da ! sagt ' ich aus Spaß und doch betrübt ; mein Schätzel war hübsch , aber reich war sie nicht , Urschel ! Da schwieg sie und meinte blos : Laß den Fritze nicht hereinkommen , Heunisch ! Wir haben nichts mehr für ihn hier zu suchen , es ist Alles fort , Alles fort . Es braucht auch keinen Tischler zu schicken , um nachzufragen , ob wir nicht den Sarg bestellen wollten . Laß ihn aber auch gehen ! Wer auf Geister schießt , trifft sich . Damit war sie wieder vergnügt und ging in die Küche und richtete ein gutes Essen an . Wetter , sagte Dankmar , Das wiederholt noch einmal , Heunisch : Wer auf Geister schießt , trifft sich , sagte sie ? Eine alte Regel , Herr , die älter ist , als ... Der Doctor Lehmann am Rabenstein ! Wer auf Geister schießt , trifft sich ! Das ist so alt , wie der bethlehemitische Kindermord und die Aussetzung Mosis am Wasser und die Inquisition und die Censur . Ja , ja ! lachte Heunisch . Im Walde lernt man sein Bischen schwarze Kunst . Wer auf Geister schießt , trifft sich ! Dankmar überlegte . Er sahe , daß sich Egon ' s Erzählung von der bösen Aufnahme , die er im Forsthause fand , nun zusammenschloß mit Dem , was er hier von Heunisch vernahm . Er wollte aber noch genauer forschen . Ohne ihm Etwas von dem Gefangenen im Thurm zu sagen , kam er auf den Tischler zurück und fragte Heunischen , was die Alte mit dem Tischler gewollt hätte ? Heunisch erzählte ihm dann Alles , was Dankmar , freilich in anderer Auffassung , schon wußte und bemerkte auch ganz richtig , daß Dies ohne Zweifel jener junge schöne Handwerker gewesen wäre , den er hier mit im Gelben Hirsch gesehen hätte . Freilich ! freilich ! sagte Dankmar . Der war ' s. Wußte sie nicht mehr von ihm zu sagen ? Heunisch , seine drängendere Neugier nicht bemerkend , sagte ganz ruhig : Sie hatte genug , als er von sich als einem Tischler sprach . Denn ihre Furcht vorm Tode ist eine Schande . Sie wird auch aus purer Todesfurcht steinalt und überlebt mich zehn mal . Ich hatte meinen Spaß mit ihr und sagte : Urschel , Urschel , der Tischler hat ja nur vorläufig ' s Maß nehmen wollen ! Da schluchzte sie , fiel wieder in eine andere Narrheit und meinte : So groß wie seine Mutter brauch ' ich ' s nicht . So groß wie seine Mutter ? fragte Dankmar erstaunt . Wessen Mutter meinte sie ? Das kann ich nicht sagen , Herr , sprach Heunisch ; man muß auch Nichts drin suchen . Die halb Verrückten und Geisterseher haben ' s immer mit zweierlei Menschen zu thun , mit Kindern und mit Müttern . Bei ihrem gespenstischen Bruder kommt sie immer gleich auf Kinder , die er wol kann hinterlassen haben , und beim Tischler kam sie gleich auf seine Mutter . Der frühere Pfarrer in Plessen - wie hieß er doch - Rudhard , ergänzte Dankmar . Ei sieh , woher wissen Sie Das ? fragte Heunisch erstaunt , Rudhard ... Richtig ! Ganz richtig ! Das war ein anderer als der jetzige , der erst ein Augenzwinkerer war und nun ein Schwätzer ist . Der Rudhard sagte einmal : Im Menschen wäre Alles , was auf eine Mutter und auf ein Kind ginge , ein göttliches Geheimniß . Ich hab ' s deutlich behalten , weil ' s die erste Predigt war , die ich in Plessen hörte , und ich kann Ihnen wol im Vertrauen sagen , die letzte seit meiner Confirmationszeit . Der Mann sagte auch : Daß ein Kind Kind sein könne und eine Mutter Mutter sein könne , Das wäre so schwer zu begreifen , wie Gottes Wesen selbst und drum haben ' s auch , wie ich an der Urschel sehe , die Hexen und die Teufel immer mit Kindern und mit Müttern . Das muß wol der Eingang in die Hölle sein . Oder der in den Himmel , Heunisch ! sagte Dankmar und schüttelte ihm nun wie zum Abschied die Hand . Ja , ja ! In den Himmel ! setzte er hinzu . Haltet noch eine Weile unter diesen Menschen aus , die Eurer nicht würdig sind , bis die Fränz kommt , die besser , tugendhafter sein wird , als sie der Hallunk , von dem Ihr mir leider zu wenig erzählt habt , Euch darstellte . Heunisch hielt Dankmarn und sah ihn treuherzig mit seinen männlichen Zügen ohne Falsch und einem guten sorglosen Auge an . Nicht wahr ? Das meinen Sie auch ? sagte er bewegt ; und nun , bester Herr , wir sind uns immer so angenehm begegnet ; wenn ich einmal in die große Stadt dahinunter komme und Sie mir erlauben wollen , wieder mit Ihnen ein Bischen zu plaudern ... Er zögerte , sein Anliegen auszusprechen . Offenbar wollt ' er Dankmar ' s Namen wissen und Dieser , nach der ihm einwohnenden offenen Weise , unbekümmert über die möglichen Folgen , hielt es für seine Pflicht , dem Ehrlichen gegenüber ehrlich zu sein und sagte : Ich heiße Dankmar Wildungen , bin ein Referendar beim Gericht . Wenn Sie den Namen behalten , finden Sie mich wol auf oder fragen Sie nur bei dem Gericht . Dankmar ... Dankmar Wildungen ! wiederholte Heunisch langsam und nachdenkend , als wollt ' er sich den Namen des ihm so liebgewordenen jungen Mannes recht einprägen . Dabei hielt er aber noch immer Dankmar ' s Hand fest .... Und als dieser die Wagen vorfahren hörte und sich ihm nun langsam entziehen wollte , brach Heunisch gerade mit Etwas hervor , was er noch auf dem Herzen gehabt hatte und was auch vielleicht die Ursache seiner großen Offenherzigkeit gewesen war .... Und wenn nun , sagte er fast schlau lächelnd , wenn nun die Zeck ' s nächsten Sonntag bei mir zu Hirsebrei in Milch und einem Rehbock oder was sonst die Urschel und meine Flinte bescheren wird , kommen und Rath schlagen , wo sie mit den vierhundert Friedrichsdoren - denn so viel sind ' s - hin sollen und Heunisch auch ein Wort mitsprechen möchte : Was rathen Sie mir da wol ? Wo legt man nun solch Geld jetzt am besten an ? Aha ! dachte Dankmar bei sich . Nun kommt der Schlüssel zu all den offenbarten Geheimnissen ... Wie schlau ist mein Waldsohn ! Nur nicht in Staatspapieren ! war seine rasche Antwort . Sagte mit heute der Amerikaner auch , meinte Heunisch . Der Amerikaner ? Heute ? Haben Sie ihn denn wiedergesehen ? Vor einer Stunde ! Er muß des Weges kommen . Hierher ? Dankmar war ergriffen von Freude und fast mußte er sich sagen , von Schreck . Dieser Fremde und sein holder Sohn hatten sich ihm eingeprägt wie eine Mahnung immer nur an sein edelstes Selbst . Sie waren sein Gewissen geworden . Und so erschrak er fast über die Möglichkeit , daß dieser Fremde , mit dem schlichten Namen Ackermann , plötzlich von den Abenteuern Einsicht bekommen könnte , in die er sich hier verwickelt hatte ... Der Jäger erzählte ihm , daß er auf seinem kürzern Wege , den er von Plessen eingeschlagen hätte , Ackermann mit seinem Sohne begegnet wäre und wenn ihm Recht wäre , sähe er sie dort - damit zeigte er auf einen Weg , der sich hinter dem Gasthause heraufzog - in dem kleinen Wägelchen schon herkommen - Dankmar blickte hinüber . Ackermann und Selmar saßen in einem leichten Wagen und grüßten ihn schon von ferne ... Da aber stand auch schon Lasally mit dem Rosse neben ihm , das er besteigen sollte . Die ganze Gesellschaft drängte , die Wagen fuhren durcheinander , die Pferde stampften , die Bedienten riefen , Heunisch trat zurück und lüftete die Mütze und Dankmar , der nicht mehr wußte , wohin er hören und was Alles sehen sollte , verlor fast die Besinnung ... Euer Geschäft , sagte er zu Heunisch , indem er fast mechanisch auf sein Roß stieg , also Euer Geschäft , bester Freund ... Ich will Euch sagen , rief er ganz laut , kommt in die Residenz und fragt beim Prinzen Egon , Euerm Herrn . Oder schreibt ! Bei uns sollt Ihr die beste Auskunft finden ! Ich bin für Grundbesitz oder Industrie und Das hättet Ihr ja in Plessen oder bei Hohenberg gleich in der Nähe , um immer Euer Auge in die Benutzung des Geldes einsehen zu lassen . Wer weiß , was man jetzt in Hohenberg nicht Alles für Mittel brauchen kann . Euer Herr gibt Euch die besten Hypotheken ! Also kommt nur zu mir ! Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon ! Oder es macht sich Alles schriftlich , wie Ihr wollt ! Damit saß Dankmar im Sattel . Heunisch trat dankend und fast erschrocken , daß man so laut von dem Gelde gesprochen , zurück . Einige Wagen fuhren ab . Dankmar ' s Gaul folgte mechanisch dem stattlichern Renner Lasally ' s. Dankmar wandte sich um . Selmar grüßte noch immer und Ackermann nickte freundlich . Zur Erwiderung zog er sein Taschentuch und schwenkte es in der Luft hin und her , zog auch seinen Hut und ließ die winkende Hand Das sagen , was sein Mund in die weite Entfernung nicht mehr hinübertragen konnte . Nun ließ er dem Pferd die Zügel schießen und sprengte der übrigen Gesellschaft nach , die an ihm schon vorüberfuhr . Zwölftes Capitel Melanie-Späße Als sich Dankmar auf seinem Rosse gesammelt hatte , sah er sich nach Melanie um . Er entdeckte sie nicht . Neben ihm fuhr Herr und Frau von Reichmeyer . Er erkundigte sich nach Melanie . Das reiche Ehepaar stand im Wagen auf , um rückwärts zu sehen , und zeigte ihm den Wagen der Justizräthin , der noch fern am Gelben Hirsch hielt . Er sah das leere Pferd , das Melanie geritten hatte , von einem der Jockeys geführt , ihm längst voraus . Es schien also wol , daß sie fahren wollte . Endlich entdeckte er sie , wie sie in den Wagen stieg mit veränderter Toilette . Sie hatte sich aus einer Amazone in eine Dame der neuesten Mode verwandelt und trug einen weißen Seidenhut , ein weißes Kleid und einen leichten rothen Krepp de Chine-Shawl . In dem Augenblick fuhr sie ab , wo Ackermann und Selmar anlangten . Kommen Sie denn endlich zur Besinnung ? rief sie Dankmarn entgegen , als der Wagen schnell ihm nachflog und der Staub sich so verzogen hatte , daß man im langsamern Fahren sprechen konnte . Dankmar bat um Entschuldigung über sein langes Gespräch mit dem braven Waidmanne , den er auf dieser Reise sehr liebgewonnen hätte . Er fügte hinzu , er könne die Zerstreuung um so weniger bereuen , als sie ihm jetzt die volle Überraschung ihrer plötzlichen Metamorphose gewähre .... Sie sollten sich zu uns setzen , sagte Melanie mit Vertraulichkeit . Bartusch rückt und ist überhaupt der bequemste Reisegesellschafter von der Welt , ein Reisenecessaire in Taschenformat .... Sie zeigte dabei auch auf die Geldbörse , die der kleine schlaulächelnde Mann in der Hand hielt , während er die Ausgaben im Hirsch verrechnete . Prinz ! Hier ist Platz ! rief Bartusch , ganz in seine Rechnung verloren . Wie Dankmar die Worte hörte und Melanie ihn über sie fixirte , übergoß es ihn purpurroth und wie mit einem Seitensprunge das Pferd vom Wagenschlage ablenkend jagte er , seine Verlegenheit zu verbergen , Lasally nach . Hast du bemerkt , wie er erröthete ? sagte Melanie zur Mutter . Diese wandte sich , noch ganz erschrocken über Bartusch ' s Auffoderung zu diesem hinüber und fragte : War Das mit Absicht , Bartusch ? Nein , sagte Bartusch , die Augenbrauen in die Höhe ziehend , es kam mir zufällig ... Seither war ich im Zweifel , sagte die Mutter , und kann mir nicht denken , daß sich ein junger Mann , der uns so wenig Ursache hat befreundet zu sein , uns dermaßen vertrauensvoll anschließt . Melanie ist freilich sehr unvorsichtig ... Mutter ! sagte Diese und legte , da Hannchen Schlurck recht zürnend ausschaute , den Arm um ihre Schulter , um sie zu beschwichtigen ... Mutter , zanke mich nur aus ! Ich werde dir nie rathen , sagte die Mutter , daß du Lasally erhörst , aber ich bewundere die Geduld dieses treuen Menschen . Er hatte sicher gehofft , in der Einsamkeit des hohenberger Aufenthaltes würden seine Wünsche dir nicht misfallen und nun muß er erleben , daß du von dort mit einer doch im Grunde sinnlosen Leidenschaft zurückkehrst , die dich heute noch närrisch macht .... Du meinst doch meine Excellenz ? fragte Melanie mit Schalkhaftigkeit . O geh mit dieser Posse ! sagte die Mutter , fast verstimmt . Immer freu ' ich mich , daß deine Späße ihre Lacher finden , heute aber wundere ich mich darüber . Mutter , sagte Melanie , du wirst bitter ! Du willst meine Erfolge stören ? Das ist ... fast hätt ' ich das vierte Gebot verletzt . Frau Justizräthin ist trüben Humors , meinte Bartusch und spielte boshaft genug auf den Eindruck an , den der sonst so heitern und duldsamen Frau die Enthüllung einer sonderbaren nächtlichen Wanderung ihres Gemahls gemacht hatte , als Bartusch von dem gefundenen Schrein erzählte . Ein ernster Blick der nachdenklichen Frau verbot ihm weitere Erörterungen .... Die lästige Pause , die eintrat , unterbrach Melanie mit Wiederholung der Worte , die sie von Dankmar am Gelben Hirsch gehört hatte : » Also kommt nur zu mir und Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon ! « Es ist deutlich genug ! sagte Bartusch . Und der Jäger , meinte die Mutter . Schien er nicht ganz erschüttert , da wir ihm die Muthmaßung mittheilten ? War es nicht , als wollte er sagen : Nun gingen ihm ja plötzlich die Augen auf und er erkenne , mit wem er sich so oft und so gut unterhalten hätte ? Ich habe , sagte Melanie ernster gestimmt , ich habe diesem Fremden , ob es nun der Prinz oder nicht der Prinz ist , einen Dienst zu leisten versprochen , dessen Ausführung mir viel Überwindung kostet . Ich leugne nicht , daß er sogleich mein Herz gewann und zum Zeichen , daß ich beim Anblick dieses liebenswürdigen Mannes mehr empfinde , als ich bisher für irgend Jemand in der Welt empfunden habe , wollen wir morgen in aller Frühe , gegen sein Wissen , vom Heidekrug weiter reisen , damit wir ... doch wol nicht zu weit gehen . Hab ' ich dem Drange genug gethan , ihm mich so weit zu widmen , als ich sehe , daß er Liebe , Hingebung und die Aufopferung eines treuen Herzens nöthig hat , so hört mein Spiel auf und es ist dann an ihm , zu zeigen , was er für soviel Freundschaft mir Ernstes erwidern will ... Kind , rief die Mutter , denkst du so hoch ? Ich denke gar nicht , liebe Mutter , sagte Melanie ruhig . Denn wenn ich dächte , würde Das , was ich heute noch Alles ausführen soll , kaum möglich werden . Ich fühle nur . Nur ein Instinct , ein wunderbarer Reiz ist es , der mich seit dem Augenblicke leitet , daß ich diesen Fremden sah - Nein , verbesserte die Mutter , seit der Vater schrieb , der Prinz wäre im Incognito am Fuße des Schlosses , und wir annahmen , die von ihm gegebene Beschreibung passe auf jenen Fremden , der uns vielleicht Alle täuscht - Er täuscht uns nicht , sagte Melanie , er nennt sich Dankmar Wildungen . Ist es der Prinz nicht ... so werden wir ihn um so leichter vergessen können . Ich dagegen hoffe , sagte die Mutter , daß es wirklich der Bruder des blonden Malers ist , den du bei uns eingeführt hast . Denn ein Roman mit einem Manne , der zu hoch steht , als daß er dich heirathen könnte , wäre bei den mancherlei Sorgen , die so schon unsere Brust drücken , vollends eine Qual .... Denke nicht an die Zukunft , Mama ! sagte Melanie . Das Nächste ist , daß ich bitte , mich auf dem Heidekrug rumoren zu lassen , wie ich will . Morgen früh mit Sonnenaufgang bin ich vielleicht vor Euch Allen schon auf dem Wege nach Hause und spreche den Fremden nicht mehr ... vielleicht nie mehr . Was hast du denn nur vor ? fragte die Mutter , die jetzt erst die Andeutungen eines Planes verstand , mit gesteigerter Besorgniß . Einer Antwort ward Melanie dadurch überhoben , daß Dankmar und Lasally jetzt dicht bei den Schlägen des Wagens ritten , Einer rechts , der Andere links . Melanie knüpfte rasch ein unverfängliches Gespräch an und verlangte zu wissen , was Das für Fremde wären , denen Dankmar so freudig zugewinkt hätte ? Der Befragte theilte so viel von Beiden mit , als sie interessiren konnte , ohne Dinge zu erwähnen , die vielleicht unbekannt bleiben sollten . Der Knabe , sagte Melanie nach einigem Nachdenken und stockte ... Nicht wahr ? Ein liebes Kind ? fiel Dankmar ein . Ja , ja , der Knabe schien mir ein verkleidetes Mädchen ... sagte Melanie . Melanie ! rief Dankmar sich vergessend und begriff nicht , wie ihn diese Äußerung so erregen , so in allen Adern durchbeben konnte . Sie erschrecken ? Was ? Eine neue Rivalin ? Eine Rivalin der Gräfin d ' Azimont wollt ' ich sagen . Kommt das Alles von Paris ? Dankmar mußte lächeln , weil ihm die Misverständnisse des gestrigen Abends einfielen . Doch wünschte er sie abzubrechen und sagte : Wer die Gräfin d ' Azimont ist , wissen wir ; lieber möcht ' ich Herrn Lasally veranlassen uns zu erzählen , welches die schönsten und gewandtesten Amazonen der Residenz sind .... Man blickte zu Lasally hinüber , der nachdenklich schien . Hören Sie denn nicht , Lasally , sagte Melanie , wer reitet von den Damen besser als Melanie mit dem abscheulichen Namen Schlurck ? Die Frau Major von Werdeck reitet besser ! sagte Dieser kurz und bestimmt . Man lachte über seine Offenheit . Sie sind kurz angebunden ! Wie können Sie eine Polin mit mir vergleichen ... eine wilde Demokratin ! Demokratin ? fragte Dankmar . Eine Sarmatin , die auf einem Pferde zur Welt gekommen scheint ... sagte Lasally , um sich zu entschuldigen . Stille ! Stille ! Es wird immer besser ! rief Melanie und wollte von der Frau Major von Werdeck nichts mehr wissen . Auch die Damen von Wachendorf , die Baronin Spitz und Frau von Landskrona sind in der Zügelführung anzuerkennen , sagte Lasally . Die Erwähnung so vieler Damen führte auf die Chronik der großen Welt . Man zeigte sich über alle hervorragenden Persönlichkeiten derselben ziemlich unterrichtet . Dankmar hörte Namen , die er mit Siegbert in Verbindung wußte , andere , die ihm ganz fremd waren . Er hörte , da sich auch Reichmeyer ' s in diese Erörterungen mischten , kaum zu und verlor sich in Erinnerungen an Egon und die so schnell gewonnene Freundschaft jenes Gefangenen im Thurm , der nur der junge Fürst sein konnte . Als er von seinen Grübeleien erwachte und man noch von den Damen der Residenz sprach , benutzte er die Gelegenheit , sich über Egon ' s Vorsicht in Betreff der Harder ' schen Familie zu unterrichten und fragte : Wir haben Herrn von Harder kennen gelernt . Nicht wahr ? Es gibt mehre Damen von Harder ... was weiß man von ihnen ? Melanie begann sogleich : Mit den Harder ' s bitt ' ich vorsichtig umzugehen . Jede Äußerung , die einen Verwandten meiner Excellenz betrifft und für seinen geliebten Namen ungünstig ausfiele , könnte mein Herz verwunden ... Melanie ! rief die Mutter ... Laßt mich , sagte sie . Spottet nicht ! Sie am wenigsten , Lasally ! Ich habe euch eitle und schwankende Männer lange studirt und mir wol die Fähigkeiten erworben , das Echte vom Unechten zu unterscheiden . Meine Excellenz gehört zu den Bessern ihres Geschlechtes . Ich will nicht in Abrede stellen , daß auch Harder von Harderstein Schwächen besitzt , allein wenn er nun auch eitel wäre , darf er es nicht sein ? Hat er nicht die kleinsten Ohren , die ich je am Kopfe eines Mannes erblickt habe ? Ist er nicht schlank gewachsen wie eine Pappel und hält er sich nicht ganz so gerade , wie es seiner Stellung am Hofe angemessen ist ? Nein , nein , ihr Männer wißt nicht , worin eigentlich der Zauber liegt , den gewisse Blüten eures Geschlechtes auf uns ausüben . Scheltet mir meinen Geheimenrath nicht ! Nach der Heiterkeit , die diese muthwilligen Scherzreden hervorbrachten , bemerkte die Mutter , ohne Zweifel hätte die Frage ihres Herrn Begleiters den Damen gegolten , die den Namen von Harder führten . Von Pauline von Harder , sagte Melanie , red ' ich nicht . Ich hasse sie . Sie ist die Gemahlin meines Ideals . Aber Anna von Harder kenn ' ich . Dieser Dame verdanke ich mehr , als man für glaublich halten möchte . Ihr Schwager , der Intendant , lehrte mich fühlen , sie selbst , Anna von Harder , lehrte mich Etwas , was man mir ebenfalls allgemein absprechen will , nämlich ... rathen Sie ? Die Mutter sagte lachend : Singen , mein Kind ! Das ist wirklich das Unmöglichste , was Sie zu leisten gelernt haben , Melanie ! fiel Lasally spottend ein . Sollte Ihnen , mein Herr , wandte sich Melanie zu Dankmar , diese boshafte Äußerung Lasally ' s unverständlich sein , so müssen Sie nämlich wissen , daß ich , wie man allgemein behauptet , keine Stimme habe . Ich spiele Klavier , Harfe und Guitarre . Aber dennoch fand ich immer , daß wirklich zur Musik nur Mittelmäßigkeiten Talent haben , was ich Ihnen durch Lasally ' s Beispiel beweisen könnte , der ein ganz vorzüglicher Bläser auf dem Cornet à piston , dem Postillonshorne ist . Ich selbst strebte immer nach dem Ruhme , in meiner Art das Beste zu leisten und da mir eine gewöhnliche mittelmäßige Fähigkeit im Singen nicht genügt , so zog ich es vor , zum Davonlaufen schlecht zu singen . Das hinderte aber doch nicht , daß ich einige Zeitlang die Akademieen der guten Anna von Harder auf Tempelheide unterstützt habe . Bis sie dich ersuchte , fiel die Mutter lachend ein , lieber deine andern Talente zu pflegen , als die zweifelhafte Gabe des Gesanges , wie sie dir einmal selbst schrieb . Mit Gänsefüßen ! Zweifelhaft mit Gänsefüßen , liebe Mutter ! rief Melanie . Die zweifelhafte Gabe des Gesanges waren meine eigenen Worte , mit denen ich mich von Frau von Trompetta und der neuen Jungfrau von Orleans , der Flottwitz , bei ihr einführen ließ . Die falschen Noten , die ich sang , waren nicht Schuld , daß ich wegblieb , eher noch die vielen heiligen und langweiligen Sachen , die wir aufführten ... Heilige , langweilige Sachen ? fragte Dankmar , der das Gespräch von den Nachforschungen über seine Person und dem Drucke des zunehmenden Misverständnisses ablenken wollte . Melanie erklärte ihre Äußerung . Sie wissen vielleicht nicht , sagte sie , daß Anna von Harder während des Winters in der Stadt und im Sommer auf dem Gute des alten Obertribunalpräsidenten in Tempelheide von jungen Dilettanten und Dilettantinnen geistliche Musiken aufführen läßt ? Sie ist nicht fromm , Anna von Harder , aber sie liebt alles Das , was zur Frömmigkeit gehört . Diese Akademieen ... Bitte ! bitte ! unterbrach Dankmar die Mittheilung des schönen neckenden Mädchens , das sich , wie wir hören , auch nöthigenfalls selbst persifliren konnte . Sie sagen da ein Wort , das wiederholt zu werden verdient . Nicht selbst fromm sein , aber Alles lieben , was zur Frömmigkeit gehört ? Ich weiß es kaum anders auszudrücken ... Sie bezeichnen damit eine Geistesrichtung , die ziemlich allgemein verbreitet ist und mir sehr gefährlich erscheint ... Es ist die der Schwanenjungfrauen und Diakonissen , sagte Melanie . Allein spotten wir nicht ! Anna von Harder ist keine Mäuseburg , keine Trompetta ... Sie hat in ihrer Jugend die tiefsten Herzensprüfungen bestanden ... ergänzte die Mutter . Und weiß noch jetzt , was ein Herz ist ! fiel Melanie ein , sich vielleicht irgend einer vergangenen Scene mit ihr entsinnend . Aber die Musiken in Tempelheide sind darum doch lächerlich ! meinte Lasally . Wer sagt Das ? fragte Melanie . Hauptmann Thielo sagt ' s , Rittmeister Konnewitz ... fragen Sie , wen Sie wollen . Diese competenten Richter ! Sie sind komisch , diese Musiken , aber Thielo und Konnewitz sind die ernsthaften Menschen nicht , die sie komisch finden dürfen . Fräulein , Sie überbieten sich in geistreichen Aperçus , fiel Dankmar ein . Sie sagten eben wieder ein Wort , das ich bewundere . Es kann Etwas lächerlich sein , aber nicht Jeder hat das Recht , es lächerlich zu finden . Wie erscheinen denn Ihnen diese Musiken ? Im Grunde , sagte Melanie mit den Augen blinzelnd und schelmisch , im Grunde ganz ebenso wie dem Thielo und Konnewitz ... aber ... Man wollte dies » Aber « nicht hören . Man wollte wissen , warum Melanie diese Musiken komisch fände . Nun ... Denken Sie sich nur die ewige alte classische Musik , sagte sie . Nie etwas Weltliches ! Ewig und ewig : Heil dir Israel ! und Jauchze , Juda ! und so Alles durch , was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt haben . Mit Trompeten und Pauken in großen Kirchenräumen macht sich Das prächtig , aber so mit dünnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen , ganz labyrinthisch verwickelten Fugen von zimperlichen Chören gesungen - ich gebe Ihnen mein Wort , man wird vom Zählen allein schon confus , wie sehr erst von dem Durcheinander , wo der Eine Juda ! der Andere Israel ! der Dritte Jerusalem ! jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und summt ... Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand gefallen , aber die Andern stürmten fort wie die Makkabäer , und die gute Anna , die das Ganze am Klavier dirigirte , verlor fast die Besinnung , bis wir zuletzt am Finale ankamen und wie ankamen ! Der Eine um acht Takte zu früh , der Andere um zwölf zu spät . Kurz es sind geistliche Charivaris ... Die aber doch sehr belustigend gewesen sein müssen , sagte Dankmar , über diese Schilderung lachend ; warum haben Sie sie aufgegeben ? Ja ! Sie waren drollig , fuhr Melanie fort . Denken Sie sich nur , wenn Sie sie kennen , die dicke kleine Trompetta ; denken Sie sich diese Frau mit glühender Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in höhern Sphären und ihre blonden Tirebouchons wie eine Löwin vom Stamme Juda schüttelnd , als wollte sie die Demokratie radical zu Grunde singen ... Die Herren sind theils junge Assessoren , theils Lieutenants , drei Brüder der Flottwitz allein schon , und der Vierte , der noch in der Cadettenschule ist , würde sich auch schon angeschlossen haben , aber seine Stimme setzt sich eben ... Melanie lachte ausgelassen . Ich habe von diesen Akademieen gehört , besann sich Dankmar . Der alte Präsident soll sie sehr lieben ... Dankmarn wurde nämlich erinnerlich , daß sich Einige seiner juristischen Collegen der besondern Protection dieses ehrwürdigen Greises erfreuten , weil sie gute Stimmen hatten ... Gewiß liebt er diese Concerte , aber nicht der Musik wegen ! sagte Melanie . Weswegen denn ? Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund , warum ich ausgetreten bin . Ich fühlte nämlich allerdings , daß ich weltliches Kind den anwesenden Damen nicht begeistert genug für diese Art von Musik vorkam . Ich singe herzlich schlecht , aber Das weiß ich , ich zähle gut . Und eigentlich ist Das bei diesen Motetten und Oratorien die Hauptsache . Die Flottwitz gerieth nun beim Zählen immer ins Schwanken . Sie zerstreute sich , wenn 38 oder 49 über einem Pausenzeichen stand und wir blos von Anna von Harder ' s Blick abhängig waren , um uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden . Die Flottwitz sah nämlich bei einer solchen großen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Brüder und verlor sich in Betrachtungen über die Zahlen der Regimenter , die auf den Knöpfen derselben zu lesen stehen . Wahrhaftig , sie war weit mehr beim 38sten und 49sten Linien-Infanterieregiment , als bei dem Chor der Pharisäer und Schriftgelehrten , den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Mädchen vom Stamme Benjamin oder Ruben ablösen mußten . Nein , nein , zählen konnt ' ich wirklich ganz allein , und Takt glaub ' ich immer zu haben . Aufrichtig , ich sehnte mich nach frischerer , lebendigerer Musik , so gering ich sie auch unterstützen konnte . Als ich einmal die » Jahreszeiten « zu singen vorschlug , kam ich gar übel an . Man erklärte die » Jahreszeiten « , besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses , der sich um die sanfte , treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie tyrannisirte , für eine im Grunde frivole Musik , die