücher umwand , beisammen hätte , fiel ich über denselben her und begann hastig ihn aufzulösen , und als er endlich aufging , da fielen die goldenen Früchte des achtzigjährigen Lebens auf das schönste auseinander , verbreiteten sich über das Ruhbett und fielen über dessen Rand auf den Boden , daß ich alle Hände voll zu tun hatte , den Reichtum zusammenzuhalten . Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr vom Lotterbettchen und las dreißig Tage lang , indessen es noch einmal strenger Winter und wieder Frühling wurde ; aber der weiße Schnee ging mir wie ein Traum vorüber , den ich unbeachtet von der Seite glänzen sah . Ich griff zuerst nach allem , was sich durch den Druck als dramatisch zeigte , dann las ich alles Gereimte , dann die Romane , dann die Italienische Reise , dann einige künstlerische Monographien , und als sich der Strom hierauf in die prosaischen Gefilde des täglichen Fleißes , der Einzelmühe verlief , ließ ich das Weitere liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die einzelnen Sternbilder in ihren schönen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glänzende Sterne , wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini . So hatte ich noch einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit . Ich war eben mit diesem einmal zu Ende , als der Trödler hereintrat und sich erkundigte , ob ich die Werke behalten wolle , da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt habe . Unter diesen Umständen mußte der Schatz bar bezahlt werden , was weit über meine Kräfte ging ; die Mutter sah wohl , daß er mir etwas Wichtiges war , aber mein dreißigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen , und darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur , band die Bücher zusammen , schwang den Pack auf den Rücken und empfahl sich . Es war , als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Stube verließen , so daß diese auf einmal still und leer schien ; ich sprang auf , sah mich um und würde mich wie in einem Grabe gedünkt haben , wenn nicht die Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Geräusch verursacht hätten . Ich machte mich ins Freie ; die alte Bergstadt , Felsen , Wald , Fluß und See und das formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Märzsonne , und indem meine Blicke alles umfaßten , empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergnügen , das ich früher nicht gekannt . Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und Bestehende , welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet . Diese Liebe steht höher als das künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke , welches zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt ; sie steht auch höher als das Genießen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien , und nur sie allein vermag eine gleichmäßige und dauernde Glut zu geben . Es kam mir nun alles und immer neu , schön und merkwürdig vor , und ich begann , nicht nur die Form , sondern auch den Inhalt , das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen und zu lieben . Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen Bewußtsein herumlief , so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus aus jenen dreißig Tagen , so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse ursprünglich zuzuschreiben sind . Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann ; die Welt ist innerlich ruhig und still , und so muß es auch der Mann sein , der sie verstehen und als ein wirkender Teil von ihr sich widerspiegeln will . Ruhe zieht das Leben an , Unruhe verscheucht es ; Gott hält sich mäuschenstill , darum bewegt sich die Welt um ihn . Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden , daß er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen lassen als ihnen nachjagen soll ; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht , kann denselben nicht so beschreiben wie der , welcher am Wege steht . Dieser ist darum nicht überflüssig oder müßig , und der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen , und wenn er ein rechter Seher ist , so kommt der Augenblick , wo er sich dem Zuge anschließt mit seinem goldenen Spiegel , gleich dem achten Könige im Macbeth , der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen ließ . Auch nicht ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden , gleichwie der Zuschauer eines Festzuges genug Mühe hat , einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten . Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen . Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen . Ich hatte mir , ohne zu wissen wann und wie , angewöhnt , alles , was ich in Leben und Kunst als brauchbar , gut und schön befand , poetisch zu nennen , und selbst die Gegenstände meines erwählten Berufes , Farben wie Formen , nannte ich nicht malerisch , sondern immer poetisch , so gut wie alle menschlichen Ereignisse , welche mich anregend berührten . Dies war nun , wie ich glaube , ganz in der Ordnung , denn es ist das gleiche Gesetz , welches die verschiedenen Dinge poetisch oder der Widerspiegelung ihres Lebens wert macht ; aber in bezug auf manches , was ich bisher poetisch nannte , lernte ich nun , daß das Unbegreifliche und Unmögliche , das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch sind und daß , wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung , hier nur Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen , um etwas Poetisches oder , was gleichbedeutend ist , etwas Lebendiges und Vernünftiges hervorzubringen , mit einem Wort , daß die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf . Dies ist zwar eine alte Geschichte , indem man schon im Aristoteles ersehen kann , daß seine stofflichen Betrachtungen